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Sonntag, 19. Dezember 2010

Have yourself a merry little christmas

Seasons Greetings to my lovely friendslist.
WikiLeaks

Im letzten Jahr hab ich tatsächlich keine einzige Fanfiction geschrieben. (Wenigstens kann ich mich nicht daran erinnern.) Und ich weiß nicht einmal, wie man einen traurigen Smiley herstellt, sonst würde ich ihn hier einsetzen. So kann ich nur vermuten: :(, :)
Aber ein paar originale Fictions sind dazugekommen, meistens extrem deprimierend. Daher die neue Weihnachtsliste:

Weihnachten im Camp
Original Slash
Weihnachten - Bann
Fremd
Weihnachtselfen
Original Femslash
Krieger
Sommer
Sylvester







Eine Petrelli-Weihnacht
Heroes, comedy
Unvermeidlich
24, comedy
Ein Numb3rs Weihnachtsfest
Numb3rs, comedy
Weihnachten in San Francisco
Crossover, comedy
Mourning
Crossover Slash Drabble, Heroes/24, english, Peter Petrelli/Jack Bauer

Damals
Heroes, drama
Allein
24, drama
Xmas
24, english, gen
A Jack/Chase Christmas
24, english, slash, smut
Willi Wonka's - Before Christmas
Crossover,english, slash, sylum

Weihnachten in Stars Hollow
Gilmore girls, drama
Photobucket

Noch etwas Schmuddeliges?
gratis e-books



Fast vergessen - mein Weihnachtsbuch:
Leseprobe aus 'Kimberleys Weihnacht - Schlimmer geht's immer'!
Erschienen 2010, Aavaa Verlag
Alle Rechte vorbehalten.

Photobucket

Erna schubste inzwischen Armin vorwärts. „Wir gehen“, verkündete sie. „Diese Umgebung kann und will ich unschuldigen Gemütern nicht länger zumuten. Emil, kommst du?“
„Also ich …“ Emil tauschte mit Tessa einen Blick. Das gab es doch gar nicht. War die Welt denn jetzt voller Paare? Und ich der einzige Single in meinem eigenen Haus?
Ich fing einen Blick Samiras auf. Sicher, sie teilte mein Schicksal. Aber im Gegensatz zu mir, war sie noch jung. Ich kippte den Inhalt des Glases, das ich noch in meiner Hand hielt, meine Kehle hinunter.
„Ich denke, wir bleiben noch ein wenig“, meinte Emil dann. „Ist doch so nette Gesellschaft hier.“ Tessa lächelte. Doch als Erna Armin nun auf ihren Bruder zu dirigierte, offenkundig in der Hoffnung, dass ein Mann ihm Verstand einprügeln konnte, sprang sie auf und nahm mich am Arm. „Wieso hast du mir nie verraten, was für einen hinreißenden Bruder du hast?“
„Emil?“ Ich brauchte unbedingt noch einen Drink.
„Natürlich Emil, er ist entzückend.“
„Er ist ein Zwangsneurotiker. Putzt den ganzen Tag. Deshalb hat seine Frau es nicht mehr ausgehalten.“
Tessa schnalzte mit der Zunge. „Du redest wirr. Er putzt, kocht, räumt auf, hat einen Job und ist zuverlässig. Zieht alleine ein Kind auf, um Himmels willen. Er ist ein Traummann.“
„Emil?“ Eindeutig brauchte ich einen Drink. „Das willst du mir nicht wirklich antun.“
„Ach du, Witzbold.“ Sie knuffte mich in die Seite. „Ich bin so froh, dass du mich heute eingeladen hast. Deine Familie ist Gold wert.“
Ich sah auf Erna. „Da wäre ich mir nicht so sicher.“
„Ach komm“, meinte Tessa. „Sieh sie dir doch an.“ Ich warf einen Blick auf Clarissa, die gerade ihren Kopf zur Seite neigte und ihrem Neffen Tamino durch sein Haar fuhr. Es störte sie keineswegs, dass er gerade dabei war, dem Lebkuchenmann seine Puderzuckerknöpfe abzureißen, die sie vermutlich in sorgfältiger Kleinarbeit hergestellt hatte. Mich störte allerdings der Anblick der roten Flecken an ihrem Hals, die sichtbar wurden, als ihr Tuch verrutschte. Zuerst dachte ich an Knutschflecken und unterdrückte einen Würgereiz. Doch dann fiel mir auf, dass die Male erheblich kleiner und auch dunkler aussahen, punktförmig, fast wie Bisswunden.
Ich packte Tessa am Arm. „Jacques“, keuchte ich und fühlte mich ein wenig bestätigt, als Tessa tatsächlich erstarrte. „Was ist mit dem Jungen?“, fragte sie vorsichtig. „Hast du nicht Angst …“
„Ich wollte es dir sagen“, unterbrach Tessa mich rasch. „Nur fand ich nicht den richtigen Zeitpunkt. Du warst so beschäftigt. Und dann überschlug sich alles.“
„Ich meine Clarissa …“
Plötzlich und ohne dass ich mehr gesagt hatte, richteten sich kühle Augen auf mich. Die Valizianer verfügten über ein erstaunlich gutes Gehör.
Ich senkte meine Stimme. „Es sieht fast aus, als sei sie gebissen worden. In den Hals.“
„Und du denkst … nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nicht nachdem ich mich mit dem Gedanken angefreundet habe …“ Sie unterbrach sich und stürzte zur Tür. „Tanja! Du kommst sofort rein.“
„Aber Mama, was ist denn?“ Tanja kraulte Jacques im Nacken und kam widerstrebend näher. Tessa stemmte die Hände in die Seiten, starrte den Wolf an, der seinerseits einen Hundeblick auf sie richtete. Fast tat er mir leid. „Wir haben uns gerade erst ausgesprochen“, schmollte Tanja weiter. „Du weißt doch, wie unglücklich ich war. Aber jetzt ist alles geklärt.“
Tessa starrte den Wolf ärgerlich an, der sich tiefer duckte und leicht zurückwich.
„Jacques.“ Der Wolf winselte.
„Hast du jemanden gebissen? Jemanden aus diesem Haus, dieser Familie?“
„Aber Mama, wie kannst du nur? Das hatten wir doch alles.“
„Würde ich nie tun“, sagte Jacques zu meinem Erstaunen. Er war schwierig zu verstehen, die Zähne behinderten ihn ein wenig.
„Ich weiß nichts über die Glaubwürdigkeit von Wölfen“, schimpfte Tessa. „Vielleicht war es auch einer von seinen Freunden. Ich sehe keine anderen bissigen Wesen hier.“
„Wir sind nicht bissig“, brummelte Jacques.
Im Hintergrund räusperte sich jemand. „Da haben die Vierbeiner Recht.“
„Wie bitte?“ Tessa fuhr herum und stand plötzlich vor Arminius. Der hatte sich so schnell vor ihr aufgebaut, dass auch ich sein Nahen nicht bemerkt hatte.
„Kommen Sie doch lieber herein. Sie alle.“ Er nickte in Richtung der Wölfe. Die sahen sich an, zogen ihre Schwänze ein und kamen ins Haus, noch bevor ich wiedersprechen konnte. Eigentlich war ich auch nicht mehr zum Widerspruch fähig. Wölfe im Haus? Warum auch nicht? Und wenn sie schon zugaben, nicht bissig zu sein, dann konnte doch wirklich nichts geschehen. Außerdem schneite es inzwischen in dicken Flocken. Da jagte man keinen Hund vor die Tür. Oder Wolf.
Es war ein bisschen eng im Wohnzimmer, dennoch passten wir alle hinein. Ich ignorierte Ernas entsetzten Aufschrei beim Anblick der Wölfe, die sich vermutlich mehr erschreckten als sie und hinter dem Sofa zusammenkauerten.
„Sie können sich nicht zurückverwandeln“, warf Tanja Erna vor. „Egal wie sehr sie sich aufregen. Erst wenn die Sonne aufgeht, nehmen sie wieder ihre normale Gestalt an.“
„Armin!“
„Ist schon gut, Liebling.“ Armin, sichtlich ausgebrannt, murmelte nur noch leere Phrasen.
Arminius hingegen hatte wieder das Strahlen aufgesetzt, das mich bereits am Vortag genervt hatte. „Erst einmal meinen Dank für dieses wunderbare Fest.“ Er deutete eine Verbeugung in meine Richtung an. „Dass wir nun zu dieser Familie gehören, erfüllt uns mit Glück und Stolz.“
Erna starrte auf die Wölfe. Die ihrerseits starrten sie an. „Ich will nach Hause.“
„Aber sicher, meine Gnädigste.“ Nun verbeugte Arminius sich in ihre Richtung. „Und es wäre mir eine Freude, wenn wir Sie nach Hause bringen dürften.“
„Wir sind mit dem Auto da“, flüsterte Erna erschrocken. „Und wir haben Schneeketten“, bemerkte Armin.
„Aber natürlich“, nickte Arminius und reichte unvermutet Armin seine Hand. Dessen Mund klappte auf, dennoch gab er einen kräftigen Händedruck zurück.
„Sie sind betrunken und draußen ist es glatt“, sagte Arminius. „Wir werden Sie heimbringen. Ihr Bruder und unsere Tochter sind verlobt. Nun sind wir auf ewig verbunden und füreinander verantwortlich.“
„Öh, nun übertreiben Sie aber“, meinte Armin.
„Mitnichten, lieber Freund. Ist Ihnen überhaupt aufgefallen, dass wir uns einen Namen teilen? Auch wenn meiner ein wenig klassischer anmutet. Aber das liegt in der Natur der Sache und in meinem Alter begründet.“
„Was faseln Sie da nur?“, murrte Armin. „Für den Fall, dass es Ihnen nicht aufgefallen ist, meine Frau ist sehr skeptisch, was die Verlobung betrifft. Sehr skeptisch.“
„Mann, das ist doch egal“, fiel ich ein. „Was ist mit dem Biss? Wir haben hier ganz andere Probleme.“ Es kam nicht sehr überzeugend heraus, da mich ein Schluckauf peinigte. „Hicks, ich meine – Clarissa?“
Clarissa hob die Augenbrauen. „Was ist mit mir?“
„Hast du dich verletzt?“
„Wie kommst du denn darauf?“
„Ach ich dachte nur – hicks – da!“
Sie hatte ihren Schal abgelegt und ich zeigte aufgeregt auf die Wunden. „Das sind doch … ich meine … hicks!“
„Ach das.“ Clarissa kicherte. „Ist nicht so wie du denkst. Das war ganz allein meine Entscheidung. Ich wollte es.“
„Du wolltest dich von einem Werwolf beißen lassen?“
„Was? Nein – natürlich nicht.“
Clarissa sah sich hilflos um, bis sie Theobald entdeckte, der bereits wieder auf gewohnt missmutige Art in der Ecke stand. „Ich hab mich von ihm beißen lassen.“
„Wie bitte?“ Ich traute meinen Ohren nicht. Und offenbar ging es anderen ebenso.
„Wieso solltest du so etwas tun?“, fragte Emil entgeistert.
„Das ist doch krank“, murmelte Isabelle. „Du brauchst Hilfe, Mädchen.“
„Nein, jetzt nicht mehr“, lachte Clarissa glücklich.
„In was für eine Familie willst du da einheiraten?“ ging Erna nun auf Konrad los, der den Austausch stumm verfolgte, nur seinen Arm schützend um Amalia gelegt hielt. „Beißt du etwa auch andere Menschen?“
Nun richtete Konrad sich gerade auf. „Jetzt reicht es aber. Nein, ich beiße nicht. Und wenn Clarissa das will, dann ist das ihre Sache.“
„Aber doch nicht vor den Kindern“, protestierte Erna.
„Das ist doch alles ganz anders“, mischte sich Pandora ein. „Der Abend hat so schön angefangen …“
„Himmel – Herrgott“, schimpfte Konrad. „Jetzt hab ich aber genug. Seid ihr denn alle völlig von gestern? Muss ich euch wirklich mit der Nase drauf stoßen? Wir haben Wölfe im Wohnzimmer. Wollt ihr mir erzählen, dass ihr nicht von selbst darauf kommt.“
„Worauf – hicks – denn?“
„Darauf dass mehr Dinge zwischen Himmel und Erde existieren, als das Fernsehen uns beibringt.“
„Und zwar?“ Ich hatte ehrlich gesagt genug von dem Geschwafel.
„Kim!“ Clarissa kam strahlend und bleich auf mich zu. Eine irritierende Kombination, wenn auch nicht so irritierend, wie ihre Worte. „Ich habe mich beißen lassen. Ist das nicht großartig?“
„Das kann ich gar – hicks – nicht finden.“
„Du siehst die Konsequenzen nicht“, fuhr sie eifrig fort. „Stell dir nur vor, nie wieder Kalorien zählen? Nie wieder in den Spiegel sehen müssen. Ich kann für immer dünn bleiben.“
„Für die Ewigkeit“, ergänzte Arminius.
„Ach nein“, seufzte Konrad. „Du willst tatsächlich einer von ihnen werden?“
„Schon passiert“, verkündete Clarissa stolz. „War ganz leicht. Hat auch fast nicht weh getan.“
„Da hörst du es“, schubste Amalia Konrad an. „Es tut nicht weh.“

