Titel: Eine Eppes-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Numb3rs
Rating: PG
Genre: Comedy, Crack
Warnungen: Geschmacklos und anstößig
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit kein Geld.
* * *
„Du bist so still“, sagte Alan Eppes zu seinem Sohn, der gedankenverloren in seiner Tasse Kaffee rührte.
Mathematikprofessor Charlie Eppes nickte und rollte mit den Augen. „Das liegt daran, dass die Autorin, die diese Geschichte verfasst, in der Schule nicht richtig aufgepasst hat.“ Er seufzte auf und legte den Löffel ab. „Deshalb versteht sie auch nie, wovon ich eigentlich spreche, wenn ich damit beginne, meine abstrakten Theorien und komplizierten Berechnungen zu erläutern.“
Alan runzelte die Stirn. „Aber weshalb sollte sie dann die Serie ansehen, geschweige denn darüber schreiben?“
Charlie zuckte mit den Schultern. „Sobald ich anfange zu reden, schaltet sie ihr Gehirn ab und beginnt damit, meine dunklen Locken zu bewundern. Oder ihre Gedanken wandern zu Dons muskulösem Körper, beziehungsweise der Art, wie er seine Jeans trägt – eng und knackig.“
Don sah auf. „Was ist mit mir?“
Charlie schüttelte den Kopf. „Das willst du nicht wissen, glaube mir.“
Don wandte sich wieder seiner Akte zu. „Also, wie weit sind wir nun?“
Sein Vater kratzte sich am Kopf.
„Nicht sehr weit. Bis jetzt haben wir vier Leute, die Hanukkah feiern.
Drei, die beim besten Willen kein Fest in ihrer Religion finden konnten, das auch nur annähernd in die Nähe des Dezembers fällt,
fünf, die unsere Idee ablehnen
und drei, die grundsätzlich bereit wären, ein nicht-konfessionelles Winterfest zu begehen.
Außerdem fünf Christen, von denen vier behaupten, dass ihnen Weihnachten herzlich egal ist, sie aber unterm Strich lieber in einem lebensgefährlichen Einsatz steckten, als mit ihrer Familie den Abend zu verbringen.“
Don überlegte kurz, schlug dann Kommandoton an. „In diesem Fall würde ich mich doch gegen die Idee einer Weihnachtsfolge entscheiden.“
Alan schob die Unterlippe vor. „Die Leute lieben Weihnachtsfolgen“, bemerkte er. „Und auch wenn ich persönlich nicht verstehe warum - Hanukkah macht erheblich mehr Spaß und bietet wenigstens eine aufregende Hintergrundgeschichte - so bin ich doch in einem Alter, in dem es sich auszahlt auf die Zuschauerwünsche einzugehen. Ganz im Ernst – die erfolgreichen Serien wachsen nicht auf Bäumen, das muss ich euch beiden doch wohl nicht sagen.“
Charlie nickte. „Statistisch gesehen…“
Don hob warnend den Zeigefinger. „Nicht jetzt, Charlie. Wir haben kein Geld übrig für die aufwendigen Computeranimationen, die dein Mathematik-Geschwafel untermalen.“ Er räusperte sich. „Und außerdem bin ich aus der Übung was den konzentrierten, zugleich gelangweilten und unterschwellig genervten Gesichtsausdruck angeht, mit dem ich darauf reagieren muss.“
„Das ist aber jetzt unfair“, meldete Amita sich zu Wort. „Als Inderin und praktizierende Hindu liegt mir der Weihnachtsgedanke zwar fern, aber diese Animationen, zumal wenn sie um mich kreisen, sind doch jedesmal wieder eine Augenweide.“
Charlie legte seine Hand auf ihre und blickte ihr tief in die Augen. „Da stimme ich dir vollkommen zu, mein Liebling.“
„Und was ist mit mir?“ warf Larry Fleinhardt ein. „Hatte ich nicht vorgeschlagen das Ganze von einer astronomischen Warte aus zu betrachten? Rotierende Planeten, Sternenhimmel und vielleicht hier und da ein vorbeizischender Komet, während ich das Prinzip von Licht im Dunkel erläutere, passen in fast jede Religion oder Weltanschauung und bieten außerdem noch was fürs Auge. Ich könnte eine Anspielung auf den Stern von Betlehem fallen lassen, womit wir das Christentum gleich erledigt hätten.“
„Nicht schlecht.“ Don hob die Augenbrauen. „Auch das Mythologische ließe sich so elegant abhaken.“
Charlie nickte eifrig. „Wir enden mit einem geselligen Beisammensein, wahlweise inklusive des Entzündens der Menora oder des Aufbruchs in die Synagoge. David und Colby küssen sich unter dem Mistelzweig, Nikki lädt Liz in die Moschee ein und irgendwo brennt ein Feuer zur Wintersonnenwende.“
Alan rieb sich die Hände. „Das hört sich doch gut an. So dürften wir ausreichend Vielfalt einbringen und niemanden vor den Kopf stoßen.“
„Mit Ausnahme der Autorin“, gab Larry zu bedenken.
Charlie sah ihn erstaunt an. „Wieso denn das?“
Larry grinste. „Na, die hat von den empfindlichen religiösen Gefühlen der Leser noch weniger Ahnung als von Mathematik.“
„Gibt’s nicht“, staunte Charlie.
„Oh doch“, seufzte Amita. „Ich konnte ihr das Einmaleins beibringen, aber das Wirken Shivas hielt sie für ein ostafrikanisches Märchen.“
„Das kann schwierig werden“, stellte Alan fest. „Nebenbei benötigen wir ja auch noch den Weihnachts-Klassiker: einen wahnsinnigen Serienkiller, der es auf Mitarbeiter des FBIs abgesehen hat.“
Er kratzte sich am Kinn.
„Da existiert ein weiteres Problem. Wer erklärt ihr diesmal die Mechanik von Schusswaffen, oder anatomische Grundsätze, wenn es um das Spritzen von Blut oder das Ausweiden der Organe geht? Das gibt doch wieder ein Desaster, wenn wir versuchen, die Sache der Gerichtsmedizin zu präsentieren.“
Don klappte seine Akte zusammen und stand auf. „Ich übernehme das“, erklärte er resolut.
Charlie hob eine Augenbraue. „Sei vorsichtig“, warnte er. „Wenn es in ihrem Büro nach Glühwein liegt und irgendwo ein paar Dessous herumliegen, dann nimm lieber Robin zur Selbstverteidigung mit.“
„Das hilft nichts“, seufzte Don. „Beim letzten Mal schlug sie einen flotten Dreier vor.“
Alans Mund klappte auf. „Ihr habt doch nicht…?“
Don grinste. „Wo denkst Du hin. Ich hab nur zugesehen.“
Ende
Samstag, 19. Dezember 2009
Weihnachten in San Francisco
Weihnachten in San Francisco
Titel: Weihnachten in San Francisco
Autor: callisto24
Genre: Crossover, comedy
Fandoms: 24, House, Numb3rs, CSI Miami, Monk, Santa Claus ...
Rating: PG-13
Inhalt: Weihnachtsquatsch
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
* * *
„Ich fühl mich wie zu Gast in einem Agatha Christie Roman“, schimpfte Geheimagent außer Dienst Jack Bauer. „Kaum nehme ich mir ein paar Tage frei, um Weihnachten auszuspannen und schon geschieht ein Verbrechen. Und wer muss es wieder aufklären?“
Sein flammender Blick wanderte über die farblich perfekt abgestimmte und nach Feng Shui Maßstäben berechnete Einrichtung des Wellness-5-Sterne-Hotels und er kratzte sich, vollkommen unpassend, an seinem Dreitagebart.
Captain Stottlemaier, amtierender Chef der Polizei San Francisco blickte vom Tatort auf. Sein Gesicht erhellte sich. „Ach, Mr. Bauer. Das ist gut. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Vielleicht, wenn Sie Kontakt zum Präsidenten herstellen?“
„Wieso?“, schnaubte Bauer ungehalten. „Handelt es sich um eine internationale Verschwörung?“
Stottlemaier spielte gedankenverloren mit seinem Schnurrbart, bevor er antwortete.
„Es sieht ganz so aus. Die Täter stehen eindeutig in Kontakt. Demnach muss es sich wohl um ein Netzwerk handeln. Die vermummten Täter schlagen weltweit beinahe zeitgleich zu. Spuren ihres Eindringens finden sich sozusagen in jeder uns bekannten Zivilisation.“
„Verstehe.“
Ein unauffällig wirkender Herr mit schiefgelegtem Kopf in mausgrauem Anzug, der bislang die Wände abgeschritten und unverständliche Worte gemurmelt hatte, trat zu Jack.
Mit leicht zitterndem Finger wies er auf die unmoderne, jedoch überaus praktische Multi-Funktions-Tasche, ohne die der Agent hilflos war und niemals seine vier Wände verlassen würde.
„Ihr Gurt hängt schief.“
Jacks Augenbrauen zogen sich zusammen. Seine Hand fuhr zum Gürtel, doch stieß tatsächlich an die leicht schief hängende Tasche. Doch bevor er mit seiner vernichtenden Antwort heraus platzen konnte, fiel ihm Stottlemaier ins Wort.
„Darf ich Ihnen Adrian Monk vorstellen? Er ist unverzichtbar bei Ermittlungen wie dieser. Sein photographisches Gedächtnis legendär.“
Monk sah betreten nach unten. „Es ist ein Segen und ein Fluch.“
Jack zog eine Augenbraue hoch. „Ach wirklich?“
Doch als Monk sich wieder zu ihm lehnte und seiner Tasche verdächtig nahe kam, beinahe begann an derselben herum zu fummeln, platzte ihm der Kragen.
„Fassen Sie mich nicht an“, bellte Jack empört.
Mister Monk wich erschrocken zurück und hob abwehrend beide Hände.
„Was ist hier los?“
Die Welt verstummte für einen Augenblick. Lediglich wer genau acht gab, konnte in der Ferne leise Engelsgesänge vernehmen.
Eine Lichtgestalt tauchte in der Mitte des gebogenen Eingangstores auf. Die eben noch düstere Atmosphäre machte strahlendem Sonnenlicht Platz und der Himmel leuchtete in einem grellen Königsblau.
Es war Horatio Caine, der sich unter das Volk begab und als erstes seine Sonnenbrille abnahm. Ein lässiges Kopfnicken rief das Team geschulter Spurensicherer auf den Plan.
„Wo ist das Opfer?“ Blitzend blaue Augen huschten über die Anwesenden, blieben für einen Moment an Stottlemaiers aufrechter Gestalt hängen, eindeutig die Gegenwart einer ebenbürtigen Respektsperson anerkennend.
„Kein Opfer“, antwortete dieser. „Aber eine Menge Spuren.“ Er begann aufzuzählen: „Engelshaar, Glitter, Sternenstaub, Lebkuchenbrösel, Glühweinflecken auf dem Teppich…“
Horatio winkte Eric und Calleigh, seinen perfekten Assistenten, die umgehend begannen, die Wände mit farbigen Sprays und feinen Pinseln zu bemalen, bunte Lampen an und aus zu knipsen, bevor sie mit Wattestäbchen die Ecken reinigten.
„Also mich brauchen Sie dann wohl doch nicht“, bemerkte Jack beim Anblick der Reinigungsvorgänge. „Schließlich hab ich Ferien.“
Ein Pfiff ertönte. „Nicht so schnell, mein Freund.“ Dr. House humpelte aus einem Seiteneingang, gefolgt von seinen neuen Assistenzärzten, frisch befördert aus der Serie Scrubs, womit sich auch seine zeitweilig miserable Laune erklären ließ.
Dr. House lehnte sich auf seinen Spazierstock und wedelte mit der Hand. „Noch ist hier jeder verdächtig, wenn ich das richtig sehe. Und Mr. Bauer ist nun mal kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum geht, Vorschriften und Regeln zu übertreten.“
„Ich bezweifle, dass du ans Glashaus klopfen solltest, Gregory“, bemerkte Horatio skeptisch.
„Ha!“ House lachte auf. „Du willst doch nicht etwas behaupten, dass du die Ermittlungen leitest, Caine.“
Horatio setzte seine Sonnenbrille wieder auf. „Ich denke meine Ermittlungserfolge sprechen für sich.“
„Es ist nichts gestohlen worden“, murmelte Adrian Monk leise.
„Nichts gestohlen? Kein Opfer?“ Horatio winkte seinen Mannen. „Ich sehe schon, dann ist dieser Fall unter unserem Niveau.“
„Unter meinem auch“, bemerkte Monk. „Mord ist eigentlich mein Metier.“
„Ruhe“, befahl Stottlemaier. „Wir befinden uns in einer Zwangslage. Vertrauen Sie mir, niemand möchte hier sein. Wir sind hier nur hineingeraten, weil uns die Flucht vor den jahreszeitbedingten Feierlichkeiten offenbar aus den verschiedensten Ecken Amerikas zu dieser Ferienanlage geführt hat. Ob dies etwas zu bedeuten hat? Wir werden sehen.“
House kratzte sich an der Schläfe. „Aber wo liegt denn jetzt das Verbrechen?“
„Das kann ich Ihnen sagen.“ Der Hotelmanager, ein gewichtiger Mann in einem zu engen Seidenanzug mischte sich ein. Er wischte sich mit einem bestickten Stofftaschentuch die Stirn ab, bevor er zu sprechen begann.
„Es ist einfach nicht in Ordnung, dass jeder hergelaufene Tramper in mein schickes Etablissement einbricht und seinen Müll hier verstreut.
„Was für einen Müll denn?“ Jack sah ihn fragend an.
„Na hier, diesen billigen Modeschmuck.“ Der Hotelmanager rümpfte die Nase.
„Tannenzweige! Das trägt man heutzutage nicht mehr. Kerzen, Nüsse, Mandarinen, Lebkuchen? Ich frage mich ernsthaft, was das soll. Totale Geschmacksverirrung. Passt in keine California Diät und besitzt so überhaupt keinen Stil.“
Jack knirschte mit den Zähnen. „Das hört sich allerdings nach einem Verbrechen an, mein Herr. Wissen Sie eigentlich womit ich mich sonst beschäftige? Haben Sie eine Ahnung, was ich alles auf mich nehme, damit Sie Design und Diät zum Sinn und Zweck ihres wertlosen Lebens erklären können?“
„Wie bitte?“ Der Hotelmanager sah ihn entgeistert an. „Ich muss doch sehr bitten. Was erlauben Sie sich?“
House schob sich grinsend näher und klopfte dem geplagten Hotelvorstand beruhigend auf die Schulter. „Nehmen Sie es nicht so schwer. Der Patient leidet definitiv an Selbstüberschätzung, Größenwahn und akuter Gewaltbereitschaft.“
„Sie werden gleich sehen, wie gewaltbereit ich bin.“ Jack hob mit rotem Gesicht die Faust.
„Was zu beweisen war.“ House wich glucksend zurück.
„Was bitte hat Jack Bauers Gewaltbereitschaft mit einem Einbrecher zu tun, der offensichtlich Tendenzen zum Innenarchitekten aufweist?“ Cuddy verschränkte die Arme vor der Brust.
„Pst.“ House legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Wir wollten doch nicht, dass unsere kleine Betriebsliaison an die Öffentlichkeit gerät?“
„Zu spät“, murmelte Monk und pustete ein langes, dunkles Haar von der Jacke des Arztes. „Sie sollten außerdem die Lippenstiftspuren im Nackenbereich entfernen.“ Er wand sich angeekelt. „Nathalie! Tuch… schnell!“
„Zurück zum Thema“, brüllte Stottlemaier. „Was sagt die Forensik… äh, Spurensicherung… was auch immer?“
Calleigh warf ihr güldenes Haar zurück, während sie zahllose blitzende Geräte wieder in ihre Tasche beförderte. „Kein Blut, kein gewaltsames Eindringen, keine Zerstörung von Eigentum“, stellte sie fest. „Eric hat DNA – Proben genommen. Eric?“
Eric räusperte sich. „Der Täter ist eindeutig männlich. Das Alter lässt sich schwer bestimmen, aber gewisse Anzeichen lassen darauf schließen, dass er nicht mehr der Jüngste ist.“
„Was für Anzeichen?“ Eric zuckte mit den Schultern.
„Nur so ein Gefühl.“
„Das genügt mir, Eric.“ Horatio nahm seine Sonnenbrille wieder ab. Er überlegte einen Moment, ließ sie dann fallen und trat kräftig darauf.
„He!“ Der Hotelmanager empörte sich erneut. „Das ist Umwelt… äh… Hotelverschmutzung. Ich kann mir keine Überstunden für den Putzdienst leisten?“
Jacks Augen leuchteten auf. „Darf ich auch mal, Kumpel?“
„Nur zu.“ Horatio machte den Weg frei und Jack sprang mit beiden Beinen auf die Brille. „Die nervt mich schon viel zu lange.“
Der Hotelmanager lief grün an. „Das ist nicht die feine Art. Bestimmt nicht das Benehmen, dass ich in einem First Class Hotel voraussetze. Mr. Bauer, ich fürchte, ich muss Sie entlassen, bzw. des Hauses verweisen. Quartieren Sie sich woanders ein.“
„Ich habe nichts kaputt gemacht“, meldete sich Monk zu Wort. „Aber ich weiß jetzt, von wo der Eindringling… äh… eindrang.“
„Ach ja?“ Calleigh fuhr herum, stieß Nathalie beiseite und lächelte Monk süß an. „Ich liebe intelligente Männer.“
„Ähm.“ Monk lockert seine Krawatte. „Also, es lief so ab. Der Täter, ein ziemlich breit gebauter, älterer Herr in rotem Samt, rutschte den Kamin herab, genau hier.“ Er wies auf einen glänzend roten Fussel, der sich in der schmiedeeisernen Verzierung verfangen hatte. „Und dies hier sind eindeutig Haare aus einem weißen Bart, getränkt mit Milch, behaftet mit Krümeln süßer Plätzchen.“
Monk schauderte. „Es sollte Bartträgern verboten werden, in der Öffentlichkeit Nahrung zu sich zu nehmen.“
„Schon gut“, brummte Stottlemaier. „Wir haben also ein Profil, zumindest ein äußerliches. Fehlt noch die Motivation für die Untat.“
Jack Bauer schob ein Magazin in seine Waffe. „Unruhestifter brauchen kein Motiv. Es geht ihnen darum, die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen. Ihr Ziel ist die Anarchie. Barttragende Samtanzüge passen exakt zu diesem Gesindel.“
„Es waren allerdings mehrere“, brummte Stottlemaier. „Zeugen berichten von kleinwüchsigen Gestalten mit tief in die Stirn gezogenen, grünen Zipfelmützen.“
„Was für Zeugen?“, erkundigte sich Horatio und griff unwillkürlich nach der nicht mehr vorhandenen Sonnenbrille.
„Ein Brot und ein Zauberlehrling“, beeilte Eric sich zu versichern. „Die Kollegen von Numb3rs haben sie gerade vernommen. Professor Eppes hatte in seiner Jugend einen Aushilfsjob am Nordpol, besitzt Kontakte aus erster Hand.“
„Aha“, donnerte Jack. „Die Spur verdichtet sich.“
„Ganz genau.“ Charlie Eppes, einen extrem verlegenen Gesichtsausdruck und eine bekritzelte Schiefertafel vor sich her tragend, betrat den Raum. „Ich wollte meine pubertären Ausfälle eigentlich geheim halten, aber wenn es um die Sache geht…“
Er schluckte und winkte Bernd das Brot und Harry Potter zu sich. „Diese beiden werden Licht in die Angelegenheit bringen.“
Harry nickte und lehnte sich auf seinen Besen. „Rudolf das Rentier führte den Fluchtwagen. Ich konnte ihn sofort identifizieren. Seine Nase leuchtete.“
„Ich hasse Weihnachten“, warf Bernd ein.
„Wie bitte?“, erkundigte sich Stottlemaier.
Bernd stöhnte. „Hallo?
Santa?
Der Nikolaus? Der Typ mit den Geschenken, der durch den Kamin rutscht?“
Charlie Eppes drängelte sich eifrig vor. „Genau das haben meine Berechnungen aufgrund der 12-heiligen Nächte Theorie ergeben. Addiert man noch die Wartezeit von 24?“
„Was? Schon wieder nur 24 Stunden? Ich bestehe auf einem richtigen Urlaub“, schimpfte Jack.
House schüttelte den Kopf. „Es geht nicht immer nur um dich, Jacky. Du musst etwas gegen deinen Narzissmus tun. Vielleicht kennt Adrian einen guten Therapeuten.“
„Ein Jack Bauer braucht keine Therapie“, schmollte Jack. „Wäre ja noch schöner. Ich warte bis Sylvester und dann jage ich was in die Luft. Damit geht es mir gleich besser.“
„Ja, das hilft mir auch alljährlich“, nickte Horatio.
„Also abgemacht“, rieb Stottlemaier sich die Hände. „Wir treffen uns in einer Woche zum Showdown. Ich denke, es sollte etwas Großes sein, die CTU, FBI Zentrale, ein Filmstudio… etwas das uns seelisch so richtig befreit. “
„Aber nicht hier“, warf der Hotelmanager ein und legte die Stirn in Falten. „Andererseits - man könnte natürlich eine Doku-Soap darüber drehen: Stressbewältigung a la Carte mit explosivem Finale. 7 Tage, 7 Helden und ein Feuerwerk.“
„Bist du dabei, Adrian?“ Jack drehte sich zu ihm um. „Wir brauchen jemanden, der nachher aufräumt.“
„Aufräumen?“ Monk sah Natalie fragend an. „Aber was ist jetzt mit dem Fall?“
„Vergiss den Fall“, sagte seine Assistentin strahlend. „Ich glaube, eine kleine Explosion könnte auch den unterdrückten Ärger über meine schlechte Bezahlung freisetzen.“
„Das ist die rechte Weihnachtsstimmung.“ House rieb sich die Hände. „Lass dich küssen, Cuddy. Jetzt geht’s los.“
* * *
Titel: Weihnachten in San Francisco
Autor: callisto24
Genre: Crossover, comedy
Fandoms: 24, House, Numb3rs, CSI Miami, Monk, Santa Claus ...
Rating: PG-13
Inhalt: Weihnachtsquatsch
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
* * *
„Ich fühl mich wie zu Gast in einem Agatha Christie Roman“, schimpfte Geheimagent außer Dienst Jack Bauer. „Kaum nehme ich mir ein paar Tage frei, um Weihnachten auszuspannen und schon geschieht ein Verbrechen. Und wer muss es wieder aufklären?“
Sein flammender Blick wanderte über die farblich perfekt abgestimmte und nach Feng Shui Maßstäben berechnete Einrichtung des Wellness-5-Sterne-Hotels und er kratzte sich, vollkommen unpassend, an seinem Dreitagebart.
Captain Stottlemaier, amtierender Chef der Polizei San Francisco blickte vom Tatort auf. Sein Gesicht erhellte sich. „Ach, Mr. Bauer. Das ist gut. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Vielleicht, wenn Sie Kontakt zum Präsidenten herstellen?“
„Wieso?“, schnaubte Bauer ungehalten. „Handelt es sich um eine internationale Verschwörung?“
Stottlemaier spielte gedankenverloren mit seinem Schnurrbart, bevor er antwortete.
„Es sieht ganz so aus. Die Täter stehen eindeutig in Kontakt. Demnach muss es sich wohl um ein Netzwerk handeln. Die vermummten Täter schlagen weltweit beinahe zeitgleich zu. Spuren ihres Eindringens finden sich sozusagen in jeder uns bekannten Zivilisation.“
„Verstehe.“
Ein unauffällig wirkender Herr mit schiefgelegtem Kopf in mausgrauem Anzug, der bislang die Wände abgeschritten und unverständliche Worte gemurmelt hatte, trat zu Jack.
Mit leicht zitterndem Finger wies er auf die unmoderne, jedoch überaus praktische Multi-Funktions-Tasche, ohne die der Agent hilflos war und niemals seine vier Wände verlassen würde.
„Ihr Gurt hängt schief.“
Jacks Augenbrauen zogen sich zusammen. Seine Hand fuhr zum Gürtel, doch stieß tatsächlich an die leicht schief hängende Tasche. Doch bevor er mit seiner vernichtenden Antwort heraus platzen konnte, fiel ihm Stottlemaier ins Wort.
„Darf ich Ihnen Adrian Monk vorstellen? Er ist unverzichtbar bei Ermittlungen wie dieser. Sein photographisches Gedächtnis legendär.“
Monk sah betreten nach unten. „Es ist ein Segen und ein Fluch.“
Jack zog eine Augenbraue hoch. „Ach wirklich?“
Doch als Monk sich wieder zu ihm lehnte und seiner Tasche verdächtig nahe kam, beinahe begann an derselben herum zu fummeln, platzte ihm der Kragen.
„Fassen Sie mich nicht an“, bellte Jack empört.
Mister Monk wich erschrocken zurück und hob abwehrend beide Hände.
„Was ist hier los?“
Die Welt verstummte für einen Augenblick. Lediglich wer genau acht gab, konnte in der Ferne leise Engelsgesänge vernehmen.
Eine Lichtgestalt tauchte in der Mitte des gebogenen Eingangstores auf. Die eben noch düstere Atmosphäre machte strahlendem Sonnenlicht Platz und der Himmel leuchtete in einem grellen Königsblau.
Es war Horatio Caine, der sich unter das Volk begab und als erstes seine Sonnenbrille abnahm. Ein lässiges Kopfnicken rief das Team geschulter Spurensicherer auf den Plan.
„Wo ist das Opfer?“ Blitzend blaue Augen huschten über die Anwesenden, blieben für einen Moment an Stottlemaiers aufrechter Gestalt hängen, eindeutig die Gegenwart einer ebenbürtigen Respektsperson anerkennend.
„Kein Opfer“, antwortete dieser. „Aber eine Menge Spuren.“ Er begann aufzuzählen: „Engelshaar, Glitter, Sternenstaub, Lebkuchenbrösel, Glühweinflecken auf dem Teppich…“
Horatio winkte Eric und Calleigh, seinen perfekten Assistenten, die umgehend begannen, die Wände mit farbigen Sprays und feinen Pinseln zu bemalen, bunte Lampen an und aus zu knipsen, bevor sie mit Wattestäbchen die Ecken reinigten.
„Also mich brauchen Sie dann wohl doch nicht“, bemerkte Jack beim Anblick der Reinigungsvorgänge. „Schließlich hab ich Ferien.“
Ein Pfiff ertönte. „Nicht so schnell, mein Freund.“ Dr. House humpelte aus einem Seiteneingang, gefolgt von seinen neuen Assistenzärzten, frisch befördert aus der Serie Scrubs, womit sich auch seine zeitweilig miserable Laune erklären ließ.
Dr. House lehnte sich auf seinen Spazierstock und wedelte mit der Hand. „Noch ist hier jeder verdächtig, wenn ich das richtig sehe. Und Mr. Bauer ist nun mal kein unbeschriebenes Blatt, wenn es darum geht, Vorschriften und Regeln zu übertreten.“
„Ich bezweifle, dass du ans Glashaus klopfen solltest, Gregory“, bemerkte Horatio skeptisch.
„Ha!“ House lachte auf. „Du willst doch nicht etwas behaupten, dass du die Ermittlungen leitest, Caine.“
Horatio setzte seine Sonnenbrille wieder auf. „Ich denke meine Ermittlungserfolge sprechen für sich.“
„Es ist nichts gestohlen worden“, murmelte Adrian Monk leise.
„Nichts gestohlen? Kein Opfer?“ Horatio winkte seinen Mannen. „Ich sehe schon, dann ist dieser Fall unter unserem Niveau.“
„Unter meinem auch“, bemerkte Monk. „Mord ist eigentlich mein Metier.“
„Ruhe“, befahl Stottlemaier. „Wir befinden uns in einer Zwangslage. Vertrauen Sie mir, niemand möchte hier sein. Wir sind hier nur hineingeraten, weil uns die Flucht vor den jahreszeitbedingten Feierlichkeiten offenbar aus den verschiedensten Ecken Amerikas zu dieser Ferienanlage geführt hat. Ob dies etwas zu bedeuten hat? Wir werden sehen.“
House kratzte sich an der Schläfe. „Aber wo liegt denn jetzt das Verbrechen?“
„Das kann ich Ihnen sagen.“ Der Hotelmanager, ein gewichtiger Mann in einem zu engen Seidenanzug mischte sich ein. Er wischte sich mit einem bestickten Stofftaschentuch die Stirn ab, bevor er zu sprechen begann.
„Es ist einfach nicht in Ordnung, dass jeder hergelaufene Tramper in mein schickes Etablissement einbricht und seinen Müll hier verstreut.
„Was für einen Müll denn?“ Jack sah ihn fragend an.
„Na hier, diesen billigen Modeschmuck.“ Der Hotelmanager rümpfte die Nase.
„Tannenzweige! Das trägt man heutzutage nicht mehr. Kerzen, Nüsse, Mandarinen, Lebkuchen? Ich frage mich ernsthaft, was das soll. Totale Geschmacksverirrung. Passt in keine California Diät und besitzt so überhaupt keinen Stil.“
Jack knirschte mit den Zähnen. „Das hört sich allerdings nach einem Verbrechen an, mein Herr. Wissen Sie eigentlich womit ich mich sonst beschäftige? Haben Sie eine Ahnung, was ich alles auf mich nehme, damit Sie Design und Diät zum Sinn und Zweck ihres wertlosen Lebens erklären können?“
„Wie bitte?“ Der Hotelmanager sah ihn entgeistert an. „Ich muss doch sehr bitten. Was erlauben Sie sich?“
House schob sich grinsend näher und klopfte dem geplagten Hotelvorstand beruhigend auf die Schulter. „Nehmen Sie es nicht so schwer. Der Patient leidet definitiv an Selbstüberschätzung, Größenwahn und akuter Gewaltbereitschaft.“
„Sie werden gleich sehen, wie gewaltbereit ich bin.“ Jack hob mit rotem Gesicht die Faust.
„Was zu beweisen war.“ House wich glucksend zurück.
„Was bitte hat Jack Bauers Gewaltbereitschaft mit einem Einbrecher zu tun, der offensichtlich Tendenzen zum Innenarchitekten aufweist?“ Cuddy verschränkte die Arme vor der Brust.
„Pst.“ House legte den Zeigefinger auf die Lippen. „Wir wollten doch nicht, dass unsere kleine Betriebsliaison an die Öffentlichkeit gerät?“
„Zu spät“, murmelte Monk und pustete ein langes, dunkles Haar von der Jacke des Arztes. „Sie sollten außerdem die Lippenstiftspuren im Nackenbereich entfernen.“ Er wand sich angeekelt. „Nathalie! Tuch… schnell!“
„Zurück zum Thema“, brüllte Stottlemaier. „Was sagt die Forensik… äh, Spurensicherung… was auch immer?“
Calleigh warf ihr güldenes Haar zurück, während sie zahllose blitzende Geräte wieder in ihre Tasche beförderte. „Kein Blut, kein gewaltsames Eindringen, keine Zerstörung von Eigentum“, stellte sie fest. „Eric hat DNA – Proben genommen. Eric?“
Eric räusperte sich. „Der Täter ist eindeutig männlich. Das Alter lässt sich schwer bestimmen, aber gewisse Anzeichen lassen darauf schließen, dass er nicht mehr der Jüngste ist.“
„Was für Anzeichen?“ Eric zuckte mit den Schultern.
„Nur so ein Gefühl.“
„Das genügt mir, Eric.“ Horatio nahm seine Sonnenbrille wieder ab. Er überlegte einen Moment, ließ sie dann fallen und trat kräftig darauf.
„He!“ Der Hotelmanager empörte sich erneut. „Das ist Umwelt… äh… Hotelverschmutzung. Ich kann mir keine Überstunden für den Putzdienst leisten?“
Jacks Augen leuchteten auf. „Darf ich auch mal, Kumpel?“
„Nur zu.“ Horatio machte den Weg frei und Jack sprang mit beiden Beinen auf die Brille. „Die nervt mich schon viel zu lange.“
Der Hotelmanager lief grün an. „Das ist nicht die feine Art. Bestimmt nicht das Benehmen, dass ich in einem First Class Hotel voraussetze. Mr. Bauer, ich fürchte, ich muss Sie entlassen, bzw. des Hauses verweisen. Quartieren Sie sich woanders ein.“
„Ich habe nichts kaputt gemacht“, meldete sich Monk zu Wort. „Aber ich weiß jetzt, von wo der Eindringling… äh… eindrang.“
„Ach ja?“ Calleigh fuhr herum, stieß Nathalie beiseite und lächelte Monk süß an. „Ich liebe intelligente Männer.“
„Ähm.“ Monk lockert seine Krawatte. „Also, es lief so ab. Der Täter, ein ziemlich breit gebauter, älterer Herr in rotem Samt, rutschte den Kamin herab, genau hier.“ Er wies auf einen glänzend roten Fussel, der sich in der schmiedeeisernen Verzierung verfangen hatte. „Und dies hier sind eindeutig Haare aus einem weißen Bart, getränkt mit Milch, behaftet mit Krümeln süßer Plätzchen.“
Monk schauderte. „Es sollte Bartträgern verboten werden, in der Öffentlichkeit Nahrung zu sich zu nehmen.“
„Schon gut“, brummte Stottlemaier. „Wir haben also ein Profil, zumindest ein äußerliches. Fehlt noch die Motivation für die Untat.“
Jack Bauer schob ein Magazin in seine Waffe. „Unruhestifter brauchen kein Motiv. Es geht ihnen darum, die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen. Ihr Ziel ist die Anarchie. Barttragende Samtanzüge passen exakt zu diesem Gesindel.“
„Es waren allerdings mehrere“, brummte Stottlemaier. „Zeugen berichten von kleinwüchsigen Gestalten mit tief in die Stirn gezogenen, grünen Zipfelmützen.“
„Was für Zeugen?“, erkundigte sich Horatio und griff unwillkürlich nach der nicht mehr vorhandenen Sonnenbrille.
„Ein Brot und ein Zauberlehrling“, beeilte Eric sich zu versichern. „Die Kollegen von Numb3rs haben sie gerade vernommen. Professor Eppes hatte in seiner Jugend einen Aushilfsjob am Nordpol, besitzt Kontakte aus erster Hand.“
„Aha“, donnerte Jack. „Die Spur verdichtet sich.“
„Ganz genau.“ Charlie Eppes, einen extrem verlegenen Gesichtsausdruck und eine bekritzelte Schiefertafel vor sich her tragend, betrat den Raum. „Ich wollte meine pubertären Ausfälle eigentlich geheim halten, aber wenn es um die Sache geht…“
Er schluckte und winkte Bernd das Brot und Harry Potter zu sich. „Diese beiden werden Licht in die Angelegenheit bringen.“
Harry nickte und lehnte sich auf seinen Besen. „Rudolf das Rentier führte den Fluchtwagen. Ich konnte ihn sofort identifizieren. Seine Nase leuchtete.“
„Ich hasse Weihnachten“, warf Bernd ein.
„Wie bitte?“, erkundigte sich Stottlemaier.
Bernd stöhnte. „Hallo?
Santa?
Der Nikolaus? Der Typ mit den Geschenken, der durch den Kamin rutscht?“
Charlie Eppes drängelte sich eifrig vor. „Genau das haben meine Berechnungen aufgrund der 12-heiligen Nächte Theorie ergeben. Addiert man noch die Wartezeit von 24?“
„Was? Schon wieder nur 24 Stunden? Ich bestehe auf einem richtigen Urlaub“, schimpfte Jack.
House schüttelte den Kopf. „Es geht nicht immer nur um dich, Jacky. Du musst etwas gegen deinen Narzissmus tun. Vielleicht kennt Adrian einen guten Therapeuten.“
„Ein Jack Bauer braucht keine Therapie“, schmollte Jack. „Wäre ja noch schöner. Ich warte bis Sylvester und dann jage ich was in die Luft. Damit geht es mir gleich besser.“
„Ja, das hilft mir auch alljährlich“, nickte Horatio.
„Also abgemacht“, rieb Stottlemaier sich die Hände. „Wir treffen uns in einer Woche zum Showdown. Ich denke, es sollte etwas Großes sein, die CTU, FBI Zentrale, ein Filmstudio… etwas das uns seelisch so richtig befreit. “
„Aber nicht hier“, warf der Hotelmanager ein und legte die Stirn in Falten. „Andererseits - man könnte natürlich eine Doku-Soap darüber drehen: Stressbewältigung a la Carte mit explosivem Finale. 7 Tage, 7 Helden und ein Feuerwerk.“
„Bist du dabei, Adrian?“ Jack drehte sich zu ihm um. „Wir brauchen jemanden, der nachher aufräumt.“
„Aufräumen?“ Monk sah Natalie fragend an. „Aber was ist jetzt mit dem Fall?“
„Vergiss den Fall“, sagte seine Assistentin strahlend. „Ich glaube, eine kleine Explosion könnte auch den unterdrückten Ärger über meine schlechte Bezahlung freisetzen.“
„Das ist die rechte Weihnachtsstimmung.“ House rieb sich die Hände. „Lass dich küssen, Cuddy. Jetzt geht’s los.“
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Unvermeidlich
Titel: Unvermeidlich
Autor: callisto24
Fandom: 24
Rating: PG
Genre: Humor
Inhalt: Sondereinsatz der CTU
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
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"Verdammt, Chloe... wo bleiben die Koordinaten?"
Jacks heisere Stimme drang blechern aus den Lautsprechern, bewirkte, dass die rosige Gesichtsfarbe der Angesprochenen sich um eine Nuance vertiefte.
"Was willst du, Jack? Ich kann nicht hexen", schnappte sie ärgerlich zurück.
"Witterung und Entfernung beeinträchtigen die Übertragung, wie du sehr wohl weißt, also reiß dich zusammen!"
"Du hast gut reden", zischte Jack. "Die Lage ist ernst, wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Die Gefahr, dass die Mistkerle wieder verschwinden und für ein Jahr abtauchen, ist einfach zu groß. Es geht hier schließlich um..."
"Ich weiß." Chloe schnitt ihm das Wort ab, und verdrehte die Augen gen Himmel.
"Jack, wo bist du jetzt?"
Bills stählerne Augen folgten der auf dem Monitor angezeigten Bahn des Satelliten, welcher unmittelbar vor der Vermittlung der einschlägigen Bilder stand.
"Verlassene Lagerhalle, Ecke Scrooge Boulevard. Hab sie genau im Visier."
Jack senkte das Nachtsichtgerät, aktivierte mit der freien Hand einen weiteren Verbindungskanal, der ihn direkt ins Pentagon führte.
"Sie fühlen sich sicher, Karen. Wir sollten sobald als möglich zuschlagen. Was sagt das Verteidigungsministerium?"
"Steht geschlossen hinter euch. Der Präsident wurde bereits informiert, und hat sein OK gegeben, Jack. Wir brauchen nur noch den genauen Standpunkt, und das Problem ist gelöst."
"Keine Bedenken wegen... wegen der Jahreszeit?"
"Die Verräter haben es nicht besser verdient. Bei illegaler Spielzeugproduktion kennt die Regierungsspitze kein Pardon."
"Ich hab die Koordinaten." Chloe japste aufgeregt.
"Was siehst du, Jack?"
Der Agent riskierte einen kurzen Blick, bevor er sich wieder hinter die Mauer zurückzog.
"Es sind viele, nicht auszuschließen, dass es auch Unschuldige trifft!"
"Unschuldig ist niemand, der sein Land auf diese Weise missachtet", bellte Bill zurück.
"Wer ist ihr Anführer?"
Jacks Augen verengten sich zu Schlitzen.
"Er ist korpulent, weißer Bart, trägt einen auffälligen, roten Anzug, vermutlich eine Tracht oder Uniform."
"Wir sehen ihn jetzt." Bill beugte sich über Chloe, um das unscharfe Bild in Augenschein zu nehmen.
"Offensichtlich ist er in Eile, hetzt seine Arbeiter ganz schön in der Gegend herum."
"Ich wusste doch, dass es hier um Sekunden geht", knurrte Jack. "Wie könnte es auch anders sein?"
Er rieb sich die Stirn, sein gequälter Blick flog hinauf zum Sternenhimmel, der sich wie eine Kuppel über ihm wölbte, ungewöhnlich klar und still, als würde die Welt den Atem anhalten.
Was war es nur, das er vergessen hatte? Irgendetwas Wichtiges mussten sie übersehen haben, er könnte es schwören.
"Also gut, Jack." Auch Bills Stimme klang eigenartig gepresst.
"Das Ziel ist anvisiert, die Raketen in Stellung. Internationale Konflikte wurden ausgeschlossen, die führenden Nationen der Erde sind sich einig, dass im Bereich des freien Handels keine Betrügereien erlaubt sind."
"Ich verstehe, Sir", murmelte Jack abwesend.
"Wir sind uns doch einig, dass unser Wirtschaftssystem ernsthaft Gefahr läuft zu kollabieren, wenn wir einfach jedem erlauben würden, ungehemmt zu produzieren und sinnlos zu verteilen, ohne die Regeln des Marktes zu beachten, ohne sich um die selbstregulierenden Kräfte von Angebot, Nachfrage, die belebenden Wechselwirkungen von Zoll, Einfuhr-, Ausfuhrerlaubnis, Steuern, Preisdruck, Monopolmissbrauch, Erpressung..."
"Ich weiß", warf Jack ein. "Ebensowenig wie die Transportindustrie es dulden kann, dass Waren unmittelbar ihrer Bestimmung zugeführt werden... ganz zu schweigen von dem Mangel an Kohlendioxidausstoß durch die streng verbotene Beförderung mit Hilfe fliegender Rentiere. Trotzdem..."
Er schüttelte zweifelnd den Kopf, zupfte unsicher an der schusssicheren Weste.
"Trotzdem kommt es mir irgendwie falsch vor... als hätten wir..."
Er sah erneut empor, hinauf in die sternklare Nacht und ihn fröstelte.
"Es schneit", murmelte er, mit traurigem Blick einer einzelnen, verirrten Flocke folgend, die langsam aus dem wolkenlosen Himmel zu ihm hinab taumelte.
"Es schneit in Los Angeles."
"Was?"
Bill sah Chloe erstaunt an, die sich mit dem Finger gegen die Stirn tippte.
"Jack, mein Junge." Er fuhr sich durch das silbergraue Haar, bemühte sich, den Worten einen besänftigenden, beruhigenden Unterton zu geben.
"Du bist überarbeitet. Nur noch diesen Auftrag, dann gehst du in Urlaub."
"Ich weiß nicht."
"Aber ich weiß... wir jagen jetzt diese Brutstätte terroristisch - kommunistischen Ursprunges in die Luft, und dann legst du die Füße hoch und genießt die Feiertage."
Jack zog die Stirn in Falten.
"Feiertage", flüsterte er. "Endlich Ruhe und..."
Er stockte, drehte, ohne es zu merken, an den Schlaufen seines Patronengurtes.
"Genau", mischte sich Chloe ein, seine Verwirrung selbst durch die Drähte absorbierend.
"Ruhe und... und... das, wovon manchmal in diesem Zusammenhang gesprochen wird...
Aber zuerst musst du diesen Verbrecher erledigen, Jack. Er erhebt sein scheußliches Antlitz nur an diesem einen Tag im Jahr, und doch gelingt es ihm irgendwie, ihn endlos erscheinen zu lassen... erstaunlich, wie er das immer wieder..."
"Ich weiß wie das ist; Chloe... ich weiß es."
"Um so besser!" Bill's Worte durchschnitten messerscharf die Luft.
Jack war mit einem Mal, als würde eine sanfte Brise ihm den Klang von Glöckchen entgegen wehen. Er wand den Kopf, reckte ihn in die Richtung aus der das hauchzarte Geläut sich näherte.
Bill holte tief Luft.
"Jack, du bist doch kein Anfänger. Nur noch den Peilsender befestigen, aktivieren, das Signal zum Abschuss senden, und wir haben endgültig Ruhe vor diesen fundamentalistischen Geschenkeverteilern."
"Morris, sieh doch nur", quietschte Chloe mit einem Mal und wies auf die Satellitenbilder, die nun begannen, sich dem Ziel von verschiedenen Winkeln aus, zu nähern.
"Nein wie niedlich... die grünen Käppchen... und die spitzen Öhrchen..."
Bill schnellte herum.
"Lass dich nicht ablenken", warnte er. "Die Verschwörer haben ihre Zellen vom Nordpol aus überall etabliert, es gibt kaum noch ein Land, das sie noch nicht unterwandert haben. Die Bedrohung darf auf keinen Fall unterschätzt werden."
"Verstanden."
Jack senkte schweren Herzens den Kopf. Ein leises Stöhnen entrang sich seinen Lippen, als er den Schalldämpfer kunstgerecht befestigte, die Skimütze über die Augen zog.
Bill hatte Recht. In der heutigen Zeit gab es keinen Platz für Elemente, die sich weigerten Rücksicht auf das empfindliche Gleichgewicht der ökonomischen Kräfte zu nehmen.
Es war eine Frage der nationalen, nein, der internationalen Sicherheit, zweifellos eine Notwendigkeit, seine persönliche, heilige Pflicht, diesem, so gar nicht marktorientierten Geben und Nehmen, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
Der winzige Sender, der hochexplosives Material pfeilgerade zur Wurzel des Übels lenken sollte, bohrte sich unangenehm in seine Hüfte.
Der Moment war gekommen, es gab keine Alternative, keine weitere Möglichkeit, so sehr er sich auch dagegen sträuben mochte, das Unausweichliche zu akzeptieren.
Ein merkwürdiger Duft erfüllte die Luft, als er sich lautlos, auf schwarzen Gummisohlen, an der schroffen Mauer entlang tastete. Er erinnerte ihn an seine Kindheit, an eine besondere Zeit, angefüllt mit dem Aroma von Gewürzen und Kerzen.
Nun konnte er das Geläut deutlicher vernehmen, es vibrierte hell, und ihm schien, als würde es von leise summenden Schellen begleitet.
Ein glitzernder Faden sank zu Boden.
"Engelshaar", dachte Jack und fing ihn achtlos, während er den Schalter betätigte, der das unscheinbare, elektronische Gerät in eine Quelle pulsierender, leuchtender Wellen verwandelte.
Nur eine einzige, weitere Explosion in dieser Nacht, und die Welt würde im kommenden Jahr ein klein wenig sicherer sein.
Und darauf kam es schließlich an.
Autor: callisto24
Fandom: 24
Rating: PG
Genre: Humor
Inhalt: Sondereinsatz der CTU
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
* * *
"Verdammt, Chloe... wo bleiben die Koordinaten?"
Jacks heisere Stimme drang blechern aus den Lautsprechern, bewirkte, dass die rosige Gesichtsfarbe der Angesprochenen sich um eine Nuance vertiefte.
"Was willst du, Jack? Ich kann nicht hexen", schnappte sie ärgerlich zurück.
"Witterung und Entfernung beeinträchtigen die Übertragung, wie du sehr wohl weißt, also reiß dich zusammen!"
"Du hast gut reden", zischte Jack. "Die Lage ist ernst, wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Die Gefahr, dass die Mistkerle wieder verschwinden und für ein Jahr abtauchen, ist einfach zu groß. Es geht hier schließlich um..."
"Ich weiß." Chloe schnitt ihm das Wort ab, und verdrehte die Augen gen Himmel.
"Jack, wo bist du jetzt?"
Bills stählerne Augen folgten der auf dem Monitor angezeigten Bahn des Satelliten, welcher unmittelbar vor der Vermittlung der einschlägigen Bilder stand.
"Verlassene Lagerhalle, Ecke Scrooge Boulevard. Hab sie genau im Visier."
Jack senkte das Nachtsichtgerät, aktivierte mit der freien Hand einen weiteren Verbindungskanal, der ihn direkt ins Pentagon führte.
"Sie fühlen sich sicher, Karen. Wir sollten sobald als möglich zuschlagen. Was sagt das Verteidigungsministerium?"
"Steht geschlossen hinter euch. Der Präsident wurde bereits informiert, und hat sein OK gegeben, Jack. Wir brauchen nur noch den genauen Standpunkt, und das Problem ist gelöst."
"Keine Bedenken wegen... wegen der Jahreszeit?"
"Die Verräter haben es nicht besser verdient. Bei illegaler Spielzeugproduktion kennt die Regierungsspitze kein Pardon."
"Ich hab die Koordinaten." Chloe japste aufgeregt.
"Was siehst du, Jack?"
Der Agent riskierte einen kurzen Blick, bevor er sich wieder hinter die Mauer zurückzog.
"Es sind viele, nicht auszuschließen, dass es auch Unschuldige trifft!"
"Unschuldig ist niemand, der sein Land auf diese Weise missachtet", bellte Bill zurück.
"Wer ist ihr Anführer?"
Jacks Augen verengten sich zu Schlitzen.
"Er ist korpulent, weißer Bart, trägt einen auffälligen, roten Anzug, vermutlich eine Tracht oder Uniform."
"Wir sehen ihn jetzt." Bill beugte sich über Chloe, um das unscharfe Bild in Augenschein zu nehmen.
"Offensichtlich ist er in Eile, hetzt seine Arbeiter ganz schön in der Gegend herum."
"Ich wusste doch, dass es hier um Sekunden geht", knurrte Jack. "Wie könnte es auch anders sein?"
Er rieb sich die Stirn, sein gequälter Blick flog hinauf zum Sternenhimmel, der sich wie eine Kuppel über ihm wölbte, ungewöhnlich klar und still, als würde die Welt den Atem anhalten.
Was war es nur, das er vergessen hatte? Irgendetwas Wichtiges mussten sie übersehen haben, er könnte es schwören.
"Also gut, Jack." Auch Bills Stimme klang eigenartig gepresst.
"Das Ziel ist anvisiert, die Raketen in Stellung. Internationale Konflikte wurden ausgeschlossen, die führenden Nationen der Erde sind sich einig, dass im Bereich des freien Handels keine Betrügereien erlaubt sind."
"Ich verstehe, Sir", murmelte Jack abwesend.
"Wir sind uns doch einig, dass unser Wirtschaftssystem ernsthaft Gefahr läuft zu kollabieren, wenn wir einfach jedem erlauben würden, ungehemmt zu produzieren und sinnlos zu verteilen, ohne die Regeln des Marktes zu beachten, ohne sich um die selbstregulierenden Kräfte von Angebot, Nachfrage, die belebenden Wechselwirkungen von Zoll, Einfuhr-, Ausfuhrerlaubnis, Steuern, Preisdruck, Monopolmissbrauch, Erpressung..."
"Ich weiß", warf Jack ein. "Ebensowenig wie die Transportindustrie es dulden kann, dass Waren unmittelbar ihrer Bestimmung zugeführt werden... ganz zu schweigen von dem Mangel an Kohlendioxidausstoß durch die streng verbotene Beförderung mit Hilfe fliegender Rentiere. Trotzdem..."
Er schüttelte zweifelnd den Kopf, zupfte unsicher an der schusssicheren Weste.
"Trotzdem kommt es mir irgendwie falsch vor... als hätten wir..."
Er sah erneut empor, hinauf in die sternklare Nacht und ihn fröstelte.
"Es schneit", murmelte er, mit traurigem Blick einer einzelnen, verirrten Flocke folgend, die langsam aus dem wolkenlosen Himmel zu ihm hinab taumelte.
"Es schneit in Los Angeles."
"Was?"
Bill sah Chloe erstaunt an, die sich mit dem Finger gegen die Stirn tippte.
"Jack, mein Junge." Er fuhr sich durch das silbergraue Haar, bemühte sich, den Worten einen besänftigenden, beruhigenden Unterton zu geben.
"Du bist überarbeitet. Nur noch diesen Auftrag, dann gehst du in Urlaub."
"Ich weiß nicht."
"Aber ich weiß... wir jagen jetzt diese Brutstätte terroristisch - kommunistischen Ursprunges in die Luft, und dann legst du die Füße hoch und genießt die Feiertage."
Jack zog die Stirn in Falten.
"Feiertage", flüsterte er. "Endlich Ruhe und..."
Er stockte, drehte, ohne es zu merken, an den Schlaufen seines Patronengurtes.
"Genau", mischte sich Chloe ein, seine Verwirrung selbst durch die Drähte absorbierend.
"Ruhe und... und... das, wovon manchmal in diesem Zusammenhang gesprochen wird...
Aber zuerst musst du diesen Verbrecher erledigen, Jack. Er erhebt sein scheußliches Antlitz nur an diesem einen Tag im Jahr, und doch gelingt es ihm irgendwie, ihn endlos erscheinen zu lassen... erstaunlich, wie er das immer wieder..."
"Ich weiß wie das ist; Chloe... ich weiß es."
"Um so besser!" Bill's Worte durchschnitten messerscharf die Luft.
Jack war mit einem Mal, als würde eine sanfte Brise ihm den Klang von Glöckchen entgegen wehen. Er wand den Kopf, reckte ihn in die Richtung aus der das hauchzarte Geläut sich näherte.
Bill holte tief Luft.
"Jack, du bist doch kein Anfänger. Nur noch den Peilsender befestigen, aktivieren, das Signal zum Abschuss senden, und wir haben endgültig Ruhe vor diesen fundamentalistischen Geschenkeverteilern."
"Morris, sieh doch nur", quietschte Chloe mit einem Mal und wies auf die Satellitenbilder, die nun begannen, sich dem Ziel von verschiedenen Winkeln aus, zu nähern.
"Nein wie niedlich... die grünen Käppchen... und die spitzen Öhrchen..."
Bill schnellte herum.
"Lass dich nicht ablenken", warnte er. "Die Verschwörer haben ihre Zellen vom Nordpol aus überall etabliert, es gibt kaum noch ein Land, das sie noch nicht unterwandert haben. Die Bedrohung darf auf keinen Fall unterschätzt werden."
"Verstanden."
Jack senkte schweren Herzens den Kopf. Ein leises Stöhnen entrang sich seinen Lippen, als er den Schalldämpfer kunstgerecht befestigte, die Skimütze über die Augen zog.
Bill hatte Recht. In der heutigen Zeit gab es keinen Platz für Elemente, die sich weigerten Rücksicht auf das empfindliche Gleichgewicht der ökonomischen Kräfte zu nehmen.
Es war eine Frage der nationalen, nein, der internationalen Sicherheit, zweifellos eine Notwendigkeit, seine persönliche, heilige Pflicht, diesem, so gar nicht marktorientierten Geben und Nehmen, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
Der winzige Sender, der hochexplosives Material pfeilgerade zur Wurzel des Übels lenken sollte, bohrte sich unangenehm in seine Hüfte.
Der Moment war gekommen, es gab keine Alternative, keine weitere Möglichkeit, so sehr er sich auch dagegen sträuben mochte, das Unausweichliche zu akzeptieren.
Ein merkwürdiger Duft erfüllte die Luft, als er sich lautlos, auf schwarzen Gummisohlen, an der schroffen Mauer entlang tastete. Er erinnerte ihn an seine Kindheit, an eine besondere Zeit, angefüllt mit dem Aroma von Gewürzen und Kerzen.
Nun konnte er das Geläut deutlicher vernehmen, es vibrierte hell, und ihm schien, als würde es von leise summenden Schellen begleitet.
Ein glitzernder Faden sank zu Boden.
"Engelshaar", dachte Jack und fing ihn achtlos, während er den Schalter betätigte, der das unscheinbare, elektronische Gerät in eine Quelle pulsierender, leuchtender Wellen verwandelte.
Nur eine einzige, weitere Explosion in dieser Nacht, und die Welt würde im kommenden Jahr ein klein wenig sicherer sein.
Und darauf kam es schließlich an.
Eine Petrelli - Weihnacht
Fanfiction
Titel: Eine Petrelli-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Heroes
Rating: PG
Genre: comedy
Warnung: Sehr leichte Spoiler für Season 3
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
* * *
„Eine Weihnachtsparty?“
Nathan schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob das angemessen ist. Nach all dem Chaos, das wir in den letzten Jahren angerichtet haben, halte ich es beinahe für gefährlich zu viele von uns in einem Raum zu versammeln. Geschweige denn unter einem Baum.“
„Dann eben nur die Familie.“ Peter grinste schief. „Irgendwie sind wir doch ohnehin alle miteinander verwandt.“
„Sei nicht albern“, wandte seine Mutter ein. „Da gibt es sicher jemanden, der nicht mit uns auf irgendeine Weise verknüpft ist.“
Nathan kratzte sich an der Schläfe. „Ich weiß nicht“, murmelte er. „Zählt zusammen im Labor gezeugt auch als verwandt?“
Peter verzog das Gesicht. „Du willst doch nur wieder mit einer deiner zahlreichen Blondinen schäkern. Was würde deine Frau dazu sagen?“
Nathan zuckte mit den Schultern. „Heidi bringt Mohinder Suresh mit. Sie erzählt mir von nichts anderem, als von ihrem Wunsch, ihn mit Sahne einzusprühen und abzulecken. Und wie ich aus Erfahrung weiß, bekommt Heidi was sie will.“
„Also kommt Mohinder“, rief Claire triumphierend. „Dann will ich aber Hiro und Ando dabei haben. Mit denen kann man sich wenigstens unterhalten.“
Nathan blickte sie streng an. „Ich bin nicht sicher, ob die Beiden der richtige Umgang für dich sind, Liebes.“
Claire verschränkte ihre Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Weil sie Asiaten sind? Ich hätte nicht gedacht, dass du so… so…“
Nathan schnaubte. „Das bin ich nicht. Aber du gehörst aufs College, junge Dame. Und da ist jeder Moment, der mit Comics und Star Trek Zitaten vergeudet wird, ein unwiederbringlicher Verlust. Ich habe schon beschlossen, dir auch das Cheerleading zu untersagen, wenn deine Leistungen in Latein nicht besser werden. Latein ist ungeheuer wichtig. Aus Caesars gallischen Kriegen zog ich die besten Lehren.“
Claire schnappte nach Luft. „Du willst mir was verbieten? Aber Cheerleader zu spielen ist mein Leben. Was glaubst du wer…? Ich meine… du bist nicht mein… also gut, du bist… aber du bist nur einer meiner Väter.
Daddy?“
Sie drehte sich zu Noah um, der gerade einen Lebkuchenbrösel von seiner Jacke entfernte.
„Hm? Was ist los, Claire-Bär?“
Claire stemmte ihre Hände in die Hüften und deutete mit einem Kopfnicken auf ihren biologischen Vater. „Nathan ist gemein zu mir.“
„Was?“ Noah zog die Augenbrauen hoch. Langsam nahm er seine Hornbrille ab, legte sie sorgfältig auf dem Glastisch ab und ging einen Schritt auf Nathan zu. Er streckte sich ein wenig, und Nathan legte den Kopf in den Nacken, um ihm ins Gesicht sehen zu können.
„Du willst Ärger, Petrelli?“
Nathan schluckte. „Wer… ich? Nein…“
Rasch wand er sich zu Claire um. „Hiro und Ando also, geht klar. Nette Jungs übrigens.“
Noah räusperte sich, nahm seine Brille wieder auf. „Worum geht es eigentlich?“
„Die Weihnachtsfeier“, antwortete Angela. „Wir überlegen uns, wer eingeladen wird.“
„Alles klar“, nickte Noah. „Wir kommen. Ich sage auch Danko Bescheid. In letzter Zeit verstehen wir uns recht gut.“
„Auf gar keinen Fall“, explodierte Nathan. „Der Winzling kommt mir nicht ins Haus.“
„Ich muss auch sagen“, mischte sich Peter ein. „Ich meine… der Typ ist gewalttätig.“
„Ach was“, winkte Noah ab. „Ihr wollt nur die kleinsten Männer im Raum sein. Wir wissen alle, dass Frauen auf klein stehen.“
„Das war unfair“, schmollte Peter und verschränkte die Arme.
Nathan war in zwei Schritten bei ihm, legte ihm seine Hand auf die Schulter und neigte sich vor, um dem Jüngeren ins Ohr zu flüstern. „Mach dir nichts draus, Bro. Der Große ist nur eifersüchtig.“ Sein verächtlicher Blick traf Noah.
Laut sagte er: „Es könnte nichts damit zu tun haben, dass wir beide vielleicht besonders hübsch sind? Sieh dir mal die ganzen Fanseiten im Internet an. Da kannst Du nicht mithalten.“
Noah kräuselte die Lippen.
„Aber als ich noch jünger war, eine Fön-Frisur trug, schwul und tierisch reich war, da hätte ich euch allemal ausgestochen.“
„Wie bitte?“
Angela sah ihn irritiert an. „Noah-Darling, du verwechselst die Serien.“
Claire blickte von der Tätigkeit auf, ihr goldenes Haar sorgfältig auf gespaltene Spitzen zu prüfen.
„Hat jemand von mir gesprochen?“
Noah seufzte. „Nein, Liebes. Mit ‚hübsch‘ haben die Petrellis sich selbst gemeint.“
Claires Mund klappte auf. „Also ich weiß ja, dass Blondinen mit Vorurteilen zu kämpfen haben, aber das ist ungerecht. Ich meine: dunkle Haare, dunkle Augen und der Latino-Typ? Da gerät jede noch so schöne Frau ins Hintertreffen.“
„Das ist wahr.“ Nathan strich sich das Haar zurück. „Deshalb gehen wir auch nur gemeinsam aus. Für einen von uns alleine ist es zu gefährlich. Wir sind gewissermaßen freilaufende Beute.“
Peter nickte. „So ist es. Gemeinsam können wir sie irritieren. Sie sehen uns, können sich nicht entscheiden, wer schöner ist, und bevor sie zu einer Seite tendieren, ergreifen wir die Flucht.“
Angela lächelte stolz. „Meine Jungs. So praktisch.“
Sie blickte in die Runde. „Das haben sie von mir. Neben Haaren, Augen und dem Sinn für Stil. Doch zurück zum Thema. Wer kommt noch?“
„Der Kleine“, schlug Nathan vor. „Weihnachten ist was für Kinder. Und Micah ist doch ein Kind, oder?“
„Du willst doch nur, dass er eine seiner Mütter mitbringt“, beschwerte sich Peter. „Mach mir nichts vor.“
„Ganz und gar nicht“, behauptete Nathan. „Aber im Wahlkampf kenne ich mich aus. Politiker und Kinder kommen immer gut. Gerade an Weihnachten.“
„Aha“, rief Peter. „Das ist es also. Du denkst wieder nur an die Karriere. Deine Familie interessiert dich überhaupt nicht.“
Er stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab es so satt, dass immer alles um dich geht.“
Noah fuhr ihm väterlich durchs Haar. „Aber das ist doch gar nicht wahr, Peter. Du spielst immer noch die Hauptrolle. Auf allen Fotos stehst du in der Mitte.“
Nathan sah interessiert auf. „Ach, dass ist dir auch aufgefallen?“
Noah zuckte mit den Schultern, als Angela dazwischen ging. „Kinder, Kinder. Wir wollen doch nicht streiten, und das so kurz vor Weihnachten. Eifersüchteleien passen nun überhaupt nicht zum Fest.“
Claires Lippen zitterten. „Aber ich dachte, ich wäre der Star. Ich meine, ich bin jung und niedlich… und erfolgreich… und in jeder Staffel habe ich einen anderen Freund.“
„Wie bitte?“, riefen Noah und Nathan aus einem Munde.
„Ja, was dachtet ihr denn?“, schüttelte Angela den Kopf. „Dass sie sich nur für Comics interessiert, und dafür die Welt zu retten.“
Nathan und Noah sahen sich verblüfft an. „Ähm… sie darf natürlich hin und wieder… also mit einem reden… solange es den Handlungsverlauf nicht beeinträchtigt.“
„Ach ihr.“ Angela winkte ab.
Peter ertrug es nicht so lange unbeachtet zu bleiben und trat einen Schritt vor. „Also, wenn wir uns ohnehin vor diesen ganzen Co-Stars nicht retten können, dann will ich Matt Parkman.“
„Bist du verrückt?“ Claire wurde rot. „Der kann alle meine Gedanken lesen.“
Nathan stieß mit Noah zusammen, als sie sich gleichzeitig zu ihr umdrehten.
„Wieso?“, fragte Noah beunruhigt. „Was könnte er denn lesen… bei dir?“
Claire wich seinem Blick aus und hüstelte. „Bei mir… nichts. Aber… aber… ich denke an die Petrellis. Diese ganzen Familiengeheimnisse… wenn das erst rauskommt.“
„Du bist auch eine Petrelli.“ Nathan ließ sich so schnell nicht beschwichtigen. „Und was die Familiengeheimnisse angeht…“
„Die sind echt krank“, bemerkte Angela.
Nathan fuhr herum. „Mutter!“
„Naja.“ Angela zuckte mit den Schultern. „Ihr wisst schon. Ich will doch auch nicht, dass an die Öffentlichkeit dringt, womit ihr als Kinder am liebsten gespielt hat.“
Peter räusperte sich verlegen. „Viele Jungens spielen mit Barbie-Puppen ohne dass es ihnen schadet. Und schließlich hatte Nathan noch das Traumhaus, die Pferde und den Frisiersalon.“
Nathan schnalzte mit der Zunge und strafte Peters Haare mit einem verächtlichen Blick. „Als ob es etwas genutzt hätte.“
Peter sah verletzt zu Boden und Angela seufzte. „Nathan, das war unter der Gürtellinie. Peters Frisur ist sehr… geschmackvoll.“
„Können wir vielleicht mal zurück zum Thema kommen?“, rief Noah verzweifelt und riskierte einen Blick auf seine Uhr.
„Wieso? Was hast du es auf einmal so eilig?“ Claires Augen weiteten sich. „Nein – sag nicht, dass du dich wieder heimlich mit dem triffst.“
Noah räusperte sich und sah unbehaglich zur Seite.
„Eigentlich ist er ein netter Junge. Nur missverstanden. Wenn man ihm eine Chance gibt…“
„Der Typ bringt alle um!“, kreischte Claire. „Von Anfang an hörte er nicht damit auf, Ärger zu verursachen.“
„Da muss ich Claire recht geben“, stand Peter ihr bei. „Sylar fängt echt an zu nerven.“
Noah seufzte. „Ihr hattet nur einen schlechten Start. Es schlummert viel mehr in ihm. Ich sehe da durchaus Potential.“
„Potential?“, fragte Nathan skeptisch.
Noah nickte eifrig. „Ganz genau. Bedenkt, dass Peter um ein Haar New York in die Luft gejagt hätte, und dann kurz davor stand, die Welt zu verseuchen… um nur zwei Dinge zu nennen. Dagegen sieht Sylars kleines Hobby doch fast harmlos aus.“
In diesem Moment schellte aggressiv die Türklingel und nachdem der Butler die Tür geöffnet hatte, stürzte ein aufgelöster Matt Parkman in den Raum.
Er steuerte direkt auf Nathan zu und klammerte sich erschöpft an dessen Schultern. Erst jetzt fiel die grünliche Färbung auf, die sein Gesicht aufwies.
„Ich… ich habe…“, stammelte er.
„Was hast du, Matt?“ Peter riss die Augen auf, und legte den Kopf schief.
Der ehemalige Polizist drehte sich zu ihm um und seine Augen wirkten beinahe noch größer als die seines Gegenübers.
„Ich habe… Gottes Gedanken gelesen“, brachte Matt mühsam hervor. „Ich ging zufällig an einer Kirche vorbei… und dann…“ Er verstummte, aber das Grün in seinem Gesicht vertiefte sich.
Angela hob die Augenbrauen. „Interessant, Matt. Was hat er denn gedacht?“
Matt schluckte, behielt jedoch den Augenkontakt mit Peter bei, als könne ihn dieser beruhigen.
„Er wirkte verstört, und… und… sein Sohn stellt sich quer.“
„Wie… stellt sich quer?“ Noah mischte sich interessiert ein.
Matt räusperte sich. „Er… er sagt Weihnachten ab – behauptet, es sei schließlich sein Geburtstag.“
„Wer – Gott?“ Claire blickte verwirrt von einem zum anderen.
„Nein“, bemerkte Peter, der als erster verstanden hatte. „Sein Sohn.“
„Sein Sohn?“ Nathan runzelte die Stirn. „Wer soll das sein? Und was hat er damit zu schaffen?“
Angela verdrehte die Augen. „Nathan – warst du denn seit deiner Kommunion in keinem Gotteshaus mehr?“
Nathan wand sich unbehaglich. „Ich… ich hatte auch für die Kommunion keine Zeit damals. Ein Klassenkamerad ging für mich.“
Angela seufzte. „Matt spricht natürlich von Jesus Christus. Um ihn geht es doch bei der ganzen Sache.“
Claire schluckte. „Aber wieso kann ein Typ wie der einfach alles absagen? Wie kommt der darauf?“
Matt drehte sich zu ihr. „Er hat genug davon, dass in jeder zweiten Serie sein Name missbraucht wird“, gab er heiser zu. „Und nun will er sich von allem zurückziehen. Und… und es handelt sich schließlich um seinen persönlichen Ehrentag. Ohne die Sache in dem Stall...“
Noah rückte seine Brille gerade. „Das mag durchaus sein“, überlegte er.
„Aber seien wir doch ehrlich. Im Grunde hat Jesus inzwischen mit Weihnachten nur noch am Rande zu tun. Weder Weihnachtsbaum noch Adventskranz gehen auf sein Konto. Und nicht einmal die Geschenke. Das waren die Heiligen Drei Könige. Also, wenn die Einwände hätten, wäre es vielleicht etwas anderes, aber so?“
Er sah Angela an, die seinen Blick nachdenklich erwiderte. „Ich denke fast, dass du recht hast, mein Lieber“, murmelte sie versonnen. „Er tat nichts, außer im Stroh zu liegen. All das, was Weihnachten heutzutage ist, wurde unabhängig von ihm erschaffen.“
Matt richtete sich auf. Langsam kehrte die gewohnt rosige Farbe in sein Gesicht zurück.
„Ihr meint also, es ist noch nicht alles verloren?“
Noah schüttelte entschieden den Kopf. „Definitiv nicht. Das Konzept steht und die Party findet statt. Aufgrund des beträchtlichen Zeitraumes, der seit dem Ereignis verstrichen ist, auf das dieser Hippie sich beruft, besitzt er auch keinerlei Urheberrechte mehr. Eigentlich könnte er froh sein, noch irgendwo unterzukommen.“
Angela verengte ihre Augen zu Schlitzen. „Mein Lieber – ich denke, dass sich mir eine Vision aufdrängt.“
„Oh nein“, seufzten Peter und Nathan wie aus einem Munde. „Bitte nicht schon wieder.“
„Doch.“ Angela nickte triumphierend. „Wir engagieren Jesus Christus als Gaststar für die Weihnachtsfolge. Einschaltquoten garantiert. Und noch dazu ist er fraglos einer von uns. Ich meine: Über Wasser laufen, Fisch und Wein vervielfältigen und vom Tode auferstehen? Wenn das nicht eindeutig ist.“
„Du meinst…?“ Claire riss den Mund auf.
„Ganz recht“, bestätigte Angela und lächelte leicht. Dan Brown hat sich nicht geirrt.“
„Aber dann…“ Nun war es an Nathan seinen Mund aufzuklappen.
„Das ist doch keine Überraschung“, brummte Noah kopfschüttelnd. „Die Geschichte ist voll von euch Mutierten. Das muss eine Blutlinie sein.
Propheten, Wunderheiler, Religionsgründer – mit oder ohne ihr eigenes Wissen…“
„Oh mein Gott“, rief Peter passend aus. „Das ist es. Er wollte keine Religion erschaffen. Christus wurde nur missverstanden, fehlinterpretiert. Genauso wie ich…“
Nathan strich ihm mitleidig übers Haar. „Aber sicher, Kleiner. Deshalb haben wir dich doch mit ausgebreiteten Armen vom Dach fallen lassen. Sag bloß, du hast die Anspielung nicht begriffen?“
Peter schob beleidigt seine Unterlippe vor. „Die Serie ist so überladen mit Anspielungen, da kommt kein normaler Mensch mehr mit.“
„Aber sicher, mein Junge.“ Angela leistete Nathan Gesellschaft dabei Peter übers Haar zu streichen. „Keine Sorge. Das Denken übernehmen wir für dich. Und vielleicht kann der Erlöser dir beizeiten ein paar wertvolle Tipps für die Zukunft geben.“
Noah hob mahnend beide Hände. „Nicht so schnell. Ich dachte, Matt hätte gesagt, der Messias wolle sich vom Geschäft zurückziehen. Ist es nicht so, Matt?“
Matt, der gerade dabei war aus Spekulatius ein Kartenhaus zu bauen, sah verwirrt auf. „Wie… äh… ja, genau.“
Nathan winkte ab, entblößte dann gekonnt seine Zähne zu dem gewinnenden Politikerlächeln für das er berühmt war. „Lasst mich die Verhandlungen führen, Leute. Meinem Charme konnte noch niemand widerstehen. Auch Gottes Sohn dürfte da keine Ausnahme bilden.“
Angela rieb sich die Hände. „Dann wäre das ja soweit geklärt. Ich wusste, dass wir es schaffen. So lasset die Spiele beginnen.“
„Aber welche Spiele denn jetzt?“ Claire knabberte konzentriert an ihrer Unterlippe. „Ich versteh nur Bahnhof.“
„Liebes“, lächelte Angela. „So muss es sein. Und ich verspreche dir, es geht dem Zuschauer nicht anders. Die Serienwelt trägt ebenso viele Irrungen, Wirrungen und Geheimnisse in sich, wie unsere Schöpfung.“
Sie lehnte sich vertraulich vorwärts. „Liegt daran, dass die kreativen Köpfe, ob es sich nun um überarbeitete Drehbuchautoren oder übernatürliche Wesen handelt, allzu oft den Anforderungen nicht gewachsen sind. Da müssen wir Geduld aufbringen, abwarten und im Stillen hoffen, dass es besser wird.“
„Was – die Serie?“, murmelte Matt mit vollem Mund, da er gerade den Schornstein seines Spekulatius-Hauses probierte. „Die ist doch gut.“
„Sicher, Parkman.“ Nathan klopfte ihm auf den Rücken bis Matt hustete. „Wenn wir unsere Ansprüche zurückschrauben, kommen wir mit beidem zurecht, mit der Welt und mit der Serie.“
Claire zuckte mit den Schultern. „Klingt in Ordnung für mich. Ich will nur etwas Spaß haben.“
Peter strich sich eine Locke aus der Stirn. „Also ich weiß nicht… da muss doch mehr sein… ein Sinn…“
Angela stemmte die Arme in die Hüfte. „Heute nicht. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Vorbereitung, Catering, Dekoration, Studio, Setting, Casting, Maske, Soundtrack und vielleicht eines Tages ein Spielfilm… da kommt noch einiges auf uns zu.“
„Alles klar, Ma“, stimmte Nathan ihr zu und sah auf seine Armbanduhr. „Ich mach dann mal einen Termin mit Jesus. Vielleicht krieg ich seinen Dad auch ans Rohr.“
Matt schluckte. „Ich weiß nicht, ob du… er klang ein wenig aufgebracht.“
„Parkman!“ Angela schüttelte den Kopf. „Hab ein wenig Gottvertrauen. Mein Junge macht das schon.“
„So ist es.“ Nathan strich seinen Anzug glatt, öffnete das Fenster und schoss ohne ein weiteres Wort in die Höhe.
Angela schüttelte den Kopf. „Wenn er nur nicht so unhöflich wäre. Von mir hat er das nicht. Egal – Frohe Weihnachten und Cut!“
Ende
Titel: Eine Petrelli-Weihnacht
Autor: callisto24
Fandom: Heroes
Rating: PG
Genre: comedy
Warnung: Sehr leichte Spoiler für Season 3
Disclaimer: Nichts davon gehört mir und ich verdiene hiermit auch kein Geld.
* * *
„Eine Weihnachtsparty?“
Nathan schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob das angemessen ist. Nach all dem Chaos, das wir in den letzten Jahren angerichtet haben, halte ich es beinahe für gefährlich zu viele von uns in einem Raum zu versammeln. Geschweige denn unter einem Baum.“
„Dann eben nur die Familie.“ Peter grinste schief. „Irgendwie sind wir doch ohnehin alle miteinander verwandt.“
„Sei nicht albern“, wandte seine Mutter ein. „Da gibt es sicher jemanden, der nicht mit uns auf irgendeine Weise verknüpft ist.“
Nathan kratzte sich an der Schläfe. „Ich weiß nicht“, murmelte er. „Zählt zusammen im Labor gezeugt auch als verwandt?“
Peter verzog das Gesicht. „Du willst doch nur wieder mit einer deiner zahlreichen Blondinen schäkern. Was würde deine Frau dazu sagen?“
Nathan zuckte mit den Schultern. „Heidi bringt Mohinder Suresh mit. Sie erzählt mir von nichts anderem, als von ihrem Wunsch, ihn mit Sahne einzusprühen und abzulecken. Und wie ich aus Erfahrung weiß, bekommt Heidi was sie will.“
„Also kommt Mohinder“, rief Claire triumphierend. „Dann will ich aber Hiro und Ando dabei haben. Mit denen kann man sich wenigstens unterhalten.“
Nathan blickte sie streng an. „Ich bin nicht sicher, ob die Beiden der richtige Umgang für dich sind, Liebes.“
Claire verschränkte ihre Arme vor der Brust und schob die Unterlippe vor. „Weil sie Asiaten sind? Ich hätte nicht gedacht, dass du so… so…“
Nathan schnaubte. „Das bin ich nicht. Aber du gehörst aufs College, junge Dame. Und da ist jeder Moment, der mit Comics und Star Trek Zitaten vergeudet wird, ein unwiederbringlicher Verlust. Ich habe schon beschlossen, dir auch das Cheerleading zu untersagen, wenn deine Leistungen in Latein nicht besser werden. Latein ist ungeheuer wichtig. Aus Caesars gallischen Kriegen zog ich die besten Lehren.“
Claire schnappte nach Luft. „Du willst mir was verbieten? Aber Cheerleader zu spielen ist mein Leben. Was glaubst du wer…? Ich meine… du bist nicht mein… also gut, du bist… aber du bist nur einer meiner Väter.
Daddy?“
Sie drehte sich zu Noah um, der gerade einen Lebkuchenbrösel von seiner Jacke entfernte.
„Hm? Was ist los, Claire-Bär?“
Claire stemmte ihre Hände in die Hüften und deutete mit einem Kopfnicken auf ihren biologischen Vater. „Nathan ist gemein zu mir.“
„Was?“ Noah zog die Augenbrauen hoch. Langsam nahm er seine Hornbrille ab, legte sie sorgfältig auf dem Glastisch ab und ging einen Schritt auf Nathan zu. Er streckte sich ein wenig, und Nathan legte den Kopf in den Nacken, um ihm ins Gesicht sehen zu können.
„Du willst Ärger, Petrelli?“
Nathan schluckte. „Wer… ich? Nein…“
Rasch wand er sich zu Claire um. „Hiro und Ando also, geht klar. Nette Jungs übrigens.“
Noah räusperte sich, nahm seine Brille wieder auf. „Worum geht es eigentlich?“
„Die Weihnachtsfeier“, antwortete Angela. „Wir überlegen uns, wer eingeladen wird.“
„Alles klar“, nickte Noah. „Wir kommen. Ich sage auch Danko Bescheid. In letzter Zeit verstehen wir uns recht gut.“
„Auf gar keinen Fall“, explodierte Nathan. „Der Winzling kommt mir nicht ins Haus.“
„Ich muss auch sagen“, mischte sich Peter ein. „Ich meine… der Typ ist gewalttätig.“
„Ach was“, winkte Noah ab. „Ihr wollt nur die kleinsten Männer im Raum sein. Wir wissen alle, dass Frauen auf klein stehen.“
„Das war unfair“, schmollte Peter und verschränkte die Arme.
Nathan war in zwei Schritten bei ihm, legte ihm seine Hand auf die Schulter und neigte sich vor, um dem Jüngeren ins Ohr zu flüstern. „Mach dir nichts draus, Bro. Der Große ist nur eifersüchtig.“ Sein verächtlicher Blick traf Noah.
Laut sagte er: „Es könnte nichts damit zu tun haben, dass wir beide vielleicht besonders hübsch sind? Sieh dir mal die ganzen Fanseiten im Internet an. Da kannst Du nicht mithalten.“
Noah kräuselte die Lippen.
„Aber als ich noch jünger war, eine Fön-Frisur trug, schwul und tierisch reich war, da hätte ich euch allemal ausgestochen.“
„Wie bitte?“
Angela sah ihn irritiert an. „Noah-Darling, du verwechselst die Serien.“
Claire blickte von der Tätigkeit auf, ihr goldenes Haar sorgfältig auf gespaltene Spitzen zu prüfen.
„Hat jemand von mir gesprochen?“
Noah seufzte. „Nein, Liebes. Mit ‚hübsch‘ haben die Petrellis sich selbst gemeint.“
Claires Mund klappte auf. „Also ich weiß ja, dass Blondinen mit Vorurteilen zu kämpfen haben, aber das ist ungerecht. Ich meine: dunkle Haare, dunkle Augen und der Latino-Typ? Da gerät jede noch so schöne Frau ins Hintertreffen.“
„Das ist wahr.“ Nathan strich sich das Haar zurück. „Deshalb gehen wir auch nur gemeinsam aus. Für einen von uns alleine ist es zu gefährlich. Wir sind gewissermaßen freilaufende Beute.“
Peter nickte. „So ist es. Gemeinsam können wir sie irritieren. Sie sehen uns, können sich nicht entscheiden, wer schöner ist, und bevor sie zu einer Seite tendieren, ergreifen wir die Flucht.“
Angela lächelte stolz. „Meine Jungs. So praktisch.“
Sie blickte in die Runde. „Das haben sie von mir. Neben Haaren, Augen und dem Sinn für Stil. Doch zurück zum Thema. Wer kommt noch?“
„Der Kleine“, schlug Nathan vor. „Weihnachten ist was für Kinder. Und Micah ist doch ein Kind, oder?“
„Du willst doch nur, dass er eine seiner Mütter mitbringt“, beschwerte sich Peter. „Mach mir nichts vor.“
„Ganz und gar nicht“, behauptete Nathan. „Aber im Wahlkampf kenne ich mich aus. Politiker und Kinder kommen immer gut. Gerade an Weihnachten.“
„Aha“, rief Peter. „Das ist es also. Du denkst wieder nur an die Karriere. Deine Familie interessiert dich überhaupt nicht.“
Er stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab es so satt, dass immer alles um dich geht.“
Noah fuhr ihm väterlich durchs Haar. „Aber das ist doch gar nicht wahr, Peter. Du spielst immer noch die Hauptrolle. Auf allen Fotos stehst du in der Mitte.“
Nathan sah interessiert auf. „Ach, dass ist dir auch aufgefallen?“
Noah zuckte mit den Schultern, als Angela dazwischen ging. „Kinder, Kinder. Wir wollen doch nicht streiten, und das so kurz vor Weihnachten. Eifersüchteleien passen nun überhaupt nicht zum Fest.“
Claires Lippen zitterten. „Aber ich dachte, ich wäre der Star. Ich meine, ich bin jung und niedlich… und erfolgreich… und in jeder Staffel habe ich einen anderen Freund.“
„Wie bitte?“, riefen Noah und Nathan aus einem Munde.
„Ja, was dachtet ihr denn?“, schüttelte Angela den Kopf. „Dass sie sich nur für Comics interessiert, und dafür die Welt zu retten.“
Nathan und Noah sahen sich verblüfft an. „Ähm… sie darf natürlich hin und wieder… also mit einem reden… solange es den Handlungsverlauf nicht beeinträchtigt.“
„Ach ihr.“ Angela winkte ab.
Peter ertrug es nicht so lange unbeachtet zu bleiben und trat einen Schritt vor. „Also, wenn wir uns ohnehin vor diesen ganzen Co-Stars nicht retten können, dann will ich Matt Parkman.“
„Bist du verrückt?“ Claire wurde rot. „Der kann alle meine Gedanken lesen.“
Nathan stieß mit Noah zusammen, als sie sich gleichzeitig zu ihr umdrehten.
„Wieso?“, fragte Noah beunruhigt. „Was könnte er denn lesen… bei dir?“
Claire wich seinem Blick aus und hüstelte. „Bei mir… nichts. Aber… aber… ich denke an die Petrellis. Diese ganzen Familiengeheimnisse… wenn das erst rauskommt.“
„Du bist auch eine Petrelli.“ Nathan ließ sich so schnell nicht beschwichtigen. „Und was die Familiengeheimnisse angeht…“
„Die sind echt krank“, bemerkte Angela.
Nathan fuhr herum. „Mutter!“
„Naja.“ Angela zuckte mit den Schultern. „Ihr wisst schon. Ich will doch auch nicht, dass an die Öffentlichkeit dringt, womit ihr als Kinder am liebsten gespielt hat.“
Peter räusperte sich verlegen. „Viele Jungens spielen mit Barbie-Puppen ohne dass es ihnen schadet. Und schließlich hatte Nathan noch das Traumhaus, die Pferde und den Frisiersalon.“
Nathan schnalzte mit der Zunge und strafte Peters Haare mit einem verächtlichen Blick. „Als ob es etwas genutzt hätte.“
Peter sah verletzt zu Boden und Angela seufzte. „Nathan, das war unter der Gürtellinie. Peters Frisur ist sehr… geschmackvoll.“
„Können wir vielleicht mal zurück zum Thema kommen?“, rief Noah verzweifelt und riskierte einen Blick auf seine Uhr.
„Wieso? Was hast du es auf einmal so eilig?“ Claires Augen weiteten sich. „Nein – sag nicht, dass du dich wieder heimlich mit dem triffst.“
Noah räusperte sich und sah unbehaglich zur Seite.
„Eigentlich ist er ein netter Junge. Nur missverstanden. Wenn man ihm eine Chance gibt…“
„Der Typ bringt alle um!“, kreischte Claire. „Von Anfang an hörte er nicht damit auf, Ärger zu verursachen.“
„Da muss ich Claire recht geben“, stand Peter ihr bei. „Sylar fängt echt an zu nerven.“
Noah seufzte. „Ihr hattet nur einen schlechten Start. Es schlummert viel mehr in ihm. Ich sehe da durchaus Potential.“
„Potential?“, fragte Nathan skeptisch.
Noah nickte eifrig. „Ganz genau. Bedenkt, dass Peter um ein Haar New York in die Luft gejagt hätte, und dann kurz davor stand, die Welt zu verseuchen… um nur zwei Dinge zu nennen. Dagegen sieht Sylars kleines Hobby doch fast harmlos aus.“
In diesem Moment schellte aggressiv die Türklingel und nachdem der Butler die Tür geöffnet hatte, stürzte ein aufgelöster Matt Parkman in den Raum.
Er steuerte direkt auf Nathan zu und klammerte sich erschöpft an dessen Schultern. Erst jetzt fiel die grünliche Färbung auf, die sein Gesicht aufwies.
„Ich… ich habe…“, stammelte er.
„Was hast du, Matt?“ Peter riss die Augen auf, und legte den Kopf schief.
Der ehemalige Polizist drehte sich zu ihm um und seine Augen wirkten beinahe noch größer als die seines Gegenübers.
„Ich habe… Gottes Gedanken gelesen“, brachte Matt mühsam hervor. „Ich ging zufällig an einer Kirche vorbei… und dann…“ Er verstummte, aber das Grün in seinem Gesicht vertiefte sich.
Angela hob die Augenbrauen. „Interessant, Matt. Was hat er denn gedacht?“
Matt schluckte, behielt jedoch den Augenkontakt mit Peter bei, als könne ihn dieser beruhigen.
„Er wirkte verstört, und… und… sein Sohn stellt sich quer.“
„Wie… stellt sich quer?“ Noah mischte sich interessiert ein.
Matt räusperte sich. „Er… er sagt Weihnachten ab – behauptet, es sei schließlich sein Geburtstag.“
„Wer – Gott?“ Claire blickte verwirrt von einem zum anderen.
„Nein“, bemerkte Peter, der als erster verstanden hatte. „Sein Sohn.“
„Sein Sohn?“ Nathan runzelte die Stirn. „Wer soll das sein? Und was hat er damit zu schaffen?“
Angela verdrehte die Augen. „Nathan – warst du denn seit deiner Kommunion in keinem Gotteshaus mehr?“
Nathan wand sich unbehaglich. „Ich… ich hatte auch für die Kommunion keine Zeit damals. Ein Klassenkamerad ging für mich.“
Angela seufzte. „Matt spricht natürlich von Jesus Christus. Um ihn geht es doch bei der ganzen Sache.“
Claire schluckte. „Aber wieso kann ein Typ wie der einfach alles absagen? Wie kommt der darauf?“
Matt drehte sich zu ihr. „Er hat genug davon, dass in jeder zweiten Serie sein Name missbraucht wird“, gab er heiser zu. „Und nun will er sich von allem zurückziehen. Und… und es handelt sich schließlich um seinen persönlichen Ehrentag. Ohne die Sache in dem Stall...“
Noah rückte seine Brille gerade. „Das mag durchaus sein“, überlegte er.
„Aber seien wir doch ehrlich. Im Grunde hat Jesus inzwischen mit Weihnachten nur noch am Rande zu tun. Weder Weihnachtsbaum noch Adventskranz gehen auf sein Konto. Und nicht einmal die Geschenke. Das waren die Heiligen Drei Könige. Also, wenn die Einwände hätten, wäre es vielleicht etwas anderes, aber so?“
Er sah Angela an, die seinen Blick nachdenklich erwiderte. „Ich denke fast, dass du recht hast, mein Lieber“, murmelte sie versonnen. „Er tat nichts, außer im Stroh zu liegen. All das, was Weihnachten heutzutage ist, wurde unabhängig von ihm erschaffen.“
Matt richtete sich auf. Langsam kehrte die gewohnt rosige Farbe in sein Gesicht zurück.
„Ihr meint also, es ist noch nicht alles verloren?“
Noah schüttelte entschieden den Kopf. „Definitiv nicht. Das Konzept steht und die Party findet statt. Aufgrund des beträchtlichen Zeitraumes, der seit dem Ereignis verstrichen ist, auf das dieser Hippie sich beruft, besitzt er auch keinerlei Urheberrechte mehr. Eigentlich könnte er froh sein, noch irgendwo unterzukommen.“
Angela verengte ihre Augen zu Schlitzen. „Mein Lieber – ich denke, dass sich mir eine Vision aufdrängt.“
„Oh nein“, seufzten Peter und Nathan wie aus einem Munde. „Bitte nicht schon wieder.“
„Doch.“ Angela nickte triumphierend. „Wir engagieren Jesus Christus als Gaststar für die Weihnachtsfolge. Einschaltquoten garantiert. Und noch dazu ist er fraglos einer von uns. Ich meine: Über Wasser laufen, Fisch und Wein vervielfältigen und vom Tode auferstehen? Wenn das nicht eindeutig ist.“
„Du meinst…?“ Claire riss den Mund auf.
„Ganz recht“, bestätigte Angela und lächelte leicht. Dan Brown hat sich nicht geirrt.“
„Aber dann…“ Nun war es an Nathan seinen Mund aufzuklappen.
„Das ist doch keine Überraschung“, brummte Noah kopfschüttelnd. „Die Geschichte ist voll von euch Mutierten. Das muss eine Blutlinie sein.
Propheten, Wunderheiler, Religionsgründer – mit oder ohne ihr eigenes Wissen…“
„Oh mein Gott“, rief Peter passend aus. „Das ist es. Er wollte keine Religion erschaffen. Christus wurde nur missverstanden, fehlinterpretiert. Genauso wie ich…“
Nathan strich ihm mitleidig übers Haar. „Aber sicher, Kleiner. Deshalb haben wir dich doch mit ausgebreiteten Armen vom Dach fallen lassen. Sag bloß, du hast die Anspielung nicht begriffen?“
Peter schob beleidigt seine Unterlippe vor. „Die Serie ist so überladen mit Anspielungen, da kommt kein normaler Mensch mehr mit.“
„Aber sicher, mein Junge.“ Angela leistete Nathan Gesellschaft dabei Peter übers Haar zu streichen. „Keine Sorge. Das Denken übernehmen wir für dich. Und vielleicht kann der Erlöser dir beizeiten ein paar wertvolle Tipps für die Zukunft geben.“
Noah hob mahnend beide Hände. „Nicht so schnell. Ich dachte, Matt hätte gesagt, der Messias wolle sich vom Geschäft zurückziehen. Ist es nicht so, Matt?“
Matt, der gerade dabei war aus Spekulatius ein Kartenhaus zu bauen, sah verwirrt auf. „Wie… äh… ja, genau.“
Nathan winkte ab, entblößte dann gekonnt seine Zähne zu dem gewinnenden Politikerlächeln für das er berühmt war. „Lasst mich die Verhandlungen führen, Leute. Meinem Charme konnte noch niemand widerstehen. Auch Gottes Sohn dürfte da keine Ausnahme bilden.“
Angela rieb sich die Hände. „Dann wäre das ja soweit geklärt. Ich wusste, dass wir es schaffen. So lasset die Spiele beginnen.“
„Aber welche Spiele denn jetzt?“ Claire knabberte konzentriert an ihrer Unterlippe. „Ich versteh nur Bahnhof.“
„Liebes“, lächelte Angela. „So muss es sein. Und ich verspreche dir, es geht dem Zuschauer nicht anders. Die Serienwelt trägt ebenso viele Irrungen, Wirrungen und Geheimnisse in sich, wie unsere Schöpfung.“
Sie lehnte sich vertraulich vorwärts. „Liegt daran, dass die kreativen Köpfe, ob es sich nun um überarbeitete Drehbuchautoren oder übernatürliche Wesen handelt, allzu oft den Anforderungen nicht gewachsen sind. Da müssen wir Geduld aufbringen, abwarten und im Stillen hoffen, dass es besser wird.“
„Was – die Serie?“, murmelte Matt mit vollem Mund, da er gerade den Schornstein seines Spekulatius-Hauses probierte. „Die ist doch gut.“
„Sicher, Parkman.“ Nathan klopfte ihm auf den Rücken bis Matt hustete. „Wenn wir unsere Ansprüche zurückschrauben, kommen wir mit beidem zurecht, mit der Welt und mit der Serie.“
Claire zuckte mit den Schultern. „Klingt in Ordnung für mich. Ich will nur etwas Spaß haben.“
Peter strich sich eine Locke aus der Stirn. „Also ich weiß nicht… da muss doch mehr sein… ein Sinn…“
Angela stemmte die Arme in die Hüfte. „Heute nicht. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Vorbereitung, Catering, Dekoration, Studio, Setting, Casting, Maske, Soundtrack und vielleicht eines Tages ein Spielfilm… da kommt noch einiges auf uns zu.“
„Alles klar, Ma“, stimmte Nathan ihr zu und sah auf seine Armbanduhr. „Ich mach dann mal einen Termin mit Jesus. Vielleicht krieg ich seinen Dad auch ans Rohr.“
Matt schluckte. „Ich weiß nicht, ob du… er klang ein wenig aufgebracht.“
„Parkman!“ Angela schüttelte den Kopf. „Hab ein wenig Gottvertrauen. Mein Junge macht das schon.“
„So ist es.“ Nathan strich seinen Anzug glatt, öffnete das Fenster und schoss ohne ein weiteres Wort in die Höhe.
Angela schüttelte den Kopf. „Wenn er nur nicht so unhöflich wäre. Von mir hat er das nicht. Egal – Frohe Weihnachten und Cut!“
Ende
Montag, 20. April 2009
Lakota...
Titel: Lakota…
Teil: 1
Autor: callisto24
Email: SigridLenz@aol.com
Homepage: http://callisto24.ca.funpic.de/
Genre: Reales Leben
Bewertung: ab 18
Warnung: Depri, Gewalt, Sex, Vergewaltigung
Inhalt: Ein gebrochener Mann begegnet dem Lakota Schamanen Alan, der zu seinem Schicksal werden soll. Ein Roman über Schuld und Sühne, Schicksal und Bestimmung. Indianische Mystik spielt ebenso eine Rolle, wie die Praktiken verschiedener Geheimdienste oder die aktuelle Situation im Pine Ridge Reservat.
Kommentar: Vor der Weisheit und dem Wissen des Volkes der Lakota empfinde ich tiefsten Respekt und Bewunderung. Die vorliegenden Schilderungen sind lediglich angelehnt an spirituelle Erkenntnisse und Praktiken und auf keinen Fall als fundiert zu betrachten.
LAKOTA…
* * *
Süd Dakota
Die Bar war mäßig besucht, nicht ungewöhnlich an einem normalen Wochentag.
Der Qualm in der Luft verhinderte klare Sicht, hüllte die Welt in grauen Dunst, ermöglichte es dem einsamen Besucher in ihren Schatten zu verschwinden.
Er hielt sich nicht oft für längere Zeit in ein und derselben Gegend auf, war zu lange gefangen gewesen, gezwungen an einem Ort, den er verabscheut hatte, auszuharren.
Nichts mehr vermochte ihn zu binden, nichts konnte ihm einen Grund geben zu verweilen.
Und dann war da noch die Angst, die niemals vollkommen verschwand, die Sorge, dass es wieder losgehen könnte, dass sich doch jemand an ihn erinnerte, ihn vielleicht aufspürte.
Wer oder warum, diese Frage hatte mittlerweile ihre Bedeutung verloren. Es würde immer etwas in der Dunkelheit auf ihn lauern, der Schrecken kein Ende nehmen, biss ein gnädiges Schicksal ihn erlöste, ihm den Frieden schenkte, den er ersehnte.
Obwohl es nichts mehr gab, das er zu fürchten hatte, nichts, das ihm noch genommen werden, das ihn oder die Ruinen seiner Selbst erschüttern konnte, blieb der bittere Geschmack in seinem Mund, das Wissen, dass er den Weg weitergehen musste, so sehr er sich auch dagegen sträuben mochte.
Was es war, das ihn verstockt, beinahe störrisch an seinem Leben festhalten ließ, das ihm verbot, ihm stets, auch in seinen schwersten Stunden, verboten hatte, aufzugeben, er hatte es nie verstanden.
Es befahl ihm unermüdlich zu kämpfen, hinderte ihn, der Trägheit nachzugeben, die ihn verlockte, ihm zuschrie, dass es an der Zeit sei, die Schlacht zu beenden.
Er schloss die Augen und öffnete sie gleich wieder, obwohl der Rauch sie tränen ließ. Es waren die Bilder der wenigen Menschen, die ihm noch geblieben waren, die er noch nicht auf seinem Gewissen hatte, die ihm den Schmerz bewusst machten, der niemals zu enden schien.
Er wollte nicht mehr, konnte nicht mehr zurück. Es gab nichts mehr für ihn, nichts mehr, das er riskieren würde.
Die klare Flüssigkeit aus seinem Glas brannte in seiner Kehle, doch die Trauer konnte sie ihm nicht nehmen.
Seine Hoffnungslosigkeit hatte jene Grenze erreicht, die in Verzweiflung überging, die sich nicht mehr betäuben ließ, nicht mehr auf eine Art, die ihm erlaubt war.
Er starrte auf die zerdrückte Packung Zigaretten, die vor ihm, auf dem rohen Holztisch lag, auf das Etikett der Flasche, die er bereits halb geleert hatte, und deren Inhalt keine Wirkung mehr auf ihn hatte.
Zumindest nicht die Wirkung, die er mit jeder Faser seines Körpers ersehnte, und die ihm dennoch versagt blieb.
Doch auch daran hatte er sich gewöhnt.
Seit seinem Entzug war das Verlangen nach der Droge sein ständiger Begleiter, einer der Dämonen, die ihn jagten, eine der Herausforderungen, denen er begegnete, jeden Tag aufs Neue.
Es war ein Feind, den er kannte, den er als das akzeptierte, was er war - eine Notwendigkeit, ein Preis, den er bewusst bereit gewesen war, zu bezahlen, ohne die Entscheidung auch nur eine Sekunde lang bereut zu haben.
Trotz der Notwendigkeit, sich dieser Schwäche hinzugeben, hatte er nicht mit der Wucht der Empfindungen gerechnet, die ihn durchströmten, als er zum ersten Mal seit vielen Jahren die Nadel wieder in seinen Arm gesenkt hatte.
Als er diese Reise antrat, wieder spüren durfte, wie es sein konnte, alles um sich herum zu vergessen, nicht mehr vorhanden zu sein, nicht mehr er selbst, nicht mehr der Mann, den er hasste, der er zu lange nicht mehr sein wollte.
In diesem Moment war er eins mit der Welt geworden, geborgen in dem unbeschreiblichen Frieden, den er niemals wieder aufhören konnte, zu ersehnen. Und er war es müde, dieses Verlangen zu leugnen, müde Tag für Tag, Nacht für Nacht die Kraft zu sammeln.
Er war es müde, den Schrei seines Körpers nach Entspannung, den seiner Seele nach Erlösung wieder und wieder zu ignorieren, sich taub zu stellen, ebenso wie er sich taub gegenüber seinen anderen Bedürfnissen zu stellen gewohnt war.
Er hob sein Glas und stürzte den Inhalt entschlossen die Kehle hinunter. Das Feuer, das er in seinem Magen entfachen wollte, das ihm wenigsten die Illusion von etwas Wärme schenken sollte, war erloschen, noch ehe es seine Lippen erreichte.
Es war außerstande, die Kälte zu verhindern, die in ihm empor kroch.
David fröstelte. Er zog die ausgeleierte Lederjacke zusammen und beugte sich vor, als wolle er so versuchen, zumindest seine Körpertemperatur zu bewahren.
Normalerweise war er nicht empfindlich, doch der Tatsache, dass er sich nicht mehr auf der südlichen Halbkugel der Erde befand, musste letztendlich Rechnung getragen werden.
Wieder erschauerte er leicht, trotz oder gerade wegen des Alkohols, den er getrunken hatte.
Die Luft war dick, beinahe unerträglich in ihrer Schwere. David fiel es mit einem Mal schwer, Atem zu holen.
Er musste hier heraus, konnte diesen Raum nicht mehr ertragen, konnte nicht bleiben. Es war Zeit zu gehen, Zeit, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen, Zeit zu kapitulieren.
Seine Hand umklammerte die Ecke des Tisches, bis die Knöchel unter den schrecklichen Narben weiß hervortraten. Der Anblick lähmte ihn zusätzlich, machte den Versuch aufzustehen zunichte.
Hilflos blickte er auf, ohne etwas zu sehen.
Die wabernden Rauchschwaden vernebelten seinen Blick, der Boden wankte unter ihm. Noch fester klammerte er sich an das grobe Möbelstück, biss die Zähne zusammen bis sie schmerzten.
Er konzentrierte seine Gedanken auf das, was er zu tun beabsichtigte, schloss die Welt davon aus.
Übrig blieb nur die schmale Tasche, die in der Innenseite seiner Jacke verborgen war, das schwarze Päckchen, das er mit sich trug, in dem Wissen bei sich hatte, dass er es eines Tages brauchen werde.
Und dieser Tag war gekommen. Seine Nerven spannten sich in Erwartung, sein Atem ging stoßweise, als er spürte, wie sich das zur greifbaren Form gewordene Geheimnis an seinen Körper schmiegte, als er fühlte, wie es sich in sein Fleisch brannte.
Ihm nachzugeben war ein Fehler, er wusste es, wusste, dass ihm dieser Luxus nicht erlaubt war. Doch gab es nichts mehr, das ihn jetzt noch abhalten konnte.
Er konnte es erahnen, schmecken, fühlen, wie das Gift durch seine Venen raste, spüren wie es ihn befreite, wie es ihm schenkte, was er sich ersehnte.
Es war Zeit zu gehen. David löste den Blick und sah hoch. Schwarz glänzende Augen hypnotisierten ihn, bannten seine Bewegungen, lähmten seine Muskeln.
Nur einen Augenblick, nur für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke, lösten sich gleichzeitig voneinander, nur um wieder zu ihrem Ziel zurückzukehren.
David spürte einen Stich, einen Schmerz, den er nicht einordnen konnte, nicht einordnen wollte. Mit einem leisen Stöhnen wandte er sich ab, verbannte den Eindruck aus seinem Geist und stützte sich schwer auf die Tischplatte, bevor es ihm gelang, sich nach oben zu ziehen.
Unsichere Finger suchten einen verknüllten Geldschein hervor, warfen ihn achtlos auf den Tisch. Es war an der Zeit aufzugeben, den Kampf zu beenden, der Droge den Sieg zu überlassen.
Müde taumelte er vorwärts, fand seinen Weg beinahe, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ebenso wenig bemerkte er den Schatten, der ihm folgte, die lange Gestalt, die sich geschmeidig von ihrem Platz erhoben hatte, noch ehe die Tür hinter ihm zugefallen war.
*
Alan hatte nicht gefragt, welche Mächte ihn mit unsichtbarer Hand dazu gebracht hatten, sich an diesem Abend in eine für ihn ungewohnte Umgebung zu verirren.
Er vertraute den Geistern, die ihn führten.
Schon vor langer Zeit hatte er aufgegeben, ihre Motivation zu ergründen. Auf sie hörte er, ihren Stimmen folgte er bereits sein Leben lang.
Obwohl es schwer war, manchmal zu schwer für einen einzelnen Mann, sie hatten ihn niemals allein gelassen. Sie hatten ihn niemals hilflos in einer Welt zurückgelassen, in der die meisten Menschen orientierungslos auf der Suche nach etwas umher irrten, das unerreichbar direkt vor ihnen lag.
Er wusste es in dem Moment, in dem er David gesehen hatte, wusste, dass sein Leben eine neue Richtung, sein Schicksal eine neue Aufgabe für ihn bereit hielt.
Im Grunde hatte er es schon lange gewusst, gespürt, seit Jahren gefühlt, dass etwas auf ihn wartete.
Seine Bestimmung war noch nicht erfüllt, sein Dasein mit Tims Tod nicht sinnlos geworden.
Es war der Schmerz des Verlustes, der ihn blind, die grenzenlose Trauer, die es ihm unmöglich gemacht hatte, nach vorne zu sehen, die ihn den Weg, den seine Ahnen für ihn ausgesucht hatten, verlassen ließ.
Wie hätte er seinem Volk auch weiter helfen können, wenn in ihm alles leer und tot war, wenn er zusammen mit Tim in die andere Welt hätte übergehen sollen, wenn es ihnen bestimmt gewesen wäre, gemeinsam einen Pfad zu beschreiten, auf dem ihn sein Geliebter alleine zurückgelassen hatte.
Er hatte ihn verflucht für das, was er ihm angetan hatte, und danach war er geflohen, hatte seine Heimat, das Reservat verlassen, als wäre er wieder der Junge, der sich gegen die Zwänge, die ihm mit seiner Geburt auferlegt worden waren, verzweifelt auflehnte.
Doch dieses Mal war er eher zurückgekehrt, dieses Mal hatte er die Rufe vernommen, gewusst, dass er gebraucht wurde, dass sein Volk nicht ohne seinen Schamanen sein konnte, dass seine Pflicht ihn an diesen Ort band.
Und dann waren die Visionen gekommen. Zunächst nur während der Zeremonien, wenn er auf der Suche nach ihnen war.
Doch schließlich kamen sie ungerufen, unvermittelt, in beängstigender Intensität.
Er hatte geglaubt, ihn, Tim, zu sehen, geglaubt, dass sein Schmerz sich Wege suchte, ihn zu verwirren.
Doch dann war es ihm klar geworden, dass es nicht Tim sein konnte, dessen Eindrücke er empfing, dessen Leben, dessen Leid er in diesen seltenen Augenblicken wahrnehmen konnte.
Die Verluste, die ihm in David gegenübertraten, waren groß, vernichtend und zerstörerisch, ebenso wie diejenigen, die Alan selbst erlitten hatte.
Und doch besaß dieser Mann keinen Einblick in die Geisterwelt, kein Gefühl für die verborgenen Bewegungen, die sich um ihn herum abspielten.
Er war ein Krieger, soviel hatte Alan erkannt, ein Kämpfer ohne Furcht, jemand, der sich nicht schonte, der alles gab, und der einen hohen Preis bezahlte, einen Preis, der nun zu hoch für ihn geworden war.
Dass er ihm an diesem Tag begegnen würde, dass er ihm überhaupt einmal begegnen würde, hatte ihn überrascht, hatte Alan verunsichert.
Für gewöhnlich, wenn er dem stummen Ruf folgte, galt es, einem Stammesbruder aus Schwierigkeiten herauszuhelfen, besser noch, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu solchen käme.
Er hatte nicht erwartet, David zu sehen, noch nicht einmal, als sein Blick über die leeren Plätze gewandert und an der vornüber gebeugten Gestalt hängen geblieben war, die sich an ihrem Glas festgehalten hatte, das Gesicht verborgen, die Haare stumpf und trocken im Dämmerlicht.
Erst als jener auf ein unausgesprochenes Kommando hin, den Kopf gehoben und mit verlorenen Augen, ohne es selbst zu bemerken, die seinen gefangen hatte, erst dann erkannte er ihn, sah in ihm seine Vergangenheit und seine Zukunft.
Alan zögerte, sein Stolz und Selbsterhaltungstrieb ließ es zu, dass der Augenblick verstrich, warnte ihn vor dem Risiko, dass sich vor ihnen auftürmte.
Nach sekundenlangem Erschauern zog David sich wieder in sich zurück. Eine undefinierbare Ahnung erfüllte den Raum.
Nur dass er es diesmal nicht zulassen würde. Dieses Mal würde er ihm folgen. Alan schloss die Augen und drängte die Furcht zurück, die ihn ergreifen wollte. Ein Band, und wenn es auch noch so zerbrechlich schien, war geknüpft worden, und jeder Versuch, sich loszureißen, würde zum Scheitern verurteilt sein.
*
Die Nacht war dunkler als gewöhnlich, die Wolken hingen grau und tief, hinderten das Licht der Sterne und den tröstenden Schein der schmalen Sichel daran, den Boden zu erreichen, seine Schritte zu erhellen.
Trotzdem kannte Alan die Richtung mit untrüglicher Sicherheit, ebenso, wie er es gewusst hatte, wohin ihn sein Weg an diesem Abend führen werde.
*
David stolperte, taumelte, fand Halt an der Außenwand eines Schuppens, den er in der Finsternis kaum wahrnahm.
Er spürte das raue Holz, als er versuchte sich hochzuziehen, die Splitter, die in seine Handflächen eindrangen, die Wunde an seiner Stirn, als der Versuch fehlschlug und er ausrutschte, fiel und sein Kopf in schmerzhaften Kontakt mit dem steinernen Auffangbeckens für Regenwasser geriet.
Er bemühte sich nicht mehr, aufzustehen oder den Schwindel zu überwinden.
Es wäre vergebens gewesen.
Dieser Ort - er war entschlossen gewesen, niemals wieder an diesen Ort zurückzukehren, sich niemals wieder in eine Lage wie diese zu begeben - und doch hatte es ihn genau dorthin getrieben.
David presste die Lippen aufeinander und unterdrückte einen Schmerzenslaut. Sein Kopf hämmerte, und er fühlte das Blut in einem kleinen Rinnsal die Schläfe hinabfließen.
Er war schon einmal hier gewesen, nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Staat, und doch dort, wo er sich nun befand - am Boden, sich windend vor Schmerzen, seine Gedanken, sein Wille, sein ganzes Sein nur von dem brennenden Verlangen erfüllt, um das alles kreiste:
Zu vergessen!
Zitternde Finger tasteten nach den Utensilien, die ihm Erlösung bringen sollten. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fanden sie ihren Weg in der Dunkelheit, vollführten Bewegungen mechanisch, geübt, Tausende von Malen zuvor geprobt, in Gedanken verrichtet.
Es war zu spät, er war wieder dort gefangen, wo er sich vor Jahren einmal verloren hatte. Dieser Platz, der ihm Frieden schenkte und ihm dafür alles andere nahm. Der ihn mit nichts zurückließ, als Scham, Verzweiflung, Verachtung seiner Selbst.
Dieser Ort in sich selbst, der ihn dazu brachte, sich zu hassen. Er hasste sich, wenn er sich mit einer höflichen Entschuldigung auf den Lippen zurückzog, um das zu tun, was nötig war, um das Flattern seiner Hände, um die Sehnsucht in seinen Adern zu beruhigen.
Er war wieder dort angekommen, wo er Auge in Auge mit seinen Feinden, mit den Menschen, die zu täuschen er gezwungen war, das Heroin in seinen Körper pumpte; wenn er jeden Stolz, jede Selbstachtung verloren hatte, sobald der Wunsch nach der Droge ihn zu schütteln begann.
Er war dorthin zurückgekehrt, wo sein ganzer Körper in Flammen stehend, mit seiner letzten Kraft vorwärts kroch, eine schmutzige Ecke in einer verborgenen Gasse findend, die ihm den nötigen Schutz bot, um sich den ersehnten Schuss zu setzen.
Er war dort angekommen, wurde erneut mit offenen Armen empfangen.
Sein Herz begann wieder zu schlagen, die tödliche Lähmung, die während der letzten einsamen Monate zur Rettung und nun zur Qual geworden war, wich der Spannung, der Erwartung des Unvermeidlichen, der Verlockung des Erwachens.
Er lebte, sein Körper glühte, sein Blut pulsierte, als er blind seine Vene ertastete, als die kalte Nadel endlich seine Haut durchbrach. Und wenn es das letzte Mal sein sollte... er wäre glücklich darüber.
*
Auch wenn Alan seine Anwesenheit nicht gespürt hätte, wäre es nicht schwierig gewesen, ihn zu finden.
Die schäbigen Gassen ließen nicht viele Möglichkeiten, ein Versteck zu suchen.
Und dass er ein Versteck suchte, daran gab es keinen Zweifel.
Die Gebäude, oder das, was davon zu erkennen war, wirkten verlassen und verwahrlost.
Keine Zeugnisse der Armut, wie er es aus dem Reservat kannte, sondern Beweise der Gedankenlosigkeit der Menschen, die einen Teil der Welt besiedelten und, ausbeuteten, um ihn dann zurückzulassen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Verluste auszugleichen.
Der Boden war steinig und ungepflegt, die Stadt ein Schatten dessen, was sie vor vielleicht fünfzig Jahren noch gewesen war.
Alan bewegte sich lautlos vorwärts. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, durchdrangen die Nacht, suchten und fanden ihr Ziel.
Die Gestalt lag an der Wand eines Schuppens, die genügend Risse aufwies, um ihre Stabilität in Frage zu stellen.
Halb verborgen hinter einigen wahllos aufeinander gestapelten Brettern wäre sie nicht zu entdecken gewesen, hätte er nicht gewusst, wonach er suchen musste.
Seine scharfen Augen erkannten das beinahe unmerkliche Heben und Senken der schmalen Brust, wanderten über die betäubten Glieder und das Gesicht, das mit sanft geschlossenen Lidern und leicht verzerrten Zügen eine schmerzhafte Entspannung ausdrückte, eine Freiheit, die keine war.
Die leere Spritze lag neben ihm, das gelockerte Gummiband war den Oberarm hinab gerutscht.
Alan fuhr sich durch das dunkle Haar, seufzte und bückte sich schließlich, um die Gegenstände in aller Vorsicht einzusammeln.
Es waren die Beweise einer Gier nach etwas Unerreichbarem, einer Gier nach Erfüllung, die es so niemals geben konnte. Beinahe mitleidig, fast behutsam fasste er den Anderen um den Oberkörper und hob ihn vom Boden hoch.
Für einen Moment lang ließ er ihn in seinen Armen ruhen, spürte die lang vermisste Nähe eines Körpers an dem Seinen, die Wärme und den Atem eines anderen Menschen, eines Menschen, den eine Laune des Schicksals ihm so vertraut erscheinen ließ, als hätte er mit ihm einmal sein Leben geteilt.
Er schluckte den Klumpen herunter, der sich in seinem Hals bildete, packte David an der Hüfte, und warf sich den kleineren Mann entschlossen über die Schulter. Mit festen Schritten kehrte er dem Ort den Rücken. Die Entscheidung war gefallen.
*
David erwachte in der Dunkelheit. Jedoch nicht in der Dunkelheit, in der er es gewohnt war, seine Besinnung nach unruhigen, quälenden Träumen wiederzuerlangen.
Diese Dunkelheit bedeckte, umspielte ihn mit samtenen Bewegungen, spendete Trost, schenkte ihm einen Anflug der Illusion, geborgen zu sein.
Zum ersten Mal seit langem fuhr er nicht in Schweiß gebadet hoch, mühsam den Drang bekämpfend, sich zusammenzurollen, in unerklärlicher Panik auf der Suche nach Schutz zu der nächstliegenden Wand zu hasten, zu versuchen, ohne zu wissen warum, sich in eine Sicherheit zu bringen, von der er doch wusste, dass es sie nicht geben konnte.
Die Stille um ihn herum atmete eine unerklärliche Ruhe. Hätte sein Herz nicht mit einem Mal wild zu schlagen begonnen und sein Körper die ersten bekannten Anzeichen von Lebendigkeit aufgewiesen, er hätte vermutet, diese Welt verlassen, das Grauen endlich hinter sich zu haben.
Die Luft war süß, schwer von Düften, die er nicht kannte, das Gefühl des Friedens neu und exotisch.
Und doch begann sein Kopf zu schmerzen. Seine Zunge erschien ihm dick und geschwollen, und die Lähmung, die ihn erfasste, erfüllte ihn mit Schrecken.
Außerdem gab es keinen Zweifel daran, dass er nicht allein war. Er spürte die Anwesenheit eines Menschen in unmissverständlicher Deutlichkeit.
Verschwommene Erinnerungen holten ihn ein, steigerten seine Verwirrung: Eine nächtliche Fahrt, eisiger Wind, der ihn erschauern ließ.
Das Gefühl zu fliegen, über die Erde zu rasen und dann wieder durchgeschüttelt zu werden auf einer Reise ohne Ziel.
Er versuchte, sich zu bewegen, doch sobald er Anstalten machte, seinen Kopf zu heben, überrollte ihn eine Welle der Übelkeit.
Schwindel brachte ihn dazu, mit einem Stöhnen auf den weichen Grund zurückzusinken.
Seine Glieder waren schwer, die Fingerspitzen taub, und doch schien es ihm, als würde er auf der Erde liegen, als fühlte er sanftes Gras ein Bett für seinen Körper formen.
Weitere Erinnerungen stiegen in ihm auf, Momente, die für sich standen, fremdartig anmuteten, als würden sie aus einer anderen Welt zu ihm transportiert.
Träume, die ihn davongetragen, die Wirklichkeit in eine unbekannte Dimension verwandelt hatten. Leise Gesänge aus der Ferne, der dumpfe Rhythmus von Trommeln, die ihn hypnotisiert, eingeschläfert, beruhigt hatten, sobald die Schrecken ihre klammen Finger nach ihm ausgestreckt, der Schmerz ihn hatte um sich schlagen lassen.
Rauch, der aufstieg, Gestalten annahm, betäubte und faszinierte, kühle Hände, die über seine geschundene Haut strichen, sie sanft massierten, mit dunklen Ölen salbten.
Und inmitten der Augenblicke des Erwachens immer wieder die dunkle Stimme, eine fremde Sprache, die auf wundersame Weise die Dämonen vertrieb, die ihn umgaben.
Erinnerungen an das Zurücksinken in einen Schlaf, so tief, so wundervoll, dass er sich wünschte, nie wieder aus seiner Dunkelheit heraustreten zu müssen, wechselten sich ab mit denen an starke Arme, die ihn stützten, ihn weit genug aufrichteten, um ihm einen Schluck eines bitteren Getränkes einzuflößen, seine trockenen Lippen zu befeuchten.
Und dann das Gefühl des Fallens, des Aufgefangen- und Gehaltenwerdens -- fremdartiger, ungewohnter, als alles andere, das er je erfahren hatte.
Doch das war auch der Augenblick, in dem er bemerkte, dass er nackt war, hilflos gefangen im Unbekannten.
Er fuhr hoch, obwohl alles in ihm dagegen rebellierte, stützte sich schwer auf Arme, die unter ihm hinweg rutschen wollten und focht mit der Kraft, die ihm noch geblieben war, gegen den Drang, sich in sein Schicksal zu ergeben, beinahe erstaunt über das Aufbäumen eines Willens, den er bereits für erstorben gehalten hatte.
Ein wimmernder Laut entfuhr ihm, als das Blut angetrieben von seiner Furcht begann, schneller zu zirkulieren, als das Pochen und der Schwindel in seinen Schläfen beinahe unerträglich wurden.
Die Anwesenheit, die er bereits gespürt hatte, nahm Gestalt an. Die Schatten, die ihn umgaben, lösten sich auf. Es gelang ihm, Konturen seiner Umgebung wahrzunehmen.
Ein noch schwach glimmendes Feuer milderte seine Blindheit, ließ ihn den mit geradem Rücken davor sitzenden schlanken Mann erkennen.
David wusste, dass der Mann ihn anstarrte, ihn in seinem Blick hielt, obwohl er keine Gesichtszüge ausmachen konnte.
Er bewegte sich nicht. Wie eine Statue verharrte er reglos, bis der regelmäßige Ton der Trommel in Davids Bewusstsein eindrang. Er konnte nicht sagen, ob der eintönige Rhythmus bereits vorhanden war, bevor er ihn bemerkte, oder ob seine Bewegungen ihn ausgelöst hatten.
Doch der Laut alleine drang mit Macht durch seinen Körper, ließ ihn vibrieren, verjagte den plötzlichen Schrecken mit seinem Hall.
David spürte, wie sich sein Herzschlag dem Rhythmus anpasste, wie die hypnotische Wirkung einsetzte. Langsam gaben seine Arme nach, und er sank wieder zurück auf den Grund, der ihn sanft empfing und forttrug in erneute Bewusstlosigkeit.
*
Wie viel Zeit vergangen war, konnte David nicht sagen, doch sein nächstes Erwachen verlief anders.
Er blinzelte ein paar Mal in die Leere, bevor sich sein verschwommener Blick aufklarte.
Und nicht nur das, auch die Stille wich den Geräuschen des Tages.
David setzte sich vorsichtig auf und blickte sich um. Er befand sich allein in einem Raum, dessen Ausstattung ungewohnt erschien, jedoch nicht unangenehm oder bedrückend.
Spärlich, spartanisch, einer längst vergangenen Zeit entsprungen und gleichzeitig verwirrend in ihrer Mischung aus Einfachheit und unpassend modernen Utensilien.
Grobe Blockhauswände umrahmten wenige Möbelstücke, die auf natürlichem Grund standen.
Eine erkaltete Feuerstelle befand sich nicht weit von einem kleinen Regal, in dem sorgsam mehrere Bücher angeordnet waren.
Ein niedriger Tisch trug tönerne Schalen und Töpfe, daneben Dosenmahlzeiten und ein verstaubtes und veraltetes Funkgerät. Tierfelle hingen vereinzelt an den Wänden, schützten den Raum vor Wind und Wetter, dazwischen unregelmäßig verteilt, getrocknete Kräuter und Wurzeln.
David war versucht sich zu zwicken, so unwirklich erschien ihm die Szenerie.
Was um alles in der Welt hatte er hier verloren?
Er wandte sich um, nicht ohne die abrupte Bewegung zu bereuen, die einen Schauer seine Wirbelsäule hinab laufen ließ, doch das Ergebnis blieb unverändert.
Er war alleine, und offensichtlich war es Tag. Licht drang durch Ritzen und Ecken, schuf eine dämmrig wundersame Atmosphäre. Vogelgezwitscher rundete den Eindruck beinahe lächerlich ab.
David, nicht willens abzuwarten und die Dinge auf sich zukommen zu sehen, rappelte sich auf, erstaunt darüber wie leicht er sich auf einmal fühlte. Schmerz und Unwohlsein verflüchtigten sich mit den Bewegungen.
Er schwankte nur noch leicht, sobald er aufrecht stand. Die neue Perspektive erlaubte ihm einen besseren Überblick.
Jetzt roch er den kalten Rauch, geschwängert mit dem Duft verbrannter Gräser, der in den Ecken haften geblieben war.
Mühsam stolperte er in Richtung des Ausganges, schob das Fell, mit dem dieser verhängt war, beiseite und schlüpfte hinaus ins Freie.
Das plötzliche Sonnenlicht durchstach seine Augen, seine Hände fuhren empor, um sie vor den beißenden Blitzen zu schützen.
Ein Hauch frischen Windes ließ ihn frösteln und erinnerte ihn an seine Nacktheit.
Davids Füße sanken in weiches Gras, als er einen Schritt vorwärts in die Helligkeit trat.
Er blinzelte und zwang sich, die Lider einen Spalt zu öffnen. Die Sonne stand tief, es schien auf den Abend zuzugehen, doch sie leuchtete in einer Intensität, die Ihresgleichen suchte.
Kräftige Farben kündeten vom nahenden Herbst, bereicherten die Erde mit satten Tönen. Die Hütte war eingebettet in einer leichten Senkung, umgeben von wildwachsender Wiese, die in den angrenzenden Wald überging.
Insekten tanzten in der Luft, vollführten Sprünge und Flugkünste, als wollten sie David ihre Lebendigkeit vor Augen führen. Er rieb seine Augen, obwohl sie sich langsam an das Licht gewöhnten und sog tief den Atem ein, spürte wie die frische Luft ihn belebte.
Beinahe wäre ihm ein Lächeln entschlüpft, das erste dieser Art seit langem, allerdings nur beinahe.
“Verdammt.” Der Laut erklang ungewohnt in dieser Umgebung, die offensichtlich nicht gewohnt war, menschliche Flüche zu empfangen. Dennoch wiederholte er das Wort und trat einen weiteren Schritt nach vorne.
Es tat gut, sich selbst sprechen zu hören, zu versichern, dass er sich seines Platzes in der Realität bewusst war, trotz allem, das passiert sein mochte.
Eine Gestalt trat unter den schattigen Baumriesen hervor, die Hände angefüllt mit merkwürdig geformten Steinen.
Auch er schien nackt zu sein.
Doch beim Näherkommen erkannte David die kurzen Hosen, die die langen Beine des Mannes zumindest teilweise bedeckten.
Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit, seine merkwürdige Begegnung genauer in Augenschein zu nehmen.
Der Mann zeigte keine Überraschung, auch sonst keinerlei Emotionen, als er ihn dort vor der Hütte stehen sah.
Ein leichtes Anheben der Augenbrauen war das einzige, das David ausmachen konnte, seine Aufmerksamkeit schien auf alles andere mit Ausnahme des unfreiwilligen Besuchers gerichtet zu sein.
David verschränkte die Arme vor seinem Körper, bemühte sich seiner äußeren Erscheinung, und der Verlegenheit, die sie mit sich brachte, keinerlei Bedeutung zuzumessen, als er herausfordernd den Blick des Anderen suchte.
Er konnte nicht sagen woher, doch es war ihm klar, mehr als das, er war sich sicher, dass sie die einzigen Menschen im Umkreis mehrerer Meilen sein mussten. Doch das machte die Situation nur umso rätselhafter für ihn.
Der Dunkelhaarige wich seinem Blick aus, konzentriert auf seine Handlungen, die er mit beinahe unerträglicher Ruhe vollführte.
Er arrangierte die Steine in einem Kreis in einigem Abstand von der Hütte, ohne sich von David stören zu lassen, ohne ihm auch nur den geringsten Teil seines Interesses zu bekunden. Seine Bewegungen waren elegant, flüssig, er handelte geschickt, in einem lange geübten, tausendmal praktizierten Rhythmus.
Erst jetzt bemerkte der Blonde das glänzende, glatte Haar, länger als er es gewohnt war, an einem Mann zu sehen, den bläulichen Schimmer, der es umgab, die bronzene Haut, die fein geschnittenen Gesichtszüge.
Unerwartet tauchte ein Bild vor ihm auf, das Bild eines Mannes, der einen Schmuck aus Knochen und Perlen auf seiner Brust trug, hoch auf einem Pferd sitzend, das wild davon galoppierte, die langen Haare ungebändigt um sein Gesicht flatternd.
David blinzelte, schüttelte seinen Kopf in Verwirrung.
Das Bild war so real, dass er vermeinte, Kriegsgeschrei und Trommeln in der Ferne zu hören.
Er kniff die Augen zusammen, und taumelte erschrocken beiseite, als der Größere sich mit einem Mal erhob und auf ihn zukam, ihn jedoch geflissentlich ignorierte, beinahe zur Seite stieß, als er sich anschickte die Hütte zu betreten.
“Was ist hier eigentlich los”, stieß David atemlos hervor, während er dem anderen Mann hastig folgte. “Und wo, zum Teufel, sind meine Sachen... ich...”
Er verstummte, als der Dunkelhaarige herumwirbelte, ihn zum ersten Mal wahrzunehmen schien. Zornig glitzernde Augen musterten ihn stumm, während er einen schmalen, langen Finger vor seinen Lippen platzierte.
Davids Blick weitete sich in plötzlichem Erkennen.
Diese Augen hatte er schon einmal gesehen, vielleicht schon öfter, dessen war er sich sicher.
In der Bar... natürlich, bevor er... dort hatten sie ihn schon einmal bedrängt, ihn schon einmal auf dieselbe Art irritiert, auf die sie es jetzt wieder taten.
“Ich... ich...”, stotterte er, erntete jedoch sofort ein knappes, ärgerliches Kopfschütteln.
Sichtlich widerwillig antwortete der Andere ihm, seine Stimme rau und gleichzeitig sanft, als würde sie etwas zurückhalten, dessen sich der Sprecher selbst nicht vollständig bewusst war.
“Nicht sprechen!”
Ohne sich dessen bewusst zu sein, nickte David.
Sein Blick traf den des Anderen, und ohne ein weiteres Wort wandte dieser sich um und zog einen ledernen Rucksack unter einem Haufen Decken hervor, aus dessen Tiefen er eine zerknüllte, graue Jogginghose zog und hinter sich warf.
David fing sie erstaunt, aber auch dankbar auf. Nicht nur, dass ihm seine Blöße unangenehm war, die Kälte begann auch in ihm empor zu kriechen.
Aus den Augenwinkeln musterte er den Ort, der offensichtlich sein Schlaflager war, schüttelte den Kopf über das merkwürdig steinzeitliche Arrangement.
Er sollte sich umdrehen und gehen.
Was konnte es ihm bringen, sich auf neue Rätsel einzulassen? Am Ende würde doch alles wieder so sein wie zuvor.
Er wäre allein und ohne Hoffnung, sein Gewissen schwer von den Dingen, die er hätte tun sollen, die er hätte lassen müssen.
Flink schlüpfte David in die viel zu großen, viel zu weiten Hosen und zog den Bund enger zusammen. Es war wirklich Zeit zu gehen, dieser Situation ein Ende zu bereiten, und zwar sobald als möglich.
*
Alan ging zur Feuerstelle und entfachte, ohne sich noch einmal nach David umzusehen, ein weiteres Feuer. Auch diese Nacht würde nicht leicht werden, soviel war ihm klar.
Die Hilfestellung, die er geben konnte, war sinnvoll und wichtig, doch die Hauptarbeit musste der Mann selbst verrichten.
Oft genug war er bei den Kämpfen gegen Drogen verschiedenster Art dabei gewesen, oft genug hatte seine Mühe auf lange Sicht nichts bewirken können.
Er seufzte. Morgen würde er zurückkehren müssen, daran gab es nichts zu rütteln. Bis dahin musste David in der Lage sein, seiner Realität wieder zu begegnen.
‘David Mann’. Alan rollte mit den Augen. Der Ausweis des Mannes hatte nicht viel verraten, außer, dass sein Besitzer versucht hatte, ihn zu zerstören.
Die Ränder wirkten angeschwärzt, ungleichmäßig, als habe er sie ins Feuer gehalten und im letzten Moment wieder zurückgezogen, als hätte ihn doch im letzten Moment noch etwas davon abgehalten, seine Existenz auszulöschen.
Alan war nicht überrascht. Das Leben musste David übel mitgespielt haben, das war unverkennbar. Die Verletzungen, die er, allein äußerlich, davongetragen hatte, waren anders als alle, die er bisher gesehen hatte, zeugten von einer Brutalität, die Ihresgleichen suchte.
Narben verschiedenster Größe, manche alt, manche neu, bedeckten weite Teile seines Körpers, malten Linien des Schreckens auf die blasse Haut.
Obwohl Alan Windrunner vertraut war mit der Fähigkeit und dem Willen des Menschen, die Auswüchse blinder Wut und hemmungsloser Gewalt zu ertragen, hatte ihn der Anblick des Körpers, der sich ihm beim Entkleiden langsam enthüllte, die Luft scharf einsaugen lassen.
Das waren die Spuren jahrelanger Folter, die vor nichts zurückgeschreckt hatte, um ihr Ziel zu erreichen. Das waren Zeugnisse lebenslanger Misshandlungen und unaussprechlichen Leides. Überbleibsel von Verwundungen aus der Jugend wechselten sich mit mehr als zehn Jahre alten Wunden ab, wurden gekrönt von frischen Narben, nicht älter als Wochen.
Anscheinend kannte dieser Mann, über den der Lakota bis jetzt nicht mehr wusste, als seinen Namen, kein anderes Leben als eines voller Gewalt, dessen Spuren seine Haut übersäten.
In seinem Rücken spürte Alan den Wunsch aufflackern, sich umzudrehen und die Hütte zu verlassen, ohne Richtung oder Ziel loszugehen, wie es Davids Gewohnheit sein durfte.
Ohne darauf einzugehen, fuhr er in seinen Bewegungen fort, bereitete die Nacht vor.
*
David zögerte. Er wusste nicht warum, konnte nicht erklären, noch nicht einmal vor sich selbst, was ihn festhielt.
Die Frage seiner Sachen war ungelöst, ebenso wie die Frage nach den Intentionen des schweigsamen Mannes, der seine Anwesenheit entschieden ignorierte, als spielte es keine Rolle, wie Davids zukünftige Entscheidungen ausfielen.
Anscheinend stand es ihm frei, nach Belieben zu gehen und zu kommen, solange er sich an Regeln hielt. Davon abgesehen, dass David keine Ahnung davon hatte, um welche Regeln es sich handelte, an welchem Ort er sich befand, konnte er sich eines merkwürdigen, schleichenden Gefühls nicht mehr erwehren.
Es kroch unaufhaltsam in ihm empor. Am ehesten vergleichbar einem Déjà-vu Erlebnis aus längst vergangenen Tagen oder Zeiten, das ihn Schritt für Schritt einholte.
Die Handvoll Gräser oder Kräuter, die der Dunkelhaarige mit einigen gemurmelten Worten ins Feuer warf, und die nicht nur Rauch, sondern auch einen intensiven Geruch verbreiteten, die offenbar akribisch bemessenen und unzählige Male vollführten Bewegungen, ob es sich um das Zerkleinern von Wurzeln, oder das Aufsetzen von Wasser handelte, wirkten weniger geheimnisvoll auf ihn, als er hätte vermuten können.
Obwohl David sein gesamtes Leben fern von dieser Welt verbracht hatte, kam es ihm beinahe vor, als habe er das alles schon einmal erlebt.
Irritiert wandte er sich ab, um eine bunt bestickte Decke zu studieren, die offenbar Szenen eines Kampfes zeigte, da wurde er einmal mehr aus seinen Gedanken gerissen, als Alan urplötzlich vor ihm stand, und ihm eine Tasse dampfenden Inhaltes entgegenhielt.
David zögerte wieder. Die schwarzen Augen trafen seine, und er schluckte nervös. Der Größere stand vor ihm, unbeweglich, ohne ihn zu etwas zu drängen, ihn zu beeinflussen.
Der Augenblick dehnte sich ins Endlose, bevor David, ohne so recht zu wissen, warum er es tat, das Gefäß ergriff und an seine Lippen führte.
Er erinnerte sich an die Bitterkeit, an das betäubende Gefühl, das dem ersten Schluck folgte, die Ermüdung, die seine Glieder erfasste, sobald das dunkle, heiße Getränk seine Kehle hinab geströmt war.
Ob die Erinnerung ihn aus der vergangenen Nacht, oder aus einer Zeit, derer er sich nicht bewusst war, einholte, verlor ihre Bedeutung.
David gab der Erschöpfung nach, ließ zu, dass die Knie unter ihm weich wurden. Er wäre gestürzt, hätte der Größere ihn nicht aufgefangen, ihn näher zum Feuer geschafft.
Seine Umgebung löste sich im Nebel flüchtigen Vergessens auf. Sobald er spürte, dass der Boden ihn sanft empfing, ihn sicher tragen werde, begrüßte David dankbar die Dunkelheit, die ihn umhüllte.
*
Alan seufzte zufrieden und dankte den Geistern, die ihn führten, für die Leichtigkeit, mit der sein Gast auf den bitteren Tee, den er ihm einflößte, ansprach, und für die Bereitwilligkeit, mit der er das Spiel mitzuspielen schien.
Obwohl David sich in einem geschwächten, erschöpften Zustand befand, war Alan dennoch bewusst, dass dieser Mann ein gefährlicher Gegner sein konnte, sollte er einen Grund für einen Kampf oder auch nur für die Notwendigkeit der Selbstverteidigung erahnen.
Alan warf noch eine Handvoll Gräser in das Feuer, setzte sich, und stimmte einen leisen Gesang an.
Die Trommel schwieg noch.
Sie würde er später brauchen, wenn Davids Ruhe gestört, wenn er, von Krämpfen geschüttelt, dem Entzug erneut würde die Stirn bieten müssen.
Abwesend betrachtete er den schmalen Mann, dessen Gesicht nun beinahe entspannt wirkte, ausgenommen die Momente, in denen es in seinen Zügen verräterisch zuckte, als würden schmerzhafte Erinnerungen einen tiefen Traum stören.
Er sah kein bisschen aus wie Tim, war unverkennbar älter, das Gesicht gezeichnet von Falten und Linien, auch wenn es im Schlaf fast einen jugendlichen, unschuldigen Eindruck machte.
Das Haar war kürzer, die Farbe anders.
Tims Haar war länger. Feiner, in weichen Wellen hatte es seine Züge umspielt, die auch, nachdem sie bereits zehn Jahre zusammen waren, noch Spuren seines kindlichen Wesens aufwiesen.
Dieser Mann zeigte nichts davon. Sein Gesicht bewies Härte, Kontrolle in jedem vorstellbaren Sinne, eine Fähigkeit oder ein Wesenszug, der Tim vollständig fremd war.
Tims Haar war hell gewesen, blond. Wie goldene Spinnennetze hatte es das Licht der Sonne gefangen und behalten, egal welche Dunkelheit ihr Leben auch eingeholt haben mochte.
Alan hatte es geliebt, damit zu spielen, seine Finger durch die glänzenden Strähnen gleiten zu lassen, während er ihn geküsst hatte.
Tim dagegen war fasziniert von dem langen, dunklen Haar des Partners, hatte ihn ermutigt, es wachsen zu lassen, darauf bestanden, die in Silber gefasste Adlerfeder, ein Zeichen für Alans Rang und Würde, selbst und neidlos in der schwarzen Pracht zu befestigen.
Ob es ihm schwergefallen war, stets im Hintergrund zu bleiben, sich hinter dem Schamanen zurückzuhalten, ihn seinen Weg gehen zu lassen und diesem still schweigend zu folgen, Alan hatte es nie erfahren.
Selbst wenn er darunter gelitten hätte, dass er im Leben der Lakota nur die zweite Geige neben Alan spielte, Tim hätte es nicht gezeigt.
Der Grund dafür lag in Tims Vergangenheit, darin, dass er sich, nachdem er im Polizeikorps als homosexuell geoutet worden war, eine eigene Technik, wenigstens eine Nonchalance in der Begegnung mit menschlichen Vorurteilen zu eigen gemacht hatte.
Sein Sarkasmus war nicht angeboren, auch nicht erlernt, sondern eine entwickelte Notwendigkeit, die keine Alternative bot.
Und auch, wenn er nie wirklich einer der ihren, nie ein Lakota hatte werden können, so war er dennoch akzeptiert, war er zu einem Mitglied ihrer Gemeinschaft, mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen worden.
Sein Verhältnis mit Alan bedeutete in ihrer Kultur keine Schande, sondern eine Ehre und ein Zeichen der Stärke, die zwei Männer vereinigte.
Alan schüttelte den Kopf, um seine Gedanken von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.
Er konzentrierte sich wieder auf den seltsamen Gast, den er aufgenommen hatte, den ein unvorhersehbares Schicksal ihn gezwungen hatte, aufzunehmen.
Dessen Haar besaß nichts von Tims Zauber. Es war kurz und fast farblos. Im Licht des Feuers entwickelte es einen rötlichen Schimmer, war es durchzogen von weißen Fäden, stumpf und dünn, Beweis einer Existenz, die lange unter Mangel gelitten hatte.
Die Wimpern waren auffallend lang, dennoch wegen ihrer Helligkeit. beinahe unsichtbar.
Alans Blick wanderte hinab und blieb an der Hand hängen, die lose an Davids Seite ruhte und deren Verunstaltung ihm bereits vorher aufgefallen war.
In ihrer Funktion schien sie nicht beeinträchtigt, doch durch den Verlust des kleinen und des Ringfingers wirkte sie verkrüppelt, klein und nutzlos.
Es war dem Schamanen nicht entgangen, dass David, ob bewusst oder unbewusst, bemüht war, diese Hand vor den Blicken anderer zu verbergen, sei es in dem Dämmerlicht einer Bar, oder allein mit einem Fremden am helllichten Tag.
Alan zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn zu spekulieren. Er konnte nichts tun, als abzuwarten und auf den Willen der Geister Rücksicht zu nehmen, nach ihnen Ausschau zu halten, und zu versuchen, den Weg, den sie ihm wiesen, weiterzugehen.
Noch in Gedanken öffnete er eine Dose Suppe, schenkte sich etwas Wasser ein. Diese Nacht war noch nicht überstanden, und der nächste Tag würde hart werden.
• * * *
David träumte.
Er rannte, ohne vorwärts zu kommen, rannte innerhalb einer grenzenlosen Hölle.
Er schrie vor Schrecken und Schmerz, als ihn die Kugeln trafen, sein Körper in einer Explosion zerfetzt wurde.
Feuer zerfraß seine Glieder, langsam und unaufhaltsam. Seine Hände, mit denen er es löschen wollte, erschienen als taube Stümpfe, unfähig einer Handlung.
Und inmitten des Feuers die Gesichter, lachende Gesichter der Menschen, die er getötet hatte, von denen er überzeugt gewesen war, dass sie es verdient hatten.
Sie grinsten und kicherten, lachten ihn aus. Sie wussten es besser, hatten es immer besser als er gewusst.
Jeder außer ihm hatte bereits vor langer Zeit erkannt, dass seine Anstrengungen vergeblich waren, sein Glauben und seine Ziele auf Illusionen beruhten.
Er schrie vor Wut, und dann vor Angst, als es urplötzlich andere Gesichter waren, neue Fratzen, die sich ihm zuwandten, Gesichter voller Leid und Pein, Gesichter, die ihm stumme Vorwürfe entgegen schleuderten.
Sterbende, blutende, verletzte Menschen. Männer und Frauen, die litten, die Schmerzen ertrugen, Schmerzen, die er verursacht, Wunden, die er ihnen zugefügt hatte.
Er versuchte, die Augen zu schließen, sich vor ihnen zu verstecken, doch sie streckten ihre glühenden Arme nach ihm aus, verbrannten sein Fleisch, rissen sein Innerstes heraus.
Ein blutiger Schleier bedeckte seine Sicht.
Er würgte ohne aufhören zu können, erbrach sich, auch noch, als nichts mehr vorhanden war, dass sich aus seinem gequälten Körper hätte verabschieden können.
Und immer noch hingen sie an ihm, fühlte er ihren Griff, ihren Durst, ihren Wunsch nach Rache, ihr Bedürfnis, ihn für das zu bestrafen, was er ihnen angetan hatte.
Er zuckte, würgte, gequält von Dämonen, gequält von dem Wissen, dass er diese Qualen verdiente.
Endlich hörten die Krämpfe auf, und David spürte, dass er weinte, dass ihm unkontrolliert die Flüssigkeit aus den Augen quoll, dass sich etwas in ihm löste.
Kühle Hände strichen über seinen Rücken, seine Brust, verteilten lindernde Substanzen, die das Feuer zu löschen schienen, die seine Haut vor dem Verbrennen bewahrten. Arme hielten ihn, wenn er sich in Schmerzen und Übelkeit krümmte, feuchte Umschläge bargen sein glühendes Gesicht, schenkten ihm Augenblicke der Ruhe.
Und immer war da diese dunkle Stimme, die sanfte Beschwörungen murmelte, in unverständlichen Worten einfache, eintönige Melodien sang, die ihn einlullten, ihn wieder und wieder in kurze Momente des Schlafes schaukelten, bevor ihn etwas Undefinierbares, Schmerzliches wieder bewog, mit einem Gefühl des Entsetzens hochzufahren.
Er hielt sich an dieser Stimme fest wie an einem Anker, schöpfte aus ihr Kraft, die ihm nicht erlaubte aufzugeben. Trommeln erklangen von ferne, ihr Rhythmus umfloss ihn, gab ihm Ruhe, schenkte ihm Stabilität, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie ersehnte.
“Trink das.” Bronzefarbene, schlanke Finger reichten ihm das Getränk, noch ehe er seine Augen geöffnet hatte.
Das helle Licht des Morgens drang in die Hütte, vertrieb die Geister der Nacht.
David schnupperte an seiner Tasse. Es war nicht das bittere Gebräu, das ihm wieder und wieder während vergangener Tage und Nächte eingeflößt worden war, auch wenn es ähnlich ungewohnt duftete.
Er holte tief Luft und nahm einen großen Schluck. Sein Mund verzog sich automatisch mit dem herben Nachgeschmack, und doch setzte beinahe unmittelbar eine belebende Wirkung ein.
Verwundert, sich nach und nach seiner Lage bewusst werdend, begegnete er dem strengen, forschenden Blick des Anderen, konnte es nicht verhindern, dass seine Mundwinkel begannen zu zucken.
Die Komik, die er seiner Situation abgewinnen konnte, verwirrte ihn zusätzlich, zwang ihn, ihr Ausdruck zu verleihen.
“Wir sprechen jetzt?”, fragte er, seine Stimme in ihrem Krächzen kaum wiedererkennend.
Er räusperte sich, und nahm entschlossen einen weiteren Schluck, bevor er die Tasse absetzte.
Die weite Jogginghose, die er trug erschien ihm unpassender, denn je zuvor, und er blickte wieder fragend auf den Anderen.
Dieser nickte, offenbar nicht gewillt, mehr zu sagen als unbedingt notwendig, und richtete sich aus seiner kauernden Lage auf.
David folgte seinem Beispiel, versuchte den Schwindel, der ihn erfasste, nicht sichtbar werden zu lassen. Er bückte sich hinunter, und verharrte einen Moment so, gab vor das Trinkgefäß mit Achtsamkeit abstellen zu wollen.
Alans Hände stützten ihn erneut, als er sich zum zweiten Mal erhob.
Blitzartig kehrten die Bilder der Nacht zu ihm zurück, und der Hilfe, die diese Hände ihm gewährt hatten.
“Wer... “ stammelte er, mühsam sein Gleichgewicht wiedererlangend.
“Alan”, erwiderte die vertraute, dunkle Stimme.
“Mach dir keine Sorgen, David. Die Geister sind auf deiner Seite.”
Verwirrt, immer noch eine leichte Übelkeit bekämpfend, ließ David es zu, nach draußen geführt zu werden. Die kühle Morgenluft jagte ihm Schauer über den Rücken. Dankbar zog er den übergroßen Sweater an, den Alan ihm zu warf.
Langsam gewöhnten sich seine aus unerfindlichen Gründen bereits wieder tränenden Augen an die aus tiefem Schlummer erwachende Welt, bemerkten den Nebel, der hartnäckig zwischen den dunklen Bäumen festzuhängen schien, auch wenn sich der graue Schleier hauptsächlich in seinen Augen befand, die mit der plötzlichen Grelle des Lichtes im Clinch lagen.
Vögel sangen mit einer Inbrunst, als könnten sie den schwindenden Sommer daran hindern, der kälteren Jahreszeit zu weichen, und der Himmel strahlte klarer, als David glaubte, ihn jemals zuvor gesehen zu haben.
Kaum hatte er bemerkt, dass Alan ihn losgelassen hatte, als er das ebenso ungewohnte wie vertraute Schnauben von Pferden vernahm. Verwundert drehte er sich um, immer noch fröstelnd in der morgendlichen Frische.
Wie ein Bild aus einer anderen Zeit erschien ihm der Anblick, den er weniger als alles andere erwartet hatte, der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann in ausgewaschener Jeans Kleidung, der wie selbstverständlich zwei braune Pferde auf ihn zu führte.
David lächelte, registrierte mit Erstaunen, wie sich seine Gesichtszüge auf diese beinahe vergessene Art veränderten, lockerten, nahe daran ihre antrainierte Verbissenheit zu verlieren.
Es war schön, die beiden Tiere zu beobachten, die Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie über die Wiese schritten, die Lässigkeit, mit der sie ihre schlanken Köpfe hoben, ihre langen Mähnen schüttelten.
Kastanienbraune Augen bemerkten ihn, schnaubten hochmütig in dem natürlichen Wissen ihrer Überlegenheit. Keine Seelenqual würde sie an den Rand eines Abgrundes bringen, keine leeren Worte sie dazu zwingen können, Ihresgleichen das anzutun, was der Mensch seinen Artgenossen tagtäglich zumutete.
Die Schönheit dieser Wesen ergriff David, machte ihn stumm in ihrer Anwesenheit, die ebenso, wie die Zeit, die er hier verbrachte, unwirklich und fern von allem, das er kannte, in unerklärlichen Bahnen verlief.
Eines der Pferde, das hellere, trug einen Sattel und Zaumzeug, während das andere mit seinem Schweif den bloßen Rücken von umher summenden Fliegen befreite.
Anscheinend waren sie von Anfang an dabei gewesen, nicht weit von der Hütte weidend, auf sich selbst gestellt und frei, wie er es ihnen wünschen würde.
Alan führte das gesattelte Tier zu David, der wartete bis es seine Witterung aufgenommen hatte, bevor er seine Hand hob, um es vorsichtig zu streicheln.
Das Pferd schnaubte und schien zufrieden mit der Liebkosung, bevor es sich abwandte und zu dem anderen gesellte, das hocherhobenen Hauptes über das Gras schritt, lautloser Gang, erstickt von der federnden Nachgiebigkeit der weichen Matte, welche die Erde bedeckte.
Alan sah ihn forschend an. Beinahe vermeinte David, etwas wie Unruhe oder Skepsis in seinem Blick zu entdecken, bevor der Größere zu sprechen begann, sich kurz fasste, wie es anscheinend seine Art war, eine Tugend, die David mehr als willkommen war.
“Du bist jetzt bereit zurückzugehen. Deshalb werden wir aufbrechen.”
David nickte, auch wenn er sich fragte, ob er die Zeichen richtig deutete.
“Ich... wir...” Er stockte, deutete unsicher auf die Pferde.
“Sie werden uns tragen”, antwortete Alan auf die unausgesprochene Frage, und schwang sich in demselben Atemzug auf den Rücken des ungesattelten, dunkelbraunen Pferdes, das bereits aufgeregt tänzelte, offensichtlich einem Lauf nicht abgeneigt.
“Aber wie...?”
‘Wie sind wir hierher gekommen’, wollte David hinzufügen, seinem Gefühl für Raum und Zeit ebenso wie seiner Erinnerung misstrauend.
Er hatte automatisch angenommen, einen Wagen vorzufinden, war es nicht gewohnt, eine andere, weniger moderne Art der Fortbewegung überhaupt in Betracht zu ziehen.
Welche Zeiträume mochten seinem Gedächtnis entfallen sein, vielleicht hatte er hier schon länger verbracht, als bis jetzt vermutet.
Er runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass seine Erinnerung ihn trog, weitaus größere Lücken aufwies, als ihm möglich war zu erkennen?
Er versuchte, sich zu konzentrieren, die Vergangenheit zurückzurufen, doch es erreichten ihn nur verschwommene Bilder, die ebenso seinen wilden Träumen entstammen konnten.
Kurze Eindrücke einer nächtlichen Welt, die an ihm vorbeiflog. Er selbst über den Hals eines warmen Tieres gebeugt, sich daran festklammernd, obwohl er sicher gehalten wurde, obwohl ihn starke Hände an seinem Platz hielten, ihn fest umklammerten, den ständigen Bewegungen, dem unkontrollierbaren Auf-und-Ab Contra boten, das drohte, ihn gewaltsam abzuschütteln.
Alans schwarze Augen glitzerten wie Kohlen, fast schelmisch, als würde er Davids Gedanken erraten.
David schob die Rätsel beiseite, ergriff die baumelnden Zügel des Braunen, der sich von ihm nicht im Mindesten beeindrucken ließ.
Es war lange her, wirklich sehr lange, dass er in einem Sattel gesessen hatte, und David bekämpfte einen kurzen Moment des Zögerns, bevor er sich hinaufschwang.
Er hatte wirklich vergessen, wie er sich auf dem Rücken eines Pferdes gefühlt hatte, wie losgelöst von den Fesseln der Schwerkraft, eins mit einem anderen Lebewesen, dem er vertraute, so wie es ihm vertraute, das ihn sicher trug und dafür nichts erwartete, zumindest nicht mehr als das, was er zu geben bereit war.
David merkte nicht, dass er den Atem anhielt.
Tief holte er Luft, genoss die veränderte Perspektive, den fremdartigen Rahmen, in dem er sich wiedergefunden hatte.
Und wenn es alles ein Traum war, eine Illusion, es wäre ihm egal, es würde ihn nicht im Mindesten kümmern.
Er fing Alans Blick, der beinahe erstaunt wirkte, so, als hätte er nicht erwartet zu sehen, was er nun vor sich sah.
Sein Ausdruck wich einem Zwinkern, das nur für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzte, bevor er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd, ohne noch einmal Richtung Hütte zu sehen, mit den Knien vorwärts dirigierte, in eine Richtung, in der das sie umgebende Gehölz lichter wurde.
Davids Pferd folgte dem anderen automatisch, trug seine Last geduldig vorwärts, den sanften Abhang hinauf.
Der Blonde drehte sich im Sattel und warf einen letzten Blick auf das verlassene Gebäude.
Jetzt erst bemerkte er, dass es wie in einer Grube nistete, eingebettet und geschützt vor Wind und Wetter.
Aus der Entfernung wirkte es alt und angegriffen, so, als seien seine Tage bereits gezählt. Und dennoch schien es ihm wertvoll, kostbarer als jedes hochtechnisierte Luxus Apartment, das seine Besitzer mit nichts als kühler Perfektion und Raffinesse zu empfangen gewohnt war.
Abrupt wandte er sich ab und richtete den Blick nach vorn, auf ungewohnte Weise neugierig auf das Bild, das sich ihm enthüllen werde, wenn sie diesen Wald verließen.
Das geschah schneller, als er vermutet hatte. Die Bäume wichen zurück, öffneten den Blick für eine atemberaubende Landschaft, die im Morgenlicht erstrahlte.
Winzige Tautropfen, die in Zweigen und Gräsern wie vergessen wirkten, funkelten wie Sterne, verzauberten diesen Ort, verliehen ihm einen Hauch von Magie.
Die Stille wurde lediglich von den Geräuschen der Pferde unterbrochen, dem gleichmäßigen, sanften Schnauben, dem Knarzen des weichen Sattelleders und den Vögeln, die ihnen aus der Sicherheit der Wälder ihren Abschied zuriefen.
Vor ihnen erstreckte sich eine endlose Fläche, eine Wiese, die wellengleich in Hügeln und Tälern verlief, sich in die Ferne ausdehnte, reich an den unterschiedlichsten Farben und Schattierungen.
Der Himmel war klar, erstrahlte in einem Farbton reinen Blaus, den David lange nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht hatte er ihn in seiner Jugend hoch in den Bergen, dort, wo des Nachts noch die Sterne zu erkennen waren, zum letzten Mal in dieser Intensität betrachten dürfen.
Er erinnerte sich an die Lehrzeit auf der Polizeischule. an die Reit-Techniken, die ihm, der stets versucht hatte, der Freund und Partner des Tieres zu sein, gelehrt worden waren. Er schob die erlernten Kniffe beiseite, passte sich den Bewegungen des Pferdes an, fiel mit seinem Körper in den wiegenden Rhythmus ein, den das Tier vorgab.
Wann er zum letzten Mal geritten war, hatte er vergessen. Es musste in einem anderen Leben gewesen sein, lange, bevor er nach Amerika gekommen war, damals, als er noch Hoffnung in sich getragen hatte.
Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, und er drängte ihn zurück. Es hatte keinen Sinn, an die Vergangenheit zu denken, an die Menschen, die er geliebt und die er verloren hatte. David presste die Lippen zusammen und schob den Schmerz tief in sein Inneres, vergrub ihn dort, wo er sich in Momenten der Schwäche aus der Tiefe empor wühlen und solange mit seinen knochigen Klauen würgen würde, bis er endlich bereit war, aufzugeben und ihm wieder den Sieg einzuräumen.
Alan ließ Cheyenne in leichtem Trab laufen. Es gab keinen Grund zur Eile. Im Gegenteil, alles verlief erheblich einfacher, als er zu hoffen gewagt hatte.
Er grinste, während seine Augen den Horizont absuchten.
Im Grunde hatte er schon befürchtet, wieder gezwungen zu sein, mit dem Anderen ein Pferd zu teilen.
Nicht nur, dass er Cheyenne die Doppelbelastung nicht zumuten wollte, der Weg war schlechthin zu lang für einen solchen Ritt, selbst wenn der Hinweg mit der bewusstlosen Last in seinen Armen, erstaunlich glatt gelaufen war.
Sein Lächeln vertiefte sich mit der Erinnerung an Tim und dessen erste Versuche, ein Pferd zu besteigen und zu reiten.
Lautstark und wortreich, wie es seine Art gewesen war, hatte er sich von Anfang an über alles beschwert, den harten Rücken, den wackeligen Sitz, die Schmerzen, die ein Tag im Sattel mit sich bringen konnte.
Und doch hatte er all das mitgemacht, hatte gelernt, sich auf dem Pferd zu halten, es vor und nach dem Ritt zu versorgen, hatte sich ohne Zögern in jede Art von Farmarbeit gekniet.
Es war zu leise geworden, zu still, ohne seine ständigen Kommentare, ohne einen Menschen, der es gewohnt war, sein Herz auf der Zunge zu tragen, der nicht, so wie Alan selbst, seine Gedanken und Worte für sich behielt, auch wenn sie wie ein schwerer Stein auf seiner Seele lasteten.
Alan hatte nicht bemerkt, dass David aufgeholt hatte, dass sie beinahe nebeneinander ritten, in einstimmigem Schweigen.
Und doch spürte er, dass der Andere etwas sagen wollte, dass ihn eine Frage, vermutlich unzählige Fragen, beschäftigten. Ermunternd sah er ihn an, bereit seine Neugierde zu befriedigen, sei es auch nur, um von den eigenen Gedanken abgelenkt zu werden.
Eine Ewigkeit schien verstrichen zu sein, bevor David sich überwinden konnte, die einträchtige Stille zu stören. Er wandte seine Aufmerksamkeit ab von der Perfektion, in der sich der Hals des Tieres vor ihm hob und senkte, dem beruhigenden Wiegen und der Lebendigkeit, die ihm mit jeder erneuten Anspannung und schließlich Entspannung der Muskeln bewusst wurde.
“Wo sind wir?”
Der Anflug eines Zwinkerns in den dunklen Augen des Anderen bewies ihm, dass er die Frage nicht nur erwartet, sondern ihn auch schon geraume Zeit beobachtet haben musste, geahnt, dass er früher oder später das komfortable Schweigen brechen würde, es sich vielleicht sogar gewünscht hatte.
“Pine Ridge.”
Die Antwort fiel knapp aus, überließ David weiteren Spekulationen.
Es hatte seinen Grund, dass dieser sich in den Norden der USA aufgemacht hatte, Kalifornien, die Südstaaten, Südamerika bargen zu viele schreckliche Geheimnisse, denen noch einmal gegenüber zu treten, er sich weigern würde.
Es war nur logisch sich in eine andere Richtung zu begeben.
Nur hatte es nichts geändert. Was er mit sich trug, wog zu schwer; egal, wie weit er laufen würde, es wäre immer bereits vor ihm am Ziel, um ihn zu erwarten, zu ergreifen, weiter zu quälen, bis er es nicht mehr ertragen konnte.
Und nun, unerwartet und unbeabsichtigt, fand er sich an einem Ort, der ebenso qualvolle Erinnerungen atmete, der eine der zahllosen unvergessenen Stätten war, die Zeugnis des Unverständnisses und der Grausamkeit gewesen war, die Siedler den amerikanischen Ureinwohnern entgegengebracht hatten.
Natürlich erinnerte er sich an ‘Wounded Knee’, an Geschichten von Kampf, Heldentum und unverzeihlichen Massenmorden an Kindern und Frauen, deren Verbrechen lediglich darin bestanden hatte, diesen Teil der Welt als Erste bevölkert zu haben.
Und er erinnerte sich an Bilder aus den Reservaten, aktuelle Bilder von Armut und Chancenlosigkeit.
Das Land der Freiheit hatte viele Gesichter, und Pine Ridge war eines davon.
“Und was...” David verstummte.
Ein Blick Alans ließ ihn den Rest der Frage verschlucken.
Und wieder fragte David sich, ob es möglich sein konnte, dass dieser geheimnisvolle Mann fähig war seine Gedanken intuitiv zu erfassen.
Auf eine seltsame, seit langem nicht mehr gespürte Art, begann David, sich verlegen zu fühlen. Und mehr als alles andere erstaunte es ihn, dass er zu Gefühlen dieser Art noch in der Lage war.
Er fühlte sich zunehmend unsicher, schämte sich, nicht mehr der Herr seiner Erinnerungen zu sein.
Die Gedächtnislücken, denen er bisher wenig Beachtung geschenkt hatte, klafften auf wie tiefe Abgründe.
Warum nur, wann und wie hatte Alan ihn in diese Hütte geschafft.
Was konnte er von ihm wollen? David wusste wohl, dass er seine Fragen nur zu stellen brauchte, und doch hielt ihn etwas davon ab, was er sich nicht zu erklären vermochte.
Die Worte erstarben in seinem Hals, noch bevor sie seine Lippen erreichen konnten. Irgendetwas war an diesem Mann, das er nicht einordnen konnte, eine Aura des Stolzes umgab ihn, dessen Grundlage unbekannt und fremd anmutete.
Ohne das Schweigen noch einmal zu brechen, ritten sie stumm weiter, jeder für sich, unfähig die Barriere zu überwinden, die zwischen ihnen stand.
Die Sonne stieg hoch an den Himmel, die Landschaft flimmerte in der aufkommenden Hitze, ließ sie zunehmend trocken und ausgedörrt erscheinen, ähnlich der Kehle Davids, die begann, sich nach einem Schluck Wasser zu sehnen.
Seine Zunge glich rauem Sandpapier, und sein Hals schmerzte beim Schlucken.
Erinnerungen an die Gefangenschaft holten ihn ein, und an die endlosen Tage, in denen nur sein Adrenalin es ihm ermöglicht hatte, körperliche Schmerzen und unmenschliche Anstrengungen zu ertragen und zu funktionieren, wie es von ihm erwartet worden war.
Doch dies war lange her, damals, als er noch geglaubt hatte, er werde etwas bewirken, sein Einsatz sei nötig, um die verhassten Köpfe der Organisation, der sie auf den Fersen waren, aufzuspüren und ihrem Treiben ein Ende zu bereiten.
Wie blauäugig er in dieses Abenteuer gestiegen war, wie unsinnig von ihm, anzunehmen, dass über Jahrzehnte etablierte Macht- und Gesellschaftsstrukturen es ihm erlaubten, so einfach in das Herz des Bösen einzudringen und ihm den Lebensnerv zu kappen.
Und doch war die Anspannung dieser Zeiten auch ein Plus gewesen, hatte der Kampf ihm einen Grund geliefert, weiterzumachen, nicht aufzugeben, wenn es in seinem Leben nichts mehr gegeben hatte, für das sich eine Anstrengung gelohnt hätte.
Doch ohne diesen Druck spürte er die Anforderungen allzu deutlich, denen sein geschwächter Körper ausgesetzt war, fehlte ihm der Willen, die Schwäche zu bekämpfen.
Erschöpft hing er im Sattel, überließ Alan wieder die Führungsposition, entschlossen einfach abzuwarten.
Endlich tauchten in der Ferne vereinzelt Gebäude auf, staubige Farmhäuser, deren schlechter Zustand erst beim Näherkommen zu erkennen war, dann aber unverkennbar ins Auge stach.
Sie machten einen Bogen um die Ansammlung von kleinen Häusern, die sich an einer Stelle konzentrierten und strebten schließlich einem abgelegenen Gebäude zu, das einsam außerhalb der Sichtweite der anderen Häuser stand.
Beim Näherkommen erschien es David ein wenig größer, und er bemerkte die beiden brüchigen Holzgebäude im Hintergrund, die offenbar als Stallungen oder Scheunen dienten.
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm, als es keinen Zweifel mehr daran gab, dass es sich um das Ziel ihrer Reise handelte.
Auch ihre Pferde lebten auf, mit der Aussicht auf Wasser, und darauf, ihre menschlichen Lasten loszuwerden.
Die Tiere trugen sie vorwärts, schnaubten freudig, als sie ihre heimatlichen Stallungen erreicht hatten.
Alan glitt in einer fließenden Bewegung von Cheyennes Rücken, die David nicht einmal versuchen konnte zu imitieren.
Stöhnend hob er sich aus dem Sattel und rutschte mehr auf den immer noch schwankenden Erdboden hinab, als dass er abstieg.
Dankbar tätschelte er den Kopf des Pferdes, das ihn neugierig beschnupperte, möglicherweise auf der Suche nach einer Belohnung.
Entschuldigend schüttelte David den Kopf und verstärkte seine Liebkosungen, um dem Tier wenigstens etwas Gutes zu tun. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Alan, der Cheyenne mit ruhigen und sicheren Bewegungen versorgte, bevor er sich Davids Pferd zuwandte.
Flink entfernte er den schweren Sattel und reichte ihn stumm weiter an den Blonden, ein Wink mit dem Kopf in Richtung des Stalles das einzige Zeichen dafür, was von ihm erwartet wurde.
Der Stallgeruch überwältigte David mit Macht, sobald er die angelehnte Tür mit seinen Füßen aufgestoßen und seine Last in das düstere Innere des Gebäudes geschafft hatte.
Zu seiner Linken entdeckte er Halfter, Zaumzeug und weitere Utensilien sorgsam an der Wand aufgereiht.
Aufatmend setzte er den Sattel ab und ließ seinen Blick durch die leeren Räume wandern.
Er blinzelte zweimal, doch die Bilder, die ihn einholten, wollten nicht verschwinden.
Das Heulen des Windes, das Prasseln des Regens, der drohte den Stall hinfort zu schwemmen, die aufgeregt tänzelnden Pferde, unfähig der Angst, die Blitz und Donner in ihnen auslösten, Herr zu werden, erfüllten seine Sinne.
Und inmitten des Chaos, aufrecht zwischen ihnen, entdeckter er Alan, der beruhigend auf sie einsprach, dem es immer wieder gelang, ihnen den größten Schrecken zu nehmen.
David legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke hinauf. Die Eindrücke verschwanden mit dem Anblick der Fliegen, die zwischen den morschen Balken summten, und dem des Streifens Sonnenlichtes, das die vorangegangene Illusion Lügen strafte.
David kehrte zurück ins Freie, nahm nur am Rande wahr, wie sich die Tür hinter ihm mit einem vernehmlichen Quietschen schloss.
Alan hatte sich in der Zwischenzeit um die Tiere gekümmert und schickte sie gerade mit einem freundlichen Klaps zu ihren wartenden Artgenossen, einer Aufforderung, der sie ohne Zögern nachkamen.
David sah ihnen nach, wie sie freudig fortgaloppierten, erlöst von den aufgezwungenen Pflichten der verdienten Freiheit entgegen strebten.
Als er sich umwandte, befand sich Alan bereits auf dem Weg zum Haus, und wieder schien es ihn keineswegs zu interessieren, ob David auch bereit sei, ihm zu folgen.
Dennoch ging er ihm nach, ohne zu zögern, ein wenig aus Trotz heraus, ein wenig aus Neugierde, aber hauptsächlich, weil er zu müde war, etwas anderes zu tun.
Geübte Augen nahmen Kleinigkeiten auf, zogen Schlüsse in Sekundenschnelle. Reifenspuren auf dem Hof, ein zerknitterter Ball, dessen Luft schon längst entwichen war, ein hölzerner Roller und eine in die sandige Erde vor dem Haus gegrabene Murmelbahn widersprachen der Stille, die das Gebäude umgab, der momentanen Verlassenheit, die es ausstrahlte.
Alan ließ die Tür offen stehen, doch er sparte sich die Mühe eines einladenden Wortes.
Dass der Mann nicht viel redete, war mittlerweile keine Überraschung mehr, und David akzeptierte seine Schweigsamkeit als angenehmes Geschenk.
Er trat ein und sah sich um.
Auch hier die Spuren eines Familienlebens, doch ohne die dazugehörigen Familienmitglieder. Die Ausstattung war einfach und schlicht, dem Zahn der Zeit wurde versucht, mit Kreativität Einhalt zu gebieten.
Risse in Wänden und Möbeln waren geflickt oder von bunten Wandteppichen bedeckt, die Spuren mehrfacher Reparaturen klar erkennbar.
In einer großen Küche stand noch Geschirr zum Trocknen, und Töpfe und Pfannen hingen über einem altmodischen, rostigen Ofen.
Fotos zierten vereinzelt die Wände und David ging näher, um sie zu betrachten. Spielende Kinder, freundlich lächelnde Pärchen.
Zwei junge Familien schienen sich diesen Platz zu teilen, beide Väter mit langen, schwarzen Haaren, wahlweise offen oder zusammengebunden im Rücken getragen, die Mütter kleiner, zarter, aber mit ähnlicher Haartracht.
Auf manchen Bildern hatte sich eine ältere, grauhaarige Frau zu ihnen gesellt, deren Gesicht von Milde und friedfertiger Gelassenheit überstrahlt wurde.
Nur ein einziges Foto zeigte Alan, der sich offenbar widerstrebend, und nur im Hintergrund zur Verfügung gestellt hatte.
David fuhr zusammen, als eine Stimme ihn unerwartet aus seinen Betrachtungen riss. “Komm mit”, sprach Alan kurz, bevor er sich auf dem Treppenabsatz umdrehte, und die knarzenden Stufen hinauf stieg.
Einen Blick riskierte David noch in den Bereich, der offenbar als Wohnzimmer diente. Die Räume waren niedrig, aber dennoch vermutete David, dass es sich um einen der wohlhabenderen Wohnplätze der Gegend handelte.
Der Flur im oberen Stockwerk war dunkel, aber David bemerkte trotzdem Alans Widerstreben, als sie sich fortbewegten und schließlich vor einer der schmalen Türen innehielten.
Offenbar gezwungen, sich selbst zu überwinden, stieß Alan das Hindernis mit einem plötzlichen Ruck beiseite und durchquerte mit langen, entschlossenen Schritten den Raum, um die Jalousien des einzigen Fensters zu öffnen und einen Streifen Licht hineinzulassen.
“Du schläfst hier.” David sah ihn forschend an, verwundert über die plötzliche Heiserkeit in dessen Stimme.
Er wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Alan den Raum beinahe eilig wieder verließ.
“Lass etwas Luft hinein”, setzte er, bereits im Gehen, hinzu.
“Es... es ist schon eine Weile her.”
Und bevor David noch etwas sagen konnte, bevor er imstande war, seiner Unsicherheit Ausdruck zu verleihen, war der Alan bereits verschwunden, die Treppe hinunter, als könne er es nicht ertragen in diesem Zimmer zu sein.
David spürte mit einem Mal wieder, wie erschöpft er war, wie Beine und Arme von dem Ritt schmerzten, und wie sehr er sich danach sehnte, sich einfach auszustrecken und einzuschlafen.
Aber die merkwürdige Situation erschien ihm zu mysteriös, zu fragwürdig, als dass er nicht wenigstens den Versuch machen sollte, ein paar Antworten zu erhalten.
Er beschritt denselben Weg, den Alan zuvor genommen hatte, betätigte den widerstrebenden Riegel und öffnete das Fenster, das ein hässliches Geräusch von sich gab, als wäre es schon seit Jahren nicht mehr derart beansprucht worden.
Die abgestandene Luft weigerte sich vorerst, den Raum zu verlassen, ebenso wie die warme Brise außerhalb des Fensters vor demselben zu tanzen schien, ohne Eintritt zu fordern.
David drehte sich seufzend um und begann den Raum zu studieren, gab sein Bemühen jedoch schnell wieder auf, als er die Erschöpfung spürte, die wieder begann, ihn in ihren Bann zu ziehen.
Das hölzerne Bett, über das nur eine bunt bestickte Decke geworfen war, offenbarte sich als Ziel seiner Sehnsüchte.
Er rieb sich Augen und Stirn, entschlossen mehr zu erfahren, wenigstens ansatzweise abzuwägen, was es für ihn bedeutete, überhaupt in diesen Mauern zu bleiben.
Müde stützte er sich beim Verlassen des Zimmers am Türstock ab, und stolperte dann auf wackeligen Beinen die ausgetretenen Stufen hinab. Schon vom Treppenabsatz aus erkannte er, dass Alan, vertieft in verschieden farbige Papiere, die er in mehreren Stapeln vor sich geordnet hatte, dabei war, eine Menge Post durchzugehen, wobei es sich offensichtlich in erster Linie um Rechnungen oder schlimmer, um Mahnungen handelte.
Die Stirn gerunzelt beachtete der Lakota das mittlerweile brodelnde Teewasser genauso wenig, wie die plötzliche Gesellschaft.
Nur die leichte Anspannung des Nackens zeigte David, dass er durchaus von beidem Kenntnis genommen hatte.
“Du solltest dich ausruhen”, erklang die dunkle Stimme unerwartet, gerade als David näher trat, in der Absicht, sich um das undefinierbare Gemisch zu kümmern, das dazu bestimmt war, eines der bitteren Getränke zu werden, ohne die es sich anscheinend in diesem Land nicht zurechtkommen ließ.
Er hielt in der Bewegung inne, betrachtete den Dampf, der aus dem Kessel emporstieg, seltsame Formen annahm, bevor er sich in Nichts auflöste.
“Wo sind die anderen?” David beschloss, direkt zur Sache zu kommen.
“Verwandtenbesuch.”
David räusperte sich, nahm sich vor, das Gespräch in Gang zu halten, solange es möglich war. “Aber noch nicht lange?”
Alan seufzte resigniert. Sorgsam legte er die Blätter, die er gerade studiert hatte, beiseite, und erhob sich von dem hölzernen Stuhl.
Zu Davids Erleichterung nahm er vorerst das Wasser vom Feuer und goss es in die bauchige Kanne. Ein eigenartiger Geruch, beinahe wie Lakritze, erfüllte die Küche, und entfaltete seine entspannende Wirkung.
“Nein”, antwortete der Dunkelhaarige endlich. In seinen Mundwinkeln zuckte es verräterisch, als wüsste er genau, wie sehr es den Blonden gestört haben musste, eine unerledigte Aufgabe vor Augen zu haben.
“Sie haben das Reservat heute verlassen.”
“Und...” David zögerte, unsicher, was er fragen sollte.
“Und solange muss jemand für die Farm da sein.”
“Und wenn, wenn du nicht auf der Farm bist, wo... was ist es dann, das...”
Endlich drehte sich Alan vollständig um und sah David ins Gesicht. Der verschmitzte Ausdruck erreichte seine Augen. “Ich bin immer dort, wo ich gebraucht werde.”
“Aha.” David wusste für einen Moment nicht mehr, was er sagen sollte.
Das Einfachste würde wohl sein, das Thema zu wechseln.
Er stützte sich auf die Tischkante, fühlte das raue Holz unter seinen Fingern.
“Und... und wo leben deine Verwandten?”
Möglich, dass er sich täuschte, und doch glaubt David zu bemerken, wie sich des anderen Gesicht wieder verdunkelte, um eine Nuance nur, und doch für das geübte Auge unverkennbar.
“In der Stadt.” Die Antwort kam leise, beinahe widerstrebend.
David konnte nicht anders, als nachzuhaken.
“Und wieso ohne dich..., ich meine,... sind es nicht auch deine Verwandten?”
Alan wandte sich ab, ordnete geistesabwesend die Papiere.
“Doch.” Seine Stimme erklang wieder fest und bestimmt.
“Das ist meine Familie. Aber ich kann nicht dorthin zurück. Niemals wieder.”
Davids Mund öffnete und schloss sich wieder. Er spürte, die unsichtbare Grenze erreicht zu haben, den Moment, in dem man das Thema besser fallenließ.
Vielleicht, möglicherweise, war der Mann auf der Flucht, gesucht von den Behörden, gezwungen, sich zu verstecken.
Es war weder so, als könne er ihm dies zum Vorwurf machen, noch hatte er das Recht, in diesen Bereich einzudringen.
Der Kampf um die Gleichberechtigung amerikanischer Ureinwohner zog immer noch, und immer wieder von Neuem, seine Kreise, und er war der Letzte, der jemandem eine Gesetzesübertretung vorwerfen konnte, der an die unbedingte Bedeutung seiner Ziele glaubte.
Auf jeden Fall würde es den versteckten Zufluchtsort erklären, den sie gerade verlassen hatten.
David zuckte unbemerkt mit den Schultern.
Wie auch immer, im Grunde ging es ihn nichts an, ebenso wenig wie Alan sein Leben etwas anging. Schließlich ließ er sich auf die morsche Bank sinken, die zwischen Tisch und Wand aufgestellt war, und stützte den Kopf in die Hände.
Alan musterte ihn aufmerksam. “Du wirst dich ausruhen müssen”, sagte er schließlich.
“Ich habe getan, was mir bis jetzt möglich war, aber das Gift sitzt nicht nur in deinem Körper.”
Er schob sich den Stuhl zurecht und nahm David gegenüber Platz.
Seine Augen bohrten sich in die helleren des anderen, bis David den Blick senkte.
“Deine Seele ist vergiftet, schon seit langem, und du wirst viel Kraft brauchen, solltest du versuchen wollen, sie heilen zu lassen.”
“Ich...”
David wand sich, unangenehm berührt, auf seinem Platz.
“Ich glaube nicht, dass ich das so sehen würde...”, stammelte er, auf eigenartige Weise zurückversetzt in seine Vergangenheit, inmitten all jener Momente, in denen er sich verletzlich, klein gefühlt hatte, in denen ihm seine Stärke und seine Willenskraft nicht mehr weitergeholfen hatten.
“Es ist anders...”
Alan sah ihn weiter stumm an.
David fühlte den dunklen Blick des Schamanen auf sich ruhen, und seltsamerweise wich die Scham, die Unsicherheit Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, je länger diese Augen ihn gefangen hielten.
Zögernd sah er wieder auf und sein unruhiger, suchender Blick traf auf eine Kraft, die nicht nur in den Gesichtszügen seines Gegenübers ruhten, sondern sein ganzes Wesen überstrahlte.
David war gebannt und verwirrt zugleich. Soweit es ihn anging, existierten keine spirituellen Mächte, wie auch immer sie aussehen mochten, hatten niemals existiert.
Natürlich rief er Gott an, hatte ihn in den verzweifelsten Stunden seines Lebens wieder und wieder angefleht, ihm zu helfen, oder ihm zumindest die Gnade der Erlösung zu gewähren.
Es war nur menschlich, so zu reagieren, aber kein Grund, sich auf lange Sicht etwas vorzumachen.
Der dunkelhaarige Mann, der mit ihm sprach, mochte eine natürliche Intuition besitzen und mit Worten umzugehen wissen, er konnte ihm jedoch nicht weismachen, dass er sich auf Dinge verstände, wie die tiefen Wunden einer Seele zu schließen, die zu lange ohne Hilfe gewesen war.
Davon einmal abgesehen, dass niemand dazu in der Lage war, dass es nichts, denn eine hübsche Illusion sein mochte, sich derartigen Tagträumen hinzugeben.
David schluckte vernehmlich, und löste seinen Blick wieder.
“Wenn..., wenn es keine Rolle spielt, dann sollte ich vielleicht wirklich etwas schlafen. Ich... bin das Reiten nicht gewohnt.”
Alan nickte, verbarg die Belustigung, die erneut in ihm hochstieg.
Was auch immer das Schicksal mit ihnen im Sinn haben mochte, es war doch eine willkommene Abwechslung, jemanden hier zu haben, jemanden, der verstockt und ungläubig war, der sich nicht alles sagen ließ, der einen anderen Ursprung hatte und anderen Regeln folgte.
Eine Herausforderung, etwas Neues, jemand, der ihn vielleicht überraschen würde, der ihn vielleicht etwas lehren würde, das er noch nicht imstande war, sich auch nur vorzustellen.
Sein Blick folgte der schmalen Gestalt, die aufrechten Rückens den Raum verließ, und er konnte nicht umhin, den Stolz anzuerkennen, der den Mann zwang, sich den Grad seiner physischen Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.
Er war es offenbar gewohnt, sich zusammenzureißen, bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu gehen und darüber hinaus.
Und Alan fand sich wieder allein mit der Frage, was für ein Leben es sein mochte, das David ein derartiges Verhalten antrainiert, aufgezwungen hatte, ein Verhalten, das ihm nicht fremd war, das er nur zu gut kannte, das jedoch keineswegs der Norm entsprach, und keineswegs einem verlorenen Junkie ähnlich sah, den unerklärte Pein dazu trieb, ewiges Vergessen zu suchen.
*
Es war dunkel, als er erwachte. Starker Durst quälte ihn und seine Eingeweide schmerzten.
Einen Moment brauchte David, bis er sich zurechtgefunden hatte, wieder in der Lage war, das harte Bett, die fremde Umgebung einzuordnen.
Als er versuchte sich zu erheben, durchfuhr ihn eine Welle der Übelkeit, und er stöhnte verhalten. Schwer atmend verharrte er, rückwärts auf seine Ellbogen gestützt, und bekämpfte den Würge-Reflex, der sich rhythmisch aufbäumte.
Als er glaubte, nicht mehr in der Lage zu sein, ihn aufhalten zu können, lehnte er sich zur Seite in dem vergeblichen Bemühen seine Stätte zu verlassen und war nahe daran aus dem Bett zu kippen.
Doch er stürzte nicht. Wieder waren da starke Hände, um ihn zu halten, um ihn zu stützen. Hände, die ihm ein Gefäß reichten, in das er sich erbrach, die sein feuchtes Haar zur Seite strichen, die seinen Kopf in ihrem Griff bewahrten und seine Lippen säuberten, nachdem sich die fruchtlosen Krämpfe endlich beruhigt hatten.
Alan konnte nicht weit gewesen sein. Entweder er hatte den Anfall erwartet, oder war zufällig in der Nähe gewesen.
Wie es auch gewesen sein mochte, David war mehr als dankbar. Sein ganzer Körper zitterte, und er glaubte nicht, dass er den Weg in ein Bad bewältigt hätte, geschweige denn, dass er in der Lage gewesen wäre, sich erst einmal auf die Suche danach zu begeben.
Welch ein Teufelszeug auch immer er sich gespritzt haben mochte, welche merkwürdigen Getränke Alan ihm eingeflößt haben dürfte, die Folgen setzten ihm auf bisher unbekannte Weise, in den merkwürdigsten Abständen und Schüben zu.
Ein Arm Alans stützte seinen Rücken, und David hustete, als er das kühle Glas an seinen Lippen fühlte.
Der Krampf beruhigte sich, und wieder hob der andere das Getränk an seinen Mund, das David diesmal gehorsam schluckte.
Die kühle Flüssigkeit durchfloss seine Kehle wie ein wohltuender Balsam, und David spürte die Anspannung aus seinem Körper weichen. Wehrlos ließ er sich wieder zurück auf die Matratze betten, fühlte noch einmal den feuchten Lappen, der mit sanften Bewegungen sein Gesicht von kaltem Schweiß reinigten, die langen Finger, die wie nebenbei durch sein Haar fuhren und es schließlich, beinahe zögernd verließen, bevor er wieder zurücksank in die tiefe Dunkelheit, aus der er aufgeschreckt war.
• * * *
Wie oft sich diese oder eine ähnliche Szene wiederholt haben mochte, David konnte es nicht sagen.
Er wusste auch nicht, ob eine oder bereits mehrere Nächte vergangen, ob Alan an seiner Seite gewacht hatte, oder ob es sich nur um eine neue Art düsterer Träume handelte, die ihn heimsuchten und seinem Schlaf die Ruhe nahmen.
Auch wusste er nicht wie spät es war, als er seine Augen öffnete und seine Umgebung mit ungewohnt klarem Blick wahrnahm.
Das Licht, das durch die Ritzen der Jalousien drang, bewies ihm, dass es noch Tag war.
Es erhellte den kleinen Raum, erleuchtete vereinzelt Ecken und Kanten. David streckte sich, erstaunt darüber, dass es ihm problemlos gelang, dass die Bewegung ihm keinerlei Beschwerden verursachte, dass auch das vorsichtige Aufrichten des Oberkörpers frei blieb von Übelkeit oder dem Brechreiz, den er unterbewusst bereits damit in unausweichliche Verbindung gebracht hatte.
Nachdenklich studierte er die Wände, die Unebenheiten, die Löcher, die bewiesen, dass es sich bei dem Holz um ein lebendiges Material handelte, die schiefen Balken, die das Dach trugen, und den Staub, der sich in jedem Winkel festgesetzt hatte, Zeugnis dafür, dass dieser kleine Raum selten benutzt wurde.
Langsam brachte David die bloßen Füße auf den Boden.
Darauf bedacht, seinen Kreislauf langsam zu stabilisieren, wartete er eine Weile, bis sich sein Körper an die neue Position gewöhnt hatte, lauschte in die Stille, ließ seine Blicke systematisch Quadratmeter für Quadratmeter seiner Schlafstätte in sich aufnehmen.
Ihm gegenüber an der Wand war eine Gitarre befestigt, offensichtlich abgegriffen und intensiv in Gebrauch gewesen, bevor sie an diesen Ort verbannt und vergessen worden war.
Vorsichtig stand David auf, und trat näher an sie heran, erleichtert darüber, dass er ohne Beschwerden dazu in der Lage war, betrachtete ihre runden Kurven, strich über die grauen Saiten, sich an die wenigen Versuche seiner Jugend erinnernd, einem Instrument wie diesem eine Melodie zu entlocken.
Er war nicht weit gekommen damals, sehr rasch hatten die Mühlen des Schicksals, andere Anforderungen und Pflichten ihn zu sehr in Anspruch genommen, als dass er sich um wenig Erfolg versprechende Spielereien wie die Musik hätte kümmern können.
Seine Untersuchung führte ihn weiter, ein schmales Bücherregal fesselte seine Aufmerksamkeit. Die Geschichte der A.I.M., Freiheit für Leonard Peltier, Black Elk Speaks..., Broschüren wechselten sich ab mit gebundenen Sammlungen über Kultur und Geschichte der Lakota, den Ereignissen am Wounded Knee oder den Erinnerungen des Schamanen Lame Deer, des Seekers of Visions.
Auch hier sprach der wie eine Matte alles bedeckende Staub von mangelndem Interesse, davon, dass seit Jahren niemand mehr den Büchern Beachtung geschenkt haben dürfte.
Inmitten des Durcheinanders entdeckte David einen Bilderrahmen, kaum zu erkennen, halb zur Seite gedreht, als hätte jemand seinen Anblick nicht ertragen können, es aber dennoch nicht über das Herz gebracht, ihn wegzuwerfen.
Einen Moment zögerte er, doch dann zog er das Bild aus dem Regal.
Wenn nicht damit zu rechnen wäre, dass er Antworten erhalten würde, dann musste er sie eben selbst suchen. Zudem, was sollte auch passieren?
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sobald er erkannte, was das Foto zeigte.
Alan, einen deutlich jüngeren Alan, ein ungewohnt breites Grinsen im Gesicht, den Arm freundschaftlich um einen kleineren Mann gelegt, der mindestens ebenso gut gelaunt in die Kamera sah.
Beide befanden sich offenbar auf einer größeren Veranstaltung, trugen lässige, aber bunte Kleidung, waren umrahmt von ebenso fröhlichen, entspannt wirkenden Menschen.
David wischte den Schleier, der sich über dem Glas gebildet hatte, mit dem Handrücken fort, und betrachtete den zweiten Mann genauer.
Er hatte sich nicht getäuscht. Wie auch immer er es drehen oder wenden wollte, der andere besaß eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihm selbst. Größe, Figur, Gesichtszüge, alles wirkte, als hätte jemand eines von Davids Jugendfotos genommen und daran manipuliert.
Lediglich die Haare waren anders, so lang hatte er sie damals nicht getragen, sie waren nie so hell gewesen.
Auch der Schnurrbart, der beinahe aufgeklebt aussah, verlieh dem Gesicht eine andere Note.
Und dennoch, es war nicht zu leugnen, dass sie sich glichen, dass, ausgehend von Alans jugendlicher Erscheinung auf dem Bild, der andere Mann mittlerweile auch in Davids Alter sein dürfte.
Einen Augenblick überlegte er noch, dann stellte er das Bild wieder zurück.
Vielleicht war hier eine Erklärung für Alans Verhalten zu finden, vielleicht erinnerte er ihn an einen Jugendfreund. David zuckte mit den Schultern und wandte sich weiter in Richtung Tür.
Das Fehlen jeglicher Geräusche deutete darauf hin, dass er alleine war, doch traute er Alan auch zu, sich lautlos, unbemerkt fortzubewegen, an einem Ort zu leben, ohne Spuren oder Hinweise auf seine Anwesenheit zu hinterlassen.
Er widerstand der Versuchung, die anderen Türen aufzustoßen und zu erforschen, welche Geheimnisse dahinter verborgen sein mochten, sondern bemühte sich zunächst darum, die Stufen so leise wie möglich hinabzusteigen, ein Unterfangen, dem das Knarzen des Holzes einen Strich durch die Rechnung machte.
Die Mühe hätte er sich allerdings nicht zu machen brauchen, denn unten angekommen, zweifelte er nicht mehr daran, das einzige, menschliche Wesen in diesem Haus zu sein.
Systematisch durchschritt er das Erdgeschoss, aus reiner Gewohnheit sich seine Umgebung einprägend, analysierend, auf jedwede Auffälligkeit untersuchend.
Nichts, dass ihn verwundern, das ihm in irgendeiner Weise verdächtig erscheinen würde, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Die Tür stand halb offen, als wäre das Haus in Eile verlassen worden, als bräuchte man sich hier keine Sorgen um sein Eigentum zu machen. Der rote Sand knirschte warm unter seinen Füßen, angenehm, freundlich, lud ihn ein, weiterzugehen.
David legte den Kopf in den Nacken, starrte in den Himmel hinauf, wo sich Wolken zusammenballten. Sein Blick wanderte weiter, erforschte die Gegend, genoss die Ruhe, die sich ihm bot.
Es war Frieden, der Hand in Hand ging mit Trostlosigkeit, Stille, die sich auf das Fehlen von Dingen gründete, welche andernorts lautstark ihre Unverzichtbarkeit kundtaten.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn, ein Band zu diesem Land wuchs, ergriff ihn mit unsichtbaren Fingern, fesselte ihn mit sanfter Hand.
Als hätte er seine Vergangenheit begraben, sein gelebtes Leben beendet, um hier wieder zu erwachen, um hier einen neuen Sinn zu entdecken und die Freiheit zu fühlen, dies aus eigenen Stücken tun zu können.
Plötzlich losgelöst entdeckte David diese neue Welt, erfand sich für den Moment neu, erstaunt über die Wunder, die sich ihm darboten.
*
Alan blieb noch einen Moment in seinem Wagen sitzen, strich sich das Haar zurück und seufzte, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Teds Probleme waren weder neu, noch ungewöhnlich, doch, dass seine Frau ihn zu Hilfe holen musste, war doch ein Novum.
Alkohol und Drogen stellten nur eine der ständigen Bedrohungen dar, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte, Armut, Hoffnungslosigkeit und Depression gaben seinem Volk den Rest.
Es war nicht viel übrig geblieben von der vor vielen Jahren aufgeflackerten Begeisterung für Gleichberechtigung, dem Hauch von Interesse, dass die Weißen ihnen entgegengebracht hatten.
Nach wie vor waren sie gut genug für exotische Darbietungen, willkommen auf Baustellen ihren Hals zu riskieren, und zähneknirschend geduldet, sollte es wenigen gelingen, sich ein Geschäft aufzubauen.
Für die Mehrzahl blieb das Leben schwierig, anstrengend und frei von Ermunterung oder Erfolg.
Kein Wunder, dass viele versuchten, dem zu entfliehen, eine Chance zu suchen, auch wenn es nahezu aussichtslos blieb.
Alan blickte auf die verbeulte Autotür, die, wie er wusste, einen kräftigen Stoß benötigen würde, um aufzuspringen. Er dachte an den Rost, der alle Fahrzeuge hier schmückte, als wäre er ein Wahrzeichen ihrer Mittellosigkeit.
Für einen Moment überlegte er, sich eine Zigarette anzuzünden, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder.
Es würde auch nichts ändern oder besser machen.
Müde kletterte er aus seinem Sitz und streckte die erschöpften Glieder.
Der Schlafentzug machte sich langsam bemerkbar, es war allerhöchste Zeit ihm Rechnung zu tragen.
Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Sonne war bereits hinter Hügeln und Wäldern verschwunden, auch wenn ihr Licht noch ausreichte, seinen Weg zu erhellen.
Die Pferde hatten ihn bereits erwartet, erleichterten ihm seine Arbeit, als er sie für die Nacht vorbereitete.
Er lächelte zum ersten Mal, als er den Fußabdruck vor dem Haus erkannte, offenbar ging es David etwas besser. Alan hatte keinen Zweifel, dass der andere sich im Inneren befand, wäre dem nicht so gewesen, er hätte es gespürt.
Genauso, wie er im Voraus wusste, wo er David finden würde.
Als Alan die Küche durchquert hatte, sah er den Blonden auf der Bank am Tisch sitzen, die Knie angezogen, den Kopf zurückgelehnt, offensichtlich schon eine Weile vor sich hin dösend.
Vor ihm ein Glas und den Krug mit Wasser, der sich für gewöhnlich neben dem Herd befand. Ein zweites Lächeln zuckte über Alans Gesicht.
Dass David trotz seines Eintretens noch nicht erwacht war, schien ihm ein gutes Zeichen. Der Mann wirkte wie jemand, der auch im Schlaf gewohnt war, auf jedes Geräusch zu reagieren.
Erst als Alan sich zu ihm setzte, zuckte David, krümmte sich zusammen, als versuche er, sich vor einem Angriff zu schützen und öffnete erschrocken die Augen.
Sein Blick klärte sich, als er die vertrauten Züge vor sich sah, und er versuchte, sich unauffällig wieder aufzurichten.
“Alan... ich...” Davids Aufmerksamkeit richtete sich auf die Dinge auf dem Tisch, doch Alan winkte rasch ab.
“Es ist in Ordnung, David. Nimm dir, was du brauchst.”
“Meine Sachen?” Ein kurzes Nicken in Richtung eines niedrigen, alten Schrankes.
“In Sicherheit.”
Ein Grinsen ließ sich nicht vermeiden, und zu Alans Erstaunen erwiderte David den Gesichtsausdruck.
“Ich weiß”, murmelte er. “Es... es scheint wohl nicht so, als würde ich großen Wert darauf legen.”
“Nein.” Alans Grinsen wurde breiter. “Willst du etwas essen?”
Ohne die Antwort abzuwarten, stand Alan auf, und holte zwei tiefe Teller, die er mit einem Topf und einer Schüssel Brot vor ihnen aufbaute.
“War nicht einkaufen”, meinte er, als er die kalte Suppe aufteilte, und David das Brot hinüberschob.
“Ich... bin nicht sicher...” David betrachtete den Inhalt seines Tellers skeptisch.
“Versuch es.” Alan zuckte mit den Schultern. “Behältst du es noch nicht, dann klappt es beim nächsten Mal.”
Schweigend machten sie sich daran, ihren Hunger zu stillen, David langsam und vorsichtig, Alan eilig und froh über den Moment der Ruhe.
“Und...” David entschloss sich nach einer Weile sein Glück nicht über zu strapazieren und schob den Teller beiseite.
Er zögerte. “Und... ich meine... wieso?”
“Wieso was?” Alan hatte sein Mahl ebenfalls beendet und lehnte sich zurück.
“Ich bin nur... ich wundere mich...” David biss sich auf die Zunge. Diese Unsicherheit war neu für ihn. Er wusste nicht, wieso er nicht dazu in der Lage war, seine Gedanken klar zu äußern.
Je sicherer Alan ihm gegenüber auftrat, desto verwirrter fühlte er sich. Und wieder schien der andere in ihn hineinsehen zu können, das belustigte Funkeln in den dunklen Augen sprach für sich.
“Du kannst hier bleiben, solange es gut für dich ist, gehen, sobald du dazu bereit bist.” Der Blick wurde ernst. “Das Zimmer oben ist deins, es hat auf dich gewartet.”
“Und... und deine Familie...?”
“Ist es gewohnt, Fremde aufzunehmen. Das Haus ist groß genug, und das gehört dazu.”
“Aber in...” Die hochgezogenen Augenbrauen brachten David zum Schweigen, jedoch nur für einen Moment.
“Ich... ich habe ein Foto gesehen...”
Abrupt schob Alan den Stuhl zurück und stellte die Teller zusammen.
Sein schwarz glänzendes Haar bildete einen Vorhang, der seinen Gesichtsausdruck verbarg. Er drehte sich um und machte sich an dem Spülbecken zu schaffen.
Als er endlich wieder sprach, klang seine Stimme heiser, widerstrebend.
“Es war sein Zimmer, wenn er allein sein wollte. Ich... es stand lange leer. Wir haben genug Räume...”
“Was ist mit ihm?”
Alan zögerte, räusperte sich, bevor er antwortete. “Er starb... vor vielen Jahren.”
David senkte den Kopf.
“Es tut mir leid.”
Alan zuckte mit den Schultern. “Du hast das Recht zu fragen. Du siehst aus wie... du siehst ihm ähnlich. Es... es hat mich auch irritiert.”
“Hast du mich deshalb... mitgenommen?”
Der größere Mann schüttelte den Kopf.
“Es war so bestimmt. Ich hätte nichts anderes tun können.”
Ein längeres Schweigen trennte sie, bevor er weitersprach.
“Es war meine Pflicht.”
David nickte, zögerte. “Danke”, brachte er schließlich heraus, ohne aufzusehen. “Ich danke dir.”
“Kein Problem.”
David sah auf und ihre Blicke trafen sich letztendlich, verstanden einander so, wie ihre Seelen es taten.
*
Die Tage vergingen. David bemühte sich darum, einen Beitrag zu leisten.
Er fühlte sich stärker und imstande, sich um die Pferde zu kümmern, Kleinigkeiten zu erledigen, den Zaun zu reparieren, oder Ordnung im Schuppen zu schaffen.
Alan würdigte seine Bemühungen keiner Aufmerksamkeit, doch David konnte sehen, dass er froh darüber war, nicht mehr allzu viel zu tun zu haben, wenn er von den seltsamen und plötzlichen Ausflügen, über die er ebenfalls nie ein Wort verlor, zurückkehrte.
David las in den Büchern, die er gefunden hatte und gewann allmählich eine Vorstellung von Alans täglichem Treiben und seiner Verantwortung.
Das Bild von ihm und Tim hatte er in dem Regal nach vorne gestellt, als könnte es ihm Antworten geben, die der schweigsame Lakota nicht aussprechen konnte oder wollte. Es gelang ihm, beinahe durchzuschlafen.
Er schreckte nur noch durch die Geräusche auf, die Alan von Zeit zu Zeit alarmierten. Dem Hupen eines Wagens, der ihn mitten in der Nacht zu einer Tätigkeit abholte, über die er nicht redete, dem Rufen eines Kindes oder einer Frau vor dem Haus, mit der er ein paar Worte wechselte und dann mit einem Beutel, der normalerweise ständig neben der Tür hing, verschwand.
Wenn David dann die Treppe hinunter stolperte, und sich in der Küche eine Tasse Wasser holte, fiel ihm das Fehlen jedes Mal anderer Kräutermischungen und Wurzeln auf, die für gewöhnlich fein säuberlich aufgereiht, und frei von Staub, bewiesen, dass sie in ständigem Gebrauch waren.
‘Medizinmann’ war das Wort, das ihm zunächst in den Sinn kam.
Er lachte in sich hinein über die Merkwürdigkeit dieses Ausdrucks, unsicher, ob es sich dabei nicht um eine Beleidigung oder ein Zeichen mangelnden Verständnisses handelte, doch unfähig, einen passenderen Begriff zu finden.
Sie sprachen nicht viel, verstanden sich ohne Worte, hielten ihre gegenseitigen Fragen zurück im Vertrauen darauf, dass die Antworten sie erreichen würden, sollte es vonnöten sein.
*
Nur wenige Tage waren vergangen, und doch glaubte David, bereits eine Ewigkeit an diesem Leben teilzunehmen, fühlte sich auf ungewohnte, vergessene Weise angekommen, als hätte er einen Hafen erreicht, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte.
Es war spät. Die Dunkelheit erstreckte sich wie eine Decke über die karge Landschaft. Eine einzelne Laterne brannte an der Außenwand des Hauses, wartete auf die Rückkehr des Lakota Schamanen, während David noch einen letzten Blick auf Türen und Fenster warf.
Egal wie unsinnig es sein mochte, sobald er dazu in der Lage war, ließen ihn seine Gewohnheiten nicht zur Ruhe kommen, ohne dass er wenigstens die gröbsten Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte. Alan schüttelte den Kopf über ihn, aber hielt ihn nicht davon ab, die Riegel vorzuschieben, die Kontrollgänge vorzunehmen, zu denen David sich gezwungen sah, als würde ihn eine undeutliche Ahnung dazu veranlassen, diesen Ort zu schützen.
David schüttelte den Kopf über sich selbst, während er lautlos durch die Finsternis lief, seine Sinne geschärft mit dem Abklingen der Wirkung der Substanzen, die er seinem Körper noch vor kurzem zugemutet hatte.
Kein Schmerz, keine Übelkeit, kein drohender Fall in Sichtweite, und dennoch nagte etwas an ihm, ein Gefühl, das er gewohnt war zu unterdrücken, bevor es sich bemerkbar machen konnte.
Furcht oder Sorge wurden erstickt, noch ehe sie aufkeimen konnten, in dem sicheren Wissen, den Grund für seine Paranoia nur allzu gut zu kennen.
Und doch blieb die mahnende Stimme in seinem Inneren, tippte ihn konstant an, mit steigender Intensität, als wüsste sie von einem zukünftigen Ereignis, auf das sie vergeblich versuchte, ihn hinzuweisen.
David drängte sie zurück, kämpfte dagegen an, dass sie Macht über ihn gewinnen, sein Leben bestimmen würde, und doch fand er sich bald, ohne es zu wollen, bei dem zweiten unnötigen Rundgang wieder.
Der Wind heulte leise um das Haus, seine Stärke hatte mit dem Beginn der Nacht zugenommen, ließ lose Bretter seufzen, wehte Blätter und Stroh über den Hof hinweg.
Das Unwetter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Möglich, dass Alan einer anderen Familie half ihr Heim zu sichern, und vielleicht auch dort Unterschlupf fand.
Sollte David länger bleiben, würde es unvermeidlich sein, dass auch er die Menschen hier kennenlernte, beginnen würde, ihr Leben zu begreifen.
David wusste nicht, ob ihm dieser Gedanke zusagte oder abschreckte.
Aber er hatte nicht vor zu bleiben. Gedankenabwesend kickte er einen hellen Stein beiseite.
Natürlich gab es eine Menge Gründe, Alan für die Chance, die er ihm eröffnet hatte dankbar zu sein. Vielleicht würde sich ihm doch noch ein Weg eröffnen, von dem er bislang nichts gewusst hatte, und dennoch... es war jetzt bereits zu kompliziert, erforderte zu viel von ihm.
Er wollte nicht, konnte nicht so weitermachen, dessen war er gewiss.
Der Stein war geräuschvoll gegen eine leere Tonne gerollt. Die Pferde gaben ebenfalls alles, um sich Gehör zu verschaffen.
Ein Unwetter, wie das vor ihnen liegende, beeinflusste Mensch und Tier stärker, als David, der sich stets mit anderen Gewalten auseinander gesetzt hatte, ahnte.
Der Druck, der in der Luft lag, presste seine Lungen zusammen, erschwerte es ihm, Atem zu holen, ließ seine Hände zittern, als sie die Verriegelung des Stalles noch einmal kontrollierten.
David zuckte zusammen, als die Elemente erneut bewiesen, dass sie ebenso wie menschliche Wesen, fähig waren, das Fürchten zu lehren.
Der Wind zerrte an den geliehenen Kleidern, versuchte, ihn in eine Richtung zu treiben, der er sich mit Mühe entgegen stemmte.
Plötzlich wurde es still. Die Natur hielt den Atem an, bereitete sich auf eine andere Art der Belustigung vor. David sah sich um, erschauerte in der unerwarteten Ruhe, der Vorbotin eines größeren, wilderen Ereignisses.
Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit.
David erstarrte, gefror zum Standbild, und doch war es ihm, als würde nun endlich eintreffen, worauf er schon seit geraumer Zeit gewartet hatte.
Wie achtlos von ihm anzunehmen, es könnte jemals anders sein, wie gefährlich, auch nur mit dem Gedanken zu spielen, die Geister seiner Vergangenheit wären jemals bereit, ihn aufzugeben.
“Sieht nicht aus, als hättest du mich erwartet.”
Die Gestalt trat langsam hervor, die Hände erhoben, die Andeutung einer Entschuldigung, als könnte sie es wirklich bereuen, seinen Versuch, dessen er sich nicht einmal bewusst gewesen war, seinen letzten Versuch, Frieden zu finden, zu stören.
“Was tust du hier?”
David suchte Halt an dem Stapel Feuerholz neben ihm. Seine Stimme erschien ihm laut und hohl in der Finsternis.
“Ich habe dich gesucht. Als ich hörte, dass du aus Starks Gefangenschaft entkommen bist, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dich zu finden.”
“Warum, verdammt noch mal. Es gibt nichts, dass ich noch für dich tun könnte, mit Sicherheit nichts, dass ich tun wollte... für niemanden.”
“Mach dich nicht kleiner als du bist. Du hast mehr getan, als jemand anderes unter diesen Umständen für möglich gehalten hätte. Ohne dich wäre ich in der Todeszelle oder bereits unter der Erde.”
“Das war nicht mein freier Wille.”
“Erzähl mir nichts, David.” Thorsten Krank bewegte sich, so dass das Licht der Laterne seinen scharfen Gesichtszügen Ecken und Kanten verlieh, die sie vor Jahren noch nicht besessen hatten.
“Du bist ein Mann, der seine Schulden stets begleicht, egal, was es ihn kostet, egal, wie lange er daran abbezahlt. Vergiss nicht, ich kenne dich seit deiner Jugend, besser als du dich selbst kennst. Du wirst mir nie etwas vormachen können.”
“Verschwinde!“ Es gibt nichts, das wir zu besprechen hätten.” David schleuderte die Worte dem größeren Mann entgegen, keinen Hehl daraus machend, wie sehr ihn das Gespräch anwiderte.
“Beruhige dich, David.”
Krank lächelte schief. “Ich dachte, die letzten Jahre hätten dir die Augen darüber geöffnet, wem dein Hass in Wahrheit gelten sollte.”
“Halt den Mund. Ich habe nicht vor, mit dir darüber zu reden.” David machte Anstalten, sich abzuwenden.
“Oh doch, das wirst du”, zischte Krank und packte ihn am Arm.
“Versuch es zu leugnen oder nicht, doch du weißt, dass wir für immer verbunden sein werden, und das nicht nur durch den Geheimdienst. Ohne mich wärest du nie zu dem geworden, der du heute bist.”
Wütend riss David sich los. “Soll ich dir dafür vielleicht auch noch dankbar sein? Ich wünschte, ich hätte die Stärke besessen, dich zu töten. Weiß Gott, dass kein Tag vergangen ist, an dem ich nicht bereut habe, es nicht getan zu haben.”
Krank lachte. “Du hast es nicht fertiggebracht, weil du im tiefsten Inneren weißt wie ähnlich wir uns sind. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, haben auf ein und demselben Schlachtfeld unsere Sporen verdient.”
“Lass mich zufrieden, Thorsten. Du hast bekommen, was du wolltest. Ich will dich nie wieder sehen. Meine Schulden sind beglichen.”
Krank schüttelte langsam den Kopf. “Das werden sie nie sein, David. Diese Art zu leben hat uns zusammengeschweißt, für immer. Alles andere wäre Illusion. Es ist besser, du erkennst das jetzt.”
“Bist du jetzt völlig verrückt geworden?” David schrie beinahe. “Kriech zurück in das Loch, in dem du die letzten Jahre verbracht hast. Besser für dich, wenn sich niemand mehr an deine Existenz erinnert, niemand, inklusive meiner Person.”
“Beruhige dich, David.” Krank hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. “Du glaubst wirklich, du könntest verdrängen, was hier vorgeht? Du willst wirklich so tun, als hättest du keine Ahnung davon, inwieweit wir beide für immer verknüpft sein werden.”
Er kam näher, ungeachtet Davids hastigem Versuch zurückzuweichen, der ihn über einen Balken stolpern, und gegen die Stallwand stürzen ließ.
“Ich brauche dich jetzt, David. Du hast ja keine Ahnung davon, was sich in der Welt tut. Dein Vater und sein Unternehmen...”
“Was hat mein Vater damit zu tun?” David keuchte. “Erwähne ihn noch einmal und ich bringe dich um!”
Krank lachte spöttisch. “Als ob du dazu in der Lage wärst, David. Mach dir nichts vor. Ich kenne deine Schwäche. Hast du vergessen, wie oft ich dich von der Straße aufgelesen, deinen traurigen Körper in die Entziehungsklinik gebracht, alles getan habe, damit deine Familie nichts davon erfahren, damit nichts in deinem Lebenslauf landen würde?”
Sein Grinsen nahm diabolische Züge an. “Zumindest hast du wohl geglaubt, dass niemand davon erfahren würde.”
“Alte Geschichten. Die interessieren niemanden mehr. Lass mich, verdammt noch mal, in Ruhe damit!”
David bemühte sich hochzukommen.
“Da irrst du dich. Mich interessieren sie. Sogar sehr.” Krank starrte auf ihn hinunter. “Dein alter Herr hatte Zeit seines Lebens noch einige Eisen mehr im Feuer, als er verlauten ließ, und ich will verdammt sein, wenn ich mir meinen Anteil daran entgehen ließe.”
David starrte ihn mit offenem Mund an. “Was soll das. Ich habe nichts damit zu tun, verschwinde endlich.”
Kranks Grinsen gefror. “Und ob du damit zu tun hast, Junge. Du bist blutsverwandt. Interessiert es dich gar nicht, welche Kämpfe augenblicklich alleine an der Oberfläche ausgetragen werden? Hast du überhaupt die geringste Ahnung, in wie vielen Unternehmen, vor allem in wie vielen illegalen Geschäften dein Vater seine Hände bis zu den Knöcheln stecken hatte?”
Sein Mund zuckte grimmig. “Ich habe ihm immer vertraut, und er hat es mir immer vergolten... bis... bis ihn mein ‘Tod’ von dieser Pflicht befreit hatte. Aber mit deiner Hilfe, mit deinem Namen, werde ich bekommen, was mir zusteht.”
David gewann sein Gleichgewicht zurück. “Vergiss es. Ich habe nichts damit zu schaffen.”
“Und wieder irrst du dich.” Krank seufzte, senkte resigniert den Kopf. “Ich habe mir schon gedacht, dass es eine Weile dauern würde, dich zu überzeugen. Nach allem, das du getan hast, um deine Vergangenheit auszulöschen, vollkommen zu ignorieren...”
Er zögerte einen Moment. “Aber das ist nun mal nicht möglich. Niemand kann das. Am allerwenigsten jemand wie du, der sich an dem Gefühl, schuldig zu sein festklammert, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.”
Seine Stimme wurde sanft. “Stell dir vor, du könntest frei sein davon. Was würde dir noch bleiben? Wer würdest du dann sein?”
“Lass mich zufrieden.” David stieß ihn beiseite, erntete nur ein erneutes Lachen.
“Das würde ich, Junge, das würde ich. Aber ich glaube nicht, dass es in deinem Interesse läge.”
“Ich verschwinde jetzt, Thorsten, und ich will dich nie wieder sehen.”
“Was stellst du dir vor?” Der Andere folgte ihm. “Du willst dich hier verstecken? Für wie lange?”
Er lachte wieder. “Hast du eine Ahnung, wie viele Leute dich suchen, seitdem bekannt wurde, dass du zurück bist? Der Durst nach Rache hat dich aus deinem Gefängnis geholt, was glaubst du, wozu er die Menschen treiben kann, die diese Mühen nicht auf sich nehmen müssen. Ich habe dich hier gefunden. Was denkst du denn, wie schnell dich andere hier finden werden?”
“Ich bleibe nicht!”
“Und wohin willst du gehen?” Krank legte David eine Hand auf die Schulter, brachte ihn dazu, stehen zu bleiben.
“Wohin, David? Wohin, wenn es nur eines gibt, das du dir wirklich wünschst, das du wirklich brauchst.”
Davids Knie drohten nachzugeben, ein Schauer durchfuhr ihn, und er zweifelte daran, dass der wieder aufkommende Wind ihn auslöste, der die gespenstische Zeit der Stille mit erneutem Durcheinanderwirbeln von Natur und Gedanken, rapide beendete.
“Was für eine seltsame Idee von dir... ausgerechnet ein Ort wie dieser.” Kranks Griff verstärkte sich. “Das passt nicht zu dir, David. Das ist nicht deine Welt. Du hast etwas Besseres verdient, etwas anderes, genau wie ich.”
David zitterte. “Und du wirst es bekommen. Komm mit mir!”
David drehte sich langsam um, und sein Blick fiel auf Kranks freie Hand, die sich ihm ausgestreckt und weit geöffnet darbot.
In ihrer Mitte, angeleuchtet von der Laterne, überirdisch schön und verlockend, lag eine schmale Spritze und ein winziges Päckchen Heroin.
“Ich habe mehr, David. Ich habe genug für dich. Du brauchst dich nicht mehr zu quälen.”
David schluckte trocken. “Ich will es nicht, Thorsten”, antwortete er heiser. “Verschwinde von hier, und... und nimm das mit!”
“Mach mir nichts vor. Ich weiß, wie das ist, wie es sich anfühlt. Du willst es, deine Gedanken kreisen nur um das Eine, und so wird es auch bleiben, bis zu dem Tag, an dem du deine Augen für immer schließen wirst.”
“Ich will es nicht.” Davids Stimme klang rau, nicht viel mehr als ein Hauch, ein Räuspern entfuhr ihm, und doch wich er nicht.
“Lüg mich nicht an, David, ich weiß es, wenn du lügst. Ich habe es dir beigebracht.”
“Lass mich... geh... bitte...”
Statt dessen kam Krank langsam näher, so nah, dass er die Wärme des anderen, sein Zittern spüren konnte, den Atem, der rascher ging, je länger die blauen Augen auf die Handfläche des ehemaligen Mentors gerichtet blieben, als könnten sie sich nie wieder davon lösen, wären für immer an diesen Anblick gebannt.
Früher oder später würde David nachgeben, würde er schwach werden. Er hatte keinen Grund es nicht zu tun, nichts, das ihn davon abhalten würde.
Kranks Augen funkelten. Egal was David sagen oder tun mochte, der innere Kampf war längst entschieden.
Die Hand an Davids Schulter packte kräftiger zu, fühlte die Anspannung in Muskeln und Sehnen über den Knochen.
“Ich werde nicht aufgeben, David”, flüsterte er, während er sich nach vorne beugte. “Stell dir nur vor, was wir erreichen könnten.”
Davids Herz trommelte, sein Blut rauschte im Verlangen, und er wusste, dass Krank es ebenso hören konnte wie er, die Aussichtslosigkeit seines Kampfes ahnte.
Er musste jetzt handeln, oder es würde zu spät sein, musste etwas tun, sich losreißen, solange er es noch konnte.
Mit einem schrillen Laut der Verzweiflung wand er sich aus dem Griff der spinnenartigen Finger, taumelte einen Schritt zurück, erneut gegen die Holzwand stolpernd.
Er wusste nicht, was ihn dazu zwang, woher er die Kraft nahm zu widerstehen.
Alles in ihm schrie danach, nachzugeben, verdrängte Bilder umnebelten seinen Geist.
Es waren Bilder von Augenblicken, in denen die Droge ihn gerettet hatte, in denen er zumindest geglaubt hatte, von ihr gerettet worden zu sein.
“Ich... ich will nichts mit dir zu tun haben... nie mehr...”, stammelte er, kalter Schweiß auf seiner Stirn.
“Und ich warne dich, Thorsten. Komm mir nicht noch einmal zu nahe.”
“Was willst du tun, David?” höhnte der andere. “Sieh dich an. Du bist ein Wrack, ein Junkie, ausgezehrt, fertig... was willst du noch?”
Er schüttelte den Kopf. “Ich gebe dir noch eine Chance. Mit mir zusammen hast du Möglichkeiten, nach denen jeder andere sich alle zehn Finger lecken würde. Wir können dieses Land verlassen und endlich das kassieren, wofür wir unser Leben geopfert haben. Wir beide... nichts würde uns aufhalten.”
“Niemals!”, presste David zwischen seinen Zähnen hervor.
“Nun mach dich nicht lächerlich, Junge! Du hast nichts zu verlieren, genauso wenig wie ich.”
Krank überlegte einen Moment, fixierte des anderen Brust, die sich panisch hob und senkte.
“Du willst jetzt keinen Fix?” Er schloss seine Hand um die dargebotenen Utensilien. “Ist kein Problem, ist gar kein Problem. Später ist auch noch Zeit, du hast dein ganzes Leben noch Zeit, high zu werden.”
Er zwinkerte. “Wie klingt das für dich? Leugne es nicht, ich weiß von deiner Zeit in Argentinien. Manchen Leuten gegenüber hat Stark kein Blatt vor den Mund genommen.”
“Du verdammter Mistkerl!”
Krank zuckte mit den Schultern. “Meinetwegen hasse mich, verabscheue mich bis aufs Blut, aber erkenne deine Chancen. Es wird dich nicht viel kosten, aber am Ende werden wir das besitzen, was deine verkorkste Sippschaft niemandem jemals gegönnt hätte. Und erzähl mir nicht, dass dies kein angenehmes Gefühl der Rache wäre.”
“Ich brauche das nicht, ich will das nicht.”
“Zum Teufel, David!” Krank bemühte sich seinen Ärger hinunterzuschlucken. “Sieh endlich ein, dass es nicht deine Entscheidung ist.”
In seinen Augen brannte der Zorn. “Meine Geduld neigt sich allmählich dem Ende zu. Du weißt ich kenne Mittel und Wege... “
Blitzschnell ließ er Spritze und Droge in den Staub fallen, griff an den Gürtel unter seiner Jacke und zog eine großkalibrige Pistole hervor, die er ruhig auf David richtete. “Du weißt auch, was so ein Baby anrichten kann. Ich muss dich nicht töten, zumindest nicht gleich. Aber du würdest dir wünschen, tot zu sein.”
Davids Augen hefteten sich an die blitzende Waffe.
“Was soll das, Thorsten? Du glaubst wirklich, dass ich mich davor fürchte, dass ich mich vor dem Tod oder vor Schmerzen fürchten würde?”
Mehr noch als Ärger schwang Erstaunen in seiner Stimme mit. Langsam entsicherte Krank die Waffe.
“Ich weiß, dass du das nicht tust, David. Besser gesagt, ich weiß, dass du deine Furcht im Griff hast.”
Seine Mundwinkel verzogen sich. “Aber ich weiß nicht, inwieweit du sie im Griff hast, sollte es um jemand anderes, als um dich gehen.”
Er lächelte schließlich. Ein schauriges, kaltes Lächeln. “Sag was du willst, doch ich weiß genau, dass die Hilfeschreie so mancher Leute den Panzer durchdringen würden, den du um dich errichtet hast.
Willst du dir das wirklich zumuten... oder ihnen? Willst du es uns allen so schwer machen?”
Er zielte auf Davids Brust.
“Du weißt auch, wozu ich in der Lage bin, dass ich keine Skrupel kenne, wenn es darum geht ein Ziel zu erreichen.”
“Schieß doch, Thorsten. Mach dem ein Ende!” David schnaubte.
Krank lachte. “So einfach wird es nicht, so einfach ist es niemals. Ich könnte dich verletzen, könnte dich so schwer verletzen, dass du mir ausgeliefert bist. Ich könnte einem Menschen, der dir noch etwas bedeutet, einen Menschen auf der anderen Seite des Atlantiks, der einst die Welt für dich war, solange leiden lassen, bis du alles tust, was ich von dir will. Es gibt viel, das ich...”
Er schoss. Die Kugel drang so nah neben Davids Kopf ins Holz, dass sich Splitter in seine Haut bohrten. “... so viel, das ich tun kann. Doch ich denke, ich sollte damit beginnen, dich ein wenig bewegungsunfähiger zu machen. Du weißt, was eine kleine Verletzung an der Wirbelsäule ausrichten kann. Es sei denn... du würdest deine Meinung noch einmal ändern und dich entschließen, zu kooperieren.”
“Das werde ich nicht, niemals. Tu, was du nicht lassen kannst.”
Davids Verzweiflung verwandelte sich in Ärger.
“Ich warte, Thorsten.”
Etwas sauste zischend durch die Luft, durchschnitt sie wie der unvermeidliche Blitz, der nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte.
Krank heulte auf, Entsetzen mischte sich mit Überraschung, als er die Waffe aus seiner Hand gleiten sah, unfähig den Abzug zu drücken.
Mit vor Grauen weit aufgerissenen Augen hob er die Hand vor sein Gesicht, die durchbohrt war von einem langen, schmalen Messer mit Ledergriff.
Er keuchte, als er das Blut beobachtete, wie es die zerstörte Handfläche hinunter strömte.
Ein weiterer Schmerzenslaut entfuhr seinen Lippen, bevor er den hasserfüllten Blick auf David richtete, der ihm immer noch bewegungslos gegenüberstand, gehalten von der morschen Bretterwand, an die er lehnte.
Doch nun nicht mehr. Als würde der Hass, den Krank ausstrahlte, durch die Pforten von Davids Augen absorbiert, aufgenommen in die Tiefen seiner Seele, erschütterte ihn über lange Jahre aufgestaute Wut donnergleich.
Zornbebend stürzte er vorwärts. In seinen Ohren gellte ein Laut, welcher der Macht einer Explosion gleich kam, der hörbare Anteil einer sich entladenden Urkraft.
weder er noch Krank erkannten in diesem Augenblick, dass es sein eigener Schrei war, der das Toben der Natur übertönte. Denn als besäße er die Herrschaft über die sich bis jetzt noch zurückhaltenden Elemente, brach das Unwetter in diesem Moment, in dem sich auch sein Zorn nicht mehr gefangen halten ließ, mit erd-erschütternder Gewalt über sie herein.
Blitze fuhren aus dem aufgewühlten Himmel herab, Donnerschlag hallte zeitgleich, wurde übertönt durch das plötzliche Öffnen der Wolken, deren Wassermassen Sturzbächen gleich auf sie niederprasselten.
David fand sich wieder auf der Erde, auf seinem ehemaligen Mentor.
Den schlaffen Körper hielt er auf den Boden gepresst. Das verzerrte Gesicht, den hageren Oberkörper bearbeitete er wieder und wieder mit seinen Fäusten, unfähig sich zurückzuhalten, unfähig den mörderischen Hass einzudämmen, der ihn zwang mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf Krank einzuschlagen, ungeachtet der Wunden, die bereits seine Züge entstellten, die aufklafften und denen dunkles Blut entströmte, das sich mit dem kalten Regen vermischte.
Ungeachtet der Tatsache, dass Krank längst aufgehört hatte sich mit seinen Händen, der verwundeten ebenso wie mit der gesunden, schützen zu wollen, ungeachtet der langsam mit dem Bewusstsein wiederkehrenden Erkenntnis, dass er einen Körper bearbeitete, aus dem das Leben längst entflohen war.
Er schlug ihn weiter bis seine Fäuste bluteten wie der stille Leib, den sie malträtierten. Hörte nicht auf damit, bis andere Hände, stärker als seine, ihn fortzogen, ihn hochrissen und festhielten, bis sich das Brüllen in seinem Inneren beruhigt hatte, bis er in der Lage war, die gekrümmte Gestalt auf dem Boden als das zu sehen, was sie war, eine Hülle, die kein Hass, kein Mitleid mehr erreichen konnte.
• * * *
•
Der Regen wusch über sie hinweg, das Gewitter tobte ohne Unterlass, doch in David war es ruhig geworden.
Er stand regungslos inmitten des Schlammes und der Pfützen, die sich bildeten, fühlte Nichts außer Alans Armen, die ihn immer noch festhielten, unerbittlich, ähnlich einem Schraubstock, als fürchte er noch größeres Unheil.
Alan spürte, wie David zu sich kam, wie er seinen Verstand zurückgewann und begann, die Lage, zu begreifen.
Dennoch ließ er ihn nicht los, fühlte, dass er die Reaktionen des Anderen nicht einschätzen konnte.
Er hatte sich beeilt, sich nicht darauf verlassen, dass David Vorkehrungen für das Unwetter treffen würde.
So wie die Dinge lagen, hätte der Mann auch jederzeit Hals über Kopf, verschwinden können, ohne ihm einen Hinweis oder eine Spur auf seinen Verbleib zu hinterlassen.
Und es wäre sein gutes Recht gewesen, sie hatten niemals darüber gesprochen, keinerlei Verhaltensregeln vereinbart.
Trotzdem hatte er erleichtert aufgeseufzt, als er erkannte, dass die Tiere in Sicherheit und die Anlagen befestigt worden waren.
Keineswegs zu spät, denn der Sturm war im Beginn loszubrechen. Und nicht nur der Sturm. Etwas anderes war ebenfalls in Unordnung, er hatte nur nicht bestimmen können, was es war.
Erst als er die beiden Männer vor sich sah, seine erprobten Augen die Dunkelheit durchdrangen, erkannte er die Gefahr, die dieses Mal nicht von den Kräften der Natur ausging.
Ohne zu überlegen, hatte er sein Messer gezogen und die drohende Gestalt, die eben im Begriff gewesen war, abzudrücken, mit einem gezielten Wurf entwaffnet.
Womit er nicht gerechnet hatte, war Davids Reaktion. David, dessen Augen im Aufflackern des Blitzes einen erschreckenden Ausdruck zeigten, dessen Zorn an Besessenheit, an Wahnsinn zu grenzen schien, als er sich mit einem Schrei auf den größeren Mann stürzte und die schmerzgelähmte Gestalt umriss.
David, der seine Kontrolle aufgegeben hatte, als er den Kopf des Anderen auf den Boden schlug, mit beiden Händen, wieder und wieder, bis er aufplatzte.
David, der auch dann nicht davon abließ, den leblosen Körper weiter mit seinen Fäusten zu bearbeiten, als würde er immer noch eine Bedrohung für ihn darstellen.
David, dessen Sinne in einer rot gefärbten Welt aus Blut untergingen, der sich im Rausch der Gewalt verlor.
Endlich hatte Alan wieder zu sich gefunden und den tobenden Mann von seinem Opfer weggerissen. Was auch immer zwischen den beiden Weißen gestanden hatte, es würde für immer ungelöst bleiben.
Langsam beruhigte sich Davids Atem, die Wut verflog ins Nichts. Übrig blieben die Spuren dessen, was geschehen war, der vergebliche Versuch, es zu begreifen.
“Oh Gott!”
Ein Donnerschlag verschluckte die gehauchten Worte, ausgestoßen, nachdem die gezackte Konzentration an Elektrizität, den mit glänzender Flüssigkeit überströmten Leichnam gespenstisch erleuchtet und dann wieder zurück in die Dunkelheit gesandt hatte.
Vorsichtig lockerte Alan seinen Griff, spürte, dass der andere Mann wieder Herr seiner Sinne war, der tobende Dämon seinen Rachedurst gestillt hatte.
“Was habe ich getan?” David hob die blutbefleckten Hände vor sein Gesicht, seine Knie gaben nach, und er sank kraftlos auf die Erde, weigerte sich instinktiv, das Ausmaß seines Ausbruches zu erfassen.
“Er ist tot.”
Alan biss die Zähne zusammen. “Wir müssen uns jetzt entscheiden.”
“Was... entscheiden?” David blickte verwirrt zu ihm auf. Der Regen stürzte mit unvermittelter Kraft auf sie hinab, als würde er versuchen, alle Spuren zu ertränken.
Die Kleider klebten schwer an ihrer Haut und durch die Dunkelheit, durch den Vorhang aus Wasser trafen sich ihre Augen, Davids groß und verwirrt, Alans hart und entschlossen.
Er presste seine Lippen zusammen, bückte sich hinunter und zog David aus dem Matsch, der schwarz schimmernd an ihm haften blieb wie Pech. Er brachte die Lippen zu des kleineren Mannes Ohr.
“Wer weiß, dass er hier ist?”
David erschauerte, sein Blick suchte Krank, klebte fest an der äußeren Schale, die einst ein Mensch gewesen war. Mühsam schüttelte er den Kopf.
“Niemand... er... er ist auf der Flucht, soweit ich ihn verstanden habe... war...” Er verstummte.
Alan richtete sich auf. “Dann bringen wir ihn zu den Behörden. Es war Notwehr.”
“Nein!” David stöhnte auf. “Nein... bitte Alan. Tu das nicht... Ich, ich kann nicht...”
Alan wartete, doch David war außerstande. weiterzusprechen. Er versuchte die Laute hervorzubringen, doch nichts als stumme Hilferufen verloren sich in der Gewalt des Regens.
Eine Zeitlang standen sie so, bemüht zu verstehen und sich zu verständigen, und die Minuten dehnten sich in die Unendlichkeit. Endlich senkte Alan seinen Blick, signalisierte dem anderen eine Entscheidung getroffen zu haben.
“Es ist gut David, wir finden eine Lösung. Ich verspreche es.”
*
Die Blitze zuckten nur noch vereinzelt in der Ferne.
Der Donner war zu einem tiefen Grollen mutiert, das die düstere, höllische Atmosphäre unterstrich.
Der Regen schlug mit unverminderter Kraft auf sie ein. Sintflutartig überschwemmten die Wassermassen das Gelände, hatten es selbst dem an Anforderungen gewöhnten Geländewagen Alans erschwert, sich seinen Weg durch die Nacht zu erarbeiten, ohne hilflos steckenzubleiben.
Und nun, gleich Gestalten einem Horrorfilm entsprungen, arbeiteten sie besessen.
Die Hitze, die ihren zum Zerreißen gespannten Nerven entströmte, war der einzige Schutz gegen die unerbittliche Kälte des tränenden Himmels.
David zitterte dennoch. Die Anspannung forderte ihren Tribut.
Kaum war er in der Lage den Spaten zu heben, stolperte mit dem verzweifelten Versuch.
Alan arbeitete stetig und ruhig. In rhythmischen Bewegungen senkte er die Schaufel in den Boden, löste die schwere Erde aus ihrem Bett und vergrößerte so Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, das Loch, das er entschlossen war, so tief wie möglich auszuheben.
Kranks Leiche ruhte neben ihnen, in eine Decke gerollt, geduldig darauf wartend, ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt zu werden.
Endlich war das Grab groß und breit genug, einen Menschen aufnehmen zu können, bot die rutschige Erde Alans Füßen genügend Widerstand, um aus seinen Tiefen empor zu klimmen.
Zusammen ergriffen sie die starre Figur und warfen sie hinunter, wo sie in der Pfütze, die sich bereits angesammelt hatte, aufklatschte und versank.
Sie standen reglos für einen Moment, überließen dem Regen die Mühe, sie von ihrer Schuld rein zu waschen, bevor sie begannen, die Spuren ihrer Tat wieder mit Erde zu bedecken.
Erschöpft blickten sie sich an, ihre Augen trafen sich über den Ort, der Krank von nun an verbergen sollte, bis nichts mehr an ihn erinnern würde.
Schließlich ergriff Alan die Werkzeuge, signalisierte der Gestalt ihm gegenüber, dass es Zeit sei, den Rückweg anzutreten.
So gut wie möglich war die Stelle unkenntlich gemacht worden, Gräser und Zweige lenkten die Aufmerksamkeit ab für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand sich an diesen versteckten Ort verirren sollte.
Kein Wort fiel, kein Laut lenkte vom Rauschen des Regens ab, der mittlerweile gleichmäßig fiel. und versuchte, die Trockenheit der vergangenen Wochen innerhalb einer einzigen Nacht in Vergessenheit zu bringen, als könnte er damit etwas wieder gut machen, das nicht mehr gut zu machen war.
Wie durch ein Wunder fanden die Räder des Wagens Halt in dem schlüpfrigen Untergrund, erlaubten ihnen fortzukommen und durch das sich mittlerweile beruhigte Unwetter den Heimweg anzutreten.
Immer noch schweigend verließen sie das Fahrzeug, entledigten sich der schmutzverkrusteten Kleider und begannen die an ihnen haftenden Spuren hastig von ihrer Haut zu entfernen.
Stille verband, unterbrochen lediglich durch das Geräusch des plätschernden Wassers, mit dem sie sich säuberten, untermalt von dem ständigen Hämmern des Regens über ihnen, der das Dach des Hauses traf.
Eine dunkle und eine helle Gestalt, für immer verknüpft durch ein gemeinsames Geheimnis.
Alan warf David ein grobes Handtuch zu, und schließlich verließen sie barfüßig und unbekleidet den Raum, der als Bad diente, tappten die Treppe hinauf.
Wie selbstverständlich folgte David dem Lakota zum ersten Mal in dessen Zimmer, wo der Größere, immer noch ohne ein Wort fallen zu lassen, den Schrank ansteuerte und aus seinen Tiefen ein paar Kleidungsstücke zog, die er nachlässig auf das, mit einer kunstvoll geknüpften Decke verzierte Bett warf.
Beiden klapperten vernehmlich die Zähne, und so zögerte David nicht lange, in den rauen, doch wärmenden Stoff zu schlüpfen.
Er schlug die von viel zu langen Ärmeln bedeckten Arme über seiner Brust zusammen, vielleicht um sich zu schützen, vielleicht um nicht noch mehr auszukühlen. Endlich sprach er zu Alan, der die langen Haare trocken rieb.
“Es tut mir leid, dass ich...” Er stockte unsicher. “Ich sollte dir wohl erklären...”
“Ja.” Alan hielt in seiner Bewegung inne. “Irgendwann einmal, David. Aber nicht jetzt.”
“Ich...”
Ein gefährliches Glitzern in Alans Augen hielt ihn ab davon weiterzusprechen.
“Dafür ist jetzt nicht die Zeit. Wir müssen es ruhen lassen.”
“Aber...”
“Ich habe genug gesehen, um mir vorstellen zu können, was passiert ist, und warum es passiert ist. Alles andere kann warten.”
Der Dunkelhaarige trat einen Schritt vorwärts. David konnte es nicht verhindern, dass er unwillkürlich zurückzuckte.
Alan seufzte und blieb stehen.
Seine Stimme klang ruhig und sanft und vermittelte mit seinen nächsten Worten die Entspannung und den Trost, der notwendig war.
“Ich gehe jetzt und kümmere mich um den Rest, während du versuchst, dich aufzuwärmen. Eine Lungenentzündung wäre mit Sicherheit nicht hilfreich, und deine Abwehr war bereits zuvor angegriffen. Dann wirst du schlafen.”
Der Anflug eines Lächelns, kaum entstanden, bereits wieder vergangen, flog durch den nur schwach vom spärlichen Licht des Ganges erleuchteten Raum. “Du wirst noch genug Zeit für Erklärungen haben.”
Erst als Alan sich umgedreht und das Zimmer verlassen hatte, registrierte David das Ausmaß seiner Erschöpfung.
Der Raum begann sich um ihn zu drehen, und Halt suchend sank er nieder, gerade noch in der Lage, die Kante des Bettes zu ergreifen und sich daran auf die Decke zu ziehen, die sich unerklärlich weich an seinen Körper schmiegte.
Unfähig sich wieder zu erheben, tastete er um sich, zog den Stoff, den er greifen konnte näher und rollte sich zusammen, bevor die Welt in Vergessenheit versank.
*
Er konnte nicht erkennen, wie viel Zeit vergangen war. Ihm war noch nicht einmal im ersten Augenblick des Erwachens bewusst, wo er sich befand.
Benommen schlug David die Augen auf und fand sich in vertrauter Umgebung wieder.
Er musste vollkommen weggetreten, außerstande gewesen sein zu bemerken, wie Alan ihn in das gewohnte Bett geschafft und warm eingewickelt hatte.
Er schwitzte und schlug die Decken beiseite ebenso wie die Kissen, die einen exotischen Duft verströmten, beinahe penetrant, wenn er an ihnen schnupperte.
Belustigt schüttelte er den Kopf über die ungewohnte Fürsorge, gleichermaßen peinlich berührt ob seiner eigenen Hilflosigkeit und seltsam ergriffen von der Mühe, die sich ein immer noch Fremder mit ihm machte.
Es war zu lange her, dass sich jemand um ihn gekümmert hatte. Die Erinnerungen an solche Zeiten wirkten verschwommen und David bezweifelte ernsthaft, dass die Bilder in seinem Kopf der Wahrheit entsprachen.
Wahrscheinlicher war es, sie als Wunschdenken abzutun.
Zu abwegig blieb die Vorstellung, zu wenig fassbar die flüchtigen Eindrücke, die verschwunden waren, bevor sie verarbeitet werden konnten.
Es war so ungewohnt, dass das unangenehme Gefühl daran schließlich den Sieg davontrug, und er sich entschlossen aufrichtete. Der Raum drehte sich in gewohnter Weise für einen Moment, jedoch schneller als er erwartet hätte, kam die Bewegung zum Stillstand.
Was auch immer Alan ihm eingeflößt hatte, es war ausschlaggebend für die Verhinderung einer Erkältung, hatte das Unvermeidliche gebannt, beinahe ein Wunder nach der Gewalt des Unwetters.
Das Unwetter - schlagartig kehrten die Bilder zu David zurück - das Gewitter - Thorsten Krank - was er getan hatte - was sie getan hatten.
Seine Hände begannen zu zittern und mit einem ärgerlichen Laut brachte er sie zum Stoppen.
Verdammt noch mal, er hatte mehr Menschen auf dem Gewissen, als sich Irgendjemand vorzustellen vermochte, hatte den Tod von allen erdenklichen Seiten gesehen und erfahren.
Er sollte es gewohnt sein, die Schuld, den Schmerz, die Trauer, die Selbstvorwürfe... den Verlust dessen, was ihn ausmachte, das mit dem anderen starb, ob er ihn geliebt oder verabscheut, kaltblütig ermordet, oder vergeblich versucht hatte, ihn zu retten.
Das Ergebnis blieb immer das Gleiche. Er lebte, und er musste damit zurechtkommen.
Warum nur erschütterte ihn nun Kranks Verlust mehr, als ihm logisch erschien.
War es das Unerwartete seines Auftretens gewesen oder sein eigener, geschwächter Zustand?
War es vielleicht der Einfluss, den er auf ihn ausgeübt hatte, damals... als er versucht hatte, den Klauen seines übermächtigen Vaters zu entkommen, als er jemanden gesucht, jemanden gebraucht hatte, ohne es zu wissen.
Damals, als er allein und unglücklich war, das Leben wie ein Strom brodelnder Lava vor ihm lag, heiß und gefährlich, mitreißend, doch ohne Ziel. Damals, als er eine Leitfigur gesucht und gefunden hatte.
Jemanden, der ihn anders sah, der etwas in ihm entdeckte, das es sich zu fördern lohnte, und der ihn in eine neue, unbekannte Richtung führte, in ein Gebiet, das ebenso erschreckend wie faszinierend für ihn gewesen war, ein Gebiet, das ihm einen Weg bot, seiner Wut eine Richtung zu weisen, einen Sinn und einen Zweck zu verleihen.
Doch nur solange, bis er die andere Seite gesehen hatte, bis er zum ersten Mal gezwungen war zu fühlen, was der Verlierer des Spieles fühlen musste, bis er wusste, wie es war, das Opfer zu sein.
Und immer noch war es Krank gewesen, der ihn vor Schlimmerem bewahrt hatte, der ihm die Mittel in die Hand gegeben hatte, sich weiter voran zu schleppen, egal wie sehr sich alles in ihm dagegen gesträubt hatte.
Er hatte sich geweigert, dessen wahres Gesicht zu sehen.
Er hatte das Bild des Mannes bewahrt,, der ihm vor so vielen Jahren auf die Beine geholfen, sich seiner angenommen und ihm mehr bedeutet hatte, als er jemals irgend jemandem gegenüber zugab.
David hatte sich an diesem Bild festgehalten, solange es möglich war.
Denn, wenn er zugegeben hätte, was Krank getan hatte, was er mit ihm getan hatte, wozu er ihn gebracht hatte, dann, das wusste er, würde ihm nichts mehr bleiben.
Dann war sein Leben eine Aneinanderreihung von Lügen und von Fehlern, dann hatte er die eine Welt, die er verabscheut hatte, gegen eine andere eingetauscht, die ebenso schlimm, wenn nicht sogar erheblich verwerflicher war.
Er hatte nicht gewusst, wie schwer diese Last in den letzten Jahren gewogen hatte, wie stark die Bänder ihn noch an den Mann gefesselt hatten, trotz allem, was er getan hatte.
Und noch weniger hatte er gewusst, wie groß der Hass war, den er in sich trug, der sich explosionsartig entladen, der ihn auf einer Welle der Gewalt getragen, mit dem einzigen Wunsch zu töten, der alles andere beherrscht hatte, jeden klaren Gedanken ausgeschlossen.
Hätte er klar denken können, so hätte er gewusst, dass der Tod keine Befreiung war. Jemandem das Leben zu nehmen, stellte keine Lösung, keine Erleichterung dar. Der Schrecken der Tat konnte den Wunsch nach einer Antwort lediglich betäuben, niemals jedoch die Angst fortnehmen.
David rieb sich den mittlerweile kalten Schweiß von den Schläfen. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, es würde nichts ändern.
Seine Beine fühlten sich an wie Gelee, als er schließlich aufstand und die paar Schritte auf die Tür zuging.
Die beiden Männer auf dem Regal lächelten freundlich auf ihn hinab, als wollten sie ihm Mut zusprechen, und David drehte sich noch einmal um und betrachtete die jugendlich unschuldigen Gesichtszüge.
War er jemals so frei, so glücklich gewesen, wie die beiden wirkten? Unbeschwert und strahlend, ihrem Leben ohne Altlasten entgegentretend, den Augenblick genießend, als wäre es ihr erster und ihr letzter gleichermaßen.
Eine Woge von Neid erfasste David und riss ihn mit sich. Seine Fäuste ballten sich, und er biss die Zähne aufeinander, bis es schmerzte, bis ihn der Schmerz wieder zur Besinnung brachte.
Was konnte er wissen von dem Leben, das sie geführt hatten. Es konnte seine Höhen gehabt haben, ebenso wie seine Tiefen. Tiefen, die möglicherweise ebenso abgründig waren, wie diejenigen, die er durchschritten hatte.
Wie kam er darauf, dass es eine Idylle gewesen sein konnte? Von dem breiten Lächeln, das ebenso für den Fotografen hätte bestimmt sein können, und vielleicht mit dem Auslösen der Kamera ein für allemal erloschen war.
Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie keine Dramen mit sich herumtrugen, im Gegenteil. David fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Was wusste er?
Dass Alan ein einsames Leben in einem Reservat führte? Dass er befreundet gewesen war mit einem Mann, der gestorben war?
All das schien kein Grund für außergewöhnliche Fröhlichkeit zu sein, und vor allem auch kein Grund, ihn zu beneiden.
Und doch konnte David nicht anders, konnte es nicht verhindern. Doch dann waren da die Geschehnisse der vergangenen Nacht, die Selbstverständlichkeit, mit der Alan gehandelt hatte, ohne Fragen zu stellen.
Der Mann blieb ein ungelöstes Rätsel, ein Enigma für ihn, seine Beweggründe unverständlicher denn je.
David stöhnte. Er würde es nie erfahren, wenn er hier oben bliebe.
Die nachlassende Intensität des Lichtes, das durch das immer noch mit einem grauen Schleier verschmierte Fenster drang, wies bereits auf Nachmittag oder frühen Abend hin, ohne jedoch zu erkennen zu geben, wie oft die Sonne seit der verhängnisvollen Gewitternacht auf- und untergegangen sein mochte.
David leckte sich die trockenen Lippen. Er hatte Durst und es half alles nichts, er würde sich dem stellen müssen, das ihn erwartete.
Auf dem Weg nach unten blinzelte er gegen die Lichtstrahlen, die sich in dem kleinen Spiegel, der im Eingang des Hauses hing, bündelten und in ihrer konzentrierten Kraft zu versuchen schienen, ihn aufzuhalten.
Alan war da, er spürte es, noch bevor er ihn sehen konnte. Mit dem Rücken zu ihm stand er am schiefen Küchentisch, der mit jeder seiner Bewegungen leicht schaukelte.
Ungeachtet dessen arbeitete er an etwas, das David nicht erkennen konnte. Sein schwarzes Haar umgab ein blauer Schimmer, ein seltsamer Glanz, der David bisher nie aufgefallen war.
“Hey”, machte er sich bemerkbar, obwohl er sich sicher war, dass Alan ihn bereits lange vorher gehört hatte, es vermutlich jedes Mal bemerkte, wenn er sich auch nur im Schlaf drehte.
Einen Augenblick wunderte sich David erneut über die Fähigkeiten, die er dem Mann zugestand, ohne zu wissen warum, ohne einen Grund oder einen Beweis dafür zu besitzen.
“Hey”, antwortete der andere, ohne sich umzusehen.
Eine leichte Drehung des Körpers erlaubte David jedoch einen kurzen Blick auf dessen Arbeit, die aus nichts Geheimnisvollerem als dem Zerkleinern von Substanzen in einer Art Mörser bestand.
“Wie geht es dir, David?”
“Ich bin okay.”
Er zögerte. “Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Und... und ich muss dir schon wieder danken.”
Er verfiel in Schweigen, betrachtete den sehnigen Rücken, dessen Muskeln unter dem dünnen Hemd arbeiteten, sich mit jeder Bewegung der Arme anspannten und wieder entspannten, der Oberfläche eines Gewässers gleich, das von unsichtbaren Kräften getrieben anschwillt und abnimmt, steigt und fällt, in einem für Menschen unerklärlichen Rhythmus.
“Und dann schulde ich dir auch noch die eine oder andere Erklärung... denke ich...”
Alan hielt einen Augenblick inne. Dann ließ er seinen Atem hörbar entweichen und griff eines der Gläser rechts von ihm. Vorsichtig füllte er das Pulver aus dem Mörser hinein und verschloss es sorgfältig, bevor er sich zu David umdrehte.
“Wir müssen das verschieben.” Er streifte den kleineren Mann mit einem prüfenden Blick, bevor er an ihm vorbeiging, den oft gebrauchten Rucksack packte und wieder in die Küche zurückkehrte.
Davids Sinne registrierten den Luftzug, den eigenen, beinahe moschusartigen Geruch, der den Lakota schon immer umgeben hatte, und der ihm bisher nie aufgefallen oder auch nur in sein Bewusstsein gedrungen war.
“Es tut mir leid”, murmelte Alan, während er verschiedene Gegenstände sammelte und einräumte. “Ich habe eine Nachricht bekommen und muss sofort los. Es scheint ein Notfall zu sein, und ich werde wohl nicht so bald zurückkommen.”
Er wandte sich um und blickte David an, sein Blick unergründlich, tiefschwarz wie Pech. „Ich lasse dich ungern allein, wir sollten...” Er seufzte und nahm den Rucksack auf. “Ich weiß auch nicht”, gab er mit einem Mal zu, seine Unverblümtheit unerwartet und entwaffnend.
Spontan, ohne sich seiner Handlung bewusst zu werden, trat David auf ihn zu, berührte ihn kurz am Arm, als wolle er ihm etwas versichern. “Das geht in Ordnung, Alan. Ich... es... es ist nicht so, dass ich reden wollte, das Ganze ist... schwierig.”
“Ja.” Alan nickte. “Es muss einfach warten... Wir werden einfach warten.”
David wollte zustimmen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Erleichterung für den Aufschub wechselte in ein seltsames Unwohlsein, das störende Gefühl, wieder allein gelassen zu werden.