TBC im Aavaa Verlag auf www.buchfeinkost.de

Samstag, 19. Dezember 2009

Eine Petrelli - Weihnacht

Fanfiction
Titel: Eine Petrelli-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Heroes
Rating: PG
Genre: comedy
Warnung: Sehr leichte Spoiler für Season 3
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.

* * *


„Eine Weihnachtsparty?“
Nathan schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob das angemessen ist. Nach all dem Chaos, das wir in den letzten Jahren angerichtet haben, halte ich es beinahe für gefährlich zu viele von uns in einem Raum zu versammeln. Geschweige denn unter einem Baum.“

„Dann eben nur die Familie.“ Peter grinste schief. „Irgendwie sind wir doch ohnehin alle miteinander verwandt.“
„Sei nicht albern“, wandte seine Mutter ein. „Da gibt es sicher jemanden, der nicht mit uns auf irgendeine Weise verknüpft ist.“

Nathan kratzte sich an der Schläfe. „Ich weiß nicht“, murmelte er. „Zählt zusammen im Labor gezeugt auch als verwandt?“

Peter verzog das Gesicht. „Du willst doch nur wieder mit einer deiner zahlreichen Blondinen schäkern. Was würde deine Frau dazu sagen?“
Nathan zuckte mit den Schultern. „Heidi bringt Mohinder Suresh mit. Sie erzählt mir von nichts anderem, als von ihrem Wunsch, ihn mit Sahne einzusprühen und abzulecken. Und wie ich aus Erfahrung weiß, bekommt Heidi was sie will.“

„Also kommt Mohinder“, rief Claire triumphierend. „Dann will ich aber Hiro und Ando dabei haben. Mit denen kann man sich wenigstens unterhalten.“
Nathan blickte sie streng an. „Ich bin nicht sicher, ob die Beiden der richtige Umgang für dich sind, Liebes.“
Claire verschränkte ihre Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Weil sie Asiaten sind? Ich hätte nicht gedacht, dass du so… so…“
Nathan schnaubte. „Das bin ich nicht. Aber du gehörst aufs College, junge Dame. Und da ist jeder Moment, der mit Comics und Star Trek Zitaten vergeudet wird, ein unwiederbringlicher Verlust. Ich habe schon beschlossen, dir auch das Cheerleading zu untersagen, wenn deine Leistungen in Latein nicht besser werden. Latein ist ungeheuer wichtig. Aus Caesars gallischen Kriegen zog ich die besten Lehren.“

Claire schnappte nach Luft. „Du willst mir was verbieten? Aber Cheerleader zu spielen ist mein Leben. Was glaubst du wer…? Ich meine… du bist nicht mein… also gut, du bist… aber du bist nur einer meiner Väter.
Daddy?“

Sie drehte sich zu Noah um, der gerade einen Lebkuchenbrösel von seiner Jacke entfernte.
„Hm? Was ist los, Claire-Bär?“
Claire stemmte ihre Hände in die Hüften und deutete mit einem Kopfnicken auf ihren biologischen Vater. „Nathan ist gemein zu mir.“

„Was?“ Noah zog die Augenbrauen hoch. Langsam nahm er seine Hornbrille ab, legte sie sorgfältig auf dem Glastisch ab und ging einen Schritt auf Nathan zu. Er streckte sich ein wenig, und Nathan legte den Kopf in den Nacken, um ihm ins Gesicht sehen zu können.
„Du willst Ärger, Petrelli?“
Nathan schluckte. „Wer… ich? Nein…“
Rasch wand er sich zu Claire um. „Hiro und Ando also, geht klar. Nette Jungs übrigens.“

Noah räusperte sich, nahm seine Brille wieder auf. „Worum geht es eigentlich?“
„Die Weihnachtsfeier“, antwortete Angela. „Wir überlegen uns, wer eingeladen wird.“
„Alles klar“, nickte Noah. „Wir kommen. Ich sage auch Danko Bescheid. In letzter Zeit verstehen wir uns recht gut.“
„Auf gar keinen Fall“, explodierte Nathan. „Der Winzling kommt mir nicht ins Haus.“
„Ich muss auch sagen“, mischte sich Peter ein. „Ich meine… der Typ ist gewalttätig.“

„Ach was“, winkte Noah ab. „Ihr wollt nur die kleinsten Männer im Raum sein. Wir wissen alle, dass Frauen auf klein stehen.“
„Das war unfair“, schmollte Peter und verschränkte die Arme.
Nathan war in zwei Schritten bei ihm, legte ihm seine Hand auf die Schulter und neigte sich vor, um dem Jüngeren ins Ohr zu flüstern. „Mach dir nichts draus, Bro. Der Große ist nur eifersüchtig.“ Sein verächtlicher Blick traf Noah.

Laut sagte er: „Es könnte nichts damit zu tun haben, dass wir beide vielleicht besonders hübsch sind? Sieh dir mal die ganzen Fanseiten im Internet an. Da kannst Du nicht mithalten.“
Noah kräuselte die Lippen.
„Aber als ich noch jünger war, eine Fön-Frisur trug, schwul und tierisch reich war, da hätte ich euch allemal ausgestochen.“

„Wie bitte?“
Angela sah ihn irritiert an. „Noah-Darling, du verwechselst die Serien.“

Claire blickte von der Tätigkeit auf, ihr goldenes Haar sorgfältig auf gespaltene Spitzen zu prüfen.
„Hat jemand von mir gesprochen?“
Noah seufzte. „Nein, Liebes. Mit ‚hübsch‘ haben die Petrellis sich selbst gemeint.“

Claires Mund klappte auf. „Also ich weiß ja, dass Blondinen mit Vorurteilen zu kämpfen haben, aber das ist ungerecht. Ich meine: dunkle Haare, dunkle Augen und der Latino-Typ? Da gerät jede noch so schöne Frau ins Hintertreffen.“
„Das ist wahr.“ Nathan strich sich das Haar zurück. „Deshalb gehen wir auch nur gemeinsam aus. Für einen von uns alleine ist es zu gefährlich. Wir sind gewissermaßen freilaufende Beute.“

Peter nickte. „So ist es. Gemeinsam können wir sie irritieren. Sie sehen uns, können sich nicht entscheiden, wer schöner ist, und bevor sie zu einer Seite tendieren, ergreifen wir die Flucht.“
Angela lächelte stolz. „Meine Jungs. So praktisch.“
Sie blickte in die Runde. „Das haben sie von mir. Neben Haaren, Augen und dem Sinn für Stil. Doch zurück zum Thema. Wer kommt noch?“

„Der Kleine“, schlug Nathan vor. „Weihnachten ist was für Kinder. Und Micah ist doch ein Kind, oder?“
„Du willst doch nur, dass er eine seiner Mütter mitbringt“, beschwerte sich Peter. „Mach mir nichts vor.“
„Ganz und gar nicht“, behauptete Nathan. „Aber im Wahlkampf kenne ich mich aus. Politiker und Kinder kommen immer gut. Gerade an Weihnachten.“

„Aha“, rief Peter. „Das ist es also. Du denkst wieder nur an die Karriere. Deine Familie interessiert dich überhaupt nicht.“
Er stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab es so satt, dass immer alles um dich geht.“

Noah fuhr ihm väterlich durchs Haar. „Aber das ist doch gar nicht wahr, Peter. Du spielst immer noch die Hauptrolle. Auf allen Fotos stehst du in der Mitte.“
Nathan sah interessiert auf. „Ach, dass ist dir auch aufgefallen?“

Noah zuckte mit den Schultern, als Angela dazwischen ging. „Kinder, Kinder. Wir wollen doch nicht streiten, und das so kurz vor Weihnachten. Eifersüchteleien passen nun überhaupt nicht zum Fest.“

Claires Lippen zitterten. „Aber ich dachte, ich wäre der Star. Ich meine, ich bin jung und niedlich… und erfolgreich… und in jeder Staffel habe ich einen anderen Freund.“
„Wie bitte?“, riefen Noah und Nathan aus einem Munde.
„Ja, was dachtet ihr denn?“, schüttelte Angela den Kopf. „Dass sie sich nur für Comics interessiert, und dafür die Welt zu retten.“

Nathan und Noah sahen sich verblüfft an. „Ähm… sie darf natürlich hin und wieder… also mit einem reden… solange es den Handlungsverlauf nicht beeinträchtigt.“
„Ach ihr.“ Angela winkte ab.

Peter ertrug es nicht so lange unbeachtet zu bleiben und trat einen Schritt vor. „Also, wenn wir uns ohnehin vor diesen ganzen Co-Stars nicht retten können, dann will ich Matt Parkman.“

„Bist du verrückt?“ Claire wurde rot. „Der kann alle meine Gedanken lesen.“
Nathan stieß mit Noah zusammen, als sie sich gleichzeitig zu ihr umdrehten.
„Wieso?“, fragte Noah beunruhigt. „Was könnte er denn lesen… bei dir?“
Claire wich seinem Blick aus und hüstelte. „Bei mir… nichts. Aber… aber… ich denke an die Petrellis. Diese ganzen Familiengeheimnisse… wenn das erst rauskommt.“

„Du bist auch eine Petrelli.“ Nathan ließ sich so schnell nicht beschwichtigen. „Und was die Familiengeheimnisse angeht…“
„Die sind echt krank“, bemerkte Angela.
Nathan fuhr herum. „Mutter!“

„Naja.“ Angela zuckte mit den Schultern. „Ihr wisst schon. Ich will doch auch nicht, dass an die Öffentlichkeit dringt, womit ihr als Kinder am liebsten gespielt hat.“
Peter räusperte sich verlegen. „Viele Jungens spielen mit Barbie-Puppen ohne dass es ihnen schadet. Und schließlich hatte Nathan noch das Traumhaus, die Pferde und den Frisiersalon.“
Nathan schnalzte mit der Zunge und strafte Peters Haare mit einem verächtlichen Blick. „Als ob es etwas genutzt hätte.“
Peter sah verletzt zu Boden und Angela seufzte. „Nathan, das war unter der Gürtellinie. Peters Frisur ist sehr… geschmackvoll.“

„Können wir vielleicht mal zurück zum Thema kommen?“, rief Noah verzweifelt und riskierte einen Blick auf seine Uhr.
„Wieso? Was hast du es auf einmal so eilig?“ Claires Augen weiteten sich. „Nein – sag nicht, dass du dich wieder heimlich mit dem triffst.“
Noah räusperte sich und sah unbehaglich zur Seite.
„Eigentlich ist er ein netter Junge. Nur missverstanden. Wenn man ihm eine Chance gibt…“

„Der Typ bringt alle um!“, kreischte Claire. „Von Anfang an hörte er nicht damit auf, Ärger zu verursachen.“
„Da muss ich Claire recht geben“, stand Peter ihr bei. „Sylar fängt echt an zu nerven.“
Noah seufzte. „Ihr hattet nur einen schlechten Start. Es schlummert viel mehr in ihm. Ich sehe da durchaus Potential.“
„Potential?“, fragte Nathan skeptisch.

Noah nickte eifrig. „Ganz genau. Bedenkt, dass Peter um ein Haar New York in die Luft gejagt hätte, und dann kurz davor stand, die Welt zu verseuchen… um nur zwei Dinge zu nennen. Dagegen sieht Sylars kleines Hobby doch fast harmlos aus.“

In diesem Moment schellte aggressiv die Türklingel und nachdem der Butler die Tür geöffnet hatte, stürzte ein aufgelöster Matt Parkman in den Raum.
Er steuerte direkt auf Nathan zu und klammerte sich erschöpft an dessen Schultern. Erst jetzt fiel die grünliche Färbung auf, die sein Gesicht aufwies.

„Ich… ich habe…“, stammelte er.
„Was hast du, Matt?“ Peter riss die Augen auf, und legte den Kopf schief.
Der ehemalige Polizist drehte sich zu ihm um und seine Augen wirkten beinahe noch größer als die seines Gegenübers.
„Ich habe… Gottes Gedanken gelesen“, brachte Matt mühsam hervor. „Ich ging zufällig an einer Kirche vorbei… und dann…“ Er verstummte, aber das Grün in seinem Gesicht vertiefte sich.