Er riss sich zusammen. Es war einfach lächerlich, wie seine Schwäche ihn mehr und mehr bedrohte, nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele zu übernehmen schien.
Und ehe er sich’s versah, hatte Alan ihn bereits verlassen, war ohne einen weiteren Blick zu ihm, zur Tür hinaus und in der goldenen Abenddämmerung verschwunden.
David wartete noch einen Moment, sah hinaus ins Leere, bevor er die Tür hinter ihm verriegelte und sich in dem Gebäude, das ihm fremd und doch schon vertraut war, das ihm Obdach gewährte, ohne Erwartungen zu stellen, einschloss.
Er lauschte, bis der letzte Ton verklungen war, den er mit dem Rasseln des Motors eines sich entfernenden Wagens in Verbindung bringen konnte.
Danach drehte David sich um und betrachtete seine Optionen. Vor allem sollte er es vermeiden, über Krank nachzudenken. Alan hatte Recht, sie würden sich mit seinem Auftauchen und den Fragen, die es aufwarf, auseinander setzen müssen. Aber gerade jetzt fühlte er sich der Sache nicht gewachsen.
Er würde sich ablenken müssen, seine Gedanken binden. Seufzend fuhr er sich durch das störrische Haar, ließ seinen Blick suchend umherstreifen. Es war nicht so, als gäbe es nicht genügend Dinge, die es sich in diesem Haus zu erforschen lohnte, genügend Rätsel, mit denen er sich würde beschäftigen könnte.
Er dachte an die Fotos, den kurzen Eindruck, den er von Alans Zimmer gewonnen hatte, die Versuchung die Chance zu nützen, das Vertrauen seines Gastgebers zu missbrauchen und es einer umfassenden Untersuchung zu unterziehen. Vielleicht würde er...
“Nein!” Er sprach das Wort laut aus, wiederholte es grollend, wartete, bis er glaubte, den Nachhall zur niedrigen Decke steigen und entweichen zu sehen.
Seine Fingernägel gruben sich in die Handinnenfläche, während er seine Fäuste ballte, seine Kraft, seine Wut zusammennahm, um das aufsteigende Verlangen zu bekämpfen.
Er würde nicht die Kontrolle verlieren, würde nicht das Wenige, das Alan ihm geschenkt hatte, zunichte machen, indem er begann, jeden Winkel zu durchsuchen, schneller und hastiger mit jedem zurückgelegten Meter, fanatisch Türen und Schubladen aufreißen, rücksichtslos durchwühlen, allein von dem Verlangen nach der Droge beseelt, von dem er von vornherein wusste, dass es ungestillt bleiben musste.
Er wusste, dass nicht viel dazu fehlte, wusste, dass der schmale Grad, auf dem er wanderte, eng und brüchig bleiben würde.
Es kam nur darauf an, seinen Schritt zu festigen, seinen Willen abzuhärten, bis es nicht unbedingt leichter, wenn auch gewohnter sein werde, sich innerhalb der ausgefahrenen Gleise fortzubewegen, sich nicht in jeder schiefen Kurve hinauskatapultieren zu lassen in der Hoffnung, dass es kein Zurück mehr gäbe.
Immer wieder blitzte das Bild Kranks in ihm auf, die ausgestreckte Hand, das Versprechen von Erlösung mischte sich mit Erinnerungen längst vergangener Zeiten, während derer ein jüngerer, ein, in seinen Augen geradlinig und sicherer Mann, ihm eben dies und noch viel mehr geboten und dann wieder entzogen hatte.
David schluckte trocken und schloss den Küchenschrank wieder, den er in den vergangenen Tagen mehr als einmal gemustert hatte.
Weder in der Küche, noch unter den Vorräten gab es einen Tropfen Alkohol und seine Kehle lechzte danach, ebenso wie seine Seele sich wenigstens dieses Gift herbeisehnte, sich jede Hilfe herbeisehnte, die existierte.
Wasser half nicht weiter, es benetzte seinen ausgedörrten Rachen, jedoch löschte es nicht das unstillbare Brennen in ihm.
Stöhnend rieb er sich die Stirn und blickte einmal mehr die Treppe hinauf.
Was sollte er tun, welche Aufgabe würde ihn genug ablenken, um die kommenden Stunden überstehen zu können?
Und möglicherweise hätte Alan auch gar nichts dagegen, würde er sich ein wenig vertraut machen mit... seiner Situation.
David zögerte, griff aber dennoch widerstrebend das Geländer. Es konnte nicht schaden. Seine Wissbegierde hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet, unsinnig sich ausgerechnet jetzt an unklare Moralvorstellungen zu klammern, die in dieser Umgebung unter Umständen ganz anders aufgefasst werden würden.
Zu lange schon hatte er seine gewohnte Vorsicht außer Acht gelassen, es vermieden sich seiner Position zu versichern, seinen Fluchtweg vorzubereiten.
Er zuckte zusammen. Ein Geräusch durchdrang die Wände, ein Fahrzeug näherte sich, durchbrach die ungewohnte Stille.
David fuhr herum, Schweiß brach aus.
Das war nicht Alans Wagen, das war ein brandneues, geräumiges Gefährt... ein Gefährt, das auf den unebenen Landstraßen dieser Gegend ungewohnt und fremdartig wirken dürfte.
Er kannte das Geräusch, das diese Autos machten, kannte es, und hatte gehofft, es nie wieder hören zu müssen.
David stolperte in seiner Hast. Er hatte nur eine Chance, die Treppe hinauf und durch eines der Seitenfenster zu fliehen. Wieso nur war er unvorsichtig gewesen, trotz der jahrelangen Ausbildung, die ihm gewährt worden war, wie hatte er auch nur einen Moment denken können, dass sich etwas ändern würde.
Ein Krachen, zersplitterndes Holz - die Tür flog gewaltsam auf. Bevor David wieder hochkommen konnte, packten ihn starke Arme, zerrten ihn grob rückwärts. Er stöhnte, als sich seine Schulter verrenkte, als er herumgewirbelt und zu Boden geworfen wurde.
Ein Knie bohrte sich in seinen Rücken und er keuchte vor Schmerz auf. Sie mussten bereits vor der Tür gelauert haben, noch bevor er den Wagen gehört hatte, waren eingedrungen, und er hatte es nicht kommen sehen, nichts davon geahnt, nicht im Entferntesten mit der Möglichkeit gerechnet.
Er ließ seinen Kopf auf die harten Dielen sinken. Eigentlich konnte es ihm egal sein, was sie wollten, wer sie waren.
Es gab nichts, das sie ihm antun konnten, dass er nicht schon durchgemacht hatte, wieder und wieder. Und so war es keine Furcht, die er als letztes fühlte, bevor ihm ein gezielter Schlag die Besinnung raubte, sondern nichts als Verzweiflung untermalt von dem Wissen, dass sich lediglich das erfüllte, von dem er gewusst hatte, dass es passieren würde, von dem er wusste, dass er es verdiente.
*
Die Fahrt durch die Nacht verlief ohne Unterbrechung. David kam kurz zu sich, nur um zu bemerken, dass er mit Handschellen gefesselt auf dem Rücksitz eines klimatisierten Wagens lag.
Er versuchte sich aufzurichten, doch ein Stoß in die Seite belehrte ihn eines Besseren, und ein gnädiges Schicksal ließ ihn erneut das Bewusstsein verlieren. Schließlich, es konnten zwei oder mehr Stunden vergangen sein, die Nacht war mittlerweile hereingebrochen, hatte die Fahrt in eine Reise durch das Nirgendwo verwandelt, quietschten die Bremsen schrill, kam das Auto mit einem Ruck zum Stehen.
Widerstandslos ließ David sich hochziehen, und stand schließlich auf wackeligen Beinen in der Dunkelheit.
Die Gegend schien ebenso abgelegen, wie die zuvor Verlassene, keine Straßenlichter erhellten den Weg. Ein finsteres Gebäude vor ihnen ragte schweigend und drohend in die Höhe.
Stumme Gestalten schoben ihn darauf zu, offensichtlich ebenso wenig in der Stimmung für ein Gespräch, wie er es war. Der vertraute Laut einer einrastenden Chipkarte, das gleißende Aufblitzen eines Augenscanners, das dumpfe Quietschen der wandernden Außenkamera, die Bilder der Eindringlinge einfing und weitersandte.
Endlich öffnete sich das Tor automatisch. Elektrisches Licht flammte grell auf, nachdem die Pforte sich erstaunlich unhörbar wieder geschlossen hatte.
Ein langer Gang tat sich vor ihnen auf. Leuchtröhren wiesen die Richtung.
David fiel in den raschen Tritt der Männer ein, die ihn führten. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie mit unbeweglichem Gesichtsausdruck auf ihr Ziel zueilten.
Beinahe konnte man denken, sie würden ihn nicht beachten, wäre nicht hin und wieder ein Stoß in seinen Rücken ein Beweis des Gegenteiles.
Und so bemühte er sich, mit dem Tempo mitzuhalten, obwohl die an den Tag gelegte Hast seine Eingeweide kribbeln ließ, seinen Widerstand herausforderte.
Das Ziel war ein fensterloser Raum, eine Kopie tausender anderer fensterloser Verhörräume mit einem einzigen Unterschied, der darin bestand, auf welcher Seite des Tisches er sich befand, gegen den David beim Eintritt gestoßen wurde, dessen Kanten sich schmerzhaft in seine Hüftknochen rammten, bevor er auf den harten Stuhl hinunter gedrückt wurde.
Die Türen schlossen sich wieder, als Gesellschaft zurück blieb nur der blanke Spiegel ihm gegenüber.
David starrte hinein, sein Blick durchdrang die Reflektion seiner Selbst, ignorierte den zusammengefallenen Körper, die fahle Gesichtsfarbe, gegen welche die Platzwunde über dem rechten Auge scharf hervorstach, bohrte sich in die dunklen Pupillen, umrahmt von der blauen Iris, bevor er erstarb.
Die langen Wimpern senkten sich, schlossen die Außenwelt aus.
Viel Zeit wurde ihm nicht gelassen, noch bevor er sich vollständig in sich zurückziehen konnte, näherten sich eilige Schritte.
David zeigte keine Reaktion, blieb zusammengesunken sitzen, während Stiefel auf den Boden hämmerten, an Wänden und Ecken stoppten, die Tür sicherten, während Stühle rückten, Männer Platz nahmen. Er rührte sich nicht, als Akten auf dem Tisch landeten, geräuschvoll aufgeschlagen und durchblättert wurden.
“David Mann! Du fragst dich wahrscheinlich, warum wir dich hierher gebracht haben.”
Keine Antwort.
Ein ärgerliches Schnalzen mit der Zunge. “Du kannst dich weigern zu kooperieren, aber würdest dadurch das Unvermeidliche nur hinauszögern.” Ungeduld klang in den Worten mit.
“Ich habe eine sehr gute Vorstellung von euren Absichten. Und sie kümmern mich keineswegs.”
Leise, fast tonlos die Erwiderung.
“Nun... das wird sich ändern. Sieh mich an, David!”
Der Angesprochene rührte sich nicht.
“Sieh mich an... jetzt!”
Die Forderung wurde lauter, aber immer noch mit keiner Reaktion belohnt.
Auf ein Nicken des Mannes hin, trat einer der Wachen hinter David hervor und riss seinen Kopf mit einem Griff in sein Haar rückwärts. Davids Augen flogen auf und er unterdrückte einen Schmerzenslaut, als er den Mann, der ihm gegenüber saß, zum ersten Mal musterte. Er war groß, breit, untersetzt, gekleidet in elegantes Schwarz.
“Was willst du, Carl”, presste David mit zusammengebissenen Zähnen hervor. “Ich habe hiermit nichts mehr zu schaffen.”
“Da irrst du dich, David, und das weißt du auch sehr gut.”
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du redest.”
Jemand, der vor nur wenigen Stunden einen flüchtigen Verbrecher ermordet hat, dürfte eine ganze Menge mit uns zu tun haben.”
Er beugte sich vor. “Wir stehen auf derselben Seite, vergiss das nicht!”
Davids kalter Blick traf den anderen.
“Du willst mich verhören, verurteilen, einsperren, bestrafen...? Tu dir keinen Zwang an! Wenn du meinst, ich hätte ein Verbrechen begangen, dann handle dementsprechend. Es ist nicht so, als würde mich das überraschen.”
Carl Dixon lehnte sich zurück. “Das ist nicht ganz meine Absicht.”
Er musterte David eingehend, bevor er fortfuhr. “Krank war Abschaum. Er hat uns noch den kleinen Gefallen getan, dich aufzuspüren, aber es wäre unrealistisch anzunehmen, dass er uns noch von irgendeinem Nutzen hätte sein können. Nichtsdestotrotz...”
Er schwieg nachdenklich. “Nichtsdestotrotz haben wir ein Problem... und das nicht nur wegen Krank...”
“Ihr Jungs habt doch immer ein Problem, das geht mich nichts an.”
“Du hast durchaus damit zu tun, David. Um es kurz zu machen, wir brauchen dich. Du sollst für uns arbeiten.”
David stöhnte auf. “Vergiss es, Carl!”
“Das kann ich leider nicht. Du bist der Richtige für den Job, um nicht zu sagen - der Einzige.”
Die Kälte war aus Davids Augen gewichen, hatte heißem Zorn den Vortritt gelassen. “Ich arbeite nicht mehr für den verdammten Geheimdienst, schon gar nicht für deinen Verein. Das ist vorbei.”
“Aber genau das ist es ja, was dich qualifiziert, zumindest zu einem bedeutenden Teil. Es passt alles perfekt.”
“Du kannst mich nicht zwingen, Carl. Ich bin fertig.”
“Ich weiß.” Carl schloss den geöffneten Ordner, verbarg die eng bedruckten Seiten vor weiteren Blicken. “Wir brauchen jemanden, der schnell und effizient arbeitet, der praktisch Unmögliches bewerkstelligen kann.
“Was, zum Teufel, verstehst du denn nicht? Ich habe ‘ nein ‘ gesagt.”
Carl hob die Augenbrauen, verzog den schmalen Mund missbilligend.
“Ich hatte wirklich gehofft, du würdest kooperativer sein, David. Wir haben Mittel und Wege...”
“Als ob ich das nicht wüsste”, grollte David, seine Hände nervös in den Handschellen bewegend, bis die Haut begann aufzuscheuern.
“Natürlich weißt du das. Und du weißt ebenfalls, dass wir keine leeren Drohungen aussprechen.”
Davids Gesichtszüge gefroren, glichen einer bleichen Maske, als er antwortete.
“Ihr könnt mir nicht drohen! Es gibt nichts, das ihr...” Er verstummte.
“Lass mich dir zuerst schildern, worum es geht.”
Carl strich sich mit der rechten Hand über die grauen Schläfen.
“Du erinnerst dich vielleicht daran, als wir das letzte Mal zusammen gearbeitet hatten, und ich plötzlich abberufen wurde.”
Verachtung blitzte in Davids Augen. “Ich erinnere mich. Ihr habt euch dünn gemacht, als es schwierig wurde, und meine Leute und mich auf uns allein gestellt zurückgelassen. Verantwortung zu leugnen war schon immer eine Stärke der CIA.”
“Das sind alte Geschichten, David. Zudem gab es keine andere Möglichkeit. Du weißt besser als jeder andere, dass Opfer gebracht werden müssen, damit die Nation ihr Gesicht wahren kann.”
“Pech für euch, dass ein paar von uns überlebt haben.”
Carl schlug mit der Faust auf den Tisch, sein Gesicht eine wütende Grimasse. “Schluss damit, verdammt. Das waren Unfälle, nicht mehr und nicht weniger... unglückliche Zufälle, die...” Er atmete keuchend aus, mühsam um Beherrschung ringend.“Die Sache ist abgeschlossen. Es geht hier um etwas anderes, um etwas wirklich Wichtiges.”
“Tatsächlich?”
“Ja, verdammt, und es fing damals an, damals wurden wir zum ersten Mal auf die Fährte der Mistkerle gesetzt. Es tut mir leid, dass wir euch im Stich gelassen haben, niemand konnte ahnen, dass es zu derartigen Verlusten kommen würde. Wir wurden irregeführt... es...”
Er riss sich zusammen. “Der Punkt ist, dass wir einer gefährlichen Organisation endlich, nach vielen Jahren, knapp auf den Fersen sind, die ihren Hauptsitz allem Anschein nach in den abgelegenen Teil Süd Dakotas verlegt hat. Wir schließen nicht aus, dass sie über der Grenze nach Montana ebenfalls Niederlassungen besitzen. Die Gegend ist weitläufig genug, und für einen Außenstehenden ist es praktisch unmöglich, auch nur einen Hinweis zu erhaschen.”
“Es wird immer Terrorismus geben, solange Menschen die Erde bevölkern werden. Das war nie anders... ich sehe nicht, was du ausgerechnet von mir willst.”
Carl lief rot an. “Also gut... die Kurzfassung. Verschleiert wird das Ganze von einer Sekte, die zunehmend an Einfluss gewinnt, und das nicht nur in den Staaten. Wir vermuten...”
Er verstummte, die Augen fest auf David gerichtet, dessen Haltung nichts als Abscheu ausdrückte.
Carl begann nervös mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte zu trommeln.
“Uns läuft die Zeit weg, David. Wir wissen, dass sie etwas planen, etwas Größeres, aber bis jetzt ist es noch keinem unserer Leute gelungen, die Organisation zu infiltrieren. Sogar in die Sekte hinein zu kommen, ist ausgesprochen schwierig. Sie operiert im Geheimen, lockt die Bevölkerung mit radikalen Floskeln und Forderungen, doch wenn man versucht, sich ihr zu nähern, verschwindet sie wie Nebel in der Sonne.
Die Hintermänner sind in einem weltweiten Netzwerk organisiert, verbunden durch geschäftliche Transaktionen. Niemand konnte bis jetzt herausfinden, in welche Richtung die Geldströme fließen und welches Ziel sie eigentlich verfolgen.”
David wand sich erneut in seinen Fesseln, verweigerte allerdings wieder eine Antwort. Seine Augen verfolgten die Bewegungen von Carls Händen, als könnten sie ihm mehr verraten als seine Worte.
Hörbar atmete der Größere aus, bevor er weitersprach. “Sie scheinen besser informiert zu sein als wir, wir können nicht ausschließen, dass sie in der NSA, beim FBI, möglicherweise sogar bei uns, Kontaktmänner unterhalten. Die Fäden reichen weit.”
Endlich entschied sich David zu sprechen. “Du kannst dir deinen Atem sparen, ich will es nicht wissen, und ich werde meine Meinung nicht ändern.”
Mit einem Stoßseufzer strich sich der Agent über die Stirn. “Du warst schon immer verdammt bockig.”
Er wartete einen Moment, bevor er den Papierstapel zu seiner Linken kontrollierte, und eine mittelschwere Akte von unten hervorzog. “Ich werde dir sagen, warum du in diese Rolle passt, und warum wir dich ausgewählt haben.”
Davids Stimme bebte vor verhaltener Wut. “Was soll ich noch sagen, Carl... ich weigere mich. Du hast keine Möglichkeit...”
Mit Schwung schlug Carl den Ordner auf, blätterte eine Weile darin herum, bevor er ein paar Bilder heraussuchte und sie vor David ausbreitete. Dieser drehte seinen Kopf beiseite, unwillig das Spiel mitzuspielen, doch die immer noch hinter ihm stehende Wache zwang ihn grob zurück.
“Das ist die Familie des Schamanen, der dich aufgenommen hat. Wie du siehst, geht es ihnen gut. Noch!”
Er machte eine Pause, ließ David genug Zeit die Gestalten auf den Bildern, die offensichtlich mit modernsten Weitwinkelkameras von verschiedenen Standpunkten aus, aufgenommen worden waren, mit den Figuren auf den Fotos in Alans Haus in Verbindung zu bringen.
“Natürlich kann sich so etwas schnell ändern... aus den verschiedensten Gründen, wie du sehr wohl weißt.”
“Du Mistkerl”, zischte David hasserfüllt. “Du wirst es nicht wagen...”
Carl lehnte sich zurück.
“Versteh mich nicht falsch, David. Du weißt, dass wir nie...”
Er verzog seine Lippen zu einem falschen Lächeln. “Aber Unfälle passieren nun mal, und es sind eben Indianer...”
Er ließ die Worte einsinken.
“Das Leben im Reservat ist hart, die Kinder haben Glück, wenn sie überhaupt erwachsen werden, wenn sie das Teenager Alter erreichen, ohne bereits Alkoholiker oder drogenabhängig zu sein.”
Eine erneute Pause unterbrach die harten Laute. “Die Kriminalität ist hoch, sogar ohne, dass wir uns einmischen. Die Ablehnung gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern stark genug, um immer wieder Gewalt zu provozieren.”
Er schüttelte den Kopf. “Was glaubst du, warum eine auf Fundamentalismus basierende Sekte so wenig Probleme hat, ausgerechnet hier Unterstützung zu finden. Überall wo der Rechtsextremismus blüht, und mit finanziellem Gewinn einhergeht, kannst du davon ausgehen, dass diese Leute ihre Finger im Spiel haben. Europa, Südamerika... die westliche Welt insgesamt...”
Er lachte höhnisch. “Das Wunder der Globalisierung. Wir haben keine Chance gegen sie.”
“Kommt nicht so oft vor, dass der Geheimdienst versucht, sich solchen Kräften entgegenzustellen”, warf David plötzlich ein. “Ich dachte, ihr seid immer noch hauptsächlich damit beschäftigt, den drohenden Sozialismus auszumerzen. Jede andere politische Gesinnung kurbelt doch viel zu wunderbar die Wirtschaft an, als dass kleine Entgleisungen wie Mord und Krieg nicht in Kauf zu nehmen wären.”
Carl ignorierte ihn. “In diesem Fall haben wir keine Wahl. Es gibt keinen Zweifel, dass bereits massiv an den Grundpfeilern unseres Systems gerüttelt wird. Die permanent hochgepuschte Terrorbedrohung islamistischen Ursprungs ist das perfekte Ablenkungsmanöver für diese Leute, wenn nicht sogar einer der Gründe für den Zustrom, den sie genießen. In Krisenzeiten sucht der Mensch sich nun mal gerne Extreme.”
“Nicht nur in Krisenzeiten”, flüsterte David und starrte ihn herausfordernd an. “Ich sehe immer noch nicht, warum du mich einweihst. Und schon gar nicht, was Alans Familie mit dem Ganzen zu schaffen hat.“
“Sieh mal, David.” Carl beugte sich vor.
“Deinem Medizinmann sind Mitglieder der Familie von Weißen ermordet worden. Wie denkst du, wird er sich fühlen, wenn er noch mehr Verluste zu ertragen hat, insbesondere, wenn ihn jemand darauf hinweist, dass ein gewisser Fremder, den er von der Straße aufgelesen hat, direkt dafür verantwortlich ist.”
“Ich wusste schon immer, dass du ein Schwein bist.” Flammen schossen aus Davids Augen.
“Und nach all den vielen Verbrechen, die auf meinem Gewissen lasten, und die du mit Sicherheit in deinen Papieren fein säuberlich verzeichnet hast... wie kommst du darauf anzunehmen, dass mich das Schicksal dieser Menschen kümmern würde. Ich bin ein anderer geworden. Ihr habt mich zu einem anderen gemacht.”
“Ich glaube nicht, dass du dich so grundlegend geändert hast, David.” Carl schob die Fotos näher an sein Gegenüber heran, bis sie beinahe von der Tischkante stürzten.
Lachende Kinder mit dunklen Zöpfen oder breiten Bändern wurden von strahlenden jungen Eltern aufgefangen, liefen Hand in Hand, um die Wunder einer Großstadt zu bestaunen. Mehr Fotos verdeckten die bereits Bekannten, dieselben Kinder auf den staubigen Straßen des Reservates, mit Steinen und Stöcken spielend, vor dem brüchigen Schulhaus, das eher einer verfallenen Hütte mit Löchern in der Decke glich, vor dem Polizeirevier, mit großen Augen ihren Eltern nachsehend, die mit gebundenen Händen abgeführt wurden.
“Es kann viel passieren, David. Und niemanden wird es kümmern.”
• * * *
David stöhnte. “Was willst du, verdammter Hundesohn. Was du mir erzählst ergibt absolut keinen Sinn.”
“Das wird es noch, David. Keine Sorge. Du wirst es verstehen.”
Carl winkte einer der Wachen, die die Bilder unter seinem kritischen Blick wieder einsammelte.
“Du hast bereits einen Fuß in der Tür.”
“Was soll das heißen, verdammt noch mal?”
Der Größere presste spöttisch die Lippen zusammen.
“Du wohnst bei dem Schamanen der Gegend, glaub ja nicht, dass das geheim bleiben wird. Ein Weißer, der das Vertrauen der Einwohner genießt.”
“Wie kommst du darauf, dass er mir vertraut, dass er mich nicht herauswerfen wird?”
Carl schnalzte mit der Zunge.
“Er hat dich aufgenommen und fühlt sich verantwortlich. Er wird dich nicht auf die Straße setzen. Die sind nicht so. Angst um ihr Eigentum kennen die nicht, sofern sie so etwas überhaupt haben.”
Er grinste. “Liegt nicht in ihrer Natur, vermutlich werden sie es auch nicht mehr lernen. Und schon gar nicht dein Freund, der offensichtlich ein Faible für Bleichgesichter hat.”
“Was für einen Scheiß erzählst du da?”
Carls Grinsen breitete sich aus und er griff nach einer weiteren Akte.
“Dein Süßer hat sich einen Bullen aus dem Mittelwesten organisiert.”
Er schlug den Ordner auf und ergriff die Kopie einer Dienstakte. Noch bevor er sie vor David niedergelegt hatte, erkannte dieser die vertrauten Züge des blonden Mannes auf dem Bild in seinem Zimmer.
“Der Typ hat sich sogar bei der Reservats-Polizei versucht. Hat eine Weile richtiggehend Stimmung gemacht.”
Carl ergriff einen weiteren Bogen und studierte ihn.
“Einer dieser Unruhestifter, ständig herumgenörgelt von wegen Gleichberechtigung, Indianerrechten und so weiter. Nun ja... dann hat es aufgehört...”
Schnell legte er die Papiere wieder beiseite, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, starrte David an.
“Also, du hast bereits einen Stein bei den Leuten im Brett, ein Vorteil, den sich ‘ Das Schwert ‘ nicht entgehen lassen wird.”
“Das Schwert?”
Carl nickte. “Das Schwert des Göttlichen. So nennen sie sich. Christlicher Fundamentalismus übelster Sorte. Gepaart mit dem tiefen Glauben an die Überlegenheit der weißen Rasse. Die würden am liebsten die Sklaverei wieder einführen und die Indianer ein für alle mal loswerden.”
David schüttelte den Kopf. “Ich verstehe immer noch nicht.”
“Nun, mein Freund...” Carl zögerte. “Dein Background ermöglichte uns Vieles, Vieles, das wir bereits in Umlauf gebracht haben, und das diesen Leuten, sofern sie die Verbindungen haben, die wir ihnen zusprechen, unmöglich entgehen kann.”
Er wartete einen Moment, glättete die Akten, bis sie einen gerade aufstrebenden, gleichmäßigen Turm bildeten, musterte sie noch einmal abschätzend, bevor er fortfuhr.
“Du hast das Wissen und die Erfahrung, die unermesslich wertvoll sind, in Bezug auf die Absichten, die wir vermuten. Zudem bist du ausgebrannt... enttäuscht von dem System... letztlich würde es jeder verstehen, wenn du dich von deinem bisherigen Leben abwenden würdest, dich neu orientieren.”
Carl lachte kurz auf. “Nun, es gibt ja auch keinen Zweifel, dass du das auch getan hast.” Er kratzte sich an der Schläfe. “Das Einzige, das du tun müsstest, wäre deutlich zu machen, dass dir diese Indianergesellschaft zuwider ist, aber dass du bereit wärest, der Nagel im Fleisch des Gegners zu bleiben, bis der abartige Traum von der Unfehlbarkeit der Herrenrasse verwirklicht worden ist.”
“Das ist ekelhaft, Carl.”
“Und nichts würde mehr Sinn ergeben. Windrunner hat dich in deiner schlimmsten Verfassung gesehen. Dass du ihn verabscheust, dürfte nur menschlich sein.”
“Ich kann das nicht, es ist krank!”
“Denk an unsere Möglichkeiten!” Carl lehnte sich vorwärts.
“Und denk daran, was dein Freund getan hat. Er hat eine Leiche verschwinden lassen, ein Verbrechen vertuscht. Allein dafür können wir ihn bis an sein Lebensende in den Knast bringen, und wenn wir wollen, Schlimmeres. Denn wer sagt, dass nicht er es war, der Krank getötet hat, dass der Krieger in ihm erwacht ist und Rache für Vergangenes gefordert hat...”
“Du bist verrückt, Carl!” David brauste auf. “Ich würde nie zulassen, dass...”
Doch Dixon lachte nur. “Mein Gott, David. Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass du dabei ein Wort mitzureden hättest.”
Er wandte sich zu den Wachen um. “Ich denke, ich habe dich jetzt lange genug mit Samthandschuhen angefasst. Wir werden dir jetzt etwas Zeit lassen, um deine Situation zu überdenken. Danach komme ich wieder und erwarte deine Entscheidung, von der du sehr genau weißt, dass es nur eine geben kann.”
Damit stand er auf, verließ den Raum ohne sich noch einmal umzusehen. Die Wachen blieben schweigend, unbeweglich, leblose, gedankenlose Maschinen, schweigende Beobachter.
*
Alan war erschöpft und das nicht nur, weil der Notfall sich schließlich als ein schlechter Scherz entpuppt hatte.
Es war vergebliche Liebesmüh gewesen, den Andeutungen zu folgen, und bis er die Reihe von Missverständnissen aufgeklärt hatte, waren Stunden vergangen. Zu allem Überfluss begann nun sein Wagen verrückt zu spielen, gerade als er sich mitten im Nirgendwo befand.
Und einmal mehr fragte er sich, was es mit diesem seltsamen Hilferuf auf sich hatte, der über mehrere Kontakte, verquere Andeutungen und Hinweise seinen Weg bis zu ihm gemacht hatte.
Nicht, dass es selten war, dass er zu jemandem gerufen wurde, der unerkannt bleiben wollte. Es tauchten immer wieder angeblich verschwundene Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung auf, die sich nicht nur vor dem Griff der Behörden in Acht nehmen mussten, sondern sich auch den Weg zu einem Doktor oder in ein Krankenhaus nicht leisten konnten.
Und einmal mehr verfluchte Alan die Armut der Gegend, die Vielen das Nötigste verwehrte, die weder Telefonanschluss, noch ärztliche Versorgung, wie er sie vor vielen Jahren in den Großstädten kennen gelernt hatte, auch nur in Erwägung zu ziehen erlaubten.
Und als das Auto stockte, hustete und schließlich den Kampf aufgab, schlug er wütend mit der Faust gegen das Steuerrad und fluchte in seiner Muttersprache, wie er bereits seit Jahren nicht mehr geflucht hatte.
Endlich stieg er aus und öffnete Kofferraum und Motorhaube. Zu seiner Erleichterung entdeckte er eine Taschenlampe, die noch funktionierte.
Nach einer kurzen Untersuchung hatte er des Rätsels Lösung gefunden. Der Tank war leer, obwohl er sicher war, ihn erst kürzlich aufgefüllt zu haben. Die Reifen enthielten kaum noch Luft, und zu allem Überfluss fing auch der Kühler an, bedenkliche Wolken an heißem Dampf auszustoßen.
Ein penetranter Geruch nach ausgelaufenem Benzin stieg ihm in die Nase.
Ärgerlich trat er gegen den platten Reifen, doch hielt schließlich inne, um die letzten Minuten bei den Warricks zu rekapitulieren.
Sie hatten sich auffallend verhalten, beinahe als hätte sie jemand eingeschüchtert. Das allein wäre allerdings nichts Neues. Einschüchterungsversuche und Drohungen gehörten zum täglichen Leben.
Auch die schuldbewussten Augen Heranwachsender, die hinter regenfeuchten Schuppen hervor lugten, waren nichts Ungewohntes. Kinder noch, und doch schon beinahe Erwachsene, die ohne reelle Zukunftsaussichten gezwungen waren, jede Chance zu ergreifen, die sich ihnen bot.
Doch welchen Grund konnten sie dafür haben, seinen Wagen zu manipulieren? Warum sollten sie auf solch eine Idee kommen? Jeder hier kannte ihn, schätzte ihn, wusste, wie wichtig es sein konnte, dass er in der Lage war, sich auf dem Gelände frei zu bewegen.
Alan vermochte sich nichts vorzustellen, das auch nur im Entferntesten einen Sinn ergäbe. Seufzend sah er sich um, schätzte die Entfernungen ab, zerrte schließlich einen Kanister aus dem Chaos aus Decken, Werkzeugen und Instrumenten, das den Kofferraum füllte, bevor er sich auf den langen Weg zum nächsten Haus machte.
*
“Danke, Jonas! Ich schulde dir was!”
Der stämmige, bronzehäutige Mann mit den ausgeprägten Armmuskeln, die unter den hochgerollten Ärmeln des grauen T-Shirts unübersehbar arbeiteten, als er den Abschlepp-Wagen wendete, trommelte mit der flachen Hand noch einmal gegen das Außenblech, bevor er sie lässig zum Abschiedsgruß erhob. „Ich bring dir die Schüssel morgen vorbei, ist keine Sache!”
Alan nickte und blickte dem schmutzverkrusteten Gefährt hinterher, bevor er sich zum Haus umdrehte. Seine Gedanken waren abgelenkt genug, und erst jetzt, beim Näherkommen, bemerkte er die Spuren des gewaltsamen Eindringens.
“Was zum...”Automatisch griff er hinter sich, löste den Verschluss der ledernen Messerscheide und zog die einzige Waffe, die er bei sich trug mit einem entschlossenen Ruck heraus.
Lautlos trat er näher, wachsam, gespannt bis zum Äußersten.
Kein Geräusch verriet eine Anwesenheit, kein Luftzug deutete auf ein Lebewesen. Nur das Stampfen und Schnauben der Pferde im Stall, die offenbar spürten, dass sich nun doch noch jemand um sie kümmern würde, durchdrang die Stille, bewies Alan, dass etwas Unerwartetes geschehen war.
Vorsichtig stieß er gegen die angelehnte Eingangstür, deren Überreste mit einem hässlichen Knarzen aufschwangen. Wieder lauschte der Schamane, verharrte bewegungslos, bis er sich seiner Sache sicher war. Flink huschte er dann ins Haus, nicht ohne sofort Deckung zu suchen.
Was er zuvor geahnt hatte, bestätigte sich, keine Reaktion deutete auf einen oder mehrere Eindringlinge. Nachdem er von seiner geschützten Position zwischen Tür und Schrank die Lage eingeschätzt hatte, begann er seine Umgebung genauer nach Spuren des Geschehenen abzusuchen.
Hinweise auf einen Kampf, Blutstropfen auf dem Boden, Abschürfungen am Fuße der Treppe.
Alans Innerstes erstarrte zu Eis, als die dunkle Ahnung zur Gewissheit wurde.
Er biss die Zähne zusammen und drängte die Vorstellungen, die ihn zu überwältigen drohten, zurück.
David,... nein Tim..., wie er aus dem Haus gezerrt wurde, wie Männer mit dunklen Uniformen und Schlagstöcken über ihn herfielen, ihn erbarmungslos zusammenschlugen, bis nur noch der blutige Rest eines Menschen im Staub zu erkennen war. Tim, dessen Leib von Kugeln zerfetzt, der von einer wütenden Meute zerrissen wurde.
Bilder, die ihn stets begleiteten, die ihn nie allein ließen, beinahe, als würde er sich wünschen, sein Freund hätte ein Ende wie dieses gefunden. Und doch kroch gleichzeitig bei diesem Gedanken die Übelkeit in ihm empor, kalt und glitschig, verursachte ein Würgen in seiner Kehle, Krämpfe in seinen Eingeweiden, den Wunsch seinen eigenen Tod ins Auge sehen zu dürfen.
Er schluckte ihn hinunter, verbannte jede Erinnerung, jedes Bild Tims aus seinem Geist, und schritt den Raum langsam ab, das Messer immer noch bereit, obwohl er sich sicher war, niemanden hier vorzufinden.
Auch nicht David. Irgendetwas war geschehen, und David war der Grund dafür.
Es waren mit Sicherheit mehrere Männer, wahrscheinlich bewaffnet, denn auch wenn David körperliche Schwäche zeigte, Alan war sich sicher, dass er einem gewöhnlichen Angriff gewachsen gewesen wäre.
Sie mussten in der Überzahl gewesen sein, einen klaren Plan vor Augen gehabt haben.
Alan bückte sich, betrachtete die Stelle, an der David bewusstlos geworden war, fühlte, dass der Andere hier und nirgendwo anders seinen Kampf aufgegeben hatte.
Er ergriff das Geländer, schloss die Augen und spürte das Nachschwingen des Überfalls, das Eindringen von roher Gewalt in dieses Heim. Langsam atmete er aus, und begann schließlich mechanisch das Innere des Hauses abzugehen, auch wenn es unnötig sein sollte, jede Form der Gefahr auszuschließen, jedem Hinweis Beachtung zu schenken.
Er schritt über den Hof, kniete neben den Reifenspuren, umrundete die Stallungen, versorgte die Tiere. Und als all dies geschehen war, holte er Werkzeug und reparierte geduldig die Tür. David würde zurückkommen. Dessen war er sich sicher.
• * * *
•
David taumelte vor Erschöpfung.
Er war in einiger Entfernung abgesetzt worden.
Seine Beine fühlten sich schwer wie Blei an, seine Hände zitterten. Dann endlich kam das vertraute Gebäude in sein Blickfeld. Endlich vermochten seine müden Glieder mit neuem Antrieb an Tempo zu gewinnen. Endlich sah er, wovon er nicht geahnt hatte, dass er es vermissen würde.
Die schlanke Gestalt legte eine Hand über die Augen, schirmte den Blick gegen die letzten, Strahlen der untergehenden Sonne ab, bevor sie sich aus ihrer gekauerten Haltung im Türrahmen erhob, gerade stehen blieb, ihn stumm erwartete.
Ein paar Schritte noch, flehte David innerlich, bekämpfte mit letzter Kraft das Bedürfnis niederzusinken, nur für einen kurzen Moment Ruhe zu finden.
Als könnte er es ebenfalls spüren, ließ Alan Hammer und Lineal fallen, und durchquerte den Abstand zwischen ihnen in großen Schritten.
Gerade rechtzeitig, um David vor dem Sturz zu bewahren, fasste er ihn unter den Armen, und half ihm über den Hof, hinein in das Haus.
“Werden Sie wiederkommen?”, fragte er, als David gierig das Wasser, das er ihm reichte, heruntergestürzt hatte.
“Nein.” David schüttelte den Kopf, verzog den linken Mundwinkel spöttisch.
“Die haben ihren Punkt klar gemacht.”
Der Lakota wartete noch einen Augenblick, doch als es offensichtlich wurde, dass David nicht mehr sagen würde, deutete er auf die Wunde an seiner Stirn.
“Ich werde das saubermachen. Bist du noch irgendwo anders verletzt?”
David schüttelte den Kopf, stöhnte jedoch auf, die Bewegung sofort bereuend. “Warum tust du das?”
“Was meinst du?”
Davids klare Augen suchten Alans und er winkte beiläufig mit der Hand. “Das hier. All die Mühe... all die Arbeit... warum?”
Alan schwieg. Schließlich wand er seinen Blick ab, richtete ihn auf die halb reparierte Tür. “So muss es sein. Ich habe keine Wahl.”
David stützte den schwer gewordenen Kopf auf seinen Arm. “Ich verstehe das nicht”, murmelte er. “Du solltest nicht...” Seine Stimme wurde leiser, und als Alan begann seine Stirn zu reinigen und zu verbinden, spürte er bereits nichts mehr davon.
“Ist schon in Ordnung, David”, antwortete er letztendlich. “Es ist unsere Bestimmung.”
*
Schließlich hatte er geredet, hatte seine Geschichte erzählt, und Alan musste zugeben, dass sie Sinn ergab, auf die ihr eigene, merkwürdig traurige Weise.
Trotzdem konnte er sich der Ahnung nicht erwehren, dass mehr dahinter steckte, als David ihm offenbarte, dass er ihn, wenn er seinen Sinnen trauen konnte, sogar nach Strich und Faden belog. Alans Menschenkenntnis täuschte ihn selten, und obwohl David gut darin war, sich zu verstellen, sehr gut sogar, gefährlich gut, fiel es ihm schwer, seinen Worten Glauben zu schenken.
Er konnte den Zweifel an keinem Hinweis festmachen, auf keine klare Schlussfolgerung begründen, an keinen Gedanken binden. Und dennoch schrillten all seine Alarmglocken.
Alan warf eine Handvoll Salbei auf die Räucherkohlen, beobachtete die Formen und Gestalten, die aus dem Rauch emporstiegen, unmissverständliche Botschaften bildeten.
Leise summte er eine eintönige Melodie, wiegte sich im Rhythmus und konzentrierte sich auf Untertöne, auf die Dinge, die er nicht mit seinen Augen erkennen konnte.
Ein Drogendealer, so wie er sie kannte, würde sich kaum diese Mühe machen, würde kaum in einem derart exklusiven Wagen vorfahren, sicher nicht in demjenigen, dessen Spuren er im Hof gesehen hatte, einem Modell, das förmlich nach Regierungswagen schrie.
Auch die Fußspuren, die Anzahl von ausgerüsteten Männern verwirrten ihn, wären mit Sicherheit nicht nötig gewesen, um einen Abhängigen wie David zu überwältigen.
Und doch... Der Blonde leugnete nicht, dass mehr dahinter steckte, er beschränkte sich lediglich darauf, das Nötigste zu erzählen.
Alan war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, und doch sträubte sich etwas in ihm mit aller Kraft dagegen, zu sehr ins Detail zu gehen, den Versuch zu unternehmen, David direkt auszuhorchen.
Ein Teil von ihm wusste, dass es keinen Sinn haben würde, dass dies ein Mann war, der nicht mehr preisgeben würde, als er für unbedingt notwendig erachtete.
Ein Mann, der es gewohnt war, zu lügen, einen falschen Schein aufrecht zu erhalten, koste es, was es wolle.
Und Alan wunderte sich einmal mehr über die unsichtbaren Kräfte, die ihn an diesen Mann banden, die es ihm nicht erlaubten, sich von ihm abzuwenden, so sehr es auch dem widersprach, was Alan an einem Menschen schätzte.
Hätte er ihn verachtet, den Behörden gemeldet, davon gejagt, wenn er nicht die einprägsamen Gesichtszüge Tims teilen würde, die Ähnlichkeit, ihm nicht jedes Mal, wenn er ihn erblickte, wie ein Messer ins Herz fahren würde, ihn stärker als die Stimmen der Geister zwingen würde, David zu helfen, egal welches Risiko diese Hilfe bergen mochte.
Es gab keine Antwort, und würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
*
Von Tag zu Tag ging es David besser, fühlte er sich kräftiger, stärker, eher in der Lage, das zu tun, was ihm aufgetragen worden war.
Doch von Tag zu Tag wuchs auch der Zweifel, der Wunsch zu verschwinden, diesen Teil seines Lebens, um den er nicht gebeten hatte, für immer hinter sich zu lassen.
Und dennoch konnte er nicht anders, als sich Alan gegenüber verpflichtet zu fühlen. Warum der Lakota ihm geholfen hatte, entzog sich immer noch seiner Erkenntnis, und doch konnte er es nicht auf sein Gewissen laden, dass er oder dessen Familie seinetwegen leiden müssten.
Immer wieder erspürte er Gelegenheiten aufzubrechen, suchte sie, ohne es zu wollen. Und immer wieder fand er sich auf dem Weg, das Reservatsgebiet zu verlassen, lenkten seine Schritte ihn fort von der Aufgabe, die als eine düstere, drohende Wolke vor ihm lag.
Und immer wieder hielt ihn etwas zurück, bohrte sich die Schuld tiefer in sein Fleisch, je weiter er fortlief.
Solange, bis er es nicht mehr ertragen konnte und umkehrte, den Weg zurück ging auf Beinen, die Gewichte schwer wie Blei zu tragen schienen.
Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Alan den Preis für sein Verschwinden würde bezahlen müssen, oder dass er selbst wenig Chancen haben würde, eine Flucht zu verwirklichen.
Die Verbindungen, die er hatte, würde er nicht nutzen, selbst wenn er ihnen trauen, und selbst, wenn es ihn alles kosten würde.
Dieser Teil seines Lebens war unwiederbringlich zu Ende gegangen. Für Flucht und Verstellung gab es keinen Raum mehr.
Er hatte geglaubt, Erleichterung empfinden zu können, dem Druck und der Verlogenheit endlich zu entweichen und war doch weiter entfernt davon denn je.
Wieder fühlte er sich gezwungen, Geheimnisse zu bewahren, die Wahrheit zu seinem Nutzen zu verändern.
Und stillschweigend hatte der Schamane seine Geschichte akzeptiert, ihm die Mühe erspart, Details zu erfinden, die Ausrede für den nächtlichen Besuch mit Lügen auszuschmücken.
Ebenso stillschweigend bestand die Übereinkunft betreffend seines Aufenthalts fort.
Geradezu selbstverständliche hatte Alan ihn versorgt, war darin fortgefahren, ihn mit seinen eigenen Methoden zu behandeln.
Und sie wirkten. David fühlte, wie die Energie in ihn zurückkehrte, seine Sinne schärfte, seine Aufmerksamkeit weckte. Er nahm die Einzelheiten seiner Umgebung deutlicher wahr, analysierte automatisch, zog Schlussfolgerungen.
Seine Erkundungsausflüge und die gelegentliche Farmarbeit verwandelten sich in regelmäßige Trainingsläufe, die es ihm erlaubten, immer größere Gebiete zu erforschen und für sich ein Bild von den Gegebenheiten zu entwerfen.
Die Tage wurden kürzer und David nutzte vorwiegend die Zeit der Dämmerung, um sich ungestört umzusehen.
Die rapide fallenden Temperaturen ermöglichten es ihm, das helle Haar und seine immer noch bleiche Haut unter Kapuzen und langen Ärmeln zu verbergen.
Und doch machte er sich nichts vor. Die Menschen im Reservat erkannten ihn als Außenseiter und ignorierten ihn weitestgehend.
Die Blicke der Männer wandten sich nach kurzer Musterung ab, hinter vorgehaltenen, kleinen Händen kichernde Kinder wurden rasch beiseite gezogen, Frauen sahen geflissentlich an ihm vorbei.
David selbst unternahm keinerlei Anstrengungen, an der Situation etwas zu verändern. Nicht nur, dass es keinen Sinn im Hinblick auf die Zukunft ergäbe, der bloße Gedanke daran, sich auf ein Gespräch oder einen Kontakt einzulassen, ermüdete und erschreckte ihn gleichermaßen.
Und so studierte er die Augenblicke des Lebens, die er im Vorbeigehen erhaschen konnte, malte sich ein Bild von einer Welt, die ihm bislang fremd geblieben war. Und er begann zu Alan von Veränderung zu sprechen, von Arbeitssuche, erneuerte tagtäglich seinen Vorschlag das Haus zu verlassen, ihm nicht weiter zur Last zu fallen, sein Leben zu bereinigen und Schulden abzubezahlen.
Doch dieser schüttelte lediglich seinen Kopf auf jedes seiner Angebote. Es wäre noch nicht an der Zeit für David zu gehen, er schulde ihm nichts, würde ihm keine Umstände machen, im Gegenteil, er könne ihm eine Hilfe sein.
Seine knappen Worte wurden begleitet von dem ernsten, konzentrierten Ausdruck, an den David sich längst gewöhnt hatte, untermalt von dem dunklen Klang der Stimme, deren klare Schwingungen ein Singen beinhalteten, das tröstend und besänftigend gleichermaßen wirkte.
Schwarze Augen ruhten auf Davids Gesicht, wanderten über seine Züge, bis sie seine blauen fanden, diesen erlaubten einzutauchen, zu glauben, zu vertrauen, loszulassen.
David verstand sich selbst nicht mehr. Es begann ihn zu irritieren.
Was für eine Macht konnte es sein, die dieser Mann über ihn ausübte, die ihn davon überzeugte, dass er sich rückhaltlos in des anderen Hände begeben konnte.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals Irgendjemandem ein derartig bedingungsloses Vertrauen entgegengebracht zu haben, nicht seit seiner Jugend, nicht bevor er Thorsten Krank begegnet war.
Und danach... er hatte es versucht, hatte zeitweise sogar geglaubt, dass es ihm gelungen sei. Doch das einzige Resultat bestand in Unglück, Enttäuschung und Zerstörung.
Sie umgaben ihn, verfolgten ihn, unabhängig davon, wohin er sich wand. Marco, Chris... Menschen, die ihm alles bedeutet hatten... er hatte sie enttäuscht, hatte sie dem Fluch, der ihm folgte, ausgeliefert.
Und nun würde es Alan ebenso ergehen, einem Mann, der nur helfen wollte, dessen Großzügigkeit und Toleranz alles übertraf, dem David jemals begegnet war. Wie sollte er damit leben? Wie konnte er es verhindern, wenn er es überhaupt konnte? Was würde mit ihnen geschehen?
*
“Hey Mann, dich hab ich hier doch schon einmal gesehen.”
Die bullige Gestalt torkelte unsicher näher. “Antworte gefälligst, wenn man mit dir spricht!”
David reagierte nicht. Seine Augen hafteten an den Schaumperlen seines noch vollen Bierglases, die rechte Hand hielt lose die langsam abbrennende Zigarette, deren Asche unbemerkt auf der schmierigen Theke landete.
“Wohl zu vornehm für uns Hinterwäldler, was?”, lallte die Stimme weiter. “Bis’ du nich’ der schräge Vogel, der immer bei den Rothäuten rumhängt?”
David schwieg immer noch. Bedächtig ergriff er sein Glas und nahm einen tiefen Schluck. Das lauwarme Getränk schmeckte widerlich, und Davids Gedärme zogen sich zusammen, noch bevor die Flüssigkeit seine Speiseröhre hinunter gestürzt war.
Nichtsdestotrotz nahm er eine weitere Kostprobe, wartete, ohne aufzusehen auf weitere verbale Angriffe. Er musste nicht lange warten. Der Fremde mit dem ungepflegten, hellen Bart, den kleinen Schweinsäuglein und der orangefarbenen Knollennase beugte sich zu ihm hinunter.
Seine scharfen Ausdünstungen nahmen David den Atem, doch noch immer blieb er ruhig an seinem Platz.
“Ey Mann... zu fein für diesen Laden, aber das rote Gesocks lässt du in deine Nähe? Wird dir da nich übel, wenn du siehst wie diese Wilden unserm Herrgott die Zeit stehlen?” Vertraulich näherte er sich David, rülpste einmal und nuschelte in sein Ohr. “Unn.. außerdem kannst du dir sonst was einfangen... die sin’ doch alle nich’ ganz sauber...”
David konzentrierte sich auf seine Zigarette, führte sie an die Lippen, nahm einen tiefen Zug, unterdrückte den Hustenreiz, der in ihm aufsteigen wollte.
“He Arschloch... ich red mit dir...” Der Betrunkene packte ihn am Ärmel.
“Sei man froh, dass überhaupt jemand mit dir spricht... bei der Gesellschaft, in der du dich da rumtreibst. Ich hätte nich übel Lust, dir mal grünnlich su seigen wo du hingehörst...” Er rülpste erneut. “Solche Leude wie du ham hier nämlich gar nix verloren... wir halten hier susammen gegen das Gesindel... bild dir ja nich ein...”
“Ist ja gut, Calvin. Du hast deinen Standpunkt klar gemacht.”
“Der Mann sucht Ärger, Boss... ich werd ihm seigen was ‘ne Harke ist.”
“Ich mach das schon, Junge. Setz dich hin und genehmige dir noch einen... auf meine Rechnung...”
Erfreut verschwand Calvin, machte einem hochgewachsenen Mann mit kupferroten Haaren und einem eindrucksvollen Schnauzer Platz. Dieser trat langsam näher, zögerte einen Moment, bevor er sich einen Stuhl heranzog und gegenüber David Platz nahm, der immer noch nicht reagierte.
“Also, was ist das für eine Geschichte mit dir?” Die meergrünen Augen wanderten prüfend über Davids zusammengesunkene Gestalt. “Seit zwei Tagen kommst du hierher, redest mit keinem, versteckst dich im Finstern... was sollen die anständigen Leute hier davon halten?”
Er schwieg, wartete auf Antwort, während seine Finger ungeduldig auf der Tischplatte trommelten.
“Du kannst ihnen nicht verdenken, dass sie sich Gedanken machen. Das ist eine gute Gemeinde hier... man hält zusammen... da kann sich nicht jeder einfach so hinein drängeln.” Zum ersten Mal sprach David.
“Ich drängle nicht.” Er räusperte sich. “Ich will auch keine Probleme machen. Nur meine Ruhe haben.”
“Tja mein Freund...” Der Rothaarige lehnte sich zurück. “In diesem Fall solltest du die besorgten Nachbarn darüber aufklären, was du hier treibst... vor allem was du mit diesem Indianer-Pack zu schaffen hast. Sie fürchten nämlich, du könntest ein zweiter O’Keefe werden.”
“Ein zweiter was?”
“Vergiss es, Mann.” Er schüttelte abfällig den Kopf. “Und vergiss es ebenso, noch einmal hier aufzutauchen.” Er seufzte gespielt.
“Vor allem schmink dir ab, eines Tages einen von denen hierher zu bringen. Die haben hier nichts zu suchen...” Der Mann wandte sein Gesicht zur Seite, warf David einen prüfenden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Die Zeiten sind vorbei, in denen die gemeint haben, sie dürfen sich alles erlauben. Jetzt weht hier ein anderer Wind.”
David nahm einen weiteren Schluck. Es schmeckte noch schaler als zuvor. “Ich plane nicht, Irgendjemanden hierher zu bringen.” Er räusperte sich. „Es gibt Orte, die sind eben nicht für jedermann geeignet.”
Der Rothaarige sah ihn nun direkt an und erwiderte langsam.
“Na dann verstehen wir uns ja in diesem Punkt.” Er machte ein Zeichen in Richtung des Barkeepers, der mit einem widerwilligen Ausdruck in den Augen, die David musterten, eine Flasche ohne Etikett mit einer klaren Flüssigkeit und zwei schmuddelige Gläser vor sie hinstellte.
“Die Frage bleibt nun noch...”
Er pausierte absichtlich, bevor er eines der Gläser füllte und gedankenverloren dessen Inhalt fixierte. “Die Frage ist...” Er drehte sich wieder in Richtung David. “Was zur Hölle hat einer wie du in einem Reservat verloren?”
David erwiderte den Blick ruhig.
“Ich wüsste nicht, das dich das etwas anginge... oder sonst irgend jemanden...”
“Und ob uns das etwas angeht... du bist hier... mitten unter uns... willst du vielleicht etwas beweisen?” Einer der Männer am Nebentisch hatte das Gespräch offensichtlich interessiert verfolgt und mischte sich nun ein.
“So’ne Typen können wir auch nich leiden.”
David verfolgte den Rauch seiner Zigarette, der sich aufwärts kräuselte, in dünnen Fäden die abgestandene Luft durchdrang, zur Decke stieg, wo er sich mit dem Qualm vereinigte, der aus den unterschiedlichsten Quellen des Raumes stammte.
Die Wände waren grau vom Schmutz und Staub, der die Ritzen und Ecken füllte. Abgerissene Bilder aus Zeitschriften bemühten sich, mal mit, mal ohne Rahmen die Aufmerksamkeit der Kneipenbesucher von dem trostlosen Anblick abzulenken. Barbusige Schönheiten, die sich auf Autodächern räkelten wechselten mit verblichenen Westernhelden.
Ein Schwarzweißdruck mit dem grinsenden Konterfei John Waynes fand sich neben einer kleinen Sammlung, die offenbar zu Ehren Ronald Reagans angelegt worden war.
Endlich löste David den Blick von der Betrachtung des traurigen Etablissements, zog ruhig den bereits überquellenden Aschenbecher zu sich heran und drückte mit langsamen Bewegungen seine Zigarette aus.
“Ich suche Arbeit in der Gegend. Das hier ist der einzige Ort, der einigermaßen problemlos erreichbar ist, an dem ich den ganzen Mist mal für einen Augenblick vergessen kann. Und ich schätze...”
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er die Männer, von denen die Mehrzahl mittlerweile der Unterhaltung folgte, einen nach dem anderen musterte. “Ich schätze, es geht euch auch nicht anders, sonst wärt ihr wohl nicht hier.”
“Geh doch woanders hin”, lallte Calvin von hinten. “Wir brauchen niemanden, der seine Nase überall hineinsteckt... unn Jobs hamma selba nich genug. Die verdammten...”
“Ja, damit wirst du kaum Glück haben... allgemein tote Hose hier. Warum suchst du dir nicht eine Ecke dieses glorreichen Landes, die mehr Erfolg verspricht...”
“Der Scheißkerl gehört doch zu den Indianern.”
Ein junger Mann mit extrem kurz geschnittenen, weißblonden Haaren drängelte sich vor. “Der schleimt sich doch nur hier ein, weil er darauf hofft, ein Scheibchen abzubekommen, wenn die Wilden wieder nach Entschädigung rufen. Einen wie den kann ich gar nicht ab.”
“Beruhig dich, Phil. Die versuchen schon lang nicht mehr, einen roten Heller zu ergattern, die haben ihre Lektion gelernt.”
“Der anscheinend aber nicht!”
Phil stieß einen Laut aus, der am ehesten dem wütenden Jaulen eines Kojoten glich, und stürzte sich auf David, umklammerte seinen Hals mit beiden Händen und riss ihn gewaltsam vom Stuhl.
David schnappte nach Luft, versuchte mit den Armen den Fall aufzuhalten, doch vergeblich.
Der Andere lag auf ihm, würgte und schlug gleichzeitig seinen Kopf gegen den Boden. Um ihn herum johlten die Männer begeistert.
“Dir zeig ich’s, verdammter Indianerfreund...”, keuchte Phil. Doch mit einem Mal verwandelte sich sein Keuchen in ein erschrockenes Japsen, als sein vermeintliches Opfer zu unerwartetem Leben erwachte, mit einem plötzlichen Ruck seine Beine befreite, ein Knie anzog und zielsicher eine delikate Stelle treffen ließ.
Phils Japsen wurde zu einem Quieken, als es David gelang, mit einer Drehung des anderen Glieder eisern festzuhalten, ein zweites Mal zuzustoßen und die Oberhand über den sich in Schmerzen windenden Körper zu gewinnen.
Ein Fauststoß gegen das Kinn seines Gegners, erlaubten es David, wieder zu atmen, nachdem die Hände sich wie von selbst gelöst hatten, kraftlos neben dem Besiegten niedergesunken waren, der nur ein leises Röcheln von sich gab.
David stieß ihn fort von sich, setzte sich auf, hustete trocken. “Ich bin kein Indianerfreund”, krächzte er heiser in die still gewordene Menge. “Ich hab keinen anderen Ort, an dem ich wohnen könnte, verdammt noch mal. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich es dort aushalten könnte, wenn ich die Wahl hätte.”
Mühsam zog er sich an einem Tischbein hoch, kam schließlich auf die Füße, ergriff sein Bier. “Aber was soll's... das Ganze ist beschissen genug... euch Idioten brauch ich bestimmt nicht, um mein Leben weiter in den Sand zu setzten.”
Er knallte das Glas zurück auf den Tisch ohne auch nur davon genippt zu haben, stützte sich schwer auf, stieß sich schließlich entschlossen von der Kante ab, und steuerte Richtung Ausgang.
Mit einem Knall schloss sich die Tür hinter ihm, und David holte erst einmal tief Luft, bevor er weiter ging. Ein unangenehmes Stechen machte sich in seinem Magen bemerkbar, als er Alans parkenden Wagen in der Ferne ausmachte.
Was der Lakota wohl sagen würde, wenn er eine Ahnung hätte, wozu er ihn wirklich benutzte? Und warum stellte er sich immer wieder diese Frage? Es war besser, Alan hätte keine Ahnung von seinen Plänen. Es würde ihm nichts bringen zu wissen wofür er ein Auto benötigte, wohin er unterwegs war unter dem Vorwand einen Job zu suchen, eine Zukunft, eine Alternative.
“Hey... warte Mann!” Die Tür klappte erneut. Gedämpftes Stimmengewirr drang für einen Moment aus dem Inneren der Bar.
David drehte sich um. Es war der auffallend große Rothaarige, der ihm mit langen Schritten hinterher eilte.
“Nichts für ungut, mein Freund... aber du verstehst doch, dass man sich ein Bild machen muss.” Er grinste breit und streckte ihm die dünnknochige Hand entgegen.
“Jeremy King ist der Name. Und ich glaube, wir könnten noch etwas miteinander zu besprechen haben. Möglicherweise wird sich diese Gegend hier doch noch als der geeignete Ort für einen Mann mit deinen Fähigkeiten herausstellen.”
• * * *
“Onkel Alan... Du hättest mitkommen sollen. Es war himmlisch!”
Das zierliche Mädchen mit den dicken, schwarzen Zöpfen, in die bunte Lederbänder eingeflochten waren, flog Alan in die Arme.
“Ich freue mich auch, dich zu sehen. “
Ein seltenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich von den ihn umstrickenden Ärmchen liebevoll befreite, und dem etwas größeren, mürrisch dreinsehenden Jungen zuzwinkerte.
“Und du Hawk? Welche Abenteuer hatte die große Stadt für dich parat?”
“Pffft”, schnaubte der Kleine. “Zu laut, furchtbarer Gestank, viel zu viele unfreundliche Bleichgesichter.”
“Verstehe”, nickte Alan, streckte einen Arm aus und rückte, trotz des Widerstrebens des Jungen das verkehrt herum aufgesetzte Baseball Käppi gerade.
“Die Stadt ist nicht dein Ding.”
“Nee.”
Hawk schüttelte entschieden seinen Kopf, dass die schulterlangen, blauschwarzen Haare nur so flogen.
“Die machen alles kaputt... der Himmel ist ganz grau und staubig, und in der Nacht kann man noch nicht einmal die Sterne sehen”, beschwerte er sich lautstark.
“Ja..., für Hawk war unser Ausflug nicht ganz das Wahre... er konnte nicht aufhören zu lamentieren... in seiner Abneigung gegenüber den Errungenschaften der modernen Zivilisation ist er ganz der Onkel.”
Der sehnige, hochgewachsene Mann mit den zahlreichen Lachfältchen um die Augen, grinste Alan breit an, bevor er eine sichtlich schwere Kiste anhob und aus dem weit geöffneten Kofferraum wuchtete, der dennoch aussah, als würde er jeden Moment überquellen.
“Was sollen die Haare?” Alan betrachtete kopfschüttelnd die frisch geschnittene Frisur.
“Ach das.” Der andere blickte betreten zu Boden und fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen, glänzenden Strähnen. “Das war ihre Idee.”
Er wies mit dem Kinn auf seine Frau, die sich eben mit einem Rucksack und zwei Taschen belud.
“Pass bloß auf, du...”, drohte sie spielerisch und fügte beinahe entschuldigend in Richtung Alans zu:
“Manchmal ist es einfach cleverer, ein wenig mit dem Strom zu schwimmen, so wussten wir wenigstens, dass es nicht daran gelegen haben konnte.
”Ihr Blick verdunkelte sich.
“Immer noch kein Erfolg?” Alan war auf das Auto zugetreten und half seinem Cousin, das Gefährt auszuräumen.
“Was habt ihr nur alles mitgebracht?”, wunderte er sich kopfschüttelnd.
“Natürlich nicht”, fuhr die hübsche Frau schnippisch fort, bevor sie sich anschickte, ihre Kinder voran in Richtung Haus zu treiben, welche allerdings nicht bereit waren, sich weiterzubewegen, ohne vorher offensichtlich jeden Stein und jeden Grashalm, wie einen lange entbehrten Freund begrüßt zu haben, was das Fortkommen einigermaßen erschwerte.
“Es ist nicht mehr Mode, sich um die Zustände in einem abgelegenen Reservat den Kopf zu zerbrechen. Momentan sind wir nicht mehr als eine unangenehme Erinnerung, ein ungelöstes Problem, das in den Hintergrund verschoben wird, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann von selbst erledigt haben wird.”
Thomas rieb seine Nase und wechselte das Thema, sichtlich entnervt. “Das ist alles von Milena. Sie räumt ihr Haus aus... hat uns das ganze Gerümpel aufgedrängt. Es ist ihr zu groß geworden, seitdem sie alleine lebt... und dann die Erinnerungen...” Er bremste sich, biss sich auf die Lippen.
“Milena ist cool!” Hawk, der sich unter dem Arm seiner Mutter hindurchgezwängt, und damit ihren letzten Versuch, ihn in das Gebäude zu scheuchen, zunichte gemacht hatte, fiel eifrig in das Gespräch ein.
“Sie hat uns die tollsten Geschichten erzählt, Onkel Alan. Auch von dir und von Tim, und wie ihr demonstriert habt... und für unsere Rechte gekämpft... Warum erzählst du uns nie davon?”
“Das ist lange her”, versuchte Thomas die Begeisterung seines Sohnes zu dämpfen. „Du weißt, dass Alan nicht gerne darüber spricht.”
“Ist schon gut.”
Alan winkte ab. “Es ist gut, dass sie davon erzählt hat. Das gehört zu unserer Geschichte, und ich bin stolz und froh, dass Hawk sich dafür interessiert. Er wird sie später an seine Kinder weitergeben können...”
Er verstummte, bemühte sich, die Schatten, die ihn bedrängten, zu verjagen.
“Das mach’ ich”, rief Hawk bestimmt.
“Und jetzt seh ich nach Cheyenne. Sie hat sich bestimmt gefragt, warum ich nicht mehr zu ihr komme.”
“Das hat sie”, nickte Alan und sah ihm noch einen Moment hinterher, als er mit ungelenken Sprüngen auf die Wiese zu tollte, sich auf halbem Weg besann, innehielt, und den Rest der Strecke gemessenen Schrittes und hocherhobenen Hauptes zurücklegte.
“Wo sind die anderen?”, fragte Alan, als sie schließlich mit ihrer Last vorwärts marschierten.
Thomas seufzte und blieb stehen, wodurch Alan ebenfalls gezwungen war stehen zu bleiben.
“Warte einen Moment.” Er sah sich um, vergewisserte sich, dass sie außer Hörweite waren. “Sie haben beschlossen, noch ein paar Tage dort zu bleiben, hauptsächlich um Milena zu helfen.”
“Und...”, fragte Alan.
“Und sie überlegen, das Haus zu übernehmen, dort zu bleiben.”
Thomas suchte fragend Alans Blick. Seine Stimme klang belegt, als er fortfuhr.
“Ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll, aber du kennst Sal. Er ist ständig auf der Suche nach etwas Neuem, einer Herausforderung. Und hier...”, er sah sich ernst um.
“Hier kann er das nicht finden, genauso wenig wie seine Kinder. Wir haben einen toten Punkt erreicht...” Alan schüttelte den Kopf. Er sprach leise, Thomas konnte kaum seine Worte verstehen.
“Ich weiß, dass er es immer versucht hat, aber es wird ihm nicht gelingen, das Band zu lösen. Irgendwann kommt er zurück.”
“So wie du zurückgekommen bist.” Thomas nahm den Weg langsam wieder auf. “Wenn deine Mutter noch am Leben wäre... sie hätte es vielleicht verstanden, ihn zu halten.”
Alan fiel in seinen Schritt ein. “Wir alle müssen unsere Erfahrungen machen. Vielleicht ist es eine Chance... vielleicht wird es für ihn anders...”
Thomas schnaubte ungläubig, hielt aber eine weitere Bemerkung zu diesem Thema zurück.
“Das Haus ist eine Ruine, er wird vollauf beschäftigt sein, es wieder herzurichten...”
“Und Milena?”
“Der Junge wird sie zu sich nehmen.”
Die folgenden Worte Alans klangen gepresst. “Das ist gut. Ich habe ohnehin nie verstanden, wie sie es so lange...”
“Wie sie es so lange dort aushalten konnte?” Thomas vervollständigte die Frage und zuckte mit den Schultern.
“Sie ist eine starke Frau. Und...”, er zögerte.
“Ich weiß, du willst das nicht hören, aber... aber sie sprach immer wieder von einer Verbindung zu...”
Alan schluckte schwer.
“Zu meinem Vater. Ja, sie hat es mir gesagt. Ich ... ich konnte trotzdem nicht wieder dorthin... nicht nachdem...”
Das Ende des Satzes ließ er ungesagt, sicher in dem Wissen, dass der Andere ihn auch so verstehen würde.
“Onkel Alan, Onkel Alan...”Das kleine Mädchen von zuvor kam ihnen entgegen gestürmt, blieb heftig atmend vor ihnen stehen, absichtlich den Weg blockierend. Fordernd stemmte sie ihre Hände in die Seiten.
“Wer wohnt bei uns?”
“Ach nein!” Thomas verdrehte die Augen. “Sag nicht, du hast schon wieder einen deiner Gäste hier.”
Alan zuckte mit den Schultern.
“Wer ist es denn diesmal?”
“Es... es ist anders.”
“Nun ja.” Thomas stöhnte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und hob das vorher abgesetzte Gewicht wieder auf.
“Wenigstens haben wir genug Platz.”
“Das ist kein Problem, er schläft in Tims Zimmer.”
Überrascht starrte Thomas ihn an. “Ich dachte...”
Er verfiel in plötzliches Schweigen, bevor er ruhig weitersprach, Alan von der Seite argwöhnisch betrachtend. Dieser sah gerade nach vorne, seine eigene Last konzentriert Stück für Stück vorwärts schaffend.
“Nun... ich denke, das ist wohl gut... oder?”
Alan reagierte kaum, senkte ein wenig den Kopf.
“Ich weiß es nicht, Tom. Ich weiß es wirklich nicht.”
*
Der Morgen war klar und frisch, kalt, aber noch nicht unangenehm.
Der Duft der Kiefern, die dem Gelände ihren Namen gaben, erfüllte die Luft beinahe betäubend, als wollten diese Bäume es noch ein letztes Mal ausnutzen, ihn zu verströmen, bevor die Kälte des nahenden Winters mit seinen drohenden Bergen von Schnee und Eis es unmöglich machte.
Alan arbeitete im Stall. Mit kräftigen, weitausholenden Bewegungen lud er das schmutzige Stroh auf einen Karren, bevor er die Boxen wieder mit frischem Strohauslegte.
Er schwitzte. Ein ungewohntes Gefühl, und doch nur einer der Gründe, warum er sich unwohl fühlte.
Als könnte er diesen Fehler durch körperliche Anstrengung korrigieren, begann er immer härter zu arbeiten, mit beinahe wütenden Stößen das Stroh zu verteilen.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Hastig drehte er sich um, und wusste in dem folgenden Augenblick nicht, ob er sich ärgern, oder erleichtert aufstöhnen sollte.
David stand im Eingang des Gebäudes, das von außen eindringende Licht umspielte seine Gestalt, ließ seine Haare funkeln.
Alan schlug die Augen nieder, zu sehr blendete die plötzliche Helligkeit.
“Es tut mir leid.” David klang sanft und müde, dennoch nicht schuldbewusst.
“Hoffentlich hast du dein Auto nicht gebraucht. Ich... ich hab nicht gewusst, dass es so lange dauern würde... und... du hast kein Telefon.”
“Ich habe es nicht gebraucht.” Alan sah auf, unsicher was er sagen, was er denken sollte.
“Ich habe nur... ich dachte...”
“Es tut mir leid”, wiederholte David.
“Es lag nicht in meiner Absicht, es so aussehen zu lassen, als würde ich damit verschwinden wollen. Ich hab mich wirklich nur umgesehen nach... nach...”
Schweigen setzte zwischen ihnen ein, vertrautes Schweigen. David suchte den dunklen Blick, der in dem schummrigen Dämmerlicht kaum auszumachen war, und tauchte in ihn ein, versuchte, sich zu vergewissern, dass Alan nichts zurückhielt.
Alan wiederum fühlte sich verwirrt, war sich im Unklaren über das Ausmaß seiner eigenen Reaktion.
Der Ärger schien verschwunden, wie weggeblasen, nur noch ein irritierendes Kribbeln bewies ihm, dass er mit der Lage nicht im Reinen war.
Aber die Erleichterung, ihn wiederzusehen, die Last, deren Gewicht er niemals hätte benennen können, war ihm von den Schultern genommen.
In nur einem einzigen, winzigen Moment erfüllte ihn eine Schwerelosigkeit, von der er nicht geträumt hatte, sie noch einmal fühlen zu dürfen.
“Es ist gut, dass du wieder da bist”, sagte er schließlich, seinerseits in den blauen Augen nach Bestätigung forschend, von denen er wusste, dass sie ihn fixierten, aber die zu seinem Leidwesen im Gegenlicht nicht zu erkennen waren, und legte mit wieder erlangter Ruhe die Heugabel sorgsam beiseite.
“Ich... ich habe den Wagen abgestellt... neben dem...” David stotterte, verlegen nach Worten suchend. “Wenn jetzt deine Familie aufgetaucht ist, sollte ich lieber verschwinden... ich meine... ich möchte nicht...”
“Willst du denn gehen?” Alan sah ihn lange an, nahm den Anblick der schmalen Gestalt, die mit Mühe ihre Nervosität zu unterdrücken schien, in sich auf.
“Ich... ich kann nicht”, flüsterte sie endlich. “Wenn es möglich sein sollte...”
Alan löste sich aus den Schatten, ging auf den anderen Mann zu.
Das Licht erhellte die verloren wirkenden Gesichtszüge, während er näher kam.
“Komm mit”, sagte er, als er mit ihm auf gleicher Höhe war und fasste ihn sanft am Arm.
“Ich möchte, dass du jemanden kennen lernst.”
Gemeinsam betraten sie die ungewohnt belebte Küche, in der Toms Frau bereits geschäftig dabei war, in einem großen, dampfenden Topf zu rühren.
“Sandra... das ist David. Er wohnt für eine Weile bei uns.”
“Ok.” Ohne sich umzusehen, langte die zierliche Frau in die Höhe, griff in das Regal über ihr und streute einen Augenblick später eine Handvoll Gewürze in die kochende Masse.
Schließlich schob sie das schwere Gefäß vom Feuer, wischte ihre Hände an der Schürze ab, und drehte sich um.
Ihre mandelförmig geschwungenen Augen wurden groß, als sie David erblickte.
Rasch sah sie hinüber zu Alan, dann wieder zurück zu dem kleineren Mann. Ohne es zu bemerken, hob sie eine ihrer Hände an die unwillkürlich zitternden Lippen.
“Ist das... das kann doch nicht sein. Alan...?” Hilfesuchend wandte sie sich an den Größeren.
Lautes Geschrei riss sie aus ihrer Erstarrung. Das Getrappel kleiner Füße näherte sich der Küche.
“Auuuu... Hawk hat...”
“Gar nicht wahr... ich...”
Plötzliche Stille.
“Onkel Alan?” Fragende Blicke.
“Hawk und Carmen! Das ist David. Er wohnt für den Augenblick in Tims Zimmer.” Alan bezweifelte, dass er verstanden wurde, so tonlos und rau erschien ihm die eigene Stimme.
“In... aber da darf niemand hinein...”, bemerkte Carmen altklug. “Ich meine...” Hilfesuchend sah sie sich um.
Hawk trat mutig einen Schritt vor, blickte David streng in das blasse Gesicht. “Du siehst aus wie er.” Er runzelte die Stirn. “Die Haare sind anders... und du bist zu dünn...”
“Ich... ich weiß nicht...”
David blickte von dem Jungen, über Sandras immer noch entgeisterten Gesichtsausdruck zu Alan, dessen Haut mit einem Mal eine ungesunde, graue Farbe angenommen hatte.
Und als er dem Mann in die Augen sah, erstarb sein Blick mit dem des Anderen, konnte er den Schmerz spüren, der sich tief in der ruhigen Gestalt vergraben hatte.
Und dann begann er zu verstehen, fühlte einen Verlust, der schwerer wog, als diejenigen, die er durchlitten hatte, aus einem Grund, den er sich noch nicht zu erklären vermochte, doch der in seine Seele eindrang und seine Spur hinterließ, die Dunkelheit darin mit einem scharfen Riss spaltete und eine offen klaffende Wunde zurückließ.
Die Antwort wurde ihm abgenommen durch den Eintritt einer hochgewachsenen Gestalt, die von draußen das Gebäude betrat, sich geräuschvoll die Schuhe abklopfte, bevor sie in die Küche trat, der immer noch erstaunten Frau einen Arm um die Schulter legte und sie liebevoll an sich zog.
Erst dann machte Thomas sich die Mühe, die Situation einzuschätzen.
Die Kinder blickten ihn stumm an, Carmen kaute an ihrem Finger, und Hawk schien immer noch gebannt von Davids Anblick.
Tom ließ sich nichts anmerken, als er sich zu dem fremden Gast umdrehte und ihn konzentriert musterte.
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Alan, dessen zusammengepresster Mund nun eine gerade Linie bildete.
Dieser erwiderte seinen Blick, räusperte sich.
“David bleibt in diesem Zimmer, solange es nötig ist. Er wurde schon vor langer Zeit zu mir geführt. Ich werde ihm helfen herauszufinden, wohin seine Suche führen wird.”
*
“Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?”
Thomas begutachtete den blonden Mann kritisch, der gerade dabei war, sich von Hawk in die Geheimnisse des Vogelfluges einweihen zu lassen.
Der Junge verfolgte mit ausgestreckten Armen die Flugbahn eines Raubvogels und durch das Fenster wirkte es, als würde er David und seine Schwester, die noch verschüchtert wenige Schritte hinter ihnen stand, mit einem unermüdlichen Schwall von Wörtern und Belehrungen überschütten.
“Du weißt nichts über ihn, ... und ich bin nicht sicher, ob ich ihn in der Gegenwart meiner Kinder sehen möchte.”
Sein Blick richtete sich auf Alan, der mit einem scharfen Messer rot goldene Blüten klein hackte und flink unter eine erhitzte Masse rührte, bevor er sie in kleine, erdige Gefäße füllte und fest verschloss.
Er nahm keine Notiz von den Worten seines Cousins, der einen Moment nachdenklich schwieg.
“Ich kann dich ja verstehen... irgendwie zumindest... aber trotzdem...”
Tom rieb sich die Stirn. “Es ist mir unangenehm. Der Mann ist mir nicht geheuer... ganz abgesehen von...”
Er verfiel wieder in Schweigsamkeit.
“Drogen sind das Mindeste, das ich vermuten würde...
es steht in seinen Augen geschrieben. Ich möchte einfach nicht, dass... gerade Hawk...”
Tom seufzte frustriert, als Alan weiterhin stumm blieb, statt dessen mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen Messer verschiedener Größe geschickt in grobe Tücher wickelte und diese zusammenschnürte.
“Er ist nicht Tim, Alan... ganz gleich, wie es dir vorkommen mag. Er ist es nicht.”
“Ich weiß das.” Alans Stimme klang gequält. “Natürlich weiß ich das.”
“Viele Menschen sehen sich bemerkenswert ähnlich, ohne auch nur das Geringste miteinander zu tun zu haben.”
“Hör zu, Tom!” Die leise gesprochenen Worte vibrierten.
“Ich muss gehen. In den letzten Tagen wurde ich viel gerufen. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas geschieht hier und die Menschen brauchen einen Schamanen.”
Er drehte sich um, blickte zu Boden.
“Manchmal wünschte ich, er hätte mich mehr lehren können. Zu oft bin ich hilflos, weiß nicht, in welche Richtung die Zeichen mich führen. Die Visionen... sie sind undeutlich... ich kann sie nicht lesen...”
Tom nickte.
“Dein Vater ist zu früh gegangen. Und dennoch steht es uns nicht zu, den Willen des großen Geistes anzuzweifeln. Wir können ihn nur um Kraft und Stärke bitten, und um die Erkenntnis, in seinem Sinne zu handeln.”
Er fixierte Alan, hoffte, dass dieser aufsehen würde.
“Du hast die Gabe, und du weißt mit ihr umzugehen. Das hast du in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Vertraue darauf, dass, wenn du etwas nicht sehen kannst, dass er dann auch nicht will, dass du es siehst.”
Alan sah müde auf.
“So wie damals.”
Er senkte die dunklen Augen wieder, richtete seinen Blick ins Leere.
“Ich wünschte, ich könnte es glauben... ich wünschte, ich würde es mir nicht immer wieder vorwerfen...”
Eine seiner Hände löste sich von der Tischkante, strich das wie ein Vorhang vor das Gesicht gefallene Haar zurück, bevor er wieder aufsah, Thomas direkt fixierte.
“Was David angeht... meine Entscheidung steht fest. Ich weiß nicht, was die Geister mit ihm vorhaben, warum sie mir diese Bilder schicken, seit Jahren schon schicken. Aber ich weiß, dass sie uns zusammengeführt haben, um einem bestimmten Zweck zu dienen. Was auch immer es sein wird, keiner von uns wird es verhindern können.”
Sein Blick funkelte. “Und um die Kinder brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ihnen wird nichts geschehen.”
“Alan...” Thomas richtete sich auf, doch der Andere hob abwehrend seine Hand. “Nein Tom. Davids Seele liegt offen vor mir. Es liegt keine böse Absicht darin... niemals.”
“Ich verstehe ja, dass die Ähnlichkeit...”
Alan schüttelte heftig seinen Kopf.
“Es hat nichts damit zu tun. Ich weiß es einfach. Er...”
Der Schamane stockte. “Er ist anders als...”
Er stockte wieder, fuhr leiser fort.
“Ihm fehlt der Frieden. Er kämpft einen aussichtslosen Kampf... schon viel zu lange. David ist ein Krieger, ein gefährlicher Kämpfer. Doch der Krieg, den er führt... er führt ihn gegen sich selbst.”
Er drehte sich wieder um und begann die Utensilien, die er an diesem Tage benötigen würde, zu ordnen.
“Ich weiß, dass ich dir die Sorge nicht nehmen kann, vielleicht auch nicht sollte. Aber ich schwöre dir, dass er hier bleiben wird. Etwas anderes werde ich nicht dulden.”
*
Der Mittag brachte unvermutet noch einmal Wärme, der Himmel strahlte in einem majestätischen Blau, das David stärker beeindruckte, als er zuzugeben bereit war.
Die Kinder, in Ermangelung ihrer Spielkameraden, oder aus purer Neugierde heraus, ließen ihn nicht los, zu interessant war die unerwartete Gesellschaft.
Alan und ebenso sein Cousin hatten die Farm verlassen, doch David bemerkte die prüfenden, misstrauischen Blicke, die Sandra regelmäßig in seine Richtung warf.
Er wünschte nichts mehr, als sich ausruhen zu können, in das für ihn bestimmte Zimmer zu schlüpfen, und an nichts denken zu müssen, solange bis... ja, solange, bis er wieder zurück müsste, zurück an die verhasste Aufgabe, der er nicht entkommen konnte.
Doch Hawk und ebenso die langsam auftauende Carmen bombardierten ihn mit Fragen und Erläuterungen.
“Onkel Alan legt Symbole auf die Erde.”
Carmen deutete wichtig auf einen ordentlich aufeinander gestapelten Haufen glatt geriebener kleiner Felsbrocken.
“Kreise und Räder”, erklärte Hawk.
“Denn alles im Universum verläuft im Rund.”
Er warf sich in die Brust. “Wenn ich groß bin, wird er mir alles beibringen. Dann werde ich sein Nachfolger.”
“Aha.” David zeigte sich beeindruckt.
“Ja.” Hawk zeichnete unbehaglich mit seinem Fuß eine Spur im Sand.
“Ich hab es ihm noch nicht gesagt, aber...”
Er sah auf. “
Onkel Alan hat keine Kinder, und wir brauchen einen Schamanen. Wenn man keinen hat, wird es schwer.” Er nickte altklug zu seinen eigenen Worten.
“Euer Onkel Alan...” David räusperte sich. “Ich meine, habt ihr oft Besuch... so wie mich?”
“Klar”, nickte Hawk.
“Das gehört dazu. Manchmal, wenn jemand krank... oder ein böser Geist in ihm gefangen ist.”
Er blickte David nachdenklich an. “Aber niemals Wasichus. Und niemals darf einer dort schlafen, wo du schläfst.”
David spielte gedankenverloren mit einem Grashalm.
“In dem Zimmer hängt eine Gitarre. Wisst ihr, wem sie gehört?”
Carmen schüttelte den Kopf und sah ihn mit großen Augen an.
“Ich weiß es,” antwortete Hawk nach einem Moment des Zögerns. “Ich hatte es vergessen, aber Milena hat uns Bilder gezeigt, da ist es mir wieder eingefallen.”
“Was denn”, fragte das Mädchen ihren Bruder.
“Du warst noch gar nicht auf der Welt”, wehrte der Junge ab und wandte sich wieder an David.
“Die war von Tim. Er hat mir Lieder vorgespielt, als ich klein war!“
Er überlegte. “Sie waren ganz anders... ganz anders, als die von den Anderen. Ich hab danach nie wieder solche gehört.”
“Danach?”
“Nachdem er gestorben ist. Ich kann mich auch nicht an Vieles erinnern. Nur die Gitarre, und sein gelbes Haar.”
Hawks kleine Nase kräuselte sich. “Er hat immer gelacht und ich glaube, er hatte viele Kinder dabei, bestimmt Hundert.”
“Bestimmt”, bestätigte Carmen.
“Du hast doch keine Ahnung”, wies ihr Bruder sie zurecht und wandte seine Aufmerksamkeit wieder David zu.
“Aber selbst hatte er keine. Das hat Milena gesagt. Weil Onkel Alan und er keine bekommen konnten.”
Nun legte er seine Stirn in Falten. “Und dann war er fort, und mein Onkel blieb ganz alleine. Milena hat gesagt, es hätte ihm das Herz gebrochen.”
“Aber wir sollen nicht davon reden”, fiel Carmen ein. “Sie wollte nicht, dass wir ihn daran erinnern.”
“Ja”, bestätigte Hawk. “Du darfst also auch nichts sagen, David. Schon gar nicht, weil du sein Gesicht trägst.”
“Versprochen”, nickte der Mann. “Aber das mit dem Gesicht ist nur ein Zufall. So ähnlich kann ich ihm gar nicht sehen.”
“Nee, du bist viel zu alt. Und bestimmt nicht so nett.”
“Vermutlich nicht”, grinste David zum ersten Mal seit langem. “Seht euch also lieber vor.”
“Wir passen schon auf.” Hawk sah ihn ernsthaft an.
“Aber du musst auch aufpassen. Da ist viel Dunkles um dich herum.”
David positionierte den runden Stein, den er gerade noch in seinen Händen gedreht hatte, neben sich, und legte nachdenklich den Kopf schief.
“Das siehst du?”
“Das kann jeder sehen”, antwortete Hawk überzeugt.
“Du gehst im Finstern und die Last, die du mit dir trägst, ist zu schwer für dich alleine. Du wirst sie irgendwann teilen müssen.”
Er winkte ihm noch einmal zu, und sprang dann seiner Schwester hinterher, die genug von dem Gespräch hatte, und bereits auf dem Weg zur Wiese war, schiefe Pfiffe ausstoßend, die offensichtlich dazu gedacht war, die Pferde anzulocken.
David sah ihnen nach, die Wunde in seinem Herzen immer noch schmerzend, die Trauer, die er gefühlt hatte, tiefer und gleichzeitig erschreckend deutlich in ihrer Klarheit.
*
Als Alan zurückkehrte, schlief David tief und fest.
Druck und Anspannung hatten ihren Tribut gefordert. Alan schloss die Tür lautlos, nachdem er sich von dem traumlosen Zustand der Erschöpfung, in der sich der Blonde befand, überzeugt hatte.
Für einen Moment lehnte er sich gegen den Türrahmen, spürte die eigene Müdigkeit wie einen schweren Mantel, der ihn zu Boden drückte.
Das Leben im Reservat war niemals leicht gewesen, nicht nur die erbärmlichen Zustände, auch die Feindseligkeit der Weißen, die weit davon entfernt waren, ihre Existenz als gleichberechtigt zu akzeptieren, erschwerte den ständigen Kampf ums Dasein.
Die Krankheiten, die er als einen unvermeidlichen Teil des Lebens und Zeichen des Verfalls der äußeren Hülle, behandeln musste, traten zunehmend in den Hintergrund, verglichen mit den Resultaten der gewalttätigen Übergriffe verschiedenster Art, die er mühselig versuchte zu beheben.
Ob angeblich versehentlich verursachte Autounfälle, Überfälle aus dem Hinterhalt, oder mutwillige Zerstörungen - all das führte zu Verletzungen, Knochenbrüchen und Schlimmerem.
Vor allem anderen aber verstärkte es die Ängste, die ohnehin zu ständigen Begleitern der Lakota geworden waren. In einer Zeit, in der es für Kinder und Frauen gefährlich war, am helllichten Tag den Rand einer Straße entlang zu laufen, in der sie fürchten mussten, dass jedes heranbrausende Fahrzeug sich in ihnen ein lebendiges Ziel suchen könnte, war es nur zu verständlich, dass jeder Weg aus dem Reservat heraus sorgsam bedacht wurde.
Das Bedürfnis, die Seinen zu schützen, führte unter den Männern in steigendem Maße nicht nur zu Vorsicht und Rückzug, sondern auch zu schwelendem Ärger und wachsender Kampfbereitschaft.
*
Jonas und Bear waren in der letzten Nacht übel zugerichtet worden.
Den Gedanken, ein Lokal aufzusuchen, in dem es bislang nie Probleme gegeben hatte, mussten sie bitter bereuen.
Jonas hatte ihn beinahe mit dem Verlust eines Auges bezahlen müssen.
„Der Angriff war mit Sicherheit geplant“, erzählte Bear, während Alan die Scherben aus seinem Bein zog, zu viele waren zu plötzlich über sie hergefallen.
Abgebrochene Flaschen waren die geringsten der Waffen, gegen die sie sich zu erwehren hatten.
“Es waren Kinder”, sagte Jonas. “Höchstens um die zwanzig Jahre alt. Sie wussten nicht, was sie taten.” “
„Alt genug, um es beurteilen zu können, was es bedeutete in der Überzahl und bewaffnet gegen einen ahnungslosen Gegner anzutreten.”
Alan klang bitter, doch Jonas schüttelte erneut den Kopf.
“Wir waren nie ihre Gegner. Unsere Leute haben niemals Streit angefangen oder Ärger gemacht.”
“Nicht, dass sie das jemals abgehalten hätte”, brummte Bear. “Ganz egal, was wir machen, ob wir Ruhe geben, unsere Kinder mit christlichen Namen in die Welt hinausschicken, unsere Geschichte und Kultur verleugnen...”
“Sie sind von jemandem aufgehetzt worden, das ist völlig klar”, warf Jonas ein.
“Diese Sache braut sich doch schon seit langem zusammen. Es hat mit den Leuten zu tun, die das Land von der Regierung gekauft haben. Sie haben es schrittweise getan, unter verschiedenen Namen, aber ich wette, dass ein und dieselbe Organisation dahinter steckt.”
“Und sie riegeln es ab wie Area 51, wenigstens Söldner sind involviert, wenn nicht sogar Teile des Militärs. Was meinst du dazu, Alan?”
“Ich meine, dass du stillhalten solltest”, murmelte der Angesprochene, während er vorsichtig eine dunkle Salbe auf die Wunde strich. Er seufzte und fuhr dann leise fort.
“Die steigende Anzahl der Übergriffe macht mir Sorgen.”
“Was sagen die Geister?” Jonas blickte ihn neugierig an.
“Sie warnen, und...”, er biss sich auf die Zunge.
“Was? Was und...?”
Alan hielt in der Bewegung inne. “Ich kann es nicht sagen, es ist... schwierig.”
“Es hat doch nichts mit dem Weißen zu tun, den du in dein Haus aufgenommen hast? Alan?”
Der Schamane blieb still, wartete ab, bevor er antwortete. “Die Botschaften sind unklar, aber... doch, es hat mit ihm zu tun.”
“Was soll das bedeuten. Was hat der mit uns zu tun”, fragte Bear.
“Ehrlich gesagt, ich finde nicht, dass er bleiben sollte, nicht gerade jetzt. Er muss zu seinen Leuten zurück kehren.”
“Er hat keine Leute.” Alans Stimme wurde dunkler. “Vielleicht werden wir es sein, eines Tages... vielleicht hat sein Dasein eine Bedeutung für uns.”
Bear sah Jonas an, sie wechselten einen scharfen Blick, bevor er weitersprach.
“Er tut nichts, um dein Vertrauen zu rechtfertigen. Wir werden nicht lange dabei zusehen.”
“Es ist nicht eure Entscheidung. Der große Geist hat ihn hierher geführt, und wird ihm seinen Weg zeigen.”
Alan ordnete seine Werkzeuge, verschloss das Gefäß, aus dem er die Salbe geholt hatte.
“Er wäre nicht der erste Weiße, der sich entscheidet, den Pfad zu wechseln, Alan. Sei vorsichtig!”
Jonas war aufgesprungen, als Alan sich anschickte, zu gehen. Aus seinem unverletzten Auge starrte er ihn prüfend und besorgt an, ergriff ihn am Arm.
“Bitte... sei vorsichtig!”
“Das bin ich.” Alan zwang sich zu einem schmalen Lächeln und schritt zur Tür. Jonas folgte ihm.
“Du weißt, dass ich für dich da bin. Immer!”
Sie standen sich gegenüber. “Ich weiß.”
“Komm zurück zu mir!”
Alan senkte den Kopf. “Ich kann nicht, Jonas. Es tut mir leid.”
“Hey.” Jonas kam näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter, senkte seine Stimme auf ein Flüstern.
“Ich weiß, dass ich dir niemals werde Tim ersetzen können. Das kann niemand. Ich bitte dich nur, keinen Fehler zu machen.”
Alan nickte stumm. “Das werde ich nicht.” Das tonlose Wispern wurde mit seinen letzten Worten beinahe unhörbar.
“Es tut mir leid, dass ich nicht...”
“Ist nicht deine Schuld.”
Jonas schüttelte traurig den Kopf, ließ die dunklen Haare das verletzte Auge bedecken, als er ebenfalls zu Boden blickte.
“Es war gut und richtig, solange es gedauert hat.”
Er drückte versichernd des anderen Mannes harten Muskel.
“Und ich bin zufrieden, wenn ich dir darüber hinweg helfen konnte. Ich habe immer gewusst, dass eure Bindung zu stark war, dass niemand in der Lage sein werde, ihm nachzufolgen.”
Alan schluckte, und erwiderte den Druck. Mehr war nicht notwendig.
Jonas und er hatten sich immer, ohne viele Worte verstanden.
Alan merkte, wie er sich zunehmend in Erinnerungen verlor.
Er strich sich mit der Hand über die Stirn, konzentrierte sich auf die übrigen Ereignisse des Tages, die unglücklichen Unfälle, bei denen er notdürftige Hilfestellung geleistet hatte, den heiligen Mann, der schon in seiner eigenen Jugend alt gewesen war, und der jetzt klaglos im Sterben lag, die Schmerzen stoisch ertrug, die Entscheidung einer höheren Macht annahm, ohne zu zweifeln.
Ein bitterer Geschmack stieg in ihm auf.
Er sah ihn kämpfen, beobachtete, wie der Kampf Tag für Tag schwerer wurde, das Leben aus diesem Körper, der dazu gemacht geworden schien, ewig zu halten, langsam und qualvoll entwich.
Das riss die Narben wieder auf, die nie richtig verheilt waren, die Narben, die sich in seine Seele gefressen hatte, als er gezwungen gewesen war, hilflos dem Todeskampf Tims beizuwohnen.
Auch nicht, als er den Segen bei der einzigen Geburt an diesem Tag gesprochen hatte, war es ihm leichter um sein Herz geworden.
Er sah doch die Welt, in die das unschuldige Kind hineingeworfen wurde, die vaterlose Familie, die kaum in der Lage war, jeden Einzelnen, der zu ihr gehörte, ausreichend zu versorgen.
Alan zwang den Schmerz, der, obwohl Bestandteil seiner Selbst, an Tagen wie diesen zu schwer für ihn zu ertragen war, gewaltsam zurück.
Er stieß sich von dem Türrahmen, der ihn immer noch von dem schlafenden Mann trennte, dessen Anwesenheit ihn von Tag zu Tag mehr verwirrte, ab, und kehrte wieder zu seinen Pflichten zurück.
*
• * * *
Die Bremsen jaulten, als sie den breiten, glänzenden Schlitten mit einem Satz zum Stehen brachten.
Sand wirbelte auf, verbarg für einen Augenblick die Reifenspuren, die von der Drehung, die der Wagen im Moment des Anhaltens ausgeführt hatte, zeugten.
Eine Hupe gellte unfreundlich durch die Nacht.
“Mach schon”, grölte die heisere Stimme.
“Ich bleib hier keine Sekunde zu lang.”
David hastete vorwärts, bemühte sich, halbwegs leise zu bleiben, doch das Klappen und Knarren der Türen durchdrang mit betäubender Wut sein Trommelfell.
“Verdammt, Leute. Was denkt ihr euch dabei, so einen Krach zu machen?”, zischte er, nachdem er mit einem Sprung in dem offenen Wagen gelandet war.
“Angst, David?” Der glatzköpfige Mann am Steuer grinste hinterhältig. “Meinst du, die Rothäute belegen uns mit einem Fluch, wenn wir sie ärgern?”
“Halt bloß die Klappe”, warnte David mit einem nervösen Blick auf das Gebäude, das hinter ihnen verschwand, leblos und still, als wäre der nicht eingeladene, nächtliche Besuch unbemerkt geblieben.
“Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir erzählen würde, zu welchen Dingen die in der Lage sind.”
“Hör auf, Junge!” Eine belegte Stimme vom Rücksitz lachte. “Was sollen sie machen, dich verhexen?”
“Ernsthaft...” David drehte sich zu dem Sprecher um. “Wenn jemand einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, dann ist es diese Bande. Was glaubt ihr, warum ich so vorsichtig bin?”
“Na dann, alle Achtung, mein Junge. Erstaunlich, dass du nicht schon lange die Fliege gemacht hast, wenn die Burschen dir so nahe gehen.”
David setzte sich zurück. “Was ich versprochen habe, halte ich auch. Und solange ihr keinen Unsinn macht, funktioniert die Sache auch.”
“He... nun mal schön langsam. Nur weil Jeremy meint, du wärst bereit für den nächsten Schritt, heißt das noch nicht, dass wir alle dieser Meinung sind. Wann haben wir dich kennen gelernt? Vorgestern?”
Ein Achselzucken seitens Davids.
“Zeit ist relativ. Wenn er meint, dass für mich Raum in dem großen Plan sei, dann bin ich neugierig zu erfahren, worin dieser besteht.”
“Das wirst du schon früh genug merken, Mr. Bundesnachrichtendienst.”
Davids Kopf fuhr herum. Ein höhnisches Lachen erwiderte die Reaktion.
“Du glaubst doch nicht, dass wir jeden rein lassen. Dein Lebenslauf ist... gelinde gesagt... faszinierend.” David sank zurück in die Polster.
Na toll. Und jetzt?”
“Nichts jetzt, mein Freund. Du kennst wenigstens den Feind, weißt wozu er in der Lage ist. Und...”
Der andere Mann legte eine nachdenkliche Pause ein.
“Und du besitzt wirklich jede Qualifikation, die wir benötigen.”
“Da bin ich aber froh”, antwortete David bissig. “Wie lange muss ich mir denn euer Geschwätz noch anhören?”
“Nur die Ruhe, Davey. Erst mal bekommst du was fürs Auge.”
Mit diesen Worten wurde David von hinten ein Tuch um den Kopf geknotet, das ihm die Sicht nahm.
“Großartig”, murmelte er. “Mal was ganz anderes.”
Die Männer im Wagen lachten blökend. “Ganz recht. Wir wollen doch nicht, dass deine roten Kameraden dich an den Marterpfahl stellen oder mit dunkler Magie dazu bringen, ihnen unser Zentrum zu zeigen.”
“Und warum, um Gottes Willen, sollten sie davon etwas wissen wollen?”
“Na du bist mir vielleicht ein Früchtchen. Sollten wir sie unterschätzen, so werden sie noch ahnen, dass das jüngste Gericht in Riesenschritten auf sie zueilt. Glaubst du nicht, dass sie dann anfangen werden, noch mehr Schaden anzurichten, als bisher?”
Der Glatzkopf schüttelte den Kopf. “Die Drogen haben dir wohl doch ein paar Gehirnzellen zu viel weggefressen.”
“Halt’s Maul, Arschloch!”
David schlug blind zu, traf jedoch nur ins Leere, was die Belustigung seiner Mitfahrer nur erhöhte.
Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, kam der Wagen endlich zum Halten. Unverständliche Worte wechselten, quietschend öffnete sich ein Tor.
*
Nach einer weiteren kurzen Fahrt wurde die Binde von Davids Augen entfernt, er selbst unsanft aus dem Auto gestoßen. Ein weites, trotz der Dunkelheit grell weiß scheinendes Gebäude ragte vor ihnen auf.
David bemerkte, dass es sich geschickt in die Schatten der Felsen schmiegte, aufgrund der ebenmäßigen Struktur schwer auszumachen sein dürfte.
Wäre das Dach ebenfalls getarnt, so müsste es nahezu unmöglich sein, per Flugzeug oder Satellit bei einer Routineuntersuchung etwas zu bemerken.
Er sah sich weiter um. Die Richtung hatte sich ihm eingeprägt. Er wäre in der Lage, vage Hinweise auf seinen Standort durchzugeben.
Doch bis jetzt gab es noch nicht die geringste Veranlassung.
Sie befanden sich auf Privatgrund in der Abgeschiedenheit Dakotas.
Niemand würde sich dafür interessieren, was eine namenlose Gruppe von Menschen hier in die Wege leitete.
David folgte den anderen, die zielstrebig auf den Eingang des Gebäudes zuliefen.
Ein metallenes Tor öffnete sich automatisch, lud sie zum Eintritt ein.
Leise, meditative Musik erklang im Hintergrund, elektronische Variationen desselben Themas in einer Endlosschleife.
Gedämpftes Licht erhellte unaufdringlich den Raum, drang aus verborgenen Nischen der Wandtäfelung, das Geheimnis seines Ursprunges nicht preisgebend.
Sie schritten vorwärts, schweigend, der feierlichen Atmosphäre ihren Tribut zollend. Ein zweiter, größerer Raum öffnete sich, empfing die Männer, die unwillkürlich ihre Köpfe gesenkt hielten.
“Willkommen Brüder! Willkommen Anwärter!”
Jeremy Kings Stimme hallte ihnen entgegen. Er trug ein weißes, weit geschnittenes Gewand, ein stilisiertes Schwert in Gold auf die Brust appliziert.
“Der Orden des Schwertes begrüßt euch.”
“Und wir danken im Namen des Allmächtigen”, antworteten die Eingetretenen im Chor.
David sah auf. Sein Blick flog über die kahlen, fensterlosen Wände, den merkwürdig graphitfarben glänzenden Boden, der jedes Geräusch zu verschlucken schien, die gelblich schimmernde Decke, von deren Mitte ein übergroßes, ebenfalls graphitfarbenes Kreuz hing, das wie eine dunkle Mahnung vor ihnen zu schweben schien.
Rötliches Licht ausstrahlende Scheinwerfer konzentrierten sich auf das Symbol, umgaben es mit einer beeindruckenden Aura, die zugleich fesselte und Ehrfurcht erforderte.
Davids Begleiter wichen zurück, gesellten sich zu anderen, stummen Beobachtern, die der Agent erst auf den zweiten Blick in den Schatten bemerkte, in denen sie sich bewegungslos verborgen hielten.
“Komm näher, David!” Jeremy streckte seine Hand aus.
David senkte den Blick und folgte seiner Aufforderung.
Jeremy richtete seine Aufmerksamkeit nun auf das Publikum, das ihn umgab.
Mit durchdringender Stimme begann er zu sprechen.
“Brüder im Geiste!” Er ließ die Pause sich ausdehnen, bis kein Geräusch, kein Atemzug mehr zu hören war.
“Es gibt keine Zweifel! Unser Führer, der Hüter des Schwertes vom vierten Quartal des sechsten Kreises hat seine Entscheidung getroffen. Für all jene, die sich insgeheim fragen, ob wir einem Fremden vertrauen sollten, hat er eine Botschaft.”
Er schwieg wieder, blickte sich streng um.
“Unser Führer, der in geheimem Kontakt zu den Mächtigen dieses Landes, ja, zu den Mächtigen der Welt steht, hat die Vergangenheit des Anwärters durchleuchtet, erforscht, nicht nur mit den modernsten, technischen Mitteln, sondern auch mit seinem unfehlbaren Röntgenblick. Nicht nur die Geheimdienste unserer Heimat, auch die feindlicher Streitkräfte, haben ihm offenbart, was er in seiner Weisheit schon lange geahnt hatte. Dass dieser Mann...”
Er streckte erneut die Hand aus, wies auf David.
“Dass dieser Mann, der Unbeschreibliches hat erdulden müssen, der seine Loyalität zu einem System, das der Satan selbst ins Leben gerufen hat, mit Leid und Schmerz hat bezahlen müssen, der verraten, verkauft und abgeschoben worden ist, bis in einen Abgrund, aus dem es kein Entrinnen mehr geben konnte.
Dass dieser Mann erleuchtet werden soll, dass er aufsteigen wird in die Gemeinschaft des Schwertes, dass seine wiedererstarkten Kräfte uns helfen werden, unser ersehntes Ziel zu erlangen.
Zweifelt nicht, Brüder. Er ist ein weiterer in der Riege der Tapferen, die uns helfen werden, die Kontrolle über dieses Land zurückzuerlangen, einer derer, welche die verhassten Indianer von der Erde tilgen werden.”
Gedämpftes Gemurmel erklang.
Jeremy hob den Arm und schnitt das Geräusch mit einer scharfen Bewegung ab.
“Um seine Entscheidung zu bekräftigen, weilt er heute unter uns.
Begrüßt den geheimen Hüter des Schwertes!”
Die Männer sanken sofort in die Knie, neigten ihre Häupter beinahe in Furcht.
David tat es ihnen nach, bemerkte die Schritte schwarzer Stiefel, die auf ihn zu gingen, einen Moment vor ihm innehielten, bevor sie die Richtung wechselten, und den Sprecher ansteuerten.
“Sieh auf, David!”
Er gehorchte so demütig, wie es ihm möglich war. Eisblaue Augen studierten ihn forschend, wanderten prüfend über seinen Körper.
Die Gesichtszüge erschienen David vage vertraut, das aschblonde Haar, der unnatürlich gebräunte Teint kamen ihm beunruhigend bekannt vor.
Blitzschnell ging er die in den Windungen seines Gehirnes gespeicherte Kartei der Fahndungsfotos durch.
Keine der Qualen, die er durchlitten hatte, noch die Folter, derer er sich selbst ausgesetzt hatte, waren in der Lage gewesen, sein Gedächtnis zu löschen.
Etwas blitzte auf in seiner Erinnerung. Es war lange her, versteckt, verdrängt in Tiefen, die er nicht wieder hatte betreten wollen.
Er wich den Schatten aus, konzentrierte sich auf das Bild in seinem Kopf.
Das war er. Davids Augen trafen die des anderen Mannes. Einer der Verantwortlichen der Zelle Nevadas, die er verraten hatte, die aufgrund seiner Informationen hatte hochgenommen werden können, einer der Wenigen, die entkommen waren.
Götz... mehr hatten sie ihm nicht sagen können, bevor er wieder nach Argentinien zurückgekehrt, seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, aber nicht für lange.
Dieser Vorfall hatte letztendlich zu seiner Enttarnung in der Organisation geführt.
Der Kontakt nach Europa, deutschsprachige Abstammung, das war alles, das sie in diesem Zusammenhang hatten entdecken können.
Zu schnell hatte Götz seine Spuren verwischt, zu schnell war er im Nichts verschwunden, ebenso wie andere, die ihn später wieder heimgesucht hatten, andere, die sich an ihm gerächt hatten, als er wehrlos in einer Zelle lag, der Willkür eines machtbesessenen Irren ausgeliefert, eines Nazis, der kein Erbarmen kannte.
David riss sich zusammen. Das war nicht die Zeit für bittere Erinnerungen, nicht der Augenblick, sich über die Herkunft eines Mannes, der ihn mit Sicherheit wiedererkennen würde, Gedanken zu machen.
Er war ein Terrorist, der schon einmal versucht hatte, das Land, vielleicht die Welt in den Untergang zu treiben, der schon einmal versucht hatte, Recht und Gerechtigkeit zu vergewaltigen. Und nun war er dabei, es wieder zu versuchen.
Götz Cauldron, wie er sich in dieser Phase seines Lebens nannte, musterte die schmale Gestalt zu seinen Füßen aufmerksam.
Er wusste genau, wen er vor sich hatte, kannte jedes einzelne Detail aus Davids Akten.
Es mochte lange Zeit gedauert haben, doch nach all dem, was geschehen war, konnte von dem Mann, der so besessen für seine Überzeugung gekämpft hatte, nicht mehr viel übrig geblieben sein.
Und nicht zum ersten Mal verließ er sich darauf, dass aus den erbittertsten Gegnern die wertvollsten Verbündeten erwachsen würden, eine Erfahrung, die sich während seiner Laufbahn bereits mehrfach bestätigt hatte.
Menschen, die in Extremen lebten, waren angewiesen auf die Bestätigung ihres Glaubens.
Nahm man ihnen den Boden unter den Füßen, erschütterte die Säulen, auf denen sich ihr Weltbild gründete, so verloren sie alles, was ihnen etwas bedeutet hatte.
Sie begannen sich, wie ein Fähnchen im Sturm nach dem nächstbesten, fundamentalistischen Prinzip auszurichten, das ihrer Existenz erneuten Sinn verlieh.
Auch David würde keine Ausnahme sein. Desillusionierte Agenten waren wie Soldaten.
Wies man ihnen Fehler in der Denkweise nach, auf der ihr Handeln aufbaute, brachte man die tönernen Füße, auf denen ihre Ideologiebasierte zum Zerbröckeln, so zerbrachen sie, stürzten in Schluchten, die einem Menschen, der sich nur seinem Gewissen verantwortlich fühlte und danach handelte, erspart blieben.
Nicht ohne Grund bestand der feste Kern des ‘ Schwertes ‘ aus Menschen, die aus dem einen oder dem anderen Grund ihren Kampf mit Waffen ausgefochten hatten.
Niemand benötigte dringender eine Basis und ein Ziel, als jemand, der beides schon einmal verloren hatte.
Und dass David beides verloren hatte, war mehr als deutlich. Jemand, der alles gegeben hatte, und dann mit Nichts als dem Beweis der Sinnlosigkeit seines Tuns zurückgelassen wurde, wollte mit offenen Armen aufgenommen werden, sehnte sich nach dem Versprechen, dass ein Schuldiger gefunden und bestraft würde, ob es sich nun um ein Land, ein Volk oder einen Politiker handelte.
Und all das würde er David gewähren, so wie es unzähligen anderen in dieser oder einer ähnlichen Situation quer über den Erdball verteilten Menschen gegeben worden war.
“Das Schwert des Göttlichen” sorgte für seine Kinder, gab ihnen großzügig, sofern sie sich ihm mit ganzem Herzen verschrieben.
Jemand wie David würde eine Bereicherung sein, ein Experte in Strategie und Waffentechnik, das Einzige, das ihnen in diesem Stützpunkt noch gefehlt hatte, um loszuschlagen.
Als hätte der Göttliche selbst es so gefügt, als hätte er geahnt, dass sie nur noch ein Zeichen benötigten, um losschlagen zu können.
Götz grinste in sich hinein. Sofort nach diesem Schauspiel hier, würde er die Basis kontaktieren und Waffen, Munition und Sprengstoff hierher liefern lassen. Es gab nun keinen Grund mehr, nicht auf das Allerbeste gerüstet zu sein.
David hielt seinen Blick ergeben gesenkt, bemühte sich, die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, nicht sichtbar werden zu lassen.
Unwillentlich ignorierte er die Vorgänge um sich herum, ließ sie einfach geschehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken, reagierte automatisch auf die wenigen Aufrufe zur Beteiligung.
Automatisch bekundete er seine Zustimmung zu den Aufnahmebedingungen, beugte den Kopf, um den Schwertschlag zu empfangen, der die Akzeptanz seiner Anwärterschaft symbolisierte, wiederholte das lateinische Gelöbnis, dessen Fehler in Satzbildung und Grammatik anscheinend niemandem außer ihm auffielen und wartete geduldig darauf, entlassen zu werden.
Endlich trat Jeremy wieder hervor, und David fing einen erleichterten Blick des Zentrumsoberhauptes auf, der ihm verriet, dass dieser ebenso wenig an die Heiligkeit seines Tuns glaubte, wie er selbst.
Doch das ehrfurchtsvolle Aufatmen, als auch die Zuschauer sich erheben durften und ihn in ihrer Mitte begrüßten, zeigte mit Deutlichkeit, dass wenigstens die Mehrzahl der Anwesenden von der Richtigkeit und Wichtigkeit der Vorgänge überzeugt waren.
“Du wirst dich nun bewähren müssen, David”, sagte King.
“Unser Führer wird dir deinen ersten Auftrag mitteilen, wenn du mit ihm allein sein wirst. Davon, wie gut du ihn erfüllst, wird seine Entscheidung abhängen, inwieweit er dich weiter einbeziehen wird. Aber ich weiß...”
Er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. “Ich weiß, dass du uns... dass du den Orden nicht enttäuschen wirst.”
“Ich werde mich seiner würdig erweisen”, sagte David und sah dem Rothaarigen fest in die Augen.
“So komm denn mit, und du wirst mehr erfahren.”
David folgte ihm in ein Nebenzimmer.
Im Vergleich zu dem eben verlassenen Raum, in dem die Teilnehmer der Zeremonie sich gerade anschickten, ein weiteres Ritual, untermalt von anschwellender Musik, durchzuführen, das in Davids Augen am ehesten mit einer Art Abendmahl zu vergleichen war, wirkte dieser hier klein, dunkel und trostlos.
Geduldig wartete er, lauschte auf die Gesänge, die die gut isolierten Wände kaum durchdrangen.
Endlich trat auch Götz ein, nun ohne sein zeremonielles Gewand.
Er nickte David nachlässig zu, bevor er die kleine Stufe zu einer Erhöhung erklomm, von der er den Jüngeren aus einer überlegenen Position betrachten konnte.
Er schlug einen großen Ordner auf, und rückte einige Papiere gerade.
David fühlte sich zurückversetzt in Schul- und Studentenzeit, musste gleichzeitig das psychologische Geschick bewundern, mit dem hier vorgegangen wurde. Ein Schema, das eine gewisse Wirkung auf die gewählten Zielgruppen nicht verfehlen dürfte.
“Du weißt, dass du dich bewähren musst!”Götz von Hallburgs kalte Augen penetrierten den Ergebenheit heuchelnden Blick des Agenten, der sich unter seinem Einfluss unwillkürlich duckte.
“Ich weiß.” David nickte.
“Du bist in einer einzigartigen Lage, und du wirst diese zu unserem Vorteil nutzen.”
Götz betrachtete ihn prüfend.
“Es hängt viel davon ab, dass wir dir vertrauen können. Können wir das, David?”
Der Angesprochene erwiderte den bis ins Mark forschenden Blick.
“Ich werde alles tun, um das in mich gelegte Vertrauen zu rechtfertigen. Er zögerte.
“Ich sehe es... ich sehe das als meine letzte Chance...”
In Götzs Augen blitzte es zufrieden auf.
“Und dies ist es auch. Doch, wenn ich dich richtig einschätze, dann wirst du mich nicht enttäuschen. Du weißt, worum es geht, und du weißt, dass Opfer gebracht werden müssen.”
Er intensivierte seinen Blick, eisiges Blau traf auf weichen Türkis.
“Und deine Geschichte erzählt mir, dass du bereit dazu bist, schon immer bereit dazu warst.”
Götz holte tief Luft.
“Um dieses Land rein zu waschen, werden wir bei seinen Wurzeln beginnen müssen. Vereinzelte Schreckschüsse werden nicht mehr reichen. Bald werden Gerechtigkeit und Ordnung die Erde wie einen schützenden Mantel überziehen. Und wenn dereinst der Orden herrschen wird, dann ist auch die Zeit gekommen, in der du erkennen wirst, dass der Allmächtige bereit ist, dir deine Sünden zu vergeben.”
“So sei es.” David sah vertrauensvoll hoch, erwartete in Demut die weiteren Anweisungen.
*
Alan schlug einen eintönigen Rhythmus.
Die ledrige Haut, die sich über das bauchige Holzgefäß spannte, vibrierte im Takt, wölbte und dehnte sich unter seinen Händen, die gleichmäßig, ununterbrochen, im sanften Schein einer einzigen Fackel, die Trommel bearbeiteten.
Sein Oberkörper wiegte sich langsam, die Lippen bildeten Worte, die keinen Anfang und kein Ende besaßen.
Der Rauch des kleinen Feuers wuchs, formte Gestalten, Bilder, Geschehnisse, die in ferner Vergangenheit oder auch in weiter Zukunft lagen.
Alan bemerkte weder Kälte, noch die Stunden, die an ihm vorbeizogen.
Er schwebte.
Die Trance trug ihn fort, gewährte ihm Zugang zu einer anderen Welt, erlaubte ihm, mehr zu sehen, weiter, tiefer, als seine Sinne es ihm jemals ermöglicht hätten.
Er flog durch die pechschwarze Nacht. Die dunklen Felder, Wälder und Hügel glitten tief unter ihm hinweg.
Die Sterne verbargen ihr Antlitz, der Himmel über ihm lastete schwer auf seinen beiden Schwingen, die ihn ruhig und gleichmäßig auf seinem Weg durch die Finsternis trugen.
Er suchte ihn, seine scharfen Augen erspähten jeden Grashalm, jedes Zucken eines schwächeren Lebewesens, das den gefährlichen Raubvogel über sich erahnte.
Sie durchdrangen die Dunkelheit, ebenso wie der rasche, lautlose Flug des Adlers die kühle Nachtluft durchschnitt.
Es war unumgänglich, dass er ihn fand.
Nicht nur Davids geheimnisvoller Aufbruch, jeder seiner bis zum Zerreißen angespannten Nervenenden, schrie unüberhörbar nach Hilfe.
Alan sandte sein Totem über das Land, durchquerte mit ihm die Gefilde der Lebenden und der Toten. Nichts würde ihn davon abhalten, keine Macht der Welt, David zu finden.
*
Noch hatte er nichts angerichtet, noch hatte er keine irreparablen Fehler begangen, kein einziges Leben, ob es nun ein ihm wertvolles oder ein fremdes war, ins Verderben gestürzt. Noch war Zeit, noch war nichts geschehen.
David stützte sich mit einem Arm gegen die graubraune, im Dunkeln kaum auszumachende, bröckelige Hauswand, nur wenige Schritte vom Beginn des Reservatgebietes entfernt.
Mit der anderen umklammerte er die Mitte seines Körpers, presste die Hand gegen den revoltierenden Magen, als könnte sie ihn davon abhalten den spärlichen Inhalt wieder hoch zu würgen.
Ihm war übel, er fühlte sich elend und gezeichnet, verdorbener denn jemals zuvor.
Er konnte das nicht mehr, war nicht mehr der Mann, der monatelang ein Kartell widerlicher Verbrecher täuschen konnte, der alles tat, was erforderlich war, um Vertrauen zu behalten oder zu gewinnen.
Er wusste nicht mehr warum.
Es existierte kein Grund in dieser Welt, zu lügen, sich zu verstellen, Dinge zu tun, die er zutiefst verabscheute.
Nein, es gab keinen Grund, sich oder das Wenige zu verleugnen, das von der Person, die er einst verkörpert hatte, noch übrig geblieben war.
Sein Innerstes verkrampfte sich, er sank auf die Knie und übergab sich auf die nackte Erde.
Kälte schüttelte ihn, und doch konnte er nicht aufhören zu würgen, den fruchtlosen Bemühungen, die sein bereits geleerter Magen unternahm, nachzugeben, bis er erschöpft zu Boden fiel und sich dort zusammenrollte.
Er musste nur ein wenig ausruhen, ein wenig Kraft schöpfen, und dann würde er all dem ein Ende machen.
Er würde verschwinden, die Qualen des Gewissens, die Lügen und Täuschungen zurücklassen, jemand anderem die Arbeit, die Verantwortung übergeben, jemandem, der sie tragen konnte.
Sein Magen schmerzte mit jedem weiteren Versuch, ihn von der unsichtbaren Last, die seine Seele beschwerte, zu befreien, und er stöhnte leise.
Ihm blieb keine Zeit, sich lange auszuruhen.
Die Morgendämmerung drohte, und damit die Möglichkeit, den Schutz der Dunkelheit zu seinen Zwecken zu nutzen.
Ein weiteres Stöhnen ging in einen trockenen Husten über, der bittere Geschmack in seinem Mund reichte aus, um seinen Magen erneut zum Revoltieren zu veranlassen.
Immer noch in fetaler Stellung zusammengekrümmt, versuchte er, seine unregelmäßigen Atemzüge zu beruhigen, den Puls zu senken.
Er erinnerte sich an die Wege des Geistes, die es ihm erlaubten, dem Körper zu entfliehen und dadurch einen Bruchteil der Ruhe zu schenken, die er benötigte.
Die forschenden Augen des Sektenoberhauptes, die sich seinen Gedanken aufzwangen, verwandelten sich in den kalten Blick Kranks, die glühenden Augen Starks.
Er zwang die hasserfüllten Stimmen der Menschen, die ihn verfolgten, ob lebend oder tot, ob Geister oder Sterbende, mühsam zurück.
Er zwang all diese Geister, die auf ihn eindrangen, miteinander verschwammen, ineinander übergingen, wuchsen, sich vermehrten, ihn zu verschlingen drohten.- er zwang sie zurück, wollte sie nicht ertragen, nicht mehr ein Teil von ihnen sein.
Er musste es schaffen, musste sich aufrichten und gehen, so schnell und so weit wie möglich, all dies hinter sich lassen, verschwinden.
Niemand durfte ihn mehr finden, niemand aufspüren, niemand zwingen, Verbrechen zu begehen, zu töten, zu zerstören, Menschen und Erde durch seine Hände leiden lassen.
David konnte sich nicht erinnern, wie es ihm gelungen war, sich in eine aufrechte Position zu kämpfen, geschweige denn vorwärts zu kommen.
Er hatte unermüdlich, einen unbekannten Pfad eingeschlagen, der ihn, wie er sehr wohl wusste, in keine andere Richtung, als seinem eigenen, endgültigen Untergang entgegen führte.
Würde ihn dieser Weg von der unerträglichen Last des Seins befreien und den Schmerz beenden würde, den er sich und anderen durch seine bloße Existenz zufügte, den er nicht erleichtern und nicht lindern konnte, egal welche Anstrengungen er auch unternahm?
Er stolperte vorwärts, blind in der Dunkelheit, obwohl der graue Schimmer des Morgens die Konturen der Pflanzen und Gebäude, an denen er sich vorbei mühte, beinahe schon erahnen ließ.
In ihm herrschten Finsternis und Schuld, das Wissen, dass, für welchen Schritt er sich auch entschied, die Konsequenzen nicht mehr zu ertragen waren.
Die Kraft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, war ihm vor langer Zeit genommen worden. Er wollte nur fort von diesem Ort, von diesen Menschen, die in ihrer Unschuld nichts von dem ahnten, was ihnen angetan werden sollte, was mit und ohne sein Zutun geschehen würde.
Ein Teil dessen zu sein, konnte er nicht mehr ertragen.
Die Nacht war sein Freund, verbarg ihn, schützte ihn, half ihm zu entkommen, die Pforte zu suchen, die ihn befreien konnte.
Keine Häuser mehr, keine Wälder, nur noch Weite.
Die Zeit dehnte sich in eine Ewigkeit der Furcht.
Furcht vor Entdeckung, Furcht davor, dem Schicksal nicht mehr entrinnen zu können.
Über ihm ertönte der heisere Schrei des Adlers, ein Windstoß erfasste David, trieb ihn vorwärts, bis sein Fuß sich in der Schlinge einer Wurzel verhedderte, und er erschöpft zu Boden fiel.