Angela hob die Augenbrauen. „Interessant, Matt. Was hat er denn gedacht?“
Matt schluckte, behielt jedoch den Augenkontakt mit Peter bei, als könne ihn dieser beruhigen.
„Er wirkte verstört, und… und… sein Sohn stellt sich quer.“
„Wie… stellt sich quer?“ Noah mischte sich interessiert ein.
Matt räusperte sich. „Er… er sagt Weihnachten ab – behauptet, es sei schließlich sein Geburtstag.“

„Wer – Gott?“ Claire blickte verwirrt von einem zum anderen.
„Nein“, bemerkte Peter, der als erster verstanden hatte. „Sein Sohn.“
„Sein Sohn?“ Nathan runzelte die Stirn. „Wer soll das sein? Und was hat er damit zu schaffen?“

Angela verdrehte die Augen. „Nathan – warst du denn seit deiner Kommunion in keinem Gotteshaus mehr?“
Nathan wand sich unbehaglich. „Ich… ich hatte auch für die Kommunion keine Zeit damals. Ein Klassenkamerad ging für mich.“

Angela seufzte. „Matt spricht natürlich von Jesus Christus. Um ihn geht es doch bei der ganzen Sache.“
Claire schluckte. „Aber wieso kann ein Typ wie der einfach alles absagen? Wie kommt der darauf?“

Matt drehte sich zu ihr. „Er hat genug davon, dass in jeder zweiten Serie sein Name missbraucht wird“, gab er heiser zu. „Und nun will er sich von allem zurückziehen. Und… und es handelt sich schließlich um seinen persönlichen Ehrentag. Ohne die Sache in dem Stall...“
Noah rückte seine Brille gerade. „Das mag durchaus sein“, überlegte er.
„Aber seien wir doch ehrlich. Im Grunde hat Jesus inzwischen mit Weihnachten nur noch am Rande zu tun. Weder Weihnachtsbaum noch Adventskranz gehen auf sein Konto. Und nicht einmal die Geschenke. Das waren die Heiligen Drei Könige. Also, wenn die Einwände hätten, wäre es vielleicht etwas anderes, aber so?“

Er sah Angela an, die seinen Blick nachdenklich erwiderte. „Ich denke fast, dass du recht hast, mein Lieber“, murmelte sie versonnen. „Er tat nichts, außer im Stroh zu liegen. All das, was Weihnachten heutzutage ist, wurde unabhängig von ihm erschaffen.“

Matt richtete sich auf. Langsam kehrte die gewohnt rosige Farbe in sein Gesicht zurück.
„Ihr meint also, es ist noch nicht alles verloren?“

Noah schüttelte entschieden den Kopf. „Definitiv nicht. Das Konzept steht und die Party findet statt. Aufgrund des beträchtlichen Zeitraumes, der seit dem Ereignis verstrichen ist, auf das dieser Hippie sich beruft, besitzt er auch keinerlei Urheberrechte mehr. Eigentlich könnte er froh sein, noch irgendwo unterzukommen.“

Angela verengte ihre Augen zu Schlitzen. „Mein Lieber – ich denke, dass sich mir eine Vision aufdrängt.“
„Oh nein“, seufzten Peter und Nathan wie aus einem Munde. „Bitte nicht schon wieder.“

„Doch.“ Angela nickte triumphierend. „Wir engagieren Jesus Christus als Gaststar für die Weihnachtsfolge. Einschaltquoten garantiert. Und noch dazu ist er fraglos einer von uns. Ich meine: Über Wasser laufen, Fisch und Wein vervielfältigen und vom Tode auferstehen? Wenn das nicht eindeutig ist.“

„Du meinst…?“ Claire riss den Mund auf.
„Ganz recht“, bestätigte Angela und lächelte leicht. Dan Brown hat sich nicht geirrt.“
„Aber dann…“ Nun war es an Nathan seinen Mund aufzuklappen.
„Das ist doch keine Überraschung“, brummte Noah kopfschüttelnd. „Die Geschichte ist voll von euch Mutierten. Das muss eine Blutlinie sein.
Propheten, Wunderheiler, Religionsgründer – mit oder ohne ihr eigenes Wissen…“

„Oh mein Gott“, rief Peter passend aus. „Das ist es. Er wollte keine Religion erschaffen. Christus wurde nur missverstanden, fehlinterpretiert. Genauso wie ich…“

Nathan strich ihm mitleidig übers Haar. „Aber sicher, Kleiner. Deshalb haben wir dich doch mit ausgebreiteten Armen vom Dach fallen lassen. Sag bloß, du hast die Anspielung nicht begriffen?“
Peter schob beleidigt seine Unterlippe vor. „Die Serie ist so überladen mit Anspielungen, da kommt kein normaler Mensch mehr mit.“

„Aber sicher, mein Junge.“ Angela leistete Nathan Gesellschaft dabei Peter übers Haar zu streichen. „Keine Sorge. Das Denken übernehmen wir für dich. Und vielleicht kann der Erlöser dir beizeiten ein paar wertvolle Tipps für die Zukunft geben.“

Noah hob mahnend beide Hände. „Nicht so schnell. Ich dachte, Matt hätte gesagt, der Messias wolle sich vom Geschäft zurückziehen. Ist es nicht so, Matt?“
Matt, der gerade dabei war aus Spekulatius ein Kartenhaus zu bauen, sah verwirrt auf. „Wie… äh… ja, genau.“

Nathan winkte ab, entblößte dann gekonnt seine Zähne zu dem gewinnenden Politikerlächeln für das er berühmt war. „Lasst mich die Verhandlungen führen, Leute. Meinem Charme konnte noch niemand widerstehen. Auch Gottes Sohn dürfte da keine Ausnahme bilden.“

Angela rieb sich die Hände. „Dann wäre das ja soweit geklärt. Ich wusste, dass wir es schaffen. So lasset die Spiele beginnen.“

„Aber welche Spiele denn jetzt?“ Claire knabberte konzentriert an ihrer Unterlippe. „Ich versteh nur Bahnhof.“
„Liebes“, lächelte Angela. „So muss es sein. Und ich verspreche dir, es geht dem Zuschauer nicht anders. Die Serienwelt trägt ebenso viele Irrungen, Wirrungen und Geheimnisse in sich, wie unsere Schöpfung.“

Sie lehnte sich vertraulich vorwärts. „Liegt daran, dass die kreativen Köpfe, ob es sich nun um überarbeitete Drehbuchautoren oder übernatürliche Wesen handelt, allzu oft den Anforderungen nicht gewachsen sind. Da müssen wir Geduld aufbringen, abwarten und im Stillen hoffen, dass es besser wird.“

„Was – die Serie?“, murmelte Matt mit vollem Mund, da er gerade den Schornstein seines Spekulatius-Hauses probierte. „Die ist doch gut.“
„Sicher, Parkman.“ Nathan klopfte ihm auf den Rücken bis Matt hustete. „Wenn wir unsere Ansprüche zurückschrauben, kommen wir mit beidem zurecht, mit der Welt und mit der Serie.“

Claire zuckte mit den Schultern. „Klingt in Ordnung für mich. Ich will nur etwas Spaß haben.“
Peter strich sich eine Locke aus der Stirn. „Also ich weiß nicht… da muss doch mehr sein… ein Sinn…“

Angela stemmte die Arme in die Hüfte. „Heute nicht. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Vorbereitung, Catering, Dekoration, Studio, Setting, Casting, Maske, Soundtrack und vielleicht eines Tages ein Spielfilm… da kommt noch einiges auf uns zu.“
„Alles klar, Ma“, stimmte Nathan ihr zu und sah auf seine Armbanduhr. „Ich mach dann mal einen Termin mit Jesus. Vielleicht krieg ich seinen Dad auch ans Rohr.“
Matt schluckte. „Ich weiß nicht, ob du… er klang ein wenig aufgebracht.“
„Parkman!“ Angela schüttelte den Kopf. „Hab ein wenig Gottvertrauen. Mein Junge macht das schon.“
„So ist es.“ Nathan strich seinen Anzug glatt, öffnete das Fenster und schoss ohne ein weiteres Wort in die Höhe.
Angela schüttelte den Kopf. „Wenn er nur nicht so unhöflich wäre. Von mir hat er das nicht. Egal – Frohe Weihnachten und Cut!“



Ende

Sonntag, 5. April 2009

Wasser

Wasser

Schon immer hatte er sich auf eine geradezu abartige Weise vor dem Wasser gefürchtet. Seine Mutter war nicht müde geworden, immer wieder davon zu erzählen, wie er sich mit Händen und Füßen und lautstarkem Gebrüll bereits als Baby vor dem Waschen gefürchtet, beim Anblick der Badewanne in regelrechte Panikattacken ausgebrochen war.
Man hatte dieser Eigenart schließlich Rechnung getragen und sich damit begnügt, ihn lediglich mit einem feuchten Waschlappen zu säubern. Ebenso gewöhnten seine Eltern sich an, ihm die Haare stets bis an die Grenze zur Nichtexistenz abzuschneiden, einzig zu dem Zwecke, damit auch hier die soeben erwähnte Reinigungsmethode ausreichte.
Auf Vergnügungen, denen sich andere Kinder hingaben, wie das Plantschen in offenen Gewässern, oder auf das lediglich barfüßige Waten durch sanft dahinplätschernde Wellen, verzichteten sie sehr bald. Gedanken an Schwimmen lernen, Urlaub am Meer oder in Badeparadiesen kamen erst gar nicht zur Sprache.
Felix vermisste Vergnüglichkeiten dieser Art nicht im Geringsten. Im Gegenteil, für die begeisterten Berichte seiner Klassenkameraden, oder deren sommerliche Verabredungen in Freibädern oder am Badesee, zeigte er nur ein verächtliches Lächeln.
Nach seiner Ansicht war der Mensch nicht dafür geboren, sein Leben im oder auch nur am Wasser zu verbringen. Die Sehnsucht der meisten seiner Mitbürger nach dem Anblick der unendlich blauen Fläche, dem unverkennbaren Geruch nach Algen und Seetang, verstand Felix nicht einmal ansatzweise.
Wuchsen ihm etwa Schwimmhäute zwischen den Fingern und Zehen, oder war es ihm gegeben, mit Kiemen ausgestattet unter Wasser zu überleben?
Mit Sicherheit nicht, und Felix war davon überzeugt, dass in diesen Vorgaben der Natur ein Sinn lag und eine Anweisung, der er nicht plante, sich zu widersetzen.
Nein, er hielt es mit den weisen Naturvölkern, die sich von ihren Gewässern fernhielten, bedachte dabei allerdings nicht, dass diese aus guten Gründen, wie dem Wunsch zu Überleben handelten.
Beinhalteten die mit dem Wasser verbundenen Gefahren doch ekelhaftes und unberechenbares Getier, wie nur als Beispiel erwähnt Krokodile oder Schlangen. Viel schlimmer und furchteinflößender stellten sich ihm die Möglichkeiten dar, die sich jedem Parasiten bot, der sich auf einen nichtsahnend in die verseuchte Flüssigkeit steigenden und nur allzu verwundbaren Körper stürzen konnte. Angefangen mit Blutegeln, machten die Horrorgeschichten auch nicht vor dem widerlichsten Gewürm Halt, das sich durch jede Körperöffnung Einlass verschaffen und sein zerstörerisches Werk beginnen konnte.
Es blieb dabei, Wasser war ein zu unabwägbares Risiko, als dass man allzu leichtfertig damit umgehen sollte.
Als Felix älter wurde, gewöhnte er sich an, auch bei dem, was er aufnahm und nicht nur bei der Umgebung, der er seinen Körper aussetzte, genauestens auf seine Sicherheit zu achten.
Wasser, das er zu trinken beabsichtigte, musste gründlich abgekocht werden, mindestens zehn Minuten, bestenfalls über einen Zeitraum von zwanzig Minuten.
Da Felix zu dieser Zeit gerade mitten in wichtigen Prüfungen steckte, nahm seine Mutter die Mühe gerne in Kauf und sorgte dafür, dass jede Flüssigkeit, die ihr Sohn aufzunehmen beabsichtigte, auch die gewünschte Zeit sterilisiert wurde.
Immerhin – sicher war sicher – und im Grunde konnte es auch kein Fehler sein, auf seine Gesundheit zu achten.
Und gesund blieb Felix, das musste jeder in seiner Umgebung zugeben. Als würden die Keime einen Bogen um ihn machen, so erkältete er sich so gut wie nie, blieb von geradezu nervtötender Gesundheit.
Ein wenig anstrengender, aber immer noch akzeptabel wurde es in ihren Augen, als Felix beschloss, dass auch zum täglichen Putzen der Zähne und dem ohnehin schon sparsam ausgeführten Ritual der Körperpflege nichts anderes, als bereits abgekochtes Wasser akzeptiert werden konnte.
Die Prüfungen gingen vorbei, und Felix begann sein Studium. Er entschied sich in der nahegelegenen Großstadt zu studieren, um das Geld für die Unterkunft zu sparen. Nicht nötig war es dabei zu erwähnen, dass es ihm in jeder anderen Umgebung, außerhalb der seiner Eltern, kaum möglich gewesen wäre, sein Tagespensum zu erfüllen.
Dieses beinhaltete neuerdings zu dem Abkochen jeder Flüssigkeit, auch noch die dreifache Wiederholung des Vaterunsers, begleitet von einer genauestens ausgeklügelten Abfolge gymnastischer Übungen, die er sich bereits vor Jahren zusammengestellt hatte.
Diese bezweckte eine ausgewogene und wiederholte Anspannung und darauffolgende Entspannung sämtlicher Muskelpartien, eine Möglichkeit, wie er sie sah, um den Körper zu reinigen von den schädlichen Einflüssen, denen er während der Fahrt zur Uni ausgesetzt war.
Sein Pech wollte es nämlich, dass diese Fahrt direkt an einem Gewässer vorbeiführte.
Zugegeben, er sah dieses nur durch die trüben Scheiben eines Zugfensters, doch allein das Wissen um die Existenz, um die unmittelbare Nähe mit der Gefahr, erweckte in Felix unangenehmste Gefühle. Diese schienen ihm am ehesten noch mit denen vergleichbar, die ihn bereits während Kindheit in ein nervliches Wrack verwandelt hatten.
Er sprach nicht über sein Leiden. Wenn ihm doch eine Bemerkung herausrutschte im Beisein eines Menschen, dem er genug Vertrauen schenkte, als dass er sich soweit öffnen konnte, so führte sie zumeist zu ähnlichen gutgemeinten, wenngleich unnötigen Ratschlägen.
Da war zum Beispiel der Vorschlag, doch den Führerschein zu machen und mit Hilfe eines Autos der so verhassten Zugfahrt aus dem Weg zu gehen.
Felix nickte nur höflich zu Ratschlägen wie diesem und bedankte sich nach allen Regeln des Anstands.
Tief in sich konnte er jedoch nicht anders, als heftig den Kopf zu schütteln über die Naivität einer solchen Denkungsart.