Auf allen Vieren kroch er vorwärts, nur noch ein wenig, nur noch ein kleines Stück, bis er ein Versteck finden würde, eine Höhle, in der ihn niemand würde aufspüren können, einen Weg, all dem ein Ende zu machen.
Seine Bewegungen wurden langsamer, mit unerträglichen Anstrengungen gelang es ihm, seinen Muskeln den Willen aufzuzwingen, von dem er wusste, dass er ihn besaß.
Bis der Wille brach, bis er aufgab, zusammensank auf der harten Erde.
Nur für einen Moment, nur ein Augenblick der Ruhe, nichts anderes erfüllte seine Sinne, als Beine und Arme ihm ihren Dienst versagten.
Die Wunde an seinem Hals blutete immer noch. Winzige Tropfen sickerten zu Boden, tränkten ihn mit dem Beweis seiner Lebendigkeit.
Der Adler spürte die verletzte Kreatur in der Tiefe, er kreiste über dem Wesen, das sich verzweifelt vorwärts wand, das einer Schlange gleich über Felsen und Hindernisse glitt, solange, bis auch das letzte Aufbäumen von Stärke dem kalten, schmalen Körper entflohen war.
*
Das scharfe Bremsen der Reifen, das rasche Klappen der Tür des lädierten Geländewagens, drang aus weiter Ferne in Davids Bewusstsein.
Beinahe lautlose Schritte, die hastig vorwärts auf ihn zu eilten, dunkle Schwingen, die ihn schützten, warme Hände, die ihn berührten, ihn drehten, seinen Rücken entlang fuhren, prüfend, tastend, ihn stützend, und ihn schließlich aufrichteten, bis ihm ein Stöhnen entfuhr.
Zitternd sog er die kühle Morgenluft ein, lehnte an der harten, starken Brust des Mannes, der ihn gefunden hatte, und von dem er im ersten Augenblick bereits gewusst hatte, dass es niemand anders als Alan sein konnte.
Er wehrte sich dagegen, doch er konnte nicht anders, als Halt zu finden in der Wärme, die ihn umströmte, Trost zu erspüren in den langen Fingern, die seinen Körper hinab wanderten, offensichtlich jeden Zentimeter nach Verletzungen oder gebrochenen Knochen durchsuchten.
David wollte sprechen, wollte ihm sagen, dass alles mit ihm in Ordnung, dass nichts geschehen war, das Alans Sorge bedurfte, und doch konnte er kein Wort hervorbringen.
Die unerwartete Geborgenheit, die ihn umspielte, brachte etwas längst in ihm Gestorbenes zum Schmelzen, ließ seine Augen brennen in dem Wunsch Tränen zu vergießen, wenn er noch, ja, hätte er noch welche übrig gehabt.
Aber er trug nichts mehr in sich, nichts mehr, das er hätte preisgeben können.
Und so entkam seinen Lippen lediglich ein trockenes Schluchzen, als Alan ihn, nachdem er seine Untersuchung abgeschlossen hatte, in seinen Armen wog, sanft und doch fest, und er spüren konnte wie des Lakotas Stärke in ihn eindrang, ihn liebkoste und erfüllte, bis seine Seele wieder Kraft und Mut schöpfte, so wie er es sich niemals hätte erträumen können.
“Alan.”
Nichts als ein Flüstern, doch der andere vernahm es, denn er verstärkte den Halt und bewegte seinen Mund hinunter zu Davids Nacken, ohne in der Bewegung innezuhalten.
“Schsch”, flüsterte er in Davids Ohr.
“Nur noch einen Moment.”
David schwieg und schloss die Augen, ergab sich dem Gefühl gehalten, getragen und auf unerklärliche Weise geheilt zu werden von einer Krankheit, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass er unter ihr litt.
“Nein!”
Seine Augen flogen auf, und er riss sich mit einem groben Ruck los, befreite sich von den ihn umstrickenden Armen, versuchte sich aufzurichten.
Es gelang ihm jedoch nur, sich ein winziges Stück von Alans dunkler Gestalt zu entfernen.
Die Schwäche ergriff ihn mit Macht, als er sich umdrehte, den ruhigen Blick des Anderen auf sich ruhen fühlte und der Versuch eines erneuten Atemzuges von seinen Lungen mit einem Stich, der sich anfühlte, als würde ihm ein brennender Speer durch den Oberkörper gestoßen, quittiert wurde.
Mit einem zischenden Laut sog er die Luft ein, biss die Zähne zusammen und krümmte sich nach vorne.
Alan beugte sich ebenfalls vor und berührte ihn an seiner Schulter, stützte und bewahrte ihn erneut davor zusammenzuklappen.
Mit kräftigem Druck schob er die Schulter ein Stück von sich weg, so dass die Haut an Davids Hals sich dehnte und er wiederum vor Schmerz zuckte.
“Warum haben sie das gemacht?”, fragte der Lakota leise, David mit seinen, wie schwarzer Onyx glänzenden Augen durchbohrend.
David hob seine Hand, ließ sie jedoch auf halbem Weg zu dem scheußlichen Brandzeichen, das sich mitleidlos in die empfindliche Haut gegraben hatte, wieder sinken.
Er versuchte, den Kopf zu schütteln, bereute die Bewegung, die sich als ein grausames Stechen in seinem Fleisch bemerkbar machte, jedoch sofort.
Erinnerungen flammten auf, die, obwohl nicht einmal wenige Stunden alt, bereits den Weg in die Schublade seiner Erinnerung gefunden hatten, in denen er Bilder wie diese einzuschließen pflegte.
Johlende, grölende Männer, für die dieser Teil der Zeremonie unzweifelhaft den Höhepunkt darstellte, ein strahlendes, mindestens einen Meter im Durchmesser messendes rötliches Metallgefäß mit einem lodernden Feuer als Inhalt und Zentrum des Geschehens.
Glühendes Eisen, das mit einem zischenden Laut seine Haut verbrannte, das Götz in die bereits unerträgliche Wunde presste, angefeuert von den Schreien der Zuschauer, die das Schauspiel in keinem Augenblick mehr genossen, als in dem Moment, in dem er angefangen hatte zu schreien wie sie.
Nur, dass es die Bitte um Gnade war, die seiner Kehle entflohen war, die Aufgabe all dessen, was er einst gewesen war, der Schwur von Treue, der bedingungslosen Anerkennung des Schwertes, dessen verzerrtes, blutendes Mal nun für immer in seiner Haut verbleiben würde, als Beweis seiner Schwäche, seines Versagens, seiner Falschheit.
“Lass mich gehen, Alan! Lass mich gehen, bevor Schlimmes passiert!”, wisperte er unhörbar, und doch konnte der Lakota seine Worte verstehen.
“Schlimmeres, als bereits geschehen ist?”, fragte dieser und sein Blick traf die in der Morgendämmerung bläulich grau scheinende Iris, die ihn unter sich hebenden, bebenden Lidern, suchte, fing den unsicheren Ruf nach Hilfe und bannte ihn mit seiner Ruhe.
David schluckte, versuchte den dunklen Augen zu entgehen, die ihn mitleidlos festhielten, die Wahrheit aus ihm zu erzwingen suchten. Doch er konnte es nicht, konnte nicht weiter, durfte nicht vertrauen, niemandem, niemals wieder.
“Ich muss fort”, flüsterte er erneut, beinahe flehend, eine sinnlose Bitte um Verständnis. Alan bewegte sein Kinn in Richtung der zornig roten Blase, die sich an einer Stelle des Brandzeichens gebildet hatte.
“Deswegen?”, fragte er?
“Warum lässt du das geschehen? Du gehörst nicht zu diesen Leuten.”
Seine Stimme enthielt keine Anschuldigung, nicht die geringste Spur eines Vorwurfes, ausschließlich Neugierde schwang in ihrem sanften Klang.
“Das tue ich, Alan.” Seine Worte klangen rau, fühlten sich an als würden sie mit Schleifpapier an seinen Stimmbändern reiben. “Du weißt nichts von mir. Du weißt nicht wer... was ich bin.”
“Denkst du das wirklich?” Dunkle Augen studierten jedes Beben, jedes Zucken, das sein Gesicht verriet, jede Bewegung, die nervöse Hände ausführten in dem Versuch abzuwehren, zurückzudämmen, zu schützen, zu bewahren.
Doch David wusste schon seit langer Zeit, wie er seine Gesichtszüge unter Kontrolle halten, Emotionen vortäuschen oder verbergen, Gefühle unter Verschluss halten, in jeder erforderlichen Intensität äußern oder für immer fortsperren konnte.
Techniken der Verstellung, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen, von ihm Besitz ergriffen hatten, mehr als er von ihnen.
Und obwohl Alan diese Fassade mehr als einmal durchbrochen hatte, ja, im Begriff war, sie wieder zu durchbrechen, konnte David dieses fremde Eindringen nicht zulassen.
Er konnte es nicht ertragen, einen Menschen in diesen geschützten Platz in seinem Inneren einzulassen, nicht noch einmal, nicht noch mehr.
Er wusste nicht, um was er noch fürchtete, was es sein konnte, das Alan noch in der Lage wäre, ihm zu nehmen, und doch scheiterte er an dem alleinigen Gedanken, konnte die Kraft nicht aufbringen, auch nur die Möglichkeit zu erwägen, sich ihm gegenüber zu öffnen.
David wich weiter zurück, versuchte, gestützt auf Händen und Knien aufzustehen, fortzukommen, weiterzugehen, zu tun, was er sich vorgenommen hatte.
Er verschloss den Ausdruck in seinen Augen, spannte die Gesichtszüge an, ohne den bohrenden Augen auszuweichen.
Sein Körper straffte sich wieder, und er atmete langsam, gewann Zeit, Zeit zu überlegen.
Alan beobachtete den Kampf, der in David stattfand, erschüttert von dem gnadenlosen Streit, der in dem schmalen Mann tobte, und der keine Sieger hervorzubringen schien, nur Verluste auf allen Seiten.
Ob David wusste, wie er ihn sah?
Ob er ahnte, dass der Lakota erkennen konnte, was mit ihm geschah, ohne es wirklich zu sehen, dass seine perfekte Art der Verstellung ihn nicht täuschen konnte?
Alan fragte sich, ob nur er es war, dem die Seele dieses Mannes offen lag, der fühlen konnte, was er fühlte ohne zu wissen, was er wusste.
Lag es an dem, was er war, wer er war, oder gab es diese Verbindung wirklich?
Das Band von dem er geträumt, das er sich gewünscht, ersehnt hatte, so sehr, dass er nicht wusste, ob er seiner Existenz vertrauen sollte, dessen Fasern so deutlich zu ihm wiesen, und das sich zu wünschen, er dennoch nicht zugegeben hatte.
Nicht, bis er David auf der kalten Erde liegen sah, der leblose Körper kein Zeichen aufweisend, dass er noch einen Geist enthielt.
Und obwohl ihm sein Gefühl versichert hatte, dass David noch am Leben war, dass er es gewusst hätte, tief innen gefühlt, wenn das Leben seinen Körper verlassen hätte, so hielten doch die eiskalten Finger sein Herz in ihrem mörderischen Griff.
Sie hatten sich wie schneidende Eiszapfen in sein Zentrum gebohrt, gedroht, ihm zu entreißen, was er geglaubt hatte, das ihm schon vor langer Zeit entrissen worden war.
Als er den lebenden, atmenden Körper dann in seinen Armen gehalten hatte, da war es ihm in glasklarer Deutlichkeit vor Augen getreten, da hatte er endlich gewusst, was er sich wünschte, und gleichzeitig die Trauer gefühlt, den Verlust, da es ihm niemals gehören konnte.
Doch lebte David, und solange er lebte, würde Alan er für ihn da sein, würde verhindern, dass David sich das antat, was der dunkle Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte, ihm eingab zu tun.
*
• * * *
•
“Es tut mir leid, Alan.”
David kam sich leer und hohl vor, als er die Worte aussprach. Trotzdem wiederholte er sie.
“Es tut mir leid. Es gibt keinen anderen Weg.”
Er legte Festigkeit in seinem Blick, erbebte jedoch, als ihm Alans verschlossenes, jedoch für ihn weit geöffnetes Wesen, entgegentrat.
Alan streckte seine rechte Hand aus, als wollte er den körperlichen Kontakt wieder herstellen, dem was er sagte, Bedeutung verleihen.
“Was auch immer dich quält, wer auch immer dich jagt, dich zwingt Dinge zu tun, unter denen deine Seele leidet, ich werde dir helfen, ihm zu begegnen. Du bist nicht allein in dieser Schlacht. Die Geister, die uns zusammengeführt haben, kannten den Grund. Einen Grund, den auch wir eines Tages erkennen werden.”
“Das ist keine Schlacht, Alan. Kein Kampf für dich. Du bist mehr, besser als das...”
David senkte den Kopf, müde, ausgebrannt. “Du musst das verstehen. Ich bin nicht das, wofür du mich hältst.”
Alan fuhr damit fort, ihn stumm anzusehen.
David fühlte sich, als würde ihn der Blick Schicht für Schicht entblättern, als wollte er nicht eher ruhen, bis er sein Zentrum erfasst und enthüllt hatte.
“Ich werde dich nicht gehen lassen.”
David blickte auf, hypnotisiert von der Macht dieser Augen. “Du weißt nicht, was du sagst.”
Seine Stimme klang tonlos.
“Egal was auf dich lauert, David. Ich werde dir helfen, das durchzustehen.”
“Du hast keine Ahnung, worum es geht.”
“Nein.”
Alan trat auf David zu, bis er die Wärme des anderen Körpers spüren konnte.
“Erzähl mir davon, David, und wir werden damit fertig.”
David schüttelte den Kopf.
“Du weißt nicht, was du da tun willst. Ich werde gehen, ich muss es tun. Verschwinden, solange es noch möglich ist.”
“Ist es denn noch möglich, David? Kannst du gehen?”
Der Blonde sah auf. Die ersten Strahlen der Morgensonne erreichten den Horizont, warfen einen überirdischen Schein, der den Größeren umrahmte, das Dunkel seines glänzenden Haares vertiefte, das markant geschnittene Gesicht in Schatten tauchte, aus denen lediglich die Augen wie schwarze Perlen auf ihn herab schimmerten.
Der exotische Duft nach fremden Kräutern und seltsamen Gewürzen, erfüllte schwer seine Sinne, drängte sich machtvoll in sein Bewusstsein, zeigte ihm, was er niemals wieder hatte entbehren wollen.
Und er ahnte, dass es zu spät war, dass er nicht mehr fliehen konnte, dass die Zeit abgelaufen war, die Fänge all derer, die ihn umklammern wollten, von überall her aus dem Boden krochen, ihn erspürt hatten, ihn in ihr Netz gewoben, nie mehr zulassend würden, dass er sich aus ihren Klauen befreite.
“Wenn du mich nicht gehen lässt, so wirst du es bereuen.”
Ein letzter, verzweifelter Versuch, sich frei zu winden,... zum Scheitern verurteilt, wie all die vergeblichen Versuche zuvor. Sein schmerzerfüllter Blick warnte Alan, erzählte ihm von dem Fehler, den er zu machen bereit war.
“Ich würde es bereuen, dich fortzulassen”, antwortete Alan schlicht.
“Es ... es gibt eines...”David schluckte und wandte den Blick wieder ab.
“Etwas, das ich dir erzählen muss, es ist wichtiger als alles andere. Etwas, das du sofort tun musst.”
Er sah auf seine Füße, den Staub, der seine ausgetretenen Schuhe bedeckte.
“Du musst deine Familie wegbringen. Hier ist bald niemand mehr sicher. Bring sie fort, bring so viele wie möglich fort von hier.”
“Es ist unser Land, David.”
“Ich weiß... es ist nur...”Er stockte.
“Es gibt Leute, die das anders sehen, und die vor nichts zurückschrecken werden... vor gar nichts, Alan. Bring die Kinder fort!”
“Du verstehst nicht, David. Wir haben nichts anderes, als unsere Wurzeln.”
David rieb sich die Stirn.
“Und die sind stark und werden auch das hier überstehen, wie immer es sich entwickelt. Alan...”, er blickte hoch.
“Ich kann dir nichts sagen, ich weiß selbst nichts, das dir, das euch helfen könnte. Aber...”
David stockte wieder. “Ich weiß, dass ich Carmen und Hawk in Sicherheit wissen möchte, dass ich alle hier in Sicherheit wissen möchte, dass, egal was ich tun werde, egal was passieren wird...”
Sie werden sicher sein, David. Ich verspreche es.”
“Alan, ich ... ich kann dir nicht mehr sagen... es wäre wirklich besser, ich würde...“
David blickte zur Seite, wo stumpfe Farben begannen, in dem Licht zu leuchten, das sich aus den über ihnen zusammenziehenden Wolkenbergen seinen Weg bahnte, sprach leise, mehr zu sich selbst.
“Du weißt nicht, was den Menschen zustößt, die... die in meiner Nähe bleiben, die nicht die Gelegenheit ergreifen, sich, so weit sie können, von mir zu entfernen.”
Alan trat näher. “Komm mit mir. Es wird alles gut werden.”
Müde schüttelte David seinen Kopf, eine beinahe unmerkliche Bewegung.
“Ich...”
Alan streckte seine Hand aus, berührte ihn an der Schulter, sah auf ihn hinunter, lange, intensiv, beschwörend, bis David endlich zu ihm aufblickte.
Er zitterte, seine Knie drohten nachzugeben, die Erschöpfung überfiel ihn mit Macht, forderte erneut ihren Tribut.
Gerade noch rechtzeitig gelang es dem Lakota, ihn zu stützen, seinen Arm um ihn zu legen und ihn an sich zu ziehen, bevor er das Gleichgewicht verlor.
Er ergriff Davids nach vorne baumelnde Hand und legte sie sich um den Nacken, übernahm das Gewicht, das sich ihm entgegen lehnte mit spielerischer Leichtigkeit.
Seine Augen hielten den Blick Davids fest, ihn mit sich nehmend, seine Last tragend, als bestände sie in nichts Schwererem, als dem Flaum einer Feder.
*
“Ich habe es dir gesagt, du machst einen Fehler.”
Thomas schüttelte ärgerlich seinen Kopf, fuhr sich durch das abstehende Haar. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen, als er seinen Cousin wütend anstarrte.
“Ich weiß, dass es einen Grund für all das gibt. Vertraue mir, er wird das Richtige tun.”
“Natürlich.”
Thomas schnalzte mit der Zunge, er musterte Alan beinahe spöttisch, atmete tief durch, bevor er fortfuhr.
“Meine Geduld hat auch irgendwann ein Ende. Ich kann nicht verstehen, dass du...”
Er biss sich auf die Zunge, starrte auf den Boden, bevor er sich abrupt umdrehte. “Mach was du willst, Alan... ich bin nicht bereit, dir in dieser Sache zu folgen.”
*
David wartete.
Die Schritte entfernten sich, erst die des einen Mannes, dann die längeren Alans, dessen weichen Gang er bereits problemlos aus allen anderen Geräuschen heraushören konnte.
Er schluckte das Bittere, das sich seine Kehle hinaufarbeiten wollte, hinunter, und lauschte noch einmal in das dämmerige Gebäude hinein.
Die Würfel waren gefallen, alles Weitere lag nicht mehr in seiner Hand.
Er rieb die feuchten Hände an seiner Jeans trocken, bevor er lautlos die Tür öffnete.
Sie hatten sich entfernt, das Haus war frei von jedem Lebenszeichen, und ihm blieb nur noch die Hoffnung, dass seine Warnung nicht auf taube Ohren gestoßen war, dass der stolze Lakota verstand, was er ihm anzudeuten versucht hatte.
Vorsichtig schlich er den schmalen Gang entlang, die ausgetretenen Stufen hinunter, sorgfältig jede knarzende Stufe, jedes schiefe Brett, das ein Geräusch von sich geben konnte, vermeidend.
Er war allein, aber dennoch nicht bereit, ein Risiko einzugehen, beachtete automatisch jede Vorsichtsmaßnahme, umging jede Quelle für eine mögliche Lautentwicklung.
Es war beinahe dunkel, die Zeit des Wartens hatte ein Ende gefunden.
David öffnete das enge Fenster, das in Richtung des Stalles zeigte, das er vorsorglich schon während einer seiner ersten Erkundungstouren durch das Gebäude geölt hatte, und schwang sich wie ein Schatten hinaus in die Nacht.
Nur das sanfte Zirpen der Insekten, die mit der Dunkelheit zum Leben erwachten, mischte sich mit dem leisen Rascheln des Strauches in den er sich duckte, obwohl Stimmen und Schritte der Männer sich auf ein entfernteres Ziel zu bewegt hatten.
Er wartete wieder, um sicher zu gehen, dass er alleine war, dass kein zweites menschliches Wesen außer ihm den Boden der Farm betreten hatte.
Die verbrannte Haut an seinem Hals schmerzte höllisch, sicherlich nicht zuletzt, da er die kühlende Salbe, mit der Alan die Wunde versorgt hatte, sobald dieser gegangen war, wieder abgerieben hatte, vermutlich etwas zu gründlich, denn er hatte erst aufgehört zu reiben, als er das Blut fühlte, dass seinen groben Fingern entgegen quoll.
Aber er hatte es nicht riskieren können, dass ihn die Medizin des Schamanen betäubte, dass ihn die Substanzen, die jener verwendete, einschläfern oder abstumpfen würden, denn, wie heilsam und wohltuend dessen Kunst auch gewesen war, er war lange genug schwach gewesen.
Welche Macht auch immer Alan über ihn ausüben mochte, welchen Einfluss er über seinen Verstand gewonnen hatte, es spielte nun keine Rolle mehr. Der Lakota hatte die Entscheidung selbst getroffen, ihn von sich aus gezwungen, seinen düsteren Weg weiterzugehen.
David schlich weiter, nutzte Schatten, nutzte sein Wissen, nutzte die Kenntnisse, die er sich im Laufe seines Lebens erworben hatte, als er lautlos, schlangengleich seinen Weg suchte.
Die Messer, die er Alan entwendet hatte, schmiegten sich kalt an seine Hüften und sein Bein, Vorboten dessen, worauf er sich gefasst gemacht hatte.
*
“Okay Mann. Du bist die Rothaut von uns.”
Phil rieb sich die Hände, warf David einen immer noch zweifelnden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Wenn der Boss meint, du hättest hier den Durchblick, dann beweis uns doch mal, was du drauf hast.”
Er grinste hämisch, nickte Calvin zu, der sich gerade an den beiden anderen Männern, die aus dem zweiten Truck kletterten, vorbeidrängte.
“Was sagst du dazu, Dicker?”
“Halt’s Maul”, zischte der andere, sich sichtlich unbehaglich fühlende Mann.
“Schluss damit”, fuhr David dazwischen.
“Für so etwas ist keine Zeit.”Er näherte sich dem Fahrzeug und untersuchte die Ladung.
“Gut.” Er nickte. “Es wird nicht viel ausrichten, aber für einen gewaltigen Schreckschuss sorgen, wenn ihr...”, er betrachtete die traurigen Gestalten um sich herum mit Skepsis.
“Wenn ihr schnell und vorsichtig arbeitet, und euch nicht erwischen lasst.”
“Und wo bleibt da der Spaß?”, murmelte eine hinter dem Koloss neben Calvin verborgene Stimme.
“Ich dachte, wir heizen denen nicht nur ordentlich ein, sondern zeigen ihnen ein für allemal, was Sache ist... Jeremy hat gesagt...”
“Jeremy ist nicht hier”, schnitt David ihm das Wort ab. “Er hat mir das Kommando für diesen Einsatz übertragen.”
“Jetzt spiel dich mal nicht so auf, Bürschchen”, rief die immer noch körperlose Stimme etwas lauter.
“Ich weiß, dass wir freie Hand haben, wir könn’ anstellen was wir wollen, die Bullen aus der Stadt drücken beide Augen zu.”
Davids Augen durchbohrten die Dunkelheit. “Das wird dir aber nichts helfen, wenn du einen Pfeil im Rücken hast, also gib Ruhe.”
“Deshalb machen wir das Ganze doch, Mann. Wir wollen die nicht mehr - also, warum nicht gleich Nägel mit Köpfen? Ich hätte nicht übel Lust, einer der eingebildeten Squaws zu zeigen, wo der Hammer hängt, während ihr Häuptling an einer Ladung Schrot krepiert.”
“Es reicht!” David erhob nun auch seine Stimme. “Darüber gibt es keine Diskussion.”
“He, was glaubst du, wer du...”
Weiter kam er nicht. Ein gezielter Schlag landete auf dem Kinn Phils, der entgeistert zur Seite taumelte, und dabei Calvin mitriss.
Der Weg zu dem aufmüpfigen Sprecher war nun frei, und David zögerte keine Sekunde.
Ein Tritt in den Magen, unmittelbar gefolgt von einem Stoß mit dem Ellbogen ließ den Mann zuerst nach vorne und dann wieder rückwärts stolpern, bis er mit einem blechernen Laut gegen den Truck stieß und an dessen Seite herabsank.
“Hat noch jemand etwas zu sagen?”
Davids Augen blitzten.
Die Männer sahen betreten zu Boden, zwei von ihnen halfen Phil wieder auf, der an der Lippe blutete, die anderen blieben bewegungslos, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt.
“Schon gut, Chef... was du sagst!”
David nickte und deutete auf die Kanister, mit denen der erste Wagen gefüllt war.
“Ihr könnt nur hoffen, dass uns bis jetzt niemand gehört hat. Haltet euch an den Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat.”
Schweigend belud sich einer nach dem anderen, nahm Lampe und Wegbeschreibung entgegen, bevor sie sich trennten, jeweils zu zweit in verschiedene Richtungen verschwanden. David ergriff den letzten Kanister.
“Das werden sie dir übelnehmen, Junge.”
Der grauhaarige, hagere Mann, der zu seiner Begleitung ausgewählt worden war, sah ihn interessiert an.
“Hast du eine Ahnung, wie lange die sich schon darauf freuen, loszulegen?”
David schüttelte verächtlich den Kopf.
“Dann sollten sie sich fragen, warum sie einen wie mich gebraucht haben. Einen Krawall starten kann jeder.”
Der andere zuckte mit den Schultern. “Ich weiß nicht, du wirst sie kaum davon abhalten können, mehr zu wollen. Die Wut staut sich schon zu lange.”
David biss sich auf die Zunge. Das Letzte, das ihm jetzt noch fehlte, wäre eine Diskussion dieser Art.
“Wir gehen”, murmelte er und trabte los ohne sich umzusehen.
Licht war nicht notwendig, er kannte die Gegend in und auswendig, jeder Stein war ihm vertraut geworden.
*
Der stechende Geruch des Benzins betäubte Davids Sinne, als er den Kanister gegen die Gebäudewand leerte, genau an der Stelle, an der er in dieser Nacht schon einmal gelauert hatte.
Er blendete Gedanken, Gefühle aus, funktionierte automatisch, erfüllte die Aufgabe, die er geschworen hatte zu erfüllen.
Das Feuerzeug schnappte auf, die gelbe Flamme züngelte hoch, leckte hungrig an dem morschen Holz, bevor sie mit einem gewaltigen Zischen zu explodieren schien, höher und höher stieg, den Fensterrahmen erfasste, umarmte, in blendender Helligkeit und betäubender Hitze verschlang.
David wich zurück, deutete seinem Begleiter einen Befehl zum Rückzug an, und entfernte sich rückwärts von dem orange glühenden Quell der Zerstörung.
Er blickte auf seine Uhr. Die Zeit war festgelegt worden, an strategisch ausgewählten Orten würden nun überall die Flammen an Wänden empor kriechen, an sorgfältig angeordneten Holzstößen knabbern, Vorräte und Sicherheiten zu Asche machen.
David fühlte sich hypnotisiert von der Schönheit des Feuers, das wuchs und sich entfaltete wie exotisch fremdartige Knospen, die ihre flammenden Blütenblätter gen Himmel reckten.
Als hätten die Mächte der Erde nur darauf gewartet, dass sich der Funke entzünde, so endete die unbemerkt eingetretene Windstille, der Moment von dem niemand sagen konnte, ob oder wann er begonnen hatte, den sie wie gefangen in einer Glasblase durchlebt hatten.
Ein Orkanstoß fegte über das Land, fuhr durch die Flammen, trug sie höher und höher, streute leuchtende Sterne, glitzernde Punkte über Häuser, Bäume, Wege, wirbelte sie zusammen mit trockenen Blättern und Gräsern hoch, ließ sie in Strudeln auf und nieder tanzen, als folge unmittelbar, unerwartet auf Schweigen und Tod die Gewalt des Lebens.
Sand füllte die Luft, drang in die Augen, behinderte die Sicht, doch verbarg nicht das unnatürliche Licht, das den Himmel über dem Reservat an unzähligen Ecken und Winkeln erleuchtete.
*
Alan sah aus zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen nach oben.
Kleine Steinchen und Zweige stachen in seine Haut, aber mehr noch schmerzte ihn das Wissen, dass die mit gelben Schwaden durchwobene Atmosphäre, die emporsteigende Hitze Unheil und Verlust bedeutete.
Einen Moment ausnutzend, in dem die Natur pausierte, noch ein letztes Mal Luft holte, bevor ihr Toben beginnen konnte, sprang der Lakota behende über die letzten Hindernisse, die ihn von seinem Ziel trennten.
Geduckt lief er zu der niedrigen Scheune, glitt durch den offenen Spalt, der sich ihm bot, während er das lose Brett, das Jonas schon sein Jahren vorgehabt hatte zu befestigen, beiseite schob.
Die Boxen der Pferde zu öffnen und diese mit einem leisen Pfiff, der in dem Tumult der sich ändernden Witterung unterging, und sanfter Gewalt ins Freie zu locken, war eine Aufgabe von Sekunden.
Sie würden sich in Sicherheit bringen, die Tiere kannten das Land, und wenn alles vorbei wäre, würden sie zurückkehren, ebenso wie die Menschen.
Alan wich einem Nadelzweig aus, der drohte ihm durch das Gesicht zu fegen, duckte sich vor der Gewalt der Elemente, die um ihn herum wüteten.
Über ihm brodelte es, die Schleusen des Himmels bebten, standen kurz davor zu zerbersten, bewiesen zumindest, dass früher oder später dem Feuer Einhalt geboten werden würde.
Alan lehnte sich dem aufheulenden Windstoß entgegen, und die Überzeugung wuchs in ihm, dass er hier sein musste, nicht nur, um Jonas’ Pferde zu befreien, sondern auch, weil es seine Pflicht war, hier zu sein, etwas zu bezeugen, wovon noch niemand wusste, wohin es sie führen würde.
“Verdammt, bleib stehen, Bastard!”
Eine Kugel pfiff haarscharf an ihm vorbei durch die Nacht, und er taumelte zur Seite, stützte sich mit einer Hand auf und versuchte in Deckung zu gehen, als ein zweiter Schuss fiel, und sein Schienbein durchschlug, bevor er in die Schatten vor ihm abtauchen konnte.
Alan zuckte zusammen, unterdrückte einen Schmerzenslaut, kämpfte sich vorwärts.
Doch das verletzte Bein versagte ihm den Dienst, knickte ein, und er stolperte, rollte sich ab, konzentrierte sich auf das einzige Ziel.
Wäre er erst im Dunkel verschwunden, würde es ihm leichter fallen, sich unsichtbar zu machen, könnte er sowohl seinen Instinkt als auch den klaren Heimvorteil nutzen.
“Letzte Chance, Mistkerl!”
Schneidend die Stimme, hart und mitleidlos.
Bevor Alan reagieren konnte, erklang erneut ein Schuss, streifte seine Schläfe, pflügte eine beißende Kerbe in sein Ohrläppchen, während er instinktiv versuchte, dem trommelfellzerfetzenden Knall auszuweichen.
Er stürzte vorwärts, spürte gleichzeitig einen schweren Schlag in den Nacken, gefolgt von einem Tritt in seine Nierengegend, der ihm den Atem nahm und endlich die Besinnung raubte.
“Ich hab einen!” Grinsend rieb der Sprecher den Griff seines noch rauchenden Revolvers.
“Scheiße Mann, ich war’s, der den erledigt hat”, überschrie ein Anderer den Lärm.
Alan stöhnte, spürte ein Stechen in seinem Bein, fühlte das Blut in den Boden sickern.
Der Wind jammerte über ihn hinweg, der steinige Boden hatte sein Gesicht aufgescheuert.
Mühsam versuchte er, sich aufzustützen, hochzukommen.
“Verdammt, die Rothaut lebt noch.”
Die Blicke der beiden Brandstifter trafen sich.
“Ich mach ihn kalt.”
Der Schütze entsicherte seine Waffe von neuem.
“Mach hin, hier dürft’s gleich aussehen wie im Fegefeuer. Das is nix für Mamas Sohn.”
Seine Arme wollten ihn nicht tragen.
Alan unternahm eine verzweifelte Anstrengung sich seitwärts zu rollen, dem Schicksal, das sich ihm androhte, zu entgehen.
Das Aufheulen, das sich seinen Lippen entrang, wurde verschluckt von dem Geheul des aufkommenden Sturms, dem beängstigend lautstarken Knacken und Knistern, das trockenes Holz ertönen ließ, wenn es verbrannte.
“Was ist hier los? Wieso seid ihr bewaffnet?”
“Verpiss dich, David. Wir haben dir gesagt, dass wir aufräumen, und hier liegt genug Müll herum.”
“Gib mir die Waffe!”
“Hol sie dir, Arschloch!”
Geräusche eines Kampfes, eines kurzen Kampfes.
Alans Armen gelang es endlich, seinen Körper abzustützen.
Er biss die Zähne zusammen, und verlagerte Gewicht auf sein heiles Bein, drehte sich leicht, um einen Blick auf das Geschehen werfen zu können.
Einer der Männer lag am Boden, sein Revolver blitzte nun in Davids Händen auf.
Der Agent atmete schwer, sein schmerzverzerrtes Gesicht das einzige Zeugnis der Treffer, die er hatte einstecken müssen.
Aber er richtete die Waffe nicht auf den bewusstlosen Körper vor ihm, sondern auf ein Gegenüber, das ihn ebenfalls mit einem, sich im Anschlag befindlichen Schnellfeuergerät bedrohte.
Hinter seinem Gegner tauchten nach und nach weitere Gestalten auf, Augen und Münder aufgerissen in einer Mischung aus Hass und Ekstase.
“Verdammt, David. Hör auf Zicken zu machen.”
“Die Waffe runter!”Schneidend durchdrang Davids Stimme das Chaos, biss sich wie ein Pfeil in Alans Sinne.
“Das werde ich nicht!”Der andere antwortete verstockt.
“Das war nicht abgesprochen.”
“Scheiß drauf, Mann!”
Calvin schrie vor Wut. “Wir haben eine Rechnung zu begleichen.”
“Die feigen Memmen haben sich verpisst. Die beschissenen Hütten sind leer.”
Phil stieß ihn beiseite. “Wir wollen Blut fließen sehen, und haben keine Lust, uns den Spaß verderben zu lassen.”
Die Männer traten zusammen, bildeten eine geschlossene Einheit, die unausgesprochene Drohung deutlicher in ihrer Absicht, als das sich über ihren Köpfen zusammenballende Verhängnis.
David blickte aus den Augenwinkeln hinüber zu Alan, der noch am Boden lag, doch versuchte sich vorwärts zu schieben, den Körper verdreht, ein Bein hinter sich her ziehend.
Ihre Augen trafen sich. “Die Rothaut muss krepieren. Wir lassen uns nicht mehr auf der Nase herumtanzen.”
David zögerte nicht mehr.
Er visierte sein Ziel an, die Welt stand still, und er schoss. Ein entsetzter Aufschrei und sein Gegenüber hielt ein blutendes Handgelenk.
Die Waffe lag im Staub.
David schoss erneut. Diesmal traf die Kugel haarscharf neben Calvin in eine Hauswand.
Die nächste pfiff an Jeremys Kopf vorbei.
“Das hier ist meine Verantwortung”, brüllte David.
“Ihr verschwindet und ich erledige das.”
“Mach ihn kalt, Chef!”
“Ihr geht jetzt... sofort!”
“Nicht bevor...“
Die Männer bewegten sich vorwärts.
David glaubte ein tiefes Grollen zu vernehmen, Natur oder blinde Wut hatte gesprochen.
Er wandte sich zu Alan, durchmaß die Entfernung zwischen ihnen in raschen Schritten, riss ihn mit der freien Hand an seinen Haaren hoch und zerrte ihn mit sich. Das noch heiße Metall der Waffe bohrte sich gegen Alans Schläfe, ließ ihn zurückzucken. Vergeblich! David hielt ihn in eisernem Griff.
“Verschwindet!”
David glaubte Regentropfen zu spüren, die in der Hitze des tobenden Feuers verdampften.
Er krümmte seinen Finger, betätigte den Abzug, schoss, bekämpfte die Gewalt des Rückstoßes, schoss ein zweites Mal, schleifte den zusammengesackten Körper noch ein weiteres Stück und ließ ihn dann achtlos fallen.
Ohne ihm auch nur noch einen Blick zu schenken, riss er sich los und folgte den vor dem plötzlichen Regenguss fliehenden Männern.
“Scheiße, Mann, du hast’s drauf!”
Der Grauhaarige grinste, als David zu ihnen in den Jeep kletterte.
Phil sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an, doch David reagierte auf keinen von beiden. Er sicherte die Waffe, schob sie in den Bund seiner Jeans und vergrub dann das Gesicht in den Händen.
Die Wagen schlitterten auf den aufgeschwemmten Wegen.
Wie ein nasser Vorhang kam der Regen herab gerauscht, durchtränkte Lebendiges und Totes, verschluckte die Szenerie vor neugierigen Blicken.
Flammenmeere erstarben in der Gewalt des niedergehenden Schwalles, der flutartig herabstürzenden Wassermassen.
Rauch, Qualm, Asche, Kohlenstaub, alles vermischte sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer schweren, schwarzen Masse, in der Menschen und Fahrzeuge zu versinken drohten.
Stöhnend trieben die Motoren ihre Last vorwärts, ungeachtet der Flüche und Beschimpfungen, die die Menschen über ihnen ausstießen.
David reagierte auf Nichts davon.
Weder auf die Wut, die Äußerungen, hervorgerufen durch Frust, Enttäuschung und Unbehagen, noch auf die Kämpfe, die die Fortbewegungsmittel ausführten, um ihre Flucht, ihr Fortkommen zu ermöglichen. Er wartete, wartete und hoffte.
*
Der Regen schlug wütend auf die hilflose Erde, reinigte sie, bewegte alles, was sich bewegen ließ, wusch die Spuren des Feuers schneller fort, als es vor wenigen Minuten noch vorstellbar gewesen wäre, ließ hohle Löcher, schwarz ausgebrannte Ruinen zurück.
Alan tauchte langsam aus den Tiefen der Bewusstlosigkeit auf. Sein Kopf dröhnte, seine Glieder schmerzten.
Blitzartig flammte Davids Gesicht in seiner Erinnerung auf, Eiseskälte, beinahe Mordlust in den geweiteten Augen, die ihm im Licht der Flammen glasig und stählern erschienen waren.
Für einen Moment hatte Alan gezweifelt, seine Intuition in Frage gestellt.
Doch sie hatte ihn nicht getäuscht, wenngleich er diesen Verlauf der Ereignisse nicht erwartet hätte.
Seine Haut brannte wie das Feuer, das im Wasser ertrunken war, dem Wasser, vor dem Alan wenigstens halbwegs geschützt wieder zu sich kam.
Er erinnerte sich an den Schuss, der ihm die Schläfe versengt, seine Haare dort gekräuselt und von seinem Kopf gezerrt hatte, bevor sie aufgrund der Hitze in der Atmosphäre verglühen konnten.
Er erinnerte sich an den zweiten Schuss, der den Stoff seines Hemdes durchschlagen, eine rote Brandspur quer über seinen Rücken gerissen hatte, und nur deshalb nicht in der Lage gewesen war, seine Arterien zu zerfetzen, weil David Alan im Moment des Abfeuerns brutal seitwärts manövriert und mit einem raschen Stoß seines Knies die Richtung des Falles gelenkt hatte, der mit seinem Sturz in die Besinnungslosigkeit endete.
Nichtsdestotrotz blieb er verletzt, blutete aus mehreren Wunden, und das Dröhnen in seinen Ohren übertönte die Geräusche des Regens.
Alan konzentrierte sich auf seine Atmung, begann den Schmerz aus seinem Bewusstsein zu verbannen.
Das Dröhnen wurde lauter, als er versuchte sich aufzurichten.
Die Verletzung seines Schienbeines behinderte ihn. Die Zweige und Äste, in die er gestürzt war, hatten seinen Körper zerstochen, ihm jedoch gleichzeitig den unmittelbaren Kontakt mit dem verschlammten, bald einem Moor ähnelnden Boden erspart.
Über ihm wölbte sich ein kurzes Vordach, das den Großteil der Feuchtigkeit ferngehalten hatte, und an das der halbzerfallene Geräteschuppen, den sich die drei umliegenden Farmen teilten, grenzte.
Alan ertastete das Holz der Wand. Seine Finger suchten wie von selbst einen Spalt, und er zog sich hoch bis es ihm gelang, sich zu setzen. Aufatmend lehnte er sich an das raue Holz, das Geräusch in seinen Ohren unverändert. Er schloss die Augen, hoffte, dass der Schwindel nachlassen, die Schwäche vergehen würde, betete stumm um Stärke.
Die Ahnen, die er anflehte, vernahmen sein Flehen, sandten ihm ihre Kraft, ihre Ruhe und den Willen, seinen Weg weiterzugehen.
Alan drängte die rot glühenden Wogen, die seinen Körper erschütterten, zurück. Unerbittlich strömten sie mit dem Ziel auf ihn ein, ihm die Besinnung zu rauben, ihn seinen Qualen erliegen zu lassen.
Schmerz und Angst waren Kräfte, mit denen er umgehen konnte, die er gewohnt war, in Schach zu halten.
Er zwang sich zu gleichmäßigen Atemzügen, zwang seinen Geist, frei von den irdischen Fesseln zu wandern, über sein eigenes Schicksal hinauszugehen, den Blick zu heben, bis die Überwindung der physischen und psychischen Grenzen erreichbar schien.
Alan beschwor sein Totem, beschwor dessen Macht, Wissen und Weisheit.
Der Adler würde ihn führen, ihn leiten und stützen, so wie er es bisher getan hatte; sein Scharfsinn und seine Entschlossenheit würden die Richtung weisen.
Und Alan erinnerte sich an einen anderen Tag, vor langer Zeit, einen besonderen Tag, an dem er ihn ausgesandt, an dem er ihn auf die Reise geschickt hatte, seine andere Hälfte zu suchen, die Seele, die mit der seinen untrennbar verbunden gewesen war, die mit der seinen zusammen, ein Ganzes ergab.
Er hatte ihn immer gefunden.
Alans Totemtier hatte seine Entsprechung in Tim erfühlt, war über ihm gekreist, bis auch Tims Eigenes aufmerksam wurde, bis die erdgebundene Kreatur, sich dem Himmel entgegen reckte, den Greifvogel als Teil seiner Selbst begrüßt und schließlich ersehnt hatte.
Das Totem hatte gewartet, bis sie sich zwischen den Elementen, über die Barrieren hinweg, die Himmel und Erde ihnen auferlegten, gefunden, berührt und vereinigt hatten, miteinander verschmolzen waren, bis nichts als der Tod sie voneinander trennen konnte.
Schon damals hatten sich Fesseln gelöst, waren Hürden übersprungen, Hindernisse umgangen worden.
Tim und er hatten einander entdeckt, gehalten, ein untrennbares Band gesponnen, doch einfach war es zu keiner Zeit für sie gewesen. Beide hatten sie gezweifelt, beide versucht zu fliehen.
Und doch hatte Alan ihn immer wieder aufgespürt.
Nicht nur zu der Zeit ihrer Begegnung.
Auch später war es ihm unmöglich geworden, ihn gehen zu lassen, ihm zu erlauben, sich vor ihm zu verstecken, sosehr er es auch versucht hatte.
Zu deutlich war die Lektion, die er selbst einst gelernt hatte, in sein Gedächtnis graviert.
Denn zweimal war Alan selbst geflohen.
Das erste Mal aus dem Reservat.
Er hatte damals versucht, sich aus den Stricken zu befreien, in die Tradition, Geschichte, Vergangenheit und die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart ihn einschnürten.
Er hatte versucht, all das hinter sich zu lassen, einen anderen Weg zu wählen. Doch am Ende musste er feststellen, dass es ihm unmöglich war.
Zu tief waren die Muster seiner Kultur in sein Wesen geprägt, zu stark seine Bindung an das Land, das Volk, in dem er aufgewachsen war.
Es hatte ihn gerufen, unabhängig davon, in welche der vier Himmelsrichtungen er sich gewandt hatte.
Sie ließen ihn keinen Augenblick im Zweifel darüber, an welchem Ort letztendlich seine Bestimmung lag.
Als er zurückgekehrt war und das Leben, das sich ihm darbot, akzeptierte, sich bemüht hatte zu lernen und das Wissen zu erlangen, das sein Vater ihm mitgeben wollte, da hatte das Schicksal ihn schließlich erneut herausgefordert.
Es hatte ihm zu früh den Lehrer, den er so dringend brauchte, entrissen. Und das zweite Mal war er gegangen, ohne auch nur zu ahnen, welche Konsequenzen es haben würde, hatte etwas verlassen müssen, von dem er noch nicht gewusst hatte, was es ihm bereits bedeutete.
Er war gegangen, um zu lernen, die Verantwortung zu tragen, so gut er es vermochte.
Daran zu denken, dass die Begegnung mit Tim noch Anderes bedeuten könnte, als das Naheliegendste, wäre ihm wie ein Sakrileg vorgekommen.
Zu viel war zu schnell passiert, er hatte Zeit gebraucht, seine Gedanken zu ordnen. Doch hatte er Tim vermisst, ohne es sich zugestehen zu wollen.
Dieser Winter war zu dem Schlimmsten seines Lebens geworden, schlimmer als all das, was folgte, schlimmer als die Prüfungen, die ihnen noch bevorstanden, denn die Zukunft hatte leer und ungewiss vor ihm gelegen, ohne den Trost, den nur ein einziger Mensch ihm spenden konnte.
Immer wieder war er versucht, alles stehen und liegen zu lassen, immer wieder hatte er sich gewünscht, zu dem Mann zurückzukehren, der innerhalb nur weniger Monate zu einem Teil seiner Selbst geworden war.
Und immer wieder hatte er das Verlangen bekämpft, unterdrückt, Sehnsüchte in seinem Inneren verschlossen, Furcht und Zweifel siegen lassen.
Nur, wenn es unerträglich geworden war, wenn ihn die Kälte, das Eis, der Schnee gefangen, und noch mehr gequält hatten, als die Einsamkeit, die er erst spüren konnte, seitdem Tim ihm gezeigt hatte, wie es war, ohne sie zu leben, nur in diesen dunklen Augenblicken hatte er sich erlaubt, in die Nacht hinauszulaufen.
Es waren Nächte, in denen sein Atem als helle Wolke vor ihm der einzige Grund zu irgendeiner Hoffnung erschien.
Er hatte seinen Schmerz und seine Sehnsucht hinausgeschrien, so dass die wenigen Tiere, die dem Winter nicht geflohen waren, aufschraken und ihm bewiesen, dass er nicht das einzige Wesen auf der Welt war, das Leid ertrug.
Aber die kalte Jahreszeit war vorübergegangen, nur die Leere in seinem Herzen und die Qual des Verlustes waren seine ständigen Begleiter geblieben.
Bis eines Tages Tim aufgetaucht war, unerwartet, unvermutet vor ihm gestanden hatte, unkompliziert und lachend, wie ein Sonnenstrahl, der das Licht in Alans Innerem aufgehen ließ.
Und erst viel später hatte er ihm gestanden, dass auch er gelitten, dass auch ihn die Zweifel gequält, dass er mit sich gerungen hatte, solange bis ihm klar geworden war, dass es nur eines gab, das er tun konnte.
Und Alan hatte ihn bewundert für seinen Mut, geliebt für seine Offenheit und die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt hatte.
Er bewunderte ihn für das wachsende Verständnis, das er ihm und seinen fremdartig anmutenden Gewohnheiten nicht nur entgegengebracht, sondern sich auch zu Eigen gemacht hatte.
Ohne jemals weiter darüber zu sprechen, hatten sie sofort gewusst, welche Nächte es waren, in denen die Trennung ihnen besonders schwer fiel.
Sie erkannten doch mit jedem Tag, mit jeder Stunde deutlicher den Gleichklang ihrer Seelen, dass sie mehr füreinander, voneinander wussten und spürten, als sie es für möglich gehalten hatten.
Und als Tim dann geflohen war, ihn angefleht hatte, ihn allein zu lassen, um seinetwillen, da war er es gewesen, der ihn zurückgeholt hatte.
Da hatte er ihn gefunden und festgehalten, trotz der Angst, die den blonden Mann dicht und hart umgab, wie eine abweisende Glocke abgeschirmt, sich gegen seine Nähe wehrend.
Tims Verzweiflung wurde die Seine. Sie bewiesen die Kraft ihrer Beziehung an der Bürde, die sie gemeinsam zu tragen hatten, an der sie gewachsen waren.
Damals schon hatte der Adler seine Kreise gezogen, den Himmel durchquert, seine scharfen Augen hatten die Welt erforscht auf der Suche nach dem Erdwesen, das untrennbar mit ihm verknüpft war.
Und ohne dass Tim Kontrolle über es gehabt hätte, war sein Geistertier aus dem Schatten getreten, hatte mit schlanken Hufen die Spuren geformt, die Alan geführt, hatte der braunäugige Hirsch den stolzen Kopf geneigt und doch auf des Adlers Ruf geantwortet.
Alan hatte ihn gefunden, versteckt in dem schäbigen Motelzimmer jenseits der Grenze, allein und krank vor Schmerz und Trauer.
Und er hatte ihn aufgehoben und mit sich genommen, ihn auf seinen Flügeln getragen, auf denen er sich von den Fesseln der Erde gelöst hatte.
Und Alan zeigte ihm, was er bereits vor ihm erkannt hatte.
Es gab nichts, das sie trennen konnte, es war etwas Größeres, das sie vereinte, etwas Unbeschreibliches, das sich ihrem Einfluss und Willen entzog. Davor zu flüchten bedeutete eine vergebliche Anstrengung, die nichts als Leid und Scham mit sich ziehen würde.
Alan öffnete seine Augen wieder und fand sich weit über dem verletzten Körper, der dem Boden verhaftet blieb.
Seine Schwingen bewegten sich ruhig und gleichmäßig, die klare Luft reinigte seinen Geist.
Er spähte hinab auf die ferne Erde, auf der Wahnsinn und Hass wüteten, doch er suchte nur eines der Wesen dort unten.
Und er wusste, dass die Schlange in Davids Seele nach ihm suchte mit einer ähnlichen Entschlossenheit wie sie in ihm selbst innewohnte.
Er wusste mehr als alles andere, dass sie sich diese bewahrt hatte, dass sie fühlen konnte, nicht allein zu sein, und dass die Gefahr, in der sie sich befand, nicht überwunden, sondern größer war, denn je zuvor.
*
• * * *
Der Regen hatte so plötzlich aufgehört, wie er begonnen hatte.
Geblieben waren die nassen Kleider und die Enttäuschung bei dem Gedanken, dass der Feldzug des ‘ Schwertes ‘ nicht den erwünschten Erfolg erbracht haben dürfte.
Die Fahrzeuge preschten durch schmutzige Pfützen, rüttelten ihre Passagiere gegeneinander, doch die unsanfte Reise entlockte ihnen nicht mehr als ein frustriertes Murren. David konnte es fühlen, wie sich die anfänglich noch durch das Adrenalin und die Begeisterung für roh ausgeübte Gewalt aufgeheizte Stimmung mit jedem Meter, den sie zurücklegten, zunehmend gegen ihn wandte.
Je näher sie dem Zentrum kamen, desto unbehaglicher begannen sich die Männer in ihren zusammengedrängten, unbequemen Positionen zu winden. Sei es, dass die im Geiste zusammengestellten Erfolgsberichte und Heldentaten, den zuvor gehegten Vorstellungen nur bedingt entsprachen, oder dass sie die Konfrontation mit ihren Auftraggebern fürchteten. Oder weil die Aktion nicht nur abrupt abgebrochen, sondern auch weitgehend ohne die erwünschte Lösung abgelaufen war.
Obwohl David noch immer seinen Blick auf den Boden des Wagens gerichtet hielt, spürte er die Augen der Männer, die sich in seinen Körper bohrten, die mit jeder Minute, die er schweigend verstreichen ließ, sich mit größeren Zweifeln oder mit purem Hass füllten. Er hielt die Spannung aus, ohne auf sie zu reagieren, und wartete auf den nächsten Zug.
Das Gebäude schien dunkel und unbewohnt wie bei dem ersten Mal, als David es vor sich gesehen hatte, und dennoch war etwas verändert.
Elektrizität erfüllte die Luft, die es umgab, sie kribbelte, knisterte, signalisierte eine erwachende Emsigkeit, die ihm bislang entgangen war. Als hätte der Regen die Notwendigkeit eines lange durchgezogenen Versteckspieles hinweg gewaschen, Raum geschaffen für die Entfaltung eines im Geheimen gehegten Planes, der kurz davor stand, das Tageslicht zu erblicken.
Davids Haut prickelte, antwortete auf die unterschwellig wahrgenommene, im Wachstum begriffene Ahnung erneuten Unheils.
Seine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt, als er sich mit einer schnellen Bewegung der Anwesenheit der erbeuteten Waffe, versicherte, bevor er aus dem Fahrzeug kletterte, und seine Leute anwies, ihm zu folgen.
Es kam ihm vor, als würden sie nur widerwillig gehorchen, als wäre er nicht der Einzige, der die Veränderung wahrnehmen konnte. Nichtsdestotrotz drängte er sie vorwärts, überwand in seiner Hast, die Sache zu einem Ende zu bringen, das Zögern, das ihm ein natürlicher Selbsterhaltungstrieb auferlegen wollte.
Der Boden war relativ fest geblieben, größere Anteile an Sand und Stein hatten es verhindert, dass ein frisch entstandener Sumpf aus tiefem Matsch ihr Fortkommen auch hier erschwerte. Ein Donnerschlag ertönte, und danach noch ein weiterer. David zuckte zusammen, sein Blick fuhr in die Höhe. Für einen Moment glaubte er, die Erde erbeben zu fühlen, hörte den entsetzten Aufschrei seiner Begleiter.
Kein Anzeichen von Wind oder Wolken, kein Gewitter, das sie erneut heimsuchte.
Die Welt war stumm geworden, als hätte das ohrenbetäubende Krachen jedes weitere Geräusch, jede weitere Bewegung oder Regung eines Lebewesens erstickt. Es schien ihm, als wäre am Horizont ein Licht aufgeflackert, doch er schob es seiner Einbildung zu, da neben der Stille, auch die Finsternis ungebrochen undurchdringlich wirkte.
“Weiter!”, kommandierte er heiser, wohl wissend, dass die Anderen sich, zumindest in diesem Augenblick, nicht weigern würden ihm zu gehorchen.
Das Zentrum ragte unberührt, unbeeindruckt, hoch vor ihnen auf, eine Festung, die ihnen als Ziel galt. Grelles Licht, das noch intensiver zu brennen schien, als David es in Erinnerung hatte, biss in seine Augen, als sich die Pforte öffnete und sie eintraten.
Das plötzlich eingetretene Schweigen der Männer ließ das verräterische Summen, das er nun nicht mehr leugnen konnte, noch deutlicher hervortreten. Die Mauern vibrierten in unsichtbarer Aktivität, elektronische Nachrichten, Botschaften, Befehle durchdrangen mühelos Stein und Luft, kommunizierten mit durch bloße Sinne nicht wahrnehmbaren Partnern.
Sie wurden weitergelotst, durchgewunken von unbekannten Gestalten, ausgestattet mit Headsets und tragbaren Computern. Die einzigen Geräusche neben dem wispernden Rauschen der elektronischen Wellen, war das ihrer Schritte, das Klappern der Tastaturen und gelegentliches leises Gemurmel.
Sie durchquerten den Zeremonienraum, der sich maßgeblich verändert hatte.
Das große Kreuz lehnte achtlos an der Seite, die mystisch wirkende Beleuchtung war bläulichem Licht gewichen. Und an den Wänden stapelten sich Handfeuerwaffen und Munition, ein Anblick, der mit einem Mal wieder Bewegung in die Eintretenden brachte.
Funken blitzten in ihren Augen, als sie sich Jeremy zuwandten, der gerade sein Funkgerät ablegte und dabei ein breites Grinsen nicht unterdrückte.
“Die Sache läuft, Brüder.”
Energisch stand er auf, betrachtete den begossenen Trupp vor sich belustigt.
“Der Stein ist im Rollen, nun hält uns nichts mehr auf... und ihr...”
Er vollführte eine Bewegung, die sie alle einschließen sollte. “Und ihr habt euren Teil dazu beigetragen, ebenso wie unzählige andere, tapfere Männer auf diesem Planeten heute einen großen Schritt getan haben, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen.”
Die Angesprochenen sahen sich zweifelnd an, von ihrem gegenseitigen Anblick nicht gerade ermutigt.
David tastete unwillkürlich wieder nach dem Ort, an dem er seine Waffe versteckt hielt, unsicher darüber, was er von den Worten des Rothaarigen halten sollte. Dieser grinste erneut.
“Ihr dachtet vielleicht, es wärt nur ihr gewesen, die heute der Welt ihren Willen kundgetan haben, aber ihr irrt euch.”
Er schüttelte den Kopf. “Auch wenn die Flammen hier, zumindest äußerlich, schon erstickt sein mögen, so brennen sie doch an anderen Orten umso höher.”
“Aber...”, ein Raunen ging durch die Reihen.
“Wir konnten es euch nicht sagen.”
Götz Cauldron war unbemerkt eingetreten, erhob seine Hand gebieterisch, um sich Gehör zu verschaffen. Er trug nun einen unauffällig grauen Anzug, seine Erscheinung die eines durchschnittlichen Geschäftsmannes.
“Niemand von den tapferen Brüdern durfte es wissen. Wir mussten sicher gehen, dass ihr im Fall eines Misslingens der Aktion keine Informationen besitzen würdet, die unseren Zielen schaden könnten.”
Er erhob seine Stimme. “
Doch diese, erste Hürde ist genommen, überall im Land und in der Welt leuchtet derzeit unsere Fackel, brennen die Schandflecke, die den treuen, gottesfürchtigen Anhängern unseres Ordens, schon seit Anbeginn, als Dorn im Auge, den Blick auf die Schönheit des Göttlichen verletzen.
Endlich fegen wir sie von der Erde, Siedlungen, Slums, Armenviertel, Untermenschen, die die Reinheit unserer Rasse beschmutzen.”
David biss sich hart auf die Zunge, schluckte die bittere Galle hinunter, die in ihm emporstieg, fixierte den Sprecher, dessen helle Augen in wilder Begierde leuchteten.
Jeremy neben ihm sah triumphierend in die Menge, die langsam auftaute, in die nach und nach Leben kam.
“Ihr seid ein Teil des Zeichens, das wir setzen, des Anbeginnes einer neuen Zeitrechnung.”
Zustimmendes Gemurmel wurde laut. “Doch unser Kampf hat erst begonnen, ihr ward der Anfang, und nun werde ich euch von dem nächsten Schritt erzählen, von der Zerstörung der falschen Symbole und Götzen durch die Hand des wahren Gottes.”
Götzs Blick schweifte stolz über die Zuhörer, und David bemerkte nun, dass sich nach und nach, neben der Gruppe von Leuten, die im Reservat gewesen waren, immer mehr Menschen ansammelten, die den Worten ihres Oberhauptes gespannt lauschten.
“Die feige Führung der verweichlichten Mächte dieser Erde wird erzittern, wenn des Morgens die Sonne aufgeht, und dort, wo bislang hohle Statuen den vermeintlichen Geist eines falschen Systems priesen, nur noch ein dunkles Loch gähnt. Das ist der Beweis, dass wir diese Gesichter, die Satan den Menschen zu verehren eingibt, nicht mehr brauchen.”
Jeremy konnte sich nicht mehr zurückhalten, er trat vor und boxte begeistert in die Luft. “Wir haben Mount Rushmore gesprengt, Brüder! Die alten Götter sind tot!”
Gejohle brach aus, erstickte weitere Worte. Götz erhob seine Hände.
“Die Demokratie ist am Ende, sie stirbt und überlässt die Führung einer neuen, strahlenden Macht. Das Schwert des Göttlichen wird von nun an die Geschicke der Welt regieren. Hinter allem, was geschehen wird, steht von nun an einer von uns.”
Erneuter Jubel ertönte.
David stand steif, reglos in der Menge, versuchte zu verstehen. Er ahnte nun, was der Donnerschlag bedeutet hatte, doch alles Weitere war einfach zu unglaublich, als dass er es als Wahrheit hätte akzeptieren können.
Nach Dixons Worten hatte er mit vielem gerechnet, doch das Ausmaß der Pläne schien auch seine Erwartungen überstiegen zu haben. Es war umgehend notwendig Kontakt mit ihm aufzunehmen, er musste mehr darüber erfahren, was wirklich geschehen war, musste seine Erfahrungen weiterleiten.
Er sah sich um, sein Blick suchte einen Ausgang, einen Weg, um unauffällig verschwinden zu können, einen Weg, eine Nachricht hinauszuschmuggeln.
*
Alan war es gelungen sein Bein zu schienen.
Sein Hemd in Streifen zu reißen, die Blutung zu stoppen, und das verletzte Glied mit den Stöcken und gebrochenen Brettern, die für ihn erreichbar waren, zu stützen, stellte sich als einfacher heraus, als der beinahe zum Scheitern verurteilte Versuch, sich aufzurichten, und vorwärts zu kommen, trotz der Schwierigkeiten, die nasse Erde, und durch Brand und Regen herabgestürzte Hindernisse, ihm darboten.
Langsam, jeden Halt benützend, tastete er sich vorwärts. Was ihn antrieb, entzog sich seiner klaren Erkenntnis, die Gründe unklar, verschwommen, im Gegensatz zu der tief in ihm wurzelnden Überzeugung, dass David ihn brauchen werde, dass die größte Prüfung noch nicht bestanden war.
Nur Davids Warnung und der Tatsache, dass sein Wort, das Wort des Wicasa Wasan, für die Lakota schwerer wog, als das Bedürfnis nach Verteidigung ihrer Ehre bis hin zu dem tödlichen Kampf, der keine Sieger und keine Verlierer mehr kennen konnte, war es zu verdanken, dass die entstandenen Schäden überblickbar waren.
Soweit Alans Gespür es ihm vermittelte, waren auch keinerlei schwerwiegende, gar irreparable Verluste zu beklagen.
Und doch blieb die Ungewissheit bestehen, verbarg die wahren Absichten des Blonden im Dunkeln.
Was für einen Grund sollte Alan auch haben, mehr hinter Davids Handlungen zu vermuten, als den gewohnten Frust, den die Weißen seit Jahrhunderten gewohnt waren, an denen auszulassen, die sie nicht kannten und nicht verstanden.
Sie fütterten durch deren Vernichtung ihr eigenes Ego regelmäßig, und waren bemüht, sich mit beinahe beeindruckender Sicherheit an die Spitze der Menschheit zu katapultieren. Warum sollte David anders sein, nun, da er Gesinnungsgenossen gefunden hatte, ihren Aktionen offenbar sogar vorstand.
Alan hatte jeden Grund, an seinen Intuitionen zu zweifeln. Er konnte die frappierende Ähnlichkeit in den Gesichtszügen für seine uneingeschränkte Verteidigung Davids verantwortlich zu machen, eine Laune der Natur, die nichts anderem diente, als der Belustigung von unsichtbaren Mächten.
Denen mochte das Schicksal der Menschen und deren Verwirrung willkommene Unterhaltung bieten. Alan schüttelte die Gedanken ab, als wären es störend an ihm haftende Wassertropfen, die ihn nur äußerlich, und auch dort nur oberflächlich tangieren konnten.
Nein, er hatte in Davids Inneres gesehen, und ebenso sicher wie Alan selbst diese Sekte aus tiefster Seele verabscheute, genau so erging es diesem.
Auch wenn er sich in ihrer Mitte befand, in ihrem Sinne handelte, so gehörte er doch nicht dazu, stand für sich alleine, in einem für Alan noch nicht fassbaren Rahmen, mit einer noch nicht erkennbaren Absicht.
Gewohnt seinem Gefühl zu vertrauen, den Geistern, die ihm erschienen, zu erlauben, ihm seine Richtung zu zeigen, kämpfte Alan sich vorwärts, besiegte Schmerz und die Barrieren, die sich vor ihm auftürmten, dankbar für das Aufklaren des Himmels, für die entstehende Weite über ihm, die es seinen Sinnen erlaubte. über die Begrenzungen des eigenen Körpers hinauszugehen, sich hinauf zu schwingen in höhere Sphären, auf der Suche nach Hilfe, nach Erkenntnis.
*
David bewegte sich unauffällig in Richtung des seitlichen Ausganges, wich den sich gegenseitig auf die Schultern klopfenden Hünen, den sich begeistert in die Arme fallenden Pärchen, geschickt aus.
Beinahe hätte er sein Ziel erreicht, entwarf mit seinem geistigen Auge bereits verschiedene Möglichkeiten, wie er einen der mit elektronischen Kommunikationsmitteln ausgestatteten Beistehenden außer Gefecht setzen und sich seiner Gerätschaften zunutze machen könne, da erschallte Götzs Stimme erneut, verstärkt durch ein Mikrophon, das seinen Worten einen majestätischen Nachhall verlieh.
“Nun berichtet mir von euren Erfolgen, vom Blut des Feindes, das ihr vergossen habt. Ich habe bereits von Orten vernommen, die zu Schlachtfeldern geworden sind, deren Botschaft auch die verborgenen Winkel der Welt erreichen werden.”
Ein unerwarteter Augenblick der Ruhe trat ein, überraschte die Zuhörer noch mehr als den Sprecher.
“Sie waren geflohen”, rief schließlich jemand aus den hinteren Reihen. “Aufgegeben haben sie... als hätten sie schon vorher gewusst, dass...”
“Der Neue hat einen erledigt”, meldete sich der Grauhaarige aus Davids Gruppe. “Den einzigen, der sich ins Feuer gewagt hat, und er hat ihn abgeknallt, als würde er das jeden Tag tun.” Bewunderung und Unglauben schwang in den Worten mit.
“Wo ist er... “Unsichtbare Hände stießen in Davids Rücken und ließen ihn vorwärts stolpern. “Hier hinten!”
Calvins kräftiges Organ durchdrang das erneut entstandene Schweigen, und David spürte einen weiteren Stoß vorwärts.
Er stolperte, wurde gefangen, und der eiserne Griff des weißblonden Phil hielt ihn fest, riss ihn mit sich vor die Augen ihrer Anführer.
Phil japste atemlos, seine Augäpfel rollten nervös von links nach rechts, während er die schneidende Stimme erhob.
“Es sah aus, als würde er die Rothaut erledigen...” Er stieß David heftig mit seinem Ellbogen in die Rippen, so dass dessen Kehle ein Stöhnen entfuhr.
“Aber schon vorher hat er uns die ganze Zeit einen Strich durch die Rechnung machen wollen.” Phil stieß noch einmal zu. “Also ich vertrau dem Mistkerl nicht, und der Orden sollte das auch nicht tun... ich schwör’s...”
“Du bist doch nur eifersüchtig...”, rief ein anderer. “Immerhin hat er als einziger...”
“Genau das meine ich!” Phil lief rot an, seine Stimme überschlug sich. “Der Indianer... das war sein Medizinmann - Freund... das war doch...”
Er verhaspelte sich vor Aufregung, geriet ins Stottern, während David vornübergebeugt keuchte, gesichtslose Hände ihn auf seinem Platz hielten. “Das ging doch nicht mit rechten...”
“Phil hat recht, verdammt...”, schrie der Mann, dem David die Waffe abgenommen hatte. “Der Kerl wollte nicht, dass... und dann hat er...”
Starke Arme erfassten David, zwangen ihn zu Boden, bevor er auch nur daran denken konnte, den Revolver zu ergreifen. “Er hat sie noch...”, brüllte sein Ankläger über das sich entfaltende Getöse und Gelärme hinweg. “Hat sie uns abgenommen...”
“Ruhe!” Jeremy hatte das Mikrophon ergriffen und schrie seinerseits, allerdings mit elektronischer Verstärkung.
Die lauten Stimmen verstummten, wenn sie auch nur in einem keineswegs abebbenden Gemurmel untergingen.
“Beruhigt euch, Brüder.” Er sah hilfesuchend zu Götz. “Vergesst eure kleinen Zwistigkeiten, es ist der Gesamterfolg, der zählt. Und um euch das zu beweisen gesellt heute ein hoher Gast zu uns, einer unserer Vertreter an den Schalthebeln der Macht oder dahinter.”
David wand sich in der stählernen Zwinge, die ihn unten hielt, doch wurde er mittlerweile von zu vielen Händen, Beinen und Körpern fixiert, als dass er sich daraus hätte befreien können, geschweige denn die versteckte Waffe ergreifen.
Götz ergriff das Mikrophon mit einem energischen Ruck und einem strengen Blick auf seinen Vorredner.
“Habt ihr euch unserem Orden verschrieben, seid ihr ihm treu ergeben und zählt die Disziplin zu euren obersten Tugenden?”
Zustimmendes Raunen.
“Zeigt es mir. Ich muss wissen, ob ich euch ganz und gar vertrauen kann, bevor ich euch den Mann vorstelle, der bereits seit Jahren täglich Kopf und Kragen riskiert, sich stets der Gefahr aussetzt, entdeckt zu werden.
Und das alles, weil er an unsere Sache glaubt, weil unsere Ziele und deren Durchsetzung alles sind, wofür er lebt.”
Wildes Kopfnicken und brummend ausgestoßene Laute der Bestätigung und des Wohlgefallens waren die Antwort der Menge.
Götz hob sein Kinn mit Stolz, streckte und sah sich genießerisch um.
“Schon als einer der führenden Industriellen im fernen Argentinien war er einer von denen, die Weichen für uns gestellt, Kontakte geknüpft, Finanzen gesichert haben. Ohne Konzernbesitzer und Politiker wie ihn wären wir nicht das, was wir letztendlich geworden sind. Begrüßt ihn mit hocherhobenem Kopf und voller Ehrfurcht, dass er uns heute und hier die Ehre gibt...”
Er straffte sich und drehte seinen Oberkörper zur Seite, während er mit einer einladenden Handbewegung zu dem dortigen Eingang deutete, der weit geöffnet und leicht erhöht stand, so dass nur wenige Stufen zu ihm hinunterführten.
Eine Gestalt trat langsam vor, und zuerst verhaltener Jubel brauste schließlich auf, nahm an Kraft und Lautstärke zu, je mehr von ihr sichtbar wurde, “... unseren Ordensleiter für das Gebiet des südamerikanischen Kontinents, meinen guten Freund... Eugenius Stark!”
Davids Kopf schnellte aufwärts.
Mit in Schock geweiteten Augen starrte er auf den Mann, der ihm sein Leben zur Hölle gemacht hatte, der es nicht hatte ertragen können, von ihm hintergangen worden zu sein, dem es nicht ausgereicht hatte, ihn einfach zu töten, sondern der ihn in Gefangenschaft gequält und gemartert hatte, bis er geglaubt hatte, den letzten Rest seines Verstandes zu verlieren.
Die Männer um ihn herum johlten, waren nahe daran, ihre Griffe zu lockern, doch die unwillkürliche Bewegung erinnerte sie unvermutet an ihre Pflichten und sie zwangen Davids Körper wieder in die vorige Position zurück. Stark trat nach vorne, schüttelte Götz herrisch die Hand, bevor er das Mikrophon ergriff.
Davids Atem ging stoßweise. Gewaltsam niedergebeugt, schmerzten ihn die Stellen, die zuvor attackiert worden waren, wurde jeder Luftzug zu einem qualvollen Unterfangen.
“Ein Land im Aufruhr!”Starks Stimme dröhnte. “Generationen im Wandel.”
Der Klang der tiefen Stimme, gewohnt vor vielen Menschen zu sprechen, drang in die verborgensten Ecken.
“Ich bin hier, um euch mitzuteilen, dass der Funke der Hoffnung auch in den Hauptstädten der Welt Einzug gehalten hat, dass die Geschicke der Menschheit nicht mehr länger von schwachen Menschen gelenkt werden, die es nicht wert sind, sich Präsidenten oder Staatsführer zu nennen.”
Er hob eine Hand, als wollte er die Bedeutung seiner Worte hervorheben. “Der Notstand wird allerorts diskutiert, die Staatsgewalt zentralisiert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und der Gelegenheit, bis sich unsere Kräfte vereinen. Die aufgesetzten Führungen der Länder werden hinweggefegt von den tapferen Kriegern, die bereits darauf lauern dieser falschen Demokratie die Masken von den leeren Gesichtern zu ziehen. Sie werden sie von den verderblichen Einflüssen reinigen, die uns seit Jahrzehnten beleidigen.”
Sein Blick schweifte über die Köpfe, die ihm begeistert zugewandten Gesichter. “Die falsche Moral, der sündhafte, sogenannte Liberalismus, der diese Welt beinahe zum Untergang verurteilt hätte, ist am Ende, und der Moment ist gekommen, ihr den Todesstoß zu versetzen.”
David zuckte zusammen, sein Körper verspannte sich in dem Bemühen bewegungslos und unentdeckt zu bleiben.
Doch er konnte die Schauer, die ihn erschütterten, das Bedürfnis, die Wut, die in ihm aufstieg, hinauszuschreien, nicht verbergen; das Gefühl der Übelkeit, die seinen Magen zu wilden Kontraktionen veranlasste, kaum unterdrücken.
Mindestens fünf starke Hände hielten seinen Körper zusammengekrümmt nach unten, eine sechste bohrte sich in seinen Nacken, während eine weitere auch den Kopf in seiner erniedrigten Haltung fixierte.
Starks Stimme erschallte, erfüllte die Mauern, als sie siegesgewiss fortfuhr. “Eines wissen wir! Mittlerweile sind wir zu viele, zu stark, zu wahrhaftig, als dass die Saat des Übels unseren nächsten Angriff überstehen könnte.” Der Beifall schwoll erneut an und Stark sonnte sich in der Begeisterung, ließ sich von ihr davontragen. “Der Anschlag ist geplant, Brüder, der Zeitpunkt gekommen. Das weiße Haus wird mit der reinen Flamme unseres Glaubens gesäubert werden, unsere Feinde zu unseren Füßen den unwürdigen Tod sterben, der ihnen gebührt.”
David ächzte gequält, sein Körper bebte, seine Gedanken rasten. Sein Magen verkrampfte sich, und dessen Inhalt drängte mit schmerzhafter Gewalt ans Licht. David hustete, würgte erneut in leeren Krämpfen.
“Scheiße, Mann, was...”
Einer der ihn zu Boden schiebenden Gestalten wich angeekelt zurück.
David versuchte die Gelegenheit zu nutzen, vollführte eine hilflose Bewegung in der Hoffnung, sich in der allgemeinen Begeisterung befreien zu können. Doch ein erneuter Husten schüttelte ihn, die quälende Übelkeit erschöpfender als jeder vergebliche Versuch, sich zu befreien.
Beinahe wäre David vollkommen zu Boden gesunken, die geschwächten Arme versagten ihm den Dienst.
Wäre er nicht von Unbekannten gestützt und schließlich mit einem schmerzhaften Ruck in eine stehende Position katapultiert worden, so hätte er sich dankbar auf der Erde zusammengerollt, seine vergeblichen Bemühungen aufgegeben.
Schwindel erfasste ihn, krampfartiges Würgen schüttelte seinen Körper, besetzte seine Sinne, so dass er nichts mehr um sich herum wahrzunehmen vermochte.
Nicht die plötzlich eingetretene Stille, nicht die Spalte in der Menge, die sich wie von Geisterhand gleichzeitig vor ihm öffnete, die ihm den freien Blick zu dem Mann am Mikrophon gewähren würde, hätte er sie denn bemerken können.
Nicht Stark, der ihm entgegen starrte, als er sich plötzlich in Bewegung setzte, vorwärts gestoßen und gezerrt, unfähig denen, die ihm ihren Willen aufzwangen, etwas entgegenzusetzen.
Die Gasse weitete sich, erlaubte Stark den Blick auf die zusammengesunkene Gestalt, die gegen ihren Willen, widerstrebend zu ihm aufsah, und doch zu schwach war, sich zu sträuben.
“David?” Augenbrauen schossen in die Höhe.
Unglauben, Spott, Amüsement und verhaltener Ärger äußerten sich in dem hastig ausgestoßenen, einzigen Wort. Stark wandte sich an Jeremy, die Stirn in Falten gelegt. “Weißt du überhaupt, wen wir hier vor uns haben?”
“Was denkst du denn, Eugenius? David ist immerhin einer unserer treuesten Anhänger. Er hat bewiesen, dass er...”
Leiser Zweifel schwang in seinen Worten mit, ließ ihn verstummen, noch ehe Stark ihn kurzangebunden unterbrach. “Seit wann, Jeremy, ...seit wann?”
“Nun ja”, druckste der Angesprochene herum. “Er konnte sich uns schneller anschließen, als es einem Anwärter normalerweise gelingt... doch haben wir ihn natürlich in aller Gründlichkeit überprüft...”
Stark schnalzte mit der Zunge und schüttelte seinen Kopf.
“Ich kenne ihn”, sagte er trocken. “Ich kenne ihn mit Sicherheit besser, als ihr alle zusammen. Er ist keiner von uns, niemals hätte sich dieser Mann von unseren Zielen überzeugen lassen.”
“Du weißt, wie sehr sich Überzeugungen in ihr Gegenteil verkehren lassen”, bemerkte Götz. “Vor allem, wenn die Wahrheit, sich plötzlich in ihrer ganzen Schönheit offenbart. Jemand, der von ganzem Herzen glauben kann, und erkennt, dass er sein gesamtes Leben fehlgeleitet war, wird umso williger sein Wesen ohne jeden Vorbehalt in den Dienst der richtigen Sache stellen.”
Stark sah ihn starr an. “David würde sich uns niemals - unter keinen Umständen - freiwillig anschließen.”
Sein Blick eiskalten Zornes traf nun Jeremy. “Ich kenne jede Faser, jede Seite seiner traurigen Existenz. Jede Narbe, die er am Körper trägt, kann ich belegen und begründen. Jedes Geheimnis, das er einst in sich getragen hat, habe ich ihm entlockt, jeden Funken seiner Selbst ausgelöscht.
Als er mir entkommen ist, war er nichts als eine Schale, ein hohler Körper, nicht fähig, jemals wieder zu glauben, zu vertrauen, oder sich einer Sache zu verschreiben. Glaub es mir, es ist nicht mehr in ihm. Ich nahm ihm alles, ließ ihm nichts. Nicht einmal die Kraft, eine Entscheidung zu fällen.”
“Vielleicht findet sich in ihm die Ausnahme der Regel, Eugenius, mit allem Respekt”, warf Götz zögernd ein.
“David hat mehrfach bewiesen, dass er zu uns gehört.”
Stark antwortete barsch und in verächtlichem Ton.
“Hätte er sich bekehren lassen, ich hätte es gewusst. Dieser Mann hat mir bereits gedient, er war mein gewesen... mehr noch... und als er mich verriet, musste er bestraft werden.”
David hob seinen Blick, suchte die Augen des Mannes, dem zu dienen einst seine Aufgabe, seine Mission gewesen war, bevor es zu seiner Besessenheit und schließlich zu einer endlosen Qual wurde, zu seinem Untergang.
Der stumme Vorwurf, die wortlose Abscheu, die von ihm ausging, entlockte Stark nicht mehr als ein kurzes Herabziehen der verkniffenen Mundwinkel, ein Zusammenpressen schmaler Lippen, das Verachtung und hemmungslos aufkeimende Wut gleichermaßen ausdrückte.
“Bestrafen konntest du mich nicht, es war bereits zu spät.” Heiser ausgestoßene Worte, beantwortet mit spöttischem Schulterzucken.
“Behaupte nicht, dass meine Lektionen dich nicht verändert hätten, David.”
Starks Stimme klar in der plötzlich eingetretenen Stille.
“Du hast um Gnade gefleht, als ich dir deine Finger nahm, hast mir dein Innerstes offenbart, als ich dich langsam, Stück für Stück habe aufschlitzen lassen.
All die Schmerzen, all die Demütigungen, glaub es mir, ich habe gespürt, wie du zugrunde gingst. Da ist keine Kraft mehr in dir, die dich dazu bewegen könnte, den Kampf für oder gegen irgendetwas aufzunehmen.”
Ein bösartiger Unterton schlich sich ein.
“Da gibt es nichts mehr, dass du zu verlieren hättest, keinen Menschen, dem du etwas bedeutest. Denke nicht, ich hätte all das vergessen, was du mir, nach Hilfe und Erlösung schreiend, anvertraut hast.
Niemand hat dich jemals geliebt, niemand hätte etwas für dich geopfert, einen Finger für dich gerührt. Du warst zu unwichtig, zu bedeutungslos, als dass ich dich hätte töten wollen, als dass ich dir auch nur einen meiner Männer hinterhergeschickt hätte.”
Starks Blick löste sich von Davids, fand erneut diejenigen seiner Mitverschwörer.
“Niemals werdet ihr mich davon überzeugen können, dass dieser Mann sich euch aus freiem Willen angeschlossen hat. Man mag ihm vieles vorwerfen, doch seine Entscheidungen fallen in den seltensten Fällen zu den eigenen Gunsten aus.”
Er grinste schief. Mit zusammengebissenen Zähnen stieß David erneute Worte hervor, unverständlich, für Stark allein jedoch kristallklar.
“Du hättest mich töten sollen.”
Stark starrte böswillig auf Götz, der sich nervös die Lippen leckte. “Wie töricht von dir, einen Menschen wie ihn, in unseren inneren Kreis einzulassen.”
“David hat seine Treue unter Beweis gestellt. Er... er war genau das, was uns noch gefehlt hat.”
Stark drehte sich ärgerlich um die eigene Achse, rauschte förmlich auf Jeremy zu. “Das sagtest du schon. Nur weißt du nicht, wie perfekt dieser Mann täuschen und betrügen kann. Er ist ausgebildet und trainiert wie kaum ein zweiter. Was auch immer ihn dazu getrieben hat, sich euch anzuschließen, es hat ihm diese Fähigkeit zurückgegeben.”
Sein Blick fiel auf das stumme Publikum. “Der Herr soll mich mit seinem göttlichen Blitzstrahl hier und jetzt vernichten, wenn ich jemals von einer Sache überzeugter war... aber er gehört nicht zu uns, das schwöre ich, bei allem, das mir heilig ist.”
“Der Indianer, den er...”
Stark unterbrach ihn wütend.
“Es mag eine Million Gründe dafür geben, dass er ihn ermordet hat, wenn es denn überhaupt so abgelaufen sein sollte.”
“Er hat ihn erschossen!” Starks Gegenstimmen blieben hartnäckig, doch bewirkten nur, dass er seine Stimme weiter erhob. “David ist ein Mann, der stets über Leichen ging, der ohne Rücksicht handelt, und wenn es auch noch um so ein Exemplar geht wohlgemerkt anscheinend um das einzige, das in dieser Nacht…”
“Eugenius!” Nicht mehr als ein Krächzen.
“Du weißt nichts, weißt nicht durch welche Höllen ich geschritten bin seit... seit...” Stark trat näher, ihre Blicke bohrten sich ineinander, stählern, kalt, gefühllose Augenpaare, nicht bereit nachzugeben.
“Ich weiß, dass du Menschen opferst, die dir angeblich etwas bedeuten” Schneidende Worte in lähmender Stille. “Wieso solltest du also hier zögern?”
“Ich lüge nicht.” David klang ruhig, wenn auch gepresst. “Seit ich hier bin, weiß ich endlich, wohin ich gehöre...”
Er schluckte, hielt Starks Blicke aus. “Ich habe endlich gefunden, wonach ich gesucht habe, die Menschen, die Werte, für die es sich lohnt zu kämpfen... die...”
Stark lachte trocken. “Das willst du mir wirklich weismachen?”
Der Ältere kam ein weiteres Stück auf ihn zu. David konnte seine Ausdünstungen bereits erahnen, der Geruch nach teuren Zigarren und edlem Cognac füllte seine Sinne.
Nichts hatte sich geändert. Er war derselbe geblieben, dasselbe Monster, das seine Wut an wehrlosen Opfern ausließ, derselbe Satan, der nichts anderes hervorrufen konnte, als die instinktive Abneigung eines jeden Menschen, der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trug.
“Ich habe den Medizinmann gehasst.”
Die Worte fielen automatisch, tonlos von Davids Lippen. “Ich war froh, ihn endlich abknallen zu können... viel zu lange musste ich darauf warten. Und hätte ich nicht hierfür...”
Er sah sich um, bevor er fortfuhr. “Ich hätte ihm schon längst den Rest gegeben”
Stark schwieg, runzelte die Stirn. “Vergiss es, David!” Er hob eine Hand. “Genug jetzt... sperrt ihn ein. Wir haben anderes zu tun!”
“Aber ich...”
“Irgendwelche Einwände, Götz?”
Starks kalte Augen rangen den Anderen nieder, der unweigerlich zurückwich. “Nein, natürlich nicht “
“Ich will ihn nicht mehr hier haben”, befahl Stark. “Schafft ihn fort, die Show muss weitergehen.”
“Aber.. Eugenius...”
“Kein Wort, David! Du hast mir genug angetan!”
“Ich” Doch schon hatte sich der Spalt geschlossen, David von Stark getrennt, schon drängten ihn grobe Stöße und Knuffe aus der Menge heraus, ignorierten seine Proteste, jeden Versuch, sich zu widersetzen.
So konnte es nicht enden nicht jetzt, wo er langsam erahnte, wie weit diese Menschen zu gehen bereit waren. Er trat und stieß nach den Händen, die versuchten, ihn zu greifen, ihn zu lenken... doch vergebens, sie waren zu viele und zu stark.
Schon waren sie aus dem Raum herausgetreten, verwischten die Stimmen, wurden leiser und unverständlicher, als sie in einen weiteren Gang einbogen, unbeeindruckt von Davids Bemühungen.
Zwei Männer vor ihm, je zwei zu seiner Seite, die ihn hart gepackt hielten, und weitere zwei, die ihn grob vorwärts schoben. Der Weg schien sich zu senken, tiefer in das Gewölbe hinein zu führen, und David erkannte, dass sie sich einer Kelleranlage näherten.
Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment gekommen, etwas zu unternehmen. Er atmete aus, entspannte Muskeln nur im Bruchteil einer Sekunde, und ließ sich fallen.
Seine Begleiter hielten ihn fest, packten härter zu, versuchten, ihn mit sich zu reißen, doch der Augenblick der Verwirrung hatte ausgereicht, um David seinen Vorteil zu sichern.
Er verlagerte das Gewicht auf seinen Oberkörper, löste die Beine vom Erdboden, und trat zielsicher zu, traf Schienbeine, und sich von ihnen abstoßend, Weichteile darüber.
Ein schmerzerfülltes Geheul war die Folge, in das sein nächstes Opfer einstimmte, das er durch Zubeißen davon abhielt, ihn zurück zu zerren. Durch den leichten Anzugstoff drangen Davids Zähne, als würden sie auf keinerlei Widerstand treffen, ließen nicht locker, bis der andere schreiend seinen Angriff aufgab, lediglich um Gnade winselte, die ihm der Blonde erst gewährte, sobald er seinen eigenen Arm aus dem schraubstockartigen Griff entlassen hatte.
Nur darauf hatte er gewartet. Er fand sein Gleichgewicht, indem er sich mit der Hand abstützte, die er soeben einem seiner Wachleute entrissen hatte. Die andere fuhr herum, während seine Beine ihren sicheren Stand suchten, und fanden, in der Bewegung, ihr Ziel.
Er schoss, taumelte, schoss wieder. Nun schlossen sich auch die Finger seiner anderen Hand um die Waffe, sicherten ihr den notwendigen Halt, gewährten seiner Kugel eine ruhige Bahn, seinem Stand Festigkeit, Widerstand gegen jedweden Rückstoß.
Er schoss, und schoss wieder, schnell und genau. Keine Chance, dass der Kampf von nun an unbemerkt bleiben würde, es ging um Sekunden.
Vergessen seine Schwäche, seine Müdigkeit, er visierte an und traf, tötete kurz und automatisch, funktionierte, so wie er unzählige Male zuvor funktioniert hatte. Seine Gegner verstummten, ihre Schreie erstickt von dem Blut, das aus ihren Mündern quoll, ihre Augen glasig aufgerissen, groß und anklagend.
David sah sie nicht. Sein Inneres war taub, als er sich über sie beugte, mit erfahrenen Griffen ihre Taschen abtastete. Sein Blick fuhr hoch, doch noch war er allein, allein mit dem Tod.
Sein Sichtfeld begrenzt durch die Biegung des Weges, den sie bereits zurückgelegt hatten, und durch die, welche noch vor ihm lag, und noch tiefer hinab führte.
Er keuchte, der vertraute und verhasste Geruch nach Blut und Pulver erfüllte die Luft, ließ ihn erneut würgen.
Hastig steckte er die Pistole wieder weg, ergriff Funkgeräte und Handys, deren er habhaft werden konnte, richtete sich aus seiner knienden Position auf, und lief, nach einem Moment des Zögerns, kurz entschlossen weiter, den Gang hinunter. Aus der anderen Richtung näherten sich aufgeregte Stimmen.
*
Agent Dixon schloss sein Cellphone mit einem Fluch.
“Wir haben die Koordinaten”, brüllte er durch den Raum. “Die Sache ist übel!”
Sein Blick flog über die sich aufrichtenden Köpfe vor ihm.
Leises Tastaturgeklapper und die emotionslosen Geräusche arbeitender Computer, die einzigen Laute. Jeder konnte fühlen, dass es ihm Ernst war.
“Ich brauche eine Verbindung zum Weißen Haus, zum FBI, NSA und zum Außenministerium”, donnerte seine Stimme unmissverständlich. “Einsatzteams nach Pine Ridge, dort haben wir einen dicken Fisch an der Angel. Und ein bisschen pronto, wenn ich bitten darf, die Uhr tickt.”
*
Alan spürte einen schmerzhaften Stich, einen scharfen Blitz, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen durchdrang.
Schwer atmend blieb er stehen, hielt sich mühsam auf unsicheren Beinen, die Schwäche drohte ihn zu überwältigen.
Doch es waren weder Erschöpfung, noch die Verletzung, die ihn in seinem Weg beeinträchtigten, es war der deutliche Hinweis auf Gefahr, der ihn durchfloss, durch ihn hindurch, über ihn hinweg strömte, wie ein brodelnder Strom Schwefels.
Nicht auf Gefahr für sein eigenes Leben, für seinen Leib,
Gefahr, die jemand anderem auflauerte, die Gefahr, der David ausgesetzt war.
Er hatte es gewusst, und doch erschreckte ihn die Intensität der Empfindungen.
Alan spähte in die Dunkelheit, die undurchdringlich war wie zuvor, ihre Klarheit verloren hatte, leblos, totenstill auf ihn eindrang.
Weder Tiere nicht einmal Insekten regten sich, kein Zeichen, kein Hinweis mehr, der ihm die Richtung offenbarte, der er, seit Stunden bereits, wie es ihm schien, blindlings gefolgt war.
Die Natur blieb gelähmt, handlungsunfähig, der Mond verbarg sein Antlitz, die Sterne versteckten ihr tröstendes Licht.
Alan klammerte sich an den Stock, der ihm Stütze und Halt war. Die Unebenheiten der hölzernen Materialien, mit denen er sein Bein geschient hatte, drangen schmerzhaft in sein Fleisch, das blutgetränkte Hemd, das er zerrissen und mit dem er die Wunde abgebunden hatte, schnitt in seine Haut.
Für einen Augenblick stand er bewegungslos, senkte den Kopf, beschwor die Geister in einem letzten Anflug von Verzweiflung. Er war zu langsam, zu hilflos, die Herausforderung zu groß, zu unklar, als dass er sich ihr hätte weiterhin entgegenstellen können.
Der Adler kreiste. In der Tiefe wand sich die silberne Schlange. Sie war eingekesselt, gefangen, tief unter ihm, am Grunde einer schroffen Schlucht verborgen, umgeben von den Dämonen des Abgrundes.
Alans Augen flogen auf. Geräusche drangen von ferne zu ihm. Menschen, Helfer, sein Volk... es kehrte zu ihm zurück, als wäre sein Rufen gehört worden. Er ließ den Stock achtlos zu Boden fallen und humpelte vorwärts.
* * *
David feuerte das letzte der erbeuteten Cellphones wütend gegen die raue Wand.
Die Verbindung war abgebrochen, gestört, und er brauchte nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, worin die Ursache lag.
Zumindest hatte er lange genug sprechen können, um Dixon über die meisten Dinge ins Bild zu setzen, nicht lange genug jedoch, um in der Lage gewesen zu sein, notwendige Details preisgeben zu können.
Die schlechte Übertragung war nur eines der Probleme gewesen. In der kurzen Zeit, vor dem verräterischen Knacken und dem gewaltsamen Ende des Gespräches, hatte er kaum die wichtigsten Punkte, inwieweit sie sich ihm zumindest bis jetzt darstellten, äußern können.
Er musste jetzt darauf vertrauen, dass Dixon die losen Enden aneinander fügte, und die Chance genutzt hatte, den Standort so präzise wie möglich zu ermitteln.
“Verdammt!” Davids heisere Stimme schallte ihm unheilvoll von den kahlen Mauern entgegen. Die Geräusche, die er verursachte, kümmerten ihn nicht, hatte er sich doch längst in eine ausweglose Situation katapultiert.
Sein primäres Ziel, Verbindung zur Außenwelt aufzunehmen, hatte ihn vorerst tiefer in das Gewölbe, und dann durch einen Luftschacht wieder in die Höhe geführt.
Doch nun war er eingekesselt, gefangen, und es konnte sich nur noch um eine Frage der Zeit halten, bis seine Gegner nicht nur den Kommunikationsweg nach draußen eliminiert, sondern sich seiner selbst entledigt haben würden.
David sah gehetzt um sich, schätzte die grauen Wände, die regelmäßigen, jedoch vergitterten Öffnungen zu anderen, ebenfalls ein- und ausbruchssicheren Räumen und Gängen, auf ihre Materialdichte und Widerstandsfähigkeit ab. Es hatte keinen Zweck.
Sein Orientierungssinn verriet ihm, dass er sich zwischen Fels und Wildnis, in einem Niemandsland befand, mittlerweile gejagt von einem wütenden Mob, der nicht viel benötigte, um aufgehetzt zu werden.
Die spärliche Munition, die ihm geblieben war, würde nicht einmal dazu ausreichen, sich halbwegs ehrenhaft aus der Affäre zu ziehen, geschweige denn, dass sie ihm helfen könnte, einen wie auch immer gearteten Fluchtweg zu sichern.
Er verwünschte die Eile, mit der er seine Feinde durchsucht hatte, und doch wusste er, dass es ihm nicht möglich gewesen war, anders zu handeln.
Dixon zu warnen, war das Einzige, das in seiner Lage noch Sinn gemacht hatte, wie kryptisch und ominös, dem anderen die abgehackten Informationen auch vorgekommen sein mochten.
Zumindest wusste der Agent jetzt, wo er in erster Linie zu suchen hatte, und mit etwas Glück und dem richtigen Riecher würde er das schlimmste abwenden können.
David knirschte mit den Zähnen. Hätte er doch nur Stark und seine Rolle in dem Stück auch noch erwähnen können. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an diesen Mann.
Wie sehr er ihn hasste, war ihm niemals in diesem Ausmaß bewusst geworden. Mit bloßen Händen erwürgen wollte er ihn, das Leben aus ihm herauspressen, ihn bezahlen lassen, für all das Leid, das er verbreitete.
David stöhnte. Natürlich... wie hatte er nur einen Augenblick glauben können, dass dieses Kapitel für ihn abgeschlossen sei, dass er den Klauen dieses Unmenschen wirklich entronnen wäre, dass Stark nicht noch einen Trumpf im Ärmel, noch eine letzte böse Überraschung auf Lager haben würde.
Und schließlich war es nichts anderes, als das boshafte Lachen des Schicksals, das bei dem Gedanken an diesen Verbrecher ohne jede Moral in seinen Ohren klang.
Es gab nichts zu bereuen, er hatte seine Pflicht getan, getan was er konnte, der Rest lag nicht mehr in seiner Macht.
Müde strich sich David mit der Hand, welche die immer noch heißgeschossene Waffe hielt, über die Stirn, zu müde, um noch weiter einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu suchen.
Seine Finger umschlossen das schwere Eisen, fanden Trost in dem Versprechen, das es enthielt. Vielleicht war seine Zeit jetzt gekommen, vielleicht dürfte er es sich endlich erlauben, den Frieden zu suchen, den er ersehnte.
Das Blut in seinen Fingerspitzen pulsierte, als er sie fester gegen die Waffe presste, beinahe, als habe er Angst, sie würde ihm entgleiten, sollte er nicht genügend darauf aufpassen. Sein Griff verstärkte sich, ungeachtet der Hitze, die von dem Eisen ausging und seine Hand verbrannte, wusste er doch, dass sie lediglich seiner eigenen Einbildungskraft entspringen mochte.
Was sollte ihn noch davon abhalten, den leichteren Weg zu wählen, den erneuten, unvermeidlichen Qualen und Demütigungen zu entgehen. Welchen Sinn sollte es noch haben, sich starrsinnig an sein Leben zu klammern, das Leben, das ihm letztlich nie viel bedeutet, aus dessen engen, quälenden Grenzen er sich seit je zu befreien bemüht hatte.
Was also würde ihn hindern, es sich selbst zu ersparen, der erbarmungslosen Meute Wahnsinniger in die Hände zu fallen?
Weder sein Stolz, dessen letztes Aufflackern schon vor so langer Zeit im Keim erstickt, noch die hartnäckige Überzeugung, die ihm bereits in seiner Kindheit eingepflanzt worden war, der nutzlose Wahn, dass er zu kämpfen habe ohne Unterlass, bis auf den letzten Blutstropfen, bis zum letzten, möglichen Atemzug, noch nicht einmal diese unzerstörbare Hartnäckigkeit, die es ihm immer wieder befohlen hatte, über Grenzen zu schreiten, die jedem anderen unüberwindbar gewesen wären, nichts von alledem ergab einen plausiblen Grund, warum er nicht ruhigen Gewissens in einem Moment von Schwäche der Versuchung erliegen sollte.
Gott wusste, dass er es schon mehr als einmal versucht hatte.
Was konnte er jetzt noch tun? Wozu sollte sein Weiterleben dienen?
David schüttelte hilflos seinen Kopf. Was er Dixon nicht mehr hatte sagen können, würde dieser erraten.
Die Gefahr lag auf der Hand, seine unvollständigen Hinweise, sofern sie trotz der schlechten Verbindung zu verstehen gewesen waren, würden genügen, würden genügen müssen, um das Schlimmste abzuwenden.
Nein, er konnte nichts mehr tun, seine Möglichkeiten waren erschöpft, sein Überleben ein leerer Witz, eine Beleidigung für jeden Menschen, dessen Dasein auf Erden noch etwas bedeutete.
Die Zeit stand still, die Geräusche, die sich ihm näherten, verstummten, versanken, als der Entschluss in ihm reifte. Das tödliche Utensil hob sich wie von selbst, fand zielsicher seinen Weg, bohrte sich in widerstrebendes, lebendiges Fleisch. Der Winkel sicher, tausendmal in Gedanken erprobt, das Resultat eine Frage von Sekunden, ein winziger Moment im Universum, unerheblich, unbedeutend im ständigen Kreisen der Elemente, weniger denn der Hauch eines einzigen Splitters Sternenstaubs in den Weiten des Alls.
David schloss die Augen, in seinen Ohren rauschte es. Ein letzter Atemzug, das Rauschen verstärkte sich. Wind kam auf, eine kalte Böe nahm ihm die Festigkeit seines Standes, ließ sein Herz erzittern.
Welcher Sturm sollte ihn hier finden, noch bevor er sein Vorhaben hatte in die Tat umsetzen können?
Er schwankte, seine Augen öffneten sich weit und wie von selbst, als ihn der mächtige Flügelschlag zurücktrieb. Er wankte, taumelte, bevor er merken konnte, dass an dem Ort, an welchem er sich befand, kein Lüftchen in der Lage gewesen wäre, sich zu regen, keine Brise ihren Einlass hinter die schweren Mauern finden durfte.
Ein unmenschliches Kreischen erscholl mit einem Mal, wurde von den Wänden zurückgeworfen, erschütterte sein Trommelfell, drang messerscharf ein, in seinen Blutkreislauf.
Die Waffe polterte zu Boden, der metallene Klang vermischte sich mit dem schrillen Ruf des Adlers, als David die Arme hochriss, beide Hände gegen seine Ohren presste. Er merkte nicht, dass er auch schrie, spürte nicht, wie die dunkelrote Flüssigkeit aus seinen Ohren sickerte.
David sank auf die Knie.
Der Schmerz war stark, jedoch nicht stark genug, um seine Sinne länger zu betäuben, um ihm die Rückkehr seines Bewusstseins zu ersparen, ihn nicht zwangsläufig davon Notiz nehmen zu lassen, wie unrhythmisches Getrampel den Flecken erreichte, an dem er zusammengebrochen war, wie brutale Hände ihn erfassten, auseinander zerrten, als könnten sie sich nicht entscheiden in welche Richtung sie ihn stoßen wollten.
Seine Augen zu Schlitzen zusammengekniffen erkannte David schwarze Stiefel, die seine Waffe beiseite kickten, bevor sie begannen, auf ihn einzutreten, Fäuste, die auf sein Gesicht einschlugen, noch bevor er seine Arme nach vorne nehmen, es mit den Ellbogen schützen konnte.
Immer noch gellte der Schrei des Adlers in seinen Ohren, ließ ihn innerlich vibrieren, versetzte ihn in Schwingungen, die alle Kräfte, welche auf seinen Körper in all ihrer Gewalttätigkeit eindrangen, unbedeutend werden ließen, zweitrangig.
David fühlte seine Glieder erschlaffen, sich selbst vornüber sinken, gehalten von den unbarmherzigen Stößen der Männer, die auf ihn eindrangen. Die Schläge trafen ihn nicht wirklich, als seine Augen erneut zufielen, er die Welt um sich herum ausschloss, der Anstrengung müde auf ein Ende des Schmerzes wartend.
*
“Alan “Die Stimme klang besorgt, beinahe panisch.
“Was ist mir dir? Was hast du gesehen?”
Alan stöhnte, seine Stimme heiser von den Lauten, die er ausgestoßen hatte, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein.
Er war in Schweiß gebadet, der dünne Stoff klebte an seiner Haut, doppelt getränkt von Regen und Körperflüssigkeiten, und doch fror er erbärmlich. Eine raue Decke wurde um seine Schultern gehängt, die Beunruhigung atmenden Worte Jonas’ drangen allmählich durch den Schleier.
Alan bemerkte, dass sie in ihrer Fahrt gestoppt hatten, ein Aufenthalt, der offensichtlich seinetwegen eingelegt worden war. Langsam tastete er sich in die Wirklichkeit zurück, in eine Wirklichkeit, die ihm nur Teile des Ganzen zu sehen erlaubte, und die er dennoch nicht verlassen konnte.
War er rechtzeitig gekommen? Hatte er David zur rechten Zeit dem Strudel entrissen, der ihn zu verschlingen drohte? Und besaß er die Erlaubnis, das Recht, in sein Leben willkürlich einzugreifen, und das zudem in dem Maße, in dem er es getan hatte?
Alan keuchte. Sein Gesicht war verzerrt vor Anstrengung, und dem Bemühen sie zu ertragen.
Er bebte innerlich, spürte, dass es David ebenso ergangen war, als er seine Niederlage, sein Bedürfnis aufzugeben gefühlt hatte, als wäre es sein eigener Wunsch gewesen, noch bevor der Adler ihn gefunden, und sein Schicksal geändert hatte.
Wer hatte ihm das Recht dazu gegeben, wer ihm die Entscheidung, gegen seinen Willen abgenommen? Seine Atemzüge wurden schneller.
“Alan... verdammt, komm zu dir!” Jonas drängte, Furcht und Ratlosigkeit gingen von ihm aus, wogten schwer in seiner Aura.
“Sag uns, was wir tun müssen, zeig uns die Richtung, Alan!” Er flehte. “Wir haben uns auf dich verlassen... nun lass uns nicht im Stich... bitte!”
Das letzte Wort leise, beinahe unhörbar, und doch mächtiger, als sein unruhiges Drängen. Alan schüttelte die Geister ab, verließ den beschrittenen Pfad endgültig.
“Das tue ich nicht, Jonas...”
Er zog die Decke enger um seinen frierenden Körper und zwang sich zu einem schiefen Lächeln, das in der Dunkelheit verloren gegangen wäre, hätte Jonas ihn nicht bereits zu gut gekannt.
“Ich weiß, wohin unser Weg führt, doch das letzte Stück werde ich allein gehen müssen.” Er räusperte sich, senkte den Kopf. “Für euch gibt es eine andere Aufgabe, die ihr erfüllen müsst. Der Ort, den ich aufsuchen werde, birgt nichts als endgültige Zerstörung. Sinnlos, sich dorthin zu begeben.”
“Aber warum?” Bear klang verwirrter, als Jonas es zuvor getan hatte.
“Es ist der Weg, den ich vor langer Zeit begonnen habe zu beschreiten, der Kreis endet nicht, hat es nicht mit Tims, als Tim... ich...”
Er verstummte, unsicher, ob er Dinge ausdrücken konnte, die er selbst nicht zu begreifen vermochte. Eines jedoch war mehr als deutlich, stand in glasklarer Eindeutigkeit vor ihm. Er wand sich zu den anderen.
“Ich brauche eure Hilfe, jetzt. Lasst euch von mir führen, und wenn wir gefunden haben, was wir suchen, dann kehrt wieder um, sammelt euch mit den anderen. Thomas soll euch leiten, er weiß, worauf es jetzt und in Zukunft ankommen wird. Wenn die Geister auf unserer Seite sind, wird morgen alles vorbei sein.”
*
David kam zu sich, als er grob über den Boden geschleift wurde.
Stöhnen wollte sich seiner Kehle entringen, doch es fehlte ihm an der Kraft den Laut auszustoßen.
Der Geschmack von Blut in seinem Mund, die feuchte, klebrige Masse, die in seinem Gesicht haftete, war ihm willkommener als der penetrante Geruch seines Versagens.
Denn versagt hatte er... erneut, und alles, was nun kommen würde, konnte nichts anderes sein, als die letztendliche Konsequenz dieses unverzeihlichen, wiederholten Versagens.
Die Konturen verschwammen in einem Nebel, dem sichtbaren Gemisch der Laute, die ihn umgaben, Geräusche, die sich zusammensetzten aus hasserfüllten Beschimpfungen, panischem Geschrei, den dumpfen Lauten schwerer Stiefel, die unbarmherzig auf Knochen und Weichteile trafen.
Und unermüdlich wurde er weitergezerrt, seine Gelenke schienen auseinander zu springen mit der Wucht der Schläge, denen sie sich widersetzen sollten, ohne zu zerreißen. Jede Unebenheit des Bodens, jede Kurve, die der Weg nahm, hinterließ einen qualvollen Eindruck, eine Spur die tiefer ging, als mit bloßem Augen wahrnehmbar wäre.
Gerade erst verheilte Wunden brachen wieder auf, doch David beachtete weder die inneren, noch die äußeren. Es war, wie es sein sollte, und nichts, das er tun oder denken würde, sollte daran etwas ändern.
In einen engen Raum fiel er, wurde gestoßen, spürte den Kontakt zu Wänden, die von allen Seiten auf ihn eindrangen. Zu müde für jede Bewegung, zu schmal, zu niedrig das Gefängnis, als dass es einen Sinn gemacht hätte, sich zu rühren, selbst wenn sie ihn nicht auch noch zusätzlich fixiert hätten.
Die Schreie, die er nicht hörte, die Wörter, die er nicht verstand, die Tritte, die er nicht mehr fühlte, all das wurde seltsamerweise übertönt von dem vertraut beißenden Geräusch des abreißenden Klebebandes, das ihm die Blutzufuhr zu den Händen abschnürte, die Arme an den Körper fesselte, die Fähigkeit einen Laut von sich zu geben, fortnahm.
Er lag auf dem Bauch, mindestens zwei Männer knieten auf seinem Rücken, banden die Beine aneinander, hämmerten seinen Kopf auf den Boden, bis er mit einem erstickten Ächzen die Besinnung verlor.
Nur einen Augenblick später, erwachte er mit einem grellen Schock, bei dem Versuch nach Luft zu ringen.
Sein Kopf dröhnte, warmes Blut sickerte in Augen und Nase, Blitze zuckten hinter seiner Stirn.
David wand sich, seine Lungen brannten, als er die Atemwege frei pustete, frei von Schleim und trocknendem Blut.
Die instinktive Panik, die dem Zweck der Selbsterhaltung diente und sein Herz zum Rasen brachte, seine Luftzüge schneller und schneller werden ließ, ohne das Bedürfnis nach lebensspendendem Sauerstoff auch nur annähernd erfüllen zu können, übernahm die Kontrolle.
Hände und Füße spürte er nur noch in einem undefinierbaren Schmerz, der seine Beine und Arme mit peinigender Glut füllte.
Er glaubte zu ersticken, verstand selbst den Schrecken nicht, der ihn bei dem konfusen und kaum greifbaren Gedanken erfüllte.
Nicht so, nicht verzweifelt nach Luft ringend, das war nicht der Plan. Er konnte sein Leben nicht auf diese Weise beenden, zusammengeschnürt wie ein Paket, die letzten Atemzüge zählend, seine traurige Existenz regiert von der Gier nach nur einem weiteren, lebensspendenden Sauerstoffatom.
David kämpfte mit sich, kämpfte darum, wieder zu Verstand zu kommen.
Sein Körper zuckte wild, das Klebeband hinderte ihn daran, seiner Angst Stimme zu verleihen. Stimmen, Schritte, Geräusche um ihn herum steigerten seine Panik nur noch, der Druck auf seiner Brust zerquetschte seine Lungen, die sich stärker verkrampften, je lauter das Blut durch seine Adern trommelte.
David presste die Augenlider zusammen, atmete in kurzen Stößen. Er musste die Herrschaft über seinen Körper wiedergewinnen, herunterkommen, den Herzschlag beruhigen, seinen Verstand kontrollieren.
Erzwungen und mit beinahe unerträglicher Langsamkeit zählte er die Sekunden, bevor er begann, seine qualvoll angespannten Kiefermuskeln zu lockern. Konzentration und Ruhe, regelmäßige Atmung, Senken des Blutdruckes, Verlangsamen des Herzrhythmus, das Binden der Gedanken an einen Punkt, nur diese Bemühungen zählten, würde er sich einen Hauch von Haltung bewahren wollen.
Und der erste Fixpunkt, der ihm ihn den Sinn kam, der sich ihm aufdrängte, als wäre er schon immer da gewesen, stand in klarer Eindeutigkeit vor ihm, deutlicher als alles andere, das auf ihn einstürmte, ein gestochen scharfes Bild, in dem sich alles vereinte, das er in diesem Moment brauchte.
“Ich weiß, wo du bist, David”, flüsterte Alan, als er sich zu ihm herabbeugte.
Lang glänzende Haarsträhnen umwehten dunkel sein markantes Gesicht, das ernst auf ihn hinuntersah. Schmale Lippen bewegten sich in Zeitlupe, und David hörte die sanfte Stimme tief in seinem eigenen Inneren. “Ich finde dich, halte durch!”
David klammerte sich an die Vision, an die in sich ruhende Stärke, die sie ausströmte, deren versichernde Kraft den Weg zu ihm fand und kühlenden Balsam auf den tobenden Orkan goss, der einmal entfesselt, drohte, ihn zu zersprengen.
Er tauchte in die schwarzen Augen, hielt sich fest in dem Blick, dessen Schutz doch nichts als Illusion sein konnte.
“Atme, David. Atme und lausche.” Er zuckte zusammen. Zu echt hatte die Stimme geklungen, zu nah die Gestalt an dem, was er noch als Wirklichkeit akzeptieren konnte.
Doch die Magie hatte gewirkt, sein Puls ging regelmäßig, sein Atem flach, aber ruhig. Die Panik war verflogen, gebannt. David öffnete die Augen, sein Blick suchte die dunkle Gestalt, als könnte sie noch vor ihm stehen. Die Lider verklebt, das getrocknete Blut wie Kleister an seinem Gesicht haftend, versuchte er zu blinzeln, Konturen auszumachen.
Das Getrampel, und die aufgeregten Schreie, die nie nachgelassen hatten, jedoch seiner Aufmerksamkeit entgangen waren, kehrten nun mit Intensität in sein Bewusstsein zurück.
Irgendetwas verlief ganz und gar nicht wie vorgesehen, irgendetwas versetzte jedermann in entsetzliche Aufregung.
David stöhnte in seinen Knebel. Er wünschte die Erscheinung zurück, brauchte Alans Kraft und Zuversicht mehr denn je zuvor. An den Außenwänden seiner Zelle stapelten sich Gegenstände, krachten achtlos aufeinander. Knirschende, metallene Klänge wechselten mit dem Einrasten von Mechanismen, dem dumpf peitschenden Aufschlagen sich entrollender Kabel.
David drehte sich mühsam, kämpfte darum, etwas zu erkennen, Aufschluss zu erhalten, über die Vorgänge jenseits der Mauern, die ihn einschlossen. Gedämpfte Kommandos, wildes Poltern, Protestschreie, die zunehmend dem winselnden Gejaule von Kojoten glichen, wurden unterbrochen durch Schüsse, die ihn zusammenzucken ließen.
Riegel schoben sich vor, Tore wurden verrammelt, Fahrzeuge setzten sich in Bewegung, all das vermeinte David, sein Ohr gegen den kalten Boden gepresst, zu vernehmen. Die Panik, die ihn erfasst hatte, schien auf die Menschen in seiner Nähe übergegangen, sie infiziert und zu konfusen Aktionen veranlasst zu haben.
Davids Augen starrten ins Leere, kaum vermochte er die Abstände der Wände zu ihm oder zueinander auszumachen, zu düster war es in seinem Gefängnis, zu verschwommen sein Blick.
Es krachte wieder an seine Wand, oder vielmehr dorthin, wo er die Tür vermutete. Stahlbeschlagene Stiefel stampften den Gang entlang, ihr Getrampel machte jedes weitere Geräusch zunichte. Kaum hatten sie sich entfernt drang schwaches Fiepen in sein Bewusstsein. Er wand sich unwillkürlich.
Was konnte es sein, das auch noch die Ratten aus ihren Verstecken lockte. Winzige Schatten huschten an ihm vorbei, Insektenbeine krabbelten über die tauben Arme.
David schloss die Augen. Er zählte langsam, konzentrierte sich auf das monotone Aufeinanderfolgen der leeren Nummern.
Es würde vorbeigehen, irgendwann würde er es überstanden haben. Und wieder Schritte, hastig, und doch sicher. Stimmen, dröhnend vor Selbstsicherheit, jedoch angespannt, bereit zu handeln, bereit, die Situation zu beherrschen - Stark.
Er sprach schnell und hart, sein Befehlston unangefochten, seine Worte maßgebend und bestimmend. “Es ist weniger deine Schuld, als du vielleicht denken magst. Außerdem bin ich darauf vorbereitet. So ein Unternehmen benötigt immer mehrere Alternativpläne, denen man folgen kann, und gerade dieser, ist mir immer noch der Angenehmste.”
“Meinst du nicht, dass jemand reden könnte?” Götz klang heiser und unruhig.
“Die Sache ist wasserdicht.“ Stark lachte hohl. “Selbst wenn sie uns hier finden sollten, wir entkommen immer noch als Helden.
David spannte jeden Nerv an, die Kälte kroch aus dem harten Grund in seine Glieder, durchströmte ihn unheilvoll.
“Aber du sagtest doch...” Stark schnitt dem anderen das Wort ab. “Wie gesagt, damit musste man rechnen. Jedenfalls bringen wir ihn jetzt endgültig zum Schweigen und werden den unnötigen Ballast und die ganzen Irren dabei gleichzeitig los. Besser können wir uns gar nicht wünschen auszusehen, gerade im Hinblick auf die Pressemeinung und die Haltung der Öffentlichkeit. Unsere Organisation wird frisch und rein, wie ein Phoenix aus der Asche auftauchen, daran zweifle ich keinen Augenblick.”
Stimmen verstummten, Schritte verklangen. David blieb allein in der Dunkelheit zurück.
*
“Wir müssen stehen bleiben!” Alan versuchte, sich aufzurichten, doch der sich aufbäumende Wagen zwang ihn in seinen Sitz zurück. Die Unebenheiten des Weges, erschwerten nicht nur die Fahrt, sondern verhinderten auch, dass seine Mitfahrer die Worte verstehen konnten, zu laut stotterte der Motor, klapperten die rostigen Gelenke des Gefährtes.
Alan hustete, krümmte sich vornüber, griff vor sich auf der Suche nach Halt.
“Was ist los?”
Jonas fasste ihn am Arm, wies ihn, sich in seine Richtung zu wenden. Alans Augen tränten, als er ihn anblickte, der beißende Reiz noch immer in seiner Kehle festsitzend. “Anhalten... sag es Bear”, stieß er heiser hervor.
“Was, wieso?”
“Sofort”, stöhnte Alan.
“Sie kommen.” Entschlossen riss Jonas an der Schulter des Fahrers. “Fahr rechts ran... keine Zeit zu verlieren.”
“Was ist los, Alan?” Bears Stimme übertönte die seufzenden Bremsen.
“Versteck den Wagen... sie werden versuchen, zu verschwinden.”
“Aber, das ist doch gut, oder?”
Jonas schwankte zwischen Unsicherheit und Erstaunen.
Alan schüttelte nur den Kopf, seine langen Haare fielen ihm vor das Gesicht, als er sich aus dem Jeep lehnte, in der Dunkelheit versuchte, einen Ort auszumachen, in dem sich der Wagen verbergen ließe.
“Da vorne!” Er wies auf eine zerklüftete Felserhebung, die ihnen keine vollständige, doch zumindest eine teilweise Deckung gewähren würde. Erschöpft fiel er wieder in den Sitz zurück.
Er wusste nicht, woher er diese Ahnung hatte, doch das starke Gefühl, dass die Bedrohung sich näherte, dass sie unmittelbar davor standen, ihren Weg zu kreuzen, ließ sich nicht abschütteln.
Schloss er die Augen, so sah er David vor sich, drängte sich sein Bild in den Vordergrund, stärker, als alles andere, was er zuvor wahrgenommen hatte.
Hatte er den Weg, die Richtung eben noch klar vor Augen gehabt, so war sie ihm nun entschwunden, verblasst, wie alles andere, mit Ausnahme der gebundenen Gestalt, die sich auf steinigem Boden wand, schlangengleich, und doch verzweifelt nach Luft ringend.
Er schüttelte den Kopf, versuchte, sich zu konzentrieren, rief die Geister stumm um Hilfe an.
Doch nichts, das er sehen konnte, gab ihm Aufschluss, seine Sinne waren gefangen, gefesselt, als wären sie dem Körper des anderen Mannes stärker verhaftet, als dem eigenen.
Bis die Warnung ihn erreicht hatte aus Tiefen, für die er keine Erklärung hatte, und doch vibrierte die Nacht in der Vorahnung dessen, was auf sie zukommen würde. Es konnte nicht mehr weit sein, er wusste es, fühlte es, spürte die Entfernung zwischen David und ihnen schrumpfen, doch er spürte auch die Gefahr, der sie sich aussetzten und die genau in diesem Augenblick ihren Standort zu verlagern schien.
Der Wagen hielt, die Dunkelheit warf ihren schützenden Mantel über sie. Obwohl die Weißaugen niemals die Schatten durchdringen konnten, so wie ein Lakota es gewohnt war, machte Alan sich nichts vor. Es stand zu viel auf dem Spiel.
“Raus mit euch”, raunte er Jonas zu. “Wir müssen vorsichtig sein.” Lautlos entfernten sie sich von ihrem Fahrzeug, suchten die Deckung eines niedrigen Gehölzes duftender Kiefern, Alan schwer gestützt auf seinen Freund.
Es war keinen Moment zu früh. Kaum hatten sie sich niedergekauert, dröhnten Motoren, bewegten sich schwere Maschinen in ihre Richtung, exakt auf der verlassen wirkenden, unasphaltierten Straße, der sie gefolgt waren.
Sie kamen in unerklärter Hast, und bremsten ebenso unerklärlich, willkürlich direkt an der Stelle, an der ihr Jeep abgebogen war. “Verdammt, wie...“, raunte Bear und duckte sich tiefer.
“Sie haben Nachtsichtgeräte... und alles zu verlieren.”
Alan nickte zustimmend. “Ich habe sie zu spät gesehen”, flüsterte er, mehr zu sich selbst. Jonas drückte kurz seine Schulter. “Wir schaffen das”, antwortete er versichernd. “So viele sind es nicht, und sie haben es eilig.”
“Ja.” Alan schüttelte die Mutlosigkeit ab, die ihm Schritt für Schritt folgte, sich schwer wie Bleigewichte an seine Beine klammerte. “Wir müssen gehen... sofort!“ Er bemühte sich, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. “Und wir sollten uns trennen.” Hastig gemurmelter Protest.
“Wir bleiben bei dir...”
“Nein!” Sein Tonfall duldete keine Widerrede, bestätigte, dass dem Wort des Schamanen Respekt gezollt werden musste, unabhängig von den Umständen.
“Ihr müsst zurück zu den anderen, und Bericht erstatten. Sie brauchen euch.” Er räusperte sich, blickte argwöhnisch in Richtung der Lastwägen, die mit laufenden Motoren unbeweglich verharrten, deren Scheinwerfer unermüdlich die Umgebung absuchten.
“Ihr seid schnell und kennt das Gelände. Ich werde nicht mit euch mithalten können, doch ich kann eure Flucht benutzen, um hoffentlich Schlimmeres zu verhindern.”
“Alan!”
“Jetzt geht!”
Jonas schluckte, doch die Zeit wurde knapp, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem größeren Freund zu folgen, der sich ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zu verlieren, bereits behende zurück auf das Reservat zu bewegte.
Er drehte sich um zu Alan, und grüßte ihn noch einmal mit Respekt, bevor er in seine Tasche griff, einen zerfledderten Medizinbeutel herausholte, um ihn scheinbar achtlos auf dem Weg fallen zu lassen. Deutliche Fußspuren taten ihr Übriges und Alan konnte nicht anders, als die zusammengepressten Lippen zu einem Grinsen zu verziehen.
Jonas würde dafür sorgen, dass ihre Verfolger eine eindeutige Spur ins Nirgendwo verfolgten. Aber so schnell das Lächeln entstanden war, so schnell verschwand es auch wieder, als der Lärm begann anzuschwellen, Befehle unverständlich, aber harsch erklangen.
Er biss die Zähne zusammen, und belastete das schmerzende Bein. Es musste möglich sein, und es würde möglich sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Wichtig war es, die Richtung einzuschlagen, aus der die Fahrzeuge gekommen waren. Grelle Lichter flammten auf, wanderten über Bäume und Felsen. Alan benutzte eine Senke und den Schatten einer wilden Hecke, als er sich gefährlich nahe an die Wägen heranpirschte. Es war der kürzeste Weg, ein anderer kam nicht mehr in Frage.
“Da drüben... ich wusste es”, bellte eine rohe Stimme. “Schnappt sie euch, wir können nichts riskieren. Und werdet, verdammt noch mal, die Spuren los!”
Alan bückte sich tiefer, doch ohne in seinem Tempo nachzulassen. Er betete. Die Kraft musste er aufbringen, den Schmerz besiegen, doch den Weg würde ihm der Adler weisen, er war seine Chance.
Mühsam humpelte er vorwärts, immer darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Er glaubte, zu spüren, wie die Wunden mit jedem Schritt weiter aufklafften, das Blut die improvisierten Verbände durchdrang.
Doch er konnte nicht aufgeben. Der Schmerz war etwas, mit dem sich in Einklang zu bewegen unabdingbar war, etwas, das ihm helfen würde, bei Sinnen zu bleiben.