Bedachten all die wohlmeinenden Personen doch weder, dass der Besitz eines Autos die zwangsläufige Reinigung desselben zur Folge hatte. Und weder hatte Felix vor, sich mit eimerweise abgekochten Wasser an das Polieren eines Haufen Blechs zu begeben, noch zog er auch nur den Bruchteil einer Sekunde die Möglichkeit der Waschanlage in Erwägung. Allein ein Anblick eines solchen Gebildes ließ Felix bereits erschauern.
Doch der Schwerwiegendste aller Gründe lag in dem Rinnsal von Bach, das sich direkt um die einzige Fahrschule des kleinen Vorortes schlängelte.
Ein Bach, der immer noch groß genug war, als dass Felix, sobald er in dessen Nähe kam, gezwungen war, sein Ritual der Vaterunser und der rhythmischen Übungen auszuführen.
Nicht selten erntete er dabei schräge Blicke von zufällig Vorbeigehenden, doch im Laufe der Zeit gewöhnte er sich an diese Unannehmlichkeit und bemühte sich, darüber hinweg zu sehen.
Andere Menschen verstanden nicht, was er verstand. Sie sahen die Gefahren nicht, denen er täglich ausgesetzt war. Und manchmal beneidete Felix sie, beneidete sie um ihre Leichtfertigkeit, ihre Gedankenlosigkeit, ihr oberflächliches Treiben über die klaffenden Abgründe der Welt hinweg, vorbei an hungrigen Monstern und unsichtbaren Gefahren.
Nur er sah sie, sah jedes Monster in jeder erschreckenden Einzelheit, erkannte jede Gefahr in ihrer ganzen Ausprägung, ihrem fürchterlichen Grauen.
Und so blieb es seine Aufgabe, die Drohungen des Unvorhersehbaren in Schach zu halten, seine Aufgabe, mit all seinen Möglichkeiten dagegen anzukämpfen, dass das Böse die Überhand gewann, dass der Schrecken die Kontrolle übernahm.
Er hatte keine andere Wahl, als seine Übungen auszudehnen, als seine Einschränkungen genauer zu definieren.
Bald sah man ihn fast ausschließlich mit unermüdlich sich bewegenden Lippen. Ständige Vaterunser entströmten seinem Mund, verstummten nur, wenn die Anstrengung des Trainings ihm die Puste nahmen.
Denn seinen Körper zu stählen, abzuhärten, sah Felix als einzigen Ausweg aus dem Dilemma der immer größer werden Risiken, die ihn umgaben.
Er musste Umwege nehmen, joggte durch mehrere Querstraßen, vor und zurück, um von dem Brunnen auf dem Marktplatz den größtmöglichen Abstand zu halten.
Dazu kamen die unvorhergesehenen Notwendigkeiten, wie zum Beispiel gerade im Sommer die zunehmende Anzahl offen herumstehender Wasserflaschen, Gießkannen oder noch schlimmer: laufender Gartensprenganlagen.
Felix sprach bald nicht mehr, nichts Anderes als sein zum Mantra gewordenes Gebet. Zu sehr waren seine Lippen damit beschäftigt, die Worte des Vaterunsers zu formen.
Die Übungen, die er mittlerweile um einige Kniebeugen und Liegestützen erweitert hatte, nahmen ihn zu sehr in Anspruch, als dass er noch den Aufgaben des Studiums nachkommen konnte.
Unnötig zu erwähnen, dass seine Eltern sich hilflos fühlten. Schon seit langem war jede Ansprache an ihn ungehört verhallt. Zu lange hatten sie sein Verständnis vorgaukelndes Kopfnicken als positives Zeichen gewertet und nicht als das gesehen, was es war: Die Möglichkeit, sie für den Moment loszuwerden und sich ihrer unnötigen Mittäterschaft zu entledigen.
Der Priester, den sie aufgrund seiner unzerstörbaren Vorliebe für die Worte des Herrn holten, brachte sie nicht weiter, begnügte Felix sich doch damit, ihn mit Missachtung zu strafen, woraus jener unweigerlich schloss, dass es sich hierbei um kein kirchliches Problem handelte und sich umgehend empfahl.
Es überraschte also nicht wirklich festzustellen, dass den lieben Eltern von Felix die Belastung über kurz oder lang zu viel wurde. Nun – sie selbst überraschte es vielleicht und auch Felix. Obwohl Felix im Grunde zu abgelenkt war, um die Veränderungen um ihn wahrzunehmen.
Seine Eltern zogen sich auffallend zurück, nicht unbedingt absichtlich, sondern mehr aus Gründen der Notwendigkeit, besser gesagt aus Gründen der puren Selbsterhaltung.
Sie gingen Felix aus dem Weg, soweit ihnen dieses möglich war und sie ignorierten sein Verhalten mit all der verbleibenden Kraft, die ihnen zur Verfügung stand.
Unglücklicherweise handelte es sich bei dieser Kraft nur noch um einen spärlichen Rest dessen, was sie einst als junge Eltern ausgezeichnet hatte. Die jahrzehntelange Beobachtung, das Hegen und Pflegen einer Pflanze, die in keine Richtung wuchs, die sich im Kreis drehte und keine Anstalten unternahm, ihrem eigenen ewig verzweifelten Rundlauf ein Ende zu bereiten, hatten sie bis zu einem Punkt erschöpft, an dem kein Ausweg mehr zu existieren schien.
Sie liebten Felix, liebten ihn wirklich, und vielleicht war auch das der Grund, warum sie beschlossen, ihn und damit auch sich selbst von dem Elend, das sie eingeholt hatte, zu befreien.
Gerichtsverhandlungen, psychiatrische Sitzungen und Gefängnisstrafe ertrugen sie ohne zu klagen. Ruhig und stoisch saßen sie ihre Zeit ab, unterließen unnötige Verteidigungsmaßnahmen, leere Rechtfertigungen.
Denn sie waren sich einig, wie stets in den wichtigen Fragen ihrer Ehe, einig, dass es die Opfer wert war, endlich frei zu sein.
Und es war leichter gewesen, als erwartet. Kam ihnen der geschwächte Zustand ihres Sohnes doch zu Gute. Selbst wenn sie einen Moment befürchtet hätten, ihn mit ihren vereinten Kräften nicht unter dem Kissen festhalten zu können, so wussten sie doch, dass der tropfende Eimer Wassers neben seinem Bett, die erforderliche Lähmung zur Folge hatte, die eine Schrecksekunde, die sie brauchten.
Ihre Trauer hielt sich aus den erwähnten Gründen in Grenzen, und das erste, was sie unternahmen, nachdem ihre Freiheit ihnen wieder geschenkt worden war, bestand in einem Ausflug an die See. Wasser soweit das Auge reichte. Wasser und sonst nichts mehr.

Mittwoch, 4. Februar 2009

Berührung

Berührung

Sie berührten sich oft. Lange war es Janine nicht aufgefallen. Erst als Simon, halb im Scherz, halb mit Ernst begann seine Bemerkungen fallen zu lassen, da erkannte auch Janine, dass seine Beobachtungen keineswegs übertrieben waren.
Simon war der Clown am Set, immer hatte er einen Scherz auf den Lippen und darin lag wohl auch der Grund, dass niemand sein Geplänkel wirklich ernst nahm.
Und dann kannten sie alle Calvin, kannten seine Art. Er umarmte alles und jeden, und mit besonderer Vorliebe seine Kollegen. Als müsse er sich mit jedem verbünden, ein Bindung aufbauen, der ihm in einer Szene zuspielte, so küsste, knuffte oder fuhr er ihm durchs Haar, ob derjenige dies nun gut hieß oder nicht. Es war der Preis dafür, dass er sich wohlfühlte. Und wenn Calvin sich wohlfühlte in seinem Spiel, dann agierte er brillant, einer Oskar-Nominierung würdig, so zumindest die Zeitungen. Wenigstens die Zeitungen, die sich mit einer durchschnittlichen Fernsehserie wie der Ihren beschäftigten.
Obwohl es auf das Ensemble ankam, so gab es doch kaum einen Zweifel, dass Calvins Talent die Show in die erste Riege katapultieren konnte, ließe man ihm genug Freiraum. Doch soweit war es noch nicht. Sein Charakter war wichtig, unbestritten. Ebenso wichtig wie der Kevins.
Dabei begann alles mit der Konzentration auf Kevins Rolle, seine Entwicklung, sein Schicksal. Doch nur nach wenigen Folgen konnten Drehbuchautoren ebenso wenig wie verantwortliche Produzenten die Dynamik übersehen, die beide Schauspieler aus dem Nichts heraus kreierten. Sie reagierten und gebaren neue Handlungsstränge, neue Ideen, überraschende Wendungen.
Und Kevin wuchs über sich hinaus, seine Fähigkeiten wuchsen über alles hinaus, was er bislang gezeigt hatte. So erstaunte es niemanden, der die beiden zusammen erlebte, dass der Jüngere stets nur in den höchsten Tönen und voller tiefer Bewunderung von Calvin sprach. Sie ergänzten sich und die Freundschaft, die sich entwickelte kam natürlich und fließend.
Vielleicht lag es auch am Altersunterschied, am Mangel kollegialen Neides oder einfach an dem lockeren Umgang beider Darsteller mit dem plötzlich eintretenden Erfolg, dass es keinerlei Misstöne gab, dass beide in Interviews den anderen über das werbetechnisch notwendige Maß hinaus lobten und verehrten.
Für Janine war es ihre erste Rolle, ihre erste größere Rolle. Sie war jung und neu in dem Geschäft, mehr durch Zufall dazu gekommen, als durch irgendetwas anderes. Und trotzdem liebte sie es, liebte die Schauspielerei, liebte die Spannung, die Konzentration, das Abrufen höchster Leistungen unter Zeitdruck mehr als alles andere, was sie bislang versucht hatte.
Ihre ersten Schritte als Modell ließen sich besser verwerten, als ihre Agentin geglaubt hatte und so stieg sie rasch zu einer der beliebtesten Charaktere der Serie auf. Nicht von ungefähr und mit Sicherheit hilfreich war die Tatsache, dass sie dazu erkoren war, die große und heimliche Liebe für Kevins Charakter darzustellen. Ein Umstand, der ihr sehr entgegenkam, musste sie doch zugeben, einen schwachen Punkt in sich zu bemerken, jedesmal, wenn Kevin auf sie zukam.
Auch aus diesem Grund machte ihr Herz einen ordentlichen Sprung, als dieser eines Abends nach Drehschluss auf sie zukam.
Janine bemerkte den hilfesuchenden Blick und das darauf folgende, beinahe unmerkliche Nicken, mit dem Calvin antwortete, obwohl er sich gerade im Gespräch mit der Regieassistentin befand. Breit lächelnd und seinen Charme in alle Richtungen versprühend unterhielt er sich, doch seine Augen huschten von Zeit zu Zeit zu Kevin herüber, der immer noch ein wenig unsicher vor ihr stand.
Für einen Augenblick nur fragte Janine sich, wie Calvins Frau es wohl aushielt, dass dieser mit jedem weiblichen Wesen flirtete, mittlerweile offensichtlich ohne sich selbst dessen bewusst zu sein.
Janine legte den Kopf schief und strich ihr rötlich schimmerndes Haar zurück, sich sehr wohl bewusst, dass das Freilegen ihrer weißen Haut am Nacken und der Anblick der weichen Linie, die sich zwischen Hals und Schultern dehnte, ausreichten, um mehr als einen interessierten Betrachter in seinen Knien schwach werden zu lassen.
Auch Kevin schluckte trocken, lächelte dann sein typisches schiefes, jungenhaftes Lächeln und fragte sie, wie erwartet, ob sie nicht Lust habe, mit ihm auszugehen.
Natürlich hatte sie, und selbst wenn seine schlanke, beinahe schlaksige Gestalt und seine dunklen Locken ihr kein angenehmes Kribbeln im Unterleib verursacht hätten, so würde sie doch alleine zusagen, um der Presse eine hübsche Story aufzutischen und somit ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen.
Der Abend verlief nett und harmlos. Sie tasteten sich vorsichtig einander an, lernten sich kennen, doch ohne in die Tiefe zu gehen. Als die Paparazzi auftauchten, nahm Kevin ihre Hand und hielt sie, bis beide sicher gehen konnten, dass alle Schnappschüsse gemacht waren.
„Das war sehr schön“, sagte sie zum Abschied und bot ihm ihre Lippen, die er pflichtschuldig und doch zärtlich küsste. Viel zu kurz, wie sie fand, aber doch ein Anfang.
Und wie sie es sich hätten denken können, war Simon am nächsten Morgen der erste, der einschlägige Artikel und Schlagzeilen zitierte. „Die junge Liebe“, neckte er Janine, die ihm empfahl, seinen Text noch einmal durchzugehen, anstatt dumme Gerüchte zu verbreiten. Schließlich war für gewöhnlich nicht sie es, die Dreharbeiten verzögerte.
Simon jedoch ließ sich nicht beeindrucken. „Du willst also behaupten, es wäre nichts zwischen euch?“, stichelte er weiter.
Gegen ihren Willen fühlte Janine wie ihr das Blut in den Kopf stieg. „Gar nichts“, zischte sie zurück und verteilte Puder auf ihren Wangen. „Wir sind nur Freunde.“
„Ach so“, meinte Simon und steckte die zu seiner Uniform gehörende Marke an, die ebenso falsch war, wie alles andere am Set. „Nur Freunde, so wie Kevin mit Calvin nur befreundet ist.“
Janine entging der giftige Unterton, als sie bestätigte. „Genau so. Wir waren nur essen.“
Simon stand auf und pfiff vor sich hin, zwei der Zeitschriften, die er mitgebracht hatte, vor sich her wedelnd.
Janine zuckte zusammen, als eine lange Gestalt sich plötzlich über sie beugte. Zuerst dachte sie, Kevin würde ihr sanft ins Ohr pusten, doch dann verstand sie die leisen Worte.
„Ich muss mit dir sprechen“, flüsterte er und Janine nickte nur, unfähig zu antworten, da ihr ganzer Körper vibrierte und ihr Blut in den Ohren rauschte.
Doch es schien auch, als habe Kevin weiter nichts sagen wollen, denn als sie wieder zu sich kam, war er bereits verschwunden.
Sie hatten eine Szene zusammen und Janine glaubte, die Spannung knistern zu hören. Jedoch kam das leise Knistern nicht gegen die Funken an, die zwischen Kevin und Calvin flogen, als sie an einem einzigen Drehtag den Bogen zwischen Streit und Versöhnung ihrer Charaktere schlugen.
Janine ging es wie den meisten anderen, die gebannt zusahen, obwohl sie sich eigentlich bereits hätten zurückziehen können. Heimlich bestätigte das Gesehene sie in ihrer Überzeugung, dass die beiden miteinander geübt haben mussten.
Die Zweifel, der Verrat und die unausweichliche Versöhnung entfalteten sich zu perfekt, zu flüssig. Deshalb war Janine auch nicht überrascht, als Kevin die Hand Calvins ergriff und ihn zu ihr führte. Sie berührten sich, während des Spiels und in Wirklichkeit. Ihre Vertrautheit unterstützte ihre Kunst.
Erst als er vor ihr stand, ließ Kevin den anderen Mann los. „Ist es in Ordnung, dass Calvin mitkommt?“, fragte er leise.
Janine sah ihn überrascht an, nickte dann. „Ja doch, warum nicht“, antwortete sie trotz widerstrebender Gefühle.
„Ich habe nicht viel Zeit“, sagte Calvin beinahe entschuldigend. „Aber wir können mit meinem Wagen fahren und zurück nehmt ihr ein Taxi.“
Kevin lächelte, also lächelte auch Janine und erntete von Calvin einen spontanen Kuss auf die Wange.
Es dauerte nicht lange, den Drehtag zu beenden und sich umzuziehen. Dennoch wartete Calvin bereits auf sie und auch auf Kevin. Er schien es wirklich eilig zu haben, ein Umstand, der Janine nicht weiter beunruhigte.
„Wohin fahren wir?“, fragte sie, nachdem sie sich gemütlich in die Polster zurückgelehnt und ihren kurzen Seidenrock glattgestrichen hatte.
Calvin antwortete und Janine nickte erfreut. Ein kleines Weinlokal mit abgetrennten Nischen und großer Betonung auf Privatsphäre. Offenbar war dieser Abend nicht als Futter für die Fotographen geplant.
Der Wein war schwer und süß und Janine fragte sich einen Moment, ob beide Männer ihr zuliebe die gleiche Bestellung getätigt hatten.
Sie deutete auf Calvins Karaffe. „Kannst du danach noch fahren?“
Calvin lächelte und legte eine Hand auf Kevins Arm. Überhaupt saßen die beiden sehr eng zusammen. Janine kam es vor, als würden ihre Knie sich unter dem Tisch berühren.
Nicht, dass sie kein attraktives Bild boten, das musste sie unumwunden zugeben. Beide dunkles Haar, kaffeebraune Augen und beinahe die gleichen Hemden, weiß und steif im Kragen. Sie könnten die Brüder sein, als die sie besetzt worden waren.