“Sie sind hier entlang!”
“Wir müssen weiter, kommt in die Gänge!”
Die wütenden Stimmen wurden unverständlich, heiseres Gebrüll wechselte mit bösartigem Befehlsgeschrei. Ohne zu wissen warum, drehte sich Alan um und genau in diesem Moment erschütterte eine Explosion die Nacht, brannte Jonas’ Jeep auf, strahlend hell wie eine Fackel.
Er zuckte zusammen, stolperte geblendet vorwärts, blieb hängen in den Zweigen, die sich am Boden verhakt hatten, stürzte, verhinderte den Fall im letzen Moment. Schwer atmend verblieb er in der unbequemen Position knapp über dem Grund, seine Lunge füllte sich mit dem Qualm des Brandes, sein Geruchsinn mit dem beißenden Gestank des Benzins, mit der Ausdünstung des schmelzenden Metalls.
“Dort drüben!”
“Holt sie euch!”
Alan ließ sich auf seine Ellenbogen fallen, riss Blätter mit sich. Trockene Kiefernnadeln durchstachen seine Arme. Keuchend robbte er vorwärts, das verletzte Bein hinter sich her ziehend.
Sie waren direkt hinter ihm. Er konnte sie spüren, ihren Atem heiß in seinem Genick.
“Da vorne!”
Alan erstarrte und mit ihm gefror die Welt, die ihn umgab. Alles Leben, jede Bewegung entzog sich für den Bruchteil eines Augenblickes der Atmosphäre, ließ ihn schwerelos in einem Vakuum zurück, das keine Richtung, keinen Himmel und keine Erde mehr kannte.
Und in dieser Leere, aus diesem bodenlosen Nichts heraus, ertönte das hohle Geheul eines Wolfes, überwand jede Entfernung, bot mit seinem Jaulen Mond und Sternen einen weiteren Grund, den Augen jeden lebenden Wesens zu entfliehen.
Es erschütterte Alan bis ins Mark, fühlte er sich doch eins mit der Kreatur, die weder in diese Zeit noch an diesen Ort zu gehören schien, deren Furcht und Trauer lauter zu ihm sprachen, als es die Waffen seiner Gegner tun könnten. Und mit den fremdartigen Lauten erwachte die Natur aus ihrer Atemlosigkeit, als würde der Ruf des Tieres den Bann brechen.
Ein peitschender Wind fuhr über die Erde, trug eine Woge unbarmherzigen Hagels mit sich, die Pflanzen zwang, sich ihrer Gewalt zu unterwerfen, die über Mensch und Kreatur hinein brach wie der Zorn eines höheren Wesens.
Nur Alan hörte den beschwörenden Gesang, der sich in das Toben der Elemente einfügte, sie auf ihrem Weg begleitete. Und für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihn durch die Augen des Adlers sehen, der mit dem Hagel flog, ohne von ihm berührt zu werden, sah er den Wolf, wie er stolz aufgerichtet, seine Herrschaft verkündete.
Das Tier blickte auf, die glühenden Augen trafen auf ihre stolzen Konterparts, erkannten sich gegenseitig, als das, was sie waren. Der Adler kreischte, seine Warnung gellte durch die Nacht, und Jonas verstand, gehorchte, folgte ihrem Ruf, verließ die Anhöhe, die ihn verletzlich machte, verschwand in der Dichte des Waldes, der seinen Pfad und den seines Geistertieres vor jedem Verfolger verbergen würde, solange, bis er an seinem Ziel angekommen war.
Alan rollte vornüber, bis er fühlte, wie der Boden unter ihm leicht nachgab, und er mit einem Seufzer in eine Kuhle sank. Einen ausladenden Kiefernzweig ergriff er blind, schob ihn über sich, ohne sagen zu können, ob er es zum Schutz vor Verfolgern oder vor den sich aufbäumenden Elementen, tat.
Schaudernde Gestalten, die Schultern soweit als möglich hochgezogen, mühsam versuchend sich vor den verletzenden Einschlägen eines pechschwarzen Himmels zu schützen, taumelten vorwärts, brüllten heisere Kommandos, Flüche, wenn die Sicht trotz des bläulich strahlenden Scheinwerferlichtes, beschränkt war, das Opfer, das sie so nah geglaubt, in der Tiefe der Erde versunken schien.
Alan lauschte auf das Pochen seines Herzens, sein inneres Auge folgte Jonas auf seinem Weg, begleitet von den uralten Stimmen der Ahnen, die ihn vorantrieben, deren Anwesenheit nicht zu leugnen war, deren Gesänge das Land, zu dem sie gehörten, durchstreiften und es trösteten, ohne Mitleid zu empfinden über das, was ihm angetan worden war, oder was ihm in Zukunft noch angetan würde.
Er bemerkte nicht, wie sie haarscharf an ihm vorbei stolperten, wie sie von Stückchen scharfen Eises vorangetrieben, planlos gegeneinander stießen und fielen, sich schließlich mehr und mehr entfernten, die Verfolgung des Wolfes aufnahmen, der ihnen längst entschwunden war, ohne dass sie es ahnen konnten.
Die Kälte in seinen Gliedern lähmte ihn, doch der Puls, der in seinen Wunden wühlte, hielt ihn wach, und geleitet von dem sicheren Instinkt, der Gewissheit, dass die Spur, der seine Gegner gefolgt waren, abgerissen und durchbrochen vor ihnen aufragte, ihnen keinen Hinweis außer dem Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung geben konnte, stieß er jedes Hindernis beiseite, kämpfte sich zurück auf den Weg, dem zu folgen, ihm bestimmt war.
Den Reifenspuren folgend, die ihn führten, doch verschwiegen, was ihn an ihrem Ende erwarten würde, humpelte, fiel und kroch er weiter, auf die stumme Macht vertrauend, die bis jetzt ihre schützende Hand über ihn gehalten hatte.
*
David schreckte aus seiner Ohnmacht, riss seine klebrigen Augen auf. Das angstvolle Heulen um ihn erfüllte mittlerweile jeden Zentimeter seines Kerkers. Unzählige Stimmen schrieen in Furcht vor ihrem drohenden Schicksal, sowie in der Wut, diesem hilflos ausgeliefert zu sein.
Der Raum, das Gebäude schien sich zu bewegen, als wollte es selbst die Flucht vor dem Unheil, das sein Ende bedeuten konnte, ergreifen. Es war Zeit, sich damit abzufinden.
*
Der Hagel hatte aufgehört, war ersetzt worden von eisiger Stille.
Der Geruch zukünftigen Schnees lag in der Luft, nach dem Wunsch des verletzten Landes unter einer sanften Decke glitzernder Kristalle Unterschlupf zu finden. Und die endlose Nacht neigte sich ihrem Ende zu.
Alan spürte den beginnenden Tag, obwohl noch kein Zeichen dafür die undurchdringliche Finsternis erhellte.
Sobald er dem Sichtkreis seiner Verfolger entronnen war, hatte sich Schweigen um ihn gelegt, hatten seine Füße Niemandsland betreten, hatten Gebiete hinter sich gelassen, die unberührt hätten bleiben sollen von Seelen, die ihre Bedeutung nicht verstanden.
Ob bewusst oder unbewusst, ob mit oder ohne ihre Absicht, die nichtsahnenden Weißen waren in Räume eingedrungen, die ihnen nichts Gutes verheißen konnten, die zu betreten ihnen nicht bestimmt war.
Doch sie waren hier, waren immer noch hier, und hatten ihre Spuren hinterlassen.
Das Gebäude ragte steil in die Höhe, kalt und abweisend, als wollte es Alan daran hindern, sich ihm auch nur einen weiteren Schritt zu nähern. Unsichtbare Fäden hatten ihn stetig voran gezogen, ihm keine Pause gegönnt, erlaubten ihm auch jetzt keine Rast.
Der Adler verbarg sich in der Schwärze der Nacht, doch Alan spürte seine Anwesenheit, sowie er die Davids spüren konnte. Und nicht nur dessen Präsenz enthüllte sich ihm in schmerzhafter Deutlichkeit, auch die der Anderen, drängte sich ihm auf.
Menschen waren dort gefangen, Unheil lag schwer über dem schroffen Stein. Alans Atem stieg in einer weißen Wolke gen Himmel. Ihm blieb keine Wahl, Davids Seele rief nach seiner und er würde ihrem Ruf folgen.
Keine Wachen, keine bewaffneten Männer, die zum Schutz zurückgelassen worden waren, verhinderten seine lautlose Annäherung und Alan erkannte nur zu rasch, warum das so war.
Er drang in das Gebäude ein, ohne dass ihm jemand entgegengetreten wäre, jemand auch nur Notiz von seinem lautlosen Eindringen genommen hätte.
Alan verharrte, lauschte, Puls und Herzschlag verlangsamten sich. Entscheidungen mussten getroffen werden, und das rasch.
Seine schwarzen Augen verfolgten die hastig verteilten Leitungen an den Wänden, hingen nur für Momente an den Sprengladungen, entdeckten und erfühlten die tickenden, grausamen Mechanismen, die ihre spinnenartigen Finger in jeden Winkel geklammert hatten, in alle Himmelsrichtungen und jede tiefste Verzweigung der unterirdischen Gänge, eine selbstmörderische Aktion, die von langer Hand geplant schien.
Und unter ihm, die eingesperrten Menschen, die geopfert werden sollten, die sich selbst opfern sollten. Doch es gab nur einen Menschen, dessen Anwesenheit er spüren wollte, dessen Lebenszeichen er ersehnte und den er um jeden Preis retten, oder, so es sein Schicksal wäre, mit ihm gemeinsam untergehen würde. Er schloss die Augen, sein Geist suchte in der Dunkelheit, suchte und fand.
Alan fühlte ihn, hörte ihn, folgte dem Diktat seiner Sinne, die ihn leiteten, die ihn antrieben, seinen Körper vorwärts stießen und schoben, ohne dass sein Geist ihre Beweggründe erfassen konnte.
Die merkwürdigen Symbole an den Wänden, das unruhig flackernde Licht begleiteten seinen Weg in die Tiefe, vorbei an Spuren der Gewalt, an den leblosen Gestalten, die nicht hatten Schritt halten können, deren Widerstand und Trotz zum ungünstigsten aller Zeitpunkte aufgeflammt war.
Und mit einem Mal wusste Alan so klar, als könnte er ihn in diesem Moment vor sich sehen, dass er David finden, dass er nicht zu spät kommen würde. Doch gleichzeitig traf ihn die Erkenntnis, dass dieser Triumph seinen Preis haben, dass er ihn mit einer Entscheidung bezahlen müsste, die einen bitteren Nachgeschmack tragen, mit der zu leben, seiner Seele schaden konnte.
Und doch gab es kein Zurück, kein Zögern oder Zagen. Ihre Verbindung war zu stark, ihre Geistertiere bereits vereint, dort wo der Himmel die Erde berührte, und nichts, keine sichtbare oder unsichtbare Macht würde sie an jenem Ort wieder trennen können. Alan schob sich weiter, tiefer hinunter in den finsteren Bau.
Er stützte sich an grauen Wänden, stolperte über unförmige Kisten, die achtlos zurückgelassen waren, nutzlos gewordene Waffen, die nur zu dem Zweck zurückgelassen schienen, um ihm den Weg zu erschweren.
Suchende Stimmen, kreischende Schreie ließen den Boden unter ihm erbeben; Bilder von eingesperrten Menschen, die getrieben von Panik an eisernen Schlössern, metallenen Riegeln, Gitterstäben, die sie sich selbst vor langer Zeit schon errichtet hatten, verzweifelt rüttelten, zwang Alan aus seinem Geist, selbst suchend nach der einen, schweigenden Gestalt, die auf ihn wartete
• * * *
David war still geworden.
Den Körper bewegungslos gegen den Boden gepresst, horchte er auf die Rufe derer, deren Schicksal längst besiegelt schien, ebenso wie das Seine.
Jede Sekunde, die verstrich, tickte laut in seinem Inneren, Mahnung an die Vergänglichkeit, Zeichen der Endgültigkeit des Lebenslaufes.
Und so wie er, fühlten es auch die anderen Seelen, die seine unfreiwillige Gefangenschaft teilten, lehnten sich auf, tobten, brüllten, regiert von der Gewalt des Schreckens im Angesicht der unvermeidlichen Gewalt, die ihre Hände bereits ausgestreckt hatte, die auf sie wartete, die immer auf sie gewartet hatte. Ebenso wie auf ihn.
Lange würde es nicht mehr dauern, ihre Zeit war beinahe abgelaufen. Und doch stimmte etwas nicht an der Vision, der er entgegensah, schien sich etwas zwischen ihn und das Ende zu drängen, spürte er die Nähe dessen, das ihn beschützen wollte, das gegen alle Widerstände kämpfte, mit aller Kraft versuchte, ihn zu erreichen.
Er stöhnte. Bilder von Schlangen, die ihr tödliches Gift verspritzten, bevor sie ihr Leben aushauchten, deren bösartige Triebe alles um sie herum ins Verderben stürzten, die, obwohl gefangen, gebannt, gequält, immer noch Unheil verströmten, suchten ihn heim.
Er wusste, dass Alan nahe war, dass er ihm folgte, dass nichts ihn davon abhalten würde, in diesen tödlichen Abgrund hinab zu steigen, sein luftiges Element zu verlassen, um ein unwürdiges Wesen aus der dunklen Erde zu holen, selbst wenn sein Adler bei dem Versuch unwiderruflich begraben werden würde.
Und dann hörte er ihn, hörte das Kratzen an der Außenseite seines Kerkers, lauschte den Versuchen den schweren Riegel beiseite zu schieben, den Stößen und Tritten, die gegen die Tür hämmerten, und er stöhnte wieder.
Doch dann zersplitterten Barrieren, brachen physikalische Grenzen und Alan kniete neben ihm, an seiner Seite. Warme Finger nestelten an dem Klebeband, fanden Halt, rissen es entschlossen fort von der erstickten Oberfläche, deren Brennen David mit dem erlösten Atemzug, der seine dankbaren Lungen endlich wieder ausreichend mit Sauerstoff füllte, nicht bemerken konnte.
Alan richtete ihn auf, stützte ihn, den schwindelte, während er seine Glieder befreite, die Bänder grob beiseite warf.
David schrie vor Schmerzen, als die Blutzirkulation wieder einsetzte, seine Füße und Hände, die taub gewesen, nun zu Ballen rot glühenden Feuers mutierten.
Aber der Lakota gönnte ihm keinen Augenblick, sich zu beruhigen, seinen Körper wieder auf die nötige Funktionalität vorzubereiten.
Er zog David hoch, obwohl dieser noch in der Bewegung zusammenklappte, vornüber fiel und sich trocken erbrach, die Übelkeit den Sieg über den Schwindel davongetragen hatte.
Alan riss ihn in die Höhe, noch ehe er seine Sinne zurückerlangt hatte, zwang ihn, die schmerzenden Füße zu gebrauchen, einen vor den anderen zu setzen, halb gezogen, halb geschliffen, seinen Weg aus dem Gefängnis zu suchen.
Um sie herum schienen die Mauern zu beben, trommelten unzählige Hände gegen ihre steinernen Gitter in neu entflammter Hoffnung, die das gewaltsame Eindringen eines einzelnen Mannes, in ihren Herzen entfacht hatte.
Hilferufe begleiteten jeden qualvollen Schritt, und David stoppte ächzend, geklammert an den aufrechten Lakota Krieger, der ihn in eisernem Griff hielt, die freie Hand haltsuchend gegen die Wand gepresst, die verletzten Beine von dem gemeinsamen Gewicht entlastend.
“Die Gefangenen...”, stöhnte David. “Wir... du musst sie befreien...“ Er sah auf zu dem dunklen Gesicht, den Schatten, die er in dem schwach zitternden Licht, das den Weg zurück in die tröstliche Nähe des Ausganges wies, klar erkennen konnte, sah die zusammengepressten Lippen, die harten Züge im Geiste deutlicher, als er sie mit den Augen würde erkennen können, und er wusste es.
“Lass mich”, bat er rau. “Lass mich und öffne die Sperren.”
Er hustete, blaue Blitze zuckten um die Kabel, die sie hinter sich ließen. Elektrizität ließ die Luft knistern, die Spannung vor der Explosion drängte ohrenbetäubend gegen sein Trommelfell.
“Nein!”Alan sah ihn nicht an, schob und zog ihn unermüdlich weiter vorwärts, dem Ausgang aus dieser Falle entgegen.
“Es ist zu spät, ich werde dich hier herausholen, nur dich und keinen Anderen.” Bestimmt und eiskalt, Worte, die nicht angezweifelt werden konnten, auf die es nichts zu erwidern gab.
Der Griff wurde fester, beinahe brutal, David vermeinte den Boden unter den Füßen zu verlieren, als die grauen Mauern an ihm vorbeizogen. Ein Strom eiskalter Luft ließ seinen Kopf hochschnellen, seinen Körper unwillkürlich stocken. Und doch wurde er weiter gerissen, passierte die Schwelle, stolperte über Steine und grobkörnige Erde, taumelte und wurde weiter gezerrt, vorwärts, hastig, schneller, während die Welt nur einen Hauch vor ihrem Zerbersten zu stehen schien.
Und dann geschah es.
Ein grober Stoß in den Rücken, und David stürzte zu Boden.
In diesem Moment krachte es ohrenbetäubend, eine heiße Druckwelle trieb ihn vorwärts, ein grell-grünes Leuchten ließ ihn erblinden, bevor sich ein schwerer Körper schützend über ihn warf.
Das Zentrum explodierte in einer Wolke aus Blitz und Qualm, die hoch und leuchtend in den erwachenden Himmel emporstieg. Sie verdichtete sich, fächerte auseinander, schien sich zu öffnen, wirbelte ihren Staub, die millionenfach zerstörten Brocken und Teile eines ehemaligen Bauwerkes und seiner lebendigen Insassen, in die Höhe, bevor sie ihn und seine glühenden Bestandteile, sanft und gleichmäßig zurück zur Erde regnen ließ, auf die zerklüfteten Ruinen, die soeben noch ein Ganzes gewesen waren.
Gleichmäßig sank der graue, trockene Regen hinab, bedeckte Erde, Steine, Pflanzen und Beweise für die Fähigkeit des Menschen zur Vernichtung alles, dessen er gewahr werden konnte mit einer heißen, dünnen Schicht.
Totenstille folgte dem Lärm. Kein lebendes Wesen würde es wagen, die unheilvollen Kräfte, die dies veranlasst hatten, unnötig zu reizen.
Alan sog die Luft ein, die ihm die Höhlung zwischen Davids Schulter und Nacken, in der er sein Gesicht vergraben hatte, gewährte, bevor er den Kopf vorsichtig hob. Die Asche kratzte in seinem Hals und plötzlich spürte er seine Wunden wieder.
“Bist du in Ordnung?” Sanfte Worte, verschluckt von einem rauen Husten.
Keine Antwort zuerst. Doch dann... ein kaum merkliches Zucken, ein halbherziger Versuch, sich von der Last, die auf ihm lag, zu befreien.
Alan rollte zur Seite, fiel mit einem Seufzer hart auf seinen Rücken. Sie lebten. David lebte. Alles Weitere würde sich finden.
* * *
Teil 2 auf Anfrage ;)
Teil: 1
Autor: callisto24
Email: SigridLenz@aol.com
Homepage: http://callisto24.ca.funpic.de/
Genre: Reales Leben
Bewertung: ab 18
Warnung: Depri, Gewalt, Sex, Vergewaltigung
Inhalt: Ein gebrochener Mann begegnet dem Lakota Schamanen Alan, der zu seinem Schicksal werden soll. Ein Roman über Schuld und Sühne, Schicksal und Bestimmung. Indianische Mystik spielt ebenso eine Rolle, wie die Praktiken verschiedener Geheimdienste oder die aktuelle Situation im Pine Ridge Reservat.
Kommentar: Vor der Weisheit und dem Wissen des Volkes der Lakota empfinde ich tiefsten Respekt und Bewunderung. Die vorliegenden Schilderungen sind lediglich angelehnt an spirituelle Erkenntnisse und Praktiken und auf keinen Fall als fundiert zu betrachten.
LAKOTA…
* * *
Süd Dakota
Die Bar war mäßig besucht, nicht ungewöhnlich an einem normalen Wochentag.
Der Qualm in der Luft verhinderte klare Sicht, hüllte die Welt in grauen Dunst, ermöglichte es dem einsamen Besucher in ihren Schatten zu verschwinden.
Er hielt sich nicht oft für längere Zeit in ein und derselben Gegend auf, war zu lange gefangen gewesen, gezwungen an einem Ort, den er verabscheut hatte, auszuharren.
Nichts mehr vermochte ihn zu binden, nichts konnte ihm einen Grund geben zu verweilen.
Und dann war da noch die Angst, die niemals vollkommen verschwand, die Sorge, dass es wieder losgehen könnte, dass sich doch jemand an ihn erinnerte, ihn vielleicht aufspürte.
Wer oder warum, diese Frage hatte mittlerweile ihre Bedeutung verloren. Es würde immer etwas in der Dunkelheit auf ihn lauern, der Schrecken kein Ende nehmen, biss ein gnädiges Schicksal ihn erlöste, ihm den Frieden schenkte, den er ersehnte.
Obwohl es nichts mehr gab, das er zu fürchten hatte, nichts, das ihm noch genommen werden, das ihn oder die Ruinen seiner Selbst erschüttern konnte, blieb der bittere Geschmack in seinem Mund, das Wissen, dass er den Weg weitergehen musste, so sehr er sich auch dagegen sträuben mochte.
Was es war, das ihn verstockt, beinahe störrisch an seinem Leben festhalten ließ, das ihm verbot, ihm stets, auch in seinen schwersten Stunden, verboten hatte, aufzugeben, er hatte es nie verstanden.
Es befahl ihm unermüdlich zu kämpfen, hinderte ihn, der Trägheit nachzugeben, die ihn verlockte, ihm zuschrie, dass es an der Zeit sei, die Schlacht zu beenden.
Er schloss die Augen und öffnete sie gleich wieder, obwohl der Rauch sie tränen ließ. Es waren die Bilder der wenigen Menschen, die ihm noch geblieben waren, die er noch nicht auf seinem Gewissen hatte, die ihm den Schmerz bewusst machten, der niemals zu enden schien.
Er wollte nicht mehr, konnte nicht mehr zurück. Es gab nichts mehr für ihn, nichts mehr, das er riskieren würde.
Die klare Flüssigkeit aus seinem Glas brannte in seiner Kehle, doch die Trauer konnte sie ihm nicht nehmen.
Seine Hoffnungslosigkeit hatte jene Grenze erreicht, die in Verzweiflung überging, die sich nicht mehr betäuben ließ, nicht mehr auf eine Art, die ihm erlaubt war.
Er starrte auf die zerdrückte Packung Zigaretten, die vor ihm, auf dem rohen Holztisch lag, auf das Etikett der Flasche, die er bereits halb geleert hatte, und deren Inhalt keine Wirkung mehr auf ihn hatte.
Zumindest nicht die Wirkung, die er mit jeder Faser seines Körpers ersehnte, und die ihm dennoch versagt blieb.
Doch auch daran hatte er sich gewöhnt.
Seit seinem Entzug war das Verlangen nach der Droge sein ständiger Begleiter, einer der Dämonen, die ihn jagten, eine der Herausforderungen, denen er begegnete, jeden Tag aufs Neue.
Es war ein Feind, den er kannte, den er als das akzeptierte, was er war - eine Notwendigkeit, ein Preis, den er bewusst bereit gewesen war, zu bezahlen, ohne die Entscheidung auch nur eine Sekunde lang bereut zu haben.
Trotz der Notwendigkeit, sich dieser Schwäche hinzugeben, hatte er nicht mit der Wucht der Empfindungen gerechnet, die ihn durchströmten, als er zum ersten Mal seit vielen Jahren die Nadel wieder in seinen Arm gesenkt hatte.
Als er diese Reise antrat, wieder spüren durfte, wie es sein konnte, alles um sich herum zu vergessen, nicht mehr vorhanden zu sein, nicht mehr er selbst, nicht mehr der Mann, den er hasste, der er zu lange nicht mehr sein wollte.
In diesem Moment war er eins mit der Welt geworden, geborgen in dem unbeschreiblichen Frieden, den er niemals wieder aufhören konnte, zu ersehnen. Und er war es müde, dieses Verlangen zu leugnen, müde Tag für Tag, Nacht für Nacht die Kraft zu sammeln.
Er war es müde, den Schrei seines Körpers nach Entspannung, den seiner Seele nach Erlösung wieder und wieder zu ignorieren, sich taub zu stellen, ebenso wie er sich taub gegenüber seinen anderen Bedürfnissen zu stellen gewohnt war.
Er hob sein Glas und stürzte den Inhalt entschlossen die Kehle hinunter. Das Feuer, das er in seinem Magen entfachen wollte, das ihm wenigsten die Illusion von etwas Wärme schenken sollte, war erloschen, noch ehe es seine Lippen erreichte.
Es war außerstande, die Kälte zu verhindern, die in ihm empor kroch.
David fröstelte. Er zog die ausgeleierte Lederjacke zusammen und beugte sich vor, als wolle er so versuchen, zumindest seine Körpertemperatur zu bewahren.
Normalerweise war er nicht empfindlich, doch der Tatsache, dass er sich nicht mehr auf der südlichen Halbkugel der Erde befand, musste letztendlich Rechnung getragen werden.
Wieder erschauerte er leicht, trotz oder gerade wegen des Alkohols, den er getrunken hatte.
Die Luft war dick, beinahe unerträglich in ihrer Schwere. David fiel es mit einem Mal schwer, Atem zu holen.
Er musste hier heraus, konnte diesen Raum nicht mehr ertragen, konnte nicht bleiben. Es war Zeit zu gehen, Zeit, seinen Entschluss in die Tat umzusetzen, Zeit zu kapitulieren.
Seine Hand umklammerte die Ecke des Tisches, bis die Knöchel unter den schrecklichen Narben weiß hervortraten. Der Anblick lähmte ihn zusätzlich, machte den Versuch aufzustehen zunichte.
Hilflos blickte er auf, ohne etwas zu sehen.
Die wabernden Rauchschwaden vernebelten seinen Blick, der Boden wankte unter ihm. Noch fester klammerte er sich an das grobe Möbelstück, biss die Zähne zusammen bis sie schmerzten.
Er konzentrierte seine Gedanken auf das, was er zu tun beabsichtigte, schloss die Welt davon aus.
Übrig blieb nur die schmale Tasche, die in der Innenseite seiner Jacke verborgen war, das schwarze Päckchen, das er mit sich trug, in dem Wissen bei sich hatte, dass er es eines Tages brauchen werde.
Und dieser Tag war gekommen. Seine Nerven spannten sich in Erwartung, sein Atem ging stoßweise, als er spürte, wie sich das zur greifbaren Form gewordene Geheimnis an seinen Körper schmiegte, als er fühlte, wie es sich in sein Fleisch brannte.
Ihm nachzugeben war ein Fehler, er wusste es, wusste, dass ihm dieser Luxus nicht erlaubt war. Doch gab es nichts mehr, das ihn jetzt noch abhalten konnte.
Er konnte es erahnen, schmecken, fühlen, wie das Gift durch seine Venen raste, spüren wie es ihn befreite, wie es ihm schenkte, was er sich ersehnte.
Es war Zeit zu gehen. David löste den Blick und sah hoch. Schwarz glänzende Augen hypnotisierten ihn, bannten seine Bewegungen, lähmten seine Muskeln.
Nur einen Augenblick, nur für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke, lösten sich gleichzeitig voneinander, nur um wieder zu ihrem Ziel zurückzukehren.
David spürte einen Stich, einen Schmerz, den er nicht einordnen konnte, nicht einordnen wollte. Mit einem leisen Stöhnen wandte er sich ab, verbannte den Eindruck aus seinem Geist und stützte sich schwer auf die Tischplatte, bevor es ihm gelang, sich nach oben zu ziehen.
Unsichere Finger suchten einen verknüllten Geldschein hervor, warfen ihn achtlos auf den Tisch. Es war an der Zeit aufzugeben, den Kampf zu beenden, der Droge den Sieg zu überlassen.
Müde taumelte er vorwärts, fand seinen Weg beinahe, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ebenso wenig bemerkte er den Schatten, der ihm folgte, die lange Gestalt, die sich geschmeidig von ihrem Platz erhoben hatte, noch ehe die Tür hinter ihm zugefallen war.
*
Alan hatte nicht gefragt, welche Mächte ihn mit unsichtbarer Hand dazu gebracht hatten, sich an diesem Abend in eine für ihn ungewohnte Umgebung zu verirren.
Er vertraute den Geistern, die ihn führten.
Schon vor langer Zeit hatte er aufgegeben, ihre Motivation zu ergründen. Auf sie hörte er, ihren Stimmen folgte er bereits sein Leben lang.
Obwohl es schwer war, manchmal zu schwer für einen einzelnen Mann, sie hatten ihn niemals allein gelassen. Sie hatten ihn niemals hilflos in einer Welt zurückgelassen, in der die meisten Menschen orientierungslos auf der Suche nach etwas umher irrten, das unerreichbar direkt vor ihnen lag.
Er wusste es in dem Moment, in dem er David gesehen hatte, wusste, dass sein Leben eine neue Richtung, sein Schicksal eine neue Aufgabe für ihn bereit hielt.
Im Grunde hatte er es schon lange gewusst, gespürt, seit Jahren gefühlt, dass etwas auf ihn wartete.
Seine Bestimmung war noch nicht erfüllt, sein Dasein mit Tims Tod nicht sinnlos geworden.
Es war der Schmerz des Verlustes, der ihn blind, die grenzenlose Trauer, die es ihm unmöglich gemacht hatte, nach vorne zu sehen, die ihn den Weg, den seine Ahnen für ihn ausgesucht hatten, verlassen ließ.
Wie hätte er seinem Volk auch weiter helfen können, wenn in ihm alles leer und tot war, wenn er zusammen mit Tim in die andere Welt hätte übergehen sollen, wenn es ihnen bestimmt gewesen wäre, gemeinsam einen Pfad zu beschreiten, auf dem ihn sein Geliebter alleine zurückgelassen hatte.
Er hatte ihn verflucht für das, was er ihm angetan hatte, und danach war er geflohen, hatte seine Heimat, das Reservat verlassen, als wäre er wieder der Junge, der sich gegen die Zwänge, die ihm mit seiner Geburt auferlegt worden waren, verzweifelt auflehnte.
Doch dieses Mal war er eher zurückgekehrt, dieses Mal hatte er die Rufe vernommen, gewusst, dass er gebraucht wurde, dass sein Volk nicht ohne seinen Schamanen sein konnte, dass seine Pflicht ihn an diesen Ort band.
Und dann waren die Visionen gekommen. Zunächst nur während der Zeremonien, wenn er auf der Suche nach ihnen war.
Doch schließlich kamen sie ungerufen, unvermittelt, in beängstigender Intensität.
Er hatte geglaubt, ihn, Tim, zu sehen, geglaubt, dass sein Schmerz sich Wege suchte, ihn zu verwirren.
Doch dann war es ihm klar geworden, dass es nicht Tim sein konnte, dessen Eindrücke er empfing, dessen Leben, dessen Leid er in diesen seltenen Augenblicken wahrnehmen konnte.
Die Verluste, die ihm in David gegenübertraten, waren groß, vernichtend und zerstörerisch, ebenso wie diejenigen, die Alan selbst erlitten hatte.
Und doch besaß dieser Mann keinen Einblick in die Geisterwelt, kein Gefühl für die verborgenen Bewegungen, die sich um ihn herum abspielten.
Er war ein Krieger, soviel hatte Alan erkannt, ein Kämpfer ohne Furcht, jemand, der sich nicht schonte, der alles gab, und der einen hohen Preis bezahlte, einen Preis, der nun zu hoch für ihn geworden war.
Dass er ihm an diesem Tag begegnen würde, dass er ihm überhaupt einmal begegnen würde, hatte ihn überrascht, hatte Alan verunsichert.
Für gewöhnlich, wenn er dem stummen Ruf folgte, galt es, einem Stammesbruder aus Schwierigkeiten herauszuhelfen, besser noch, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu solchen käme.
Er hatte nicht erwartet, David zu sehen, noch nicht einmal, als sein Blick über die leeren Plätze gewandert und an der vornüber gebeugten Gestalt hängen geblieben war, die sich an ihrem Glas festgehalten hatte, das Gesicht verborgen, die Haare stumpf und trocken im Dämmerlicht.
Erst als jener auf ein unausgesprochenes Kommando hin, den Kopf gehoben und mit verlorenen Augen, ohne es selbst zu bemerken, die seinen gefangen hatte, erst dann erkannte er ihn, sah in ihm seine Vergangenheit und seine Zukunft.
Alan zögerte, sein Stolz und Selbsterhaltungstrieb ließ es zu, dass der Augenblick verstrich, warnte ihn vor dem Risiko, dass sich vor ihnen auftürmte.
Nach sekundenlangem Erschauern zog David sich wieder in sich zurück. Eine undefinierbare Ahnung erfüllte den Raum.
Nur dass er es diesmal nicht zulassen würde. Dieses Mal würde er ihm folgen. Alan schloss die Augen und drängte die Furcht zurück, die ihn ergreifen wollte. Ein Band, und wenn es auch noch so zerbrechlich schien, war geknüpft worden, und jeder Versuch, sich loszureißen, würde zum Scheitern verurteilt sein.
*
Die Nacht war dunkler als gewöhnlich, die Wolken hingen grau und tief, hinderten das Licht der Sterne und den tröstenden Schein der schmalen Sichel daran, den Boden zu erreichen, seine Schritte zu erhellen.
Trotzdem kannte Alan die Richtung mit untrüglicher Sicherheit, ebenso, wie er es gewusst hatte, wohin ihn sein Weg an diesem Abend führen werde.
*
David stolperte, taumelte, fand Halt an der Außenwand eines Schuppens, den er in der Finsternis kaum wahrnahm.
Er spürte das raue Holz, als er versuchte sich hochzuziehen, die Splitter, die in seine Handflächen eindrangen, die Wunde an seiner Stirn, als der Versuch fehlschlug und er ausrutschte, fiel und sein Kopf in schmerzhaften Kontakt mit dem steinernen Auffangbeckens für Regenwasser geriet.
Er bemühte sich nicht mehr, aufzustehen oder den Schwindel zu überwinden.
Es wäre vergebens gewesen.
Dieser Ort - er war entschlossen gewesen, niemals wieder an diesen Ort zurückzukehren, sich niemals wieder in eine Lage wie diese zu begeben - und doch hatte es ihn genau dorthin getrieben.
David presste die Lippen aufeinander und unterdrückte einen Schmerzenslaut. Sein Kopf hämmerte, und er fühlte das Blut in einem kleinen Rinnsal die Schläfe hinabfließen.
Er war schon einmal hier gewesen, nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Staat, und doch dort, wo er sich nun befand - am Boden, sich windend vor Schmerzen, seine Gedanken, sein Wille, sein ganzes Sein nur von dem brennenden Verlangen erfüllt, um das alles kreiste:
Zu vergessen!
Zitternde Finger tasteten nach den Utensilien, die ihm Erlösung bringen sollten. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fanden sie ihren Weg in der Dunkelheit, vollführten Bewegungen mechanisch, geübt, Tausende von Malen zuvor geprobt, in Gedanken verrichtet.
Es war zu spät, er war wieder dort gefangen, wo er sich vor Jahren einmal verloren hatte. Dieser Platz, der ihm Frieden schenkte und ihm dafür alles andere nahm. Der ihn mit nichts zurückließ, als Scham, Verzweiflung, Verachtung seiner Selbst.
Dieser Ort in sich selbst, der ihn dazu brachte, sich zu hassen. Er hasste sich, wenn er sich mit einer höflichen Entschuldigung auf den Lippen zurückzog, um das zu tun, was nötig war, um das Flattern seiner Hände, um die Sehnsucht in seinen Adern zu beruhigen.
Er war wieder dort angekommen, wo er Auge in Auge mit seinen Feinden, mit den Menschen, die zu täuschen er gezwungen war, das Heroin in seinen Körper pumpte; wenn er jeden Stolz, jede Selbstachtung verloren hatte, sobald der Wunsch nach der Droge ihn zu schütteln begann.
Er war dorthin zurückgekehrt, wo sein ganzer Körper in Flammen stehend, mit seiner letzten Kraft vorwärts kroch, eine schmutzige Ecke in einer verborgenen Gasse findend, die ihm den nötigen Schutz bot, um sich den ersehnten Schuss zu setzen.
Er war dort angekommen, wurde erneut mit offenen Armen empfangen.
Sein Herz begann wieder zu schlagen, die tödliche Lähmung, die während der letzten einsamen Monate zur Rettung und nun zur Qual geworden war, wich der Spannung, der Erwartung des Unvermeidlichen, der Verlockung des Erwachens.
Er lebte, sein Körper glühte, sein Blut pulsierte, als er blind seine Vene ertastete, als die kalte Nadel endlich seine Haut durchbrach. Und wenn es das letzte Mal sein sollte... er wäre glücklich darüber.
*
Auch wenn Alan seine Anwesenheit nicht gespürt hätte, wäre es nicht schwierig gewesen, ihn zu finden.
Die schäbigen Gassen ließen nicht viele Möglichkeiten, ein Versteck zu suchen.
Und dass er ein Versteck suchte, daran gab es keinen Zweifel.
Die Gebäude, oder das, was davon zu erkennen war, wirkten verlassen und verwahrlost.
Keine Zeugnisse der Armut, wie er es aus dem Reservat kannte, sondern Beweise der Gedankenlosigkeit der Menschen, die einen Teil der Welt besiedelten und, ausbeuteten, um ihn dann zurückzulassen, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Verluste auszugleichen.
Der Boden war steinig und ungepflegt, die Stadt ein Schatten dessen, was sie vor vielleicht fünfzig Jahren noch gewesen war.
Alan bewegte sich lautlos vorwärts. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, durchdrangen die Nacht, suchten und fanden ihr Ziel.
Die Gestalt lag an der Wand eines Schuppens, die genügend Risse aufwies, um ihre Stabilität in Frage zu stellen.
Halb verborgen hinter einigen wahllos aufeinander gestapelten Brettern wäre sie nicht zu entdecken gewesen, hätte er nicht gewusst, wonach er suchen musste.
Seine scharfen Augen erkannten das beinahe unmerkliche Heben und Senken der schmalen Brust, wanderten über die betäubten Glieder und das Gesicht, das mit sanft geschlossenen Lidern und leicht verzerrten Zügen eine schmerzhafte Entspannung ausdrückte, eine Freiheit, die keine war.
Die leere Spritze lag neben ihm, das gelockerte Gummiband war den Oberarm hinab gerutscht.
Alan fuhr sich durch das dunkle Haar, seufzte und bückte sich schließlich, um die Gegenstände in aller Vorsicht einzusammeln.
Es waren die Beweise einer Gier nach etwas Unerreichbarem, einer Gier nach Erfüllung, die es so niemals geben konnte. Beinahe mitleidig, fast behutsam fasste er den Anderen um den Oberkörper und hob ihn vom Boden hoch.
Für einen Moment lang ließ er ihn in seinen Armen ruhen, spürte die lang vermisste Nähe eines Körpers an dem Seinen, die Wärme und den Atem eines anderen Menschen, eines Menschen, den eine Laune des Schicksals ihm so vertraut erscheinen ließ, als hätte er mit ihm einmal sein Leben geteilt.
Er schluckte den Klumpen herunter, der sich in seinem Hals bildete, packte David an der Hüfte, und warf sich den kleineren Mann entschlossen über die Schulter. Mit festen Schritten kehrte er dem Ort den Rücken. Die Entscheidung war gefallen.
*
David erwachte in der Dunkelheit. Jedoch nicht in der Dunkelheit, in der er es gewohnt war, seine Besinnung nach unruhigen, quälenden Träumen wiederzuerlangen.
Diese Dunkelheit bedeckte, umspielte ihn mit samtenen Bewegungen, spendete Trost, schenkte ihm einen Anflug der Illusion, geborgen zu sein.
Zum ersten Mal seit langem fuhr er nicht in Schweiß gebadet hoch, mühsam den Drang bekämpfend, sich zusammenzurollen, in unerklärlicher Panik auf der Suche nach Schutz zu der nächstliegenden Wand zu hasten, zu versuchen, ohne zu wissen warum, sich in eine Sicherheit zu bringen, von der er doch wusste, dass es sie nicht geben konnte.
Die Stille um ihn herum atmete eine unerklärliche Ruhe. Hätte sein Herz nicht mit einem Mal wild zu schlagen begonnen und sein Körper die ersten bekannten Anzeichen von Lebendigkeit aufgewiesen, er hätte vermutet, diese Welt verlassen, das Grauen endlich hinter sich zu haben.
Die Luft war süß, schwer von Düften, die er nicht kannte, das Gefühl des Friedens neu und exotisch.
Und doch begann sein Kopf zu schmerzen. Seine Zunge erschien ihm dick und geschwollen, und die Lähmung, die ihn erfasste, erfüllte ihn mit Schrecken.
Außerdem gab es keinen Zweifel daran, dass er nicht allein war. Er spürte die Anwesenheit eines Menschen in unmissverständlicher Deutlichkeit.
Verschwommene Erinnerungen holten ihn ein, steigerten seine Verwirrung: Eine nächtliche Fahrt, eisiger Wind, der ihn erschauern ließ.
Das Gefühl zu fliegen, über die Erde zu rasen und dann wieder durchgeschüttelt zu werden auf einer Reise ohne Ziel.
Er versuchte, sich zu bewegen, doch sobald er Anstalten machte, seinen Kopf zu heben, überrollte ihn eine Welle der Übelkeit.
Schwindel brachte ihn dazu, mit einem Stöhnen auf den weichen Grund zurückzusinken.
Seine Glieder waren schwer, die Fingerspitzen taub, und doch schien es ihm, als würde er auf der Erde liegen, als fühlte er sanftes Gras ein Bett für seinen Körper formen.
Weitere Erinnerungen stiegen in ihm auf, Momente, die für sich standen, fremdartig anmuteten, als würden sie aus einer anderen Welt zu ihm transportiert.
Träume, die ihn davongetragen, die Wirklichkeit in eine unbekannte Dimension verwandelt hatten. Leise Gesänge aus der Ferne, der dumpfe Rhythmus von Trommeln, die ihn hypnotisiert, eingeschläfert, beruhigt hatten, sobald die Schrecken ihre klammen Finger nach ihm ausgestreckt, der Schmerz ihn hatte um sich schlagen lassen.
Rauch, der aufstieg, Gestalten annahm, betäubte und faszinierte, kühle Hände, die über seine geschundene Haut strichen, sie sanft massierten, mit dunklen Ölen salbten.
Und inmitten der Augenblicke des Erwachens immer wieder die dunkle Stimme, eine fremde Sprache, die auf wundersame Weise die Dämonen vertrieb, die ihn umgaben.
Erinnerungen an das Zurücksinken in einen Schlaf, so tief, so wundervoll, dass er sich wünschte, nie wieder aus seiner Dunkelheit heraustreten zu müssen, wechselten sich ab mit denen an starke Arme, die ihn stützten, ihn weit genug aufrichteten, um ihm einen Schluck eines bitteren Getränkes einzuflößen, seine trockenen Lippen zu befeuchten.
Und dann das Gefühl des Fallens, des Aufgefangen- und Gehaltenwerdens -- fremdartiger, ungewohnter, als alles andere, das er je erfahren hatte.
Doch das war auch der Augenblick, in dem er bemerkte, dass er nackt war, hilflos gefangen im Unbekannten.
Er fuhr hoch, obwohl alles in ihm dagegen rebellierte, stützte sich schwer auf Arme, die unter ihm hinweg rutschen wollten und focht mit der Kraft, die ihm noch geblieben war, gegen den Drang, sich in sein Schicksal zu ergeben, beinahe erstaunt über das Aufbäumen eines Willens, den er bereits für erstorben gehalten hatte.
Ein wimmernder Laut entfuhr ihm, als das Blut angetrieben von seiner Furcht begann, schneller zu zirkulieren, als das Pochen und der Schwindel in seinen Schläfen beinahe unerträglich wurden.
Die Anwesenheit, die er bereits gespürt hatte, nahm Gestalt an. Die Schatten, die ihn umgaben, lösten sich auf. Es gelang ihm, Konturen seiner Umgebung wahrzunehmen.
Ein noch schwach glimmendes Feuer milderte seine Blindheit, ließ ihn den mit geradem Rücken davor sitzenden schlanken Mann erkennen.
David wusste, dass der Mann ihn anstarrte, ihn in seinem Blick hielt, obwohl er keine Gesichtszüge ausmachen konnte.
Er bewegte sich nicht. Wie eine Statue verharrte er reglos, bis der regelmäßige Ton der Trommel in Davids Bewusstsein eindrang. Er konnte nicht sagen, ob der eintönige Rhythmus bereits vorhanden war, bevor er ihn bemerkte, oder ob seine Bewegungen ihn ausgelöst hatten.
Doch der Laut alleine drang mit Macht durch seinen Körper, ließ ihn vibrieren, verjagte den plötzlichen Schrecken mit seinem Hall.
David spürte, wie sich sein Herzschlag dem Rhythmus anpasste, wie die hypnotische Wirkung einsetzte. Langsam gaben seine Arme nach, und er sank wieder zurück auf den Grund, der ihn sanft empfing und forttrug in erneute Bewusstlosigkeit.
*
Wie viel Zeit vergangen war, konnte David nicht sagen, doch sein nächstes Erwachen verlief anders.
Er blinzelte ein paar Mal in die Leere, bevor sich sein verschwommener Blick aufklarte.
Und nicht nur das, auch die Stille wich den Geräuschen des Tages.
David setzte sich vorsichtig auf und blickte sich um. Er befand sich allein in einem Raum, dessen Ausstattung ungewohnt erschien, jedoch nicht unangenehm oder bedrückend.
Spärlich, spartanisch, einer längst vergangenen Zeit entsprungen und gleichzeitig verwirrend in ihrer Mischung aus Einfachheit und unpassend modernen Utensilien.
Grobe Blockhauswände umrahmten wenige Möbelstücke, die auf natürlichem Grund standen.
Eine erkaltete Feuerstelle befand sich nicht weit von einem kleinen Regal, in dem sorgsam mehrere Bücher angeordnet waren.
Ein niedriger Tisch trug tönerne Schalen und Töpfe, daneben Dosenmahlzeiten und ein verstaubtes und veraltetes Funkgerät. Tierfelle hingen vereinzelt an den Wänden, schützten den Raum vor Wind und Wetter, dazwischen unregelmäßig verteilt, getrocknete Kräuter und Wurzeln.
David war versucht sich zu zwicken, so unwirklich erschien ihm die Szenerie.
Was um alles in der Welt hatte er hier verloren?
Er wandte sich um, nicht ohne die abrupte Bewegung zu bereuen, die einen Schauer seine Wirbelsäule hinab laufen ließ, doch das Ergebnis blieb unverändert.
Er war alleine, und offensichtlich war es Tag. Licht drang durch Ritzen und Ecken, schuf eine dämmrig wundersame Atmosphäre. Vogelgezwitscher rundete den Eindruck beinahe lächerlich ab.
David, nicht willens abzuwarten und die Dinge auf sich zukommen zu sehen, rappelte sich auf, erstaunt darüber wie leicht er sich auf einmal fühlte. Schmerz und Unwohlsein verflüchtigten sich mit den Bewegungen.
Er schwankte nur noch leicht, sobald er aufrecht stand. Die neue Perspektive erlaubte ihm einen besseren Überblick.
Jetzt roch er den kalten Rauch, geschwängert mit dem Duft verbrannter Gräser, der in den Ecken haften geblieben war.
Mühsam stolperte er in Richtung des Ausganges, schob das Fell, mit dem dieser verhängt war, beiseite und schlüpfte hinaus ins Freie.
Das plötzliche Sonnenlicht durchstach seine Augen, seine Hände fuhren empor, um sie vor den beißenden Blitzen zu schützen.
Ein Hauch frischen Windes ließ ihn frösteln und erinnerte ihn an seine Nacktheit.
Davids Füße sanken in weiches Gras, als er einen Schritt vorwärts in die Helligkeit trat.
Er blinzelte und zwang sich, die Lider einen Spalt zu öffnen. Die Sonne stand tief, es schien auf den Abend zuzugehen, doch sie leuchtete in einer Intensität, die Ihresgleichen suchte.
Kräftige Farben kündeten vom nahenden Herbst, bereicherten die Erde mit satten Tönen. Die Hütte war eingebettet in einer leichten Senkung, umgeben von wildwachsender Wiese, die in den angrenzenden Wald überging.
Insekten tanzten in der Luft, vollführten Sprünge und Flugkünste, als wollten sie David ihre Lebendigkeit vor Augen führen. Er rieb seine Augen, obwohl sie sich langsam an das Licht gewöhnten und sog tief den Atem ein, spürte wie die frische Luft ihn belebte.
Beinahe wäre ihm ein Lächeln entschlüpft, das erste dieser Art seit langem, allerdings nur beinahe.
“Verdammt.” Der Laut erklang ungewohnt in dieser Umgebung, die offensichtlich nicht gewohnt war, menschliche Flüche zu empfangen. Dennoch wiederholte er das Wort und trat einen weiteren Schritt nach vorne.
Es tat gut, sich selbst sprechen zu hören, zu versichern, dass er sich seines Platzes in der Realität bewusst war, trotz allem, das passiert sein mochte.
Eine Gestalt trat unter den schattigen Baumriesen hervor, die Hände angefüllt mit merkwürdig geformten Steinen.
Auch er schien nackt zu sein.
Doch beim Näherkommen erkannte David die kurzen Hosen, die die langen Beine des Mannes zumindest teilweise bedeckten.
Zum ersten Mal hatte er Gelegenheit, seine merkwürdige Begegnung genauer in Augenschein zu nehmen.
Der Mann zeigte keine Überraschung, auch sonst keinerlei Emotionen, als er ihn dort vor der Hütte stehen sah.
Ein leichtes Anheben der Augenbrauen war das einzige, das David ausmachen konnte, seine Aufmerksamkeit schien auf alles andere mit Ausnahme des unfreiwilligen Besuchers gerichtet zu sein.
David verschränkte die Arme vor seinem Körper, bemühte sich seiner äußeren Erscheinung, und der Verlegenheit, die sie mit sich brachte, keinerlei Bedeutung zuzumessen, als er herausfordernd den Blick des Anderen suchte.
Er konnte nicht sagen woher, doch es war ihm klar, mehr als das, er war sich sicher, dass sie die einzigen Menschen im Umkreis mehrerer Meilen sein mussten. Doch das machte die Situation nur umso rätselhafter für ihn.
Der Dunkelhaarige wich seinem Blick aus, konzentriert auf seine Handlungen, die er mit beinahe unerträglicher Ruhe vollführte.
Er arrangierte die Steine in einem Kreis in einigem Abstand von der Hütte, ohne sich von David stören zu lassen, ohne ihm auch nur den geringsten Teil seines Interesses zu bekunden. Seine Bewegungen waren elegant, flüssig, er handelte geschickt, in einem lange geübten, tausendmal praktizierten Rhythmus.
Erst jetzt bemerkte der Blonde das glänzende, glatte Haar, länger als er es gewohnt war, an einem Mann zu sehen, den bläulichen Schimmer, der es umgab, die bronzene Haut, die fein geschnittenen Gesichtszüge.
Unerwartet tauchte ein Bild vor ihm auf, das Bild eines Mannes, der einen Schmuck aus Knochen und Perlen auf seiner Brust trug, hoch auf einem Pferd sitzend, das wild davon galoppierte, die langen Haare ungebändigt um sein Gesicht flatternd.
David blinzelte, schüttelte seinen Kopf in Verwirrung.
Das Bild war so real, dass er vermeinte, Kriegsgeschrei und Trommeln in der Ferne zu hören.
Er kniff die Augen zusammen, und taumelte erschrocken beiseite, als der Größere sich mit einem Mal erhob und auf ihn zukam, ihn jedoch geflissentlich ignorierte, beinahe zur Seite stieß, als er sich anschickte die Hütte zu betreten.
“Was ist hier eigentlich los”, stieß David atemlos hervor, während er dem anderen Mann hastig folgte. “Und wo, zum Teufel, sind meine Sachen... ich...”
Er verstummte, als der Dunkelhaarige herumwirbelte, ihn zum ersten Mal wahrzunehmen schien. Zornig glitzernde Augen musterten ihn stumm, während er einen schmalen, langen Finger vor seinen Lippen platzierte.
Davids Blick weitete sich in plötzlichem Erkennen.
Diese Augen hatte er schon einmal gesehen, vielleicht schon öfter, dessen war er sich sicher.
In der Bar... natürlich, bevor er... dort hatten sie ihn schon einmal bedrängt, ihn schon einmal auf dieselbe Art irritiert, auf die sie es jetzt wieder taten.
“Ich... ich...”, stotterte er, erntete jedoch sofort ein knappes, ärgerliches Kopfschütteln.
Sichtlich widerwillig antwortete der Andere ihm, seine Stimme rau und gleichzeitig sanft, als würde sie etwas zurückhalten, dessen sich der Sprecher selbst nicht vollständig bewusst war.
“Nicht sprechen!”
Ohne sich dessen bewusst zu sein, nickte David.
Sein Blick traf den des Anderen, und ohne ein weiteres Wort wandte dieser sich um und zog einen ledernen Rucksack unter einem Haufen Decken hervor, aus dessen Tiefen er eine zerknüllte, graue Jogginghose zog und hinter sich warf.
David fing sie erstaunt, aber auch dankbar auf. Nicht nur, dass ihm seine Blöße unangenehm war, die Kälte begann auch in ihm empor zu kriechen.
Aus den Augenwinkeln musterte er den Ort, der offensichtlich sein Schlaflager war, schüttelte den Kopf über das merkwürdig steinzeitliche Arrangement.
Er sollte sich umdrehen und gehen.
Was konnte es ihm bringen, sich auf neue Rätsel einzulassen? Am Ende würde doch alles wieder so sein wie zuvor.
Er wäre allein und ohne Hoffnung, sein Gewissen schwer von den Dingen, die er hätte tun sollen, die er hätte lassen müssen.
Flink schlüpfte David in die viel zu großen, viel zu weiten Hosen und zog den Bund enger zusammen. Es war wirklich Zeit zu gehen, dieser Situation ein Ende zu bereiten, und zwar sobald als möglich.
*
Alan ging zur Feuerstelle und entfachte, ohne sich noch einmal nach David umzusehen, ein weiteres Feuer. Auch diese Nacht würde nicht leicht werden, soviel war ihm klar.
Die Hilfestellung, die er geben konnte, war sinnvoll und wichtig, doch die Hauptarbeit musste der Mann selbst verrichten.
Oft genug war er bei den Kämpfen gegen Drogen verschiedenster Art dabei gewesen, oft genug hatte seine Mühe auf lange Sicht nichts bewirken können.
Er seufzte. Morgen würde er zurückkehren müssen, daran gab es nichts zu rütteln. Bis dahin musste David in der Lage sein, seiner Realität wieder zu begegnen.
‘David Mann’. Alan rollte mit den Augen. Der Ausweis des Mannes hatte nicht viel verraten, außer, dass sein Besitzer versucht hatte, ihn zu zerstören.
Die Ränder wirkten angeschwärzt, ungleichmäßig, als habe er sie ins Feuer gehalten und im letzten Moment wieder zurückgezogen, als hätte ihn doch im letzten Moment noch etwas davon abgehalten, seine Existenz auszulöschen.
Alan war nicht überrascht. Das Leben musste David übel mitgespielt haben, das war unverkennbar. Die Verletzungen, die er, allein äußerlich, davongetragen hatte, waren anders als alle, die er bisher gesehen hatte, zeugten von einer Brutalität, die Ihresgleichen suchte.
Narben verschiedenster Größe, manche alt, manche neu, bedeckten weite Teile seines Körpers, malten Linien des Schreckens auf die blasse Haut.
Obwohl Alan Windrunner vertraut war mit der Fähigkeit und dem Willen des Menschen, die Auswüchse blinder Wut und hemmungsloser Gewalt zu ertragen, hatte ihn der Anblick des Körpers, der sich ihm beim Entkleiden langsam enthüllte, die Luft scharf einsaugen lassen.
Das waren die Spuren jahrelanger Folter, die vor nichts zurückgeschreckt hatte, um ihr Ziel zu erreichen. Das waren Zeugnisse lebenslanger Misshandlungen und unaussprechlichen Leides. Überbleibsel von Verwundungen aus der Jugend wechselten sich mit mehr als zehn Jahre alten Wunden ab, wurden gekrönt von frischen Narben, nicht älter als Wochen.
Anscheinend kannte dieser Mann, über den der Lakota bis jetzt nicht mehr wusste, als seinen Namen, kein anderes Leben als eines voller Gewalt, dessen Spuren seine Haut übersäten.
In seinem Rücken spürte Alan den Wunsch aufflackern, sich umzudrehen und die Hütte zu verlassen, ohne Richtung oder Ziel loszugehen, wie es Davids Gewohnheit sein durfte.
Ohne darauf einzugehen, fuhr er in seinen Bewegungen fort, bereitete die Nacht vor.
*
David zögerte. Er wusste nicht warum, konnte nicht erklären, noch nicht einmal vor sich selbst, was ihn festhielt.
Die Frage seiner Sachen war ungelöst, ebenso wie die Frage nach den Intentionen des schweigsamen Mannes, der seine Anwesenheit entschieden ignorierte, als spielte es keine Rolle, wie Davids zukünftige Entscheidungen ausfielen.
Anscheinend stand es ihm frei, nach Belieben zu gehen und zu kommen, solange er sich an Regeln hielt. Davon abgesehen, dass David keine Ahnung davon hatte, um welche Regeln es sich handelte, an welchem Ort er sich befand, konnte er sich eines merkwürdigen, schleichenden Gefühls nicht mehr erwehren.
Es kroch unaufhaltsam in ihm empor. Am ehesten vergleichbar einem Déjà-vu Erlebnis aus längst vergangenen Tagen oder Zeiten, das ihn Schritt für Schritt einholte.
Die Handvoll Gräser oder Kräuter, die der Dunkelhaarige mit einigen gemurmelten Worten ins Feuer warf, und die nicht nur Rauch, sondern auch einen intensiven Geruch verbreiteten, die offenbar akribisch bemessenen und unzählige Male vollführten Bewegungen, ob es sich um das Zerkleinern von Wurzeln, oder das Aufsetzen von Wasser handelte, wirkten weniger geheimnisvoll auf ihn, als er hätte vermuten können.
Obwohl David sein gesamtes Leben fern von dieser Welt verbracht hatte, kam es ihm beinahe vor, als habe er das alles schon einmal erlebt.
Irritiert wandte er sich ab, um eine bunt bestickte Decke zu studieren, die offenbar Szenen eines Kampfes zeigte, da wurde er einmal mehr aus seinen Gedanken gerissen, als Alan urplötzlich vor ihm stand, und ihm eine Tasse dampfenden Inhaltes entgegenhielt.
David zögerte wieder. Die schwarzen Augen trafen seine, und er schluckte nervös. Der Größere stand vor ihm, unbeweglich, ohne ihn zu etwas zu drängen, ihn zu beeinflussen.
Der Augenblick dehnte sich ins Endlose, bevor David, ohne so recht zu wissen, warum er es tat, das Gefäß ergriff und an seine Lippen führte.
Er erinnerte sich an die Bitterkeit, an das betäubende Gefühl, das dem ersten Schluck folgte, die Ermüdung, die seine Glieder erfasste, sobald das dunkle, heiße Getränk seine Kehle hinab geströmt war.
Ob die Erinnerung ihn aus der vergangenen Nacht, oder aus einer Zeit, derer er sich nicht bewusst war, einholte, verlor ihre Bedeutung.
David gab der Erschöpfung nach, ließ zu, dass die Knie unter ihm weich wurden. Er wäre gestürzt, hätte der Größere ihn nicht aufgefangen, ihn näher zum Feuer geschafft.
Seine Umgebung löste sich im Nebel flüchtigen Vergessens auf. Sobald er spürte, dass der Boden ihn sanft empfing, ihn sicher tragen werde, begrüßte David dankbar die Dunkelheit, die ihn umhüllte.
*
Alan seufzte zufrieden und dankte den Geistern, die ihn führten, für die Leichtigkeit, mit der sein Gast auf den bitteren Tee, den er ihm einflößte, ansprach, und für die Bereitwilligkeit, mit der er das Spiel mitzuspielen schien.
Obwohl David sich in einem geschwächten, erschöpften Zustand befand, war Alan dennoch bewusst, dass dieser Mann ein gefährlicher Gegner sein konnte, sollte er einen Grund für einen Kampf oder auch nur für die Notwendigkeit der Selbstverteidigung erahnen.
Alan warf noch eine Handvoll Gräser in das Feuer, setzte sich, und stimmte einen leisen Gesang an.
Die Trommel schwieg noch.
Sie würde er später brauchen, wenn Davids Ruhe gestört, wenn er, von Krämpfen geschüttelt, dem Entzug erneut würde die Stirn bieten müssen.
Abwesend betrachtete er den schmalen Mann, dessen Gesicht nun beinahe entspannt wirkte, ausgenommen die Momente, in denen es in seinen Zügen verräterisch zuckte, als würden schmerzhafte Erinnerungen einen tiefen Traum stören.
Er sah kein bisschen aus wie Tim, war unverkennbar älter, das Gesicht gezeichnet von Falten und Linien, auch wenn es im Schlaf fast einen jugendlichen, unschuldigen Eindruck machte.
Das Haar war kürzer, die Farbe anders.
Tims Haar war länger. Feiner, in weichen Wellen hatte es seine Züge umspielt, die auch, nachdem sie bereits zehn Jahre zusammen waren, noch Spuren seines kindlichen Wesens aufwiesen.
Dieser Mann zeigte nichts davon. Sein Gesicht bewies Härte, Kontrolle in jedem vorstellbaren Sinne, eine Fähigkeit oder ein Wesenszug, der Tim vollständig fremd war.
Tims Haar war hell gewesen, blond. Wie goldene Spinnennetze hatte es das Licht der Sonne gefangen und behalten, egal welche Dunkelheit ihr Leben auch eingeholt haben mochte.
Alan hatte es geliebt, damit zu spielen, seine Finger durch die glänzenden Strähnen gleiten zu lassen, während er ihn geküsst hatte.
Tim dagegen war fasziniert von dem langen, dunklen Haar des Partners, hatte ihn ermutigt, es wachsen zu lassen, darauf bestanden, die in Silber gefasste Adlerfeder, ein Zeichen für Alans Rang und Würde, selbst und neidlos in der schwarzen Pracht zu befestigen.
Ob es ihm schwergefallen war, stets im Hintergrund zu bleiben, sich hinter dem Schamanen zurückzuhalten, ihn seinen Weg gehen zu lassen und diesem still schweigend zu folgen, Alan hatte es nie erfahren.
Selbst wenn er darunter gelitten hätte, dass er im Leben der Lakota nur die zweite Geige neben Alan spielte, Tim hätte es nicht gezeigt.
Der Grund dafür lag in Tims Vergangenheit, darin, dass er sich, nachdem er im Polizeikorps als homosexuell geoutet worden war, eine eigene Technik, wenigstens eine Nonchalance in der Begegnung mit menschlichen Vorurteilen zu eigen gemacht hatte.
Sein Sarkasmus war nicht angeboren, auch nicht erlernt, sondern eine entwickelte Notwendigkeit, die keine Alternative bot.
Und auch, wenn er nie wirklich einer der ihren, nie ein Lakota hatte werden können, so war er dennoch akzeptiert, war er zu einem Mitglied ihrer Gemeinschaft, mit offenen Armen in ihre Familie aufgenommen worden.
Sein Verhältnis mit Alan bedeutete in ihrer Kultur keine Schande, sondern eine Ehre und ein Zeichen der Stärke, die zwei Männer vereinigte.
Alan schüttelte den Kopf, um seine Gedanken von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.
Er konzentrierte sich wieder auf den seltsamen Gast, den er aufgenommen hatte, den ein unvorhersehbares Schicksal ihn gezwungen hatte, aufzunehmen.
Dessen Haar besaß nichts von Tims Zauber. Es war kurz und fast farblos. Im Licht des Feuers entwickelte es einen rötlichen Schimmer, war es durchzogen von weißen Fäden, stumpf und dünn, Beweis einer Existenz, die lange unter Mangel gelitten hatte.
Die Wimpern waren auffallend lang, dennoch wegen ihrer Helligkeit. beinahe unsichtbar.
Alans Blick wanderte hinab und blieb an der Hand hängen, die lose an Davids Seite ruhte und deren Verunstaltung ihm bereits vorher aufgefallen war.
In ihrer Funktion schien sie nicht beeinträchtigt, doch durch den Verlust des kleinen und des Ringfingers wirkte sie verkrüppelt, klein und nutzlos.
Es war dem Schamanen nicht entgangen, dass David, ob bewusst oder unbewusst, bemüht war, diese Hand vor den Blicken anderer zu verbergen, sei es in dem Dämmerlicht einer Bar, oder allein mit einem Fremden am helllichten Tag.
Alan zuckte mit den Schultern. Es hatte keinen Sinn zu spekulieren. Er konnte nichts tun, als abzuwarten und auf den Willen der Geister Rücksicht zu nehmen, nach ihnen Ausschau zu halten, und zu versuchen, den Weg, den sie ihm wiesen, weiterzugehen.
Noch in Gedanken öffnete er eine Dose Suppe, schenkte sich etwas Wasser ein. Diese Nacht war noch nicht überstanden, und der nächste Tag würde hart werden.
• * * *
David träumte.
Er rannte, ohne vorwärts zu kommen, rannte innerhalb einer grenzenlosen Hölle.
Er schrie vor Schrecken und Schmerz, als ihn die Kugeln trafen, sein Körper in einer Explosion zerfetzt wurde.
Feuer zerfraß seine Glieder, langsam und unaufhaltsam. Seine Hände, mit denen er es löschen wollte, erschienen als taube Stümpfe, unfähig einer Handlung.
Und inmitten des Feuers die Gesichter, lachende Gesichter der Menschen, die er getötet hatte, von denen er überzeugt gewesen war, dass sie es verdient hatten.
Sie grinsten und kicherten, lachten ihn aus. Sie wussten es besser, hatten es immer besser als er gewusst.
Jeder außer ihm hatte bereits vor langer Zeit erkannt, dass seine Anstrengungen vergeblich waren, sein Glauben und seine Ziele auf Illusionen beruhten.
Er schrie vor Wut, und dann vor Angst, als es urplötzlich andere Gesichter waren, neue Fratzen, die sich ihm zuwandten, Gesichter voller Leid und Pein, Gesichter, die ihm stumme Vorwürfe entgegen schleuderten.
Sterbende, blutende, verletzte Menschen. Männer und Frauen, die litten, die Schmerzen ertrugen, Schmerzen, die er verursacht, Wunden, die er ihnen zugefügt hatte.
Er versuchte, die Augen zu schließen, sich vor ihnen zu verstecken, doch sie streckten ihre glühenden Arme nach ihm aus, verbrannten sein Fleisch, rissen sein Innerstes heraus.
Ein blutiger Schleier bedeckte seine Sicht.
Er würgte ohne aufhören zu können, erbrach sich, auch noch, als nichts mehr vorhanden war, dass sich aus seinem gequälten Körper hätte verabschieden können.
Und immer noch hingen sie an ihm, fühlte er ihren Griff, ihren Durst, ihren Wunsch nach Rache, ihr Bedürfnis, ihn für das zu bestrafen, was er ihnen angetan hatte.
Er zuckte, würgte, gequält von Dämonen, gequält von dem Wissen, dass er diese Qualen verdiente.
Endlich hörten die Krämpfe auf, und David spürte, dass er weinte, dass ihm unkontrolliert die Flüssigkeit aus den Augen quoll, dass sich etwas in ihm löste.
Kühle Hände strichen über seinen Rücken, seine Brust, verteilten lindernde Substanzen, die das Feuer zu löschen schienen, die seine Haut vor dem Verbrennen bewahrten. Arme hielten ihn, wenn er sich in Schmerzen und Übelkeit krümmte, feuchte Umschläge bargen sein glühendes Gesicht, schenkten ihm Augenblicke der Ruhe.
Und immer war da diese dunkle Stimme, die sanfte Beschwörungen murmelte, in unverständlichen Worten einfache, eintönige Melodien sang, die ihn einlullten, ihn wieder und wieder in kurze Momente des Schlafes schaukelten, bevor ihn etwas Undefinierbares, Schmerzliches wieder bewog, mit einem Gefühl des Entsetzens hochzufahren.
Er hielt sich an dieser Stimme fest wie an einem Anker, schöpfte aus ihr Kraft, die ihm nicht erlaubte aufzugeben. Trommeln erklangen von ferne, ihr Rhythmus umfloss ihn, gab ihm Ruhe, schenkte ihm Stabilität, von der er nicht gewusst hatte, dass er sie ersehnte.
“Trink das.” Bronzefarbene, schlanke Finger reichten ihm das Getränk, noch ehe er seine Augen geöffnet hatte.
Das helle Licht des Morgens drang in die Hütte, vertrieb die Geister der Nacht.
David schnupperte an seiner Tasse. Es war nicht das bittere Gebräu, das ihm wieder und wieder während vergangener Tage und Nächte eingeflößt worden war, auch wenn es ähnlich ungewohnt duftete.
Er holte tief Luft und nahm einen großen Schluck. Sein Mund verzog sich automatisch mit dem herben Nachgeschmack, und doch setzte beinahe unmittelbar eine belebende Wirkung ein.
Verwundert, sich nach und nach seiner Lage bewusst werdend, begegnete er dem strengen, forschenden Blick des Anderen, konnte es nicht verhindern, dass seine Mundwinkel begannen zu zucken.
Die Komik, die er seiner Situation abgewinnen konnte, verwirrte ihn zusätzlich, zwang ihn, ihr Ausdruck zu verleihen.
“Wir sprechen jetzt?”, fragte er, seine Stimme in ihrem Krächzen kaum wiedererkennend.
Er räusperte sich, und nahm entschlossen einen weiteren Schluck, bevor er die Tasse absetzte.
Die weite Jogginghose, die er trug erschien ihm unpassender, denn je zuvor, und er blickte wieder fragend auf den Anderen.
Dieser nickte, offenbar nicht gewillt, mehr zu sagen als unbedingt notwendig, und richtete sich aus seiner kauernden Lage auf.
David folgte seinem Beispiel, versuchte den Schwindel, der ihn erfasste, nicht sichtbar werden zu lassen. Er bückte sich hinunter, und verharrte einen Moment so, gab vor das Trinkgefäß mit Achtsamkeit abstellen zu wollen.
Alans Hände stützten ihn erneut, als er sich zum zweiten Mal erhob.
Blitzartig kehrten die Bilder der Nacht zu ihm zurück, und der Hilfe, die diese Hände ihm gewährt hatten.
“Wer... “ stammelte er, mühsam sein Gleichgewicht wiedererlangend.
“Alan”, erwiderte die vertraute, dunkle Stimme.
“Mach dir keine Sorgen, David. Die Geister sind auf deiner Seite.”
Verwirrt, immer noch eine leichte Übelkeit bekämpfend, ließ David es zu, nach draußen geführt zu werden. Die kühle Morgenluft jagte ihm Schauer über den Rücken. Dankbar zog er den übergroßen Sweater an, den Alan ihm zu warf.
Langsam gewöhnten sich seine aus unerfindlichen Gründen bereits wieder tränenden Augen an die aus tiefem Schlummer erwachende Welt, bemerkten den Nebel, der hartnäckig zwischen den dunklen Bäumen festzuhängen schien, auch wenn sich der graue Schleier hauptsächlich in seinen Augen befand, die mit der plötzlichen Grelle des Lichtes im Clinch lagen.
Vögel sangen mit einer Inbrunst, als könnten sie den schwindenden Sommer daran hindern, der kälteren Jahreszeit zu weichen, und der Himmel strahlte klarer, als David glaubte, ihn jemals zuvor gesehen zu haben.
Kaum hatte er bemerkt, dass Alan ihn losgelassen hatte, als er das ebenso ungewohnte wie vertraute Schnauben von Pferden vernahm. Verwundert drehte er sich um, immer noch fröstelnd in der morgendlichen Frische.
Wie ein Bild aus einer anderen Zeit erschien ihm der Anblick, den er weniger als alles andere erwartet hatte, der hochgewachsene, dunkelhaarige Mann in ausgewaschener Jeans Kleidung, der wie selbstverständlich zwei braune Pferde auf ihn zu führte.
David lächelte, registrierte mit Erstaunen, wie sich seine Gesichtszüge auf diese beinahe vergessene Art veränderten, lockerten, nahe daran ihre antrainierte Verbissenheit zu verlieren.
Es war schön, die beiden Tiere zu beobachten, die Eleganz und Leichtigkeit, mit der sie über die Wiese schritten, die Lässigkeit, mit der sie ihre schlanken Köpfe hoben, ihre langen Mähnen schüttelten.
Kastanienbraune Augen bemerkten ihn, schnaubten hochmütig in dem natürlichen Wissen ihrer Überlegenheit. Keine Seelenqual würde sie an den Rand eines Abgrundes bringen, keine leeren Worte sie dazu zwingen können, Ihresgleichen das anzutun, was der Mensch seinen Artgenossen tagtäglich zumutete.
Die Schönheit dieser Wesen ergriff David, machte ihn stumm in ihrer Anwesenheit, die ebenso, wie die Zeit, die er hier verbrachte, unwirklich und fern von allem, das er kannte, in unerklärlichen Bahnen verlief.
Eines der Pferde, das hellere, trug einen Sattel und Zaumzeug, während das andere mit seinem Schweif den bloßen Rücken von umher summenden Fliegen befreite.
Anscheinend waren sie von Anfang an dabei gewesen, nicht weit von der Hütte weidend, auf sich selbst gestellt und frei, wie er es ihnen wünschen würde.
Alan führte das gesattelte Tier zu David, der wartete bis es seine Witterung aufgenommen hatte, bevor er seine Hand hob, um es vorsichtig zu streicheln.
Das Pferd schnaubte und schien zufrieden mit der Liebkosung, bevor es sich abwandte und zu dem anderen gesellte, das hocherhobenen Hauptes über das Gras schritt, lautloser Gang, erstickt von der federnden Nachgiebigkeit der weichen Matte, welche die Erde bedeckte.
Alan sah ihn forschend an. Beinahe vermeinte David, etwas wie Unruhe oder Skepsis in seinem Blick zu entdecken, bevor der Größere zu sprechen begann, sich kurz fasste, wie es anscheinend seine Art war, eine Tugend, die David mehr als willkommen war.
“Du bist jetzt bereit zurückzugehen. Deshalb werden wir aufbrechen.”
David nickte, auch wenn er sich fragte, ob er die Zeichen richtig deutete.
“Ich... wir...” Er stockte, deutete unsicher auf die Pferde.
“Sie werden uns tragen”, antwortete Alan auf die unausgesprochene Frage, und schwang sich in demselben Atemzug auf den Rücken des ungesattelten, dunkelbraunen Pferdes, das bereits aufgeregt tänzelte, offensichtlich einem Lauf nicht abgeneigt.
“Aber wie...?”
‘Wie sind wir hierher gekommen’, wollte David hinzufügen, seinem Gefühl für Raum und Zeit ebenso wie seiner Erinnerung misstrauend.
Er hatte automatisch angenommen, einen Wagen vorzufinden, war es nicht gewohnt, eine andere, weniger moderne Art der Fortbewegung überhaupt in Betracht zu ziehen.
Welche Zeiträume mochten seinem Gedächtnis entfallen sein, vielleicht hatte er hier schon länger verbracht, als bis jetzt vermutet.
Er runzelte die Stirn. Konnte es sein, dass seine Erinnerung ihn trog, weitaus größere Lücken aufwies, als ihm möglich war zu erkennen?
Er versuchte, sich zu konzentrieren, die Vergangenheit zurückzurufen, doch es erreichten ihn nur verschwommene Bilder, die ebenso seinen wilden Träumen entstammen konnten.
Kurze Eindrücke einer nächtlichen Welt, die an ihm vorbeiflog. Er selbst über den Hals eines warmen Tieres gebeugt, sich daran festklammernd, obwohl er sicher gehalten wurde, obwohl ihn starke Hände an seinem Platz hielten, ihn fest umklammerten, den ständigen Bewegungen, dem unkontrollierbaren Auf-und-Ab Contra boten, das drohte, ihn gewaltsam abzuschütteln.
Alans schwarze Augen glitzerten wie Kohlen, fast schelmisch, als würde er Davids Gedanken erraten.
David schob die Rätsel beiseite, ergriff die baumelnden Zügel des Braunen, der sich von ihm nicht im Mindesten beeindrucken ließ.
Es war lange her, wirklich sehr lange, dass er in einem Sattel gesessen hatte, und David bekämpfte einen kurzen Moment des Zögerns, bevor er sich hinaufschwang.
Er hatte wirklich vergessen, wie er sich auf dem Rücken eines Pferdes gefühlt hatte, wie losgelöst von den Fesseln der Schwerkraft, eins mit einem anderen Lebewesen, dem er vertraute, so wie es ihm vertraute, das ihn sicher trug und dafür nichts erwartete, zumindest nicht mehr als das, was er zu geben bereit war.
David merkte nicht, dass er den Atem anhielt.
Tief holte er Luft, genoss die veränderte Perspektive, den fremdartigen Rahmen, in dem er sich wiedergefunden hatte.
Und wenn es alles ein Traum war, eine Illusion, es wäre ihm egal, es würde ihn nicht im Mindesten kümmern.
Er fing Alans Blick, der beinahe erstaunt wirkte, so, als hätte er nicht erwartet zu sehen, was er nun vor sich sah.
Sein Ausdruck wich einem Zwinkern, das nur für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzte, bevor er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd, ohne noch einmal Richtung Hütte zu sehen, mit den Knien vorwärts dirigierte, in eine Richtung, in der das sie umgebende Gehölz lichter wurde.
Davids Pferd folgte dem anderen automatisch, trug seine Last geduldig vorwärts, den sanften Abhang hinauf.
Der Blonde drehte sich im Sattel und warf einen letzten Blick auf das verlassene Gebäude.
Jetzt erst bemerkte er, dass es wie in einer Grube nistete, eingebettet und geschützt vor Wind und Wetter.
Aus der Entfernung wirkte es alt und angegriffen, so, als seien seine Tage bereits gezählt. Und dennoch schien es ihm wertvoll, kostbarer als jedes hochtechnisierte Luxus Apartment, das seine Besitzer mit nichts als kühler Perfektion und Raffinesse zu empfangen gewohnt war.
Abrupt wandte er sich ab und richtete den Blick nach vorn, auf ungewohnte Weise neugierig auf das Bild, das sich ihm enthüllen werde, wenn sie diesen Wald verließen.
Das geschah schneller, als er vermutet hatte. Die Bäume wichen zurück, öffneten den Blick für eine atemberaubende Landschaft, die im Morgenlicht erstrahlte.
Winzige Tautropfen, die in Zweigen und Gräsern wie vergessen wirkten, funkelten wie Sterne, verzauberten diesen Ort, verliehen ihm einen Hauch von Magie.
Die Stille wurde lediglich von den Geräuschen der Pferde unterbrochen, dem gleichmäßigen, sanften Schnauben, dem Knarzen des weichen Sattelleders und den Vögeln, die ihnen aus der Sicherheit der Wälder ihren Abschied zuriefen.
Vor ihnen erstreckte sich eine endlose Fläche, eine Wiese, die wellengleich in Hügeln und Tälern verlief, sich in die Ferne ausdehnte, reich an den unterschiedlichsten Farben und Schattierungen.
Der Himmel war klar, erstrahlte in einem Farbton reinen Blaus, den David lange nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht hatte er ihn in seiner Jugend hoch in den Bergen, dort, wo des Nachts noch die Sterne zu erkennen waren, zum letzten Mal in dieser Intensität betrachten dürfen.
Er erinnerte sich an die Lehrzeit auf der Polizeischule. an die Reit-Techniken, die ihm, der stets versucht hatte, der Freund und Partner des Tieres zu sein, gelehrt worden waren. Er schob die erlernten Kniffe beiseite, passte sich den Bewegungen des Pferdes an, fiel mit seinem Körper in den wiegenden Rhythmus ein, den das Tier vorgab.
Wann er zum letzten Mal geritten war, hatte er vergessen. Es musste in einem anderen Leben gewesen sein, lange, bevor er nach Amerika gekommen war, damals, als er noch Hoffnung in sich getragen hatte.
Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, und er drängte ihn zurück. Es hatte keinen Sinn, an die Vergangenheit zu denken, an die Menschen, die er geliebt und die er verloren hatte. David presste die Lippen zusammen und schob den Schmerz tief in sein Inneres, vergrub ihn dort, wo er sich in Momenten der Schwäche aus der Tiefe empor wühlen und solange mit seinen knochigen Klauen würgen würde, bis er endlich bereit war, aufzugeben und ihm wieder den Sieg einzuräumen.
Alan ließ Cheyenne in leichtem Trab laufen. Es gab keinen Grund zur Eile. Im Gegenteil, alles verlief erheblich einfacher, als er zu hoffen gewagt hatte.
Er grinste, während seine Augen den Horizont absuchten.
Im Grunde hatte er schon befürchtet, wieder gezwungen zu sein, mit dem Anderen ein Pferd zu teilen.
Nicht nur, dass er Cheyenne die Doppelbelastung nicht zumuten wollte, der Weg war schlechthin zu lang für einen solchen Ritt, selbst wenn der Hinweg mit der bewusstlosen Last in seinen Armen, erstaunlich glatt gelaufen war.
Sein Lächeln vertiefte sich mit der Erinnerung an Tim und dessen erste Versuche, ein Pferd zu besteigen und zu reiten.
Lautstark und wortreich, wie es seine Art gewesen war, hatte er sich von Anfang an über alles beschwert, den harten Rücken, den wackeligen Sitz, die Schmerzen, die ein Tag im Sattel mit sich bringen konnte.
Und doch hatte er all das mitgemacht, hatte gelernt, sich auf dem Pferd zu halten, es vor und nach dem Ritt zu versorgen, hatte sich ohne Zögern in jede Art von Farmarbeit gekniet.
Es war zu leise geworden, zu still, ohne seine ständigen Kommentare, ohne einen Menschen, der es gewohnt war, sein Herz auf der Zunge zu tragen, der nicht, so wie Alan selbst, seine Gedanken und Worte für sich behielt, auch wenn sie wie ein schwerer Stein auf seiner Seele lasteten.
Alan hatte nicht bemerkt, dass David aufgeholt hatte, dass sie beinahe nebeneinander ritten, in einstimmigem Schweigen.
Und doch spürte er, dass der Andere etwas sagen wollte, dass ihn eine Frage, vermutlich unzählige Fragen, beschäftigten. Ermunternd sah er ihn an, bereit seine Neugierde zu befriedigen, sei es auch nur, um von den eigenen Gedanken abgelenkt zu werden.
Eine Ewigkeit schien verstrichen zu sein, bevor David sich überwinden konnte, die einträchtige Stille zu stören. Er wandte seine Aufmerksamkeit ab von der Perfektion, in der sich der Hals des Tieres vor ihm hob und senkte, dem beruhigenden Wiegen und der Lebendigkeit, die ihm mit jeder erneuten Anspannung und schließlich Entspannung der Muskeln bewusst wurde.
“Wo sind wir?”
Der Anflug eines Zwinkerns in den dunklen Augen des Anderen bewies ihm, dass er die Frage nicht nur erwartet, sondern ihn auch schon geraume Zeit beobachtet haben musste, geahnt, dass er früher oder später das komfortable Schweigen brechen würde, es sich vielleicht sogar gewünscht hatte.
“Pine Ridge.”
Die Antwort fiel knapp aus, überließ David weiteren Spekulationen.
Es hatte seinen Grund, dass dieser sich in den Norden der USA aufgemacht hatte, Kalifornien, die Südstaaten, Südamerika bargen zu viele schreckliche Geheimnisse, denen noch einmal gegenüber zu treten, er sich weigern würde.
Es war nur logisch sich in eine andere Richtung zu begeben.
Nur hatte es nichts geändert. Was er mit sich trug, wog zu schwer; egal, wie weit er laufen würde, es wäre immer bereits vor ihm am Ziel, um ihn zu erwarten, zu ergreifen, weiter zu quälen, bis er es nicht mehr ertragen konnte.
Und nun, unerwartet und unbeabsichtigt, fand er sich an einem Ort, der ebenso qualvolle Erinnerungen atmete, der eine der zahllosen unvergessenen Stätten war, die Zeugnis des Unverständnisses und der Grausamkeit gewesen war, die Siedler den amerikanischen Ureinwohnern entgegengebracht hatten.
Natürlich erinnerte er sich an ‘Wounded Knee’, an Geschichten von Kampf, Heldentum und unverzeihlichen Massenmorden an Kindern und Frauen, deren Verbrechen lediglich darin bestanden hatte, diesen Teil der Welt als Erste bevölkert zu haben.
Und er erinnerte sich an Bilder aus den Reservaten, aktuelle Bilder von Armut und Chancenlosigkeit.
Das Land der Freiheit hatte viele Gesichter, und Pine Ridge war eines davon.
“Und was...” David verstummte.
Ein Blick Alans ließ ihn den Rest der Frage verschlucken.
Und wieder fragte David sich, ob es möglich sein konnte, dass dieser geheimnisvolle Mann fähig war seine Gedanken intuitiv zu erfassen.
Auf eine seltsame, seit langem nicht mehr gespürte Art, begann David, sich verlegen zu fühlen. Und mehr als alles andere erstaunte es ihn, dass er zu Gefühlen dieser Art noch in der Lage war.
Er fühlte sich zunehmend unsicher, schämte sich, nicht mehr der Herr seiner Erinnerungen zu sein.
Die Gedächtnislücken, denen er bisher wenig Beachtung geschenkt hatte, klafften auf wie tiefe Abgründe.
Warum nur, wann und wie hatte Alan ihn in diese Hütte geschafft.
Was konnte er von ihm wollen? David wusste wohl, dass er seine Fragen nur zu stellen brauchte, und doch hielt ihn etwas davon ab, was er sich nicht zu erklären vermochte.
Die Worte erstarben in seinem Hals, noch bevor sie seine Lippen erreichen konnten. Irgendetwas war an diesem Mann, das er nicht einordnen konnte, eine Aura des Stolzes umgab ihn, dessen Grundlage unbekannt und fremd anmutete.
Ohne das Schweigen noch einmal zu brechen, ritten sie stumm weiter, jeder für sich, unfähig die Barriere zu überwinden, die zwischen ihnen stand.
Die Sonne stieg hoch an den Himmel, die Landschaft flimmerte in der aufkommenden Hitze, ließ sie zunehmend trocken und ausgedörrt erscheinen, ähnlich der Kehle Davids, die begann, sich nach einem Schluck Wasser zu sehnen.
Seine Zunge glich rauem Sandpapier, und sein Hals schmerzte beim Schlucken.
Erinnerungen an die Gefangenschaft holten ihn ein, und an die endlosen Tage, in denen nur sein Adrenalin es ihm ermöglicht hatte, körperliche Schmerzen und unmenschliche Anstrengungen zu ertragen und zu funktionieren, wie es von ihm erwartet worden war.
Doch dies war lange her, damals, als er noch geglaubt hatte, er werde etwas bewirken, sein Einsatz sei nötig, um die verhassten Köpfe der Organisation, der sie auf den Fersen waren, aufzuspüren und ihrem Treiben ein Ende zu bereiten.
Wie blauäugig er in dieses Abenteuer gestiegen war, wie unsinnig von ihm, anzunehmen, dass über Jahrzehnte etablierte Macht- und Gesellschaftsstrukturen es ihm erlaubten, so einfach in das Herz des Bösen einzudringen und ihm den Lebensnerv zu kappen.
Und doch war die Anspannung dieser Zeiten auch ein Plus gewesen, hatte der Kampf ihm einen Grund geliefert, weiterzumachen, nicht aufzugeben, wenn es in seinem Leben nichts mehr gegeben hatte, für das sich eine Anstrengung gelohnt hätte.
Doch ohne diesen Druck spürte er die Anforderungen allzu deutlich, denen sein geschwächter Körper ausgesetzt war, fehlte ihm der Willen, die Schwäche zu bekämpfen.
Erschöpft hing er im Sattel, überließ Alan wieder die Führungsposition, entschlossen einfach abzuwarten.
Endlich tauchten in der Ferne vereinzelt Gebäude auf, staubige Farmhäuser, deren schlechter Zustand erst beim Näherkommen zu erkennen war, dann aber unverkennbar ins Auge stach.
Sie machten einen Bogen um die Ansammlung von kleinen Häusern, die sich an einer Stelle konzentrierten und strebten schließlich einem abgelegenen Gebäude zu, das einsam außerhalb der Sichtweite der anderen Häuser stand.
Beim Näherkommen erschien es David ein wenig größer, und er bemerkte die beiden brüchigen Holzgebäude im Hintergrund, die offenbar als Stallungen oder Scheunen dienten.
Ein Seufzer der Erleichterung entfuhr ihm, als es keinen Zweifel mehr daran gab, dass es sich um das Ziel ihrer Reise handelte.
Auch ihre Pferde lebten auf, mit der Aussicht auf Wasser, und darauf, ihre menschlichen Lasten loszuwerden.
Die Tiere trugen sie vorwärts, schnaubten freudig, als sie ihre heimatlichen Stallungen erreicht hatten.
Alan glitt in einer fließenden Bewegung von Cheyennes Rücken, die David nicht einmal versuchen konnte zu imitieren.
Stöhnend hob er sich aus dem Sattel und rutschte mehr auf den immer noch schwankenden Erdboden hinab, als dass er abstieg.
Dankbar tätschelte er den Kopf des Pferdes, das ihn neugierig beschnupperte, möglicherweise auf der Suche nach einer Belohnung.
Entschuldigend schüttelte David den Kopf und verstärkte seine Liebkosungen, um dem Tier wenigstens etwas Gutes zu tun. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Alan, der Cheyenne mit ruhigen und sicheren Bewegungen versorgte, bevor er sich Davids Pferd zuwandte.
Flink entfernte er den schweren Sattel und reichte ihn stumm weiter an den Blonden, ein Wink mit dem Kopf in Richtung des Stalles das einzige Zeichen dafür, was von ihm erwartet wurde.
Der Stallgeruch überwältigte David mit Macht, sobald er die angelehnte Tür mit seinen Füßen aufgestoßen und seine Last in das düstere Innere des Gebäudes geschafft hatte.
Zu seiner Linken entdeckte er Halfter, Zaumzeug und weitere Utensilien sorgsam an der Wand aufgereiht.
Aufatmend setzte er den Sattel ab und ließ seinen Blick durch die leeren Räume wandern.
Er blinzelte zweimal, doch die Bilder, die ihn einholten, wollten nicht verschwinden.
Das Heulen des Windes, das Prasseln des Regens, der drohte den Stall hinfort zu schwemmen, die aufgeregt tänzelnden Pferde, unfähig der Angst, die Blitz und Donner in ihnen auslösten, Herr zu werden, erfüllten seine Sinne.
Und inmitten des Chaos, aufrecht zwischen ihnen, entdeckter er Alan, der beruhigend auf sie einsprach, dem es immer wieder gelang, ihnen den größten Schrecken zu nehmen.
David legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Decke hinauf. Die Eindrücke verschwanden mit dem Anblick der Fliegen, die zwischen den morschen Balken summten, und dem des Streifens Sonnenlichtes, das die vorangegangene Illusion Lügen strafte.
David kehrte zurück ins Freie, nahm nur am Rande wahr, wie sich die Tür hinter ihm mit einem vernehmlichen Quietschen schloss.
Alan hatte sich in der Zwischenzeit um die Tiere gekümmert und schickte sie gerade mit einem freundlichen Klaps zu ihren wartenden Artgenossen, einer Aufforderung, der sie ohne Zögern nachkamen.
David sah ihnen nach, wie sie freudig fortgaloppierten, erlöst von den aufgezwungenen Pflichten der verdienten Freiheit entgegen strebten.
Als er sich umwandte, befand sich Alan bereits auf dem Weg zum Haus, und wieder schien es ihn keineswegs zu interessieren, ob David auch bereit sei, ihm zu folgen.
Dennoch ging er ihm nach, ohne zu zögern, ein wenig aus Trotz heraus, ein wenig aus Neugierde, aber hauptsächlich, weil er zu müde war, etwas anderes zu tun.
Geübte Augen nahmen Kleinigkeiten auf, zogen Schlüsse in Sekundenschnelle. Reifenspuren auf dem Hof, ein zerknitterter Ball, dessen Luft schon längst entwichen war, ein hölzerner Roller und eine in die sandige Erde vor dem Haus gegrabene Murmelbahn widersprachen der Stille, die das Gebäude umgab, der momentanen Verlassenheit, die es ausstrahlte.
Alan ließ die Tür offen stehen, doch er sparte sich die Mühe eines einladenden Wortes.
Dass der Mann nicht viel redete, war mittlerweile keine Überraschung mehr, und David akzeptierte seine Schweigsamkeit als angenehmes Geschenk.
Er trat ein und sah sich um.
Auch hier die Spuren eines Familienlebens, doch ohne die dazugehörigen Familienmitglieder. Die Ausstattung war einfach und schlicht, dem Zahn der Zeit wurde versucht, mit Kreativität Einhalt zu gebieten.
Risse in Wänden und Möbeln waren geflickt oder von bunten Wandteppichen bedeckt, die Spuren mehrfacher Reparaturen klar erkennbar.
In einer großen Küche stand noch Geschirr zum Trocknen, und Töpfe und Pfannen hingen über einem altmodischen, rostigen Ofen.
Fotos zierten vereinzelt die Wände und David ging näher, um sie zu betrachten. Spielende Kinder, freundlich lächelnde Pärchen.
Zwei junge Familien schienen sich diesen Platz zu teilen, beide Väter mit langen, schwarzen Haaren, wahlweise offen oder zusammengebunden im Rücken getragen, die Mütter kleiner, zarter, aber mit ähnlicher Haartracht.
Auf manchen Bildern hatte sich eine ältere, grauhaarige Frau zu ihnen gesellt, deren Gesicht von Milde und friedfertiger Gelassenheit überstrahlt wurde.
Nur ein einziges Foto zeigte Alan, der sich offenbar widerstrebend, und nur im Hintergrund zur Verfügung gestellt hatte.
David fuhr zusammen, als eine Stimme ihn unerwartet aus seinen Betrachtungen riss. “Komm mit”, sprach Alan kurz, bevor er sich auf dem Treppenabsatz umdrehte, und die knarzenden Stufen hinauf stieg.
Einen Blick riskierte David noch in den Bereich, der offenbar als Wohnzimmer diente. Die Räume waren niedrig, aber dennoch vermutete David, dass es sich um einen der wohlhabenderen Wohnplätze der Gegend handelte.
Der Flur im oberen Stockwerk war dunkel, aber David bemerkte trotzdem Alans Widerstreben, als sie sich fortbewegten und schließlich vor einer der schmalen Türen innehielten.
Offenbar gezwungen, sich selbst zu überwinden, stieß Alan das Hindernis mit einem plötzlichen Ruck beiseite und durchquerte mit langen, entschlossenen Schritten den Raum, um die Jalousien des einzigen Fensters zu öffnen und einen Streifen Licht hineinzulassen.
“Du schläfst hier.” David sah ihn forschend an, verwundert über die plötzliche Heiserkeit in dessen Stimme.
Er wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Alan den Raum beinahe eilig wieder verließ.
“Lass etwas Luft hinein”, setzte er, bereits im Gehen, hinzu.
“Es... es ist schon eine Weile her.”
Und bevor David noch etwas sagen konnte, bevor er imstande war, seiner Unsicherheit Ausdruck zu verleihen, war der Alan bereits verschwunden, die Treppe hinunter, als könne er es nicht ertragen in diesem Zimmer zu sein.
David spürte mit einem Mal wieder, wie erschöpft er war, wie Beine und Arme von dem Ritt schmerzten, und wie sehr er sich danach sehnte, sich einfach auszustrecken und einzuschlafen.
Aber die merkwürdige Situation erschien ihm zu mysteriös, zu fragwürdig, als dass er nicht wenigstens den Versuch machen sollte, ein paar Antworten zu erhalten.
Er beschritt denselben Weg, den Alan zuvor genommen hatte, betätigte den widerstrebenden Riegel und öffnete das Fenster, das ein hässliches Geräusch von sich gab, als wäre es schon seit Jahren nicht mehr derart beansprucht worden.
Die abgestandene Luft weigerte sich vorerst, den Raum zu verlassen, ebenso wie die warme Brise außerhalb des Fensters vor demselben zu tanzen schien, ohne Eintritt zu fordern.
David drehte sich seufzend um und begann den Raum zu studieren, gab sein Bemühen jedoch schnell wieder auf, als er die Erschöpfung spürte, die wieder begann, ihn in ihren Bann zu ziehen.
Das hölzerne Bett, über das nur eine bunt bestickte Decke geworfen war, offenbarte sich als Ziel seiner Sehnsüchte.
Er rieb sich Augen und Stirn, entschlossen mehr zu erfahren, wenigstens ansatzweise abzuwägen, was es für ihn bedeutete, überhaupt in diesen Mauern zu bleiben.
Müde stützte er sich beim Verlassen des Zimmers am Türstock ab, und stolperte dann auf wackeligen Beinen die ausgetretenen Stufen hinab. Schon vom Treppenabsatz aus erkannte er, dass Alan, vertieft in verschieden farbige Papiere, die er in mehreren Stapeln vor sich geordnet hatte, dabei war, eine Menge Post durchzugehen, wobei es sich offensichtlich in erster Linie um Rechnungen oder schlimmer, um Mahnungen handelte.
Die Stirn gerunzelt beachtete der Lakota das mittlerweile brodelnde Teewasser genauso wenig, wie die plötzliche Gesellschaft.
Nur die leichte Anspannung des Nackens zeigte David, dass er durchaus von beidem Kenntnis genommen hatte.
“Du solltest dich ausruhen”, erklang die dunkle Stimme unerwartet, gerade als David näher trat, in der Absicht, sich um das undefinierbare Gemisch zu kümmern, das dazu bestimmt war, eines der bitteren Getränke zu werden, ohne die es sich anscheinend in diesem Land nicht zurechtkommen ließ.
Er hielt in der Bewegung inne, betrachtete den Dampf, der aus dem Kessel emporstieg, seltsame Formen annahm, bevor er sich in Nichts auflöste.
“Wo sind die anderen?” David beschloss, direkt zur Sache zu kommen.
“Verwandtenbesuch.”
David räusperte sich, nahm sich vor, das Gespräch in Gang zu halten, solange es möglich war. “Aber noch nicht lange?”
Alan seufzte resigniert. Sorgsam legte er die Blätter, die er gerade studiert hatte, beiseite, und erhob sich von dem hölzernen Stuhl.
Zu Davids Erleichterung nahm er vorerst das Wasser vom Feuer und goss es in die bauchige Kanne. Ein eigenartiger Geruch, beinahe wie Lakritze, erfüllte die Küche, und entfaltete seine entspannende Wirkung.
“Nein”, antwortete der Dunkelhaarige endlich. In seinen Mundwinkeln zuckte es verräterisch, als wüsste er genau, wie sehr es den Blonden gestört haben musste, eine unerledigte Aufgabe vor Augen zu haben.
“Sie haben das Reservat heute verlassen.”
“Und...” David zögerte, unsicher, was er fragen sollte.
“Und solange muss jemand für die Farm da sein.”
“Und wenn, wenn du nicht auf der Farm bist, wo... was ist es dann, das...”
Endlich drehte sich Alan vollständig um und sah David ins Gesicht. Der verschmitzte Ausdruck erreichte seine Augen. “Ich bin immer dort, wo ich gebraucht werde.”
“Aha.” David wusste für einen Moment nicht mehr, was er sagen sollte.
Das Einfachste würde wohl sein, das Thema zu wechseln.
Er stützte sich auf die Tischkante, fühlte das raue Holz unter seinen Fingern.
“Und... und wo leben deine Verwandten?”
Möglich, dass er sich täuschte, und doch glaubt David zu bemerken, wie sich des anderen Gesicht wieder verdunkelte, um eine Nuance nur, und doch für das geübte Auge unverkennbar.
“In der Stadt.” Die Antwort kam leise, beinahe widerstrebend.
David konnte nicht anders, als nachzuhaken.
“Und wieso ohne dich..., ich meine,... sind es nicht auch deine Verwandten?”
Alan wandte sich ab, ordnete geistesabwesend die Papiere.
“Doch.” Seine Stimme erklang wieder fest und bestimmt.
“Das ist meine Familie. Aber ich kann nicht dorthin zurück. Niemals wieder.”
Davids Mund öffnete und schloss sich wieder. Er spürte, die unsichtbare Grenze erreicht zu haben, den Moment, in dem man das Thema besser fallenließ.
Vielleicht, möglicherweise, war der Mann auf der Flucht, gesucht von den Behörden, gezwungen, sich zu verstecken.
Es war weder so, als könne er ihm dies zum Vorwurf machen, noch hatte er das Recht, in diesen Bereich einzudringen.
Der Kampf um die Gleichberechtigung amerikanischer Ureinwohner zog immer noch, und immer wieder von Neuem, seine Kreise, und er war der Letzte, der jemandem eine Gesetzesübertretung vorwerfen konnte, der an die unbedingte Bedeutung seiner Ziele glaubte.
Auf jeden Fall würde es den versteckten Zufluchtsort erklären, den sie gerade verlassen hatten.
David zuckte unbemerkt mit den Schultern.
Wie auch immer, im Grunde ging es ihn nichts an, ebenso wenig wie Alan sein Leben etwas anging. Schließlich ließ er sich auf die morsche Bank sinken, die zwischen Tisch und Wand aufgestellt war, und stützte den Kopf in die Hände.
Alan musterte ihn aufmerksam. “Du wirst dich ausruhen müssen”, sagte er schließlich.
“Ich habe getan, was mir bis jetzt möglich war, aber das Gift sitzt nicht nur in deinem Körper.”
Er schob sich den Stuhl zurecht und nahm David gegenüber Platz.
Seine Augen bohrten sich in die helleren des anderen, bis David den Blick senkte.
“Deine Seele ist vergiftet, schon seit langem, und du wirst viel Kraft brauchen, solltest du versuchen wollen, sie heilen zu lassen.”
“Ich...”
David wand sich, unangenehm berührt, auf seinem Platz.
“Ich glaube nicht, dass ich das so sehen würde...”, stammelte er, auf eigenartige Weise zurückversetzt in seine Vergangenheit, inmitten all jener Momente, in denen er sich verletzlich, klein gefühlt hatte, in denen ihm seine Stärke und seine Willenskraft nicht mehr weitergeholfen hatten.
“Es ist anders...”
Alan sah ihn weiter stumm an.
David fühlte den dunklen Blick des Schamanen auf sich ruhen, und seltsamerweise wich die Scham, die Unsicherheit Sekunde für Sekunde, Minute für Minute, je länger diese Augen ihn gefangen hielten.
Zögernd sah er wieder auf und sein unruhiger, suchender Blick traf auf eine Kraft, die nicht nur in den Gesichtszügen seines Gegenübers ruhten, sondern sein ganzes Wesen überstrahlte.
David war gebannt und verwirrt zugleich. Soweit es ihn anging, existierten keine spirituellen Mächte, wie auch immer sie aussehen mochten, hatten niemals existiert.
Natürlich rief er Gott an, hatte ihn in den verzweifelsten Stunden seines Lebens wieder und wieder angefleht, ihm zu helfen, oder ihm zumindest die Gnade der Erlösung zu gewähren.
Es war nur menschlich, so zu reagieren, aber kein Grund, sich auf lange Sicht etwas vorzumachen.
Der dunkelhaarige Mann, der mit ihm sprach, mochte eine natürliche Intuition besitzen und mit Worten umzugehen wissen, er konnte ihm jedoch nicht weismachen, dass er sich auf Dinge verstände, wie die tiefen Wunden einer Seele zu schließen, die zu lange ohne Hilfe gewesen war.
Davon einmal abgesehen, dass niemand dazu in der Lage war, dass es nichts, denn eine hübsche Illusion sein mochte, sich derartigen Tagträumen hinzugeben.
David schluckte vernehmlich, und löste seinen Blick wieder.
“Wenn..., wenn es keine Rolle spielt, dann sollte ich vielleicht wirklich etwas schlafen. Ich... bin das Reiten nicht gewohnt.”
Alan nickte, verbarg die Belustigung, die erneut in ihm hochstieg.
Was auch immer das Schicksal mit ihnen im Sinn haben mochte, es war doch eine willkommene Abwechslung, jemanden hier zu haben, jemanden, der verstockt und ungläubig war, der sich nicht alles sagen ließ, der einen anderen Ursprung hatte und anderen Regeln folgte.
Eine Herausforderung, etwas Neues, jemand, der ihn vielleicht überraschen würde, der ihn vielleicht etwas lehren würde, das er noch nicht imstande war, sich auch nur vorzustellen.
Sein Blick folgte der schmalen Gestalt, die aufrechten Rückens den Raum verließ, und er konnte nicht umhin, den Stolz anzuerkennen, der den Mann zwang, sich den Grad seiner physischen Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.
Er war es offenbar gewohnt, sich zusammenzureißen, bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit zu gehen und darüber hinaus.
Und Alan fand sich wieder allein mit der Frage, was für ein Leben es sein mochte, das David ein derartiges Verhalten antrainiert, aufgezwungen hatte, ein Verhalten, das ihm nicht fremd war, das er nur zu gut kannte, das jedoch keineswegs der Norm entsprach, und keineswegs einem verlorenen Junkie ähnlich sah, den unerklärte Pein dazu trieb, ewiges Vergessen zu suchen.
*
Es war dunkel, als er erwachte. Starker Durst quälte ihn und seine Eingeweide schmerzten.
Einen Moment brauchte David, bis er sich zurechtgefunden hatte, wieder in der Lage war, das harte Bett, die fremde Umgebung einzuordnen.
Als er versuchte sich zu erheben, durchfuhr ihn eine Welle der Übelkeit, und er stöhnte verhalten. Schwer atmend verharrte er, rückwärts auf seine Ellbogen gestützt, und bekämpfte den Würge-Reflex, der sich rhythmisch aufbäumte.
Als er glaubte, nicht mehr in der Lage zu sein, ihn aufhalten zu können, lehnte er sich zur Seite in dem vergeblichen Bemühen seine Stätte zu verlassen und war nahe daran aus dem Bett zu kippen.
Doch er stürzte nicht. Wieder waren da starke Hände, um ihn zu halten, um ihn zu stützen. Hände, die ihm ein Gefäß reichten, in das er sich erbrach, die sein feuchtes Haar zur Seite strichen, die seinen Kopf in ihrem Griff bewahrten und seine Lippen säuberten, nachdem sich die fruchtlosen Krämpfe endlich beruhigt hatten.
Alan konnte nicht weit gewesen sein. Entweder er hatte den Anfall erwartet, oder war zufällig in der Nähe gewesen.
Wie es auch gewesen sein mochte, David war mehr als dankbar. Sein ganzer Körper zitterte, und er glaubte nicht, dass er den Weg in ein Bad bewältigt hätte, geschweige denn, dass er in der Lage gewesen wäre, sich erst einmal auf die Suche danach zu begeben.
Welch ein Teufelszeug auch immer er sich gespritzt haben mochte, welche merkwürdigen Getränke Alan ihm eingeflößt haben dürfte, die Folgen setzten ihm auf bisher unbekannte Weise, in den merkwürdigsten Abständen und Schüben zu.
Ein Arm Alans stützte seinen Rücken, und David hustete, als er das kühle Glas an seinen Lippen fühlte.
Der Krampf beruhigte sich, und wieder hob der andere das Getränk an seinen Mund, das David diesmal gehorsam schluckte.
Die kühle Flüssigkeit durchfloss seine Kehle wie ein wohltuender Balsam, und David spürte die Anspannung aus seinem Körper weichen. Wehrlos ließ er sich wieder zurück auf die Matratze betten, fühlte noch einmal den feuchten Lappen, der mit sanften Bewegungen sein Gesicht von kaltem Schweiß reinigten, die langen Finger, die wie nebenbei durch sein Haar fuhren und es schließlich, beinahe zögernd verließen, bevor er wieder zurücksank in die tiefe Dunkelheit, aus der er aufgeschreckt war.
• * * *
Wie oft sich diese oder eine ähnliche Szene wiederholt haben mochte, David konnte es nicht sagen.
Er wusste auch nicht, ob eine oder bereits mehrere Nächte vergangen, ob Alan an seiner Seite gewacht hatte, oder ob es sich nur um eine neue Art düsterer Träume handelte, die ihn heimsuchten und seinem Schlaf die Ruhe nahmen.
Auch wusste er nicht wie spät es war, als er seine Augen öffnete und seine Umgebung mit ungewohnt klarem Blick wahrnahm.
Das Licht, das durch die Ritzen der Jalousien drang, bewies ihm, dass es noch Tag war.
Es erhellte den kleinen Raum, erleuchtete vereinzelt Ecken und Kanten. David streckte sich, erstaunt darüber, dass es ihm problemlos gelang, dass die Bewegung ihm keinerlei Beschwerden verursachte, dass auch das vorsichtige Aufrichten des Oberkörpers frei blieb von Übelkeit oder dem Brechreiz, den er unterbewusst bereits damit in unausweichliche Verbindung gebracht hatte.
Nachdenklich studierte er die Wände, die Unebenheiten, die Löcher, die bewiesen, dass es sich bei dem Holz um ein lebendiges Material handelte, die schiefen Balken, die das Dach trugen, und den Staub, der sich in jedem Winkel festgesetzt hatte, Zeugnis dafür, dass dieser kleine Raum selten benutzt wurde.
Langsam brachte David die bloßen Füße auf den Boden.
Darauf bedacht, seinen Kreislauf langsam zu stabilisieren, wartete er eine Weile, bis sich sein Körper an die neue Position gewöhnt hatte, lauschte in die Stille, ließ seine Blicke systematisch Quadratmeter für Quadratmeter seiner Schlafstätte in sich aufnehmen.
Ihm gegenüber an der Wand war eine Gitarre befestigt, offensichtlich abgegriffen und intensiv in Gebrauch gewesen, bevor sie an diesen Ort verbannt und vergessen worden war.
Vorsichtig stand David auf, und trat näher an sie heran, erleichtert darüber, dass er ohne Beschwerden dazu in der Lage war, betrachtete ihre runden Kurven, strich über die grauen Saiten, sich an die wenigen Versuche seiner Jugend erinnernd, einem Instrument wie diesem eine Melodie zu entlocken.
Er war nicht weit gekommen damals, sehr rasch hatten die Mühlen des Schicksals, andere Anforderungen und Pflichten ihn zu sehr in Anspruch genommen, als dass er sich um wenig Erfolg versprechende Spielereien wie die Musik hätte kümmern können.
Seine Untersuchung führte ihn weiter, ein schmales Bücherregal fesselte seine Aufmerksamkeit. Die Geschichte der A.I.M., Freiheit für Leonard Peltier, Black Elk Speaks..., Broschüren wechselten sich ab mit gebundenen Sammlungen über Kultur und Geschichte der Lakota, den Ereignissen am Wounded Knee oder den Erinnerungen des Schamanen Lame Deer, des Seekers of Visions.
Auch hier sprach der wie eine Matte alles bedeckende Staub von mangelndem Interesse, davon, dass seit Jahren niemand mehr den Büchern Beachtung geschenkt haben dürfte.
Inmitten des Durcheinanders entdeckte David einen Bilderrahmen, kaum zu erkennen, halb zur Seite gedreht, als hätte jemand seinen Anblick nicht ertragen können, es aber dennoch nicht über das Herz gebracht, ihn wegzuwerfen.
Einen Moment zögerte er, doch dann zog er das Bild aus dem Regal.
Wenn nicht damit zu rechnen wäre, dass er Antworten erhalten würde, dann musste er sie eben selbst suchen. Zudem, was sollte auch passieren?
Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sobald er erkannte, was das Foto zeigte.
Alan, einen deutlich jüngeren Alan, ein ungewohnt breites Grinsen im Gesicht, den Arm freundschaftlich um einen kleineren Mann gelegt, der mindestens ebenso gut gelaunt in die Kamera sah.
Beide befanden sich offenbar auf einer größeren Veranstaltung, trugen lässige, aber bunte Kleidung, waren umrahmt von ebenso fröhlichen, entspannt wirkenden Menschen.
David wischte den Schleier, der sich über dem Glas gebildet hatte, mit dem Handrücken fort, und betrachtete den zweiten Mann genauer.
Er hatte sich nicht getäuscht. Wie auch immer er es drehen oder wenden wollte, der andere besaß eine unverkennbare Ähnlichkeit mit ihm selbst. Größe, Figur, Gesichtszüge, alles wirkte, als hätte jemand eines von Davids Jugendfotos genommen und daran manipuliert.
Lediglich die Haare waren anders, so lang hatte er sie damals nicht getragen, sie waren nie so hell gewesen.
Auch der Schnurrbart, der beinahe aufgeklebt aussah, verlieh dem Gesicht eine andere Note.
Und dennoch, es war nicht zu leugnen, dass sie sich glichen, dass, ausgehend von Alans jugendlicher Erscheinung auf dem Bild, der andere Mann mittlerweile auch in Davids Alter sein dürfte.
Einen Augenblick überlegte er noch, dann stellte er das Bild wieder zurück.
Vielleicht war hier eine Erklärung für Alans Verhalten zu finden, vielleicht erinnerte er ihn an einen Jugendfreund. David zuckte mit den Schultern und wandte sich weiter in Richtung Tür.
Das Fehlen jeglicher Geräusche deutete darauf hin, dass er alleine war, doch traute er Alan auch zu, sich lautlos, unbemerkt fortzubewegen, an einem Ort zu leben, ohne Spuren oder Hinweise auf seine Anwesenheit zu hinterlassen.
Er widerstand der Versuchung, die anderen Türen aufzustoßen und zu erforschen, welche Geheimnisse dahinter verborgen sein mochten, sondern bemühte sich zunächst darum, die Stufen so leise wie möglich hinabzusteigen, ein Unterfangen, dem das Knarzen des Holzes einen Strich durch die Rechnung machte.
Die Mühe hätte er sich allerdings nicht zu machen brauchen, denn unten angekommen, zweifelte er nicht mehr daran, das einzige, menschliche Wesen in diesem Haus zu sein.
Systematisch durchschritt er das Erdgeschoss, aus reiner Gewohnheit sich seine Umgebung einprägend, analysierend, auf jedwede Auffälligkeit untersuchend.
Nichts, dass ihn verwundern, das ihm in irgendeiner Weise verdächtig erscheinen würde, fesselte seine Aufmerksamkeit.
Die Tür stand halb offen, als wäre das Haus in Eile verlassen worden, als bräuchte man sich hier keine Sorgen um sein Eigentum zu machen. Der rote Sand knirschte warm unter seinen Füßen, angenehm, freundlich, lud ihn ein, weiterzugehen.
David legte den Kopf in den Nacken, starrte in den Himmel hinauf, wo sich Wolken zusammenballten. Sein Blick wanderte weiter, erforschte die Gegend, genoss die Ruhe, die sich ihm bot.
Es war Frieden, der Hand in Hand ging mit Trostlosigkeit, Stille, die sich auf das Fehlen von Dingen gründete, welche andernorts lautstark ihre Unverzichtbarkeit kundtaten.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich ihn, ein Band zu diesem Land wuchs, ergriff ihn mit unsichtbaren Fingern, fesselte ihn mit sanfter Hand.
Als hätte er seine Vergangenheit begraben, sein gelebtes Leben beendet, um hier wieder zu erwachen, um hier einen neuen Sinn zu entdecken und die Freiheit zu fühlen, dies aus eigenen Stücken tun zu können.
Plötzlich losgelöst entdeckte David diese neue Welt, erfand sich für den Moment neu, erstaunt über die Wunder, die sich ihm darboten.
*
Alan blieb noch einen Moment in seinem Wagen sitzen, strich sich das Haar zurück und seufzte, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Teds Probleme waren weder neu, noch ungewöhnlich, doch, dass seine Frau ihn zu Hilfe holen musste, war doch ein Novum.
Alkohol und Drogen stellten nur eine der ständigen Bedrohungen dar, mit denen er sich auseinanderzusetzen hatte, Armut, Hoffnungslosigkeit und Depression gaben seinem Volk den Rest.
Es war nicht viel übrig geblieben von der vor vielen Jahren aufgeflackerten Begeisterung für Gleichberechtigung, dem Hauch von Interesse, dass die Weißen ihnen entgegengebracht hatten.
Nach wie vor waren sie gut genug für exotische Darbietungen, willkommen auf Baustellen ihren Hals zu riskieren, und zähneknirschend geduldet, sollte es wenigen gelingen, sich ein Geschäft aufzubauen.
Für die Mehrzahl blieb das Leben schwierig, anstrengend und frei von Ermunterung oder Erfolg.
Kein Wunder, dass viele versuchten, dem zu entfliehen, eine Chance zu suchen, auch wenn es nahezu aussichtslos blieb.
Alan blickte auf die verbeulte Autotür, die, wie er wusste, einen kräftigen Stoß benötigen würde, um aufzuspringen. Er dachte an den Rost, der alle Fahrzeuge hier schmückte, als wäre er ein Wahrzeichen ihrer Mittellosigkeit.
Für einen Moment überlegte er, sich eine Zigarette anzuzünden, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder.
Es würde auch nichts ändern oder besser machen.
Müde kletterte er aus seinem Sitz und streckte die erschöpften Glieder.
Der Schlafentzug machte sich langsam bemerkbar, es war allerhöchste Zeit ihm Rechnung zu tragen.
Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Sonne war bereits hinter Hügeln und Wäldern verschwunden, auch wenn ihr Licht noch ausreichte, seinen Weg zu erhellen.
Die Pferde hatten ihn bereits erwartet, erleichterten ihm seine Arbeit, als er sie für die Nacht vorbereitete.
Er lächelte zum ersten Mal, als er den Fußabdruck vor dem Haus erkannte, offenbar ging es David etwas besser. Alan hatte keinen Zweifel, dass der andere sich im Inneren befand, wäre dem nicht so gewesen, er hätte es gespürt.
Genauso, wie er im Voraus wusste, wo er David finden würde.
Als Alan die Küche durchquert hatte, sah er den Blonden auf der Bank am Tisch sitzen, die Knie angezogen, den Kopf zurückgelehnt, offensichtlich schon eine Weile vor sich hin dösend.
Vor ihm ein Glas und den Krug mit Wasser, der sich für gewöhnlich neben dem Herd befand. Ein zweites Lächeln zuckte über Alans Gesicht.
Dass David trotz seines Eintretens noch nicht erwacht war, schien ihm ein gutes Zeichen. Der Mann wirkte wie jemand, der auch im Schlaf gewohnt war, auf jedes Geräusch zu reagieren.
Erst als Alan sich zu ihm setzte, zuckte David, krümmte sich zusammen, als versuche er, sich vor einem Angriff zu schützen und öffnete erschrocken die Augen.
Sein Blick klärte sich, als er die vertrauten Züge vor sich sah, und er versuchte, sich unauffällig wieder aufzurichten.
“Alan... ich...” Davids Aufmerksamkeit richtete sich auf die Dinge auf dem Tisch, doch Alan winkte rasch ab.
“Es ist in Ordnung, David. Nimm dir, was du brauchst.”
“Meine Sachen?” Ein kurzes Nicken in Richtung eines niedrigen, alten Schrankes.
“In Sicherheit.”
Ein Grinsen ließ sich nicht vermeiden, und zu Alans Erstaunen erwiderte David den Gesichtsausdruck.
“Ich weiß”, murmelte er. “Es... es scheint wohl nicht so, als würde ich großen Wert darauf legen.”
“Nein.” Alans Grinsen wurde breiter. “Willst du etwas essen?”
Ohne die Antwort abzuwarten, stand Alan auf, und holte zwei tiefe Teller, die er mit einem Topf und einer Schüssel Brot vor ihnen aufbaute.
“War nicht einkaufen”, meinte er, als er die kalte Suppe aufteilte, und David das Brot hinüberschob.
“Ich... bin nicht sicher...” David betrachtete den Inhalt seines Tellers skeptisch.
“Versuch es.” Alan zuckte mit den Schultern. “Behältst du es noch nicht, dann klappt es beim nächsten Mal.”
Schweigend machten sie sich daran, ihren Hunger zu stillen, David langsam und vorsichtig, Alan eilig und froh über den Moment der Ruhe.
“Und...” David entschloss sich nach einer Weile sein Glück nicht über zu strapazieren und schob den Teller beiseite.
Er zögerte. “Und... ich meine... wieso?”
“Wieso was?” Alan hatte sein Mahl ebenfalls beendet und lehnte sich zurück.
“Ich bin nur... ich wundere mich...” David biss sich auf die Zunge. Diese Unsicherheit war neu für ihn. Er wusste nicht, wieso er nicht dazu in der Lage war, seine Gedanken klar zu äußern.
Je sicherer Alan ihm gegenüber auftrat, desto verwirrter fühlte er sich. Und wieder schien der andere in ihn hineinsehen zu können, das belustigte Funkeln in den dunklen Augen sprach für sich.
“Du kannst hier bleiben, solange es gut für dich ist, gehen, sobald du dazu bereit bist.” Der Blick wurde ernst. “Das Zimmer oben ist deins, es hat auf dich gewartet.”
“Und... und deine Familie...?”
“Ist es gewohnt, Fremde aufzunehmen. Das Haus ist groß genug, und das gehört dazu.”
“Aber in...” Die hochgezogenen Augenbrauen brachten David zum Schweigen, jedoch nur für einen Moment.
“Ich... ich habe ein Foto gesehen...”
Abrupt schob Alan den Stuhl zurück und stellte die Teller zusammen.
Sein schwarz glänzendes Haar bildete einen Vorhang, der seinen Gesichtsausdruck verbarg. Er drehte sich um und machte sich an dem Spülbecken zu schaffen.
Als er endlich wieder sprach, klang seine Stimme heiser, widerstrebend.
“Es war sein Zimmer, wenn er allein sein wollte. Ich... es stand lange leer. Wir haben genug Räume...”
“Was ist mit ihm?”
Alan zögerte, räusperte sich, bevor er antwortete. “Er starb... vor vielen Jahren.”
David senkte den Kopf.
“Es tut mir leid.”
Alan zuckte mit den Schultern. “Du hast das Recht zu fragen. Du siehst aus wie... du siehst ihm ähnlich. Es... es hat mich auch irritiert.”
“Hast du mich deshalb... mitgenommen?”
Der größere Mann schüttelte den Kopf.
“Es war so bestimmt. Ich hätte nichts anderes tun können.”
Ein längeres Schweigen trennte sie, bevor er weitersprach.
“Es war meine Pflicht.”
David nickte, zögerte. “Danke”, brachte er schließlich heraus, ohne aufzusehen. “Ich danke dir.”
“Kein Problem.”
David sah auf und ihre Blicke trafen sich letztendlich, verstanden einander so, wie ihre Seelen es taten.
*
Die Tage vergingen. David bemühte sich darum, einen Beitrag zu leisten.
Er fühlte sich stärker und imstande, sich um die Pferde zu kümmern, Kleinigkeiten zu erledigen, den Zaun zu reparieren, oder Ordnung im Schuppen zu schaffen.
Alan würdigte seine Bemühungen keiner Aufmerksamkeit, doch David konnte sehen, dass er froh darüber war, nicht mehr allzu viel zu tun zu haben, wenn er von den seltsamen und plötzlichen Ausflügen, über die er ebenfalls nie ein Wort verlor, zurückkehrte.
David las in den Büchern, die er gefunden hatte und gewann allmählich eine Vorstellung von Alans täglichem Treiben und seiner Verantwortung.
Das Bild von ihm und Tim hatte er in dem Regal nach vorne gestellt, als könnte es ihm Antworten geben, die der schweigsame Lakota nicht aussprechen konnte oder wollte. Es gelang ihm, beinahe durchzuschlafen.
Er schreckte nur noch durch die Geräusche auf, die Alan von Zeit zu Zeit alarmierten. Dem Hupen eines Wagens, der ihn mitten in der Nacht zu einer Tätigkeit abholte, über die er nicht redete, dem Rufen eines Kindes oder einer Frau vor dem Haus, mit der er ein paar Worte wechselte und dann mit einem Beutel, der normalerweise ständig neben der Tür hing, verschwand.