„Ich trinke nicht aus“, sagte Calvin. „Kevin bekommt, was mir zu viel ist.“ Ihre beiden Augen trafen sich und Janine bemerkte etwas wie Trauer oder Schmerz in dem dunklen Blick.
Dann sah er auf seinen Teller, sprach jedoch weiter. „Ihr versteht euch also gut, Kevin und du.“
Janine blinzelte. „Ja, ich denke schon.“ Verwundert wandte sie ihre Aufmerksamkeit Kevin zu, bemühte sich, seinen Gesichtsausdruck zu deuten.
„Das ist schön.“ Calvin blickte immer noch nach unten. Mit Messer und Gabel schob er lustlos das Stück Baguette auf seinem Teller hin und her. „Sehr schön.“
„Ich… ich weiß nicht…“ Janine runzelte die Stirn, fühlte sich mit einem Mal bloßgestellt, unvorbereitet auf einer Bühne, ohne auch nur die leistete Ahnung zu haben, was von ihr erwartet wurde.
„Es… es ist ein wenig kompliziert“, murmelte Kevin und Janine bemerkte, dass seine Augenlider flatterten.
Calvin bemerkte dies auch. Er beugte sich zu Kevin, legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Möchtest du das lieber ohne mich…?“, fragte er leise.
Kevin seufzte, drehte dann seinen Kopf, um den anderen direkt anzusehen. „Ich glaube ja“, sagte er leise. „Entschuldige bitte. Ich dachte zuerst, es wäre leichter, wenn du dabei bist… aber jetzt.“
„Ich verstehe.“ Calvin lächelte und küsste ihn auf die Wange. „Ruf mich an“, sagte er, bevor er sich erhob und zu Janine ging, diese ebenfalls liebevoll küsste. „Sei nicht böse auf mich“, wisperte er, ein Hauch nur, so dass sie nicht sicher sein konnte, ob die Worte auch für Kevin gedacht waren.
Janines Frage, warum in aller Welt sie denn böse sein sollte, blieb unausgesprochen, als Calvin die Kellnerin winkte und in der weltgewandten Art, die Janine eher aus seiner Rolle kannte, die Rechnung beglich.
Seine Augen trafen noch für einen Augenblick die Calvins, bevor er sich abrupt umdrehte, als würde ihm der Abschied anders nicht gelingen, und das Restaurant verließ.
Das Schweigen zwischen Janine und Kevin dehnte sich aus, wuchs zur Unbeweglichkeit. Endlich hielt Janine es nicht mehr aus, räusperte sich. Als erwache Kevin aus seinen Gedanken, richtete er sich plötzlich auf, griff nach Calvins Glas und stellte es neben das seine. Seine Finger hielten den Stiel und er betrachtete scheinbar konzentriert die Farbe des Getränks, als er anhob zu sprechen.
„Ich wollte Calvin dabei haben, weil ich dachte, dann wäre es leichter, dir unseren… meinen Vorschlag zu unterbreiten.“
Er schwieg wieder und Janine begann unruhig auf ihrem Sitz hin und her zu rutschen. Das wurde eindeutig immer merkwürdiger.
„Was denn für einen Vorschlag?“, fragte sie schließlich.
Kevin hob das Glas, nippte daran, setzte es dann langsam wieder ab. Erst dann blickte er auf, suchte ihre Augen.
„Janine“, begann er.
„Ja?“ Sie lächelte.
„Du bist eine wunderschöne Frau und ein unglaublich nettes Mädchen.“
Janine hob ihre Augenbrauen. „Danke – denke ich.“
„Doch, das bist du. Und… und ich denke, dass du eigentlich nicht verdient hast, was ich vorhabe, dich zu fragen.“
„Das… hört sich wahrhaftig seltsam an.“ Janina runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht, was du meinst.“
Kevin lehnte sich mit einem Seufzer zurück und fuhr sich durch das dunkle Haar. Dann erst wieder sah er sie an.
„Ich… ich liebe Calvin“, sagte er.
„Ach.“ Janines Mund klappte auf.
„Ich liebe ihn“, wiederholte Kevin. „Und er liebt mich, wir lieben uns. Wir… wir sind ein Liebespaar.“
Janine spürte, wie verlegene Röte ihr Gesicht überzog und sich gleichzeitig eine vage Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete. Das verlief definitiv nicht so, wie sie es sich erhofft hatte.
„Und… und warum erzählst du mir das?“, brachte sie mit Mühe hervor. Ihr Mund war plötzlich trocken und sie griff nach ihrem Wein, trank ein paar große Schlucke.
Als sie wieder aufsah, kam es ihr vor, als hätte auch Kevins Gesicht eine rosa Tönung angenommen. Der Gedanke in Zusammenspiel mit der Wärme, die der Wein in ihrem Inneren verursachte, hob Janines Stimmung ein wenig und sie fürchtete beinahe kichern zu müssen. Eine Reaktion, die ihr dann doch nicht angemessen erschien, zumal sie eine gewisse Enttäuschung auch nicht unterdrücken konnte.
„Ich meine… warum bist du dann mit mir ausgegangen?“, fragte sie.
Kevin seufzte und blickte ihr direkt in die Augen. „Kannst du es dir vorstellen?“
Langsam nickte Janine. „Calvin ist verheiratet“, murmelte sie dann. „Er… er wird sich wohl nicht scheiden lassen?“
Kevin schüttelte den Kopf. „Das… das würde ich auch nicht wollen“, gab er zu und senkte den Blick. „Nicht wirklich.“
„Und ihr… und jetzt braucht ihr eine Ablenkung?“, riet Janine. „Einen Aufhänger, damit das Offensichtliche nicht zu offensichtlich ist?“
Kevin stöhnte. „Du weißt, wie das Studio denkt über… über…“
„Gleichgeschlechtliche Liebe?“, fragte Janine. „Bei mir fänden sie es gut.“
Sein schiefes Lächeln blitzte auf, als Kevin antwortete. „Das ist bei Frauen immer noch ein wenig anders.“
Janine nahm noch einen Schluck. „Ich denke, ich fange an zu verstehen.“ Sie konnte es nicht verhindern, dass Bitterkeit in ihrer Stimme mitklang. „Die Show gestern war ein Test, ob es funktioniert. Und nachdem die Presse angesprungen ist, dachte Calvin, es sei an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.“
„Das war nicht Calvins Idee“, entschlüpfte es Kevin in härterem Tonfall, als beabsichtigt. „Er… ich denke, er würde es sogar öffentlich machen… wenn… wenn seine Frau nicht wäre und er ihr nicht wehtun wollte.“
Janine schnaubte. „Da kommt er jetzt drauf?“
Kevins Blick traf den ihren und wirkte nun so flehentlich, dass Janine nicht anders konnte, als sich zu fragen, wer eigentlich den dominierenden Part in dieser Beziehung einnahm. Und Kevins folgende Worte bestätigten ihre Vermutung.
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn… wenn alle Bescheid wüssten“, gab er gequält zu. „Nicht nur wegen…“ Er vollführte eine ungenaue Handbewegung, sank dann, wenn überhaupt möglich, noch tiefer in sich zusammen.
„Ich kann es einfach nicht… es geht nicht. Nicht jetzt… nicht zu diesem Zeitpunkt.“
„Und ich… ich soll deine Freundin spielen?“
Janine holte tief Luft, bemühte sich den Schmerz fort zu atmen, der in ihr aufklaffte.
„Nein.“ Kevin sah wieder auf. „Nicht nur spielen.“ Er biss sich auf die Unterlippe und sah sie so unglücklich an, dass sie fast gerührt war. „Ich… ich möchte wirklich mit dir zusammen sein.“
„In der Öffentlichkeit… auf Premieren…“, ergänzte sie fragend.
„Auch“, gab Kevin zu. „Aber nicht nur.“
„Du… du möchtest eine Frau, für die Zeit, wenn Calvin mit seiner Familie zusammen ist“, schloss Janine.
„Ein normales Leben“, sagte Kevin schwach. „Wenigstens soviel davon, wie ich haben kann.“
Janine schwieg und verstand. Ein normales Leben. Etwas, wovon sie lange nicht mehr bewusst geträumt hatte. Und obwohl sie wusste, dass sie es nie haben könnte, im Grunde ihres Herzens wahrscheinlich auch niemals haben wollte, blieb doch die Illusion, das rahmenhafte Gebilde ein Gerüst, an dem festzuhalten, sie sich wünschte. Ein unterschwelliger Wunsch, einer, der niemals ausgesprochen, nicht einmal in Gedanken formuliert wurde, doch glich er einer Sehnsucht, an deren Unstillbarkeit sie sich gewöhnt hatte.
„Ein normales Leben“, wiederholte sie laut, aber nachdenklich. „Du sprichst von Premieren, gemeinsamen Auftritten, Gastspielen, wie dem gestern.“
Kevin nickte vage. „Vielleicht auch mehr.“
„Mehr, wie zusammen wohnen?“
Kevin zog eine Augenbraue hoch. „Vielleicht. Warum nicht? Eines Tages?“
„Hm.“ Janine begann es sich vorzustellen.
„Wie viel von alldem wäre Show?“, fragte sie nach einer Weile sachlich.
Und plötzlich lächelte Kevin. „So viel du willst“, antwortete er.
Sie sah ihn an, spitzte nachdenklich die Lippen. „Du machst mir demnach einen Antrag mit allem Drum und Dran, nur unter der Voraussetzung, dass ich die Sache zwischen dir und Calvin akzeptiere und geheim halte.“
Kevin atmete aus. „Das wäre so ungefähr der Deal.“
Janine wog Vorteile gegen Nachteile ab und kam zu einem Schluss. „Du würdest alles tun, was ich dir sage?“
„Nun, vielleicht nicht alles.“ Kevin lächelte wieder. „Aber sicher das, woran du denkst.“
Janine kicherte. „Du wärst mein Traumprinz?“
„Dein was?“ Kevins Blick weitete sich belustigt.
Janine zuckte mit den Schultern. „Nun – irgendetwas möchte ich auch davon haben. Und ein Verhältnis mit einem Mann wie dir, einem gutaussehenden, erfolgreichen Mann, der mir sicher in mehr als einer Hinsicht Wege ebnen kann, mir helfen wird, aus meinem Namen einen Begriff zu machen und der mich zudem auf Händen trägt, mich ausführt, öffentlich beschenkt…“ Sie kicherte wieder, nickte dann. „Ich denke, das wäre es mir wert.“
„Wirklich?“ Kevin sah sie gespannt an und Janine nickte, seufzte und legte dann ihre Hand auf die Seine.
„Wirklich und ehrlich. Ich gebe zu, dass meine Vorstellung ein wenig romantischerer Natur waren, aber letztendlich geht es doch darum, so pragmatisch wie möglich zu sein.“
Kevin nahm ihre Hand auf, drehte sie in der Seinen und küsste ihre Handinnenfläche. „Ich wusste, dass du die Richtige bist“, sagte er leise. „Danke.“
Janine lächelte. Wenn dies das Beste war, was sie bekommen konnte, dann sollte der Teufel sie holen, wenn sie es sich nicht nähme.