Wenn David dann die Treppe hinunter stolperte, und sich in der Küche eine Tasse Wasser holte, fiel ihm das Fehlen jedes Mal anderer Kräutermischungen und Wurzeln auf, die für gewöhnlich fein säuberlich aufgereiht, und frei von Staub, bewiesen, dass sie in ständigem Gebrauch waren.
‘Medizinmann’ war das Wort, das ihm zunächst in den Sinn kam.
Er lachte in sich hinein über die Merkwürdigkeit dieses Ausdrucks, unsicher, ob es sich dabei nicht um eine Beleidigung oder ein Zeichen mangelnden Verständnisses handelte, doch unfähig, einen passenderen Begriff zu finden.
Sie sprachen nicht viel, verstanden sich ohne Worte, hielten ihre gegenseitigen Fragen zurück im Vertrauen darauf, dass die Antworten sie erreichen würden, sollte es vonnöten sein.
*
Nur wenige Tage waren vergangen, und doch glaubte David, bereits eine Ewigkeit an diesem Leben teilzunehmen, fühlte sich auf ungewohnte, vergessene Weise angekommen, als hätte er einen Hafen erreicht, von dessen Existenz er nichts geahnt hatte.
Es war spät. Die Dunkelheit erstreckte sich wie eine Decke über die karge Landschaft. Eine einzelne Laterne brannte an der Außenwand des Hauses, wartete auf die Rückkehr des Lakota Schamanen, während David noch einen letzten Blick auf Türen und Fenster warf.
Egal wie unsinnig es sein mochte, sobald er dazu in der Lage war, ließen ihn seine Gewohnheiten nicht zur Ruhe kommen, ohne dass er wenigstens die gröbsten Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte. Alan schüttelte den Kopf über ihn, aber hielt ihn nicht davon ab, die Riegel vorzuschieben, die Kontrollgänge vorzunehmen, zu denen David sich gezwungen sah, als würde ihn eine undeutliche Ahnung dazu veranlassen, diesen Ort zu schützen.
David schüttelte den Kopf über sich selbst, während er lautlos durch die Finsternis lief, seine Sinne geschärft mit dem Abklingen der Wirkung der Substanzen, die er seinem Körper noch vor kurzem zugemutet hatte.
Kein Schmerz, keine Übelkeit, kein drohender Fall in Sichtweite, und dennoch nagte etwas an ihm, ein Gefühl, das er gewohnt war zu unterdrücken, bevor es sich bemerkbar machen konnte.
Furcht oder Sorge wurden erstickt, noch ehe sie aufkeimen konnten, in dem sicheren Wissen, den Grund für seine Paranoia nur allzu gut zu kennen.
Und doch blieb die mahnende Stimme in seinem Inneren, tippte ihn konstant an, mit steigender Intensität, als wüsste sie von einem zukünftigen Ereignis, auf das sie vergeblich versuchte, ihn hinzuweisen.
David drängte sie zurück, kämpfte dagegen an, dass sie Macht über ihn gewinnen, sein Leben bestimmen würde, und doch fand er sich bald, ohne es zu wollen, bei dem zweiten unnötigen Rundgang wieder.
Der Wind heulte leise um das Haus, seine Stärke hatte mit dem Beginn der Nacht zugenommen, ließ lose Bretter seufzen, wehte Blätter und Stroh über den Hof hinweg.
Das Unwetter würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Möglich, dass Alan einer anderen Familie half ihr Heim zu sichern, und vielleicht auch dort Unterschlupf fand.
Sollte David länger bleiben, würde es unvermeidlich sein, dass auch er die Menschen hier kennenlernte, beginnen würde, ihr Leben zu begreifen.
David wusste nicht, ob ihm dieser Gedanke zusagte oder abschreckte.
Aber er hatte nicht vor zu bleiben. Gedankenabwesend kickte er einen hellen Stein beiseite.
Natürlich gab es eine Menge Gründe, Alan für die Chance, die er ihm eröffnet hatte dankbar zu sein. Vielleicht würde sich ihm doch noch ein Weg eröffnen, von dem er bislang nichts gewusst hatte, und dennoch... es war jetzt bereits zu kompliziert, erforderte zu viel von ihm.
Er wollte nicht, konnte nicht so weitermachen, dessen war er gewiss.
Der Stein war geräuschvoll gegen eine leere Tonne gerollt. Die Pferde gaben ebenfalls alles, um sich Gehör zu verschaffen.
Ein Unwetter, wie das vor ihnen liegende, beeinflusste Mensch und Tier stärker, als David, der sich stets mit anderen Gewalten auseinander gesetzt hatte, ahnte.
Der Druck, der in der Luft lag, presste seine Lungen zusammen, erschwerte es ihm, Atem zu holen, ließ seine Hände zittern, als sie die Verriegelung des Stalles noch einmal kontrollierten.
David zuckte zusammen, als die Elemente erneut bewiesen, dass sie ebenso wie menschliche Wesen, fähig waren, das Fürchten zu lehren.
Der Wind zerrte an den geliehenen Kleidern, versuchte, ihn in eine Richtung zu treiben, der er sich mit Mühe entgegen stemmte.
Plötzlich wurde es still. Die Natur hielt den Atem an, bereitete sich auf eine andere Art der Belustigung vor. David sah sich um, erschauerte in der unerwarteten Ruhe, der Vorbotin eines größeren, wilderen Ereignisses.
Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit.
David erstarrte, gefror zum Standbild, und doch war es ihm, als würde nun endlich eintreffen, worauf er schon seit geraumer Zeit gewartet hatte.
Wie achtlos von ihm anzunehmen, es könnte jemals anders sein, wie gefährlich, auch nur mit dem Gedanken zu spielen, die Geister seiner Vergangenheit wären jemals bereit, ihn aufzugeben.
“Sieht nicht aus, als hättest du mich erwartet.”
Die Gestalt trat langsam hervor, die Hände erhoben, die Andeutung einer Entschuldigung, als könnte sie es wirklich bereuen, seinen Versuch, dessen er sich nicht einmal bewusst gewesen war, seinen letzten Versuch, Frieden zu finden, zu stören.
“Was tust du hier?”
David suchte Halt an dem Stapel Feuerholz neben ihm. Seine Stimme erschien ihm laut und hohl in der Finsternis.
“Ich habe dich gesucht. Als ich hörte, dass du aus Starks Gefangenschaft entkommen bist, habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um dich zu finden.”
“Warum, verdammt noch mal. Es gibt nichts, dass ich noch für dich tun könnte, mit Sicherheit nichts, dass ich tun wollte... für niemanden.”
“Mach dich nicht kleiner als du bist. Du hast mehr getan, als jemand anderes unter diesen Umständen für möglich gehalten hätte. Ohne dich wäre ich in der Todeszelle oder bereits unter der Erde.”
“Das war nicht mein freier Wille.”
“Erzähl mir nichts, David.” Thorsten Krank bewegte sich, so dass das Licht der Laterne seinen scharfen Gesichtszügen Ecken und Kanten verlieh, die sie vor Jahren noch nicht besessen hatten.
“Du bist ein Mann, der seine Schulden stets begleicht, egal, was es ihn kostet, egal, wie lange er daran abbezahlt. Vergiss nicht, ich kenne dich seit deiner Jugend, besser als du dich selbst kennst. Du wirst mir nie etwas vormachen können.”
“Verschwinde!“ Es gibt nichts, das wir zu besprechen hätten.” David schleuderte die Worte dem größeren Mann entgegen, keinen Hehl daraus machend, wie sehr ihn das Gespräch anwiderte.
“Beruhige dich, David.”
Krank lächelte schief. “Ich dachte, die letzten Jahre hätten dir die Augen darüber geöffnet, wem dein Hass in Wahrheit gelten sollte.”
“Halt den Mund. Ich habe nicht vor, mit dir darüber zu reden.” David machte Anstalten, sich abzuwenden.
“Oh doch, das wirst du”, zischte Krank und packte ihn am Arm.
“Versuch es zu leugnen oder nicht, doch du weißt, dass wir für immer verbunden sein werden, und das nicht nur durch den Geheimdienst. Ohne mich wärest du nie zu dem geworden, der du heute bist.”
Wütend riss David sich los. “Soll ich dir dafür vielleicht auch noch dankbar sein? Ich wünschte, ich hätte die Stärke besessen, dich zu töten. Weiß Gott, dass kein Tag vergangen ist, an dem ich nicht bereut habe, es nicht getan zu haben.”
Krank lachte. “Du hast es nicht fertiggebracht, weil du im tiefsten Inneren weißt wie ähnlich wir uns sind. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, haben auf ein und demselben Schlachtfeld unsere Sporen verdient.”
“Lass mich zufrieden, Thorsten. Du hast bekommen, was du wolltest. Ich will dich nie wieder sehen. Meine Schulden sind beglichen.”
Krank schüttelte langsam den Kopf. “Das werden sie nie sein, David. Diese Art zu leben hat uns zusammengeschweißt, für immer. Alles andere wäre Illusion. Es ist besser, du erkennst das jetzt.”
“Bist du jetzt völlig verrückt geworden?” David schrie beinahe. “Kriech zurück in das Loch, in dem du die letzten Jahre verbracht hast. Besser für dich, wenn sich niemand mehr an deine Existenz erinnert, niemand, inklusive meiner Person.”
“Beruhige dich, David.” Krank hatte ebenfalls seine Stimme erhoben. “Du glaubst wirklich, du könntest verdrängen, was hier vorgeht? Du willst wirklich so tun, als hättest du keine Ahnung davon, inwieweit wir beide für immer verknüpft sein werden.”
Er kam näher, ungeachtet Davids hastigem Versuch zurückzuweichen, der ihn über einen Balken stolpern, und gegen die Stallwand stürzen ließ.
“Ich brauche dich jetzt, David. Du hast ja keine Ahnung davon, was sich in der Welt tut. Dein Vater und sein Unternehmen...”
“Was hat mein Vater damit zu tun?” David keuchte. “Erwähne ihn noch einmal und ich bringe dich um!”
Krank lachte spöttisch. “Als ob du dazu in der Lage wärst, David. Mach dir nichts vor. Ich kenne deine Schwäche. Hast du vergessen, wie oft ich dich von der Straße aufgelesen, deinen traurigen Körper in die Entziehungsklinik gebracht, alles getan habe, damit deine Familie nichts davon erfahren, damit nichts in deinem Lebenslauf landen würde?”
Sein Grinsen nahm diabolische Züge an. “Zumindest hast du wohl geglaubt, dass niemand davon erfahren würde.”
“Alte Geschichten. Die interessieren niemanden mehr. Lass mich, verdammt noch mal, in Ruhe damit!”
David bemühte sich hochzukommen.
“Da irrst du dich. Mich interessieren sie. Sogar sehr.” Krank starrte auf ihn hinunter. “Dein alter Herr hatte Zeit seines Lebens noch einige Eisen mehr im Feuer, als er verlauten ließ, und ich will verdammt sein, wenn ich mir meinen Anteil daran entgehen ließe.”
David starrte ihn mit offenem Mund an. “Was soll das. Ich habe nichts damit zu tun, verschwinde endlich.”
Kranks Grinsen gefror. “Und ob du damit zu tun hast, Junge. Du bist blutsverwandt. Interessiert es dich gar nicht, welche Kämpfe augenblicklich alleine an der Oberfläche ausgetragen werden? Hast du überhaupt die geringste Ahnung, in wie vielen Unternehmen, vor allem in wie vielen illegalen Geschäften dein Vater seine Hände bis zu den Knöcheln stecken hatte?”
Sein Mund zuckte grimmig. “Ich habe ihm immer vertraut, und er hat es mir immer vergolten... bis... bis ihn mein ‘Tod’ von dieser Pflicht befreit hatte. Aber mit deiner Hilfe, mit deinem Namen, werde ich bekommen, was mir zusteht.”
David gewann sein Gleichgewicht zurück. “Vergiss es. Ich habe nichts damit zu schaffen.”
“Und wieder irrst du dich.” Krank seufzte, senkte resigniert den Kopf. “Ich habe mir schon gedacht, dass es eine Weile dauern würde, dich zu überzeugen. Nach allem, das du getan hast, um deine Vergangenheit auszulöschen, vollkommen zu ignorieren...”
Er zögerte einen Moment. “Aber das ist nun mal nicht möglich. Niemand kann das. Am allerwenigsten jemand wie du, der sich an dem Gefühl, schuldig zu sein festklammert, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.”
Seine Stimme wurde sanft. “Stell dir vor, du könntest frei sein davon. Was würde dir noch bleiben? Wer würdest du dann sein?”
“Lass mich zufrieden.” David stieß ihn beiseite, erntete nur ein erneutes Lachen.
“Das würde ich, Junge, das würde ich. Aber ich glaube nicht, dass es in deinem Interesse läge.”
“Ich verschwinde jetzt, Thorsten, und ich will dich nie wieder sehen.”
“Was stellst du dir vor?” Der Andere folgte ihm. “Du willst dich hier verstecken? Für wie lange?”
Er lachte wieder. “Hast du eine Ahnung, wie viele Leute dich suchen, seitdem bekannt wurde, dass du zurück bist? Der Durst nach Rache hat dich aus deinem Gefängnis geholt, was glaubst du, wozu er die Menschen treiben kann, die diese Mühen nicht auf sich nehmen müssen. Ich habe dich hier gefunden. Was denkst du denn, wie schnell dich andere hier finden werden?”
“Ich bleibe nicht!”
“Und wohin willst du gehen?” Krank legte David eine Hand auf die Schulter, brachte ihn dazu, stehen zu bleiben.
“Wohin, David? Wohin, wenn es nur eines gibt, das du dir wirklich wünschst, das du wirklich brauchst.”
Davids Knie drohten nachzugeben, ein Schauer durchfuhr ihn, und er zweifelte daran, dass der wieder aufkommende Wind ihn auslöste, der die gespenstische Zeit der Stille mit erneutem Durcheinanderwirbeln von Natur und Gedanken, rapide beendete.
“Was für eine seltsame Idee von dir... ausgerechnet ein Ort wie dieser.” Kranks Griff verstärkte sich. “Das passt nicht zu dir, David. Das ist nicht deine Welt. Du hast etwas Besseres verdient, etwas anderes, genau wie ich.”
David zitterte. “Und du wirst es bekommen. Komm mit mir!”
David drehte sich langsam um, und sein Blick fiel auf Kranks freie Hand, die sich ihm ausgestreckt und weit geöffnet darbot.
In ihrer Mitte, angeleuchtet von der Laterne, überirdisch schön und verlockend, lag eine schmale Spritze und ein winziges Päckchen Heroin.
“Ich habe mehr, David. Ich habe genug für dich. Du brauchst dich nicht mehr zu quälen.”
David schluckte trocken. “Ich will es nicht, Thorsten”, antwortete er heiser. “Verschwinde von hier, und... und nimm das mit!”
“Mach mir nichts vor. Ich weiß, wie das ist, wie es sich anfühlt. Du willst es, deine Gedanken kreisen nur um das Eine, und so wird es auch bleiben, bis zu dem Tag, an dem du deine Augen für immer schließen wirst.”
“Ich will es nicht.” Davids Stimme klang rau, nicht viel mehr als ein Hauch, ein Räuspern entfuhr ihm, und doch wich er nicht.
“Lüg mich nicht an, David, ich weiß es, wenn du lügst. Ich habe es dir beigebracht.”
“Lass mich... geh... bitte...”
Statt dessen kam Krank langsam näher, so nah, dass er die Wärme des anderen, sein Zittern spüren konnte, den Atem, der rascher ging, je länger die blauen Augen auf die Handfläche des ehemaligen Mentors gerichtet blieben, als könnten sie sich nie wieder davon lösen, wären für immer an diesen Anblick gebannt.
Früher oder später würde David nachgeben, würde er schwach werden. Er hatte keinen Grund es nicht zu tun, nichts, das ihn davon abhalten würde.
Kranks Augen funkelten. Egal was David sagen oder tun mochte, der innere Kampf war längst entschieden.
Die Hand an Davids Schulter packte kräftiger zu, fühlte die Anspannung in Muskeln und Sehnen über den Knochen.
“Ich werde nicht aufgeben, David”, flüsterte er, während er sich nach vorne beugte. “Stell dir nur vor, was wir erreichen könnten.”
Davids Herz trommelte, sein Blut rauschte im Verlangen, und er wusste, dass Krank es ebenso hören konnte wie er, die Aussichtslosigkeit seines Kampfes ahnte.
Er musste jetzt handeln, oder es würde zu spät sein, musste etwas tun, sich losreißen, solange er es noch konnte.
Mit einem schrillen Laut der Verzweiflung wand er sich aus dem Griff der spinnenartigen Finger, taumelte einen Schritt zurück, erneut gegen die Holzwand stolpernd.
Er wusste nicht, was ihn dazu zwang, woher er die Kraft nahm zu widerstehen.
Alles in ihm schrie danach, nachzugeben, verdrängte Bilder umnebelten seinen Geist.
Es waren Bilder von Augenblicken, in denen die Droge ihn gerettet hatte, in denen er zumindest geglaubt hatte, von ihr gerettet worden zu sein.
“Ich... ich will nichts mit dir zu tun haben... nie mehr...”, stammelte er, kalter Schweiß auf seiner Stirn.
“Und ich warne dich, Thorsten. Komm mir nicht noch einmal zu nahe.”
“Was willst du tun, David?” höhnte der andere. “Sieh dich an. Du bist ein Wrack, ein Junkie, ausgezehrt, fertig... was willst du noch?”
Er schüttelte den Kopf. “Ich gebe dir noch eine Chance. Mit mir zusammen hast du Möglichkeiten, nach denen jeder andere sich alle zehn Finger lecken würde. Wir können dieses Land verlassen und endlich das kassieren, wofür wir unser Leben geopfert haben. Wir beide... nichts würde uns aufhalten.”
“Niemals!”, presste David zwischen seinen Zähnen hervor.
“Nun mach dich nicht lächerlich, Junge! Du hast nichts zu verlieren, genauso wenig wie ich.”
Krank überlegte einen Moment, fixierte des anderen Brust, die sich panisch hob und senkte.
“Du willst jetzt keinen Fix?” Er schloss seine Hand um die dargebotenen Utensilien. “Ist kein Problem, ist gar kein Problem. Später ist auch noch Zeit, du hast dein ganzes Leben noch Zeit, high zu werden.”
Er zwinkerte. “Wie klingt das für dich? Leugne es nicht, ich weiß von deiner Zeit in Argentinien. Manchen Leuten gegenüber hat Stark kein Blatt vor den Mund genommen.”
“Du verdammter Mistkerl!”
Krank zuckte mit den Schultern. “Meinetwegen hasse mich, verabscheue mich bis aufs Blut, aber erkenne deine Chancen. Es wird dich nicht viel kosten, aber am Ende werden wir das besitzen, was deine verkorkste Sippschaft niemandem jemals gegönnt hätte. Und erzähl mir nicht, dass dies kein angenehmes Gefühl der Rache wäre.”
“Ich brauche das nicht, ich will das nicht.”
“Zum Teufel, David!” Krank bemühte sich seinen Ärger hinunterzuschlucken. “Sieh endlich ein, dass es nicht deine Entscheidung ist.”
In seinen Augen brannte der Zorn. “Meine Geduld neigt sich allmählich dem Ende zu. Du weißt ich kenne Mittel und Wege... “
Blitzschnell ließ er Spritze und Droge in den Staub fallen, griff an den Gürtel unter seiner Jacke und zog eine großkalibrige Pistole hervor, die er ruhig auf David richtete. “Du weißt auch, was so ein Baby anrichten kann. Ich muss dich nicht töten, zumindest nicht gleich. Aber du würdest dir wünschen, tot zu sein.”
Davids Augen hefteten sich an die blitzende Waffe.
“Was soll das, Thorsten? Du glaubst wirklich, dass ich mich davor fürchte, dass ich mich vor dem Tod oder vor Schmerzen fürchten würde?”
Mehr noch als Ärger schwang Erstaunen in seiner Stimme mit. Langsam entsicherte Krank die Waffe.
“Ich weiß, dass du das nicht tust, David. Besser gesagt, ich weiß, dass du deine Furcht im Griff hast.”
Seine Mundwinkel verzogen sich. “Aber ich weiß nicht, inwieweit du sie im Griff hast, sollte es um jemand anderes, als um dich gehen.”
Er lächelte schließlich. Ein schauriges, kaltes Lächeln. “Sag was du willst, doch ich weiß genau, dass die Hilfeschreie so mancher Leute den Panzer durchdringen würden, den du um dich errichtet hast.
Willst du dir das wirklich zumuten... oder ihnen? Willst du es uns allen so schwer machen?”
Er zielte auf Davids Brust.
“Du weißt auch, wozu ich in der Lage bin, dass ich keine Skrupel kenne, wenn es darum geht ein Ziel zu erreichen.”
“Schieß doch, Thorsten. Mach dem ein Ende!” David schnaubte.
Krank lachte. “So einfach wird es nicht, so einfach ist es niemals. Ich könnte dich verletzen, könnte dich so schwer verletzen, dass du mir ausgeliefert bist. Ich könnte einem Menschen, der dir noch etwas bedeutet, einen Menschen auf der anderen Seite des Atlantiks, der einst die Welt für dich war, solange leiden lassen, bis du alles tust, was ich von dir will. Es gibt viel, das ich...”
Er schoss. Die Kugel drang so nah neben Davids Kopf ins Holz, dass sich Splitter in seine Haut bohrten. “... so viel, das ich tun kann. Doch ich denke, ich sollte damit beginnen, dich ein wenig bewegungsunfähiger zu machen. Du weißt, was eine kleine Verletzung an der Wirbelsäule ausrichten kann. Es sei denn... du würdest deine Meinung noch einmal ändern und dich entschließen, zu kooperieren.”
“Das werde ich nicht, niemals. Tu, was du nicht lassen kannst.”
Davids Verzweiflung verwandelte sich in Ärger.
“Ich warte, Thorsten.”
Etwas sauste zischend durch die Luft, durchschnitt sie wie der unvermeidliche Blitz, der nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte.
Krank heulte auf, Entsetzen mischte sich mit Überraschung, als er die Waffe aus seiner Hand gleiten sah, unfähig den Abzug zu drücken.
Mit vor Grauen weit aufgerissenen Augen hob er die Hand vor sein Gesicht, die durchbohrt war von einem langen, schmalen Messer mit Ledergriff.
Er keuchte, als er das Blut beobachtete, wie es die zerstörte Handfläche hinunter strömte.
Ein weiterer Schmerzenslaut entfuhr seinen Lippen, bevor er den hasserfüllten Blick auf David richtete, der ihm immer noch bewegungslos gegenüberstand, gehalten von der morschen Bretterwand, an die er lehnte.
Doch nun nicht mehr. Als würde der Hass, den Krank ausstrahlte, durch die Pforten von Davids Augen absorbiert, aufgenommen in die Tiefen seiner Seele, erschütterte ihn über lange Jahre aufgestaute Wut donnergleich.
Zornbebend stürzte er vorwärts. In seinen Ohren gellte ein Laut, welcher der Macht einer Explosion gleich kam, der hörbare Anteil einer sich entladenden Urkraft.
weder er noch Krank erkannten in diesem Augenblick, dass es sein eigener Schrei war, der das Toben der Natur übertönte. Denn als besäße er die Herrschaft über die sich bis jetzt noch zurückhaltenden Elemente, brach das Unwetter in diesem Moment, in dem sich auch sein Zorn nicht mehr gefangen halten ließ, mit erd-erschütternder Gewalt über sie herein.
Blitze fuhren aus dem aufgewühlten Himmel herab, Donnerschlag hallte zeitgleich, wurde übertönt durch das plötzliche Öffnen der Wolken, deren Wassermassen Sturzbächen gleich auf sie niederprasselten.
David fand sich wieder auf der Erde, auf seinem ehemaligen Mentor.
Den schlaffen Körper hielt er auf den Boden gepresst. Das verzerrte Gesicht, den hageren Oberkörper bearbeitete er wieder und wieder mit seinen Fäusten, unfähig sich zurückzuhalten, unfähig den mörderischen Hass einzudämmen, der ihn zwang mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf Krank einzuschlagen, ungeachtet der Wunden, die bereits seine Züge entstellten, die aufklafften und denen dunkles Blut entströmte, das sich mit dem kalten Regen vermischte.
Ungeachtet der Tatsache, dass Krank längst aufgehört hatte sich mit seinen Händen, der verwundeten ebenso wie mit der gesunden, schützen zu wollen, ungeachtet der langsam mit dem Bewusstsein wiederkehrenden Erkenntnis, dass er einen Körper bearbeitete, aus dem das Leben längst entflohen war.
Er schlug ihn weiter bis seine Fäuste bluteten wie der stille Leib, den sie malträtierten. Hörte nicht auf damit, bis andere Hände, stärker als seine, ihn fortzogen, ihn hochrissen und festhielten, bis sich das Brüllen in seinem Inneren beruhigt hatte, bis er in der Lage war, die gekrümmte Gestalt auf dem Boden als das zu sehen, was sie war, eine Hülle, die kein Hass, kein Mitleid mehr erreichen konnte.
• * * *
•
Der Regen wusch über sie hinweg, das Gewitter tobte ohne Unterlass, doch in David war es ruhig geworden.
Er stand regungslos inmitten des Schlammes und der Pfützen, die sich bildeten, fühlte Nichts außer Alans Armen, die ihn immer noch festhielten, unerbittlich, ähnlich einem Schraubstock, als fürchte er noch größeres Unheil.
Alan spürte, wie David zu sich kam, wie er seinen Verstand zurückgewann und begann, die Lage, zu begreifen.
Dennoch ließ er ihn nicht los, fühlte, dass er die Reaktionen des Anderen nicht einschätzen konnte.
Er hatte sich beeilt, sich nicht darauf verlassen, dass David Vorkehrungen für das Unwetter treffen würde.
So wie die Dinge lagen, hätte der Mann auch jederzeit Hals über Kopf, verschwinden können, ohne ihm einen Hinweis oder eine Spur auf seinen Verbleib zu hinterlassen.
Und es wäre sein gutes Recht gewesen, sie hatten niemals darüber gesprochen, keinerlei Verhaltensregeln vereinbart.
Trotzdem hatte er erleichtert aufgeseufzt, als er erkannte, dass die Tiere in Sicherheit und die Anlagen befestigt worden waren.
Keineswegs zu spät, denn der Sturm war im Beginn loszubrechen. Und nicht nur der Sturm. Etwas anderes war ebenfalls in Unordnung, er hatte nur nicht bestimmen können, was es war.
Erst als er die beiden Männer vor sich sah, seine erprobten Augen die Dunkelheit durchdrangen, erkannte er die Gefahr, die dieses Mal nicht von den Kräften der Natur ausging.
Ohne zu überlegen, hatte er sein Messer gezogen und die drohende Gestalt, die eben im Begriff gewesen war, abzudrücken, mit einem gezielten Wurf entwaffnet.
Womit er nicht gerechnet hatte, war Davids Reaktion. David, dessen Augen im Aufflackern des Blitzes einen erschreckenden Ausdruck zeigten, dessen Zorn an Besessenheit, an Wahnsinn zu grenzen schien, als er sich mit einem Schrei auf den größeren Mann stürzte und die schmerzgelähmte Gestalt umriss.
David, der seine Kontrolle aufgegeben hatte, als er den Kopf des Anderen auf den Boden schlug, mit beiden Händen, wieder und wieder, bis er aufplatzte.
David, der auch dann nicht davon abließ, den leblosen Körper weiter mit seinen Fäusten zu bearbeiten, als würde er immer noch eine Bedrohung für ihn darstellen.
David, dessen Sinne in einer rot gefärbten Welt aus Blut untergingen, der sich im Rausch der Gewalt verlor.
Endlich hatte Alan wieder zu sich gefunden und den tobenden Mann von seinem Opfer weggerissen. Was auch immer zwischen den beiden Weißen gestanden hatte, es würde für immer ungelöst bleiben.
Langsam beruhigte sich Davids Atem, die Wut verflog ins Nichts. Übrig blieben die Spuren dessen, was geschehen war, der vergebliche Versuch, es zu begreifen.
“Oh Gott!”
Ein Donnerschlag verschluckte die gehauchten Worte, ausgestoßen, nachdem die gezackte Konzentration an Elektrizität, den mit glänzender Flüssigkeit überströmten Leichnam gespenstisch erleuchtet und dann wieder zurück in die Dunkelheit gesandt hatte.
Vorsichtig lockerte Alan seinen Griff, spürte, dass der andere Mann wieder Herr seiner Sinne war, der tobende Dämon seinen Rachedurst gestillt hatte.
“Was habe ich getan?” David hob die blutbefleckten Hände vor sein Gesicht, seine Knie gaben nach, und er sank kraftlos auf die Erde, weigerte sich instinktiv, das Ausmaß seines Ausbruches zu erfassen.
“Er ist tot.”
Alan biss die Zähne zusammen. “Wir müssen uns jetzt entscheiden.”
“Was... entscheiden?” David blickte verwirrt zu ihm auf. Der Regen stürzte mit unvermittelter Kraft auf sie hinab, als würde er versuchen, alle Spuren zu ertränken.
Die Kleider klebten schwer an ihrer Haut und durch die Dunkelheit, durch den Vorhang aus Wasser trafen sich ihre Augen, Davids groß und verwirrt, Alans hart und entschlossen.
Er presste seine Lippen zusammen, bückte sich hinunter und zog David aus dem Matsch, der schwarz schimmernd an ihm haften blieb wie Pech. Er brachte die Lippen zu des kleineren Mannes Ohr.
“Wer weiß, dass er hier ist?”
David erschauerte, sein Blick suchte Krank, klebte fest an der äußeren Schale, die einst ein Mensch gewesen war. Mühsam schüttelte er den Kopf.
“Niemand... er... er ist auf der Flucht, soweit ich ihn verstanden habe... war...” Er verstummte.
Alan richtete sich auf. “Dann bringen wir ihn zu den Behörden. Es war Notwehr.”
“Nein!” David stöhnte auf. “Nein... bitte Alan. Tu das nicht... Ich, ich kann nicht...”
Alan wartete, doch David war außerstande. weiterzusprechen. Er versuchte die Laute hervorzubringen, doch nichts als stumme Hilferufen verloren sich in der Gewalt des Regens.
Eine Zeitlang standen sie so, bemüht zu verstehen und sich zu verständigen, und die Minuten dehnten sich in die Unendlichkeit. Endlich senkte Alan seinen Blick, signalisierte dem anderen eine Entscheidung getroffen zu haben.
“Es ist gut David, wir finden eine Lösung. Ich verspreche es.”
*
Die Blitze zuckten nur noch vereinzelt in der Ferne.
Der Donner war zu einem tiefen Grollen mutiert, das die düstere, höllische Atmosphäre unterstrich.
Der Regen schlug mit unverminderter Kraft auf sie ein. Sintflutartig überschwemmten die Wassermassen das Gelände, hatten es selbst dem an Anforderungen gewöhnten Geländewagen Alans erschwert, sich seinen Weg durch die Nacht zu erarbeiten, ohne hilflos steckenzubleiben.
Und nun, gleich Gestalten einem Horrorfilm entsprungen, arbeiteten sie besessen.
Die Hitze, die ihren zum Zerreißen gespannten Nerven entströmte, war der einzige Schutz gegen die unerbittliche Kälte des tränenden Himmels.
David zitterte dennoch. Die Anspannung forderte ihren Tribut.
Kaum war er in der Lage den Spaten zu heben, stolperte mit dem verzweifelten Versuch.
Alan arbeitete stetig und ruhig. In rhythmischen Bewegungen senkte er die Schaufel in den Boden, löste die schwere Erde aus ihrem Bett und vergrößerte so Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, das Loch, das er entschlossen war, so tief wie möglich auszuheben.
Kranks Leiche ruhte neben ihnen, in eine Decke gerollt, geduldig darauf wartend, ihrer endgültigen Bestimmung zugeführt zu werden.
Endlich war das Grab groß und breit genug, einen Menschen aufnehmen zu können, bot die rutschige Erde Alans Füßen genügend Widerstand, um aus seinen Tiefen empor zu klimmen.
Zusammen ergriffen sie die starre Figur und warfen sie hinunter, wo sie in der Pfütze, die sich bereits angesammelt hatte, aufklatschte und versank.
Sie standen reglos für einen Moment, überließen dem Regen die Mühe, sie von ihrer Schuld rein zu waschen, bevor sie begannen, die Spuren ihrer Tat wieder mit Erde zu bedecken.
Erschöpft blickten sie sich an, ihre Augen trafen sich über den Ort, der Krank von nun an verbergen sollte, bis nichts mehr an ihn erinnern würde.
Schließlich ergriff Alan die Werkzeuge, signalisierte der Gestalt ihm gegenüber, dass es Zeit sei, den Rückweg anzutreten.
So gut wie möglich war die Stelle unkenntlich gemacht worden, Gräser und Zweige lenkten die Aufmerksamkeit ab für den unwahrscheinlichen Fall, dass jemand sich an diesen versteckten Ort verirren sollte.
Kein Wort fiel, kein Laut lenkte vom Rauschen des Regens ab, der mittlerweile gleichmäßig fiel. und versuchte, die Trockenheit der vergangenen Wochen innerhalb einer einzigen Nacht in Vergessenheit zu bringen, als könnte er damit etwas wieder gut machen, das nicht mehr gut zu machen war.
Wie durch ein Wunder fanden die Räder des Wagens Halt in dem schlüpfrigen Untergrund, erlaubten ihnen fortzukommen und durch das sich mittlerweile beruhigte Unwetter den Heimweg anzutreten.
Immer noch schweigend verließen sie das Fahrzeug, entledigten sich der schmutzverkrusteten Kleider und begannen die an ihnen haftenden Spuren hastig von ihrer Haut zu entfernen.
Stille verband, unterbrochen lediglich durch das Geräusch des plätschernden Wassers, mit dem sie sich säuberten, untermalt von dem ständigen Hämmern des Regens über ihnen, der das Dach des Hauses traf.
Eine dunkle und eine helle Gestalt, für immer verknüpft durch ein gemeinsames Geheimnis.
Alan warf David ein grobes Handtuch zu, und schließlich verließen sie barfüßig und unbekleidet den Raum, der als Bad diente, tappten die Treppe hinauf.
Wie selbstverständlich folgte David dem Lakota zum ersten Mal in dessen Zimmer, wo der Größere, immer noch ohne ein Wort fallen zu lassen, den Schrank ansteuerte und aus seinen Tiefen ein paar Kleidungsstücke zog, die er nachlässig auf das, mit einer kunstvoll geknüpften Decke verzierte Bett warf.
Beiden klapperten vernehmlich die Zähne, und so zögerte David nicht lange, in den rauen, doch wärmenden Stoff zu schlüpfen.
Er schlug die von viel zu langen Ärmeln bedeckten Arme über seiner Brust zusammen, vielleicht um sich zu schützen, vielleicht um nicht noch mehr auszukühlen. Endlich sprach er zu Alan, der die langen Haare trocken rieb.
“Es tut mir leid, dass ich...” Er stockte unsicher. “Ich sollte dir wohl erklären...”
“Ja.” Alan hielt in seiner Bewegung inne. “Irgendwann einmal, David. Aber nicht jetzt.”
“Ich...”
Ein gefährliches Glitzern in Alans Augen hielt ihn ab davon weiterzusprechen.
“Dafür ist jetzt nicht die Zeit. Wir müssen es ruhen lassen.”
“Aber...”
“Ich habe genug gesehen, um mir vorstellen zu können, was passiert ist, und warum es passiert ist. Alles andere kann warten.”
Der Dunkelhaarige trat einen Schritt vorwärts. David konnte es nicht verhindern, dass er unwillkürlich zurückzuckte.
Alan seufzte und blieb stehen.
Seine Stimme klang ruhig und sanft und vermittelte mit seinen nächsten Worten die Entspannung und den Trost, der notwendig war.
“Ich gehe jetzt und kümmere mich um den Rest, während du versuchst, dich aufzuwärmen. Eine Lungenentzündung wäre mit Sicherheit nicht hilfreich, und deine Abwehr war bereits zuvor angegriffen. Dann wirst du schlafen.”
Der Anflug eines Lächelns, kaum entstanden, bereits wieder vergangen, flog durch den nur schwach vom spärlichen Licht des Ganges erleuchteten Raum. “Du wirst noch genug Zeit für Erklärungen haben.”
Erst als Alan sich umgedreht und das Zimmer verlassen hatte, registrierte David das Ausmaß seiner Erschöpfung.
Der Raum begann sich um ihn zu drehen, und Halt suchend sank er nieder, gerade noch in der Lage, die Kante des Bettes zu ergreifen und sich daran auf die Decke zu ziehen, die sich unerklärlich weich an seinen Körper schmiegte.
Unfähig sich wieder zu erheben, tastete er um sich, zog den Stoff, den er greifen konnte näher und rollte sich zusammen, bevor die Welt in Vergessenheit versank.
*
Er konnte nicht erkennen, wie viel Zeit vergangen war. Ihm war noch nicht einmal im ersten Augenblick des Erwachens bewusst, wo er sich befand.
Benommen schlug David die Augen auf und fand sich in vertrauter Umgebung wieder.
Er musste vollkommen weggetreten, außerstande gewesen sein zu bemerken, wie Alan ihn in das gewohnte Bett geschafft und warm eingewickelt hatte.
Er schwitzte und schlug die Decken beiseite ebenso wie die Kissen, die einen exotischen Duft verströmten, beinahe penetrant, wenn er an ihnen schnupperte.
Belustigt schüttelte er den Kopf über die ungewohnte Fürsorge, gleichermaßen peinlich berührt ob seiner eigenen Hilflosigkeit und seltsam ergriffen von der Mühe, die sich ein immer noch Fremder mit ihm machte.
Es war zu lange her, dass sich jemand um ihn gekümmert hatte. Die Erinnerungen an solche Zeiten wirkten verschwommen und David bezweifelte ernsthaft, dass die Bilder in seinem Kopf der Wahrheit entsprachen.
Wahrscheinlicher war es, sie als Wunschdenken abzutun.
Zu abwegig blieb die Vorstellung, zu wenig fassbar die flüchtigen Eindrücke, die verschwunden waren, bevor sie verarbeitet werden konnten.
Es war so ungewohnt, dass das unangenehme Gefühl daran schließlich den Sieg davontrug, und er sich entschlossen aufrichtete. Der Raum drehte sich in gewohnter Weise für einen Moment, jedoch schneller als er erwartet hätte, kam die Bewegung zum Stillstand.
Was auch immer Alan ihm eingeflößt hatte, es war ausschlaggebend für die Verhinderung einer Erkältung, hatte das Unvermeidliche gebannt, beinahe ein Wunder nach der Gewalt des Unwetters.
Das Unwetter - schlagartig kehrten die Bilder zu David zurück - das Gewitter - Thorsten Krank - was er getan hatte - was sie getan hatten.
Seine Hände begannen zu zittern und mit einem ärgerlichen Laut brachte er sie zum Stoppen.
Verdammt noch mal, er hatte mehr Menschen auf dem Gewissen, als sich Irgendjemand vorzustellen vermochte, hatte den Tod von allen erdenklichen Seiten gesehen und erfahren.
Er sollte es gewohnt sein, die Schuld, den Schmerz, die Trauer, die Selbstvorwürfe... den Verlust dessen, was ihn ausmachte, das mit dem anderen starb, ob er ihn geliebt oder verabscheut, kaltblütig ermordet, oder vergeblich versucht hatte, ihn zu retten.
Das Ergebnis blieb immer das Gleiche. Er lebte, und er musste damit zurechtkommen.
Warum nur erschütterte ihn nun Kranks Verlust mehr, als ihm logisch erschien.
War es das Unerwartete seines Auftretens gewesen oder sein eigener, geschwächter Zustand?
War es vielleicht der Einfluss, den er auf ihn ausgeübt hatte, damals... als er versucht hatte, den Klauen seines übermächtigen Vaters zu entkommen, als er jemanden gesucht, jemanden gebraucht hatte, ohne es zu wissen.
Damals, als er allein und unglücklich war, das Leben wie ein Strom brodelnder Lava vor ihm lag, heiß und gefährlich, mitreißend, doch ohne Ziel. Damals, als er eine Leitfigur gesucht und gefunden hatte.
Jemanden, der ihn anders sah, der etwas in ihm entdeckte, das es sich zu fördern lohnte, und der ihn in eine neue, unbekannte Richtung führte, in ein Gebiet, das ebenso erschreckend wie faszinierend für ihn gewesen war, ein Gebiet, das ihm einen Weg bot, seiner Wut eine Richtung zu weisen, einen Sinn und einen Zweck zu verleihen.
Doch nur solange, bis er die andere Seite gesehen hatte, bis er zum ersten Mal gezwungen war zu fühlen, was der Verlierer des Spieles fühlen musste, bis er wusste, wie es war, das Opfer zu sein.
Und immer noch war es Krank gewesen, der ihn vor Schlimmerem bewahrt hatte, der ihm die Mittel in die Hand gegeben hatte, sich weiter voran zu schleppen, egal wie sehr sich alles in ihm dagegen gesträubt hatte.
Er hatte sich geweigert, dessen wahres Gesicht zu sehen.
Er hatte das Bild des Mannes bewahrt,, der ihm vor so vielen Jahren auf die Beine geholfen, sich seiner angenommen und ihm mehr bedeutet hatte, als er jemals irgend jemandem gegenüber zugab.
David hatte sich an diesem Bild festgehalten, solange es möglich war.
Denn, wenn er zugegeben hätte, was Krank getan hatte, was er mit ihm getan hatte, wozu er ihn gebracht hatte, dann, das wusste er, würde ihm nichts mehr bleiben.
Dann war sein Leben eine Aneinanderreihung von Lügen und von Fehlern, dann hatte er die eine Welt, die er verabscheut hatte, gegen eine andere eingetauscht, die ebenso schlimm, wenn nicht sogar erheblich verwerflicher war.
Er hatte nicht gewusst, wie schwer diese Last in den letzten Jahren gewogen hatte, wie stark die Bänder ihn noch an den Mann gefesselt hatten, trotz allem, was er getan hatte.
Und noch weniger hatte er gewusst, wie groß der Hass war, den er in sich trug, der sich explosionsartig entladen, der ihn auf einer Welle der Gewalt getragen, mit dem einzigen Wunsch zu töten, der alles andere beherrscht hatte, jeden klaren Gedanken ausgeschlossen.
Hätte er klar denken können, so hätte er gewusst, dass der Tod keine Befreiung war. Jemandem das Leben zu nehmen, stellte keine Lösung, keine Erleichterung dar. Der Schrecken der Tat konnte den Wunsch nach einer Antwort lediglich betäuben, niemals jedoch die Angst fortnehmen.
David rieb sich den mittlerweile kalten Schweiß von den Schläfen. Es hatte keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, es würde nichts ändern.
Seine Beine fühlten sich an wie Gelee, als er schließlich aufstand und die paar Schritte auf die Tür zuging.
Die beiden Männer auf dem Regal lächelten freundlich auf ihn hinab, als wollten sie ihm Mut zusprechen, und David drehte sich noch einmal um und betrachtete die jugendlich unschuldigen Gesichtszüge.
War er jemals so frei, so glücklich gewesen, wie die beiden wirkten? Unbeschwert und strahlend, ihrem Leben ohne Altlasten entgegentretend, den Augenblick genießend, als wäre es ihr erster und ihr letzter gleichermaßen.
Eine Woge von Neid erfasste David und riss ihn mit sich. Seine Fäuste ballten sich, und er biss die Zähne aufeinander, bis es schmerzte, bis ihn der Schmerz wieder zur Besinnung brachte.
Was konnte er wissen von dem Leben, das sie geführt hatten. Es konnte seine Höhen gehabt haben, ebenso wie seine Tiefen. Tiefen, die möglicherweise ebenso abgründig waren, wie diejenigen, die er durchschritten hatte.
Wie kam er darauf, dass es eine Idylle gewesen sein konnte? Von dem breiten Lächeln, das ebenso für den Fotografen hätte bestimmt sein können, und vielleicht mit dem Auslösen der Kamera ein für allemal erloschen war.
Es gab keinen Grund anzunehmen, dass sie keine Dramen mit sich herumtrugen, im Gegenteil. David fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Was wusste er?
Dass Alan ein einsames Leben in einem Reservat führte? Dass er befreundet gewesen war mit einem Mann, der gestorben war?
All das schien kein Grund für außergewöhnliche Fröhlichkeit zu sein, und vor allem auch kein Grund, ihn zu beneiden.
Und doch konnte David nicht anders, konnte es nicht verhindern. Doch dann waren da die Geschehnisse der vergangenen Nacht, die Selbstverständlichkeit, mit der Alan gehandelt hatte, ohne Fragen zu stellen.
Der Mann blieb ein ungelöstes Rätsel, ein Enigma für ihn, seine Beweggründe unverständlicher denn je.
David stöhnte. Er würde es nie erfahren, wenn er hier oben bliebe.
Die nachlassende Intensität des Lichtes, das durch das immer noch mit einem grauen Schleier verschmierte Fenster drang, wies bereits auf Nachmittag oder frühen Abend hin, ohne jedoch zu erkennen zu geben, wie oft die Sonne seit der verhängnisvollen Gewitternacht auf- und untergegangen sein mochte.
David leckte sich die trockenen Lippen. Er hatte Durst und es half alles nichts, er würde sich dem stellen müssen, das ihn erwartete.
Auf dem Weg nach unten blinzelte er gegen die Lichtstrahlen, die sich in dem kleinen Spiegel, der im Eingang des Hauses hing, bündelten und in ihrer konzentrierten Kraft zu versuchen schienen, ihn aufzuhalten.
Alan war da, er spürte es, noch bevor er ihn sehen konnte. Mit dem Rücken zu ihm stand er am schiefen Küchentisch, der mit jeder seiner Bewegungen leicht schaukelte.
Ungeachtet dessen arbeitete er an etwas, das David nicht erkennen konnte. Sein schwarzes Haar umgab ein blauer Schimmer, ein seltsamer Glanz, der David bisher nie aufgefallen war.
“Hey”, machte er sich bemerkbar, obwohl er sich sicher war, dass Alan ihn bereits lange vorher gehört hatte, es vermutlich jedes Mal bemerkte, wenn er sich auch nur im Schlaf drehte.
Einen Augenblick wunderte sich David erneut über die Fähigkeiten, die er dem Mann zugestand, ohne zu wissen warum, ohne einen Grund oder einen Beweis dafür zu besitzen.
“Hey”, antwortete der andere, ohne sich umzusehen.
Eine leichte Drehung des Körpers erlaubte David jedoch einen kurzen Blick auf dessen Arbeit, die aus nichts Geheimnisvollerem als dem Zerkleinern von Substanzen in einer Art Mörser bestand.
“Wie geht es dir, David?”
“Ich bin okay.”
Er zögerte. “Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Und... und ich muss dir schon wieder danken.”
Er verfiel in Schweigen, betrachtete den sehnigen Rücken, dessen Muskeln unter dem dünnen Hemd arbeiteten, sich mit jeder Bewegung der Arme anspannten und wieder entspannten, der Oberfläche eines Gewässers gleich, das von unsichtbaren Kräften getrieben anschwillt und abnimmt, steigt und fällt, in einem für Menschen unerklärlichen Rhythmus.
“Und dann schulde ich dir auch noch die eine oder andere Erklärung... denke ich...”
Alan hielt einen Augenblick inne. Dann ließ er seinen Atem hörbar entweichen und griff eines der Gläser rechts von ihm. Vorsichtig füllte er das Pulver aus dem Mörser hinein und verschloss es sorgfältig, bevor er sich zu David umdrehte.
“Wir müssen das verschieben.” Er streifte den kleineren Mann mit einem prüfenden Blick, bevor er an ihm vorbeiging, den oft gebrauchten Rucksack packte und wieder in die Küche zurückkehrte.
Davids Sinne registrierten den Luftzug, den eigenen, beinahe moschusartigen Geruch, der den Lakota schon immer umgeben hatte, und der ihm bisher nie aufgefallen oder auch nur in sein Bewusstsein gedrungen war.
“Es tut mir leid”, murmelte Alan, während er verschiedene Gegenstände sammelte und einräumte. “Ich habe eine Nachricht bekommen und muss sofort los. Es scheint ein Notfall zu sein, und ich werde wohl nicht so bald zurückkommen.”
Er wandte sich um und blickte David an, sein Blick unergründlich, tiefschwarz wie Pech. „Ich lasse dich ungern allein, wir sollten...” Er seufzte und nahm den Rucksack auf. “Ich weiß auch nicht”, gab er mit einem Mal zu, seine Unverblümtheit unerwartet und entwaffnend.
Spontan, ohne sich seiner Handlung bewusst zu werden, trat David auf ihn zu, berührte ihn kurz am Arm, als wolle er ihm etwas versichern. “Das geht in Ordnung, Alan. Ich... es... es ist nicht so, dass ich reden wollte, das Ganze ist... schwierig.”
“Ja.” Alan nickte. “Es muss einfach warten... Wir werden einfach warten.”
David wollte zustimmen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Erleichterung für den Aufschub wechselte in ein seltsames Unwohlsein, das störende Gefühl, wieder allein gelassen zu werden.
Er riss sich zusammen. Es war einfach lächerlich, wie seine Schwäche ihn mehr und mehr bedrohte, nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele zu übernehmen schien.
Und ehe er sich’s versah, hatte Alan ihn bereits verlassen, war ohne einen weiteren Blick zu ihm, zur Tür hinaus und in der goldenen Abenddämmerung verschwunden.
David wartete noch einen Moment, sah hinaus ins Leere, bevor er die Tür hinter ihm verriegelte und sich in dem Gebäude, das ihm fremd und doch schon vertraut war, das ihm Obdach gewährte, ohne Erwartungen zu stellen, einschloss.
Er lauschte, bis der letzte Ton verklungen war, den er mit dem Rasseln des Motors eines sich entfernenden Wagens in Verbindung bringen konnte.
Danach drehte David sich um und betrachtete seine Optionen. Vor allem sollte er es vermeiden, über Krank nachzudenken. Alan hatte Recht, sie würden sich mit seinem Auftauchen und den Fragen, die es aufwarf, auseinander setzen müssen. Aber gerade jetzt fühlte er sich der Sache nicht gewachsen.
Er würde sich ablenken müssen, seine Gedanken binden. Seufzend fuhr er sich durch das störrische Haar, ließ seinen Blick suchend umherstreifen. Es war nicht so, als gäbe es nicht genügend Dinge, die es sich in diesem Haus zu erforschen lohnte, genügend Rätsel, mit denen er sich würde beschäftigen könnte.
Er dachte an die Fotos, den kurzen Eindruck, den er von Alans Zimmer gewonnen hatte, die Versuchung die Chance zu nützen, das Vertrauen seines Gastgebers zu missbrauchen und es einer umfassenden Untersuchung zu unterziehen. Vielleicht würde er...
“Nein!” Er sprach das Wort laut aus, wiederholte es grollend, wartete, bis er glaubte, den Nachhall zur niedrigen Decke steigen und entweichen zu sehen.
Seine Fingernägel gruben sich in die Handinnenfläche, während er seine Fäuste ballte, seine Kraft, seine Wut zusammennahm, um das aufsteigende Verlangen zu bekämpfen.
Er würde nicht die Kontrolle verlieren, würde nicht das Wenige, das Alan ihm geschenkt hatte, zunichte machen, indem er begann, jeden Winkel zu durchsuchen, schneller und hastiger mit jedem zurückgelegten Meter, fanatisch Türen und Schubladen aufreißen, rücksichtslos durchwühlen, allein von dem Verlangen nach der Droge beseelt, von dem er von vornherein wusste, dass es ungestillt bleiben musste.
Er wusste, dass nicht viel dazu fehlte, wusste, dass der schmale Grad, auf dem er wanderte, eng und brüchig bleiben würde.
Es kam nur darauf an, seinen Schritt zu festigen, seinen Willen abzuhärten, bis es nicht unbedingt leichter, wenn auch gewohnter sein werde, sich innerhalb der ausgefahrenen Gleise fortzubewegen, sich nicht in jeder schiefen Kurve hinauskatapultieren zu lassen in der Hoffnung, dass es kein Zurück mehr gäbe.
Immer wieder blitzte das Bild Kranks in ihm auf, die ausgestreckte Hand, das Versprechen von Erlösung mischte sich mit Erinnerungen längst vergangener Zeiten, während derer ein jüngerer, ein, in seinen Augen geradlinig und sicherer Mann, ihm eben dies und noch viel mehr geboten und dann wieder entzogen hatte.
David schluckte trocken und schloss den Küchenschrank wieder, den er in den vergangenen Tagen mehr als einmal gemustert hatte.
Weder in der Küche, noch unter den Vorräten gab es einen Tropfen Alkohol und seine Kehle lechzte danach, ebenso wie seine Seele sich wenigstens dieses Gift herbeisehnte, sich jede Hilfe herbeisehnte, die existierte.
Wasser half nicht weiter, es benetzte seinen ausgedörrten Rachen, jedoch löschte es nicht das unstillbare Brennen in ihm.
Stöhnend rieb er sich die Stirn und blickte einmal mehr die Treppe hinauf.
Was sollte er tun, welche Aufgabe würde ihn genug ablenken, um die kommenden Stunden überstehen zu können?
Und möglicherweise hätte Alan auch gar nichts dagegen, würde er sich ein wenig vertraut machen mit... seiner Situation.
David zögerte, griff aber dennoch widerstrebend das Geländer. Es konnte nicht schaden. Seine Wissbegierde hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet, unsinnig sich ausgerechnet jetzt an unklare Moralvorstellungen zu klammern, die in dieser Umgebung unter Umständen ganz anders aufgefasst werden würden.
Zu lange schon hatte er seine gewohnte Vorsicht außer Acht gelassen, es vermieden sich seiner Position zu versichern, seinen Fluchtweg vorzubereiten.
Er zuckte zusammen. Ein Geräusch durchdrang die Wände, ein Fahrzeug näherte sich, durchbrach die ungewohnte Stille.
David fuhr herum, Schweiß brach aus.
Das war nicht Alans Wagen, das war ein brandneues, geräumiges Gefährt... ein Gefährt, das auf den unebenen Landstraßen dieser Gegend ungewohnt und fremdartig wirken dürfte.
Er kannte das Geräusch, das diese Autos machten, kannte es, und hatte gehofft, es nie wieder hören zu müssen.
David stolperte in seiner Hast. Er hatte nur eine Chance, die Treppe hinauf und durch eines der Seitenfenster zu fliehen. Wieso nur war er unvorsichtig gewesen, trotz der jahrelangen Ausbildung, die ihm gewährt worden war, wie hatte er auch nur einen Moment denken können, dass sich etwas ändern würde.
Ein Krachen, zersplitterndes Holz - die Tür flog gewaltsam auf. Bevor David wieder hochkommen konnte, packten ihn starke Arme, zerrten ihn grob rückwärts. Er stöhnte, als sich seine Schulter verrenkte, als er herumgewirbelt und zu Boden geworfen wurde.
Ein Knie bohrte sich in seinen Rücken und er keuchte vor Schmerz auf. Sie mussten bereits vor der Tür gelauert haben, noch bevor er den Wagen gehört hatte, waren eingedrungen, und er hatte es nicht kommen sehen, nichts davon geahnt, nicht im Entferntesten mit der Möglichkeit gerechnet.
Er ließ seinen Kopf auf die harten Dielen sinken. Eigentlich konnte es ihm egal sein, was sie wollten, wer sie waren.
Es gab nichts, das sie ihm antun konnten, dass er nicht schon durchgemacht hatte, wieder und wieder. Und so war es keine Furcht, die er als letztes fühlte, bevor ihm ein gezielter Schlag die Besinnung raubte, sondern nichts als Verzweiflung untermalt von dem Wissen, dass sich lediglich das erfüllte, von dem er gewusst hatte, dass es passieren würde, von dem er wusste, dass er es verdiente.
*
Die Fahrt durch die Nacht verlief ohne Unterbrechung. David kam kurz zu sich, nur um zu bemerken, dass er mit Handschellen gefesselt auf dem Rücksitz eines klimatisierten Wagens lag.
Er versuchte sich aufzurichten, doch ein Stoß in die Seite belehrte ihn eines Besseren, und ein gnädiges Schicksal ließ ihn erneut das Bewusstsein verlieren. Schließlich, es konnten zwei oder mehr Stunden vergangen sein, die Nacht war mittlerweile hereingebrochen, hatte die Fahrt in eine Reise durch das Nirgendwo verwandelt, quietschten die Bremsen schrill, kam das Auto mit einem Ruck zum Stehen.
Widerstandslos ließ David sich hochziehen, und stand schließlich auf wackeligen Beinen in der Dunkelheit.
Die Gegend schien ebenso abgelegen, wie die zuvor Verlassene, keine Straßenlichter erhellten den Weg. Ein finsteres Gebäude vor ihnen ragte schweigend und drohend in die Höhe.
Stumme Gestalten schoben ihn darauf zu, offensichtlich ebenso wenig in der Stimmung für ein Gespräch, wie er es war. Der vertraute Laut einer einrastenden Chipkarte, das gleißende Aufblitzen eines Augenscanners, das dumpfe Quietschen der wandernden Außenkamera, die Bilder der Eindringlinge einfing und weitersandte.
Endlich öffnete sich das Tor automatisch. Elektrisches Licht flammte grell auf, nachdem die Pforte sich erstaunlich unhörbar wieder geschlossen hatte.
Ein langer Gang tat sich vor ihnen auf. Leuchtröhren wiesen die Richtung.
David fiel in den raschen Tritt der Männer ein, die ihn führten. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie mit unbeweglichem Gesichtsausdruck auf ihr Ziel zueilten.
Beinahe konnte man denken, sie würden ihn nicht beachten, wäre nicht hin und wieder ein Stoß in seinen Rücken ein Beweis des Gegenteiles.
Und so bemühte er sich, mit dem Tempo mitzuhalten, obwohl die an den Tag gelegte Hast seine Eingeweide kribbeln ließ, seinen Widerstand herausforderte.
Das Ziel war ein fensterloser Raum, eine Kopie tausender anderer fensterloser Verhörräume mit einem einzigen Unterschied, der darin bestand, auf welcher Seite des Tisches er sich befand, gegen den David beim Eintritt gestoßen wurde, dessen Kanten sich schmerzhaft in seine Hüftknochen rammten, bevor er auf den harten Stuhl hinunter gedrückt wurde.
Die Türen schlossen sich wieder, als Gesellschaft zurück blieb nur der blanke Spiegel ihm gegenüber.
David starrte hinein, sein Blick durchdrang die Reflektion seiner Selbst, ignorierte den zusammengefallenen Körper, die fahle Gesichtsfarbe, gegen welche die Platzwunde über dem rechten Auge scharf hervorstach, bohrte sich in die dunklen Pupillen, umrahmt von der blauen Iris, bevor er erstarb.
Die langen Wimpern senkten sich, schlossen die Außenwelt aus.
Viel Zeit wurde ihm nicht gelassen, noch bevor er sich vollständig in sich zurückziehen konnte, näherten sich eilige Schritte.
David zeigte keine Reaktion, blieb zusammengesunken sitzen, während Stiefel auf den Boden hämmerten, an Wänden und Ecken stoppten, die Tür sicherten, während Stühle rückten, Männer Platz nahmen. Er rührte sich nicht, als Akten auf dem Tisch landeten, geräuschvoll aufgeschlagen und durchblättert wurden.
“David Mann! Du fragst dich wahrscheinlich, warum wir dich hierher gebracht haben.”
Keine Antwort.
Ein ärgerliches Schnalzen mit der Zunge. “Du kannst dich weigern zu kooperieren, aber würdest dadurch das Unvermeidliche nur hinauszögern.” Ungeduld klang in den Worten mit.
“Ich habe eine sehr gute Vorstellung von euren Absichten. Und sie kümmern mich keineswegs.”
Leise, fast tonlos die Erwiderung.
“Nun... das wird sich ändern. Sieh mich an, David!”
Der Angesprochene rührte sich nicht.
“Sieh mich an... jetzt!”
Die Forderung wurde lauter, aber immer noch mit keiner Reaktion belohnt.
Auf ein Nicken des Mannes hin, trat einer der Wachen hinter David hervor und riss seinen Kopf mit einem Griff in sein Haar rückwärts. Davids Augen flogen auf und er unterdrückte einen Schmerzenslaut, als er den Mann, der ihm gegenüber saß, zum ersten Mal musterte. Er war groß, breit, untersetzt, gekleidet in elegantes Schwarz.
“Was willst du, Carl”, presste David mit zusammengebissenen Zähnen hervor. “Ich habe hiermit nichts mehr zu schaffen.”
“Da irrst du dich, David, und das weißt du auch sehr gut.”
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du redest.”
Jemand, der vor nur wenigen Stunden einen flüchtigen Verbrecher ermordet hat, dürfte eine ganze Menge mit uns zu tun haben.”
Er beugte sich vor. “Wir stehen auf derselben Seite, vergiss das nicht!”
Davids kalter Blick traf den anderen.
“Du willst mich verhören, verurteilen, einsperren, bestrafen...? Tu dir keinen Zwang an! Wenn du meinst, ich hätte ein Verbrechen begangen, dann handle dementsprechend. Es ist nicht so, als würde mich das überraschen.”
Carl Dixon lehnte sich zurück. “Das ist nicht ganz meine Absicht.”
Er musterte David eingehend, bevor er fortfuhr. “Krank war Abschaum. Er hat uns noch den kleinen Gefallen getan, dich aufzuspüren, aber es wäre unrealistisch anzunehmen, dass er uns noch von irgendeinem Nutzen hätte sein können. Nichtsdestotrotz...”
Er schwieg nachdenklich. “Nichtsdestotrotz haben wir ein Problem... und das nicht nur wegen Krank...”
“Ihr Jungs habt doch immer ein Problem, das geht mich nichts an.”
“Du hast durchaus damit zu tun, David. Um es kurz zu machen, wir brauchen dich. Du sollst für uns arbeiten.”
David stöhnte auf. “Vergiss es, Carl!”
“Das kann ich leider nicht. Du bist der Richtige für den Job, um nicht zu sagen - der Einzige.”
Die Kälte war aus Davids Augen gewichen, hatte heißem Zorn den Vortritt gelassen. “Ich arbeite nicht mehr für den verdammten Geheimdienst, schon gar nicht für deinen Verein. Das ist vorbei.”
“Aber genau das ist es ja, was dich qualifiziert, zumindest zu einem bedeutenden Teil. Es passt alles perfekt.”
“Du kannst mich nicht zwingen, Carl. Ich bin fertig.”
“Ich weiß.” Carl schloss den geöffneten Ordner, verbarg die eng bedruckten Seiten vor weiteren Blicken. “Wir brauchen jemanden, der schnell und effizient arbeitet, der praktisch Unmögliches bewerkstelligen kann.
“Was, zum Teufel, verstehst du denn nicht? Ich habe ‘ nein ‘ gesagt.”
Carl hob die Augenbrauen, verzog den schmalen Mund missbilligend.
“Ich hatte wirklich gehofft, du würdest kooperativer sein, David. Wir haben Mittel und Wege...”
“Als ob ich das nicht wüsste”, grollte David, seine Hände nervös in den Handschellen bewegend, bis die Haut begann aufzuscheuern.
“Natürlich weißt du das. Und du weißt ebenfalls, dass wir keine leeren Drohungen aussprechen.”
Davids Gesichtszüge gefroren, glichen einer bleichen Maske, als er antwortete.
“Ihr könnt mir nicht drohen! Es gibt nichts, das ihr...” Er verstummte.
“Lass mich dir zuerst schildern, worum es geht.”
Carl strich sich mit der rechten Hand über die grauen Schläfen.
“Du erinnerst dich vielleicht daran, als wir das letzte Mal zusammen gearbeitet hatten, und ich plötzlich abberufen wurde.”
Verachtung blitzte in Davids Augen. “Ich erinnere mich. Ihr habt euch dünn gemacht, als es schwierig wurde, und meine Leute und mich auf uns allein gestellt zurückgelassen. Verantwortung zu leugnen war schon immer eine Stärke der CIA.”
“Das sind alte Geschichten, David. Zudem gab es keine andere Möglichkeit. Du weißt besser als jeder andere, dass Opfer gebracht werden müssen, damit die Nation ihr Gesicht wahren kann.”
“Pech für euch, dass ein paar von uns überlebt haben.”
Carl schlug mit der Faust auf den Tisch, sein Gesicht eine wütende Grimasse. “Schluss damit, verdammt. Das waren Unfälle, nicht mehr und nicht weniger... unglückliche Zufälle, die...” Er atmete keuchend aus, mühsam um Beherrschung ringend.“Die Sache ist abgeschlossen. Es geht hier um etwas anderes, um etwas wirklich Wichtiges.”
“Tatsächlich?”
“Ja, verdammt, und es fing damals an, damals wurden wir zum ersten Mal auf die Fährte der Mistkerle gesetzt. Es tut mir leid, dass wir euch im Stich gelassen haben, niemand konnte ahnen, dass es zu derartigen Verlusten kommen würde. Wir wurden irregeführt... es...”
Er riss sich zusammen. “Der Punkt ist, dass wir einer gefährlichen Organisation endlich, nach vielen Jahren, knapp auf den Fersen sind, die ihren Hauptsitz allem Anschein nach in den abgelegenen Teil Süd Dakotas verlegt hat. Wir schließen nicht aus, dass sie über der Grenze nach Montana ebenfalls Niederlassungen besitzen. Die Gegend ist weitläufig genug, und für einen Außenstehenden ist es praktisch unmöglich, auch nur einen Hinweis zu erhaschen.”
“Es wird immer Terrorismus geben, solange Menschen die Erde bevölkern werden. Das war nie anders... ich sehe nicht, was du ausgerechnet von mir willst.”
Carl lief rot an. “Also gut... die Kurzfassung. Verschleiert wird das Ganze von einer Sekte, die zunehmend an Einfluss gewinnt, und das nicht nur in den Staaten. Wir vermuten...”
Er verstummte, die Augen fest auf David gerichtet, dessen Haltung nichts als Abscheu ausdrückte.
Carl begann nervös mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte zu trommeln.
“Uns läuft die Zeit weg, David. Wir wissen, dass sie etwas planen, etwas Größeres, aber bis jetzt ist es noch keinem unserer Leute gelungen, die Organisation zu infiltrieren. Sogar in die Sekte hinein zu kommen, ist ausgesprochen schwierig. Sie operiert im Geheimen, lockt die Bevölkerung mit radikalen Floskeln und Forderungen, doch wenn man versucht, sich ihr zu nähern, verschwindet sie wie Nebel in der Sonne.
Die Hintermänner sind in einem weltweiten Netzwerk organisiert, verbunden durch geschäftliche Transaktionen. Niemand konnte bis jetzt herausfinden, in welche Richtung die Geldströme fließen und welches Ziel sie eigentlich verfolgen.”
David wand sich erneut in seinen Fesseln, verweigerte allerdings wieder eine Antwort. Seine Augen verfolgten die Bewegungen von Carls Händen, als könnten sie ihm mehr verraten als seine Worte.
Hörbar atmete der Größere aus, bevor er weitersprach. “Sie scheinen besser informiert zu sein als wir, wir können nicht ausschließen, dass sie in der NSA, beim FBI, möglicherweise sogar bei uns, Kontaktmänner unterhalten. Die Fäden reichen weit.”
Endlich entschied sich David zu sprechen. “Du kannst dir deinen Atem sparen, ich will es nicht wissen, und ich werde meine Meinung nicht ändern.”
Mit einem Stoßseufzer strich sich der Agent über die Stirn. “Du warst schon immer verdammt bockig.”
Er wartete einen Moment, bevor er den Papierstapel zu seiner Linken kontrollierte, und eine mittelschwere Akte von unten hervorzog. “Ich werde dir sagen, warum du in diese Rolle passt, und warum wir dich ausgewählt haben.”
Davids Stimme bebte vor verhaltener Wut. “Was soll ich noch sagen, Carl... ich weigere mich. Du hast keine Möglichkeit...”
Mit Schwung schlug Carl den Ordner auf, blätterte eine Weile darin herum, bevor er ein paar Bilder heraussuchte und sie vor David ausbreitete. Dieser drehte seinen Kopf beiseite, unwillig das Spiel mitzuspielen, doch die immer noch hinter ihm stehende Wache zwang ihn grob zurück.
“Das ist die Familie des Schamanen, der dich aufgenommen hat. Wie du siehst, geht es ihnen gut. Noch!”
Er machte eine Pause, ließ David genug Zeit die Gestalten auf den Bildern, die offensichtlich mit modernsten Weitwinkelkameras von verschiedenen Standpunkten aus, aufgenommen worden waren, mit den Figuren auf den Fotos in Alans Haus in Verbindung zu bringen.
“Natürlich kann sich so etwas schnell ändern... aus den verschiedensten Gründen, wie du sehr wohl weißt.”
“Du Mistkerl”, zischte David hasserfüllt. “Du wirst es nicht wagen...”
Carl lehnte sich zurück.
“Versteh mich nicht falsch, David. Du weißt, dass wir nie...”
Er verzog seine Lippen zu einem falschen Lächeln. “Aber Unfälle passieren nun mal, und es sind eben Indianer...”
Er ließ die Worte einsinken.
“Das Leben im Reservat ist hart, die Kinder haben Glück, wenn sie überhaupt erwachsen werden, wenn sie das Teenager Alter erreichen, ohne bereits Alkoholiker oder drogenabhängig zu sein.”
Eine erneute Pause unterbrach die harten Laute. “Die Kriminalität ist hoch, sogar ohne, dass wir uns einmischen. Die Ablehnung gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern stark genug, um immer wieder Gewalt zu provozieren.”
Er schüttelte den Kopf. “Was glaubst du, warum eine auf Fundamentalismus basierende Sekte so wenig Probleme hat, ausgerechnet hier Unterstützung zu finden. Überall wo der Rechtsextremismus blüht, und mit finanziellem Gewinn einhergeht, kannst du davon ausgehen, dass diese Leute ihre Finger im Spiel haben. Europa, Südamerika... die westliche Welt insgesamt...”
Er lachte höhnisch. “Das Wunder der Globalisierung. Wir haben keine Chance gegen sie.”
“Kommt nicht so oft vor, dass der Geheimdienst versucht, sich solchen Kräften entgegenzustellen”, warf David plötzlich ein. “Ich dachte, ihr seid immer noch hauptsächlich damit beschäftigt, den drohenden Sozialismus auszumerzen. Jede andere politische Gesinnung kurbelt doch viel zu wunderbar die Wirtschaft an, als dass kleine Entgleisungen wie Mord und Krieg nicht in Kauf zu nehmen wären.”
Carl ignorierte ihn. “In diesem Fall haben wir keine Wahl. Es gibt keinen Zweifel, dass bereits massiv an den Grundpfeilern unseres Systems gerüttelt wird. Die permanent hochgepuschte Terrorbedrohung islamistischen Ursprungs ist das perfekte Ablenkungsmanöver für diese Leute, wenn nicht sogar einer der Gründe für den Zustrom, den sie genießen. In Krisenzeiten sucht der Mensch sich nun mal gerne Extreme.”
“Nicht nur in Krisenzeiten”, flüsterte David und starrte ihn herausfordernd an. “Ich sehe immer noch nicht, warum du mich einweihst. Und schon gar nicht, was Alans Familie mit dem Ganzen zu schaffen hat.“
“Sieh mal, David.” Carl beugte sich vor.
“Deinem Medizinmann sind Mitglieder der Familie von Weißen ermordet worden. Wie denkst du, wird er sich fühlen, wenn er noch mehr Verluste zu ertragen hat, insbesondere, wenn ihn jemand darauf hinweist, dass ein gewisser Fremder, den er von der Straße aufgelesen hat, direkt dafür verantwortlich ist.”
“Ich wusste schon immer, dass du ein Schwein bist.” Flammen schossen aus Davids Augen.
“Und nach all den vielen Verbrechen, die auf meinem Gewissen lasten, und die du mit Sicherheit in deinen Papieren fein säuberlich verzeichnet hast... wie kommst du darauf anzunehmen, dass mich das Schicksal dieser Menschen kümmern würde. Ich bin ein anderer geworden. Ihr habt mich zu einem anderen gemacht.”
“Ich glaube nicht, dass du dich so grundlegend geändert hast, David.” Carl schob die Fotos näher an sein Gegenüber heran, bis sie beinahe von der Tischkante stürzten.
Lachende Kinder mit dunklen Zöpfen oder breiten Bändern wurden von strahlenden jungen Eltern aufgefangen, liefen Hand in Hand, um die Wunder einer Großstadt zu bestaunen. Mehr Fotos verdeckten die bereits Bekannten, dieselben Kinder auf den staubigen Straßen des Reservates, mit Steinen und Stöcken spielend, vor dem brüchigen Schulhaus, das eher einer verfallenen Hütte mit Löchern in der Decke glich, vor dem Polizeirevier, mit großen Augen ihren Eltern nachsehend, die mit gebundenen Händen abgeführt wurden.
“Es kann viel passieren, David. Und niemanden wird es kümmern.”
• * * *
David stöhnte. “Was willst du, verdammter Hundesohn. Was du mir erzählst ergibt absolut keinen Sinn.”
“Das wird es noch, David. Keine Sorge. Du wirst es verstehen.”
Carl winkte einer der Wachen, die die Bilder unter seinem kritischen Blick wieder einsammelte.
“Du hast bereits einen Fuß in der Tür.”
“Was soll das heißen, verdammt noch mal?”
Der Größere presste spöttisch die Lippen zusammen.
“Du wohnst bei dem Schamanen der Gegend, glaub ja nicht, dass das geheim bleiben wird. Ein Weißer, der das Vertrauen der Einwohner genießt.”
“Wie kommst du darauf, dass er mir vertraut, dass er mich nicht herauswerfen wird?”
Carl schnalzte mit der Zunge.
“Er hat dich aufgenommen und fühlt sich verantwortlich. Er wird dich nicht auf die Straße setzen. Die sind nicht so. Angst um ihr Eigentum kennen die nicht, sofern sie so etwas überhaupt haben.”
Er grinste. “Liegt nicht in ihrer Natur, vermutlich werden sie es auch nicht mehr lernen. Und schon gar nicht dein Freund, der offensichtlich ein Faible für Bleichgesichter hat.”
“Was für einen Scheiß erzählst du da?”
Carls Grinsen breitete sich aus und er griff nach einer weiteren Akte.
“Dein Süßer hat sich einen Bullen aus dem Mittelwesten organisiert.”
Er schlug den Ordner auf und ergriff die Kopie einer Dienstakte. Noch bevor er sie vor David niedergelegt hatte, erkannte dieser die vertrauten Züge des blonden Mannes auf dem Bild in seinem Zimmer.
“Der Typ hat sich sogar bei der Reservats-Polizei versucht. Hat eine Weile richtiggehend Stimmung gemacht.”
Carl ergriff einen weiteren Bogen und studierte ihn.
“Einer dieser Unruhestifter, ständig herumgenörgelt von wegen Gleichberechtigung, Indianerrechten und so weiter. Nun ja... dann hat es aufgehört...”
Schnell legte er die Papiere wieder beiseite, faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, starrte David an.
“Also, du hast bereits einen Stein bei den Leuten im Brett, ein Vorteil, den sich ‘ Das Schwert ‘ nicht entgehen lassen wird.”
“Das Schwert?”
Carl nickte. “Das Schwert des Göttlichen. So nennen sie sich. Christlicher Fundamentalismus übelster Sorte. Gepaart mit dem tiefen Glauben an die Überlegenheit der weißen Rasse. Die würden am liebsten die Sklaverei wieder einführen und die Indianer ein für alle mal loswerden.”
David schüttelte den Kopf. “Ich verstehe immer noch nicht.”
“Nun, mein Freund...” Carl zögerte. “Dein Background ermöglichte uns Vieles, Vieles, das wir bereits in Umlauf gebracht haben, und das diesen Leuten, sofern sie die Verbindungen haben, die wir ihnen zusprechen, unmöglich entgehen kann.”
Er wartete einen Moment, glättete die Akten, bis sie einen gerade aufstrebenden, gleichmäßigen Turm bildeten, musterte sie noch einmal abschätzend, bevor er fortfuhr.
“Du hast das Wissen und die Erfahrung, die unermesslich wertvoll sind, in Bezug auf die Absichten, die wir vermuten. Zudem bist du ausgebrannt... enttäuscht von dem System... letztlich würde es jeder verstehen, wenn du dich von deinem bisherigen Leben abwenden würdest, dich neu orientieren.”
Carl lachte kurz auf. “Nun, es gibt ja auch keinen Zweifel, dass du das auch getan hast.” Er kratzte sich an der Schläfe. “Das Einzige, das du tun müsstest, wäre deutlich zu machen, dass dir diese Indianergesellschaft zuwider ist, aber dass du bereit wärest, der Nagel im Fleisch des Gegners zu bleiben, bis der abartige Traum von der Unfehlbarkeit der Herrenrasse verwirklicht worden ist.”
“Das ist ekelhaft, Carl.”
“Und nichts würde mehr Sinn ergeben. Windrunner hat dich in deiner schlimmsten Verfassung gesehen. Dass du ihn verabscheust, dürfte nur menschlich sein.”
“Ich kann das nicht, es ist krank!”
“Denk an unsere Möglichkeiten!” Carl lehnte sich vorwärts.
“Und denk daran, was dein Freund getan hat. Er hat eine Leiche verschwinden lassen, ein Verbrechen vertuscht. Allein dafür können wir ihn bis an sein Lebensende in den Knast bringen, und wenn wir wollen, Schlimmeres. Denn wer sagt, dass nicht er es war, der Krank getötet hat, dass der Krieger in ihm erwacht ist und Rache für Vergangenes gefordert hat...”
“Du bist verrückt, Carl!” David brauste auf. “Ich würde nie zulassen, dass...”
Doch Dixon lachte nur. “Mein Gott, David. Du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass du dabei ein Wort mitzureden hättest.”
Er wandte sich zu den Wachen um. “Ich denke, ich habe dich jetzt lange genug mit Samthandschuhen angefasst. Wir werden dir jetzt etwas Zeit lassen, um deine Situation zu überdenken. Danach komme ich wieder und erwarte deine Entscheidung, von der du sehr genau weißt, dass es nur eine geben kann.”
Damit stand er auf, verließ den Raum ohne sich noch einmal umzusehen. Die Wachen blieben schweigend, unbeweglich, leblose, gedankenlose Maschinen, schweigende Beobachter.
*
Alan war erschöpft und das nicht nur, weil der Notfall sich schließlich als ein schlechter Scherz entpuppt hatte.
Es war vergebliche Liebesmüh gewesen, den Andeutungen zu folgen, und bis er die Reihe von Missverständnissen aufgeklärt hatte, waren Stunden vergangen. Zu allem Überfluss begann nun sein Wagen verrückt zu spielen, gerade als er sich mitten im Nirgendwo befand.
Und einmal mehr fragte er sich, was es mit diesem seltsamen Hilferuf auf sich hatte, der über mehrere Kontakte, verquere Andeutungen und Hinweise seinen Weg bis zu ihm gemacht hatte.
Nicht, dass es selten war, dass er zu jemandem gerufen wurde, der unerkannt bleiben wollte. Es tauchten immer wieder angeblich verschwundene Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung auf, die sich nicht nur vor dem Griff der Behörden in Acht nehmen mussten, sondern sich auch den Weg zu einem Doktor oder in ein Krankenhaus nicht leisten konnten.
Und einmal mehr verfluchte Alan die Armut der Gegend, die Vielen das Nötigste verwehrte, die weder Telefonanschluss, noch ärztliche Versorgung, wie er sie vor vielen Jahren in den Großstädten kennen gelernt hatte, auch nur in Erwägung zu ziehen erlaubten.
Und als das Auto stockte, hustete und schließlich den Kampf aufgab, schlug er wütend mit der Faust gegen das Steuerrad und fluchte in seiner Muttersprache, wie er bereits seit Jahren nicht mehr geflucht hatte.
Endlich stieg er aus und öffnete Kofferraum und Motorhaube. Zu seiner Erleichterung entdeckte er eine Taschenlampe, die noch funktionierte.
Nach einer kurzen Untersuchung hatte er des Rätsels Lösung gefunden. Der Tank war leer, obwohl er sicher war, ihn erst kürzlich aufgefüllt zu haben. Die Reifen enthielten kaum noch Luft, und zu allem Überfluss fing auch der Kühler an, bedenkliche Wolken an heißem Dampf auszustoßen.
Ein penetranter Geruch nach ausgelaufenem Benzin stieg ihm in die Nase.
Ärgerlich trat er gegen den platten Reifen, doch hielt schließlich inne, um die letzten Minuten bei den Warricks zu rekapitulieren.
Sie hatten sich auffallend verhalten, beinahe als hätte sie jemand eingeschüchtert. Das allein wäre allerdings nichts Neues. Einschüchterungsversuche und Drohungen gehörten zum täglichen Leben.
Auch die schuldbewussten Augen Heranwachsender, die hinter regenfeuchten Schuppen hervor lugten, waren nichts Ungewohntes. Kinder noch, und doch schon beinahe Erwachsene, die ohne reelle Zukunftsaussichten gezwungen waren, jede Chance zu ergreifen, die sich ihnen bot.
Doch welchen Grund konnten sie dafür haben, seinen Wagen zu manipulieren? Warum sollten sie auf solch eine Idee kommen? Jeder hier kannte ihn, schätzte ihn, wusste, wie wichtig es sein konnte, dass er in der Lage war, sich auf dem Gelände frei zu bewegen.
Alan vermochte sich nichts vorzustellen, das auch nur im Entferntesten einen Sinn ergäbe. Seufzend sah er sich um, schätzte die Entfernungen ab, zerrte schließlich einen Kanister aus dem Chaos aus Decken, Werkzeugen und Instrumenten, das den Kofferraum füllte, bevor er sich auf den langen Weg zum nächsten Haus machte.
*
“Danke, Jonas! Ich schulde dir was!”
Der stämmige, bronzehäutige Mann mit den ausgeprägten Armmuskeln, die unter den hochgerollten Ärmeln des grauen T-Shirts unübersehbar arbeiteten, als er den Abschlepp-Wagen wendete, trommelte mit der flachen Hand noch einmal gegen das Außenblech, bevor er sie lässig zum Abschiedsgruß erhob. „Ich bring dir die Schüssel morgen vorbei, ist keine Sache!”
Alan nickte und blickte dem schmutzverkrusteten Gefährt hinterher, bevor er sich zum Haus umdrehte. Seine Gedanken waren abgelenkt genug, und erst jetzt, beim Näherkommen, bemerkte er die Spuren des gewaltsamen Eindringens.
“Was zum...”Automatisch griff er hinter sich, löste den Verschluss der ledernen Messerscheide und zog die einzige Waffe, die er bei sich trug mit einem entschlossenen Ruck heraus.
Lautlos trat er näher, wachsam, gespannt bis zum Äußersten.
Kein Geräusch verriet eine Anwesenheit, kein Luftzug deutete auf ein Lebewesen. Nur das Stampfen und Schnauben der Pferde im Stall, die offenbar spürten, dass sich nun doch noch jemand um sie kümmern würde, durchdrang die Stille, bewies Alan, dass etwas Unerwartetes geschehen war.
Vorsichtig stieß er gegen die angelehnte Eingangstür, deren Überreste mit einem hässlichen Knarzen aufschwangen. Wieder lauschte der Schamane, verharrte bewegungslos, bis er sich seiner Sache sicher war. Flink huschte er dann ins Haus, nicht ohne sofort Deckung zu suchen.
Was er zuvor geahnt hatte, bestätigte sich, keine Reaktion deutete auf einen oder mehrere Eindringlinge. Nachdem er von seiner geschützten Position zwischen Tür und Schrank die Lage eingeschätzt hatte, begann er seine Umgebung genauer nach Spuren des Geschehenen abzusuchen.
Hinweise auf einen Kampf, Blutstropfen auf dem Boden, Abschürfungen am Fuße der Treppe.
Alans Innerstes erstarrte zu Eis, als die dunkle Ahnung zur Gewissheit wurde.
Er biss die Zähne zusammen und drängte die Vorstellungen, die ihn zu überwältigen drohten, zurück.
David,... nein Tim..., wie er aus dem Haus gezerrt wurde, wie Männer mit dunklen Uniformen und Schlagstöcken über ihn herfielen, ihn erbarmungslos zusammenschlugen, bis nur noch der blutige Rest eines Menschen im Staub zu erkennen war. Tim, dessen Leib von Kugeln zerfetzt, der von einer wütenden Meute zerrissen wurde.
Bilder, die ihn stets begleiteten, die ihn nie allein ließen, beinahe, als würde er sich wünschen, sein Freund hätte ein Ende wie dieses gefunden. Und doch kroch gleichzeitig bei diesem Gedanken die Übelkeit in ihm empor, kalt und glitschig, verursachte ein Würgen in seiner Kehle, Krämpfe in seinen Eingeweiden, den Wunsch seinen eigenen Tod ins Auge sehen zu dürfen.
Er schluckte ihn hinunter, verbannte jede Erinnerung, jedes Bild Tims aus seinem Geist, und schritt den Raum langsam ab, das Messer immer noch bereit, obwohl er sich sicher war, niemanden hier vorzufinden.
Auch nicht David. Irgendetwas war geschehen, und David war der Grund dafür.
Es waren mit Sicherheit mehrere Männer, wahrscheinlich bewaffnet, denn auch wenn David körperliche Schwäche zeigte, Alan war sich sicher, dass er einem gewöhnlichen Angriff gewachsen gewesen wäre.
Sie mussten in der Überzahl gewesen sein, einen klaren Plan vor Augen gehabt haben.
Alan bückte sich, betrachtete die Stelle, an der David bewusstlos geworden war, fühlte, dass der Andere hier und nirgendwo anders seinen Kampf aufgegeben hatte.
Er ergriff das Geländer, schloss die Augen und spürte das Nachschwingen des Überfalls, das Eindringen von roher Gewalt in dieses Heim. Langsam atmete er aus, und begann schließlich mechanisch das Innere des Hauses abzugehen, auch wenn es unnötig sein sollte, jede Form der Gefahr auszuschließen, jedem Hinweis Beachtung zu schenken.
Er schritt über den Hof, kniete neben den Reifenspuren, umrundete die Stallungen, versorgte die Tiere. Und als all dies geschehen war, holte er Werkzeug und reparierte geduldig die Tür. David würde zurückkommen. Dessen war er sich sicher.
• * * *
•
David taumelte vor Erschöpfung.
Er war in einiger Entfernung abgesetzt worden.
Seine Beine fühlten sich schwer wie Blei an, seine Hände zitterten. Dann endlich kam das vertraute Gebäude in sein Blickfeld. Endlich vermochten seine müden Glieder mit neuem Antrieb an Tempo zu gewinnen. Endlich sah er, wovon er nicht geahnt hatte, dass er es vermissen würde.
Die schlanke Gestalt legte eine Hand über die Augen, schirmte den Blick gegen die letzten, Strahlen der untergehenden Sonne ab, bevor sie sich aus ihrer gekauerten Haltung im Türrahmen erhob, gerade stehen blieb, ihn stumm erwartete.
Ein paar Schritte noch, flehte David innerlich, bekämpfte mit letzter Kraft das Bedürfnis niederzusinken, nur für einen kurzen Moment Ruhe zu finden.
Als könnte er es ebenfalls spüren, ließ Alan Hammer und Lineal fallen, und durchquerte den Abstand zwischen ihnen in großen Schritten.
Gerade rechtzeitig, um David vor dem Sturz zu bewahren, fasste er ihn unter den Armen, und half ihm über den Hof, hinein in das Haus.
“Werden Sie wiederkommen?”, fragte er, als David gierig das Wasser, das er ihm reichte, heruntergestürzt hatte.
“Nein.” David schüttelte den Kopf, verzog den linken Mundwinkel spöttisch.
“Die haben ihren Punkt klar gemacht.”
Der Lakota wartete noch einen Augenblick, doch als es offensichtlich wurde, dass David nicht mehr sagen würde, deutete er auf die Wunde an seiner Stirn.
“Ich werde das saubermachen. Bist du noch irgendwo anders verletzt?”
David schüttelte den Kopf, stöhnte jedoch auf, die Bewegung sofort bereuend. “Warum tust du das?”
“Was meinst du?”
Davids klare Augen suchten Alans und er winkte beiläufig mit der Hand. “Das hier. All die Mühe... all die Arbeit... warum?”
Alan schwieg. Schließlich wand er seinen Blick ab, richtete ihn auf die halb reparierte Tür. “So muss es sein. Ich habe keine Wahl.”
David stützte den schwer gewordenen Kopf auf seinen Arm. “Ich verstehe das nicht”, murmelte er. “Du solltest nicht...” Seine Stimme wurde leiser, und als Alan begann seine Stirn zu reinigen und zu verbinden, spürte er bereits nichts mehr davon.
“Ist schon in Ordnung, David”, antwortete er letztendlich. “Es ist unsere Bestimmung.”
*
Schließlich hatte er geredet, hatte seine Geschichte erzählt, und Alan musste zugeben, dass sie Sinn ergab, auf die ihr eigene, merkwürdig traurige Weise.
Trotzdem konnte er sich der Ahnung nicht erwehren, dass mehr dahinter steckte, als David ihm offenbarte, dass er ihn, wenn er seinen Sinnen trauen konnte, sogar nach Strich und Faden belog. Alans Menschenkenntnis täuschte ihn selten, und obwohl David gut darin war, sich zu verstellen, sehr gut sogar, gefährlich gut, fiel es ihm schwer, seinen Worten Glauben zu schenken.
Er konnte den Zweifel an keinem Hinweis festmachen, auf keine klare Schlussfolgerung begründen, an keinen Gedanken binden. Und dennoch schrillten all seine Alarmglocken.
Alan warf eine Handvoll Salbei auf die Räucherkohlen, beobachtete die Formen und Gestalten, die aus dem Rauch emporstiegen, unmissverständliche Botschaften bildeten.
Leise summte er eine eintönige Melodie, wiegte sich im Rhythmus und konzentrierte sich auf Untertöne, auf die Dinge, die er nicht mit seinen Augen erkennen konnte.
Ein Drogendealer, so wie er sie kannte, würde sich kaum diese Mühe machen, würde kaum in einem derart exklusiven Wagen vorfahren, sicher nicht in demjenigen, dessen Spuren er im Hof gesehen hatte, einem Modell, das förmlich nach Regierungswagen schrie.
Auch die Fußspuren, die Anzahl von ausgerüsteten Männern verwirrten ihn, wären mit Sicherheit nicht nötig gewesen, um einen Abhängigen wie David zu überwältigen.
Und doch... Der Blonde leugnete nicht, dass mehr dahinter steckte, er beschränkte sich lediglich darauf, das Nötigste zu erzählen.
Alan war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, und doch sträubte sich etwas in ihm mit aller Kraft dagegen, zu sehr ins Detail zu gehen, den Versuch zu unternehmen, David direkt auszuhorchen.
Ein Teil von ihm wusste, dass es keinen Sinn haben würde, dass dies ein Mann war, der nicht mehr preisgeben würde, als er für unbedingt notwendig erachtete.
Ein Mann, der es gewohnt war, zu lügen, einen falschen Schein aufrecht zu erhalten, koste es, was es wolle.
Und Alan wunderte sich einmal mehr über die unsichtbaren Kräfte, die ihn an diesen Mann banden, die es ihm nicht erlaubten, sich von ihm abzuwenden, so sehr es auch dem widersprach, was Alan an einem Menschen schätzte.
Hätte er ihn verachtet, den Behörden gemeldet, davon gejagt, wenn er nicht die einprägsamen Gesichtszüge Tims teilen würde, die Ähnlichkeit, ihm nicht jedes Mal, wenn er ihn erblickte, wie ein Messer ins Herz fahren würde, ihn stärker als die Stimmen der Geister zwingen würde, David zu helfen, egal welches Risiko diese Hilfe bergen mochte.
Es gab keine Antwort, und würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
*
Von Tag zu Tag ging es David besser, fühlte er sich kräftiger, stärker, eher in der Lage, das zu tun, was ihm aufgetragen worden war.
Doch von Tag zu Tag wuchs auch der Zweifel, der Wunsch zu verschwinden, diesen Teil seines Lebens, um den er nicht gebeten hatte, für immer hinter sich zu lassen.
Und dennoch konnte er nicht anders, als sich Alan gegenüber verpflichtet zu fühlen. Warum der Lakota ihm geholfen hatte, entzog sich immer noch seiner Erkenntnis, und doch konnte er es nicht auf sein Gewissen laden, dass er oder dessen Familie seinetwegen leiden müssten.
Immer wieder erspürte er Gelegenheiten aufzubrechen, suchte sie, ohne es zu wollen. Und immer wieder fand er sich auf dem Weg, das Reservatsgebiet zu verlassen, lenkten seine Schritte ihn fort von der Aufgabe, die als eine düstere, drohende Wolke vor ihm lag.
Und immer wieder hielt ihn etwas zurück, bohrte sich die Schuld tiefer in sein Fleisch, je weiter er fortlief.
Solange, bis er es nicht mehr ertragen konnte und umkehrte, den Weg zurück ging auf Beinen, die Gewichte schwer wie Blei zu tragen schienen.
Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass Alan den Preis für sein Verschwinden würde bezahlen müssen, oder dass er selbst wenig Chancen haben würde, eine Flucht zu verwirklichen.
Die Verbindungen, die er hatte, würde er nicht nutzen, selbst wenn er ihnen trauen, und selbst, wenn es ihn alles kosten würde.
Dieser Teil seines Lebens war unwiederbringlich zu Ende gegangen. Für Flucht und Verstellung gab es keinen Raum mehr.
Er hatte geglaubt, Erleichterung empfinden zu können, dem Druck und der Verlogenheit endlich zu entweichen und war doch weiter entfernt davon denn je.
Wieder fühlte er sich gezwungen, Geheimnisse zu bewahren, die Wahrheit zu seinem Nutzen zu verändern.
Und stillschweigend hatte der Schamane seine Geschichte akzeptiert, ihm die Mühe erspart, Details zu erfinden, die Ausrede für den nächtlichen Besuch mit Lügen auszuschmücken.
Ebenso stillschweigend bestand die Übereinkunft betreffend seines Aufenthalts fort.
Geradezu selbstverständliche hatte Alan ihn versorgt, war darin fortgefahren, ihn mit seinen eigenen Methoden zu behandeln.
Und sie wirkten. David fühlte, wie die Energie in ihn zurückkehrte, seine Sinne schärfte, seine Aufmerksamkeit weckte. Er nahm die Einzelheiten seiner Umgebung deutlicher wahr, analysierte automatisch, zog Schlussfolgerungen.
Seine Erkundungsausflüge und die gelegentliche Farmarbeit verwandelten sich in regelmäßige Trainingsläufe, die es ihm erlaubten, immer größere Gebiete zu erforschen und für sich ein Bild von den Gegebenheiten zu entwerfen.
Die Tage wurden kürzer und David nutzte vorwiegend die Zeit der Dämmerung, um sich ungestört umzusehen.
Die rapide fallenden Temperaturen ermöglichten es ihm, das helle Haar und seine immer noch bleiche Haut unter Kapuzen und langen Ärmeln zu verbergen.
Und doch machte er sich nichts vor. Die Menschen im Reservat erkannten ihn als Außenseiter und ignorierten ihn weitestgehend.
Die Blicke der Männer wandten sich nach kurzer Musterung ab, hinter vorgehaltenen, kleinen Händen kichernde Kinder wurden rasch beiseite gezogen, Frauen sahen geflissentlich an ihm vorbei.
David selbst unternahm keinerlei Anstrengungen, an der Situation etwas zu verändern. Nicht nur, dass es keinen Sinn im Hinblick auf die Zukunft ergäbe, der bloße Gedanke daran, sich auf ein Gespräch oder einen Kontakt einzulassen, ermüdete und erschreckte ihn gleichermaßen.
Und so studierte er die Augenblicke des Lebens, die er im Vorbeigehen erhaschen konnte, malte sich ein Bild von einer Welt, die ihm bislang fremd geblieben war. Und er begann zu Alan von Veränderung zu sprechen, von Arbeitssuche, erneuerte tagtäglich seinen Vorschlag das Haus zu verlassen, ihm nicht weiter zur Last zu fallen, sein Leben zu bereinigen und Schulden abzubezahlen.
Doch dieser schüttelte lediglich seinen Kopf auf jedes seiner Angebote. Es wäre noch nicht an der Zeit für David zu gehen, er schulde ihm nichts, würde ihm keine Umstände machen, im Gegenteil, er könne ihm eine Hilfe sein.
Seine knappen Worte wurden begleitet von dem ernsten, konzentrierten Ausdruck, an den David sich längst gewöhnt hatte, untermalt von dem dunklen Klang der Stimme, deren klare Schwingungen ein Singen beinhalteten, das tröstend und besänftigend gleichermaßen wirkte.
Schwarze Augen ruhten auf Davids Gesicht, wanderten über seine Züge, bis sie seine blauen fanden, diesen erlaubten einzutauchen, zu glauben, zu vertrauen, loszulassen.
David verstand sich selbst nicht mehr. Es begann ihn zu irritieren.
Was für eine Macht konnte es sein, die dieser Mann über ihn ausübte, die ihn davon überzeugte, dass er sich rückhaltlos in des anderen Hände begeben konnte.
Er konnte sich nicht erinnern, jemals Irgendjemandem ein derartig bedingungsloses Vertrauen entgegengebracht zu haben, nicht seit seiner Jugend, nicht bevor er Thorsten Krank begegnet war.
Und danach... er hatte es versucht, hatte zeitweise sogar geglaubt, dass es ihm gelungen sei. Doch das einzige Resultat bestand in Unglück, Enttäuschung und Zerstörung.
Sie umgaben ihn, verfolgten ihn, unabhängig davon, wohin er sich wand. Marco, Chris... Menschen, die ihm alles bedeutet hatten... er hatte sie enttäuscht, hatte sie dem Fluch, der ihm folgte, ausgeliefert.
Und nun würde es Alan ebenso ergehen, einem Mann, der nur helfen wollte, dessen Großzügigkeit und Toleranz alles übertraf, dem David jemals begegnet war. Wie sollte er damit leben? Wie konnte er es verhindern, wenn er es überhaupt konnte? Was würde mit ihnen geschehen?
*
“Hey Mann, dich hab ich hier doch schon einmal gesehen.”
Die bullige Gestalt torkelte unsicher näher. “Antworte gefälligst, wenn man mit dir spricht!”
David reagierte nicht. Seine Augen hafteten an den Schaumperlen seines noch vollen Bierglases, die rechte Hand hielt lose die langsam abbrennende Zigarette, deren Asche unbemerkt auf der schmierigen Theke landete.
“Wohl zu vornehm für uns Hinterwäldler, was?”, lallte die Stimme weiter. “Bis’ du nich’ der schräge Vogel, der immer bei den Rothäuten rumhängt?”
David schwieg immer noch. Bedächtig ergriff er sein Glas und nahm einen tiefen Schluck. Das lauwarme Getränk schmeckte widerlich, und Davids Gedärme zogen sich zusammen, noch bevor die Flüssigkeit seine Speiseröhre hinunter gestürzt war.
Nichtsdestotrotz nahm er eine weitere Kostprobe, wartete, ohne aufzusehen auf weitere verbale Angriffe. Er musste nicht lange warten. Der Fremde mit dem ungepflegten, hellen Bart, den kleinen Schweinsäuglein und der orangefarbenen Knollennase beugte sich zu ihm hinunter.
Seine scharfen Ausdünstungen nahmen David den Atem, doch noch immer blieb er ruhig an seinem Platz.
“Ey Mann... zu fein für diesen Laden, aber das rote Gesocks lässt du in deine Nähe? Wird dir da nich übel, wenn du siehst wie diese Wilden unserm Herrgott die Zeit stehlen?” Vertraulich näherte er sich David, rülpste einmal und nuschelte in sein Ohr. “Unn.. außerdem kannst du dir sonst was einfangen... die sin’ doch alle nich’ ganz sauber...”
David konzentrierte sich auf seine Zigarette, führte sie an die Lippen, nahm einen tiefen Zug, unterdrückte den Hustenreiz, der in ihm aufsteigen wollte.
“He Arschloch... ich red mit dir...” Der Betrunkene packte ihn am Ärmel.
“Sei man froh, dass überhaupt jemand mit dir spricht... bei der Gesellschaft, in der du dich da rumtreibst. Ich hätte nich übel Lust, dir mal grünnlich su seigen wo du hingehörst...” Er rülpste erneut. “Solche Leude wie du ham hier nämlich gar nix verloren... wir halten hier susammen gegen das Gesindel... bild dir ja nich ein...”
“Ist ja gut, Calvin. Du hast deinen Standpunkt klar gemacht.”
“Der Mann sucht Ärger, Boss... ich werd ihm seigen was ‘ne Harke ist.”
“Ich mach das schon, Junge. Setz dich hin und genehmige dir noch einen... auf meine Rechnung...”
Erfreut verschwand Calvin, machte einem hochgewachsenen Mann mit kupferroten Haaren und einem eindrucksvollen Schnauzer Platz. Dieser trat langsam näher, zögerte einen Moment, bevor er sich einen Stuhl heranzog und gegenüber David Platz nahm, der immer noch nicht reagierte.
“Also, was ist das für eine Geschichte mit dir?” Die meergrünen Augen wanderten prüfend über Davids zusammengesunkene Gestalt. “Seit zwei Tagen kommst du hierher, redest mit keinem, versteckst dich im Finstern... was sollen die anständigen Leute hier davon halten?”
Er schwieg, wartete auf Antwort, während seine Finger ungeduldig auf der Tischplatte trommelten.
“Du kannst ihnen nicht verdenken, dass sie sich Gedanken machen. Das ist eine gute Gemeinde hier... man hält zusammen... da kann sich nicht jeder einfach so hinein drängeln.” Zum ersten Mal sprach David.
“Ich drängle nicht.” Er räusperte sich. “Ich will auch keine Probleme machen. Nur meine Ruhe haben.”
“Tja mein Freund...” Der Rothaarige lehnte sich zurück. “In diesem Fall solltest du die besorgten Nachbarn darüber aufklären, was du hier treibst... vor allem was du mit diesem Indianer-Pack zu schaffen hast. Sie fürchten nämlich, du könntest ein zweiter O’Keefe werden.”
“Ein zweiter was?”
“Vergiss es, Mann.” Er schüttelte abfällig den Kopf. “Und vergiss es ebenso, noch einmal hier aufzutauchen.” Er seufzte gespielt.
“Vor allem schmink dir ab, eines Tages einen von denen hierher zu bringen. Die haben hier nichts zu suchen...” Der Mann wandte sein Gesicht zur Seite, warf David einen prüfenden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Die Zeiten sind vorbei, in denen die gemeint haben, sie dürfen sich alles erlauben. Jetzt weht hier ein anderer Wind.”
David nahm einen weiteren Schluck. Es schmeckte noch schaler als zuvor. “Ich plane nicht, Irgendjemanden hierher zu bringen.” Er räusperte sich. „Es gibt Orte, die sind eben nicht für jedermann geeignet.”
Der Rothaarige sah ihn nun direkt an und erwiderte langsam.
“Na dann verstehen wir uns ja in diesem Punkt.” Er machte ein Zeichen in Richtung des Barkeepers, der mit einem widerwilligen Ausdruck in den Augen, die David musterten, eine Flasche ohne Etikett mit einer klaren Flüssigkeit und zwei schmuddelige Gläser vor sie hinstellte.
“Die Frage bleibt nun noch...”
Er pausierte absichtlich, bevor er eines der Gläser füllte und gedankenverloren dessen Inhalt fixierte. “Die Frage ist...” Er drehte sich wieder in Richtung David. “Was zur Hölle hat einer wie du in einem Reservat verloren?”
David erwiderte den Blick ruhig.
“Ich wüsste nicht, das dich das etwas anginge... oder sonst irgend jemanden...”
“Und ob uns das etwas angeht... du bist hier... mitten unter uns... willst du vielleicht etwas beweisen?” Einer der Männer am Nebentisch hatte das Gespräch offensichtlich interessiert verfolgt und mischte sich nun ein.
“So’ne Typen können wir auch nich leiden.”
David verfolgte den Rauch seiner Zigarette, der sich aufwärts kräuselte, in dünnen Fäden die abgestandene Luft durchdrang, zur Decke stieg, wo er sich mit dem Qualm vereinigte, der aus den unterschiedlichsten Quellen des Raumes stammte.
Die Wände waren grau vom Schmutz und Staub, der die Ritzen und Ecken füllte. Abgerissene Bilder aus Zeitschriften bemühten sich, mal mit, mal ohne Rahmen die Aufmerksamkeit der Kneipenbesucher von dem trostlosen Anblick abzulenken. Barbusige Schönheiten, die sich auf Autodächern räkelten wechselten mit verblichenen Westernhelden.
Ein Schwarzweißdruck mit dem grinsenden Konterfei John Waynes fand sich neben einer kleinen Sammlung, die offenbar zu Ehren Ronald Reagans angelegt worden war.
Endlich löste David den Blick von der Betrachtung des traurigen Etablissements, zog ruhig den bereits überquellenden Aschenbecher zu sich heran und drückte mit langsamen Bewegungen seine Zigarette aus.
“Ich suche Arbeit in der Gegend. Das hier ist der einzige Ort, der einigermaßen problemlos erreichbar ist, an dem ich den ganzen Mist mal für einen Augenblick vergessen kann. Und ich schätze...”
Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er die Männer, von denen die Mehrzahl mittlerweile der Unterhaltung folgte, einen nach dem anderen musterte. “Ich schätze, es geht euch auch nicht anders, sonst wärt ihr wohl nicht hier.”
“Geh doch woanders hin”, lallte Calvin von hinten. “Wir brauchen niemanden, der seine Nase überall hineinsteckt... unn Jobs hamma selba nich genug. Die verdammten...”
“Ja, damit wirst du kaum Glück haben... allgemein tote Hose hier. Warum suchst du dir nicht eine Ecke dieses glorreichen Landes, die mehr Erfolg verspricht...”
“Der Scheißkerl gehört doch zu den Indianern.”
Ein junger Mann mit extrem kurz geschnittenen, weißblonden Haaren drängelte sich vor. “Der schleimt sich doch nur hier ein, weil er darauf hofft, ein Scheibchen abzubekommen, wenn die Wilden wieder nach Entschädigung rufen. Einen wie den kann ich gar nicht ab.”
“Beruhig dich, Phil. Die versuchen schon lang nicht mehr, einen roten Heller zu ergattern, die haben ihre Lektion gelernt.”
“Der anscheinend aber nicht!”
Phil stieß einen Laut aus, der am ehesten dem wütenden Jaulen eines Kojoten glich, und stürzte sich auf David, umklammerte seinen Hals mit beiden Händen und riss ihn gewaltsam vom Stuhl.
David schnappte nach Luft, versuchte mit den Armen den Fall aufzuhalten, doch vergeblich.
Der Andere lag auf ihm, würgte und schlug gleichzeitig seinen Kopf gegen den Boden. Um ihn herum johlten die Männer begeistert.
“Dir zeig ich’s, verdammter Indianerfreund...”, keuchte Phil. Doch mit einem Mal verwandelte sich sein Keuchen in ein erschrockenes Japsen, als sein vermeintliches Opfer zu unerwartetem Leben erwachte, mit einem plötzlichen Ruck seine Beine befreite, ein Knie anzog und zielsicher eine delikate Stelle treffen ließ.
Phils Japsen wurde zu einem Quieken, als es David gelang, mit einer Drehung des anderen Glieder eisern festzuhalten, ein zweites Mal zuzustoßen und die Oberhand über den sich in Schmerzen windenden Körper zu gewinnen.
Ein Fauststoß gegen das Kinn seines Gegners, erlaubten es David, wieder zu atmen, nachdem die Hände sich wie von selbst gelöst hatten, kraftlos neben dem Besiegten niedergesunken waren, der nur ein leises Röcheln von sich gab.
David stieß ihn fort von sich, setzte sich auf, hustete trocken. “Ich bin kein Indianerfreund”, krächzte er heiser in die still gewordene Menge. “Ich hab keinen anderen Ort, an dem ich wohnen könnte, verdammt noch mal. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich es dort aushalten könnte, wenn ich die Wahl hätte.”
Mühsam zog er sich an einem Tischbein hoch, kam schließlich auf die Füße, ergriff sein Bier. “Aber was soll's... das Ganze ist beschissen genug... euch Idioten brauch ich bestimmt nicht, um mein Leben weiter in den Sand zu setzten.”
Er knallte das Glas zurück auf den Tisch ohne auch nur davon genippt zu haben, stützte sich schwer auf, stieß sich schließlich entschlossen von der Kante ab, und steuerte Richtung Ausgang.
Mit einem Knall schloss sich die Tür hinter ihm, und David holte erst einmal tief Luft, bevor er weiter ging. Ein unangenehmes Stechen machte sich in seinem Magen bemerkbar, als er Alans parkenden Wagen in der Ferne ausmachte.
Was der Lakota wohl sagen würde, wenn er eine Ahnung hätte, wozu er ihn wirklich benutzte? Und warum stellte er sich immer wieder diese Frage? Es war besser, Alan hätte keine Ahnung von seinen Plänen. Es würde ihm nichts bringen zu wissen wofür er ein Auto benötigte, wohin er unterwegs war unter dem Vorwand einen Job zu suchen, eine Zukunft, eine Alternative.
“Hey... warte Mann!” Die Tür klappte erneut. Gedämpftes Stimmengewirr drang für einen Moment aus dem Inneren der Bar.
David drehte sich um. Es war der auffallend große Rothaarige, der ihm mit langen Schritten hinterher eilte.
“Nichts für ungut, mein Freund... aber du verstehst doch, dass man sich ein Bild machen muss.” Er grinste breit und streckte ihm die dünnknochige Hand entgegen.
“Jeremy King ist der Name. Und ich glaube, wir könnten noch etwas miteinander zu besprechen haben. Möglicherweise wird sich diese Gegend hier doch noch als der geeignete Ort für einen Mann mit deinen Fähigkeiten herausstellen.”
• * * *
“Onkel Alan... Du hättest mitkommen sollen. Es war himmlisch!”
Das zierliche Mädchen mit den dicken, schwarzen Zöpfen, in die bunte Lederbänder eingeflochten waren, flog Alan in die Arme.
“Ich freue mich auch, dich zu sehen. “
Ein seltenes Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich von den ihn umstrickenden Ärmchen liebevoll befreite, und dem etwas größeren, mürrisch dreinsehenden Jungen zuzwinkerte.
“Und du Hawk? Welche Abenteuer hatte die große Stadt für dich parat?”
“Pffft”, schnaubte der Kleine. “Zu laut, furchtbarer Gestank, viel zu viele unfreundliche Bleichgesichter.”
“Verstehe”, nickte Alan, streckte einen Arm aus und rückte, trotz des Widerstrebens des Jungen das verkehrt herum aufgesetzte Baseball Käppi gerade.
“Die Stadt ist nicht dein Ding.”
“Nee.”
Hawk schüttelte entschieden seinen Kopf, dass die schulterlangen, blauschwarzen Haare nur so flogen.
“Die machen alles kaputt... der Himmel ist ganz grau und staubig, und in der Nacht kann man noch nicht einmal die Sterne sehen”, beschwerte er sich lautstark.
“Ja..., für Hawk war unser Ausflug nicht ganz das Wahre... er konnte nicht aufhören zu lamentieren... in seiner Abneigung gegenüber den Errungenschaften der modernen Zivilisation ist er ganz der Onkel.”
Der sehnige, hochgewachsene Mann mit den zahlreichen Lachfältchen um die Augen, grinste Alan breit an, bevor er eine sichtlich schwere Kiste anhob und aus dem weit geöffneten Kofferraum wuchtete, der dennoch aussah, als würde er jeden Moment überquellen.
“Was sollen die Haare?” Alan betrachtete kopfschüttelnd die frisch geschnittene Frisur.
“Ach das.” Der andere blickte betreten zu Boden und fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen, glänzenden Strähnen. “Das war ihre Idee.”
Er wies mit dem Kinn auf seine Frau, die sich eben mit einem Rucksack und zwei Taschen belud.
“Pass bloß auf, du...”, drohte sie spielerisch und fügte beinahe entschuldigend in Richtung Alans zu:
“Manchmal ist es einfach cleverer, ein wenig mit dem Strom zu schwimmen, so wussten wir wenigstens, dass es nicht daran gelegen haben konnte.
”Ihr Blick verdunkelte sich.
“Immer noch kein Erfolg?” Alan war auf das Auto zugetreten und half seinem Cousin, das Gefährt auszuräumen.
“Was habt ihr nur alles mitgebracht?”, wunderte er sich kopfschüttelnd.
“Natürlich nicht”, fuhr die hübsche Frau schnippisch fort, bevor sie sich anschickte, ihre Kinder voran in Richtung Haus zu treiben, welche allerdings nicht bereit waren, sich weiterzubewegen, ohne vorher offensichtlich jeden Stein und jeden Grashalm, wie einen lange entbehrten Freund begrüßt zu haben, was das Fortkommen einigermaßen erschwerte.
“Es ist nicht mehr Mode, sich um die Zustände in einem abgelegenen Reservat den Kopf zu zerbrechen. Momentan sind wir nicht mehr als eine unangenehme Erinnerung, ein ungelöstes Problem, das in den Hintergrund verschoben wird, in der Hoffnung, dass es sich irgendwann von selbst erledigt haben wird.”
Thomas rieb seine Nase und wechselte das Thema, sichtlich entnervt. “Das ist alles von Milena. Sie räumt ihr Haus aus... hat uns das ganze Gerümpel aufgedrängt. Es ist ihr zu groß geworden, seitdem sie alleine lebt... und dann die Erinnerungen...” Er bremste sich, biss sich auf die Lippen.
“Milena ist cool!” Hawk, der sich unter dem Arm seiner Mutter hindurchgezwängt, und damit ihren letzten Versuch, ihn in das Gebäude zu scheuchen, zunichte gemacht hatte, fiel eifrig in das Gespräch ein.
“Sie hat uns die tollsten Geschichten erzählt, Onkel Alan. Auch von dir und von Tim, und wie ihr demonstriert habt... und für unsere Rechte gekämpft... Warum erzählst du uns nie davon?”
“Das ist lange her”, versuchte Thomas die Begeisterung seines Sohnes zu dämpfen. „Du weißt, dass Alan nicht gerne darüber spricht.”
“Ist schon gut.”
Alan winkte ab. “Es ist gut, dass sie davon erzählt hat. Das gehört zu unserer Geschichte, und ich bin stolz und froh, dass Hawk sich dafür interessiert. Er wird sie später an seine Kinder weitergeben können...”
Er verstummte, bemühte sich, die Schatten, die ihn bedrängten, zu verjagen.
“Das mach’ ich”, rief Hawk bestimmt.
“Und jetzt seh ich nach Cheyenne. Sie hat sich bestimmt gefragt, warum ich nicht mehr zu ihr komme.”
“Das hat sie”, nickte Alan und sah ihm noch einen Moment hinterher, als er mit ungelenken Sprüngen auf die Wiese zu tollte, sich auf halbem Weg besann, innehielt, und den Rest der Strecke gemessenen Schrittes und hocherhobenen Hauptes zurücklegte.
“Wo sind die anderen?”, fragte Alan, als sie schließlich mit ihrer Last vorwärts marschierten.
Thomas seufzte und blieb stehen, wodurch Alan ebenfalls gezwungen war stehen zu bleiben.
“Warte einen Moment.” Er sah sich um, vergewisserte sich, dass sie außer Hörweite waren. “Sie haben beschlossen, noch ein paar Tage dort zu bleiben, hauptsächlich um Milena zu helfen.”
“Und...”, fragte Alan.
“Und sie überlegen, das Haus zu übernehmen, dort zu bleiben.”
Thomas suchte fragend Alans Blick. Seine Stimme klang belegt, als er fortfuhr.
“Ich weiß selbst nicht, was ich davon halten soll, aber du kennst Sal. Er ist ständig auf der Suche nach etwas Neuem, einer Herausforderung. Und hier...”, er sah sich ernst um.
“Hier kann er das nicht finden, genauso wenig wie seine Kinder. Wir haben einen toten Punkt erreicht...” Alan schüttelte den Kopf. Er sprach leise, Thomas konnte kaum seine Worte verstehen.
“Ich weiß, dass er es immer versucht hat, aber es wird ihm nicht gelingen, das Band zu lösen. Irgendwann kommt er zurück.”
“So wie du zurückgekommen bist.” Thomas nahm den Weg langsam wieder auf. “Wenn deine Mutter noch am Leben wäre... sie hätte es vielleicht verstanden, ihn zu halten.”
Alan fiel in seinen Schritt ein. “Wir alle müssen unsere Erfahrungen machen. Vielleicht ist es eine Chance... vielleicht wird es für ihn anders...”
Thomas schnaubte ungläubig, hielt aber eine weitere Bemerkung zu diesem Thema zurück.
“Das Haus ist eine Ruine, er wird vollauf beschäftigt sein, es wieder herzurichten...”
“Und Milena?”
“Der Junge wird sie zu sich nehmen.”
Die folgenden Worte Alans klangen gepresst. “Das ist gut. Ich habe ohnehin nie verstanden, wie sie es so lange...”
“Wie sie es so lange dort aushalten konnte?” Thomas vervollständigte die Frage und zuckte mit den Schultern.
“Sie ist eine starke Frau. Und...”, er zögerte.
“Ich weiß, du willst das nicht hören, aber... aber sie sprach immer wieder von einer Verbindung zu...”
Alan schluckte schwer.
“Zu meinem Vater. Ja, sie hat es mir gesagt. Ich ... ich konnte trotzdem nicht wieder dorthin... nicht nachdem...”
Das Ende des Satzes ließ er ungesagt, sicher in dem Wissen, dass der Andere ihn auch so verstehen würde.
“Onkel Alan, Onkel Alan...”Das kleine Mädchen von zuvor kam ihnen entgegen gestürmt, blieb heftig atmend vor ihnen stehen, absichtlich den Weg blockierend. Fordernd stemmte sie ihre Hände in die Seiten.
“Wer wohnt bei uns?”
“Ach nein!” Thomas verdrehte die Augen. “Sag nicht, du hast schon wieder einen deiner Gäste hier.”
Alan zuckte mit den Schultern.
“Wer ist es denn diesmal?”
“Es... es ist anders.”
“Nun ja.” Thomas stöhnte, wischte sich den Schweiß von der Stirn, und hob das vorher abgesetzte Gewicht wieder auf.
“Wenigstens haben wir genug Platz.”
“Das ist kein Problem, er schläft in Tims Zimmer.”
Überrascht starrte Thomas ihn an. “Ich dachte...”
Er verfiel in plötzliches Schweigen, bevor er ruhig weitersprach, Alan von der Seite argwöhnisch betrachtend. Dieser sah gerade nach vorne, seine eigene Last konzentriert Stück für Stück vorwärts schaffend.
“Nun... ich denke, das ist wohl gut... oder?”
Alan reagierte kaum, senkte ein wenig den Kopf.
“Ich weiß es nicht, Tom. Ich weiß es wirklich nicht.”
*
Der Morgen war klar und frisch, kalt, aber noch nicht unangenehm.
Der Duft der Kiefern, die dem Gelände ihren Namen gaben, erfüllte die Luft beinahe betäubend, als wollten diese Bäume es noch ein letztes Mal ausnutzen, ihn zu verströmen, bevor die Kälte des nahenden Winters mit seinen drohenden Bergen von Schnee und Eis es unmöglich machte.
Alan arbeitete im Stall. Mit kräftigen, weitausholenden Bewegungen lud er das schmutzige Stroh auf einen Karren, bevor er die Boxen wieder mit frischem Strohauslegte.
Er schwitzte. Ein ungewohntes Gefühl, und doch nur einer der Gründe, warum er sich unwohl fühlte.
Als könnte er diesen Fehler durch körperliche Anstrengung korrigieren, begann er immer härter zu arbeiten, mit beinahe wütenden Stößen das Stroh zu verteilen.
Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Hastig drehte er sich um, und wusste in dem folgenden Augenblick nicht, ob er sich ärgern, oder erleichtert aufstöhnen sollte.
David stand im Eingang des Gebäudes, das von außen eindringende Licht umspielte seine Gestalt, ließ seine Haare funkeln.
Alan schlug die Augen nieder, zu sehr blendete die plötzliche Helligkeit.
“Es tut mir leid.” David klang sanft und müde, dennoch nicht schuldbewusst.
“Hoffentlich hast du dein Auto nicht gebraucht. Ich... ich hab nicht gewusst, dass es so lange dauern würde... und... du hast kein Telefon.”
“Ich habe es nicht gebraucht.” Alan sah auf, unsicher was er sagen, was er denken sollte.
“Ich habe nur... ich dachte...”
“Es tut mir leid”, wiederholte David.
“Es lag nicht in meiner Absicht, es so aussehen zu lassen, als würde ich damit verschwinden wollen. Ich hab mich wirklich nur umgesehen nach... nach...”
Schweigen setzte zwischen ihnen ein, vertrautes Schweigen. David suchte den dunklen Blick, der in dem schummrigen Dämmerlicht kaum auszumachen war, und tauchte in ihn ein, versuchte, sich zu vergewissern, dass Alan nichts zurückhielt.
Alan wiederum fühlte sich verwirrt, war sich im Unklaren über das Ausmaß seiner eigenen Reaktion.
Der Ärger schien verschwunden, wie weggeblasen, nur noch ein irritierendes Kribbeln bewies ihm, dass er mit der Lage nicht im Reinen war.
Aber die Erleichterung, ihn wiederzusehen, die Last, deren Gewicht er niemals hätte benennen können, war ihm von den Schultern genommen.
In nur einem einzigen, winzigen Moment erfüllte ihn eine Schwerelosigkeit, von der er nicht geträumt hatte, sie noch einmal fühlen zu dürfen.
“Es ist gut, dass du wieder da bist”, sagte er schließlich, seinerseits in den blauen Augen nach Bestätigung forschend, von denen er wusste, dass sie ihn fixierten, aber die zu seinem Leidwesen im Gegenlicht nicht zu erkennen waren, und legte mit wieder erlangter Ruhe die Heugabel sorgsam beiseite.
“Ich... ich habe den Wagen abgestellt... neben dem...” David stotterte, verlegen nach Worten suchend. “Wenn jetzt deine Familie aufgetaucht ist, sollte ich lieber verschwinden... ich meine... ich möchte nicht...”
“Willst du denn gehen?” Alan sah ihn lange an, nahm den Anblick der schmalen Gestalt, die mit Mühe ihre Nervosität zu unterdrücken schien, in sich auf.
“Ich... ich kann nicht”, flüsterte sie endlich. “Wenn es möglich sein sollte...”
Alan löste sich aus den Schatten, ging auf den anderen Mann zu.
Das Licht erhellte die verloren wirkenden Gesichtszüge, während er näher kam.
“Komm mit”, sagte er, als er mit ihm auf gleicher Höhe war und fasste ihn sanft am Arm.
“Ich möchte, dass du jemanden kennen lernst.”
Gemeinsam betraten sie die ungewohnt belebte Küche, in der Toms Frau bereits geschäftig dabei war, in einem großen, dampfenden Topf zu rühren.
“Sandra... das ist David. Er wohnt für eine Weile bei uns.”
“Ok.” Ohne sich umzusehen, langte die zierliche Frau in die Höhe, griff in das Regal über ihr und streute einen Augenblick später eine Handvoll Gewürze in die kochende Masse.
Schließlich schob sie das schwere Gefäß vom Feuer, wischte ihre Hände an der Schürze ab, und drehte sich um.
Ihre mandelförmig geschwungenen Augen wurden groß, als sie David erblickte.
Rasch sah sie hinüber zu Alan, dann wieder zurück zu dem kleineren Mann. Ohne es zu bemerken, hob sie eine ihrer Hände an die unwillkürlich zitternden Lippen.
“Ist das... das kann doch nicht sein. Alan...?” Hilfesuchend wandte sie sich an den Größeren.
Lautes Geschrei riss sie aus ihrer Erstarrung. Das Getrappel kleiner Füße näherte sich der Küche.
“Auuuu... Hawk hat...”
“Gar nicht wahr... ich...”
Plötzliche Stille.
“Onkel Alan?” Fragende Blicke.
“Hawk und Carmen! Das ist David. Er wohnt für den Augenblick in Tims Zimmer.” Alan bezweifelte, dass er verstanden wurde, so tonlos und rau erschien ihm die eigene Stimme.
“In... aber da darf niemand hinein...”, bemerkte Carmen altklug. “Ich meine...” Hilfesuchend sah sie sich um.
Hawk trat mutig einen Schritt vor, blickte David streng in das blasse Gesicht. “Du siehst aus wie er.” Er runzelte die Stirn. “Die Haare sind anders... und du bist zu dünn...”
“Ich... ich weiß nicht...”
David blickte von dem Jungen, über Sandras immer noch entgeisterten Gesichtsausdruck zu Alan, dessen Haut mit einem Mal eine ungesunde, graue Farbe angenommen hatte.
Und als er dem Mann in die Augen sah, erstarb sein Blick mit dem des Anderen, konnte er den Schmerz spüren, der sich tief in der ruhigen Gestalt vergraben hatte.
Und dann begann er zu verstehen, fühlte einen Verlust, der schwerer wog, als diejenigen, die er durchlitten hatte, aus einem Grund, den er sich noch nicht zu erklären vermochte, doch der in seine Seele eindrang und seine Spur hinterließ, die Dunkelheit darin mit einem scharfen Riss spaltete und eine offen klaffende Wunde zurückließ.
Die Antwort wurde ihm abgenommen durch den Eintritt einer hochgewachsenen Gestalt, die von draußen das Gebäude betrat, sich geräuschvoll die Schuhe abklopfte, bevor sie in die Küche trat, der immer noch erstaunten Frau einen Arm um die Schulter legte und sie liebevoll an sich zog.
Erst dann machte Thomas sich die Mühe, die Situation einzuschätzen.
Die Kinder blickten ihn stumm an, Carmen kaute an ihrem Finger, und Hawk schien immer noch gebannt von Davids Anblick.
Tom ließ sich nichts anmerken, als er sich zu dem fremden Gast umdrehte und ihn konzentriert musterte.
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf Alan, dessen zusammengepresster Mund nun eine gerade Linie bildete.
Dieser erwiderte seinen Blick, räusperte sich.
“David bleibt in diesem Zimmer, solange es nötig ist. Er wurde schon vor langer Zeit zu mir geführt. Ich werde ihm helfen herauszufinden, wohin seine Suche führen wird.”
*
“Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?”
Thomas begutachtete den blonden Mann kritisch, der gerade dabei war, sich von Hawk in die Geheimnisse des Vogelfluges einweihen zu lassen.
Der Junge verfolgte mit ausgestreckten Armen die Flugbahn eines Raubvogels und durch das Fenster wirkte es, als würde er David und seine Schwester, die noch verschüchtert wenige Schritte hinter ihnen stand, mit einem unermüdlichen Schwall von Wörtern und Belehrungen überschütten.
“Du weißt nichts über ihn, ... und ich bin nicht sicher, ob ich ihn in der Gegenwart meiner Kinder sehen möchte.”
Sein Blick richtete sich auf Alan, der mit einem scharfen Messer rot goldene Blüten klein hackte und flink unter eine erhitzte Masse rührte, bevor er sie in kleine, erdige Gefäße füllte und fest verschloss.
Er nahm keine Notiz von den Worten seines Cousins, der einen Moment nachdenklich schwieg.
“Ich kann dich ja verstehen... irgendwie zumindest... aber trotzdem...”
Tom rieb sich die Stirn. “Es ist mir unangenehm. Der Mann ist mir nicht geheuer... ganz abgesehen von...”
Er verfiel wieder in Schweigsamkeit.
“Drogen sind das Mindeste, das ich vermuten würde...
es steht in seinen Augen geschrieben. Ich möchte einfach nicht, dass... gerade Hawk...”
Tom seufzte frustriert, als Alan weiterhin stumm blieb, statt dessen mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen Messer verschiedener Größe geschickt in grobe Tücher wickelte und diese zusammenschnürte.
“Er ist nicht Tim, Alan... ganz gleich, wie es dir vorkommen mag. Er ist es nicht.”
“Ich weiß das.” Alans Stimme klang gequält. “Natürlich weiß ich das.”
“Viele Menschen sehen sich bemerkenswert ähnlich, ohne auch nur das Geringste miteinander zu tun zu haben.”
“Hör zu, Tom!” Die leise gesprochenen Worte vibrierten.
“Ich muss gehen. In den letzten Tagen wurde ich viel gerufen. Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas geschieht hier und die Menschen brauchen einen Schamanen.”
Er drehte sich um, blickte zu Boden.
“Manchmal wünschte ich, er hätte mich mehr lehren können. Zu oft bin ich hilflos, weiß nicht, in welche Richtung die Zeichen mich führen. Die Visionen... sie sind undeutlich... ich kann sie nicht lesen...”
Tom nickte.
“Dein Vater ist zu früh gegangen. Und dennoch steht es uns nicht zu, den Willen des großen Geistes anzuzweifeln. Wir können ihn nur um Kraft und Stärke bitten, und um die Erkenntnis, in seinem Sinne zu handeln.”
Er fixierte Alan, hoffte, dass dieser aufsehen würde.
“Du hast die Gabe, und du weißt mit ihr umzugehen. Das hast du in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Vertraue darauf, dass, wenn du etwas nicht sehen kannst, dass er dann auch nicht will, dass du es siehst.”
Alan sah müde auf.
“So wie damals.”
Er senkte die dunklen Augen wieder, richtete seinen Blick ins Leere.
“Ich wünschte, ich könnte es glauben... ich wünschte, ich würde es mir nicht immer wieder vorwerfen...”
Eine seiner Hände löste sich von der Tischkante, strich das wie ein Vorhang vor das Gesicht gefallene Haar zurück, bevor er wieder aufsah, Thomas direkt fixierte.
“Was David angeht... meine Entscheidung steht fest. Ich weiß nicht, was die Geister mit ihm vorhaben, warum sie mir diese Bilder schicken, seit Jahren schon schicken. Aber ich weiß, dass sie uns zusammengeführt haben, um einem bestimmten Zweck zu dienen. Was auch immer es sein wird, keiner von uns wird es verhindern können.”
Sein Blick funkelte. “Und um die Kinder brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ihnen wird nichts geschehen.”
“Alan...” Thomas richtete sich auf, doch der Andere hob abwehrend seine Hand. “Nein Tom. Davids Seele liegt offen vor mir. Es liegt keine böse Absicht darin... niemals.”
“Ich verstehe ja, dass die Ähnlichkeit...”
Alan schüttelte heftig seinen Kopf.
“Es hat nichts damit zu tun. Ich weiß es einfach. Er...”
Der Schamane stockte. “Er ist anders als...”
Er stockte wieder, fuhr leiser fort.
“Ihm fehlt der Frieden. Er kämpft einen aussichtslosen Kampf... schon viel zu lange. David ist ein Krieger, ein gefährlicher Kämpfer. Doch der Krieg, den er führt... er führt ihn gegen sich selbst.”
Er drehte sich wieder um und begann die Utensilien, die er an diesem Tage benötigen würde, zu ordnen.
“Ich weiß, dass ich dir die Sorge nicht nehmen kann, vielleicht auch nicht sollte. Aber ich schwöre dir, dass er hier bleiben wird. Etwas anderes werde ich nicht dulden.”
*
Der Mittag brachte unvermutet noch einmal Wärme, der Himmel strahlte in einem majestätischen Blau, das David stärker beeindruckte, als er zuzugeben bereit war.
Die Kinder, in Ermangelung ihrer Spielkameraden, oder aus purer Neugierde heraus, ließen ihn nicht los, zu interessant war die unerwartete Gesellschaft.
Alan und ebenso sein Cousin hatten die Farm verlassen, doch David bemerkte die prüfenden, misstrauischen Blicke, die Sandra regelmäßig in seine Richtung warf.
Er wünschte nichts mehr, als sich ausruhen zu können, in das für ihn bestimmte Zimmer zu schlüpfen, und an nichts denken zu müssen, solange bis... ja, solange, bis er wieder zurück müsste, zurück an die verhasste Aufgabe, der er nicht entkommen konnte.
Doch Hawk und ebenso die langsam auftauende Carmen bombardierten ihn mit Fragen und Erläuterungen.
“Onkel Alan legt Symbole auf die Erde.”
Carmen deutete wichtig auf einen ordentlich aufeinander gestapelten Haufen glatt geriebener kleiner Felsbrocken.
“Kreise und Räder”, erklärte Hawk.
“Denn alles im Universum verläuft im Rund.”
Er warf sich in die Brust. “Wenn ich groß bin, wird er mir alles beibringen. Dann werde ich sein Nachfolger.”
“Aha.” David zeigte sich beeindruckt.
“Ja.” Hawk zeichnete unbehaglich mit seinem Fuß eine Spur im Sand.
“Ich hab es ihm noch nicht gesagt, aber...”
Er sah auf. “
Onkel Alan hat keine Kinder, und wir brauchen einen Schamanen. Wenn man keinen hat, wird es schwer.” Er nickte altklug zu seinen eigenen Worten.
“Euer Onkel Alan...” David räusperte sich. “Ich meine, habt ihr oft Besuch... so wie mich?”
“Klar”, nickte Hawk.
“Das gehört dazu. Manchmal, wenn jemand krank... oder ein böser Geist in ihm gefangen ist.”
Er blickte David nachdenklich an. “Aber niemals Wasichus. Und niemals darf einer dort schlafen, wo du schläfst.”
David spielte gedankenverloren mit einem Grashalm.
“In dem Zimmer hängt eine Gitarre. Wisst ihr, wem sie gehört?”
Carmen schüttelte den Kopf und sah ihn mit großen Augen an.
“Ich weiß es,” antwortete Hawk nach einem Moment des Zögerns. “Ich hatte es vergessen, aber Milena hat uns Bilder gezeigt, da ist es mir wieder eingefallen.”
“Was denn”, fragte das Mädchen ihren Bruder.
“Du warst noch gar nicht auf der Welt”, wehrte der Junge ab und wandte sich wieder an David.
“Die war von Tim. Er hat mir Lieder vorgespielt, als ich klein war!“
Er überlegte. “Sie waren ganz anders... ganz anders, als die von den Anderen. Ich hab danach nie wieder solche gehört.”
“Danach?”
“Nachdem er gestorben ist. Ich kann mich auch nicht an Vieles erinnern. Nur die Gitarre, und sein gelbes Haar.”
Hawks kleine Nase kräuselte sich. “Er hat immer gelacht und ich glaube, er hatte viele Kinder dabei, bestimmt Hundert.”
“Bestimmt”, bestätigte Carmen.
“Du hast doch keine Ahnung”, wies ihr Bruder sie zurecht und wandte seine Aufmerksamkeit wieder David zu.
“Aber selbst hatte er keine. Das hat Milena gesagt. Weil Onkel Alan und er keine bekommen konnten.”
Nun legte er seine Stirn in Falten. “Und dann war er fort, und mein Onkel blieb ganz alleine. Milena hat gesagt, es hätte ihm das Herz gebrochen.”
“Aber wir sollen nicht davon reden”, fiel Carmen ein. “Sie wollte nicht, dass wir ihn daran erinnern.”
“Ja”, bestätigte Hawk. “Du darfst also auch nichts sagen, David. Schon gar nicht, weil du sein Gesicht trägst.”
“Versprochen”, nickte der Mann. “Aber das mit dem Gesicht ist nur ein Zufall. So ähnlich kann ich ihm gar nicht sehen.”
“Nee, du bist viel zu alt. Und bestimmt nicht so nett.”
“Vermutlich nicht”, grinste David zum ersten Mal seit langem. “Seht euch also lieber vor.”
“Wir passen schon auf.” Hawk sah ihn ernsthaft an.
“Aber du musst auch aufpassen. Da ist viel Dunkles um dich herum.”
David positionierte den runden Stein, den er gerade noch in seinen Händen gedreht hatte, neben sich, und legte nachdenklich den Kopf schief.
“Das siehst du?”
“Das kann jeder sehen”, antwortete Hawk überzeugt.
“Du gehst im Finstern und die Last, die du mit dir trägst, ist zu schwer für dich alleine. Du wirst sie irgendwann teilen müssen.”
Er winkte ihm noch einmal zu, und sprang dann seiner Schwester hinterher, die genug von dem Gespräch hatte, und bereits auf dem Weg zur Wiese war, schiefe Pfiffe ausstoßend, die offensichtlich dazu gedacht war, die Pferde anzulocken.
David sah ihnen nach, die Wunde in seinem Herzen immer noch schmerzend, die Trauer, die er gefühlt hatte, tiefer und gleichzeitig erschreckend deutlich in ihrer Klarheit.
*
Als Alan zurückkehrte, schlief David tief und fest.
Druck und Anspannung hatten ihren Tribut gefordert. Alan schloss die Tür lautlos, nachdem er sich von dem traumlosen Zustand der Erschöpfung, in der sich der Blonde befand, überzeugt hatte.
Für einen Moment lehnte er sich gegen den Türrahmen, spürte die eigene Müdigkeit wie einen schweren Mantel, der ihn zu Boden drückte.
Das Leben im Reservat war niemals leicht gewesen, nicht nur die erbärmlichen Zustände, auch die Feindseligkeit der Weißen, die weit davon entfernt waren, ihre Existenz als gleichberechtigt zu akzeptieren, erschwerte den ständigen Kampf ums Dasein.
Die Krankheiten, die er als einen unvermeidlichen Teil des Lebens und Zeichen des Verfalls der äußeren Hülle, behandeln musste, traten zunehmend in den Hintergrund, verglichen mit den Resultaten der gewalttätigen Übergriffe verschiedenster Art, die er mühselig versuchte zu beheben.
Ob angeblich versehentlich verursachte Autounfälle, Überfälle aus dem Hinterhalt, oder mutwillige Zerstörungen - all das führte zu Verletzungen, Knochenbrüchen und Schlimmerem.
Vor allem anderen aber verstärkte es die Ängste, die ohnehin zu ständigen Begleitern der Lakota geworden waren. In einer Zeit, in der es für Kinder und Frauen gefährlich war, am helllichten Tag den Rand einer Straße entlang zu laufen, in der sie fürchten mussten, dass jedes heranbrausende Fahrzeug sich in ihnen ein lebendiges Ziel suchen könnte, war es nur zu verständlich, dass jeder Weg aus dem Reservat heraus sorgsam bedacht wurde.
Das Bedürfnis, die Seinen zu schützen, führte unter den Männern in steigendem Maße nicht nur zu Vorsicht und Rückzug, sondern auch zu schwelendem Ärger und wachsender Kampfbereitschaft.
*
Jonas und Bear waren in der letzten Nacht übel zugerichtet worden.
Den Gedanken, ein Lokal aufzusuchen, in dem es bislang nie Probleme gegeben hatte, mussten sie bitter bereuen.
Jonas hatte ihn beinahe mit dem Verlust eines Auges bezahlen müssen.
„Der Angriff war mit Sicherheit geplant“, erzählte Bear, während Alan die Scherben aus seinem Bein zog, zu viele waren zu plötzlich über sie hergefallen.
Abgebrochene Flaschen waren die geringsten der Waffen, gegen die sie sich zu erwehren hatten.
“Es waren Kinder”, sagte Jonas. “Höchstens um die zwanzig Jahre alt. Sie wussten nicht, was sie taten.” “
„Alt genug, um es beurteilen zu können, was es bedeutete in der Überzahl und bewaffnet gegen einen ahnungslosen Gegner anzutreten.”
Alan klang bitter, doch Jonas schüttelte erneut den Kopf.
“Wir waren nie ihre Gegner. Unsere Leute haben niemals Streit angefangen oder Ärger gemacht.”
“Nicht, dass sie das jemals abgehalten hätte”, brummte Bear. “Ganz egal, was wir machen, ob wir Ruhe geben, unsere Kinder mit christlichen Namen in die Welt hinausschicken, unsere Geschichte und Kultur verleugnen...”
“Sie sind von jemandem aufgehetzt worden, das ist völlig klar”, warf Jonas ein.
“Diese Sache braut sich doch schon seit langem zusammen. Es hat mit den Leuten zu tun, die das Land von der Regierung gekauft haben. Sie haben es schrittweise getan, unter verschiedenen Namen, aber ich wette, dass ein und dieselbe Organisation dahinter steckt.”
“Und sie riegeln es ab wie Area 51, wenigstens Söldner sind involviert, wenn nicht sogar Teile des Militärs. Was meinst du dazu, Alan?”
“Ich meine, dass du stillhalten solltest”, murmelte der Angesprochene, während er vorsichtig eine dunkle Salbe auf die Wunde strich. Er seufzte und fuhr dann leise fort.
“Die steigende Anzahl der Übergriffe macht mir Sorgen.”
“Was sagen die Geister?” Jonas blickte ihn neugierig an.
“Sie warnen, und...”, er biss sich auf die Zunge.
“Was? Was und...?”
Alan hielt in der Bewegung inne. “Ich kann es nicht sagen, es ist... schwierig.”
“Es hat doch nichts mit dem Weißen zu tun, den du in dein Haus aufgenommen hast? Alan?”
Der Schamane blieb still, wartete ab, bevor er antwortete. “Die Botschaften sind unklar, aber... doch, es hat mit ihm zu tun.”
“Was soll das bedeuten. Was hat der mit uns zu tun”, fragte Bear.
“Ehrlich gesagt, ich finde nicht, dass er bleiben sollte, nicht gerade jetzt. Er muss zu seinen Leuten zurück kehren.”
“Er hat keine Leute.” Alans Stimme wurde dunkler. “Vielleicht werden wir es sein, eines Tages... vielleicht hat sein Dasein eine Bedeutung für uns.”
Bear sah Jonas an, sie wechselten einen scharfen Blick, bevor er weitersprach.
“Er tut nichts, um dein Vertrauen zu rechtfertigen. Wir werden nicht lange dabei zusehen.”
“Es ist nicht eure Entscheidung. Der große Geist hat ihn hierher geführt, und wird ihm seinen Weg zeigen.”
Alan ordnete seine Werkzeuge, verschloss das Gefäß, aus dem er die Salbe geholt hatte.
“Er wäre nicht der erste Weiße, der sich entscheidet, den Pfad zu wechseln, Alan. Sei vorsichtig!”
Jonas war aufgesprungen, als Alan sich anschickte, zu gehen. Aus seinem unverletzten Auge starrte er ihn prüfend und besorgt an, ergriff ihn am Arm.
“Bitte... sei vorsichtig!”
“Das bin ich.” Alan zwang sich zu einem schmalen Lächeln und schritt zur Tür. Jonas folgte ihm.
“Du weißt, dass ich für dich da bin. Immer!”
Sie standen sich gegenüber. “Ich weiß.”
“Komm zurück zu mir!”
Alan senkte den Kopf. “Ich kann nicht, Jonas. Es tut mir leid.”
“Hey.” Jonas kam näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter, senkte seine Stimme auf ein Flüstern.
“Ich weiß, dass ich dir niemals werde Tim ersetzen können. Das kann niemand. Ich bitte dich nur, keinen Fehler zu machen.”
Alan nickte stumm. “Das werde ich nicht.” Das tonlose Wispern wurde mit seinen letzten Worten beinahe unhörbar.
“Es tut mir leid, dass ich nicht...”
“Ist nicht deine Schuld.”
Jonas schüttelte traurig den Kopf, ließ die dunklen Haare das verletzte Auge bedecken, als er ebenfalls zu Boden blickte.
“Es war gut und richtig, solange es gedauert hat.”
Er drückte versichernd des anderen Mannes harten Muskel.
“Und ich bin zufrieden, wenn ich dir darüber hinweg helfen konnte. Ich habe immer gewusst, dass eure Bindung zu stark war, dass niemand in der Lage sein werde, ihm nachzufolgen.”
Alan schluckte, und erwiderte den Druck. Mehr war nicht notwendig.
Jonas und er hatten sich immer, ohne viele Worte verstanden.
Alan merkte, wie er sich zunehmend in Erinnerungen verlor.
Er strich sich mit der Hand über die Stirn, konzentrierte sich auf die übrigen Ereignisse des Tages, die unglücklichen Unfälle, bei denen er notdürftige Hilfestellung geleistet hatte, den heiligen Mann, der schon in seiner eigenen Jugend alt gewesen war, und der jetzt klaglos im Sterben lag, die Schmerzen stoisch ertrug, die Entscheidung einer höheren Macht annahm, ohne zu zweifeln.
Ein bitterer Geschmack stieg in ihm auf.
Er sah ihn kämpfen, beobachtete, wie der Kampf Tag für Tag schwerer wurde, das Leben aus diesem Körper, der dazu gemacht geworden schien, ewig zu halten, langsam und qualvoll entwich.
Das riss die Narben wieder auf, die nie richtig verheilt waren, die Narben, die sich in seine Seele gefressen hatte, als er gezwungen gewesen war, hilflos dem Todeskampf Tims beizuwohnen.
Auch nicht, als er den Segen bei der einzigen Geburt an diesem Tag gesprochen hatte, war es ihm leichter um sein Herz geworden.
Er sah doch die Welt, in die das unschuldige Kind hineingeworfen wurde, die vaterlose Familie, die kaum in der Lage war, jeden Einzelnen, der zu ihr gehörte, ausreichend zu versorgen.
Alan zwang den Schmerz, der, obwohl Bestandteil seiner Selbst, an Tagen wie diesen zu schwer für ihn zu ertragen war, gewaltsam zurück.
Er stieß sich von dem Türrahmen, der ihn immer noch von dem schlafenden Mann trennte, dessen Anwesenheit ihn von Tag zu Tag mehr verwirrte, ab, und kehrte wieder zu seinen Pflichten zurück.
*
• * * *
Die Bremsen jaulten, als sie den breiten, glänzenden Schlitten mit einem Satz zum Stehen brachten.
Sand wirbelte auf, verbarg für einen Augenblick die Reifenspuren, die von der Drehung, die der Wagen im Moment des Anhaltens ausgeführt hatte, zeugten.
Eine Hupe gellte unfreundlich durch die Nacht.
“Mach schon”, grölte die heisere Stimme.
“Ich bleib hier keine Sekunde zu lang.”
David hastete vorwärts, bemühte sich, halbwegs leise zu bleiben, doch das Klappen und Knarren der Türen durchdrang mit betäubender Wut sein Trommelfell.
“Verdammt, Leute. Was denkt ihr euch dabei, so einen Krach zu machen?”, zischte er, nachdem er mit einem Sprung in dem offenen Wagen gelandet war.
“Angst, David?” Der glatzköpfige Mann am Steuer grinste hinterhältig. “Meinst du, die Rothäute belegen uns mit einem Fluch, wenn wir sie ärgern?”
“Halt bloß die Klappe”, warnte David mit einem nervösen Blick auf das Gebäude, das hinter ihnen verschwand, leblos und still, als wäre der nicht eingeladene, nächtliche Besuch unbemerkt geblieben.
“Du würdest mir nicht glauben, wenn ich dir erzählen würde, zu welchen Dingen die in der Lage sind.”
“Hör auf, Junge!” Eine belegte Stimme vom Rücksitz lachte. “Was sollen sie machen, dich verhexen?”
“Ernsthaft...” David drehte sich zu dem Sprecher um. “Wenn jemand einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, dann ist es diese Bande. Was glaubt ihr, warum ich so vorsichtig bin?”
“Na dann, alle Achtung, mein Junge. Erstaunlich, dass du nicht schon lange die Fliege gemacht hast, wenn die Burschen dir so nahe gehen.”
David setzte sich zurück. “Was ich versprochen habe, halte ich auch. Und solange ihr keinen Unsinn macht, funktioniert die Sache auch.”
“He... nun mal schön langsam. Nur weil Jeremy meint, du wärst bereit für den nächsten Schritt, heißt das noch nicht, dass wir alle dieser Meinung sind. Wann haben wir dich kennen gelernt? Vorgestern?”
Ein Achselzucken seitens Davids.
“Zeit ist relativ. Wenn er meint, dass für mich Raum in dem großen Plan sei, dann bin ich neugierig zu erfahren, worin dieser besteht.”
“Das wirst du schon früh genug merken, Mr. Bundesnachrichtendienst.”
Davids Kopf fuhr herum. Ein höhnisches Lachen erwiderte die Reaktion.
“Du glaubst doch nicht, dass wir jeden rein lassen. Dein Lebenslauf ist... gelinde gesagt... faszinierend.” David sank zurück in die Polster.
Na toll. Und jetzt?”
“Nichts jetzt, mein Freund. Du kennst wenigstens den Feind, weißt wozu er in der Lage ist. Und...”
Der andere Mann legte eine nachdenkliche Pause ein.
“Und du besitzt wirklich jede Qualifikation, die wir benötigen.”
“Da bin ich aber froh”, antwortete David bissig. “Wie lange muss ich mir denn euer Geschwätz noch anhören?”
“Nur die Ruhe, Davey. Erst mal bekommst du was fürs Auge.”
Mit diesen Worten wurde David von hinten ein Tuch um den Kopf geknotet, das ihm die Sicht nahm.
“Großartig”, murmelte er. “Mal was ganz anderes.”
Die Männer im Wagen lachten blökend. “Ganz recht. Wir wollen doch nicht, dass deine roten Kameraden dich an den Marterpfahl stellen oder mit dunkler Magie dazu bringen, ihnen unser Zentrum zu zeigen.”
“Und warum, um Gottes Willen, sollten sie davon etwas wissen wollen?”
“Na du bist mir vielleicht ein Früchtchen. Sollten wir sie unterschätzen, so werden sie noch ahnen, dass das jüngste Gericht in Riesenschritten auf sie zueilt. Glaubst du nicht, dass sie dann anfangen werden, noch mehr Schaden anzurichten, als bisher?”
Der Glatzkopf schüttelte den Kopf. “Die Drogen haben dir wohl doch ein paar Gehirnzellen zu viel weggefressen.”
“Halt’s Maul, Arschloch!”
David schlug blind zu, traf jedoch nur ins Leere, was die Belustigung seiner Mitfahrer nur erhöhte.
Nach einer Ewigkeit, wie es ihm schien, kam der Wagen endlich zum Halten. Unverständliche Worte wechselten, quietschend öffnete sich ein Tor.
*
Nach einer weiteren kurzen Fahrt wurde die Binde von Davids Augen entfernt, er selbst unsanft aus dem Auto gestoßen. Ein weites, trotz der Dunkelheit grell weiß scheinendes Gebäude ragte vor ihnen auf.
David bemerkte, dass es sich geschickt in die Schatten der Felsen schmiegte, aufgrund der ebenmäßigen Struktur schwer auszumachen sein dürfte.
Wäre das Dach ebenfalls getarnt, so müsste es nahezu unmöglich sein, per Flugzeug oder Satellit bei einer Routineuntersuchung etwas zu bemerken.
Er sah sich weiter um. Die Richtung hatte sich ihm eingeprägt. Er wäre in der Lage, vage Hinweise auf seinen Standort durchzugeben.
Doch bis jetzt gab es noch nicht die geringste Veranlassung.
Sie befanden sich auf Privatgrund in der Abgeschiedenheit Dakotas.
Niemand würde sich dafür interessieren, was eine namenlose Gruppe von Menschen hier in die Wege leitete.
David folgte den anderen, die zielstrebig auf den Eingang des Gebäudes zuliefen.
Ein metallenes Tor öffnete sich automatisch, lud sie zum Eintritt ein.
Leise, meditative Musik erklang im Hintergrund, elektronische Variationen desselben Themas in einer Endlosschleife.
Gedämpftes Licht erhellte unaufdringlich den Raum, drang aus verborgenen Nischen der Wandtäfelung, das Geheimnis seines Ursprunges nicht preisgebend.
Sie schritten vorwärts, schweigend, der feierlichen Atmosphäre ihren Tribut zollend. Ein zweiter, größerer Raum öffnete sich, empfing die Männer, die unwillkürlich ihre Köpfe gesenkt hielten.
“Willkommen Brüder! Willkommen Anwärter!”
Jeremy Kings Stimme hallte ihnen entgegen. Er trug ein weißes, weit geschnittenes Gewand, ein stilisiertes Schwert in Gold auf die Brust appliziert.
“Der Orden des Schwertes begrüßt euch.”
“Und wir danken im Namen des Allmächtigen”, antworteten die Eingetretenen im Chor.
David sah auf. Sein Blick flog über die kahlen, fensterlosen Wände, den merkwürdig graphitfarben glänzenden Boden, der jedes Geräusch zu verschlucken schien, die gelblich schimmernde Decke, von deren Mitte ein übergroßes, ebenfalls graphitfarbenes Kreuz hing, das wie eine dunkle Mahnung vor ihnen zu schweben schien.
Rötliches Licht ausstrahlende Scheinwerfer konzentrierten sich auf das Symbol, umgaben es mit einer beeindruckenden Aura, die zugleich fesselte und Ehrfurcht erforderte.
Davids Begleiter wichen zurück, gesellten sich zu anderen, stummen Beobachtern, die der Agent erst auf den zweiten Blick in den Schatten bemerkte, in denen sie sich bewegungslos verborgen hielten.
“Komm näher, David!” Jeremy streckte seine Hand aus.
David senkte den Blick und folgte seiner Aufforderung.
Jeremy richtete seine Aufmerksamkeit nun auf das Publikum, das ihn umgab.
Mit durchdringender Stimme begann er zu sprechen.
“Brüder im Geiste!” Er ließ die Pause sich ausdehnen, bis kein Geräusch, kein Atemzug mehr zu hören war.
“Es gibt keine Zweifel! Unser Führer, der Hüter des Schwertes vom vierten Quartal des sechsten Kreises hat seine Entscheidung getroffen. Für all jene, die sich insgeheim fragen, ob wir einem Fremden vertrauen sollten, hat er eine Botschaft.”
Er schwieg wieder, blickte sich streng um.
“Unser Führer, der in geheimem Kontakt zu den Mächtigen dieses Landes, ja, zu den Mächtigen der Welt steht, hat die Vergangenheit des Anwärters durchleuchtet, erforscht, nicht nur mit den modernsten, technischen Mitteln, sondern auch mit seinem unfehlbaren Röntgenblick. Nicht nur die Geheimdienste unserer Heimat, auch die feindlicher Streitkräfte, haben ihm offenbart, was er in seiner Weisheit schon lange geahnt hatte. Dass dieser Mann...”
Er streckte erneut die Hand aus, wies auf David.
“Dass dieser Mann, der Unbeschreibliches hat erdulden müssen, der seine Loyalität zu einem System, das der Satan selbst ins Leben gerufen hat, mit Leid und Schmerz hat bezahlen müssen, der verraten, verkauft und abgeschoben worden ist, bis in einen Abgrund, aus dem es kein Entrinnen mehr geben konnte.
Dass dieser Mann erleuchtet werden soll, dass er aufsteigen wird in die Gemeinschaft des Schwertes, dass seine wiedererstarkten Kräfte uns helfen werden, unser ersehntes Ziel zu erlangen.
Zweifelt nicht, Brüder. Er ist ein weiterer in der Riege der Tapferen, die uns helfen werden, die Kontrolle über dieses Land zurückzuerlangen, einer derer, welche die verhassten Indianer von der Erde tilgen werden.”
Gedämpftes Gemurmel erklang.
Jeremy hob den Arm und schnitt das Geräusch mit einer scharfen Bewegung ab.
“Um seine Entscheidung zu bekräftigen, weilt er heute unter uns.
Begrüßt den geheimen Hüter des Schwertes!”
Die Männer sanken sofort in die Knie, neigten ihre Häupter beinahe in Furcht.
David tat es ihnen nach, bemerkte die Schritte schwarzer Stiefel, die auf ihn zu gingen, einen Moment vor ihm innehielten, bevor sie die Richtung wechselten, und den Sprecher ansteuerten.
“Sieh auf, David!”
Er gehorchte so demütig, wie es ihm möglich war. Eisblaue Augen studierten ihn forschend, wanderten prüfend über seinen Körper.
Die Gesichtszüge erschienen David vage vertraut, das aschblonde Haar, der unnatürlich gebräunte Teint kamen ihm beunruhigend bekannt vor.
Blitzschnell ging er die in den Windungen seines Gehirnes gespeicherte Kartei der Fahndungsfotos durch.
Keine der Qualen, die er durchlitten hatte, noch die Folter, derer er sich selbst ausgesetzt hatte, waren in der Lage gewesen, sein Gedächtnis zu löschen.
Etwas blitzte auf in seiner Erinnerung. Es war lange her, versteckt, verdrängt in Tiefen, die er nicht wieder hatte betreten wollen.
Er wich den Schatten aus, konzentrierte sich auf das Bild in seinem Kopf.
Das war er. Davids Augen trafen die des anderen Mannes. Einer der Verantwortlichen der Zelle Nevadas, die er verraten hatte, die aufgrund seiner Informationen hatte hochgenommen werden können, einer der Wenigen, die entkommen waren.
Götz... mehr hatten sie ihm nicht sagen können, bevor er wieder nach Argentinien zurückgekehrt, seine Arbeit wieder aufgenommen hatte, aber nicht für lange.
Dieser Vorfall hatte letztendlich zu seiner Enttarnung in der Organisation geführt.
Der Kontakt nach Europa, deutschsprachige Abstammung, das war alles, das sie in diesem Zusammenhang hatten entdecken können.
Zu schnell hatte Götz seine Spuren verwischt, zu schnell war er im Nichts verschwunden, ebenso wie andere, die ihn später wieder heimgesucht hatten, andere, die sich an ihm gerächt hatten, als er wehrlos in einer Zelle lag, der Willkür eines machtbesessenen Irren ausgeliefert, eines Nazis, der kein Erbarmen kannte.
David riss sich zusammen. Das war nicht die Zeit für bittere Erinnerungen, nicht der Augenblick, sich über die Herkunft eines Mannes, der ihn mit Sicherheit wiedererkennen würde, Gedanken zu machen.
Er war ein Terrorist, der schon einmal versucht hatte, das Land, vielleicht die Welt in den Untergang zu treiben, der schon einmal versucht hatte, Recht und Gerechtigkeit zu vergewaltigen. Und nun war er dabei, es wieder zu versuchen.
Götz Cauldron, wie er sich in dieser Phase seines Lebens nannte, musterte die schmale Gestalt zu seinen Füßen aufmerksam.
Er wusste genau, wen er vor sich hatte, kannte jedes einzelne Detail aus Davids Akten.
Es mochte lange Zeit gedauert haben, doch nach all dem, was geschehen war, konnte von dem Mann, der so besessen für seine Überzeugung gekämpft hatte, nicht mehr viel übrig geblieben sein.
Und nicht zum ersten Mal verließ er sich darauf, dass aus den erbittertsten Gegnern die wertvollsten Verbündeten erwachsen würden, eine Erfahrung, die sich während seiner Laufbahn bereits mehrfach bestätigt hatte.
Menschen, die in Extremen lebten, waren angewiesen auf die Bestätigung ihres Glaubens.
Nahm man ihnen den Boden unter den Füßen, erschütterte die Säulen, auf denen sich ihr Weltbild gründete, so verloren sie alles, was ihnen etwas bedeutet hatte.
Sie begannen sich, wie ein Fähnchen im Sturm nach dem nächstbesten, fundamentalistischen Prinzip auszurichten, das ihrer Existenz erneuten Sinn verlieh.
Auch David würde keine Ausnahme sein. Desillusionierte Agenten waren wie Soldaten.
Wies man ihnen Fehler in der Denkweise nach, auf der ihr Handeln aufbaute, brachte man die tönernen Füße, auf denen ihre Ideologiebasierte zum Zerbröckeln, so zerbrachen sie, stürzten in Schluchten, die einem Menschen, der sich nur seinem Gewissen verantwortlich fühlte und danach handelte, erspart blieben.
Nicht ohne Grund bestand der feste Kern des ‘ Schwertes ‘ aus Menschen, die aus dem einen oder dem anderen Grund ihren Kampf mit Waffen ausgefochten hatten.
Niemand benötigte dringender eine Basis und ein Ziel, als jemand, der beides schon einmal verloren hatte.
Und dass David beides verloren hatte, war mehr als deutlich. Jemand, der alles gegeben hatte, und dann mit Nichts als dem Beweis der Sinnlosigkeit seines Tuns zurückgelassen wurde, wollte mit offenen Armen aufgenommen werden, sehnte sich nach dem Versprechen, dass ein Schuldiger gefunden und bestraft würde, ob es sich nun um ein Land, ein Volk oder einen Politiker handelte.
Und all das würde er David gewähren, so wie es unzähligen anderen in dieser oder einer ähnlichen Situation quer über den Erdball verteilten Menschen gegeben worden war.
“Das Schwert des Göttlichen” sorgte für seine Kinder, gab ihnen großzügig, sofern sie sich ihm mit ganzem Herzen verschrieben.
Jemand wie David würde eine Bereicherung sein, ein Experte in Strategie und Waffentechnik, das Einzige, das ihnen in diesem Stützpunkt noch gefehlt hatte, um loszuschlagen.
Als hätte der Göttliche selbst es so gefügt, als hätte er geahnt, dass sie nur noch ein Zeichen benötigten, um losschlagen zu können.
Götz grinste in sich hinein. Sofort nach diesem Schauspiel hier, würde er die Basis kontaktieren und Waffen, Munition und Sprengstoff hierher liefern lassen. Es gab nun keinen Grund mehr, nicht auf das Allerbeste gerüstet zu sein.
David hielt seinen Blick ergeben gesenkt, bemühte sich, die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen, nicht sichtbar werden zu lassen.
Unwillentlich ignorierte er die Vorgänge um sich herum, ließ sie einfach geschehen, ohne ihnen Beachtung zu schenken, reagierte automatisch auf die wenigen Aufrufe zur Beteiligung.
Automatisch bekundete er seine Zustimmung zu den Aufnahmebedingungen, beugte den Kopf, um den Schwertschlag zu empfangen, der die Akzeptanz seiner Anwärterschaft symbolisierte, wiederholte das lateinische Gelöbnis, dessen Fehler in Satzbildung und Grammatik anscheinend niemandem außer ihm auffielen und wartete geduldig darauf, entlassen zu werden.
Endlich trat Jeremy wieder hervor, und David fing einen erleichterten Blick des Zentrumsoberhauptes auf, der ihm verriet, dass dieser ebenso wenig an die Heiligkeit seines Tuns glaubte, wie er selbst.
Doch das ehrfurchtsvolle Aufatmen, als auch die Zuschauer sich erheben durften und ihn in ihrer Mitte begrüßten, zeigte mit Deutlichkeit, dass wenigstens die Mehrzahl der Anwesenden von der Richtigkeit und Wichtigkeit der Vorgänge überzeugt waren.
“Du wirst dich nun bewähren müssen, David”, sagte King.
“Unser Führer wird dir deinen ersten Auftrag mitteilen, wenn du mit ihm allein sein wirst. Davon, wie gut du ihn erfüllst, wird seine Entscheidung abhängen, inwieweit er dich weiter einbeziehen wird. Aber ich weiß...”
Er legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. “Ich weiß, dass du uns... dass du den Orden nicht enttäuschen wirst.”
“Ich werde mich seiner würdig erweisen”, sagte David und sah dem Rothaarigen fest in die Augen.
“So komm denn mit, und du wirst mehr erfahren.”
David folgte ihm in ein Nebenzimmer.
Im Vergleich zu dem eben verlassenen Raum, in dem die Teilnehmer der Zeremonie sich gerade anschickten, ein weiteres Ritual, untermalt von anschwellender Musik, durchzuführen, das in Davids Augen am ehesten mit einer Art Abendmahl zu vergleichen war, wirkte dieser hier klein, dunkel und trostlos.
Geduldig wartete er, lauschte auf die Gesänge, die die gut isolierten Wände kaum durchdrangen.
Endlich trat auch Götz ein, nun ohne sein zeremonielles Gewand.
Er nickte David nachlässig zu, bevor er die kleine Stufe zu einer Erhöhung erklomm, von der er den Jüngeren aus einer überlegenen Position betrachten konnte.
Er schlug einen großen Ordner auf, und rückte einige Papiere gerade.
David fühlte sich zurückversetzt in Schul- und Studentenzeit, musste gleichzeitig das psychologische Geschick bewundern, mit dem hier vorgegangen wurde. Ein Schema, das eine gewisse Wirkung auf die gewählten Zielgruppen nicht verfehlen dürfte.
“Du weißt, dass du dich bewähren musst!”Götz von Hallburgs kalte Augen penetrierten den Ergebenheit heuchelnden Blick des Agenten, der sich unter seinem Einfluss unwillkürlich duckte.
“Ich weiß.” David nickte.
“Du bist in einer einzigartigen Lage, und du wirst diese zu unserem Vorteil nutzen.”
Götz betrachtete ihn prüfend.
“Es hängt viel davon ab, dass wir dir vertrauen können. Können wir das, David?”
Der Angesprochene erwiderte den bis ins Mark forschenden Blick.
“Ich werde alles tun, um das in mich gelegte Vertrauen zu rechtfertigen. Er zögerte.
“Ich sehe es... ich sehe das als meine letzte Chance...”
In Götzs Augen blitzte es zufrieden auf.
“Und dies ist es auch. Doch, wenn ich dich richtig einschätze, dann wirst du mich nicht enttäuschen. Du weißt, worum es geht, und du weißt, dass Opfer gebracht werden müssen.”
Er intensivierte seinen Blick, eisiges Blau traf auf weichen Türkis.
“Und deine Geschichte erzählt mir, dass du bereit dazu bist, schon immer bereit dazu warst.”
Götz holte tief Luft.
“Um dieses Land rein zu waschen, werden wir bei seinen Wurzeln beginnen müssen. Vereinzelte Schreckschüsse werden nicht mehr reichen. Bald werden Gerechtigkeit und Ordnung die Erde wie einen schützenden Mantel überziehen. Und wenn dereinst der Orden herrschen wird, dann ist auch die Zeit gekommen, in der du erkennen wirst, dass der Allmächtige bereit ist, dir deine Sünden zu vergeben.”
“So sei es.” David sah vertrauensvoll hoch, erwartete in Demut die weiteren Anweisungen.
*
Alan schlug einen eintönigen Rhythmus.
Die ledrige Haut, die sich über das bauchige Holzgefäß spannte, vibrierte im Takt, wölbte und dehnte sich unter seinen Händen, die gleichmäßig, ununterbrochen, im sanften Schein einer einzigen Fackel, die Trommel bearbeiteten.
Sein Oberkörper wiegte sich langsam, die Lippen bildeten Worte, die keinen Anfang und kein Ende besaßen.
Der Rauch des kleinen Feuers wuchs, formte Gestalten, Bilder, Geschehnisse, die in ferner Vergangenheit oder auch in weiter Zukunft lagen.
Alan bemerkte weder Kälte, noch die Stunden, die an ihm vorbeizogen.
Er schwebte.
Die Trance trug ihn fort, gewährte ihm Zugang zu einer anderen Welt, erlaubte ihm, mehr zu sehen, weiter, tiefer, als seine Sinne es ihm jemals ermöglicht hätten.
Er flog durch die pechschwarze Nacht. Die dunklen Felder, Wälder und Hügel glitten tief unter ihm hinweg.
Die Sterne verbargen ihr Antlitz, der Himmel über ihm lastete schwer auf seinen beiden Schwingen, die ihn ruhig und gleichmäßig auf seinem Weg durch die Finsternis trugen.
Er suchte ihn, seine scharfen Augen erspähten jeden Grashalm, jedes Zucken eines schwächeren Lebewesens, das den gefährlichen Raubvogel über sich erahnte.
Sie durchdrangen die Dunkelheit, ebenso wie der rasche, lautlose Flug des Adlers die kühle Nachtluft durchschnitt.
Es war unumgänglich, dass er ihn fand.
Nicht nur Davids geheimnisvoller Aufbruch, jeder seiner bis zum Zerreißen angespannten Nervenenden, schrie unüberhörbar nach Hilfe.
Alan sandte sein Totem über das Land, durchquerte mit ihm die Gefilde der Lebenden und der Toten. Nichts würde ihn davon abhalten, keine Macht der Welt, David zu finden.
*
Noch hatte er nichts angerichtet, noch hatte er keine irreparablen Fehler begangen, kein einziges Leben, ob es nun ein ihm wertvolles oder ein fremdes war, ins Verderben gestürzt. Noch war Zeit, noch war nichts geschehen.
David stützte sich mit einem Arm gegen die graubraune, im Dunkeln kaum auszumachende, bröckelige Hauswand, nur wenige Schritte vom Beginn des Reservatgebietes entfernt.
Mit der anderen umklammerte er die Mitte seines Körpers, presste die Hand gegen den revoltierenden Magen, als könnte sie ihn davon abhalten den spärlichen Inhalt wieder hoch zu würgen.
Ihm war übel, er fühlte sich elend und gezeichnet, verdorbener denn jemals zuvor.
Er konnte das nicht mehr, war nicht mehr der Mann, der monatelang ein Kartell widerlicher Verbrecher täuschen konnte, der alles tat, was erforderlich war, um Vertrauen zu behalten oder zu gewinnen.
Er wusste nicht mehr warum.
Es existierte kein Grund in dieser Welt, zu lügen, sich zu verstellen, Dinge zu tun, die er zutiefst verabscheute.
Nein, es gab keinen Grund, sich oder das Wenige zu verleugnen, das von der Person, die er einst verkörpert hatte, noch übrig geblieben war.
Sein Innerstes verkrampfte sich, er sank auf die Knie und übergab sich auf die nackte Erde.
Kälte schüttelte ihn, und doch konnte er nicht aufhören zu würgen, den fruchtlosen Bemühungen, die sein bereits geleerter Magen unternahm, nachzugeben, bis er erschöpft zu Boden fiel und sich dort zusammenrollte.
Er musste nur ein wenig ausruhen, ein wenig Kraft schöpfen, und dann würde er all dem ein Ende machen.
Er würde verschwinden, die Qualen des Gewissens, die Lügen und Täuschungen zurücklassen, jemand anderem die Arbeit, die Verantwortung übergeben, jemandem, der sie tragen konnte.
Sein Magen schmerzte mit jedem weiteren Versuch, ihn von der unsichtbaren Last, die seine Seele beschwerte, zu befreien, und er stöhnte leise.
Ihm blieb keine Zeit, sich lange auszuruhen.
Die Morgendämmerung drohte, und damit die Möglichkeit, den Schutz der Dunkelheit zu seinen Zwecken zu nutzen.
Ein weiteres Stöhnen ging in einen trockenen Husten über, der bittere Geschmack in seinem Mund reichte aus, um seinen Magen erneut zum Revoltieren zu veranlassen.
Immer noch in fetaler Stellung zusammengekrümmt, versuchte er, seine unregelmäßigen Atemzüge zu beruhigen, den Puls zu senken.
Er erinnerte sich an die Wege des Geistes, die es ihm erlaubten, dem Körper zu entfliehen und dadurch einen Bruchteil der Ruhe zu schenken, die er benötigte.
Die forschenden Augen des Sektenoberhauptes, die sich seinen Gedanken aufzwangen, verwandelten sich in den kalten Blick Kranks, die glühenden Augen Starks.
Er zwang die hasserfüllten Stimmen der Menschen, die ihn verfolgten, ob lebend oder tot, ob Geister oder Sterbende, mühsam zurück.
Er zwang all diese Geister, die auf ihn eindrangen, miteinander verschwammen, ineinander übergingen, wuchsen, sich vermehrten, ihn zu verschlingen drohten.- er zwang sie zurück, wollte sie nicht ertragen, nicht mehr ein Teil von ihnen sein.
Er musste es schaffen, musste sich aufrichten und gehen, so schnell und so weit wie möglich, all dies hinter sich lassen, verschwinden.
Niemand durfte ihn mehr finden, niemand aufspüren, niemand zwingen, Verbrechen zu begehen, zu töten, zu zerstören, Menschen und Erde durch seine Hände leiden lassen.
David konnte sich nicht erinnern, wie es ihm gelungen war, sich in eine aufrechte Position zu kämpfen, geschweige denn vorwärts zu kommen.
Er hatte unermüdlich, einen unbekannten Pfad eingeschlagen, der ihn, wie er sehr wohl wusste, in keine andere Richtung, als seinem eigenen, endgültigen Untergang entgegen führte.
Würde ihn dieser Weg von der unerträglichen Last des Seins befreien und den Schmerz beenden würde, den er sich und anderen durch seine bloße Existenz zufügte, den er nicht erleichtern und nicht lindern konnte, egal welche Anstrengungen er auch unternahm?
Er stolperte vorwärts, blind in der Dunkelheit, obwohl der graue Schimmer des Morgens die Konturen der Pflanzen und Gebäude, an denen er sich vorbei mühte, beinahe schon erahnen ließ.
In ihm herrschten Finsternis und Schuld, das Wissen, dass, für welchen Schritt er sich auch entschied, die Konsequenzen nicht mehr zu ertragen waren.
Die Kraft, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, war ihm vor langer Zeit genommen worden. Er wollte nur fort von diesem Ort, von diesen Menschen, die in ihrer Unschuld nichts von dem ahnten, was ihnen angetan werden sollte, was mit und ohne sein Zutun geschehen würde.
Ein Teil dessen zu sein, konnte er nicht mehr ertragen.
Die Nacht war sein Freund, verbarg ihn, schützte ihn, half ihm zu entkommen, die Pforte zu suchen, die ihn befreien konnte.
Keine Häuser mehr, keine Wälder, nur noch Weite.
Die Zeit dehnte sich in eine Ewigkeit der Furcht.
Furcht vor Entdeckung, Furcht davor, dem Schicksal nicht mehr entrinnen zu können.
Über ihm ertönte der heisere Schrei des Adlers, ein Windstoß erfasste David, trieb ihn vorwärts, bis sein Fuß sich in der Schlinge einer Wurzel verhedderte, und er erschöpft zu Boden fiel.
Auf allen Vieren kroch er vorwärts, nur noch ein wenig, nur noch ein kleines Stück, bis er ein Versteck finden würde, eine Höhle, in der ihn niemand würde aufspüren können, einen Weg, all dem ein Ende zu machen.
Seine Bewegungen wurden langsamer, mit unerträglichen Anstrengungen gelang es ihm, seinen Muskeln den Willen aufzuzwingen, von dem er wusste, dass er ihn besaß.
Bis der Wille brach, bis er aufgab, zusammensank auf der harten Erde.
Nur für einen Moment, nur ein Augenblick der Ruhe, nichts anderes erfüllte seine Sinne, als Beine und Arme ihm ihren Dienst versagten.
Die Wunde an seinem Hals blutete immer noch. Winzige Tropfen sickerten zu Boden, tränkten ihn mit dem Beweis seiner Lebendigkeit.
Der Adler spürte die verletzte Kreatur in der Tiefe, er kreiste über dem Wesen, das sich verzweifelt vorwärts wand, das einer Schlange gleich über Felsen und Hindernisse glitt, solange, bis auch das letzte Aufbäumen von Stärke dem kalten, schmalen Körper entflohen war.
*
Das scharfe Bremsen der Reifen, das rasche Klappen der Tür des lädierten Geländewagens, drang aus weiter Ferne in Davids Bewusstsein.
Beinahe lautlose Schritte, die hastig vorwärts auf ihn zu eilten, dunkle Schwingen, die ihn schützten, warme Hände, die ihn berührten, ihn drehten, seinen Rücken entlang fuhren, prüfend, tastend, ihn stützend, und ihn schließlich aufrichteten, bis ihm ein Stöhnen entfuhr.
Zitternd sog er die kühle Morgenluft ein, lehnte an der harten, starken Brust des Mannes, der ihn gefunden hatte, und von dem er im ersten Augenblick bereits gewusst hatte, dass es niemand anders als Alan sein konnte.
Er wehrte sich dagegen, doch er konnte nicht anders, als Halt zu finden in der Wärme, die ihn umströmte, Trost zu erspüren in den langen Fingern, die seinen Körper hinab wanderten, offensichtlich jeden Zentimeter nach Verletzungen oder gebrochenen Knochen durchsuchten.
David wollte sprechen, wollte ihm sagen, dass alles mit ihm in Ordnung, dass nichts geschehen war, das Alans Sorge bedurfte, und doch konnte er kein Wort hervorbringen.
Die unerwartete Geborgenheit, die ihn umspielte, brachte etwas längst in ihm Gestorbenes zum Schmelzen, ließ seine Augen brennen in dem Wunsch Tränen zu vergießen, wenn er noch, ja, hätte er noch welche übrig gehabt.
Aber er trug nichts mehr in sich, nichts mehr, das er hätte preisgeben können.
Und so entkam seinen Lippen lediglich ein trockenes Schluchzen, als Alan ihn, nachdem er seine Untersuchung abgeschlossen hatte, in seinen Armen wog, sanft und doch fest, und er spüren konnte wie des Lakotas Stärke in ihn eindrang, ihn liebkoste und erfüllte, bis seine Seele wieder Kraft und Mut schöpfte, so wie er es sich niemals hätte erträumen können.
“Alan.”
Nichts als ein Flüstern, doch der andere vernahm es, denn er verstärkte den Halt und bewegte seinen Mund hinunter zu Davids Nacken, ohne in der Bewegung innezuhalten.
“Schsch”, flüsterte er in Davids Ohr.
“Nur noch einen Moment.”
David schwieg und schloss die Augen, ergab sich dem Gefühl gehalten, getragen und auf unerklärliche Weise geheilt zu werden von einer Krankheit, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass er unter ihr litt.
“Nein!”
Seine Augen flogen auf, und er riss sich mit einem groben Ruck los, befreite sich von den ihn umstrickenden Armen, versuchte sich aufzurichten.
Es gelang ihm jedoch nur, sich ein winziges Stück von Alans dunkler Gestalt zu entfernen.
Die Schwäche ergriff ihn mit Macht, als er sich umdrehte, den ruhigen Blick des Anderen auf sich ruhen fühlte und der Versuch eines erneuten Atemzuges von seinen Lungen mit einem Stich, der sich anfühlte, als würde ihm ein brennender Speer durch den Oberkörper gestoßen, quittiert wurde.
Mit einem zischenden Laut sog er die Luft ein, biss die Zähne zusammen und krümmte sich nach vorne.
Alan beugte sich ebenfalls vor und berührte ihn an seiner Schulter, stützte und bewahrte ihn erneut davor zusammenzuklappen.
Mit kräftigem Druck schob er die Schulter ein Stück von sich weg, so dass die Haut an Davids Hals sich dehnte und er wiederum vor Schmerz zuckte.
“Warum haben sie das gemacht?”, fragte der Lakota leise, David mit seinen, wie schwarzer Onyx glänzenden Augen durchbohrend.
David hob seine Hand, ließ sie jedoch auf halbem Weg zu dem scheußlichen Brandzeichen, das sich mitleidlos in die empfindliche Haut gegraben hatte, wieder sinken.
Er versuchte, den Kopf zu schütteln, bereute die Bewegung, die sich als ein grausames Stechen in seinem Fleisch bemerkbar machte, jedoch sofort.
Erinnerungen flammten auf, die, obwohl nicht einmal wenige Stunden alt, bereits den Weg in die Schublade seiner Erinnerung gefunden hatten, in denen er Bilder wie diese einzuschließen pflegte.
Johlende, grölende Männer, für die dieser Teil der Zeremonie unzweifelhaft den Höhepunkt darstellte, ein strahlendes, mindestens einen Meter im Durchmesser messendes rötliches Metallgefäß mit einem lodernden Feuer als Inhalt und Zentrum des Geschehens.
Glühendes Eisen, das mit einem zischenden Laut seine Haut verbrannte, das Götz in die bereits unerträgliche Wunde presste, angefeuert von den Schreien der Zuschauer, die das Schauspiel in keinem Augenblick mehr genossen, als in dem Moment, in dem er angefangen hatte zu schreien wie sie.
Nur, dass es die Bitte um Gnade war, die seiner Kehle entflohen war, die Aufgabe all dessen, was er einst gewesen war, der Schwur von Treue, der bedingungslosen Anerkennung des Schwertes, dessen verzerrtes, blutendes Mal nun für immer in seiner Haut verbleiben würde, als Beweis seiner Schwäche, seines Versagens, seiner Falschheit.
“Lass mich gehen, Alan! Lass mich gehen, bevor Schlimmes passiert!”, wisperte er unhörbar, und doch konnte der Lakota seine Worte verstehen.
“Schlimmeres, als bereits geschehen ist?”, fragte dieser und sein Blick traf die in der Morgendämmerung bläulich grau scheinende Iris, die ihn unter sich hebenden, bebenden Lidern, suchte, fing den unsicheren Ruf nach Hilfe und bannte ihn mit seiner Ruhe.
David schluckte, versuchte den dunklen Augen zu entgehen, die ihn mitleidlos festhielten, die Wahrheit aus ihm zu erzwingen suchten. Doch er konnte es nicht, konnte nicht weiter, durfte nicht vertrauen, niemandem, niemals wieder.
“Ich muss fort”, flüsterte er erneut, beinahe flehend, eine sinnlose Bitte um Verständnis. Alan bewegte sein Kinn in Richtung der zornig roten Blase, die sich an einer Stelle des Brandzeichens gebildet hatte.
“Deswegen?”, fragte er?
“Warum lässt du das geschehen? Du gehörst nicht zu diesen Leuten.”
Seine Stimme enthielt keine Anschuldigung, nicht die geringste Spur eines Vorwurfes, ausschließlich Neugierde schwang in ihrem sanften Klang.
“Das tue ich, Alan.” Seine Worte klangen rau, fühlten sich an als würden sie mit Schleifpapier an seinen Stimmbändern reiben. “Du weißt nichts von mir. Du weißt nicht wer... was ich bin.”
“Denkst du das wirklich?” Dunkle Augen studierten jedes Beben, jedes Zucken, das sein Gesicht verriet, jede Bewegung, die nervöse Hände ausführten in dem Versuch abzuwehren, zurückzudämmen, zu schützen, zu bewahren.
Doch David wusste schon seit langer Zeit, wie er seine Gesichtszüge unter Kontrolle halten, Emotionen vortäuschen oder verbergen, Gefühle unter Verschluss halten, in jeder erforderlichen Intensität äußern oder für immer fortsperren konnte.
Techniken der Verstellung, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen, von ihm Besitz ergriffen hatten, mehr als er von ihnen.
Und obwohl Alan diese Fassade mehr als einmal durchbrochen hatte, ja, im Begriff war, sie wieder zu durchbrechen, konnte David dieses fremde Eindringen nicht zulassen.
Er konnte es nicht ertragen, einen Menschen in diesen geschützten Platz in seinem Inneren einzulassen, nicht noch einmal, nicht noch mehr.
Er wusste nicht, um was er noch fürchtete, was es sein konnte, das Alan noch in der Lage wäre, ihm zu nehmen, und doch scheiterte er an dem alleinigen Gedanken, konnte die Kraft nicht aufbringen, auch nur die Möglichkeit zu erwägen, sich ihm gegenüber zu öffnen.
David wich weiter zurück, versuchte, gestützt auf Händen und Knien aufzustehen, fortzukommen, weiterzugehen, zu tun, was er sich vorgenommen hatte.
Er verschloss den Ausdruck in seinen Augen, spannte die Gesichtszüge an, ohne den bohrenden Augen auszuweichen.
Sein Körper straffte sich wieder, und er atmete langsam, gewann Zeit, Zeit zu überlegen.
Alan beobachtete den Kampf, der in David stattfand, erschüttert von dem gnadenlosen Streit, der in dem schmalen Mann tobte, und der keine Sieger hervorzubringen schien, nur Verluste auf allen Seiten.
Ob David wusste, wie er ihn sah?
Ob er ahnte, dass der Lakota erkennen konnte, was mit ihm geschah, ohne es wirklich zu sehen, dass seine perfekte Art der Verstellung ihn nicht täuschen konnte?
Alan fragte sich, ob nur er es war, dem die Seele dieses Mannes offen lag, der fühlen konnte, was er fühlte ohne zu wissen, was er wusste.
Lag es an dem, was er war, wer er war, oder gab es diese Verbindung wirklich?
Das Band von dem er geträumt, das er sich gewünscht, ersehnt hatte, so sehr, dass er nicht wusste, ob er seiner Existenz vertrauen sollte, dessen Fasern so deutlich zu ihm wiesen, und das sich zu wünschen, er dennoch nicht zugegeben hatte.
Nicht, bis er David auf der kalten Erde liegen sah, der leblose Körper kein Zeichen aufweisend, dass er noch einen Geist enthielt.
Und obwohl ihm sein Gefühl versichert hatte, dass David noch am Leben war, dass er es gewusst hätte, tief innen gefühlt, wenn das Leben seinen Körper verlassen hätte, so hielten doch die eiskalten Finger sein Herz in ihrem mörderischen Griff.
Sie hatten sich wie schneidende Eiszapfen in sein Zentrum gebohrt, gedroht, ihm zu entreißen, was er geglaubt hatte, das ihm schon vor langer Zeit entrissen worden war.
Als er den lebenden, atmenden Körper dann in seinen Armen gehalten hatte, da war es ihm in glasklarer Deutlichkeit vor Augen getreten, da hatte er endlich gewusst, was er sich wünschte, und gleichzeitig die Trauer gefühlt, den Verlust, da es ihm niemals gehören konnte.
Doch lebte David, und solange er lebte, würde Alan er für ihn da sein, würde verhindern, dass David sich das antat, was der dunkle Geist, der von ihm Besitz ergriffen hatte, ihm eingab zu tun.
*
• * * *
•
“Es tut mir leid, Alan.”
David kam sich leer und hohl vor, als er die Worte aussprach. Trotzdem wiederholte er sie.
“Es tut mir leid. Es gibt keinen anderen Weg.”
Er legte Festigkeit in seinem Blick, erbebte jedoch, als ihm Alans verschlossenes, jedoch für ihn weit geöffnetes Wesen, entgegentrat.
Alan streckte seine rechte Hand aus, als wollte er den körperlichen Kontakt wieder herstellen, dem was er sagte, Bedeutung verleihen.
“Was auch immer dich quält, wer auch immer dich jagt, dich zwingt Dinge zu tun, unter denen deine Seele leidet, ich werde dir helfen, ihm zu begegnen. Du bist nicht allein in dieser Schlacht. Die Geister, die uns zusammengeführt haben, kannten den Grund. Einen Grund, den auch wir eines Tages erkennen werden.”
“Das ist keine Schlacht, Alan. Kein Kampf für dich. Du bist mehr, besser als das...”
David senkte den Kopf, müde, ausgebrannt. “Du musst das verstehen. Ich bin nicht das, wofür du mich hältst.”
Alan fuhr damit fort, ihn stumm anzusehen.
David fühlte sich, als würde ihn der Blick Schicht für Schicht entblättern, als wollte er nicht eher ruhen, bis er sein Zentrum erfasst und enthüllt hatte.
“Ich werde dich nicht gehen lassen.”
David blickte auf, hypnotisiert von der Macht dieser Augen. “Du weißt nicht, was du sagst.”
Seine Stimme klang tonlos.
“Egal was auf dich lauert, David. Ich werde dir helfen, das durchzustehen.”
“Du hast keine Ahnung, worum es geht.”
“Nein.”
Alan trat auf David zu, bis er die Wärme des anderen Körpers spüren konnte.
“Erzähl mir davon, David, und wir werden damit fertig.”
David schüttelte den Kopf.
“Du weißt nicht, was du da tun willst. Ich werde gehen, ich muss es tun. Verschwinden, solange es noch möglich ist.”
“Ist es denn noch möglich, David? Kannst du gehen?”
Der Blonde sah auf. Die ersten Strahlen der Morgensonne erreichten den Horizont, warfen einen überirdischen Schein, der den Größeren umrahmte, das Dunkel seines glänzenden Haares vertiefte, das markant geschnittene Gesicht in Schatten tauchte, aus denen lediglich die Augen wie schwarze Perlen auf ihn herab schimmerten.
Der exotische Duft nach fremden Kräutern und seltsamen Gewürzen, erfüllte schwer seine Sinne, drängte sich machtvoll in sein Bewusstsein, zeigte ihm, was er niemals wieder hatte entbehren wollen.
Und er ahnte, dass es zu spät war, dass er nicht mehr fliehen konnte, dass die Zeit abgelaufen war, die Fänge all derer, die ihn umklammern wollten, von überall her aus dem Boden krochen, ihn erspürt hatten, ihn in ihr Netz gewoben, nie mehr zulassend würden, dass er sich aus ihren Klauen befreite.
“Wenn du mich nicht gehen lässt, so wirst du es bereuen.”
Ein letzter, verzweifelter Versuch, sich frei zu winden,... zum Scheitern verurteilt, wie all die vergeblichen Versuche zuvor. Sein schmerzerfüllter Blick warnte Alan, erzählte ihm von dem Fehler, den er zu machen bereit war.
“Ich würde es bereuen, dich fortzulassen”, antwortete Alan schlicht.
“Es ... es gibt eines...”David schluckte und wandte den Blick wieder ab.
“Etwas, das ich dir erzählen muss, es ist wichtiger als alles andere. Etwas, das du sofort tun musst.”
Er sah auf seine Füße, den Staub, der seine ausgetretenen Schuhe bedeckte.
“Du musst deine Familie wegbringen. Hier ist bald niemand mehr sicher. Bring sie fort, bring so viele wie möglich fort von hier.”
“Es ist unser Land, David.”
“Ich weiß... es ist nur...”Er stockte.
“Es gibt Leute, die das anders sehen, und die vor nichts zurückschrecken werden... vor gar nichts, Alan. Bring die Kinder fort!”
“Du verstehst nicht, David. Wir haben nichts anderes, als unsere Wurzeln.”
David rieb sich die Stirn.
“Und die sind stark und werden auch das hier überstehen, wie immer es sich entwickelt. Alan...”, er blickte hoch.
“Ich kann dir nichts sagen, ich weiß selbst nichts, das dir, das euch helfen könnte. Aber...”
David stockte wieder. “Ich weiß, dass ich Carmen und Hawk in Sicherheit wissen möchte, dass ich alle hier in Sicherheit wissen möchte, dass, egal was ich tun werde, egal was passieren wird...”
Sie werden sicher sein, David. Ich verspreche es.”
“Alan, ich ... ich kann dir nicht mehr sagen... es wäre wirklich besser, ich würde...“
David blickte zur Seite, wo stumpfe Farben begannen, in dem Licht zu leuchten, das sich aus den über ihnen zusammenziehenden Wolkenbergen seinen Weg bahnte, sprach leise, mehr zu sich selbst.
“Du weißt nicht, was den Menschen zustößt, die... die in meiner Nähe bleiben, die nicht die Gelegenheit ergreifen, sich, so weit sie können, von mir zu entfernen.”
Alan trat näher. “Komm mit mir. Es wird alles gut werden.”
Müde schüttelte David seinen Kopf, eine beinahe unmerkliche Bewegung.
“Ich...”
Alan streckte seine Hand aus, berührte ihn an der Schulter, sah auf ihn hinunter, lange, intensiv, beschwörend, bis David endlich zu ihm aufblickte.
Er zitterte, seine Knie drohten nachzugeben, die Erschöpfung überfiel ihn mit Macht, forderte erneut ihren Tribut.
Gerade noch rechtzeitig gelang es dem Lakota, ihn zu stützen, seinen Arm um ihn zu legen und ihn an sich zu ziehen, bevor er das Gleichgewicht verlor.
Er ergriff Davids nach vorne baumelnde Hand und legte sie sich um den Nacken, übernahm das Gewicht, das sich ihm entgegen lehnte mit spielerischer Leichtigkeit.
Seine Augen hielten den Blick Davids fest, ihn mit sich nehmend, seine Last tragend, als bestände sie in nichts Schwererem, als dem Flaum einer Feder.
*
“Ich habe es dir gesagt, du machst einen Fehler.”
Thomas schüttelte ärgerlich seinen Kopf, fuhr sich durch das abstehende Haar. Auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen, als er seinen Cousin wütend anstarrte.
“Ich weiß, dass es einen Grund für all das gibt. Vertraue mir, er wird das Richtige tun.”
“Natürlich.”
Thomas schnalzte mit der Zunge, er musterte Alan beinahe spöttisch, atmete tief durch, bevor er fortfuhr.
“Meine Geduld hat auch irgendwann ein Ende. Ich kann nicht verstehen, dass du...”
Er biss sich auf die Zunge, starrte auf den Boden, bevor er sich abrupt umdrehte. “Mach was du willst, Alan... ich bin nicht bereit, dir in dieser Sache zu folgen.”
*
David wartete.
Die Schritte entfernten sich, erst die des einen Mannes, dann die längeren Alans, dessen weichen Gang er bereits problemlos aus allen anderen Geräuschen heraushören konnte.
Er schluckte das Bittere, das sich seine Kehle hinaufarbeiten wollte, hinunter, und lauschte noch einmal in das dämmerige Gebäude hinein.
Die Würfel waren gefallen, alles Weitere lag nicht mehr in seiner Hand.
Er rieb die feuchten Hände an seiner Jeans trocken, bevor er lautlos die Tür öffnete.
Sie hatten sich entfernt, das Haus war frei von jedem Lebenszeichen, und ihm blieb nur noch die Hoffnung, dass seine Warnung nicht auf taube Ohren gestoßen war, dass der stolze Lakota verstand, was er ihm anzudeuten versucht hatte.
Vorsichtig schlich er den schmalen Gang entlang, die ausgetretenen Stufen hinunter, sorgfältig jede knarzende Stufe, jedes schiefe Brett, das ein Geräusch von sich geben konnte, vermeidend.
Er war allein, aber dennoch nicht bereit, ein Risiko einzugehen, beachtete automatisch jede Vorsichtsmaßnahme, umging jede Quelle für eine mögliche Lautentwicklung.
Es war beinahe dunkel, die Zeit des Wartens hatte ein Ende gefunden.
David öffnete das enge Fenster, das in Richtung des Stalles zeigte, das er vorsorglich schon während einer seiner ersten Erkundungstouren durch das Gebäude geölt hatte, und schwang sich wie ein Schatten hinaus in die Nacht.
Nur das sanfte Zirpen der Insekten, die mit der Dunkelheit zum Leben erwachten, mischte sich mit dem leisen Rascheln des Strauches in den er sich duckte, obwohl Stimmen und Schritte der Männer sich auf ein entfernteres Ziel zu bewegt hatten.
Er wartete wieder, um sicher zu gehen, dass er alleine war, dass kein zweites menschliches Wesen außer ihm den Boden der Farm betreten hatte.
Die verbrannte Haut an seinem Hals schmerzte höllisch, sicherlich nicht zuletzt, da er die kühlende Salbe, mit der Alan die Wunde versorgt hatte, sobald dieser gegangen war, wieder abgerieben hatte, vermutlich etwas zu gründlich, denn er hatte erst aufgehört zu reiben, als er das Blut fühlte, dass seinen groben Fingern entgegen quoll.
Aber er hatte es nicht riskieren können, dass ihn die Medizin des Schamanen betäubte, dass ihn die Substanzen, die jener verwendete, einschläfern oder abstumpfen würden, denn, wie heilsam und wohltuend dessen Kunst auch gewesen war, er war lange genug schwach gewesen.
Welche Macht auch immer Alan über ihn ausüben mochte, welchen Einfluss er über seinen Verstand gewonnen hatte, es spielte nun keine Rolle mehr. Der Lakota hatte die Entscheidung selbst getroffen, ihn von sich aus gezwungen, seinen düsteren Weg weiterzugehen.
David schlich weiter, nutzte Schatten, nutzte sein Wissen, nutzte die Kenntnisse, die er sich im Laufe seines Lebens erworben hatte, als er lautlos, schlangengleich seinen Weg suchte.
Die Messer, die er Alan entwendet hatte, schmiegten sich kalt an seine Hüften und sein Bein, Vorboten dessen, worauf er sich gefasst gemacht hatte.
*
“Okay Mann. Du bist die Rothaut von uns.”
Phil rieb sich die Hände, warf David einen immer noch zweifelnden Blick aus den Augenwinkeln zu.
“Wenn der Boss meint, du hättest hier den Durchblick, dann beweis uns doch mal, was du drauf hast.”
Er grinste hämisch, nickte Calvin zu, der sich gerade an den beiden anderen Männern, die aus dem zweiten Truck kletterten, vorbeidrängte.
“Was sagst du dazu, Dicker?”
“Halt’s Maul”, zischte der andere, sich sichtlich unbehaglich fühlende Mann.
“Schluss damit”, fuhr David dazwischen.
“Für so etwas ist keine Zeit.”Er näherte sich dem Fahrzeug und untersuchte die Ladung.
“Gut.” Er nickte. “Es wird nicht viel ausrichten, aber für einen gewaltigen Schreckschuss sorgen, wenn ihr...”, er betrachtete die traurigen Gestalten um sich herum mit Skepsis.
“Wenn ihr schnell und vorsichtig arbeitet, und euch nicht erwischen lasst.”
“Und wo bleibt da der Spaß?”, murmelte eine hinter dem Koloss neben Calvin verborgene Stimme.
“Ich dachte, wir heizen denen nicht nur ordentlich ein, sondern zeigen ihnen ein für allemal, was Sache ist... Jeremy hat gesagt...”
“Jeremy ist nicht hier”, schnitt David ihm das Wort ab. “Er hat mir das Kommando für diesen Einsatz übertragen.”
“Jetzt spiel dich mal nicht so auf, Bürschchen”, rief die immer noch körperlose Stimme etwas lauter.
“Ich weiß, dass wir freie Hand haben, wir könn’ anstellen was wir wollen, die Bullen aus der Stadt drücken beide Augen zu.”
Davids Augen durchbohrten die Dunkelheit. “Das wird dir aber nichts helfen, wenn du einen Pfeil im Rücken hast, also gib Ruhe.”
“Deshalb machen wir das Ganze doch, Mann. Wir wollen die nicht mehr - also, warum nicht gleich Nägel mit Köpfen? Ich hätte nicht übel Lust, einer der eingebildeten Squaws zu zeigen, wo der Hammer hängt, während ihr Häuptling an einer Ladung Schrot krepiert.”
“Es reicht!” David erhob nun auch seine Stimme. “Darüber gibt es keine Diskussion.”
“He, was glaubst du, wer du...”
Weiter kam er nicht. Ein gezielter Schlag landete auf dem Kinn Phils, der entgeistert zur Seite taumelte, und dabei Calvin mitriss.
Der Weg zu dem aufmüpfigen Sprecher war nun frei, und David zögerte keine Sekunde.
Ein Tritt in den Magen, unmittelbar gefolgt von einem Stoß mit dem Ellbogen ließ den Mann zuerst nach vorne und dann wieder rückwärts stolpern, bis er mit einem blechernen Laut gegen den Truck stieß und an dessen Seite herabsank.
“Hat noch jemand etwas zu sagen?”
Davids Augen blitzten.
Die Männer sahen betreten zu Boden, zwei von ihnen halfen Phil wieder auf, der an der Lippe blutete, die anderen blieben bewegungslos, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt.
“Schon gut, Chef... was du sagst!”
David nickte und deutete auf die Kanister, mit denen der erste Wagen gefüllt war.
“Ihr könnt nur hoffen, dass uns bis jetzt niemand gehört hat. Haltet euch an den Plan. Jeder weiß, was er zu tun hat.”
Schweigend belud sich einer nach dem anderen, nahm Lampe und Wegbeschreibung entgegen, bevor sie sich trennten, jeweils zu zweit in verschiedene Richtungen verschwanden. David ergriff den letzten Kanister.
“Das werden sie dir übelnehmen, Junge.”
Der grauhaarige, hagere Mann, der zu seiner Begleitung ausgewählt worden war, sah ihn interessiert an.
“Hast du eine Ahnung, wie lange die sich schon darauf freuen, loszulegen?”
David schüttelte verächtlich den Kopf.
“Dann sollten sie sich fragen, warum sie einen wie mich gebraucht haben. Einen Krawall starten kann jeder.”
Der andere zuckte mit den Schultern. “Ich weiß nicht, du wirst sie kaum davon abhalten können, mehr zu wollen. Die Wut staut sich schon zu lange.”
David biss sich auf die Zunge. Das Letzte, das ihm jetzt noch fehlte, wäre eine Diskussion dieser Art.
“Wir gehen”, murmelte er und trabte los ohne sich umzusehen.
Licht war nicht notwendig, er kannte die Gegend in und auswendig, jeder Stein war ihm vertraut geworden.
*
Der stechende Geruch des Benzins betäubte Davids Sinne, als er den Kanister gegen die Gebäudewand leerte, genau an der Stelle, an der er in dieser Nacht schon einmal gelauert hatte.
Er blendete Gedanken, Gefühle aus, funktionierte automatisch, erfüllte die Aufgabe, die er geschworen hatte zu erfüllen.
Das Feuerzeug schnappte auf, die gelbe Flamme züngelte hoch, leckte hungrig an dem morschen Holz, bevor sie mit einem gewaltigen Zischen zu explodieren schien, höher und höher stieg, den Fensterrahmen erfasste, umarmte, in blendender Helligkeit und betäubender Hitze verschlang.
David wich zurück, deutete seinem Begleiter einen Befehl zum Rückzug an, und entfernte sich rückwärts von dem orange glühenden Quell der Zerstörung.
Er blickte auf seine Uhr. Die Zeit war festgelegt worden, an strategisch ausgewählten Orten würden nun überall die Flammen an Wänden empor kriechen, an sorgfältig angeordneten Holzstößen knabbern, Vorräte und Sicherheiten zu Asche machen.
David fühlte sich hypnotisiert von der Schönheit des Feuers, das wuchs und sich entfaltete wie exotisch fremdartige Knospen, die ihre flammenden Blütenblätter gen Himmel reckten.
Als hätten die Mächte der Erde nur darauf gewartet, dass sich der Funke entzünde, so endete die unbemerkt eingetretene Windstille, der Moment von dem niemand sagen konnte, ob oder wann er begonnen hatte, den sie wie gefangen in einer Glasblase durchlebt hatten.
Ein Orkanstoß fegte über das Land, fuhr durch die Flammen, trug sie höher und höher, streute leuchtende Sterne, glitzernde Punkte über Häuser, Bäume, Wege, wirbelte sie zusammen mit trockenen Blättern und Gräsern hoch, ließ sie in Strudeln auf und nieder tanzen, als folge unmittelbar, unerwartet auf Schweigen und Tod die Gewalt des Lebens.
Sand füllte die Luft, drang in die Augen, behinderte die Sicht, doch verbarg nicht das unnatürliche Licht, das den Himmel über dem Reservat an unzähligen Ecken und Winkeln erleuchtete.
*
Alan sah aus zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Augen nach oben.
Kleine Steinchen und Zweige stachen in seine Haut, aber mehr noch schmerzte ihn das Wissen, dass die mit gelben Schwaden durchwobene Atmosphäre, die emporsteigende Hitze Unheil und Verlust bedeutete.
Einen Moment ausnutzend, in dem die Natur pausierte, noch ein letztes Mal Luft holte, bevor ihr Toben beginnen konnte, sprang der Lakota behende über die letzten Hindernisse, die ihn von seinem Ziel trennten.
Geduckt lief er zu der niedrigen Scheune, glitt durch den offenen Spalt, der sich ihm bot, während er das lose Brett, das Jonas schon sein Jahren vorgehabt hatte zu befestigen, beiseite schob.
Die Boxen der Pferde zu öffnen und diese mit einem leisen Pfiff, der in dem Tumult der sich ändernden Witterung unterging, und sanfter Gewalt ins Freie zu locken, war eine Aufgabe von Sekunden.
Sie würden sich in Sicherheit bringen, die Tiere kannten das Land, und wenn alles vorbei wäre, würden sie zurückkehren, ebenso wie die Menschen.
Alan wich einem Nadelzweig aus, der drohte ihm durch das Gesicht zu fegen, duckte sich vor der Gewalt der Elemente, die um ihn herum wüteten.
Über ihm brodelte es, die Schleusen des Himmels bebten, standen kurz davor zu zerbersten, bewiesen zumindest, dass früher oder später dem Feuer Einhalt geboten werden würde.
Alan lehnte sich dem aufheulenden Windstoß entgegen, und die Überzeugung wuchs in ihm, dass er hier sein musste, nicht nur, um Jonas’ Pferde zu befreien, sondern auch, weil es seine Pflicht war, hier zu sein, etwas zu bezeugen, wovon noch niemand wusste, wohin es sie führen würde.
“Verdammt, bleib stehen, Bastard!”
Eine Kugel pfiff haarscharf an ihm vorbei durch die Nacht, und er taumelte zur Seite, stützte sich mit einer Hand auf und versuchte in Deckung zu gehen, als ein zweiter Schuss fiel, und sein Schienbein durchschlug, bevor er in die Schatten vor ihm abtauchen konnte.
Alan zuckte zusammen, unterdrückte einen Schmerzenslaut, kämpfte sich vorwärts.
Doch das verletzte Bein versagte ihm den Dienst, knickte ein, und er stolperte, rollte sich ab, konzentrierte sich auf das einzige Ziel.
Wäre er erst im Dunkel verschwunden, würde es ihm leichter fallen, sich unsichtbar zu machen, könnte er sowohl seinen Instinkt als auch den klaren Heimvorteil nutzen.
“Letzte Chance, Mistkerl!”
Schneidend die Stimme, hart und mitleidlos.
Bevor Alan reagieren konnte, erklang erneut ein Schuss, streifte seine Schläfe, pflügte eine beißende Kerbe in sein Ohrläppchen, während er instinktiv versuchte, dem trommelfellzerfetzenden Knall auszuweichen.
Er stürzte vorwärts, spürte gleichzeitig einen schweren Schlag in den Nacken, gefolgt von einem Tritt in seine Nierengegend, der ihm den Atem nahm und endlich die Besinnung raubte.
“Ich hab einen!” Grinsend rieb der Sprecher den Griff seines noch rauchenden Revolvers.
“Scheiße Mann, ich war’s, der den erledigt hat”, überschrie ein Anderer den Lärm.
Alan stöhnte, spürte ein Stechen in seinem Bein, fühlte das Blut in den Boden sickern.
Der Wind jammerte über ihn hinweg, der steinige Boden hatte sein Gesicht aufgescheuert.
Mühsam versuchte er, sich aufzustützen, hochzukommen.
“Verdammt, die Rothaut lebt noch.”
Die Blicke der beiden Brandstifter trafen sich.
“Ich mach ihn kalt.”
Der Schütze entsicherte seine Waffe von neuem.
“Mach hin, hier dürft’s gleich aussehen wie im Fegefeuer. Das is nix für Mamas Sohn.”
Seine Arme wollten ihn nicht tragen.
Alan unternahm eine verzweifelte Anstrengung sich seitwärts zu rollen, dem Schicksal, das sich ihm androhte, zu entgehen.
Das Aufheulen, das sich seinen Lippen entrang, wurde verschluckt von dem Geheul des aufkommenden Sturms, dem beängstigend lautstarken Knacken und Knistern, das trockenes Holz ertönen ließ, wenn es verbrannte.
“Was ist hier los? Wieso seid ihr bewaffnet?”
“Verpiss dich, David. Wir haben dir gesagt, dass wir aufräumen, und hier liegt genug Müll herum.”
“Gib mir die Waffe!”
“Hol sie dir, Arschloch!”
Geräusche eines Kampfes, eines kurzen Kampfes.
Alans Armen gelang es endlich, seinen Körper abzustützen.
Er biss die Zähne zusammen, und verlagerte Gewicht auf sein heiles Bein, drehte sich leicht, um einen Blick auf das Geschehen werfen zu können.
Einer der Männer lag am Boden, sein Revolver blitzte nun in Davids Händen auf.
Der Agent atmete schwer, sein schmerzverzerrtes Gesicht das einzige Zeugnis der Treffer, die er hatte einstecken müssen.
Aber er richtete die Waffe nicht auf den bewusstlosen Körper vor ihm, sondern auf ein Gegenüber, das ihn ebenfalls mit einem, sich im Anschlag befindlichen Schnellfeuergerät bedrohte.
Hinter seinem Gegner tauchten nach und nach weitere Gestalten auf, Augen und Münder aufgerissen in einer Mischung aus Hass und Ekstase.
“Verdammt, David. Hör auf Zicken zu machen.”
“Die Waffe runter!”Schneidend durchdrang Davids Stimme das Chaos, biss sich wie ein Pfeil in Alans Sinne.
“Das werde ich nicht!”Der andere antwortete verstockt.
“Das war nicht abgesprochen.”
“Scheiß drauf, Mann!”
Calvin schrie vor Wut. “Wir haben eine Rechnung zu begleichen.”
“Die feigen Memmen haben sich verpisst. Die beschissenen Hütten sind leer.”
Phil stieß ihn beiseite. “Wir wollen Blut fließen sehen, und haben keine Lust, uns den Spaß verderben zu lassen.”
Die Männer traten zusammen, bildeten eine geschlossene Einheit, die unausgesprochene Drohung deutlicher in ihrer Absicht, als das sich über ihren Köpfen zusammenballende Verhängnis.
David blickte aus den Augenwinkeln hinüber zu Alan, der noch am Boden lag, doch versuchte sich vorwärts zu schieben, den Körper verdreht, ein Bein hinter sich her ziehend.
Ihre Augen trafen sich. “Die Rothaut muss krepieren. Wir lassen uns nicht mehr auf der Nase herumtanzen.”
David zögerte nicht mehr.
Er visierte sein Ziel an, die Welt stand still, und er schoss. Ein entsetzter Aufschrei und sein Gegenüber hielt ein blutendes Handgelenk.
Die Waffe lag im Staub.
David schoss erneut. Diesmal traf die Kugel haarscharf neben Calvin in eine Hauswand.
Die nächste pfiff an Jeremys Kopf vorbei.
“Das hier ist meine Verantwortung”, brüllte David.
“Ihr verschwindet und ich erledige das.”
“Mach ihn kalt, Chef!”
“Ihr geht jetzt... sofort!”
“Nicht bevor...“
Die Männer bewegten sich vorwärts.
David glaubte ein tiefes Grollen zu vernehmen, Natur oder blinde Wut hatte gesprochen.
Er wandte sich zu Alan, durchmaß die Entfernung zwischen ihnen in raschen Schritten, riss ihn mit der freien Hand an seinen Haaren hoch und zerrte ihn mit sich. Das noch heiße Metall der Waffe bohrte sich gegen Alans Schläfe, ließ ihn zurückzucken. Vergeblich! David hielt ihn in eisernem Griff.
“Verschwindet!”
David glaubte Regentropfen zu spüren, die in der Hitze des tobenden Feuers verdampften.
Er krümmte seinen Finger, betätigte den Abzug, schoss, bekämpfte die Gewalt des Rückstoßes, schoss ein zweites Mal, schleifte den zusammengesackten Körper noch ein weiteres Stück und ließ ihn dann achtlos fallen.
Ohne ihm auch nur noch einen Blick zu schenken, riss er sich los und folgte den vor dem plötzlichen Regenguss fliehenden Männern.
“Scheiße, Mann, du hast’s drauf!”
Der Grauhaarige grinste, als David zu ihnen in den Jeep kletterte.
Phil sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an, doch David reagierte auf keinen von beiden. Er sicherte die Waffe, schob sie in den Bund seiner Jeans und vergrub dann das Gesicht in den Händen.
Die Wagen schlitterten auf den aufgeschwemmten Wegen.
Wie ein nasser Vorhang kam der Regen herab gerauscht, durchtränkte Lebendiges und Totes, verschluckte die Szenerie vor neugierigen Blicken.
Flammenmeere erstarben in der Gewalt des niedergehenden Schwalles, der flutartig herabstürzenden Wassermassen.
Rauch, Qualm, Asche, Kohlenstaub, alles vermischte sich im Bruchteil einer Sekunde zu einer schweren, schwarzen Masse, in der Menschen und Fahrzeuge zu versinken drohten.
Stöhnend trieben die Motoren ihre Last vorwärts, ungeachtet der Flüche und Beschimpfungen, die die Menschen über ihnen ausstießen.
David reagierte auf Nichts davon.
Weder auf die Wut, die Äußerungen, hervorgerufen durch Frust, Enttäuschung und Unbehagen, noch auf die Kämpfe, die die Fortbewegungsmittel ausführten, um ihre Flucht, ihr Fortkommen zu ermöglichen. Er wartete, wartete und hoffte.
*
Der Regen schlug wütend auf die hilflose Erde, reinigte sie, bewegte alles, was sich bewegen ließ, wusch die Spuren des Feuers schneller fort, als es vor wenigen Minuten noch vorstellbar gewesen wäre, ließ hohle Löcher, schwarz ausgebrannte Ruinen zurück.
Alan tauchte langsam aus den Tiefen der Bewusstlosigkeit auf. Sein Kopf dröhnte, seine Glieder schmerzten.
Blitzartig flammte Davids Gesicht in seiner Erinnerung auf, Eiseskälte, beinahe Mordlust in den geweiteten Augen, die ihm im Licht der Flammen glasig und stählern erschienen waren.
Für einen Moment hatte Alan gezweifelt, seine Intuition in Frage gestellt.
Doch sie hatte ihn nicht getäuscht, wenngleich er diesen Verlauf der Ereignisse nicht erwartet hätte.
Seine Haut brannte wie das Feuer, das im Wasser ertrunken war, dem Wasser, vor dem Alan wenigstens halbwegs geschützt wieder zu sich kam.
Er erinnerte sich an den Schuss, der ihm die Schläfe versengt, seine Haare dort gekräuselt und von seinem Kopf gezerrt hatte, bevor sie aufgrund der Hitze in der Atmosphäre verglühen konnten.
Er erinnerte sich an den zweiten Schuss, der den Stoff seines Hemdes durchschlagen, eine rote Brandspur quer über seinen Rücken gerissen hatte, und nur deshalb nicht in der Lage gewesen war, seine Arterien zu zerfetzen, weil David Alan im Moment des Abfeuerns brutal seitwärts manövriert und mit einem raschen Stoß seines Knies die Richtung des Falles gelenkt hatte, der mit seinem Sturz in die Besinnungslosigkeit endete.
Nichtsdestotrotz blieb er verletzt, blutete aus mehreren Wunden, und das Dröhnen in seinen Ohren übertönte die Geräusche des Regens.
Alan konzentrierte sich auf seine Atmung, begann den Schmerz aus seinem Bewusstsein zu verbannen.
Das Dröhnen wurde lauter, als er versuchte sich aufzurichten.
Die Verletzung seines Schienbeines behinderte ihn. Die Zweige und Äste, in die er gestürzt war, hatten seinen Körper zerstochen, ihm jedoch gleichzeitig den unmittelbaren Kontakt mit dem verschlammten, bald einem Moor ähnelnden Boden erspart.
Über ihm wölbte sich ein kurzes Vordach, das den Großteil der Feuchtigkeit ferngehalten hatte, und an das der halbzerfallene Geräteschuppen, den sich die drei umliegenden Farmen teilten, grenzte.
Alan ertastete das Holz der Wand. Seine Finger suchten wie von selbst einen Spalt, und er zog sich hoch bis es ihm gelang, sich zu setzen. Aufatmend lehnte er sich an das raue Holz, das Geräusch in seinen Ohren unverändert. Er schloss die Augen, hoffte, dass der Schwindel nachlassen, die Schwäche vergehen würde, betete stumm um Stärke.
Die Ahnen, die er anflehte, vernahmen sein Flehen, sandten ihm ihre Kraft, ihre Ruhe und den Willen, seinen Weg weiterzugehen.
Alan drängte die rot glühenden Wogen, die seinen Körper erschütterten, zurück. Unerbittlich strömten sie mit dem Ziel auf ihn ein, ihm die Besinnung zu rauben, ihn seinen Qualen erliegen zu lassen.
Schmerz und Angst waren Kräfte, mit denen er umgehen konnte, die er gewohnt war, in Schach zu halten.
Er zwang sich zu gleichmäßigen Atemzügen, zwang seinen Geist, frei von den irdischen Fesseln zu wandern, über sein eigenes Schicksal hinauszugehen, den Blick zu heben, bis die Überwindung der physischen und psychischen Grenzen erreichbar schien.
Alan beschwor sein Totem, beschwor dessen Macht, Wissen und Weisheit.
Der Adler würde ihn führen, ihn leiten und stützen, so wie er es bisher getan hatte; sein Scharfsinn und seine Entschlossenheit würden die Richtung weisen.
Und Alan erinnerte sich an einen anderen Tag, vor langer Zeit, einen besonderen Tag, an dem er ihn ausgesandt, an dem er ihn auf die Reise geschickt hatte, seine andere Hälfte zu suchen, die Seele, die mit der seinen untrennbar verbunden gewesen war, die mit der seinen zusammen, ein Ganzes ergab.
Er hatte ihn immer gefunden.
Alans Totemtier hatte seine Entsprechung in Tim erfühlt, war über ihm gekreist, bis auch Tims Eigenes aufmerksam wurde, bis die erdgebundene Kreatur, sich dem Himmel entgegen reckte, den Greifvogel als Teil seiner Selbst begrüßt und schließlich ersehnt hatte.
Das Totem hatte gewartet, bis sie sich zwischen den Elementen, über die Barrieren hinweg, die Himmel und Erde ihnen auferlegten, gefunden, berührt und vereinigt hatten, miteinander verschmolzen waren, bis nichts als der Tod sie voneinander trennen konnte.
Schon damals hatten sich Fesseln gelöst, waren Hürden übersprungen, Hindernisse umgangen worden.
Tim und er hatten einander entdeckt, gehalten, ein untrennbares Band gesponnen, doch einfach war es zu keiner Zeit für sie gewesen. Beide hatten sie gezweifelt, beide versucht zu fliehen.
Und doch hatte Alan ihn immer wieder aufgespürt.
Nicht nur zu der Zeit ihrer Begegnung.
Auch später war es ihm unmöglich geworden, ihn gehen zu lassen, ihm zu erlauben, sich vor ihm zu verstecken, sosehr er es auch versucht hatte.
Zu deutlich war die Lektion, die er selbst einst gelernt hatte, in sein Gedächtnis graviert.
Denn zweimal war Alan selbst geflohen.
Das erste Mal aus dem Reservat.
Er hatte damals versucht, sich aus den Stricken zu befreien, in die Tradition, Geschichte, Vergangenheit und die Hoffnungslosigkeit der Gegenwart ihn einschnürten.
Er hatte versucht, all das hinter sich zu lassen, einen anderen Weg zu wählen. Doch am Ende musste er feststellen, dass es ihm unmöglich war.
Zu tief waren die Muster seiner Kultur in sein Wesen geprägt, zu stark seine Bindung an das Land, das Volk, in dem er aufgewachsen war.
Es hatte ihn gerufen, unabhängig davon, in welche der vier Himmelsrichtungen er sich gewandt hatte.
Sie ließen ihn keinen Augenblick im Zweifel darüber, an welchem Ort letztendlich seine Bestimmung lag.
Als er zurückgekehrt war und das Leben, das sich ihm darbot, akzeptierte, sich bemüht hatte zu lernen und das Wissen zu erlangen, das sein Vater ihm mitgeben wollte, da hatte das Schicksal ihn schließlich erneut herausgefordert.
Es hatte ihm zu früh den Lehrer, den er so dringend brauchte, entrissen. Und das zweite Mal war er gegangen, ohne auch nur zu ahnen, welche Konsequenzen es haben würde, hatte etwas verlassen müssen, von dem er noch nicht gewusst hatte, was es ihm bereits bedeutete.
Er war gegangen, um zu lernen, die Verantwortung zu tragen, so gut er es vermochte.
Daran zu denken, dass die Begegnung mit Tim noch Anderes bedeuten könnte, als das Naheliegendste, wäre ihm wie ein Sakrileg vorgekommen.
Zu viel war zu schnell passiert, er hatte Zeit gebraucht, seine Gedanken zu ordnen. Doch hatte er Tim vermisst, ohne es sich zugestehen zu wollen.
Dieser Winter war zu dem Schlimmsten seines Lebens geworden, schlimmer als all das, was folgte, schlimmer als die Prüfungen, die ihnen noch bevorstanden, denn die Zukunft hatte leer und ungewiss vor ihm gelegen, ohne den Trost, den nur ein einziger Mensch ihm spenden konnte.
Immer wieder war er versucht, alles stehen und liegen zu lassen, immer wieder hatte er sich gewünscht, zu dem Mann zurückzukehren, der innerhalb nur weniger Monate zu einem Teil seiner Selbst geworden war.
Und immer wieder hatte er das Verlangen bekämpft, unterdrückt, Sehnsüchte in seinem Inneren verschlossen, Furcht und Zweifel siegen lassen.
Nur, wenn es unerträglich geworden war, wenn ihn die Kälte, das Eis, der Schnee gefangen, und noch mehr gequält hatten, als die Einsamkeit, die er erst spüren konnte, seitdem Tim ihm gezeigt hatte, wie es war, ohne sie zu leben, nur in diesen dunklen Augenblicken hatte er sich erlaubt, in die Nacht hinauszulaufen.
Es waren Nächte, in denen sein Atem als helle Wolke vor ihm der einzige Grund zu irgendeiner Hoffnung erschien.
Er hatte seinen Schmerz und seine Sehnsucht hinausgeschrien, so dass die wenigen Tiere, die dem Winter nicht geflohen waren, aufschraken und ihm bewiesen, dass er nicht das einzige Wesen auf der Welt war, das Leid ertrug.
Aber die kalte Jahreszeit war vorübergegangen, nur die Leere in seinem Herzen und die Qual des Verlustes waren seine ständigen Begleiter geblieben.
Bis eines Tages Tim aufgetaucht war, unerwartet, unvermutet vor ihm gestanden hatte, unkompliziert und lachend, wie ein Sonnenstrahl, der das Licht in Alans Innerem aufgehen ließ.
Und erst viel später hatte er ihm gestanden, dass auch er gelitten, dass auch ihn die Zweifel gequält, dass er mit sich gerungen hatte, solange bis ihm klar geworden war, dass es nur eines gab, das er tun konnte.
Und Alan hatte ihn bewundert für seinen Mut, geliebt für seine Offenheit und die Selbstverständlichkeit, mit der er alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt hatte.
Er bewunderte ihn für das wachsende Verständnis, das er ihm und seinen fremdartig anmutenden Gewohnheiten nicht nur entgegengebracht, sondern sich auch zu Eigen gemacht hatte.
Ohne jemals weiter darüber zu sprechen, hatten sie sofort gewusst, welche Nächte es waren, in denen die Trennung ihnen besonders schwer fiel.
Sie erkannten doch mit jedem Tag, mit jeder Stunde deutlicher den Gleichklang ihrer Seelen, dass sie mehr füreinander, voneinander wussten und spürten, als sie es für möglich gehalten hatten.
Und als Tim dann geflohen war, ihn angefleht hatte, ihn allein zu lassen, um seinetwillen, da war er es gewesen, der ihn zurückgeholt hatte.
Da hatte er ihn gefunden und festgehalten, trotz der Angst, die den blonden Mann dicht und hart umgab, wie eine abweisende Glocke abgeschirmt, sich gegen seine Nähe wehrend.
Tims Verzweiflung wurde die Seine. Sie bewiesen die Kraft ihrer Beziehung an der Bürde, die sie gemeinsam zu tragen hatten, an der sie gewachsen waren.
Damals schon hatte der Adler seine Kreise gezogen, den Himmel durchquert, seine scharfen Augen hatten die Welt erforscht auf der Suche nach dem Erdwesen, das untrennbar mit ihm verknüpft war.
Und ohne dass Tim Kontrolle über es gehabt hätte, war sein Geistertier aus dem Schatten getreten, hatte mit schlanken Hufen die Spuren geformt, die Alan geführt, hatte der braunäugige Hirsch den stolzen Kopf geneigt und doch auf des Adlers Ruf geantwortet.
Alan hatte ihn gefunden, versteckt in dem schäbigen Motelzimmer jenseits der Grenze, allein und krank vor Schmerz und Trauer.
Und er hatte ihn aufgehoben und mit sich genommen, ihn auf seinen Flügeln getragen, auf denen er sich von den Fesseln der Erde gelöst hatte.
Und Alan zeigte ihm, was er bereits vor ihm erkannt hatte.
Es gab nichts, das sie trennen konnte, es war etwas Größeres, das sie vereinte, etwas Unbeschreibliches, das sich ihrem Einfluss und Willen entzog. Davor zu flüchten bedeutete eine vergebliche Anstrengung, die nichts als Leid und Scham mit sich ziehen würde.
Alan öffnete seine Augen wieder und fand sich weit über dem verletzten Körper, der dem Boden verhaftet blieb.
Seine Schwingen bewegten sich ruhig und gleichmäßig, die klare Luft reinigte seinen Geist.
Er spähte hinab auf die ferne Erde, auf der Wahnsinn und Hass wüteten, doch er suchte nur eines der Wesen dort unten.
Und er wusste, dass die Schlange in Davids Seele nach ihm suchte mit einer ähnlichen Entschlossenheit wie sie in ihm selbst innewohnte.
Er wusste mehr als alles andere, dass sie sich diese bewahrt hatte, dass sie fühlen konnte, nicht allein zu sein, und dass die Gefahr, in der sie sich befand, nicht überwunden, sondern größer war, denn je zuvor.
*
• * * *
Der Regen hatte so plötzlich aufgehört, wie er begonnen hatte.
Geblieben waren die nassen Kleider und die Enttäuschung bei dem Gedanken, dass der Feldzug des ‘ Schwertes ‘ nicht den erwünschten Erfolg erbracht haben dürfte.
Die Fahrzeuge preschten durch schmutzige Pfützen, rüttelten ihre Passagiere gegeneinander, doch die unsanfte Reise entlockte ihnen nicht mehr als ein frustriertes Murren. David konnte es fühlen, wie sich die anfänglich noch durch das Adrenalin und die Begeisterung für roh ausgeübte Gewalt aufgeheizte Stimmung mit jedem Meter, den sie zurücklegten, zunehmend gegen ihn wandte.
Je näher sie dem Zentrum kamen, desto unbehaglicher begannen sich die Männer in ihren zusammengedrängten, unbequemen Positionen zu winden. Sei es, dass die im Geiste zusammengestellten Erfolgsberichte und Heldentaten, den zuvor gehegten Vorstellungen nur bedingt entsprachen, oder dass sie die Konfrontation mit ihren Auftraggebern fürchteten. Oder weil die Aktion nicht nur abrupt abgebrochen, sondern auch weitgehend ohne die erwünschte Lösung abgelaufen war.
Obwohl David noch immer seinen Blick auf den Boden des Wagens gerichtet hielt, spürte er die Augen der Männer, die sich in seinen Körper bohrten, die mit jeder Minute, die er schweigend verstreichen ließ, sich mit größeren Zweifeln oder mit purem Hass füllten. Er hielt die Spannung aus, ohne auf sie zu reagieren, und wartete auf den nächsten Zug.
Das Gebäude schien dunkel und unbewohnt wie bei dem ersten Mal, als David es vor sich gesehen hatte, und dennoch war etwas verändert.
Elektrizität erfüllte die Luft, die es umgab, sie kribbelte, knisterte, signalisierte eine erwachende Emsigkeit, die ihm bislang entgangen war. Als hätte der Regen die Notwendigkeit eines lange durchgezogenen Versteckspieles hinweg gewaschen, Raum geschaffen für die Entfaltung eines im Geheimen gehegten Planes, der kurz davor stand, das Tageslicht zu erblicken.
Davids Haut prickelte, antwortete auf die unterschwellig wahrgenommene, im Wachstum begriffene Ahnung erneuten Unheils.
Seine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt, als er sich mit einer schnellen Bewegung der Anwesenheit der erbeuteten Waffe, versicherte, bevor er aus dem Fahrzeug kletterte, und seine Leute anwies, ihm zu folgen.
Es kam ihm vor, als würden sie nur widerwillig gehorchen, als wäre er nicht der Einzige, der die Veränderung wahrnehmen konnte. Nichtsdestotrotz drängte er sie vorwärts, überwand in seiner Hast, die Sache zu einem Ende zu bringen, das Zögern, das ihm ein natürlicher Selbsterhaltungstrieb auferlegen wollte.
Der Boden war relativ fest geblieben, größere Anteile an Sand und Stein hatten es verhindert, dass ein frisch entstandener Sumpf aus tiefem Matsch ihr Fortkommen auch hier erschwerte. Ein Donnerschlag ertönte, und danach noch ein weiterer. David zuckte zusammen, sein Blick fuhr in die Höhe. Für einen Moment glaubte er, die Erde erbeben zu fühlen, hörte den entsetzten Aufschrei seiner Begleiter.
Kein Anzeichen von Wind oder Wolken, kein Gewitter, das sie erneut heimsuchte.
Die Welt war stumm geworden, als hätte das ohrenbetäubende Krachen jedes weitere Geräusch, jede weitere Bewegung oder Regung eines Lebewesens erstickt. Es schien ihm, als wäre am Horizont ein Licht aufgeflackert, doch er schob es seiner Einbildung zu, da neben der Stille, auch die Finsternis ungebrochen undurchdringlich wirkte.
“Weiter!”, kommandierte er heiser, wohl wissend, dass die Anderen sich, zumindest in diesem Augenblick, nicht weigern würden ihm zu gehorchen.
Das Zentrum ragte unberührt, unbeeindruckt, hoch vor ihnen auf, eine Festung, die ihnen als Ziel galt. Grelles Licht, das noch intensiver zu brennen schien, als David es in Erinnerung hatte, biss in seine Augen, als sich die Pforte öffnete und sie eintraten.
Das plötzlich eingetretene Schweigen der Männer ließ das verräterische Summen, das er nun nicht mehr leugnen konnte, noch deutlicher hervortreten. Die Mauern vibrierten in unsichtbarer Aktivität, elektronische Nachrichten, Botschaften, Befehle durchdrangen mühelos Stein und Luft, kommunizierten mit durch bloße Sinne nicht wahrnehmbaren Partnern.
Sie wurden weitergelotst, durchgewunken von unbekannten Gestalten, ausgestattet mit Headsets und tragbaren Computern. Die einzigen Geräusche neben dem wispernden Rauschen der elektronischen Wellen, war das ihrer Schritte, das Klappern der Tastaturen und gelegentliches leises Gemurmel.
Sie durchquerten den Zeremonienraum, der sich maßgeblich verändert hatte.
Das große Kreuz lehnte achtlos an der Seite, die mystisch wirkende Beleuchtung war bläulichem Licht gewichen. Und an den Wänden stapelten sich Handfeuerwaffen und Munition, ein Anblick, der mit einem Mal wieder Bewegung in die Eintretenden brachte.
Funken blitzten in ihren Augen, als sie sich Jeremy zuwandten, der gerade sein Funkgerät ablegte und dabei ein breites Grinsen nicht unterdrückte.
“Die Sache läuft, Brüder.”
Energisch stand er auf, betrachtete den begossenen Trupp vor sich belustigt.
“Der Stein ist im Rollen, nun hält uns nichts mehr auf... und ihr...”
Er vollführte eine Bewegung, die sie alle einschließen sollte. “Und ihr habt euren Teil dazu beigetragen, ebenso wie unzählige andere, tapfere Männer auf diesem Planeten heute einen großen Schritt getan haben, um dem Guten zum Sieg zu verhelfen.”
Die Angesprochenen sahen sich zweifelnd an, von ihrem gegenseitigen Anblick nicht gerade ermutigt.
David tastete unwillkürlich wieder nach dem Ort, an dem er seine Waffe versteckt hielt, unsicher darüber, was er von den Worten des Rothaarigen halten sollte. Dieser grinste erneut.
“Ihr dachtet vielleicht, es wärt nur ihr gewesen, die heute der Welt ihren Willen kundgetan haben, aber ihr irrt euch.”
Er schüttelte den Kopf. “Auch wenn die Flammen hier, zumindest äußerlich, schon erstickt sein mögen, so brennen sie doch an anderen Orten umso höher.”
“Aber...”, ein Raunen ging durch die Reihen.
“Wir konnten es euch nicht sagen.”
Götz Cauldron war unbemerkt eingetreten, erhob seine Hand gebieterisch, um sich Gehör zu verschaffen. Er trug nun einen unauffällig grauen Anzug, seine Erscheinung die eines durchschnittlichen Geschäftsmannes.
“Niemand von den tapferen Brüdern durfte es wissen. Wir mussten sicher gehen, dass ihr im Fall eines Misslingens der Aktion keine Informationen besitzen würdet, die unseren Zielen schaden könnten.”
Er erhob seine Stimme. “
Doch diese, erste Hürde ist genommen, überall im Land und in der Welt leuchtet derzeit unsere Fackel, brennen die Schandflecke, die den treuen, gottesfürchtigen Anhängern unseres Ordens, schon seit Anbeginn, als Dorn im Auge, den Blick auf die Schönheit des Göttlichen verletzen.
Endlich fegen wir sie von der Erde, Siedlungen, Slums, Armenviertel, Untermenschen, die die Reinheit unserer Rasse beschmutzen.”
David biss sich hart auf die Zunge, schluckte die bittere Galle hinunter, die in ihm emporstieg, fixierte den Sprecher, dessen helle Augen in wilder Begierde leuchteten.
Jeremy neben ihm sah triumphierend in die Menge, die langsam auftaute, in die nach und nach Leben kam.
“Ihr seid ein Teil des Zeichens, das wir setzen, des Anbeginnes einer neuen Zeitrechnung.”
Zustimmendes Gemurmel wurde laut. “Doch unser Kampf hat erst begonnen, ihr ward der Anfang, und nun werde ich euch von dem nächsten Schritt erzählen, von der Zerstörung der falschen Symbole und Götzen durch die Hand des wahren Gottes.”
Götzs Blick schweifte stolz über die Zuhörer, und David bemerkte nun, dass sich nach und nach, neben der Gruppe von Leuten, die im Reservat gewesen waren, immer mehr Menschen ansammelten, die den Worten ihres Oberhauptes gespannt lauschten.
“Die feige Führung der verweichlichten Mächte dieser Erde wird erzittern, wenn des Morgens die Sonne aufgeht, und dort, wo bislang hohle Statuen den vermeintlichen Geist eines falschen Systems priesen, nur noch ein dunkles Loch gähnt. Das ist der Beweis, dass wir diese Gesichter, die Satan den Menschen zu verehren eingibt, nicht mehr brauchen.”
Jeremy konnte sich nicht mehr zurückhalten, er trat vor und boxte begeistert in die Luft. “Wir haben Mount Rushmore gesprengt, Brüder! Die alten Götter sind tot!”
Gejohle brach aus, erstickte weitere Worte. Götz erhob seine Hände.
“Die Demokratie ist am Ende, sie stirbt und überlässt die Führung einer neuen, strahlenden Macht. Das Schwert des Göttlichen wird von nun an die Geschicke der Welt regieren. Hinter allem, was geschehen wird, steht von nun an einer von uns.”
Erneuter Jubel ertönte.
David stand steif, reglos in der Menge, versuchte zu verstehen. Er ahnte nun, was der Donnerschlag bedeutet hatte, doch alles Weitere war einfach zu unglaublich, als dass er es als Wahrheit hätte akzeptieren können.
Nach Dixons Worten hatte er mit vielem gerechnet, doch das Ausmaß der Pläne schien auch seine Erwartungen überstiegen zu haben. Es war umgehend notwendig Kontakt mit ihm aufzunehmen, er musste mehr darüber erfahren, was wirklich geschehen war, musste seine Erfahrungen weiterleiten.
Er sah sich um, sein Blick suchte einen Ausgang, einen Weg, um unauffällig verschwinden zu können, einen Weg, eine Nachricht hinauszuschmuggeln.
*
Alan war es gelungen sein Bein zu schienen.
Sein Hemd in Streifen zu reißen, die Blutung zu stoppen, und das verletzte Glied mit den Stöcken und gebrochenen Brettern, die für ihn erreichbar waren, zu stützen, stellte sich als einfacher heraus, als der beinahe zum Scheitern verurteilte Versuch, sich aufzurichten, und vorwärts zu kommen, trotz der Schwierigkeiten, die nasse Erde, und durch Brand und Regen herabgestürzte Hindernisse, ihm darboten.
Langsam, jeden Halt benützend, tastete er sich vorwärts. Was ihn antrieb, entzog sich seiner klaren Erkenntnis, die Gründe unklar, verschwommen, im Gegensatz zu der tief in ihm wurzelnden Überzeugung, dass David ihn brauchen werde, dass die größte Prüfung noch nicht bestanden war.
Nur Davids Warnung und der Tatsache, dass sein Wort, das Wort des Wicasa Wasan, für die Lakota schwerer wog, als das Bedürfnis nach Verteidigung ihrer Ehre bis hin zu dem tödlichen Kampf, der keine Sieger und keine Verlierer mehr kennen konnte, war es zu verdanken, dass die entstandenen Schäden überblickbar waren.
Soweit Alans Gespür es ihm vermittelte, waren auch keinerlei schwerwiegende, gar irreparable Verluste zu beklagen.
Und doch blieb die Ungewissheit bestehen, verbarg die wahren Absichten des Blonden im Dunkeln.
Was für einen Grund sollte Alan auch haben, mehr hinter Davids Handlungen zu vermuten, als den gewohnten Frust, den die Weißen seit Jahrhunderten gewohnt waren, an denen auszulassen, die sie nicht kannten und nicht verstanden.
Sie fütterten durch deren Vernichtung ihr eigenes Ego regelmäßig, und waren bemüht, sich mit beinahe beeindruckender Sicherheit an die Spitze der Menschheit zu katapultieren. Warum sollte David anders sein, nun, da er Gesinnungsgenossen gefunden hatte, ihren Aktionen offenbar sogar vorstand.
Alan hatte jeden Grund, an seinen Intuitionen zu zweifeln. Er konnte die frappierende Ähnlichkeit in den Gesichtszügen für seine uneingeschränkte Verteidigung Davids verantwortlich zu machen, eine Laune der Natur, die nichts anderem diente, als der Belustigung von unsichtbaren Mächten.
Denen mochte das Schicksal der Menschen und deren Verwirrung willkommene Unterhaltung bieten. Alan schüttelte die Gedanken ab, als wären es störend an ihm haftende Wassertropfen, die ihn nur äußerlich, und auch dort nur oberflächlich tangieren konnten.
Nein, er hatte in Davids Inneres gesehen, und ebenso sicher wie Alan selbst diese Sekte aus tiefster Seele verabscheute, genau so erging es diesem.
Auch wenn er sich in ihrer Mitte befand, in ihrem Sinne handelte, so gehörte er doch nicht dazu, stand für sich alleine, in einem für Alan noch nicht fassbaren Rahmen, mit einer noch nicht erkennbaren Absicht.
Gewohnt seinem Gefühl zu vertrauen, den Geistern, die ihm erschienen, zu erlauben, ihm seine Richtung zu zeigen, kämpfte Alan sich vorwärts, besiegte Schmerz und die Barrieren, die sich vor ihm auftürmten, dankbar für das Aufklaren des Himmels, für die entstehende Weite über ihm, die es seinen Sinnen erlaubte. über die Begrenzungen des eigenen Körpers hinauszugehen, sich hinauf zu schwingen in höhere Sphären, auf der Suche nach Hilfe, nach Erkenntnis.
*
David bewegte sich unauffällig in Richtung des seitlichen Ausganges, wich den sich gegenseitig auf die Schultern klopfenden Hünen, den sich begeistert in die Arme fallenden Pärchen, geschickt aus.
Beinahe hätte er sein Ziel erreicht, entwarf mit seinem geistigen Auge bereits verschiedene Möglichkeiten, wie er einen der mit elektronischen Kommunikationsmitteln ausgestatteten Beistehenden außer Gefecht setzen und sich seiner Gerätschaften zunutze machen könne, da erschallte Götzs Stimme erneut, verstärkt durch ein Mikrophon, das seinen Worten einen majestätischen Nachhall verlieh.
“Nun berichtet mir von euren Erfolgen, vom Blut des Feindes, das ihr vergossen habt. Ich habe bereits von Orten vernommen, die zu Schlachtfeldern geworden sind, deren Botschaft auch die verborgenen Winkel der Welt erreichen werden.”
Ein unerwarteter Augenblick der Ruhe trat ein, überraschte die Zuhörer noch mehr als den Sprecher.
“Sie waren geflohen”, rief schließlich jemand aus den hinteren Reihen. “Aufgegeben haben sie... als hätten sie schon vorher gewusst, dass...”
“Der Neue hat einen erledigt”, meldete sich der Grauhaarige aus Davids Gruppe. “Den einzigen, der sich ins Feuer gewagt hat, und er hat ihn abgeknallt, als würde er das jeden Tag tun.” Bewunderung und Unglauben schwang in den Worten mit.
“Wo ist er... “Unsichtbare Hände stießen in Davids Rücken und ließen ihn vorwärts stolpern. “Hier hinten!”
Calvins kräftiges Organ durchdrang das erneut entstandene Schweigen, und David spürte einen weiteren Stoß vorwärts.
Er stolperte, wurde gefangen, und der eiserne Griff des weißblonden Phil hielt ihn fest, riss ihn mit sich vor die Augen ihrer Anführer.
Phil japste atemlos, seine Augäpfel rollten nervös von links nach rechts, während er die schneidende Stimme erhob.
“Es sah aus, als würde er die Rothaut erledigen...” Er stieß David heftig mit seinem Ellbogen in die Rippen, so dass dessen Kehle ein Stöhnen entfuhr.
“Aber schon vorher hat er uns die ganze Zeit einen Strich durch die Rechnung machen wollen.” Phil stieß noch einmal zu. “Also ich vertrau dem Mistkerl nicht, und der Orden sollte das auch nicht tun... ich schwör’s...”
“Du bist doch nur eifersüchtig...”, rief ein anderer. “Immerhin hat er als einziger...”
“Genau das meine ich!” Phil lief rot an, seine Stimme überschlug sich. “Der Indianer... das war sein Medizinmann - Freund... das war doch...”
Er verhaspelte sich vor Aufregung, geriet ins Stottern, während David vornübergebeugt keuchte, gesichtslose Hände ihn auf seinem Platz hielten. “Das ging doch nicht mit rechten...”
“Phil hat recht, verdammt...”, schrie der Mann, dem David die Waffe abgenommen hatte. “Der Kerl wollte nicht, dass... und dann hat er...”
Starke Arme erfassten David, zwangen ihn zu Boden, bevor er auch nur daran denken konnte, den Revolver zu ergreifen. “Er hat sie noch...”, brüllte sein Ankläger über das sich entfaltende Getöse und Gelärme hinweg. “Hat sie uns abgenommen...”
“Ruhe!” Jeremy hatte das Mikrophon ergriffen und schrie seinerseits, allerdings mit elektronischer Verstärkung.
Die lauten Stimmen verstummten, wenn sie auch nur in einem keineswegs abebbenden Gemurmel untergingen.
“Beruhigt euch, Brüder.” Er sah hilfesuchend zu Götz. “Vergesst eure kleinen Zwistigkeiten, es ist der Gesamterfolg, der zählt. Und um euch das zu beweisen gesellt heute ein hoher Gast zu uns, einer unserer Vertreter an den Schalthebeln der Macht oder dahinter.”
David wand sich in der stählernen Zwinge, die ihn unten hielt, doch wurde er mittlerweile von zu vielen Händen, Beinen und Körpern fixiert, als dass er sich daraus hätte befreien können, geschweige denn die versteckte Waffe ergreifen.
Götz ergriff das Mikrophon mit einem energischen Ruck und einem strengen Blick auf seinen Vorredner.
“Habt ihr euch unserem Orden verschrieben, seid ihr ihm treu ergeben und zählt die Disziplin zu euren obersten Tugenden?”
Zustimmendes Raunen.
“Zeigt es mir. Ich muss wissen, ob ich euch ganz und gar vertrauen kann, bevor ich euch den Mann vorstelle, der bereits seit Jahren täglich Kopf und Kragen riskiert, sich stets der Gefahr aussetzt, entdeckt zu werden.
Und das alles, weil er an unsere Sache glaubt, weil unsere Ziele und deren Durchsetzung alles sind, wofür er lebt.”
Wildes Kopfnicken und brummend ausgestoßene Laute der Bestätigung und des Wohlgefallens waren die Antwort der Menge.
Götz hob sein Kinn mit Stolz, streckte und sah sich genießerisch um.
“Schon als einer der führenden Industriellen im fernen Argentinien war er einer von denen, die Weichen für uns gestellt, Kontakte geknüpft, Finanzen gesichert haben. Ohne Konzernbesitzer und Politiker wie ihn wären wir nicht das, was wir letztendlich geworden sind. Begrüßt ihn mit hocherhobenem Kopf und voller Ehrfurcht, dass er uns heute und hier die Ehre gibt...”
Er straffte sich und drehte seinen Oberkörper zur Seite, während er mit einer einladenden Handbewegung zu dem dortigen Eingang deutete, der weit geöffnet und leicht erhöht stand, so dass nur wenige Stufen zu ihm hinunterführten.
Eine Gestalt trat langsam vor, und zuerst verhaltener Jubel brauste schließlich auf, nahm an Kraft und Lautstärke zu, je mehr von ihr sichtbar wurde, “... unseren Ordensleiter für das Gebiet des südamerikanischen Kontinents, meinen guten Freund... Eugenius Stark!”
Davids Kopf schnellte aufwärts.
Mit in Schock geweiteten Augen starrte er auf den Mann, der ihm sein Leben zur Hölle gemacht hatte, der es nicht hatte ertragen können, von ihm hintergangen worden zu sein, dem es nicht ausgereicht hatte, ihn einfach zu töten, sondern der ihn in Gefangenschaft gequält und gemartert hatte, bis er geglaubt hatte, den letzten Rest seines Verstandes zu verlieren.
Die Männer um ihn herum johlten, waren nahe daran, ihre Griffe zu lockern, doch die unwillkürliche Bewegung erinnerte sie unvermutet an ihre Pflichten und sie zwangen Davids Körper wieder in die vorige Position zurück. Stark trat nach vorne, schüttelte Götz herrisch die Hand, bevor er das Mikrophon ergriff.
Davids Atem ging stoßweise. Gewaltsam niedergebeugt, schmerzten ihn die Stellen, die zuvor attackiert worden waren, wurde jeder Luftzug zu einem qualvollen Unterfangen.
“Ein Land im Aufruhr!”Starks Stimme dröhnte. “Generationen im Wandel.”
Der Klang der tiefen Stimme, gewohnt vor vielen Menschen zu sprechen, drang in die verborgensten Ecken.
“Ich bin hier, um euch mitzuteilen, dass der Funke der Hoffnung auch in den Hauptstädten der Welt Einzug gehalten hat, dass die Geschicke der Menschheit nicht mehr länger von schwachen Menschen gelenkt werden, die es nicht wert sind, sich Präsidenten oder Staatsführer zu nennen.”
Er hob eine Hand, als wollte er die Bedeutung seiner Worte hervorheben. “Der Notstand wird allerorts diskutiert, die Staatsgewalt zentralisiert. Es ist nur noch eine Frage der Zeit und der Gelegenheit, bis sich unsere Kräfte vereinen. Die aufgesetzten Führungen der Länder werden hinweggefegt von den tapferen Kriegern, die bereits darauf lauern dieser falschen Demokratie die Masken von den leeren Gesichtern zu ziehen. Sie werden sie von den verderblichen Einflüssen reinigen, die uns seit Jahrzehnten beleidigen.”
Sein Blick schweifte über die Köpfe, die ihm begeistert zugewandten Gesichter. “Die falsche Moral, der sündhafte, sogenannte Liberalismus, der diese Welt beinahe zum Untergang verurteilt hätte, ist am Ende, und der Moment ist gekommen, ihr den Todesstoß zu versetzen.”
David zuckte zusammen, sein Körper verspannte sich in dem Bemühen bewegungslos und unentdeckt zu bleiben.
Doch er konnte die Schauer, die ihn erschütterten, das Bedürfnis, die Wut, die in ihm aufstieg, hinauszuschreien, nicht verbergen; das Gefühl der Übelkeit, die seinen Magen zu wilden Kontraktionen veranlasste, kaum unterdrücken.
Mindestens fünf starke Hände hielten seinen Körper zusammengekrümmt nach unten, eine sechste bohrte sich in seinen Nacken, während eine weitere auch den Kopf in seiner erniedrigten Haltung fixierte.
Starks Stimme erschallte, erfüllte die Mauern, als sie siegesgewiss fortfuhr. “Eines wissen wir! Mittlerweile sind wir zu viele, zu stark, zu wahrhaftig, als dass die Saat des Übels unseren nächsten Angriff überstehen könnte.” Der Beifall schwoll erneut an und Stark sonnte sich in der Begeisterung, ließ sich von ihr davontragen. “Der Anschlag ist geplant, Brüder, der Zeitpunkt gekommen. Das weiße Haus wird mit der reinen Flamme unseres Glaubens gesäubert werden, unsere Feinde zu unseren Füßen den unwürdigen Tod sterben, der ihnen gebührt.”
David ächzte gequält, sein Körper bebte, seine Gedanken rasten. Sein Magen verkrampfte sich, und dessen Inhalt drängte mit schmerzhafter Gewalt ans Licht. David hustete, würgte erneut in leeren Krämpfen.
“Scheiße, Mann, was...”
Einer der ihn zu Boden schiebenden Gestalten wich angeekelt zurück.
David versuchte die Gelegenheit zu nutzen, vollführte eine hilflose Bewegung in der Hoffnung, sich in der allgemeinen Begeisterung befreien zu können. Doch ein erneuter Husten schüttelte ihn, die quälende Übelkeit erschöpfender als jeder vergebliche Versuch, sich zu befreien.
Beinahe wäre David vollkommen zu Boden gesunken, die geschwächten Arme versagten ihm den Dienst.
Wäre er nicht von Unbekannten gestützt und schließlich mit einem schmerzhaften Ruck in eine stehende Position katapultiert worden, so hätte er sich dankbar auf der Erde zusammengerollt, seine vergeblichen Bemühungen aufgegeben.
Schwindel erfasste ihn, krampfartiges Würgen schüttelte seinen Körper, besetzte seine Sinne, so dass er nichts mehr um sich herum wahrzunehmen vermochte.
Nicht die plötzlich eingetretene Stille, nicht die Spalte in der Menge, die sich wie von Geisterhand gleichzeitig vor ihm öffnete, die ihm den freien Blick zu dem Mann am Mikrophon gewähren würde, hätte er sie denn bemerken können.
Nicht Stark, der ihm entgegen starrte, als er sich plötzlich in Bewegung setzte, vorwärts gestoßen und gezerrt, unfähig denen, die ihm ihren Willen aufzwangen, etwas entgegenzusetzen.
Die Gasse weitete sich, erlaubte Stark den Blick auf die zusammengesunkene Gestalt, die gegen ihren Willen, widerstrebend zu ihm aufsah, und doch zu schwach war, sich zu sträuben.
“David?” Augenbrauen schossen in die Höhe.
Unglauben, Spott, Amüsement und verhaltener Ärger äußerten sich in dem hastig ausgestoßenen, einzigen Wort. Stark wandte sich an Jeremy, die Stirn in Falten gelegt. “Weißt du überhaupt, wen wir hier vor uns haben?”
“Was denkst du denn, Eugenius? David ist immerhin einer unserer treuesten Anhänger. Er hat bewiesen, dass er...”
Leiser Zweifel schwang in seinen Worten mit, ließ ihn verstummen, noch ehe Stark ihn kurzangebunden unterbrach. “Seit wann, Jeremy, ...seit wann?”
“Nun ja”, druckste der Angesprochene herum. “Er konnte sich uns schneller anschließen, als es einem Anwärter normalerweise gelingt... doch haben wir ihn natürlich in aller Gründlichkeit überprüft...”
Stark schnalzte mit der Zunge und schüttelte seinen Kopf.
“Ich kenne ihn”, sagte er trocken. “Ich kenne ihn mit Sicherheit besser, als ihr alle zusammen. Er ist keiner von uns, niemals hätte sich dieser Mann von unseren Zielen überzeugen lassen.”
“Du weißt, wie sehr sich Überzeugungen in ihr Gegenteil verkehren lassen”, bemerkte Götz. “Vor allem, wenn die Wahrheit, sich plötzlich in ihrer ganzen Schönheit offenbart. Jemand, der von ganzem Herzen glauben kann, und erkennt, dass er sein gesamtes Leben fehlgeleitet war, wird umso williger sein Wesen ohne jeden Vorbehalt in den Dienst der richtigen Sache stellen.”
Stark sah ihn starr an. “David würde sich uns niemals - unter keinen Umständen - freiwillig anschließen.”
Sein Blick eiskalten Zornes traf nun Jeremy. “Ich kenne jede Faser, jede Seite seiner traurigen Existenz. Jede Narbe, die er am Körper trägt, kann ich belegen und begründen. Jedes Geheimnis, das er einst in sich getragen hat, habe ich ihm entlockt, jeden Funken seiner Selbst ausgelöscht.
Als er mir entkommen ist, war er nichts als eine Schale, ein hohler Körper, nicht fähig, jemals wieder zu glauben, zu vertrauen, oder sich einer Sache zu verschreiben. Glaub es mir, es ist nicht mehr in ihm. Ich nahm ihm alles, ließ ihm nichts. Nicht einmal die Kraft, eine Entscheidung zu fällen.”
“Vielleicht findet sich in ihm die Ausnahme der Regel, Eugenius, mit allem Respekt”, warf Götz zögernd ein.
“David hat mehrfach bewiesen, dass er zu uns gehört.”
Stark antwortete barsch und in verächtlichem Ton.
“Hätte er sich bekehren lassen, ich hätte es gewusst. Dieser Mann hat mir bereits gedient, er war mein gewesen... mehr noch... und als er mich verriet, musste er bestraft werden.”
David hob seinen Blick, suchte die Augen des Mannes, dem zu dienen einst seine Aufgabe, seine Mission gewesen war, bevor es zu seiner Besessenheit und schließlich zu einer endlosen Qual wurde, zu seinem Untergang.
Der stumme Vorwurf, die wortlose Abscheu, die von ihm ausging, entlockte Stark nicht mehr als ein kurzes Herabziehen der verkniffenen Mundwinkel, ein Zusammenpressen schmaler Lippen, das Verachtung und hemmungslos aufkeimende Wut gleichermaßen ausdrückte.
“Bestrafen konntest du mich nicht, es war bereits zu spät.” Heiser ausgestoßene Worte, beantwortet mit spöttischem Schulterzucken.
“Behaupte nicht, dass meine Lektionen dich nicht verändert hätten, David.”
Starks Stimme klar in der plötzlich eingetretenen Stille.
“Du hast um Gnade gefleht, als ich dir deine Finger nahm, hast mir dein Innerstes offenbart, als ich dich langsam, Stück für Stück habe aufschlitzen lassen.
All die Schmerzen, all die Demütigungen, glaub es mir, ich habe gespürt, wie du zugrunde gingst. Da ist keine Kraft mehr in dir, die dich dazu bewegen könnte, den Kampf für oder gegen irgendetwas aufzunehmen.”
Ein bösartiger Unterton schlich sich ein.
“Da gibt es nichts mehr, dass du zu verlieren hättest, keinen Menschen, dem du etwas bedeutest. Denke nicht, ich hätte all das vergessen, was du mir, nach Hilfe und Erlösung schreiend, anvertraut hast.
Niemand hat dich jemals geliebt, niemand hätte etwas für dich geopfert, einen Finger für dich gerührt. Du warst zu unwichtig, zu bedeutungslos, als dass ich dich hätte töten wollen, als dass ich dir auch nur einen meiner Männer hinterhergeschickt hätte.”
Starks Blick löste sich von Davids, fand erneut diejenigen seiner Mitverschwörer.
“Niemals werdet ihr mich davon überzeugen können, dass dieser Mann sich euch aus freiem Willen angeschlossen hat. Man mag ihm vieles vorwerfen, doch seine Entscheidungen fallen in den seltensten Fällen zu den eigenen Gunsten aus.”
Er grinste schief. Mit zusammengebissenen Zähnen stieß David erneute Worte hervor, unverständlich, für Stark allein jedoch kristallklar.
“Du hättest mich töten sollen.”
Stark starrte böswillig auf Götz, der sich nervös die Lippen leckte. “Wie töricht von dir, einen Menschen wie ihn, in unseren inneren Kreis einzulassen.”
“David hat seine Treue unter Beweis gestellt. Er... er war genau das, was uns noch gefehlt hat.”
Stark drehte sich ärgerlich um die eigene Achse, rauschte förmlich auf Jeremy zu. “Das sagtest du schon. Nur weißt du nicht, wie perfekt dieser Mann täuschen und betrügen kann. Er ist ausgebildet und trainiert wie kaum ein zweiter. Was auch immer ihn dazu getrieben hat, sich euch anzuschließen, es hat ihm diese Fähigkeit zurückgegeben.”
Sein Blick fiel auf das stumme Publikum. “Der Herr soll mich mit seinem göttlichen Blitzstrahl hier und jetzt vernichten, wenn ich jemals von einer Sache überzeugter war... aber er gehört nicht zu uns, das schwöre ich, bei allem, das mir heilig ist.”
“Der Indianer, den er...”
Stark unterbrach ihn wütend.
“Es mag eine Million Gründe dafür geben, dass er ihn ermordet hat, wenn es denn überhaupt so abgelaufen sein sollte.”
“Er hat ihn erschossen!” Starks Gegenstimmen blieben hartnäckig, doch bewirkten nur, dass er seine Stimme weiter erhob. “David ist ein Mann, der stets über Leichen ging, der ohne Rücksicht handelt, und wenn es auch noch um so ein Exemplar geht wohlgemerkt anscheinend um das einzige, das in dieser Nacht…”
“Eugenius!” Nicht mehr als ein Krächzen.
“Du weißt nichts, weißt nicht durch welche Höllen ich geschritten bin seit... seit...” Stark trat näher, ihre Blicke bohrten sich ineinander, stählern, kalt, gefühllose Augenpaare, nicht bereit nachzugeben.
“Ich weiß, dass du Menschen opferst, die dir angeblich etwas bedeuten” Schneidende Worte in lähmender Stille. “Wieso solltest du also hier zögern?”
“Ich lüge nicht.” David klang ruhig, wenn auch gepresst. “Seit ich hier bin, weiß ich endlich, wohin ich gehöre...”
Er schluckte, hielt Starks Blicke aus. “Ich habe endlich gefunden, wonach ich gesucht habe, die Menschen, die Werte, für die es sich lohnt zu kämpfen... die...”
Stark lachte trocken. “Das willst du mir wirklich weismachen?”
Der Ältere kam ein weiteres Stück auf ihn zu. David konnte seine Ausdünstungen bereits erahnen, der Geruch nach teuren Zigarren und edlem Cognac füllte seine Sinne.
Nichts hatte sich geändert. Er war derselbe geblieben, dasselbe Monster, das seine Wut an wehrlosen Opfern ausließ, derselbe Satan, der nichts anderes hervorrufen konnte, als die instinktive Abneigung eines jeden Menschen, der auch nur einen Funken Menschlichkeit in sich trug.
“Ich habe den Medizinmann gehasst.”
Die Worte fielen automatisch, tonlos von Davids Lippen. “Ich war froh, ihn endlich abknallen zu können... viel zu lange musste ich darauf warten. Und hätte ich nicht hierfür...”
Er sah sich um, bevor er fortfuhr. “Ich hätte ihm schon längst den Rest gegeben”
Stark schwieg, runzelte die Stirn. “Vergiss es, David!” Er hob eine Hand. “Genug jetzt... sperrt ihn ein. Wir haben anderes zu tun!”
“Aber ich...”
“Irgendwelche Einwände, Götz?”
Starks kalte Augen rangen den Anderen nieder, der unweigerlich zurückwich. “Nein, natürlich nicht “
“Ich will ihn nicht mehr hier haben”, befahl Stark. “Schafft ihn fort, die Show muss weitergehen.”
“Aber.. Eugenius...”
“Kein Wort, David! Du hast mir genug angetan!”
“Ich” Doch schon hatte sich der Spalt geschlossen, David von Stark getrennt, schon drängten ihn grobe Stöße und Knuffe aus der Menge heraus, ignorierten seine Proteste, jeden Versuch, sich zu widersetzen.
So konnte es nicht enden nicht jetzt, wo er langsam erahnte, wie weit diese Menschen zu gehen bereit waren. Er trat und stieß nach den Händen, die versuchten, ihn zu greifen, ihn zu lenken... doch vergebens, sie waren zu viele und zu stark.
Schon waren sie aus dem Raum herausgetreten, verwischten die Stimmen, wurden leiser und unverständlicher, als sie in einen weiteren Gang einbogen, unbeeindruckt von Davids Bemühungen.
Zwei Männer vor ihm, je zwei zu seiner Seite, die ihn hart gepackt hielten, und weitere zwei, die ihn grob vorwärts schoben. Der Weg schien sich zu senken, tiefer in das Gewölbe hinein zu führen, und David erkannte, dass sie sich einer Kelleranlage näherten.
Wann, wenn nicht jetzt, wäre der Moment gekommen, etwas zu unternehmen. Er atmete aus, entspannte Muskeln nur im Bruchteil einer Sekunde, und ließ sich fallen.
Seine Begleiter hielten ihn fest, packten härter zu, versuchten, ihn mit sich zu reißen, doch der Augenblick der Verwirrung hatte ausgereicht, um David seinen Vorteil zu sichern.
Er verlagerte das Gewicht auf seinen Oberkörper, löste die Beine vom Erdboden, und trat zielsicher zu, traf Schienbeine, und sich von ihnen abstoßend, Weichteile darüber.
Ein schmerzerfülltes Geheul war die Folge, in das sein nächstes Opfer einstimmte, das er durch Zubeißen davon abhielt, ihn zurück zu zerren. Durch den leichten Anzugstoff drangen Davids Zähne, als würden sie auf keinerlei Widerstand treffen, ließen nicht locker, bis der andere schreiend seinen Angriff aufgab, lediglich um Gnade winselte, die ihm der Blonde erst gewährte, sobald er seinen eigenen Arm aus dem schraubstockartigen Griff entlassen hatte.
Nur darauf hatte er gewartet. Er fand sein Gleichgewicht, indem er sich mit der Hand abstützte, die er soeben einem seiner Wachleute entrissen hatte. Die andere fuhr herum, während seine Beine ihren sicheren Stand suchten, und fanden, in der Bewegung, ihr Ziel.
Er schoss, taumelte, schoss wieder. Nun schlossen sich auch die Finger seiner anderen Hand um die Waffe, sicherten ihr den notwendigen Halt, gewährten seiner Kugel eine ruhige Bahn, seinem Stand Festigkeit, Widerstand gegen jedweden Rückstoß.
Er schoss, und schoss wieder, schnell und genau. Keine Chance, dass der Kampf von nun an unbemerkt bleiben würde, es ging um Sekunden.
Vergessen seine Schwäche, seine Müdigkeit, er visierte an und traf, tötete kurz und automatisch, funktionierte, so wie er unzählige Male zuvor funktioniert hatte. Seine Gegner verstummten, ihre Schreie erstickt von dem Blut, das aus ihren Mündern quoll, ihre Augen glasig aufgerissen, groß und anklagend.
David sah sie nicht. Sein Inneres war taub, als er sich über sie beugte, mit erfahrenen Griffen ihre Taschen abtastete. Sein Blick fuhr hoch, doch noch war er allein, allein mit dem Tod.
Sein Sichtfeld begrenzt durch die Biegung des Weges, den sie bereits zurückgelegt hatten, und durch die, welche noch vor ihm lag, und noch tiefer hinab führte.
Er keuchte, der vertraute und verhasste Geruch nach Blut und Pulver erfüllte die Luft, ließ ihn erneut würgen.
Hastig steckte er die Pistole wieder weg, ergriff Funkgeräte und Handys, deren er habhaft werden konnte, richtete sich aus seiner knienden Position auf, und lief, nach einem Moment des Zögerns, kurz entschlossen weiter, den Gang hinunter. Aus der anderen Richtung näherten sich aufgeregte Stimmen.
*
Agent Dixon schloss sein Cellphone mit einem Fluch.
“Wir haben die Koordinaten”, brüllte er durch den Raum. “Die Sache ist übel!”
Sein Blick flog über die sich aufrichtenden Köpfe vor ihm.
Leises Tastaturgeklapper und die emotionslosen Geräusche arbeitender Computer, die einzigen Laute. Jeder konnte fühlen, dass es ihm Ernst war.
“Ich brauche eine Verbindung zum Weißen Haus, zum FBI, NSA und zum Außenministerium”, donnerte seine Stimme unmissverständlich. “Einsatzteams nach Pine Ridge, dort haben wir einen dicken Fisch an der Angel. Und ein bisschen pronto, wenn ich bitten darf, die Uhr tickt.”
*
Alan spürte einen schmerzhaften Stich, einen scharfen Blitz, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen durchdrang.
Schwer atmend blieb er stehen, hielt sich mühsam auf unsicheren Beinen, die Schwäche drohte ihn zu überwältigen.
Doch es waren weder Erschöpfung, noch die Verletzung, die ihn in seinem Weg beeinträchtigten, es war der deutliche Hinweis auf Gefahr, der ihn durchfloss, durch ihn hindurch, über ihn hinweg strömte, wie ein brodelnder Strom Schwefels.
Nicht auf Gefahr für sein eigenes Leben, für seinen Leib,
Gefahr, die jemand anderem auflauerte, die Gefahr, der David ausgesetzt war.
Er hatte es gewusst, und doch erschreckte ihn die Intensität der Empfindungen.
Alan spähte in die Dunkelheit, die undurchdringlich war wie zuvor, ihre Klarheit verloren hatte, leblos, totenstill auf ihn eindrang.
Weder Tiere nicht einmal Insekten regten sich, kein Zeichen, kein Hinweis mehr, der ihm die Richtung offenbarte, der er, seit Stunden bereits, wie es ihm schien, blindlings gefolgt war.
Die Natur blieb gelähmt, handlungsunfähig, der Mond verbarg sein Antlitz, die Sterne versteckten ihr tröstendes Licht.
Alan klammerte sich an den Stock, der ihm Stütze und Halt war. Die Unebenheiten der hölzernen Materialien, mit denen er sein Bein geschient hatte, drangen schmerzhaft in sein Fleisch, das blutgetränkte Hemd, das er zerrissen und mit dem er die Wunde abgebunden hatte, schnitt in seine Haut.
Für einen Augenblick stand er bewegungslos, senkte den Kopf, beschwor die Geister in einem letzten Anflug von Verzweiflung. Er war zu langsam, zu hilflos, die Herausforderung zu groß, zu unklar, als dass er sich ihr hätte weiterhin entgegenstellen können.
Der Adler kreiste. In der Tiefe wand sich die silberne Schlange. Sie war eingekesselt, gefangen, tief unter ihm, am Grunde einer schroffen Schlucht verborgen, umgeben von den Dämonen des Abgrundes.
Alans Augen flogen auf. Geräusche drangen von ferne zu ihm. Menschen, Helfer, sein Volk... es kehrte zu ihm zurück, als wäre sein Rufen gehört worden. Er ließ den Stock achtlos zu Boden fallen und humpelte vorwärts.
* * *
David feuerte das letzte der erbeuteten Cellphones wütend gegen die raue Wand.
Die Verbindung war abgebrochen, gestört, und er brauchte nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, worin die Ursache lag.
Zumindest hatte er lange genug sprechen können, um Dixon über die meisten Dinge ins Bild zu setzen, nicht lange genug jedoch, um in der Lage gewesen zu sein, notwendige Details preisgeben zu können.
Die schlechte Übertragung war nur eines der Probleme gewesen. In der kurzen Zeit, vor dem verräterischen Knacken und dem gewaltsamen Ende des Gespräches, hatte er kaum die wichtigsten Punkte, inwieweit sie sich ihm zumindest bis jetzt darstellten, äußern können.
Er musste jetzt darauf vertrauen, dass Dixon die losen Enden aneinander fügte, und die Chance genutzt hatte, den Standort so präzise wie möglich zu ermitteln.
“Verdammt!” Davids heisere Stimme schallte ihm unheilvoll von den kahlen Mauern entgegen. Die Geräusche, die er verursachte, kümmerten ihn nicht, hatte er sich doch längst in eine ausweglose Situation katapultiert.
Sein primäres Ziel, Verbindung zur Außenwelt aufzunehmen, hatte ihn vorerst tiefer in das Gewölbe, und dann durch einen Luftschacht wieder in die Höhe geführt.
Doch nun war er eingekesselt, gefangen, und es konnte sich nur noch um eine Frage der Zeit halten, bis seine Gegner nicht nur den Kommunikationsweg nach draußen eliminiert, sondern sich seiner selbst entledigt haben würden.
David sah gehetzt um sich, schätzte die grauen Wände, die regelmäßigen, jedoch vergitterten Öffnungen zu anderen, ebenfalls ein- und ausbruchssicheren Räumen und Gängen, auf ihre Materialdichte und Widerstandsfähigkeit ab. Es hatte keinen Zweck.
Sein Orientierungssinn verriet ihm, dass er sich zwischen Fels und Wildnis, in einem Niemandsland befand, mittlerweile gejagt von einem wütenden Mob, der nicht viel benötigte, um aufgehetzt zu werden.
Die spärliche Munition, die ihm geblieben war, würde nicht einmal dazu ausreichen, sich halbwegs ehrenhaft aus der Affäre zu ziehen, geschweige denn, dass sie ihm helfen könnte, einen wie auch immer gearteten Fluchtweg zu sichern.
Er verwünschte die Eile, mit der er seine Feinde durchsucht hatte, und doch wusste er, dass es ihm nicht möglich gewesen war, anders zu handeln.
Dixon zu warnen, war das Einzige, das in seiner Lage noch Sinn gemacht hatte, wie kryptisch und ominös, dem anderen die abgehackten Informationen auch vorgekommen sein mochten.
Zumindest wusste der Agent jetzt, wo er in erster Linie zu suchen hatte, und mit etwas Glück und dem richtigen Riecher würde er das schlimmste abwenden können.
David knirschte mit den Zähnen. Hätte er doch nur Stark und seine Rolle in dem Stück auch noch erwähnen können. Sein Blut kochte bei dem Gedanken an diesen Mann.
Wie sehr er ihn hasste, war ihm niemals in diesem Ausmaß bewusst geworden. Mit bloßen Händen erwürgen wollte er ihn, das Leben aus ihm herauspressen, ihn bezahlen lassen, für all das Leid, das er verbreitete.
David stöhnte. Natürlich... wie hatte er nur einen Augenblick glauben können, dass dieses Kapitel für ihn abgeschlossen sei, dass er den Klauen dieses Unmenschen wirklich entronnen wäre, dass Stark nicht noch einen Trumpf im Ärmel, noch eine letzte böse Überraschung auf Lager haben würde.
Und schließlich war es nichts anderes, als das boshafte Lachen des Schicksals, das bei dem Gedanken an diesen Verbrecher ohne jede Moral in seinen Ohren klang.
Es gab nichts zu bereuen, er hatte seine Pflicht getan, getan was er konnte, der Rest lag nicht mehr in seiner Macht.
Müde strich sich David mit der Hand, welche die immer noch heißgeschossene Waffe hielt, über die Stirn, zu müde, um noch weiter einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu suchen.
Seine Finger umschlossen das schwere Eisen, fanden Trost in dem Versprechen, das es enthielt. Vielleicht war seine Zeit jetzt gekommen, vielleicht dürfte er es sich endlich erlauben, den Frieden zu suchen, den er ersehnte.
Das Blut in seinen Fingerspitzen pulsierte, als er sie fester gegen die Waffe presste, beinahe, als habe er Angst, sie würde ihm entgleiten, sollte er nicht genügend darauf aufpassen. Sein Griff verstärkte sich, ungeachtet der Hitze, die von dem Eisen ausging und seine Hand verbrannte, wusste er doch, dass sie lediglich seiner eigenen Einbildungskraft entspringen mochte.
Was sollte ihn noch davon abhalten, den leichteren Weg zu wählen, den erneuten, unvermeidlichen Qualen und Demütigungen zu entgehen. Welchen Sinn sollte es noch haben, sich starrsinnig an sein Leben zu klammern, das Leben, das ihm letztlich nie viel bedeutet, aus dessen engen, quälenden Grenzen er sich seit je zu befreien bemüht hatte.
Was also würde ihn hindern, es sich selbst zu ersparen, der erbarmungslosen Meute Wahnsinniger in die Hände zu fallen?
Weder sein Stolz, dessen letztes Aufflackern schon vor so langer Zeit im Keim erstickt, noch die hartnäckige Überzeugung, die ihm bereits in seiner Kindheit eingepflanzt worden war, der nutzlose Wahn, dass er zu kämpfen habe ohne Unterlass, bis auf den letzten Blutstropfen, bis zum letzten, möglichen Atemzug, noch nicht einmal diese unzerstörbare Hartnäckigkeit, die es ihm immer wieder befohlen hatte, über Grenzen zu schreiten, die jedem anderen unüberwindbar gewesen wären, nichts von alledem ergab einen plausiblen Grund, warum er nicht ruhigen Gewissens in einem Moment von Schwäche der Versuchung erliegen sollte.
Gott wusste, dass er es schon mehr als einmal versucht hatte.
Was konnte er jetzt noch tun? Wozu sollte sein Weiterleben dienen?
David schüttelte hilflos seinen Kopf. Was er Dixon nicht mehr hatte sagen können, würde dieser erraten.
Die Gefahr lag auf der Hand, seine unvollständigen Hinweise, sofern sie trotz der schlechten Verbindung zu verstehen gewesen waren, würden genügen, würden genügen müssen, um das Schlimmste abzuwenden.
Nein, er konnte nichts mehr tun, seine Möglichkeiten waren erschöpft, sein Überleben ein leerer Witz, eine Beleidigung für jeden Menschen, dessen Dasein auf Erden noch etwas bedeutete.
Die Zeit stand still, die Geräusche, die sich ihm näherten, verstummten, versanken, als der Entschluss in ihm reifte. Das tödliche Utensil hob sich wie von selbst, fand zielsicher seinen Weg, bohrte sich in widerstrebendes, lebendiges Fleisch. Der Winkel sicher, tausendmal in Gedanken erprobt, das Resultat eine Frage von Sekunden, ein winziger Moment im Universum, unerheblich, unbedeutend im ständigen Kreisen der Elemente, weniger denn der Hauch eines einzigen Splitters Sternenstaubs in den Weiten des Alls.
David schloss die Augen, in seinen Ohren rauschte es. Ein letzter Atemzug, das Rauschen verstärkte sich. Wind kam auf, eine kalte Böe nahm ihm die Festigkeit seines Standes, ließ sein Herz erzittern.
Welcher Sturm sollte ihn hier finden, noch bevor er sein Vorhaben hatte in die Tat umsetzen können?
Er schwankte, seine Augen öffneten sich weit und wie von selbst, als ihn der mächtige Flügelschlag zurücktrieb. Er wankte, taumelte, bevor er merken konnte, dass an dem Ort, an welchem er sich befand, kein Lüftchen in der Lage gewesen wäre, sich zu regen, keine Brise ihren Einlass hinter die schweren Mauern finden durfte.
Ein unmenschliches Kreischen erscholl mit einem Mal, wurde von den Wänden zurückgeworfen, erschütterte sein Trommelfell, drang messerscharf ein, in seinen Blutkreislauf.
Die Waffe polterte zu Boden, der metallene Klang vermischte sich mit dem schrillen Ruf des Adlers, als David die Arme hochriss, beide Hände gegen seine Ohren presste. Er merkte nicht, dass er auch schrie, spürte nicht, wie die dunkelrote Flüssigkeit aus seinen Ohren sickerte.
David sank auf die Knie.
Der Schmerz war stark, jedoch nicht stark genug, um seine Sinne länger zu betäuben, um ihm die Rückkehr seines Bewusstseins zu ersparen, ihn nicht zwangsläufig davon Notiz nehmen zu lassen, wie unrhythmisches Getrampel den Flecken erreichte, an dem er zusammengebrochen war, wie brutale Hände ihn erfassten, auseinander zerrten, als könnten sie sich nicht entscheiden in welche Richtung sie ihn stoßen wollten.
Seine Augen zu Schlitzen zusammengekniffen erkannte David schwarze Stiefel, die seine Waffe beiseite kickten, bevor sie begannen, auf ihn einzutreten, Fäuste, die auf sein Gesicht einschlugen, noch bevor er seine Arme nach vorne nehmen, es mit den Ellbogen schützen konnte.
Immer noch gellte der Schrei des Adlers in seinen Ohren, ließ ihn innerlich vibrieren, versetzte ihn in Schwingungen, die alle Kräfte, welche auf seinen Körper in all ihrer Gewalttätigkeit eindrangen, unbedeutend werden ließen, zweitrangig.
David fühlte seine Glieder erschlaffen, sich selbst vornüber sinken, gehalten von den unbarmherzigen Stößen der Männer, die auf ihn eindrangen. Die Schläge trafen ihn nicht wirklich, als seine Augen erneut zufielen, er die Welt um sich herum ausschloss, der Anstrengung müde auf ein Ende des Schmerzes wartend.
*
“Alan “Die Stimme klang besorgt, beinahe panisch.
“Was ist mir dir? Was hast du gesehen?”
Alan stöhnte, seine Stimme heiser von den Lauten, die er ausgestoßen hatte, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein.
Er war in Schweiß gebadet, der dünne Stoff klebte an seiner Haut, doppelt getränkt von Regen und Körperflüssigkeiten, und doch fror er erbärmlich. Eine raue Decke wurde um seine Schultern gehängt, die Beunruhigung atmenden Worte Jonas’ drangen allmählich durch den Schleier.
Alan bemerkte, dass sie in ihrer Fahrt gestoppt hatten, ein Aufenthalt, der offensichtlich seinetwegen eingelegt worden war. Langsam tastete er sich in die Wirklichkeit zurück, in eine Wirklichkeit, die ihm nur Teile des Ganzen zu sehen erlaubte, und die er dennoch nicht verlassen konnte.
War er rechtzeitig gekommen? Hatte er David zur rechten Zeit dem Strudel entrissen, der ihn zu verschlingen drohte? Und besaß er die Erlaubnis, das Recht, in sein Leben willkürlich einzugreifen, und das zudem in dem Maße, in dem er es getan hatte?
Alan keuchte. Sein Gesicht war verzerrt vor Anstrengung, und dem Bemühen sie zu ertragen.
Er bebte innerlich, spürte, dass es David ebenso ergangen war, als er seine Niederlage, sein Bedürfnis aufzugeben gefühlt hatte, als wäre es sein eigener Wunsch gewesen, noch bevor der Adler ihn gefunden, und sein Schicksal geändert hatte.
Wer hatte ihm das Recht dazu gegeben, wer ihm die Entscheidung, gegen seinen Willen abgenommen? Seine Atemzüge wurden schneller.
“Alan... verdammt, komm zu dir!” Jonas drängte, Furcht und Ratlosigkeit gingen von ihm aus, wogten schwer in seiner Aura.
“Sag uns, was wir tun müssen, zeig uns die Richtung, Alan!” Er flehte. “Wir haben uns auf dich verlassen... nun lass uns nicht im Stich... bitte!”
Das letzte Wort leise, beinahe unhörbar, und doch mächtiger, als sein unruhiges Drängen. Alan schüttelte die Geister ab, verließ den beschrittenen Pfad endgültig.
“Das tue ich nicht, Jonas...”
Er zog die Decke enger um seinen frierenden Körper und zwang sich zu einem schiefen Lächeln, das in der Dunkelheit verloren gegangen wäre, hätte Jonas ihn nicht bereits zu gut gekannt.
“Ich weiß, wohin unser Weg führt, doch das letzte Stück werde ich allein gehen müssen.” Er räusperte sich, senkte den Kopf. “Für euch gibt es eine andere Aufgabe, die ihr erfüllen müsst. Der Ort, den ich aufsuchen werde, birgt nichts als endgültige Zerstörung. Sinnlos, sich dorthin zu begeben.”
“Aber warum?” Bear klang verwirrter, als Jonas es zuvor getan hatte.
“Es ist der Weg, den ich vor langer Zeit begonnen habe zu beschreiten, der Kreis endet nicht, hat es nicht mit Tims, als Tim... ich...”
Er verstummte, unsicher, ob er Dinge ausdrücken konnte, die er selbst nicht zu begreifen vermochte. Eines jedoch war mehr als deutlich, stand in glasklarer Eindeutigkeit vor ihm. Er wand sich zu den anderen.
“Ich brauche eure Hilfe, jetzt. Lasst euch von mir führen, und wenn wir gefunden haben, was wir suchen, dann kehrt wieder um, sammelt euch mit den anderen. Thomas soll euch leiten, er weiß, worauf es jetzt und in Zukunft ankommen wird. Wenn die Geister auf unserer Seite sind, wird morgen alles vorbei sein.”
*
David kam zu sich, als er grob über den Boden geschleift wurde.
Stöhnen wollte sich seiner Kehle entringen, doch es fehlte ihm an der Kraft den Laut auszustoßen.
Der Geschmack von Blut in seinem Mund, die feuchte, klebrige Masse, die in seinem Gesicht haftete, war ihm willkommener als der penetrante Geruch seines Versagens.
Denn versagt hatte er... erneut, und alles, was nun kommen würde, konnte nichts anderes sein, als die letztendliche Konsequenz dieses unverzeihlichen, wiederholten Versagens.
Die Konturen verschwammen in einem Nebel, dem sichtbaren Gemisch der Laute, die ihn umgaben, Geräusche, die sich zusammensetzten aus hasserfüllten Beschimpfungen, panischem Geschrei, den dumpfen Lauten schwerer Stiefel, die unbarmherzig auf Knochen und Weichteile trafen.
Und unermüdlich wurde er weitergezerrt, seine Gelenke schienen auseinander zu springen mit der Wucht der Schläge, denen sie sich widersetzen sollten, ohne zu zerreißen. Jede Unebenheit des Bodens, jede Kurve, die der Weg nahm, hinterließ einen qualvollen Eindruck, eine Spur die tiefer ging, als mit bloßem Augen wahrnehmbar wäre.
Gerade erst verheilte Wunden brachen wieder auf, doch David beachtete weder die inneren, noch die äußeren. Es war, wie es sein sollte, und nichts, das er tun oder denken würde, sollte daran etwas ändern.
In einen engen Raum fiel er, wurde gestoßen, spürte den Kontakt zu Wänden, die von allen Seiten auf ihn eindrangen. Zu müde für jede Bewegung, zu schmal, zu niedrig das Gefängnis, als dass es einen Sinn gemacht hätte, sich zu rühren, selbst wenn sie ihn nicht auch noch zusätzlich fixiert hätten.
Die Schreie, die er nicht hörte, die Wörter, die er nicht verstand, die Tritte, die er nicht mehr fühlte, all das wurde seltsamerweise übertönt von dem vertraut beißenden Geräusch des abreißenden Klebebandes, das ihm die Blutzufuhr zu den Händen abschnürte, die Arme an den Körper fesselte, die Fähigkeit einen Laut von sich zu geben, fortnahm.
Er lag auf dem Bauch, mindestens zwei Männer knieten auf seinem Rücken, banden die Beine aneinander, hämmerten seinen Kopf auf den Boden, bis er mit einem erstickten Ächzen die Besinnung verlor.
Nur einen Augenblick später, erwachte er mit einem grellen Schock, bei dem Versuch nach Luft zu ringen.
Sein Kopf dröhnte, warmes Blut sickerte in Augen und Nase, Blitze zuckten hinter seiner Stirn.
David wand sich, seine Lungen brannten, als er die Atemwege frei pustete, frei von Schleim und trocknendem Blut.
Die instinktive Panik, die dem Zweck der Selbsterhaltung diente und sein Herz zum Rasen brachte, seine Luftzüge schneller und schneller werden ließ, ohne das Bedürfnis nach lebensspendendem Sauerstoff auch nur annähernd erfüllen zu können, übernahm die Kontrolle.
Hände und Füße spürte er nur noch in einem undefinierbaren Schmerz, der seine Beine und Arme mit peinigender Glut füllte.
Er glaubte zu ersticken, verstand selbst den Schrecken nicht, der ihn bei dem konfusen und kaum greifbaren Gedanken erfüllte.
Nicht so, nicht verzweifelt nach Luft ringend, das war nicht der Plan. Er konnte sein Leben nicht auf diese Weise beenden, zusammengeschnürt wie ein Paket, die letzten Atemzüge zählend, seine traurige Existenz regiert von der Gier nach nur einem weiteren, lebensspendenden Sauerstoffatom.
David kämpfte mit sich, kämpfte darum, wieder zu Verstand zu kommen.
Sein Körper zuckte wild, das Klebeband hinderte ihn daran, seiner Angst Stimme zu verleihen. Stimmen, Schritte, Geräusche um ihn herum steigerten seine Panik nur noch, der Druck auf seiner Brust zerquetschte seine Lungen, die sich stärker verkrampften, je lauter das Blut durch seine Adern trommelte.
David presste die Augenlider zusammen, atmete in kurzen Stößen. Er musste die Herrschaft über seinen Körper wiedergewinnen, herunterkommen, den Herzschlag beruhigen, seinen Verstand kontrollieren.
Erzwungen und mit beinahe unerträglicher Langsamkeit zählte er die Sekunden, bevor er begann, seine qualvoll angespannten Kiefermuskeln zu lockern. Konzentration und Ruhe, regelmäßige Atmung, Senken des Blutdruckes, Verlangsamen des Herzrhythmus, das Binden der Gedanken an einen Punkt, nur diese Bemühungen zählten, würde er sich einen Hauch von Haltung bewahren wollen.
Und der erste Fixpunkt, der ihm ihn den Sinn kam, der sich ihm aufdrängte, als wäre er schon immer da gewesen, stand in klarer Eindeutigkeit vor ihm, deutlicher als alles andere, das auf ihn einstürmte, ein gestochen scharfes Bild, in dem sich alles vereinte, das er in diesem Moment brauchte.
“Ich weiß, wo du bist, David”, flüsterte Alan, als er sich zu ihm herabbeugte.
Lang glänzende Haarsträhnen umwehten dunkel sein markantes Gesicht, das ernst auf ihn hinuntersah. Schmale Lippen bewegten sich in Zeitlupe, und David hörte die sanfte Stimme tief in seinem eigenen Inneren. “Ich finde dich, halte durch!”
David klammerte sich an die Vision, an die in sich ruhende Stärke, die sie ausströmte, deren versichernde Kraft den Weg zu ihm fand und kühlenden Balsam auf den tobenden Orkan goss, der einmal entfesselt, drohte, ihn zu zersprengen.
Er tauchte in die schwarzen Augen, hielt sich fest in dem Blick, dessen Schutz doch nichts als Illusion sein konnte.
“Atme, David. Atme und lausche.” Er zuckte zusammen. Zu echt hatte die Stimme geklungen, zu nah die Gestalt an dem, was er noch als Wirklichkeit akzeptieren konnte.
Doch die Magie hatte gewirkt, sein Puls ging regelmäßig, sein Atem flach, aber ruhig. Die Panik war verflogen, gebannt. David öffnete die Augen, sein Blick suchte die dunkle Gestalt, als könnte sie noch vor ihm stehen. Die Lider verklebt, das getrocknete Blut wie Kleister an seinem Gesicht haftend, versuchte er zu blinzeln, Konturen auszumachen.
Das Getrampel, und die aufgeregten Schreie, die nie nachgelassen hatten, jedoch seiner Aufmerksamkeit entgangen waren, kehrten nun mit Intensität in sein Bewusstsein zurück.
Irgendetwas verlief ganz und gar nicht wie vorgesehen, irgendetwas versetzte jedermann in entsetzliche Aufregung.
David stöhnte in seinen Knebel. Er wünschte die Erscheinung zurück, brauchte Alans Kraft und Zuversicht mehr denn je zuvor. An den Außenwänden seiner Zelle stapelten sich Gegenstände, krachten achtlos aufeinander. Knirschende, metallene Klänge wechselten mit dem Einrasten von Mechanismen, dem dumpf peitschenden Aufschlagen sich entrollender Kabel.
David drehte sich mühsam, kämpfte darum, etwas zu erkennen, Aufschluss zu erhalten, über die Vorgänge jenseits der Mauern, die ihn einschlossen. Gedämpfte Kommandos, wildes Poltern, Protestschreie, die zunehmend dem winselnden Gejaule von Kojoten glichen, wurden unterbrochen durch Schüsse, die ihn zusammenzucken ließen.
Riegel schoben sich vor, Tore wurden verrammelt, Fahrzeuge setzten sich in Bewegung, all das vermeinte David, sein Ohr gegen den kalten Boden gepresst, zu vernehmen. Die Panik, die ihn erfasst hatte, schien auf die Menschen in seiner Nähe übergegangen, sie infiziert und zu konfusen Aktionen veranlasst zu haben.
Davids Augen starrten ins Leere, kaum vermochte er die Abstände der Wände zu ihm oder zueinander auszumachen, zu düster war es in seinem Gefängnis, zu verschwommen sein Blick.
Es krachte wieder an seine Wand, oder vielmehr dorthin, wo er die Tür vermutete. Stahlbeschlagene Stiefel stampften den Gang entlang, ihr Getrampel machte jedes weitere Geräusch zunichte. Kaum hatten sie sich entfernt drang schwaches Fiepen in sein Bewusstsein. Er wand sich unwillkürlich.
Was konnte es sein, das auch noch die Ratten aus ihren Verstecken lockte. Winzige Schatten huschten an ihm vorbei, Insektenbeine krabbelten über die tauben Arme.
David schloss die Augen. Er zählte langsam, konzentrierte sich auf das monotone Aufeinanderfolgen der leeren Nummern.
Es würde vorbeigehen, irgendwann würde er es überstanden haben. Und wieder Schritte, hastig, und doch sicher. Stimmen, dröhnend vor Selbstsicherheit, jedoch angespannt, bereit zu handeln, bereit, die Situation zu beherrschen - Stark.
Er sprach schnell und hart, sein Befehlston unangefochten, seine Worte maßgebend und bestimmend. “Es ist weniger deine Schuld, als du vielleicht denken magst. Außerdem bin ich darauf vorbereitet. So ein Unternehmen benötigt immer mehrere Alternativpläne, denen man folgen kann, und gerade dieser, ist mir immer noch der Angenehmste.”
“Meinst du nicht, dass jemand reden könnte?” Götz klang heiser und unruhig.
“Die Sache ist wasserdicht.“ Stark lachte hohl. “Selbst wenn sie uns hier finden sollten, wir entkommen immer noch als Helden.
David spannte jeden Nerv an, die Kälte kroch aus dem harten Grund in seine Glieder, durchströmte ihn unheilvoll.
“Aber du sagtest doch...” Stark schnitt dem anderen das Wort ab. “Wie gesagt, damit musste man rechnen. Jedenfalls bringen wir ihn jetzt endgültig zum Schweigen und werden den unnötigen Ballast und die ganzen Irren dabei gleichzeitig los. Besser können wir uns gar nicht wünschen auszusehen, gerade im Hinblick auf die Pressemeinung und die Haltung der Öffentlichkeit. Unsere Organisation wird frisch und rein, wie ein Phoenix aus der Asche auftauchen, daran zweifle ich keinen Augenblick.”
Stimmen verstummten, Schritte verklangen. David blieb allein in der Dunkelheit zurück.
*
“Wir müssen stehen bleiben!” Alan versuchte, sich aufzurichten, doch der sich aufbäumende Wagen zwang ihn in seinen Sitz zurück. Die Unebenheiten des Weges, erschwerten nicht nur die Fahrt, sondern verhinderten auch, dass seine Mitfahrer die Worte verstehen konnten, zu laut stotterte der Motor, klapperten die rostigen Gelenke des Gefährtes.
Alan hustete, krümmte sich vornüber, griff vor sich auf der Suche nach Halt.
“Was ist los?”
Jonas fasste ihn am Arm, wies ihn, sich in seine Richtung zu wenden. Alans Augen tränten, als er ihn anblickte, der beißende Reiz noch immer in seiner Kehle festsitzend. “Anhalten... sag es Bear”, stieß er heiser hervor.
“Was, wieso?”
“Sofort”, stöhnte Alan.
“Sie kommen.” Entschlossen riss Jonas an der Schulter des Fahrers. “Fahr rechts ran... keine Zeit zu verlieren.”
“Was ist los, Alan?” Bears Stimme übertönte die seufzenden Bremsen.
“Versteck den Wagen... sie werden versuchen, zu verschwinden.”
“Aber, das ist doch gut, oder?”
Jonas schwankte zwischen Unsicherheit und Erstaunen.
Alan schüttelte nur den Kopf, seine langen Haare fielen ihm vor das Gesicht, als er sich aus dem Jeep lehnte, in der Dunkelheit versuchte, einen Ort auszumachen, in dem sich der Wagen verbergen ließe.
“Da vorne!” Er wies auf eine zerklüftete Felserhebung, die ihnen keine vollständige, doch zumindest eine teilweise Deckung gewähren würde. Erschöpft fiel er wieder in den Sitz zurück.
Er wusste nicht, woher er diese Ahnung hatte, doch das starke Gefühl, dass die Bedrohung sich näherte, dass sie unmittelbar davor standen, ihren Weg zu kreuzen, ließ sich nicht abschütteln.
Schloss er die Augen, so sah er David vor sich, drängte sich sein Bild in den Vordergrund, stärker, als alles andere, was er zuvor wahrgenommen hatte.
Hatte er den Weg, die Richtung eben noch klar vor Augen gehabt, so war sie ihm nun entschwunden, verblasst, wie alles andere, mit Ausnahme der gebundenen Gestalt, die sich auf steinigem Boden wand, schlangengleich, und doch verzweifelt nach Luft ringend.
Er schüttelte den Kopf, versuchte, sich zu konzentrieren, rief die Geister stumm um Hilfe an.
Doch nichts, das er sehen konnte, gab ihm Aufschluss, seine Sinne waren gefangen, gefesselt, als wären sie dem Körper des anderen Mannes stärker verhaftet, als dem eigenen.
Bis die Warnung ihn erreicht hatte aus Tiefen, für die er keine Erklärung hatte, und doch vibrierte die Nacht in der Vorahnung dessen, was auf sie zukommen würde. Es konnte nicht mehr weit sein, er wusste es, fühlte es, spürte die Entfernung zwischen David und ihnen schrumpfen, doch er spürte auch die Gefahr, der sie sich aussetzten und die genau in diesem Augenblick ihren Standort zu verlagern schien.
Der Wagen hielt, die Dunkelheit warf ihren schützenden Mantel über sie. Obwohl die Weißaugen niemals die Schatten durchdringen konnten, so wie ein Lakota es gewohnt war, machte Alan sich nichts vor. Es stand zu viel auf dem Spiel.
“Raus mit euch”, raunte er Jonas zu. “Wir müssen vorsichtig sein.” Lautlos entfernten sie sich von ihrem Fahrzeug, suchten die Deckung eines niedrigen Gehölzes duftender Kiefern, Alan schwer gestützt auf seinen Freund.
Es war keinen Moment zu früh. Kaum hatten sie sich niedergekauert, dröhnten Motoren, bewegten sich schwere Maschinen in ihre Richtung, exakt auf der verlassen wirkenden, unasphaltierten Straße, der sie gefolgt waren.
Sie kamen in unerklärter Hast, und bremsten ebenso unerklärlich, willkürlich direkt an der Stelle, an der ihr Jeep abgebogen war. “Verdammt, wie...“, raunte Bear und duckte sich tiefer.
“Sie haben Nachtsichtgeräte... und alles zu verlieren.”
Alan nickte zustimmend. “Ich habe sie zu spät gesehen”, flüsterte er, mehr zu sich selbst. Jonas drückte kurz seine Schulter. “Wir schaffen das”, antwortete er versichernd. “So viele sind es nicht, und sie haben es eilig.”
“Ja.” Alan schüttelte die Mutlosigkeit ab, die ihm Schritt für Schritt folgte, sich schwer wie Bleigewichte an seine Beine klammerte. “Wir müssen gehen... sofort!“ Er bemühte sich, seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. “Und wir sollten uns trennen.” Hastig gemurmelter Protest.
“Wir bleiben bei dir...”
“Nein!” Sein Tonfall duldete keine Widerrede, bestätigte, dass dem Wort des Schamanen Respekt gezollt werden musste, unabhängig von den Umständen.
“Ihr müsst zurück zu den anderen, und Bericht erstatten. Sie brauchen euch.” Er räusperte sich, blickte argwöhnisch in Richtung der Lastwägen, die mit laufenden Motoren unbeweglich verharrten, deren Scheinwerfer unermüdlich die Umgebung absuchten.
“Ihr seid schnell und kennt das Gelände. Ich werde nicht mit euch mithalten können, doch ich kann eure Flucht benutzen, um hoffentlich Schlimmeres zu verhindern.”
“Alan!”
“Jetzt geht!”
Jonas schluckte, doch die Zeit wurde knapp, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als seinem größeren Freund zu folgen, der sich ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zu verlieren, bereits behende zurück auf das Reservat zu bewegte.
Er drehte sich um zu Alan, und grüßte ihn noch einmal mit Respekt, bevor er in seine Tasche griff, einen zerfledderten Medizinbeutel herausholte, um ihn scheinbar achtlos auf dem Weg fallen zu lassen. Deutliche Fußspuren taten ihr Übriges und Alan konnte nicht anders, als die zusammengepressten Lippen zu einem Grinsen zu verziehen.
Jonas würde dafür sorgen, dass ihre Verfolger eine eindeutige Spur ins Nirgendwo verfolgten. Aber so schnell das Lächeln entstanden war, so schnell verschwand es auch wieder, als der Lärm begann anzuschwellen, Befehle unverständlich, aber harsch erklangen.
Er biss die Zähne zusammen, und belastete das schmerzende Bein. Es musste möglich sein, und es würde möglich sein. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Wichtig war es, die Richtung einzuschlagen, aus der die Fahrzeuge gekommen waren. Grelle Lichter flammten auf, wanderten über Bäume und Felsen. Alan benutzte eine Senke und den Schatten einer wilden Hecke, als er sich gefährlich nahe an die Wägen heranpirschte. Es war der kürzeste Weg, ein anderer kam nicht mehr in Frage.
“Da drüben... ich wusste es”, bellte eine rohe Stimme. “Schnappt sie euch, wir können nichts riskieren. Und werdet, verdammt noch mal, die Spuren los!”
Alan bückte sich tiefer, doch ohne in seinem Tempo nachzulassen. Er betete. Die Kraft musste er aufbringen, den Schmerz besiegen, doch den Weg würde ihm der Adler weisen, er war seine Chance.
Mühsam humpelte er vorwärts, immer darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen. Er glaubte, zu spüren, wie die Wunden mit jedem Schritt weiter aufklafften, das Blut die improvisierten Verbände durchdrang.
Doch er konnte nicht aufgeben. Der Schmerz war etwas, mit dem sich in Einklang zu bewegen unabdingbar war, etwas, das ihm helfen würde, bei Sinnen zu bleiben.
“Sie sind hier entlang!”
“Wir müssen weiter, kommt in die Gänge!”
Die wütenden Stimmen wurden unverständlich, heiseres Gebrüll wechselte mit bösartigem Befehlsgeschrei. Ohne zu wissen warum, drehte sich Alan um und genau in diesem Moment erschütterte eine Explosion die Nacht, brannte Jonas’ Jeep auf, strahlend hell wie eine Fackel.
Er zuckte zusammen, stolperte geblendet vorwärts, blieb hängen in den Zweigen, die sich am Boden verhakt hatten, stürzte, verhinderte den Fall im letzen Moment. Schwer atmend verblieb er in der unbequemen Position knapp über dem Grund, seine Lunge füllte sich mit dem Qualm des Brandes, sein Geruchsinn mit dem beißenden Gestank des Benzins, mit der Ausdünstung des schmelzenden Metalls.
“Dort drüben!”
“Holt sie euch!”
Alan ließ sich auf seine Ellenbogen fallen, riss Blätter mit sich. Trockene Kiefernnadeln durchstachen seine Arme. Keuchend robbte er vorwärts, das verletzte Bein hinter sich her ziehend.
Sie waren direkt hinter ihm. Er konnte sie spüren, ihren Atem heiß in seinem Genick.
“Da vorne!”
Alan erstarrte und mit ihm gefror die Welt, die ihn umgab. Alles Leben, jede Bewegung entzog sich für den Bruchteil eines Augenblickes der Atmosphäre, ließ ihn schwerelos in einem Vakuum zurück, das keine Richtung, keinen Himmel und keine Erde mehr kannte.
Und in dieser Leere, aus diesem bodenlosen Nichts heraus, ertönte das hohle Geheul eines Wolfes, überwand jede Entfernung, bot mit seinem Jaulen Mond und Sternen einen weiteren Grund, den Augen jeden lebenden Wesens zu entfliehen.
Es erschütterte Alan bis ins Mark, fühlte er sich doch eins mit der Kreatur, die weder in diese Zeit noch an diesen Ort zu gehören schien, deren Furcht und Trauer lauter zu ihm sprachen, als es die Waffen seiner Gegner tun könnten. Und mit den fremdartigen Lauten erwachte die Natur aus ihrer Atemlosigkeit, als würde der Ruf des Tieres den Bann brechen.
Ein peitschender Wind fuhr über die Erde, trug eine Woge unbarmherzigen Hagels mit sich, die Pflanzen zwang, sich ihrer Gewalt zu unterwerfen, die über Mensch und Kreatur hinein brach wie der Zorn eines höheren Wesens.
Nur Alan hörte den beschwörenden Gesang, der sich in das Toben der Elemente einfügte, sie auf ihrem Weg begleitete. Und für den Bruchteil einer Sekunde konnte er ihn durch die Augen des Adlers sehen, der mit dem Hagel flog, ohne von ihm berührt zu werden, sah er den Wolf, wie er stolz aufgerichtet, seine Herrschaft verkündete.
Das Tier blickte auf, die glühenden Augen trafen auf ihre stolzen Konterparts, erkannten sich gegenseitig, als das, was sie waren. Der Adler kreischte, seine Warnung gellte durch die Nacht, und Jonas verstand, gehorchte, folgte ihrem Ruf, verließ die Anhöhe, die ihn verletzlich machte, verschwand in der Dichte des Waldes, der seinen Pfad und den seines Geistertieres vor jedem Verfolger verbergen würde, solange, bis er an seinem Ziel angekommen war.
Alan rollte vornüber, bis er fühlte, wie der Boden unter ihm leicht nachgab, und er mit einem Seufzer in eine Kuhle sank. Einen ausladenden Kiefernzweig ergriff er blind, schob ihn über sich, ohne sagen zu können, ob er es zum Schutz vor Verfolgern oder vor den sich aufbäumenden Elementen, tat.
Schaudernde Gestalten, die Schultern soweit als möglich hochgezogen, mühsam versuchend sich vor den verletzenden Einschlägen eines pechschwarzen Himmels zu schützen, taumelten vorwärts, brüllten heisere Kommandos, Flüche, wenn die Sicht trotz des bläulich strahlenden Scheinwerferlichtes, beschränkt war, das Opfer, das sie so nah geglaubt, in der Tiefe der Erde versunken schien.
Alan lauschte auf das Pochen seines Herzens, sein inneres Auge folgte Jonas auf seinem Weg, begleitet von den uralten Stimmen der Ahnen, die ihn vorantrieben, deren Anwesenheit nicht zu leugnen war, deren Gesänge das Land, zu dem sie gehörten, durchstreiften und es trösteten, ohne Mitleid zu empfinden über das, was ihm angetan worden war, oder was ihm in Zukunft noch angetan würde.
Er bemerkte nicht, wie sie haarscharf an ihm vorbei stolperten, wie sie von Stückchen scharfen Eises vorangetrieben, planlos gegeneinander stießen und fielen, sich schließlich mehr und mehr entfernten, die Verfolgung des Wolfes aufnahmen, der ihnen längst entschwunden war, ohne dass sie es ahnen konnten.
Die Kälte in seinen Gliedern lähmte ihn, doch der Puls, der in seinen Wunden wühlte, hielt ihn wach, und geleitet von dem sicheren Instinkt, der Gewissheit, dass die Spur, der seine Gegner gefolgt waren, abgerissen und durchbrochen vor ihnen aufragte, ihnen keinen Hinweis außer dem Zweifel an ihrer eigenen Wahrnehmung geben konnte, stieß er jedes Hindernis beiseite, kämpfte sich zurück auf den Weg, dem zu folgen, ihm bestimmt war.
Den Reifenspuren folgend, die ihn führten, doch verschwiegen, was ihn an ihrem Ende erwarten würde, humpelte, fiel und kroch er weiter, auf die stumme Macht vertrauend, die bis jetzt ihre schützende Hand über ihn gehalten hatte.
*
David schreckte aus seiner Ohnmacht, riss seine klebrigen Augen auf. Das angstvolle Heulen um ihn erfüllte mittlerweile jeden Zentimeter seines Kerkers. Unzählige Stimmen schrieen in Furcht vor ihrem drohenden Schicksal, sowie in der Wut, diesem hilflos ausgeliefert zu sein.
Der Raum, das Gebäude schien sich zu bewegen, als wollte es selbst die Flucht vor dem Unheil, das sein Ende bedeuten konnte, ergreifen. Es war Zeit, sich damit abzufinden.
*
Der Hagel hatte aufgehört, war ersetzt worden von eisiger Stille.
Der Geruch zukünftigen Schnees lag in der Luft, nach dem Wunsch des verletzten Landes unter einer sanften Decke glitzernder Kristalle Unterschlupf zu finden. Und die endlose Nacht neigte sich ihrem Ende zu.
Alan spürte den beginnenden Tag, obwohl noch kein Zeichen dafür die undurchdringliche Finsternis erhellte.
Sobald er dem Sichtkreis seiner Verfolger entronnen war, hatte sich Schweigen um ihn gelegt, hatten seine Füße Niemandsland betreten, hatten Gebiete hinter sich gelassen, die unberührt hätten bleiben sollen von Seelen, die ihre Bedeutung nicht verstanden.
Ob bewusst oder unbewusst, ob mit oder ohne ihre Absicht, die nichtsahnenden Weißen waren in Räume eingedrungen, die ihnen nichts Gutes verheißen konnten, die zu betreten ihnen nicht bestimmt war.
Doch sie waren hier, waren immer noch hier, und hatten ihre Spuren hinterlassen.
Das Gebäude ragte steil in die Höhe, kalt und abweisend, als wollte es Alan daran hindern, sich ihm auch nur einen weiteren Schritt zu nähern. Unsichtbare Fäden hatten ihn stetig voran gezogen, ihm keine Pause gegönnt, erlaubten ihm auch jetzt keine Rast.
Der Adler verbarg sich in der Schwärze der Nacht, doch Alan spürte seine Anwesenheit, sowie er die Davids spüren konnte. Und nicht nur dessen Präsenz enthüllte sich ihm in schmerzhafter Deutlichkeit, auch die der Anderen, drängte sich ihm auf.
Menschen waren dort gefangen, Unheil lag schwer über dem schroffen Stein. Alans Atem stieg in einer weißen Wolke gen Himmel. Ihm blieb keine Wahl, Davids Seele rief nach seiner und er würde ihrem Ruf folgen.
Keine Wachen, keine bewaffneten Männer, die zum Schutz zurückgelassen worden waren, verhinderten seine lautlose Annäherung und Alan erkannte nur zu rasch, warum das so war.
Er drang in das Gebäude ein, ohne dass ihm jemand entgegengetreten wäre, jemand auch nur Notiz von seinem lautlosen Eindringen genommen hätte.
Alan verharrte, lauschte, Puls und Herzschlag verlangsamten sich. Entscheidungen mussten getroffen werden, und das rasch.
Seine schwarzen Augen verfolgten die hastig verteilten Leitungen an den Wänden, hingen nur für Momente an den Sprengladungen, entdeckten und erfühlten die tickenden, grausamen Mechanismen, die ihre spinnenartigen Finger in jeden Winkel geklammert hatten, in alle Himmelsrichtungen und jede tiefste Verzweigung der unterirdischen Gänge, eine selbstmörderische Aktion, die von langer Hand geplant schien.
Und unter ihm, die eingesperrten Menschen, die geopfert werden sollten, die sich selbst opfern sollten. Doch es gab nur einen Menschen, dessen Anwesenheit er spüren wollte, dessen Lebenszeichen er ersehnte und den er um jeden Preis retten, oder, so es sein Schicksal wäre, mit ihm gemeinsam untergehen würde. Er schloss die Augen, sein Geist suchte in der Dunkelheit, suchte und fand.
Alan fühlte ihn, hörte ihn, folgte dem Diktat seiner Sinne, die ihn leiteten, die ihn antrieben, seinen Körper vorwärts stießen und schoben, ohne dass sein Geist ihre Beweggründe erfassen konnte.
Die merkwürdigen Symbole an den Wänden, das unruhig flackernde Licht begleiteten seinen Weg in die Tiefe, vorbei an Spuren der Gewalt, an den leblosen Gestalten, die nicht hatten Schritt halten können, deren Widerstand und Trotz zum ungünstigsten aller Zeitpunkte aufgeflammt war.
Und mit einem Mal wusste Alan so klar, als könnte er ihn in diesem Moment vor sich sehen, dass er David finden, dass er nicht zu spät kommen würde. Doch gleichzeitig traf ihn die Erkenntnis, dass dieser Triumph seinen Preis haben, dass er ihn mit einer Entscheidung bezahlen müsste, die einen bitteren Nachgeschmack tragen, mit der zu leben, seiner Seele schaden konnte.
Und doch gab es kein Zurück, kein Zögern oder Zagen. Ihre Verbindung war zu stark, ihre Geistertiere bereits vereint, dort wo der Himmel die Erde berührte, und nichts, keine sichtbare oder unsichtbare Macht würde sie an jenem Ort wieder trennen können. Alan schob sich weiter, tiefer hinunter in den finsteren Bau.
Er stützte sich an grauen Wänden, stolperte über unförmige Kisten, die achtlos zurückgelassen waren, nutzlos gewordene Waffen, die nur zu dem Zweck zurückgelassen schienen, um ihm den Weg zu erschweren.
Suchende Stimmen, kreischende Schreie ließen den Boden unter ihm erbeben; Bilder von eingesperrten Menschen, die getrieben von Panik an eisernen Schlössern, metallenen Riegeln, Gitterstäben, die sie sich selbst vor langer Zeit schon errichtet hatten, verzweifelt rüttelten, zwang Alan aus seinem Geist, selbst suchend nach der einen, schweigenden Gestalt, die auf ihn wartete
• * * *
David war still geworden.
Den Körper bewegungslos gegen den Boden gepresst, horchte er auf die Rufe derer, deren Schicksal längst besiegelt schien, ebenso wie das Seine.
Jede Sekunde, die verstrich, tickte laut in seinem Inneren, Mahnung an die Vergänglichkeit, Zeichen der Endgültigkeit des Lebenslaufes.
Und so wie er, fühlten es auch die anderen Seelen, die seine unfreiwillige Gefangenschaft teilten, lehnten sich auf, tobten, brüllten, regiert von der Gewalt des Schreckens im Angesicht der unvermeidlichen Gewalt, die ihre Hände bereits ausgestreckt hatte, die auf sie wartete, die immer auf sie gewartet hatte. Ebenso wie auf ihn.
Lange würde es nicht mehr dauern, ihre Zeit war beinahe abgelaufen. Und doch stimmte etwas nicht an der Vision, der er entgegensah, schien sich etwas zwischen ihn und das Ende zu drängen, spürte er die Nähe dessen, das ihn beschützen wollte, das gegen alle Widerstände kämpfte, mit aller Kraft versuchte, ihn zu erreichen.
Er stöhnte. Bilder von Schlangen, die ihr tödliches Gift verspritzten, bevor sie ihr Leben aushauchten, deren bösartige Triebe alles um sie herum ins Verderben stürzten, die, obwohl gefangen, gebannt, gequält, immer noch Unheil verströmten, suchten ihn heim.
Er wusste, dass Alan nahe war, dass er ihm folgte, dass nichts ihn davon abhalten würde, in diesen tödlichen Abgrund hinab zu steigen, sein luftiges Element zu verlassen, um ein unwürdiges Wesen aus der dunklen Erde zu holen, selbst wenn sein Adler bei dem Versuch unwiderruflich begraben werden würde.
Und dann hörte er ihn, hörte das Kratzen an der Außenseite seines Kerkers, lauschte den Versuchen den schweren Riegel beiseite zu schieben, den Stößen und Tritten, die gegen die Tür hämmerten, und er stöhnte wieder.
Doch dann zersplitterten Barrieren, brachen physikalische Grenzen und Alan kniete neben ihm, an seiner Seite. Warme Finger nestelten an dem Klebeband, fanden Halt, rissen es entschlossen fort von der erstickten Oberfläche, deren Brennen David mit dem erlösten Atemzug, der seine dankbaren Lungen endlich wieder ausreichend mit Sauerstoff füllte, nicht bemerken konnte.
Alan richtete ihn auf, stützte ihn, den schwindelte, während er seine Glieder befreite, die Bänder grob beiseite warf.
David schrie vor Schmerzen, als die Blutzirkulation wieder einsetzte, seine Füße und Hände, die taub gewesen, nun zu Ballen rot glühenden Feuers mutierten.
Aber der Lakota gönnte ihm keinen Augenblick, sich zu beruhigen, seinen Körper wieder auf die nötige Funktionalität vorzubereiten.
Er zog David hoch, obwohl dieser noch in der Bewegung zusammenklappte, vornüber fiel und sich trocken erbrach, die Übelkeit den Sieg über den Schwindel davongetragen hatte.
Alan riss ihn in die Höhe, noch ehe er seine Sinne zurückerlangt hatte, zwang ihn, die schmerzenden Füße zu gebrauchen, einen vor den anderen zu setzen, halb gezogen, halb geschliffen, seinen Weg aus dem Gefängnis zu suchen.
Um sie herum schienen die Mauern zu beben, trommelten unzählige Hände gegen ihre steinernen Gitter in neu entflammter Hoffnung, die das gewaltsame Eindringen eines einzelnen Mannes, in ihren Herzen entfacht hatte.
Hilferufe begleiteten jeden qualvollen Schritt, und David stoppte ächzend, geklammert an den aufrechten Lakota Krieger, der ihn in eisernem Griff hielt, die freie Hand haltsuchend gegen die Wand gepresst, die verletzten Beine von dem gemeinsamen Gewicht entlastend.
“Die Gefangenen...”, stöhnte David. “Wir... du musst sie befreien...“ Er sah auf zu dem dunklen Gesicht, den Schatten, die er in dem schwach zitternden Licht, das den Weg zurück in die tröstliche Nähe des Ausganges wies, klar erkennen konnte, sah die zusammengepressten Lippen, die harten Züge im Geiste deutlicher, als er sie mit den Augen würde erkennen können, und er wusste es.
“Lass mich”, bat er rau. “Lass mich und öffne die Sperren.”
Er hustete, blaue Blitze zuckten um die Kabel, die sie hinter sich ließen. Elektrizität ließ die Luft knistern, die Spannung vor der Explosion drängte ohrenbetäubend gegen sein Trommelfell.
“Nein!”Alan sah ihn nicht an, schob und zog ihn unermüdlich weiter vorwärts, dem Ausgang aus dieser Falle entgegen.
“Es ist zu spät, ich werde dich hier herausholen, nur dich und keinen Anderen.” Bestimmt und eiskalt, Worte, die nicht angezweifelt werden konnten, auf die es nichts zu erwidern gab.
Der Griff wurde fester, beinahe brutal, David vermeinte den Boden unter den Füßen zu verlieren, als die grauen Mauern an ihm vorbeizogen. Ein Strom eiskalter Luft ließ seinen Kopf hochschnellen, seinen Körper unwillkürlich stocken. Und doch wurde er weiter gerissen, passierte die Schwelle, stolperte über Steine und grobkörnige Erde, taumelte und wurde weiter gezerrt, vorwärts, hastig, schneller, während die Welt nur einen Hauch vor ihrem Zerbersten zu stehen schien.
Und dann geschah es.
Ein grober Stoß in den Rücken, und David stürzte zu Boden.
In diesem Moment krachte es ohrenbetäubend, eine heiße Druckwelle trieb ihn vorwärts, ein grell-grünes Leuchten ließ ihn erblinden, bevor sich ein schwerer Körper schützend über ihn warf.
Das Zentrum explodierte in einer Wolke aus Blitz und Qualm, die hoch und leuchtend in den erwachenden Himmel emporstieg. Sie verdichtete sich, fächerte auseinander, schien sich zu öffnen, wirbelte ihren Staub, die millionenfach zerstörten Brocken und Teile eines ehemaligen Bauwerkes und seiner lebendigen Insassen, in die Höhe, bevor sie ihn und seine glühenden Bestandteile, sanft und gleichmäßig zurück zur Erde regnen ließ, auf die zerklüfteten Ruinen, die soeben noch ein Ganzes gewesen waren.
Gleichmäßig sank der graue, trockene Regen hinab, bedeckte Erde, Steine, Pflanzen und Beweise für die Fähigkeit des Menschen zur Vernichtung alles, dessen er gewahr werden konnte mit einer heißen, dünnen Schicht.
Totenstille folgte dem Lärm. Kein lebendes Wesen würde es wagen, die unheilvollen Kräfte, die dies veranlasst hatten, unnötig zu reizen.
Alan sog die Luft ein, die ihm die Höhlung zwischen Davids Schulter und Nacken, in der er sein Gesicht vergraben hatte, gewährte, bevor er den Kopf vorsichtig hob. Die Asche kratzte in seinem Hals und plötzlich spürte er seine Wunden wieder.
“Bist du in Ordnung?” Sanfte Worte, verschluckt von einem rauen Husten.
Keine Antwort zuerst. Doch dann... ein kaum merkliches Zucken, ein halbherziger Versuch, sich von der Last, die auf ihm lag, zu befreien.
Alan rollte zur Seite, fiel mit einem Seufzer hart auf seinen Rücken. Sie lebten. David lebte. Alles Weitere würde sich finden.
* * *
Teil 2 auf Anfrage ;)
Weißer Elch
Hannes und Weißer Elch
Kinder/Jugendbuch
Fantasy
Alle Rechte vorbehalten!
Hannes kickte sein Buch wütend in die Ecke des Zimmers. Verdammte Hausaufgaben! Als ob sein Leben auch ohne diese unnötige Mühsal nicht schon schwer genug sei. Mit einer ärgerlichen Handbewegung fegte er das Heft auf den Fußboden und stapfte noch einmal mit seinem Hausschuh, der wundersamerweise noch immer eine Spur Tomatensauce vom Mittagessen hinterließ, fest darauf. Bruchrechnung war einfach Scheiße.
„Alles in Ordnung bei dir?“
Hannes verdrehte genervt die Augen. Dieser vorwurfsvolle Ton in der Stimme seiner Mutter konnte ihn zur Weißglut bringen.
„Alles in Butter“, brüllte er zurück. „Mir ist nur etwas heruntergefallen.“ Stöhnend beugte er sich hinunter, hob das misshandelte Heft wieder auf und stopfte es unbesehen in seine Schultasche. Es hatte ja doch keinen Sinn. Lieber schrieb er die Aufgaben in der Frühe ab, als sich jetzt noch damit abzuquälen. Er sprang auf, warf seinen Pulli über das vernachlässigte Buch und wühlte in den Untiefen seiner Bettdecke. Ein verklebtes Nintendo, ein Gummiball und eine zerdrückte Packung Kaubonbon waren alles, was er ans Tageslicht beförderte.
Ein verstohlener Blick zur Tür, das Gerät auf stumm geschaltet und dem Ausflug in die bunte Welt der winzigen Monsterjagden stand nichts mehr im Wege. Plötzlich schrillte die Türglocke. Hannes fuhr aus seiner Trance, riss die Zimmertür auf und stürzte durch den schmalen Korridor.
„Lars, hi!“ Lars grinste breit und schlüpfte durch den Spalt, den Hannes ihm offen hielt.
„Mama!“, brüllte dieser. „Lars ist da. Kann er reinkommen?“ Ein Moment der Stille folgte, bevor seine Mutter ihm antwortete: „Hausaufgaben?“
„Schon erledigt“, nuschelte Hannes und rollte Lars gegenüber mit seinen Augen. Eine weitere Pause, doch darauf folgte ein zustimmendes Brummen. Hannes und Lars grinsten sich zu und verschwanden einhellig in Hannes Zimmer.
„Mann, hier schaut’s aus“, kicherte der blonde Lars abfällig und fuhr sich durch die wild abstehenden Haare. Hannes zuckte mit den Schultern. „Was willst du, ist doch gemütlich.“
Lars schüttelte den Kopf. „Mein Alter würde mir ganz schön was husten, wenn ich alles so verrotten lassen würde.“
„Hey du Spinner!“ Hannes boxte dem Anderen in die Seite. „Vergiss nicht, ich kenn dein Zimmer. Da könnte eine Bombe eingeschlagen haben.“
„Hat aber nicht.“ Lars boxte zurück. „Außerdem weiß ich genau, wie ich’s anstellen muss, damit meine Mutter das Chaos beseitigt.“
„Da siehst du’s. Meine könnt ich dazu nicht bringen.“
„Selbst schuld“, lästerte Lars weiter. „Die tut doch eh nie etwas.“
„Und was treibt dein Bruderherz?“, wechselte Hannes das Thema. „Wieso ist er nicht hier und hilft dir nerven?“
„Abgehängt“, warf sich Lars stolz in die Brust. „Und nicht nur das.“ Verstohlen griff er in die Innentasche seiner Jacke und zog ein silbernes Nintendo heraus.
„Mann, das ist nicht deins“, staunte Hannes. „Was du nicht sagst“, antwortete Lars. „Ich hab immer noch Verbot, nur weil dieser Schleimer alle Schuld auf mich geschoben hat. Dabei hat er angefangen.“
„Na klar.“ Hannes grinste schief. „Ich wette, du warst die Unschuld in Person.“
„So ist es, irgendwelche Zweifel?“ Beide lachten. Doch ihre Freude wurde abrupt unterbrochen, als das Telefon klingelte.
„Scheiße, ich ahne Schlimmes“, murmelte Lars. Das Klingeln hörte nicht auf. „Willst du nicht rangehen?“ Lars sah Hannes fragend an. Dieser schüttelte nur den Kopf. „Fällt mir gar nicht ein. Ich kann mir schon denken, wer es ist.“
„Aber deine Mutter ist eine echte Schlaftablette, das kann noch dauern, bis sie es hört.“
„Die hört das schon. Außerdem steht sie schon in aller Herrgottsfrühe beim Verkauf. Da kann ich es verstehen, dass sie am Nachmittag nicht mehr so mag.“
„Ja schon.“ Lars lauschte stumm auf das Läuten. „Ist echt Scheiße, so ohne Vater, oder?“
„Besser als einer, der mich grün und blau schlägt, oder den ganzen Tag säuft… sagt Mama zumindest.“
„Hm.“ Während ihres Gespräches hatten beide nicht mehr auf die Geräusche geachtet, die außerhalb ihres Refugiums erklangen und zuckten daher erschrocken zusammen, als sich die Tür unvermutet öffnete, das große Poster mit dem roten Rennwagen wie eine Warnleuchte zu ihnen hinein verschob.
Ein verstrubbelter Haarschopf schob sich vorwärts, das aschblonde Haar von vereinzelten hellgrauen Strähnen durchzogen. Charly blinzelte in den Raum, die Brille schief auf der Nase. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte den gewohnten Anflug von Verwirrung.
„Lars? Deine Mutter hat gerade angerufen, du sollst noch mal nach Hause kommen, deine Nachdosis nehmen.“ Charly starrte prüfend in die unschuldigen Gesichter. „Habt ihr hier Gameboy gespielt?“ Sie blickte strafend auf Lars. „Sophia hat erwähnt, dass du Verbot hast.“
„Mach ich nicht“, krähte Lars und schnappte seine Jacke. „Bin gleich wieder da“, rief er Hannes zu, bevor er verschwand.
„Geht doch mal raus“, schlug Charly vor.
„Ach nee.“ Hannes schüttelte vehement seinen Kopf, so dass die braunen Locken flogen. „Das ist öde.“ Charly seufzte und fuchtelte hilflos mit ihren Händen. „Dann spielt doch Lego… oder… oder…“ Sie verstummte entnervt. „Auf jeden Fall muss ich Lars Mutter Recht geben. Dieser elektronische Quatsch führt doch nirgendwo hin.“
„Doch!“ Hannes richtete sich empört auf. „Koordination und Reaktionsfähigkeit. Das hat Sophia selbst gesagt, als sie Lars und Julian die Dinger gekauft hat. Und jetzt nimmt sie sie ihnen immer weg. Das ist doch gemein.“
Charly überlegte. „Ich glaub auch nicht, dass dieses Stillsitzen besonders förderlich ist für dieses ADHS Dingens.“
„Doch, doch… für die Konzentration“, warf Hannes schleunigst ein. „Lars hat mir das genau erklärt.“
„Hm.“ Charly zuckte mit den Achseln. „Na gut, wie du meinst. Aber sich draußen auszutoben, ist doch immer noch besser, als die Bude auf den Kopf zu stellen, nachdem man den ganzen Nachmittag auf so ein blinkendes Quadrat gestarrt hat.“
„Davon verstehst du nichts“, meinte Hannes. „Dafür bist du zu alt.“
„Na warte, du!“ Charly drohte grinsend mit dem Finger. „Ich will nur nicht wieder in irgendetwas hineingezogen werden, wenn die beiden Vandalen ihrer Mutter auf der Nase herumtanzen.“
„Das würden sie doch nie.“ Hannes zwinkerte ihr unschuldig zu. Vernehmliches Getrampel drang aus dem Treppenhaus an sein Ohr. Charly schüttelte den Kopf. „Sag ihnen, dass Mittagsruhe herrscht.“
Nun unterschied auch Hannes die beiden Stimmen. Kein Zweifel, auch dieses Mal war es Lars nicht gelungen, seinen kleineren Bruder abzuschütteln.
„Ja, das hilft bestimmt“, murmelte er und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie seine Mutter den Rückzug antrat, während er sich beeilte, die Zwillinge hereinzulassen.
„Was machen wir?“, fragte er und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. „Wieso?“ Lars‘ Augen wurden groß. „Wo hast du…“
„Keine Sorge. Ich hab dein Spiel noch, aber meine Mutter stellt sich quer.“
„Vergiss sie“, winkte der etwas kleinere Julian mit dem strohblonden Haar ab. „Das checkt die nie. Hast du was Süßes?“
Hannes schüttelte den Kopf. „Der Monat ist bald rum. Da kauft Mama sowas nicht mehr.“
„Du meinst, da kann sie nichts kaufen?“ Hannes sah Julian wütend an. „Na und? Was geht’s dich an?“
„Zucker ist uns zwar gestrichen, aber wenigstens könnten wir uns alles leisten, was wir wollten.“
„Na toll“, antwortete Hannes. „Danke für den Hinweis.“
„Wir können uns auch immer von unserem Taschengeld heimlich was kaufen“, grinste Lars. „Na, dann macht das doch“, gab Hannes patzig zurück. „Ich halte euch bestimmt nicht davon ab. Wir sollen eh rausgehen oder mit Lego spielen.“
„Lego ist was für Babies“, krähte Julian. „Nee, wir wollen Nintendo spielen. Gib mir deins, dann kannst du mit Lego spielen.“
„Ja, sonst noch was?“ Hannes wehrte ab. „Euch geht’s wohl zu gut.“
Glücklicherweise erlöste ihn die Türglocke von weiteren, drohenden Entscheidungen.
„Hannes“, rief Charly. „Das ist doch sicher wieder für dich.“
Einen Moment später saßen sie zu viert in Hannes‘ Zimmer und beratschlagten die weitere Vorgehensweise.
„Was haltet ihr von dem Neuen?“, warf Eliza ein, das einzige Mädchen, das ab und zu in dem Kreis der normalerweise vier Jungen zählenden Musketiere geduldet wurde. Ihre großen Augen blickten interessiert in die Runde und sie warf energisch das lange, dunkle Haar in den Nacken. „Ein Angeber würde ich meinen.“
„Ich weiß nicht“, zögerte Hannes. „So viel hat er noch nicht gesagt.“
„Viel nicht, aber genug.“ Eliza schniefte hörbar. Ihren Status als geduldeten Gast in diesem erlauchten Kreis hatte sie sich durch außergewöhnliche Frechheit gegenüber Lehrern und extreme Ignoranz, was jeden Hinweis auf ihre attestierte Legasthenie betraf, erworben. Bisher war es ihr gelungen, sich standhaft allen Versuchen, ihre Rechtschreibschwäche mit Therapie oder Nachhilfe in den Griff zu bekommen, entgegen zu stellen. Hilfreich unterstützt wurde sie in diesen Anstrengungen von ihren Eltern, die sie weitgehend ignorierten. Außerdem galt ihr Widerstand gegenüber jedweden Ermahnungen und Hinweisen seitens der Lehrer gewissermaßen als sprichwörtlich. Früher oder später akzeptierte noch jeder Vertreter dieser Zunft diese Auflehnung als gottgegeben, bevor er sich wieder seiner Karriere zuwandte. Kein Wunder also, dass Eliza sich, was Noten und Beurteilungen betraf, ein besonders dickes Fell angeschafft hatte. Die Technik des verständnislosen Gesichtsausdrucks, mit der sie gewohnt war, ihre Lehrer reihenweise um den Verstand zu bringen, perfektionierte sich ebenfalls von Jahr zu Jahr erschreckend. Für die meisten war sie zu einem hoffnungslosen Fall geworden, eine Rolle, in der sie sich auch gefiel, zumindest sich bemühte, den Anschein zu erwecken.
„Er sieht aus wie ein Idiot“, warf Julian ein. „Mit seiner Brille, und den roten Haaren.“
„Die sind nicht rot“, gab Hannes zu bedenken. „Die haben eher einen rötlichen Stich.“
„Hör dir unseren Experten an“, prustete Lars. „Seit wann bist du zum Frisör geworden.“
Hannes lief rosa an und wehrte ab. „Ich weiß das, weil meine Tante sich stundenlang über Farbtypen auslassen kann. Mich hat sie schon ungefähr hundertmal analysiert.“
„Und, was bist du?“ Eliza zeigte sich interessiert. Hannes zögerte. „Naja… früher war ich wohl der Winter, jetzt schwankt sie zwischen Frühling und Herbst.“
„Ich halt’s nicht aus“, brüllte Julian los. „Dir fehlt eindeutig ein männlicher Einfluss.“ Lars knuffte ihn in die Seite. „Hey“, wehrte sich Julian. „Ist doch wahr. Sagt Mama auch immer.“
„Sophia muss es ja wissen“, biss Hannes zurück, ohne verhindern zu können, dass sein Gesicht nun wirklich rot anlief.
„Mit Farbtypen beschäftigen sich auch Schauspieler und Modeschöpfer“, gab Eliza zu bedenken. „Das gehört zum Handwerk.“
„Jetzt hört euch die an“, grinste Lars. „Klatsch und Tratsch Expertin ersten Ranges. Welche Boygroup hat es dir denn diese Woche angetan?“
Eliza sah ihn groß an. „Offenbar wirkt dein Ritalin noch nicht“, fügte sie leise hinzu. „Vielleicht brauchst du eine höhere Dosis?“
„He…“ Wutentbrannt stürzte sich Julian auf sie, wurde jedoch gerade noch von Lars zurückgehalten, der ihm kräftig gegen das Schienbein trat. Der Zorn des Jüngeren richtete sich nun gegen den Bruder und er begann wild auf ihn einzuschlagen.
„Du blöde Schnalle hast doch keine Ahnung“, keuchte er.
„Immerhin verstecke ich mich nicht hinter einem dämlichen Verblödungsattest.“ Eliza verschränkte ruhig ihre Arme vor der Brust. „Ich nehme nur, was mir zusteht.“
„Du… du…“ Mit einem Krachen flog der Behälter für Farbstifte vom Schreibtisch, gegen den Julian seinen Bruder, der ihn immer noch in fester Umklammerung hielt, gestoßen hatte.
„Verdammt.“ Die Tür ging auf, und Charly Senfkorn steckte ihre Nase hinein. „Was soll der Krach. Raus mit euch allen, aber sofort. Macht draußen etwas kaputt.“
Lars ließ Julian flugs los, welcher Charly frech entgegen grinste. „Nö, wir bleiben hier.“
Charly stöhnte und blickte hilfesuchend zur Decke. „Das tut ihr nicht, ihr Rotznasen.“
Sie rieb sich die schmerzende Stirn und sah entschlossen wieder auf. „Julian… ich kenne eure Mutter, willst du wirklich, dass ich sie anrufe?“
Julian blinzelte frech zurück. „Tu’s doch.“ Charly blieb unbeweglich stehen und sah ihn an. Julian grinste immer noch und schob schließlich die Unterlippe vor. „Nur wenn wir was Süßes kriegen.“
„Ihr dürft keinen Zucker essen“, erwähnte Charly trocken. „Und selbst wenn, wir haben nichts mehr. Euer letzter Besuch hat uns die restlichen Kekse gekostet.“
„Und die waren scheiß trocken“, schimpfte Julianund ließ sich schließlich dazu herab, den Weg Richtung Ausgang anzutreten.
„Nimm deine Jacke mit“, rief Charly Hannes hinterher.
„Viel zu warm“, knurrte dieser und verließ mit den anderen die Wohnung. Gemeinsam polterten sie die Treppen hinunter ungeachtet der ärgerlichen Laute, die ihnen hinter den verschlossenen Türen des Mietshauses entgegenschallten.
Auf der Straße angekommen setzten Julian und Lars ihre Rangelei fort, stoppten jedoch plötzlich, als vor ihnen ein rundlicher Junge ihres Alters hinter einem Müllcontainer hervortrat.
Sofort ließen sie sich los, und umkreisten den Kleineren. „Ja, wen haben wir denn da?“, fragte Lars spöttisch. „Das ist doch unser Neuer. Der gute Ferdinand.“
Julian feixte. „Was ist das überhaupt für ein Name, Ferdinand. So heißt doch heutzutage keiner. Kannst du den nicht ändern?“
Ferdinand verschränkte die Arme vor der Brust. „Mein Opa hieß Ferdinand, mein Papa heißt Ferdinand. Und nun rate mal, wie mein Sohn heißen wird?“
Eliza kicherte. „Und wenn’s eine Tochter wird? Ferdinandine?“ Ferdinand sah sie strafend an. „So einen Namen gibt es nicht. Außerdem wird es keine Tochter. Das hab ich in den Genen.“
„Ach ja?“ Lars sah interessiert auf ihn hinunter.
„Lass dir doch keinen Quatsch vormachen“, warf Hannes altklug ein. „Niemand kann so etwas wissen.“
„Oh doch, ich kann das“, nickte Ferdinand ihm zu. „Du wirst schon sehen.“
„Hast du eine Schwester?“, fragte Eliza interessiert. Ferdinand wandte sich ihr zu. „Habe ich nicht. Und wenn du heute früh zugehört hättest, wüsstest du das auch. Da hab ich meine ganze Lebensgeschichte vor der Klasse zum Besten gegeben.“
„Ich höre in der Schule nie zu“, erwähnte Eliza beiläufig.
„Das stimmt“, nickten Lars und Julian. „Da kannst du jeden fragen. Eigentlich ist es jedes Jahr wieder ein Wunder, dass sie die Klasse schafft.“
„Wenn ich will, weiß ich alles“, brummte Eliza. „Meistens will ich nur nicht.“
„Elizas Eltern würden von ihrer Existenz gar nichts bemerken, wenn sie sich nicht hin und wieder mal über ihre Noten ärgern dürften“, setzte Lars altklug hinzu.
„Halt du bloß das Maul“, konterte Eliza mit flammendem Blick. „Du hast ja keine Ahnung.“
„Nee, die hab ich echt nicht“, murmelte Lars und grinste wieder. „Wenn meine Alten mal nicht über mich schimpfen, sind sie bestimmt krank.“
„Ich sehe schon.“ Ferdinand schnalzte mit der Zunge. „Ich hab es hier mit ein paar richtigen Musterschülern zu tun.“
„Du sagst es, mein Freund“, grinste Julian. „Wir sind die Elite. Wer mit uns abhängen will, muss sich erst beweisen.“
„Glaub dem kein Wort“, prustete Hannes los. „Wir sind eher die letzten, mit denen ein Streber wie du abhängen möchte.“
Ferdinand fuhr herum. „Wer sagt dir, dass ich ein Streber bin?“
„Na, das steht dir quasi mit Leuchtbuchstaben ins Gesicht geschrieben.“
„Ach nee!“ Ferdinand trat auf ihn zu.
Hannes hob abwehrend die Hände. „Schon gut, schon gut! Ich wollte dich nur warnen, Kumpel.“ Ferdinand zog eine Augenbraue hoch. „Nenn mich nicht Kumpel!“
Julian kicherte. „Verzeihung, Majestät. Das gemeine Volk verbrüdert sich nun mal gerne.“
„Spinner!“ Ferdinand grinste nun auch und sah prüfend die Straße auf und ab. „Also, was treibt ihr Leute hier so? Wo kann man Spaß haben?“
„Ganz ehrlich?“ Lars legte die Stirn in Falten. „In diesem Kaff? Nirgends. Es sei denn, du hast Kohle.“
„Na fabelhaft.“ Ferdinand verdrehte die Augen. „Da bin ich ja wirklich vom Regen in der Traufe gelandet. Wo ich vorher gewohnt habe, sah es echt genauso aus. Nix los. Und als ich endlich was Spaßiges gefunden habe, sind wir schon umgezogen.“
„Und was gab es da Spaßiges?“, erkundigte Hannes sich neugierig. Ferdinand sah ihn prüfend an, schüttelte dann den Kopf. „Das willst du nicht wissen.“
„Wieso sollte ich das nicht wollen?“ Ferdinand räusperte sich verlegen. „Ihr seid nicht soweit das zu verstehen.“ Die Kinder sahen erst ihn, dann sich gegenseitig an.
„Wusste ich doch, dass der ein eingebildeter Affe ist“, schnaubte Eliza schließlich.
„Ich bin nicht eingebildet“, wehrte Ferdinand sich. „Ich… ich habe nur festgestellt, dass die meisten das doof finden, was ich mag, und… und das hör ich mir nicht noch mal an.“
Lars kicherte. „Scheiße, Mann, dann muss das ja etwas ganz Übles sein. Wahrscheinlich sowas Schwuchteliges wie mit Barbie Puppen spielen.“
„Sag sowas nicht“, warf Hannes ein.
„Na was denn?“
„Schwuchtelig. Meine Tante reißt dir den Kopf ab.“
„Oder Schlimmeres“, ergänzte Lars. „Wisst ihr noch… die stundenlangen Vorträge?“
„Igitt“, kicherte Julian. „Wenn die nicht schwuchtelig waren?“
„Jetzt hör schon auf“, verlor Hannes allmählich die Geduld. „Du nervst.“
Julian trat ihn gegen sein Schienbein. „Und du erst, Feigling.“
„Nein, es sind keine Barbie Puppen“, gab Ferdinand schließlich zu, wobei er mit seinem Schuh Achten auf den Gehsteig malte. Diese Unterstellung konnte er nun doch nicht auf sich sitzen lassen.
„Ich war in einer Indianergruppe.“ Er blickte sich vorsichtig nach einer Reaktion um, doch erhielt lediglich fragende Blicke.
„Indianer darf man auch nicht sagen“, meldete Hannes sich schließlich pflichtschuldig zu Wort. „Das sind amerikanische Ureinwohner, sonst beleidigst du sie.“
Ferdinand zog wieder eine Augenbraue in die Höhe. „Ist gar nicht wahr“, warf er sich in die Brust. „Wir haben sogar englisch gesprochen, und da nannten wir uns die Wild Indians… also die voll wilden Prairie Indianer.“
„Mit Pferden und so?“
Ferdinand antwortete mit einem abschätzigen Blick auf die sichtlich schrumpfende Eliza.
„Wo hast du denn das her? Indianer haben doch nicht nur mit Pferden gespielt. Die haben auch Zelte gebaut, Feuer gemacht und so.“
„Und das habt ihr auch?“ Ferdinand zuckte mit den Achseln. „Manchmal.“ Er seufzte. „Ganz so doll war’s auch nicht“, gab er schließlich zu. „Irgendwie waren das hauptsächlich Erwachsene, die Indianer spielen wollten. Dann haben sie sich verkleidet, und gesoffen… naja.“ Sein Gesicht verdüsterte sich, hellte sich jedoch in der nächsten Sekunde wieder auf. „Aber lustig war’s schon. Unser Nachbar hat mal in den USA gelebt und konnte toll erzählen. Immer wenn sein Neffe zu Besuch war, nahm er uns mit.“
„Okay?“ Julian starrte ihn fragend an. „Das hört sich nicht so faszinierend an, wenn du mich fragst.“
„Ich frag dich aber nicht“, antwortete Ferdinand patzig.
„Jetzt lasst ihn doch in Ruhe“, mischte Hannes sich ein und wandte sich an Ferdinand. „Sowas haben wir hier nicht, und fürs Indianer Spielen sind wir echt zu alt.“
„Das ist nicht spielen… das ist mehr… Öko und Kram.“
„Du hast ja ein Rad ab“, grinste Lars und zog Eliza an den Haaren. „Deine Frisur würde auf jeden Fall schon mal passen. Einen klasse Indianer würdest du abgeben.“
„Idiot“, wehrte Eliza sich trotzig. „Ist zumindest was Anderes als die dämlichen Robotermonster, die ihr sonst so cool findet.“
„Ha, gegen die hätte dein Winnetou keine Chancen“, lachte Julian. Ferdinand verzog sein Gesicht in nachdenkliche Falten.
„Roboter sind auch nicht schlecht, wenn ich so drüber nachdenke. Gut bewaffnet müssen sie sein.“ „Munition ohne Ende“, fiel Lars begeistert ein.
„Bomben, Böller und Granaten.“ Julian hopste den Abwasserkanal auf und ab. „Stealthfighter und Raketen…“
„Runter von der Straße“, brüllte eine unbeherrschte Stimme. „Hörst du nicht, du Lausejunge?“
Julian drehte dem nahezu glatzköpfigen Mann eine lange Nase und verschwand zwischen den Containern. Lars, Hannes, Eliza und Ferdinand folgen ihm. Schnaufend und prustend, aber aus vollem Halse lachend umrundeten sie zwei Garagen und fielen mehr, als dass sie zusammenstießen, auf die staubige Erde im Schatten eines ausladenden Gebüsches.
„Wer war das denn?“, keuchte Ferdinand. „Der Hausmeister vom Block“, kicherte Eliza. „Aber der erwischt uns nie.“
„Keine Chance“, pflichtete Hannes ihr bei. „Das heißt aber nicht, dass er es nicht immer wieder versucht.“
„Der Vollidiot“, grinste Julian. „Aber er ist nur einer von den Deppen, die meinen, sie könnten sich hier als Chef aufspielen.“
„Und wer sind die Anderen?“
„Alle Erwachsenen natürlich“, kicherte Eliza. „Oder alle, die so tun, als wären sie es.“
„Gibt es hier auch keine Zecken?“ Ferdinand blinzelte skeptisch in das Gewirr aus Zweigen.
„Zecken?“ Julian kicherte. „Das nenn ich mal einen Großstadtindianer.“
„Hey… diese Mistviecher sind echt übel“, warf Hannes ein.
„Ich weiß, bin auch geimpft – mehrmals!“ Julian krempelte seinen Hemdsärmel auf und präsentierte stolz ein bräunlich verfärbtes und nur noch lose an der Haut hängendes Pflaster.
„Gib nicht so an“, brummte Lars. „Jeder ist geimpft. Das muss man sogar.“ Er ignorierte Eliza, die verstohlen zur Seite blickte. „Also… was machen wir jetzt.“
„Jetzt ist Schluss mit lustig“, grollte eine tiefe Stimme. Mit lautem Kreischen stoben die fünf auseinander und setzten zur Flucht an. Nur Ferdinand war nicht schnell genug und fühlte sich von dem Hausmeister am Schlafittchen gepackt und grob aus dem Gestrüpp gezerrt.
„He…“, wehrte er sich erbost und strampelte was das Zeug hielt. Lediglich eine Staubwolke blieb auf dem Pfad zurück, den die vier treulosen Kameraden blitzartig zurückgelegt hatten, ohne sich nach dem glücklosen Kumpan umzusehen.
„Opfer müssen gebracht werden“, nickte Lars weise, als sie, das nagende Schuldgefühl mühsam unterdrückend, ihre Wege fortsetzten.
„Außerdem ist er Indianer“, setzte Hannes hinzu. „Die kennen keinen Schmerz.“
„Ihr seid doof“, stellte Eliza fest. „Selbst doof, blöde Tussi“, konterte Julian, bevor sie sich trennten, um weiteren Verdachtsmomenten zu entgehen. Jahrelange, einschlägige Erfahrung auf dem Gebiet des plötzlichen Rückzuges, hatte sie gelehrt, keine unnötigen Risiken einzugehen.
Hannes schlenderte einen kleinen Umweg, vorbei an dem Sandkasten für Kleinkinder, der sein mittlerweile über diese Babybeschäftigungen hinausgewachsenes Auge beleidigte. Dem Neuen würde schon nicht allzu übel mitgespielt werden. Und außerdem musste jeder einmal durch den Hausmeister Test hindurch. Früher oder später erwischte der Typ jeden. Man konnte nur hoffen, dass er dann einen guten Tag hatte, und sich nur die Seele aus dem Leib brüllte, anstatt gleich zu Eltern, Mietervorstand oder noch höher rangierenden Instanzen zu rennen, und richtig Ärger zu schaffen. Aber das war nicht sein Bier. Der Neue mit seinem komischen Gerede hatte ohnehin etwas Nerviges an sich. Hannes runzelte die Stirn. Oder lag es nur daran, dass dieser Indianerkram einfach nur noch veraltet war? Ihm standen allein die Haare zu Berge, wenn Tante Katharina und seine Mutter mit verächtlichen Blicken auf seine Games und Actionfiguren begannen, von der guten, alten Zeit zu reden, in der es noch Wäldchen gab, in denen sie Cowboy und Indianer, Ritter und Knappe oder noch absurdere Kostümpartys veranstaltet hatten. Wobei die Kostüme wohl auch nur in ihrer Phantasie existiert hatten.
Genau das war es. Das ständige Klagen über den Mangel an Phantasie, den die Jugend von heute anscheinend aufwies. Hannes prustete. Als ob Phantasie einem im Leben weiter helfen würde. Und schon gar nicht Cowboy- und Indianer-Spiele, ohne Sinn und Zweck. Wenn schon, dann musste es ordentlich knallen und scheppern. Eine Explosion mindestens. Irgendetwas, das ausradiert gehörte. Wie zum Beispiel die dämliche Schule mit ihren ständigen Tadeln und Befehlen. Das war nicht richtig, dies musste besser werden. Zufrieden waren die nie. Hannes kratzte sich an der Stirn und sah an der Hausfassade empor.
Mist. Einerseits würde er gern wieder rein gehen, andererseits, vielleicht hatte seine Mutter auch einen Blick in seine Hefte geworfen und die vermasselte Probe gefunden. Und dann ging das Theater wieder los. Ob er denn auf der Hauptschule versauern wolle? Ob er denn gar keine Chancen im Leben erhalten oder auf den Zug des Erfolges aufspringen möchte? Und dann fing sie gewöhnlich an, laut nachzudenken, ob sie nicht doch irgendwo etwas einsparen und ihn zur Nachhilfe schicken sollte.
Das flaue Gefühl in Hannes Magen verstärkte sich. Alleine draußen bleiben war aber auch nichts. Manchmal wünschte er sich, er hätte doch ein Geschwisterchen, einen Zwillingsbruder, so wie Lars und Julian einander hatten. Zwar schlugen die beiden sich regelmäßig begeistert ihre Köpfe ein, aber im Notfall hielten sie doch immer zusammen. Und vor allem – sie hatten auch immer jemanden zum reden und spielen. Nicht so wie er. Hannes trat mit dem Fuß gegen die Mauer. Das Leben war echt Scheiße. Müde nestelte er sein Schlüsselband hervor und wollte gerade die Tür öffnen, als sie sich wie von selbst auftat. Ein schlaksiger Mann mit dünnen roten Haaren zuckte nervös zusammen. Als er Hannes erkannte, breitete sich ein schleimiges Lächeln über seinem Gesicht aus.
„Hallo Junge“, summte er leise und beugte sich zu Johannes herab. „So allein hier?“
Hannes wich unwillkürlich zurück. „Ich bin schon spät“, murmelte er hastig und wand sich, soweit entfernt von dem Fremden wie es ihm möglich war, durch den geöffneten Spalt. Er schauderte, als der Erwachsene keine Anstalten machte, zurückzuweichen, sondern im Gegenteil, ihm beinahe noch näher zu kommen schien.
„Ich muss dann“, stieß Hannes hervor und schürfte sich in seiner Eile die Haut über dem Hüftknochen auf, als er an der Kante der Tür vorbei schrammte. „Verdammter Mist“, fluchte Hannes und nahm die Treppe mit zwei Stufen auf einmal. „So ein Idiot.“ Er konnte nicht sagen, warum dem so war, aber dieser Mann jagte ihm immer wieder einen Schrecken ein, auch wenn er noch so freundlich tat. Da war ihm der Hausmeister mit seinen Explosionen sogar noch lieber.
„Blödmann!“ Fluchen tat manchmal richtig gut. Nur zu laut durfte man nicht werden. Seufzend erklomm Hannes den Rest der Treppe. Manchmal fragte er sich, ob nur er es war, der soviel Angst vor allem hatte. Julian und Lars litten bestimmt nicht unter zu viel Furcht. Im Gegenteil. Die fürchteten sich vor überhaupt nichts. Und Eliza? Der war alles so was von schnuppe, das er sie schon darum beneidete. Ein schöner Mist das alles. Aber was sollte man machen.
Auf Zehenspitzen schlich Johannes den Korridor entlang, nachdem es ihm gelungen war, die Tür beinahe lautlos zu öffnen. Ein Blick durch das Schlüsselloch bestätigte ihm, was er insgeheim gehofft hatte. Charly war sanft und selig eingeschlummert. Auf dem Sofa, eingewickelt in den Morgenrock und eine grauenvoll bunte Decke aus Patchwork-Quadraten schlief sie den Schlaf der Gerechten. Johannes atmete hörbar aus. Ihm könnte sonst etwas passieren, er wettete, ihren Tiefschlaf störte es nicht im Geringsten. Das flaue Gefühl im Magen verstärkte sich. Hannes seufzte und zog sich in sein Zimmer zurück. Er gähnte. Müdigkeit war ansteckend. Hannes schob mit einer Handbewegung störendes Gerümpel von seinem Bett und ließ sich mit einem Ächzen, das einem Großvater alle Ehre gemacht hätte, darauf sinken. Nur einen Augenblick später war er fest eingeschlafen.
Hannes schrak auf, als bereits Dunkelheit über der Stadt hereingebrochen war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er mindestens fünf Stunden geschlafen hatte. Er schwang die Beine über den Bettrand und rieb sich die Augen. Entschlossen stand er schließlich auf und ging dem leisen Klappern nach, das durch die dünnen Wände drang. Charly stand an der Spüle in der Küche und trocknete das Geschirr ab. Sie drehte sich um und lächelte ihm entgegen. „Hi Spatz“, sagte sie zwinkernd. „Du hast so süß geschlafen, ich wollte dich nicht wecken.“ Hannes gähnte und fuhr sich durch das ungekämmte Haar. „Wie spät ist es?“
„Zeit zum Schlafen gehen“, grinste seine Mutter. „Ehrlich, ich glaube, eine ausreichende Dosis Schlaf könnte dir jetzt nicht schaden.“
„Mm“, knurrte Hannes anstelle einer Antwort. „Kann nicht mehr. Darf ich nicht ein bisschen fernsehen?“ Charly schüttelte streng den Kopf. „Keine Chance, mein Junge. Ich werde es nicht riskieren, dass du noch einmal in der Schule einpennst und ich in der Arbeit angerufen werde.“
„Ja, schon gut“, murmelte Hannes.
„Magst du noch etwas essen?“
„Nee.“ Hannes schüttelte den Kopf. „Keinen Hunger. Nur langweilig.“
„Übrigens… Katharina war vorhin da?“
„Na und?“
Charly schüttelte den Kopf. „Sie hat wieder was zum Räuchern mitgebracht?“
„Oh nee… nicht schon wieder so ein Weihrauch Zeugs. Davon werde ich ganz rammdösig.“
Charly öffnete eine Schublade und kramte zwischen verschiedenfarbigen Tüten und Räucherstäbchen. Triumphierend hielt sie schließlich ein schmales Gefäß in die Höhe. „Salbei und indianische Heilkräuter.“
Hannes verdrehte die Augen.
„Was haben die alle nur mit den Indianern!“
Charly zuckte mit den Schultern. „Die Suche nach Erkenntnis verlangt viele Wege.“
Hannes schnaubte. „Genau… und zurück zur Natur ist einer davon.“
„Nicht der Schlechteste, wenn du mich fragst. Magst du es heute ausprobieren?“
„Bestimmt nicht“, hustete Hannes. „Dann stinkt nur wieder die ganze Wohnung.“
Doch nachdem er sich einige Stunden schlaflos in seinem Bett gewälzt, gelauscht hatte, wie seine Mutter aufgeräumt, das Frühstück vorbereitet und sich selbst schlafen gelegt hatte, hielt es ihn nicht mehr. Er schlich sich aus seinem Zimmer und spazierte den Korridor auf und ab, durchquerte die Küche und begutachtete das Wohnzimmer nach irgendwelchen Anregungen, die ihm helfen konnten, die Zeit zu vertreiben. Er öffnete und schloss Schubladen, halb in der Hoffnung, Charly würde aufwachen und ihn zurecht weisen, nur damit er etwas Gesellschaft hätte.
Doch diese Hoffnung war von vornherein zum Scheitern verurteilt, schlief seine Mutter doch tief und fest wie ein Bär in seinem Winterschlaf. Was sollte er tun? Da sprang ihm Tante Katharinas Hexenkraut in den Sinn, und eine konfuse Idee entstand aus dem Nichts. Zündeln hatte ihn schon immer fasziniert, und obgleich er wusste, dass es gefährlich und verboten war, hinderte ihn nun nichts mehr daran, seiner Laune nachzugeben. Er suchte ein Päckchen Streichhölzer hinter dem Kühlschrank aus seinem Vorrat hervor.
Das Räuchergefäß zu finden, war schwieriger, doch nicht umsonst hatte er oft genug zugesehen, wenn Katharina ihre Schwester in die Geheimnisse des Räucherwerks eingeweiht hatte. Auf dem Schrank, versteckt hinter einer Vase lag die Schale aus Messing, die er früher für echtes Gold gehalten und dementsprechend bewundert hatte. Mehr als einmal hatte er davon geträumt, nach Lust und Laune seine Schulbücher oder andere, störende Materialien anzukokeln, bis nur noch eine schwarze, klumpige Masse übrig war. Doch zuzusehen, wie seltsam riechende Kräuter auf einem Stück gepresster Kohle verbrannten und ihren stechenden Duft an die Umgebung abgaben, war bis jetzt das höchste der Gefühle gewesen. Doch nun war es anders. Charly war selbst schuld, wenn sie ihn nicht fernsehen ließ und überhaupt.
Dennoch mit einem Mal eine verdächtige Vorsicht an den Tag legend, schlich er, beladen mit seinen geheimnisvollen Utensilien, zurück in sein Zimmer. Beinahe musste er kichern vor Aufregung. War es nicht seltsam, dass Ferdinand gerade heute mit seinen Indianergeschichten angefangen hatte? Hannes verbesserte sich in Gedanken. Amerikanische Ureinwohner natürlich. Geschichten von Amerikanischen Ureinwohnern. Politisch unkorrekt wollte er nun auch nicht sein, nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Hannes grinste und stellte das Räuchergefäß auf dem Boden seines Zimmers ab. Er überlegte einen Moment, schnappte sich dann ein Streichholz, strich es an, und ließ es auf den Boden der Schale fallen, wo er beobachtete, wie es verglühte. Das machte Spaß. Flugs strich er ein zweites an, und warf es dazu, öffnete dann das Gefäß mit den Kräutern, schnupperte daran und verzog angewidert die Nase.
Warum auch musste das Zeug immer so eklig sein? Warum erfand man nicht etwas, das nach Schokolade duftete, und trotzdem magische Wirkungen entfaltete? Großzügig schüttete er einen Schwung des pulverig, gelb-grünen Gemisches dazu, bis beide Hölzer bedeckt waren. Wenn er es richtig machen wollte, dürfte er natürlich keine industriell gepresste Kohle aus dem Esoterik Laden zu Hilfe nehmen. Nein, dann würden es schon richtige Holzstäbe oder zumindest Zweige tun müssen. Suchend sah Hannes sich in seinem Zimmer um. Einen Moment lang blieb sein Blick an den alten Holzbausteinen hängen, doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Die würden es nicht tun. Wenn er ein richtiges Feuerchen veranstalten wollte, dann würde er wohl die Hölzer abfackeln müssen, ein Gedanke, der ihm ausgesprochen gut gefiel.
Also begann er damit, ein Holz nach dem anderen anzustreichen und auf den kleinen Hügel zu werfen, der nur noch darauf wartete, in ein lustiges Feuerchen verwandelt zu werden. Hannes hustete, als ihm der Qualm in die Nase stieg. Die Flamme züngelte kurz hoch, sackte wieder in sich zusammen, zuckte noch einmal auf, bevor sie verschwand. Die trockenen Blätterbestandteile glimmten und kräuselten sich zusammen. Einige nahmen schwarze Färbung an, ihre Ränder bewegten sich, funkelten rötlich, bevor sie erloschen, erstarben. Hannes Augen tränten durch die kleine Rauchwolke, die ihm direkt in die Nase gestiegen war, doch er gab nicht auf.
Beim zweiten Mal war er schlauer. In dem Augenblick, in dem er das Streichholz losließ, wich er zurück und beobachtete den Rauch, der sich in einer geraden Schnur nach oben wand, zur Decke stieg und sich dort auflöste. Hannes grinste. Das war einfach. Und es roch auch schon ziemlich übel. Das musste der Salbei sein. Hannes blinzelte und las die Aufschrift auf dem Glas. Reinigend, spirituell, öffnet den Geist für Neues. Aha. Quatsch mit Soße. Er lauschte in die Nacht, doch um 3 Uhr in der Früh bestand keine Chance, dass seine Mutter aufwachen würde.
Ein weiteres Streichholz flog mitten unter die Kräuter, und Hannes beobachtete fasziniert, wie sich graue Formen und Linien bildeten, verzweigten und inmitten des Luftstromes verwehten. Der Duft war eigentlich gar nicht so unangenehm. Ein Bild kam ihm in den Sinn. Die Erzählung Ferdinands. Ein großer Holzstoß, ein Feuer. Gut gelaunte Menschen, die darum vereint saßen, lachten. Ihre Kleidung seltsam, ungewohnt. Ihre Gesichter beleuchtet von den tanzenden Flammen. Federn und Perlen in ihren Haaren, an ihren Kleidern. Leiser Gesang drang aus der Ferne.
Hannes fühlte eine Schwermut, die ihn überkam mit dem Wissen, dass er und seine Mutter nie zu so einer Gruppe gehören, nie an einem Fest, einem Treffen wie diesen teilgenommen hatten. Charly begleitete ihn nicht einmal zu den Klassenfesten. Irgendetwas kam ihr mit Sicherheit dazwischen. Er hatte sich so daran gewöhnt, dass er sie gar nicht mehr fragte. Seufzend warf Hannes noch ein Streichholz in das Gefäß. Die Kräuter schwelten kurz auf, bildeten neue Formen und Schatten an den Wänden. Er folgte ihren Bewegungen, atmete tief den ungewohnten Duft ein, schloss die Augen. Trommeln erklangen aus der Ferne und mit einem Mal hörte er sie auch in der Nähe. Erschrocken riss er seine Augen auf und sah wild um sich. Der Qualm war dichter geworden. In fetten Wolken stieg er aus dem kleinen Gefäß. Er versuchte es anzufassen, doch zog seine Finger mit einem Aufschrei zurück.
Das Messing glühte. Sein Blick weitete sich, er sah durch den Rauch hindurch, sah, wovon er nicht wusste, ob er es wirklich sehen konnte, oder ob er es sich nur einbildete. Zwei schwarze Augen starrten direkt in die seinen. Zwei dunkle Sterne durchdrangen den Nebel und bohrten sich in sein Bewusstsein. Er öffnete den Mund, nur um zu sehen, dass sein Gegenüber seinen Mund ebenfalls in Erstaunen öffnete. Er sagte etwas, fragte, sah ihn suchend an.
Hannes zuckte zurück, doch der Mann blieb. Sein langes Haar fiel schwer über die Schultern, seine Hände vollführten merkwürdige Bewegungen. Plötzlich spürte Hannes wie er weggerissen wurde. Entsetztes Kreischen drang an sein Ohr.
„Bist du verrückt geworden?“, schrie Charly ihn erbost an und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Ihre riesige Patchwork-Decke landete auf dem Gefäß, erstickte, was darin noch geglimmt hatte. „Das glaub ich doch einfach nicht“, brüllte Charly weiter. „Willst du uns unglücklich machen?“ Hannes hielt sich die schmerzende Wange. „Nein“, stammelte er unglücklich. „Ich hab doch nur… es war doch nicht gefährlich.“
„Natürlich war es das“, schrie seine Mutter, obwohl sie sich langsam wieder beruhigte. „Verdammt gefährlich sogar. Du weißt ja nicht, was du tust.“
„Das weiß ich sehr wohl“, grollte Hannes verstört und blinzelte durch die aufkommenden Tränen. Er war sicher, jemanden gesehen zu haben. Und wenn ihn nicht alles täuschte, dann hatte derjenige ihn auch gesehen, darauf schwor er jeden Eid. Er seufzte. „Tut mir leid, Mama“, flüsterte er schließlich. „Ich mach es nicht wieder.“
„Das will ich doch schwer hoffen.“ Nichtsdestotrotz nahm Charly ihn in den Arm und drückte Hannes kräftig. „Du hast mir einen Mords Schreck eingejagt“, wisperte sie in sein Ohr. Hannes verzog sein Gesicht, als der scharfe Cognacduft ihm in die Nase stieg und den Salbei, der noch in der Luft hing, verdrängte. „Ich weiß“, sagte er leise und wischte sich die Nase an ihrem Morgenmantel ab. „Es war dumm.“
„Und wie“, seufzte Charly. „Tu das ja nie mehr. Ein Glück nur, dass ich aufgewacht bin.“
Einen Moment später lag Hannes wieder eingekuschelt in seinem Bett. Nur noch ein schwacher, merkwürdiger Duft erinnerte an das Geschehene. Er drehte sich frustriert zur Seite und versuchte das wachsende Schuldgefühl einzudämmen. Es war au
Kinder/Jugendbuch
Fantasy
Alle Rechte vorbehalten!
Hannes kickte sein Buch wütend in die Ecke des Zimmers. Verdammte Hausaufgaben! Als ob sein Leben auch ohne diese unnötige Mühsal nicht schon schwer genug sei. Mit einer ärgerlichen Handbewegung fegte er das Heft auf den Fußboden und stapfte noch einmal mit seinem Hausschuh, der wundersamerweise noch immer eine Spur Tomatensauce vom Mittagessen hinterließ, fest darauf. Bruchrechnung war einfach Scheiße.
„Alles in Ordnung bei dir?“
Hannes verdrehte genervt die Augen. Dieser vorwurfsvolle Ton in der Stimme seiner Mutter konnte ihn zur Weißglut bringen.
„Alles in Butter“, brüllte er zurück. „Mir ist nur etwas heruntergefallen.“ Stöhnend beugte er sich hinunter, hob das misshandelte Heft wieder auf und stopfte es unbesehen in seine Schultasche. Es hatte ja doch keinen Sinn. Lieber schrieb er die Aufgaben in der Frühe ab, als sich jetzt noch damit abzuquälen. Er sprang auf, warf seinen Pulli über das vernachlässigte Buch und wühlte in den Untiefen seiner Bettdecke. Ein verklebtes Nintendo, ein Gummiball und eine zerdrückte Packung Kaubonbon waren alles, was er ans Tageslicht beförderte.
Ein verstohlener Blick zur Tür, das Gerät auf stumm geschaltet und dem Ausflug in die bunte Welt der winzigen Monsterjagden stand nichts mehr im Wege. Plötzlich schrillte die Türglocke. Hannes fuhr aus seiner Trance, riss die Zimmertür auf und stürzte durch den schmalen Korridor.
„Lars, hi!“ Lars grinste breit und schlüpfte durch den Spalt, den Hannes ihm offen hielt.
„Mama!“, brüllte dieser. „Lars ist da. Kann er reinkommen?“ Ein Moment der Stille folgte, bevor seine Mutter ihm antwortete: „Hausaufgaben?“
„Schon erledigt“, nuschelte Hannes und rollte Lars gegenüber mit seinen Augen. Eine weitere Pause, doch darauf folgte ein zustimmendes Brummen. Hannes und Lars grinsten sich zu und verschwanden einhellig in Hannes Zimmer.
„Mann, hier schaut’s aus“, kicherte der blonde Lars abfällig und fuhr sich durch die wild abstehenden Haare. Hannes zuckte mit den Schultern. „Was willst du, ist doch gemütlich.“
Lars schüttelte den Kopf. „Mein Alter würde mir ganz schön was husten, wenn ich alles so verrotten lassen würde.“
„Hey du Spinner!“ Hannes boxte dem Anderen in die Seite. „Vergiss nicht, ich kenn dein Zimmer. Da könnte eine Bombe eingeschlagen haben.“
„Hat aber nicht.“ Lars boxte zurück. „Außerdem weiß ich genau, wie ich’s anstellen muss, damit meine Mutter das Chaos beseitigt.“
„Da siehst du’s. Meine könnt ich dazu nicht bringen.“
„Selbst schuld“, lästerte Lars weiter. „Die tut doch eh nie etwas.“
„Und was treibt dein Bruderherz?“, wechselte Hannes das Thema. „Wieso ist er nicht hier und hilft dir nerven?“
„Abgehängt“, warf sich Lars stolz in die Brust. „Und nicht nur das.“ Verstohlen griff er in die Innentasche seiner Jacke und zog ein silbernes Nintendo heraus.
„Mann, das ist nicht deins“, staunte Hannes. „Was du nicht sagst“, antwortete Lars. „Ich hab immer noch Verbot, nur weil dieser Schleimer alle Schuld auf mich geschoben hat. Dabei hat er angefangen.“
„Na klar.“ Hannes grinste schief. „Ich wette, du warst die Unschuld in Person.“
„So ist es, irgendwelche Zweifel?“ Beide lachten. Doch ihre Freude wurde abrupt unterbrochen, als das Telefon klingelte.
„Scheiße, ich ahne Schlimmes“, murmelte Lars. Das Klingeln hörte nicht auf. „Willst du nicht rangehen?“ Lars sah Hannes fragend an. Dieser schüttelte nur den Kopf. „Fällt mir gar nicht ein. Ich kann mir schon denken, wer es ist.“
„Aber deine Mutter ist eine echte Schlaftablette, das kann noch dauern, bis sie es hört.“
„Die hört das schon. Außerdem steht sie schon in aller Herrgottsfrühe beim Verkauf. Da kann ich es verstehen, dass sie am Nachmittag nicht mehr so mag.“
„Ja schon.“ Lars lauschte stumm auf das Läuten. „Ist echt Scheiße, so ohne Vater, oder?“
„Besser als einer, der mich grün und blau schlägt, oder den ganzen Tag säuft… sagt Mama zumindest.“
„Hm.“ Während ihres Gespräches hatten beide nicht mehr auf die Geräusche geachtet, die außerhalb ihres Refugiums erklangen und zuckten daher erschrocken zusammen, als sich die Tür unvermutet öffnete, das große Poster mit dem roten Rennwagen wie eine Warnleuchte zu ihnen hinein verschob.
Ein verstrubbelter Haarschopf schob sich vorwärts, das aschblonde Haar von vereinzelten hellgrauen Strähnen durchzogen. Charly blinzelte in den Raum, die Brille schief auf der Nase. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte den gewohnten Anflug von Verwirrung.
„Lars? Deine Mutter hat gerade angerufen, du sollst noch mal nach Hause kommen, deine Nachdosis nehmen.“ Charly starrte prüfend in die unschuldigen Gesichter. „Habt ihr hier Gameboy gespielt?“ Sie blickte strafend auf Lars. „Sophia hat erwähnt, dass du Verbot hast.“
„Mach ich nicht“, krähte Lars und schnappte seine Jacke. „Bin gleich wieder da“, rief er Hannes zu, bevor er verschwand.
„Geht doch mal raus“, schlug Charly vor.
„Ach nee.“ Hannes schüttelte vehement seinen Kopf, so dass die braunen Locken flogen. „Das ist öde.“ Charly seufzte und fuchtelte hilflos mit ihren Händen. „Dann spielt doch Lego… oder… oder…“ Sie verstummte entnervt. „Auf jeden Fall muss ich Lars Mutter Recht geben. Dieser elektronische Quatsch führt doch nirgendwo hin.“
„Doch!“ Hannes richtete sich empört auf. „Koordination und Reaktionsfähigkeit. Das hat Sophia selbst gesagt, als sie Lars und Julian die Dinger gekauft hat. Und jetzt nimmt sie sie ihnen immer weg. Das ist doch gemein.“
Charly überlegte. „Ich glaub auch nicht, dass dieses Stillsitzen besonders förderlich ist für dieses ADHS Dingens.“
„Doch, doch… für die Konzentration“, warf Hannes schleunigst ein. „Lars hat mir das genau erklärt.“
„Hm.“ Charly zuckte mit den Achseln. „Na gut, wie du meinst. Aber sich draußen auszutoben, ist doch immer noch besser, als die Bude auf den Kopf zu stellen, nachdem man den ganzen Nachmittag auf so ein blinkendes Quadrat gestarrt hat.“
„Davon verstehst du nichts“, meinte Hannes. „Dafür bist du zu alt.“
„Na warte, du!“ Charly drohte grinsend mit dem Finger. „Ich will nur nicht wieder in irgendetwas hineingezogen werden, wenn die beiden Vandalen ihrer Mutter auf der Nase herumtanzen.“
„Das würden sie doch nie.“ Hannes zwinkerte ihr unschuldig zu. Vernehmliches Getrampel drang aus dem Treppenhaus an sein Ohr. Charly schüttelte den Kopf. „Sag ihnen, dass Mittagsruhe herrscht.“
Nun unterschied auch Hannes die beiden Stimmen. Kein Zweifel, auch dieses Mal war es Lars nicht gelungen, seinen kleineren Bruder abzuschütteln.
„Ja, das hilft bestimmt“, murmelte er und beobachtete aus den Augenwinkeln, wie seine Mutter den Rückzug antrat, während er sich beeilte, die Zwillinge hereinzulassen.
„Was machen wir?“, fragte er und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern. „Wieso?“ Lars‘ Augen wurden groß. „Wo hast du…“
„Keine Sorge. Ich hab dein Spiel noch, aber meine Mutter stellt sich quer.“
„Vergiss sie“, winkte der etwas kleinere Julian mit dem strohblonden Haar ab. „Das checkt die nie. Hast du was Süßes?“
Hannes schüttelte den Kopf. „Der Monat ist bald rum. Da kauft Mama sowas nicht mehr.“
„Du meinst, da kann sie nichts kaufen?“ Hannes sah Julian wütend an. „Na und? Was geht’s dich an?“
„Zucker ist uns zwar gestrichen, aber wenigstens könnten wir uns alles leisten, was wir wollten.“
„Na toll“, antwortete Hannes. „Danke für den Hinweis.“
„Wir können uns auch immer von unserem Taschengeld heimlich was kaufen“, grinste Lars. „Na, dann macht das doch“, gab Hannes patzig zurück. „Ich halte euch bestimmt nicht davon ab. Wir sollen eh rausgehen oder mit Lego spielen.“
„Lego ist was für Babies“, krähte Julian. „Nee, wir wollen Nintendo spielen. Gib mir deins, dann kannst du mit Lego spielen.“
„Ja, sonst noch was?“ Hannes wehrte ab. „Euch geht’s wohl zu gut.“
Glücklicherweise erlöste ihn die Türglocke von weiteren, drohenden Entscheidungen.
„Hannes“, rief Charly. „Das ist doch sicher wieder für dich.“
Einen Moment später saßen sie zu viert in Hannes‘ Zimmer und beratschlagten die weitere Vorgehensweise.
„Was haltet ihr von dem Neuen?“, warf Eliza ein, das einzige Mädchen, das ab und zu in dem Kreis der normalerweise vier Jungen zählenden Musketiere geduldet wurde. Ihre großen Augen blickten interessiert in die Runde und sie warf energisch das lange, dunkle Haar in den Nacken. „Ein Angeber würde ich meinen.“
„Ich weiß nicht“, zögerte Hannes. „So viel hat er noch nicht gesagt.“
„Viel nicht, aber genug.“ Eliza schniefte hörbar. Ihren Status als geduldeten Gast in diesem erlauchten Kreis hatte sie sich durch außergewöhnliche Frechheit gegenüber Lehrern und extreme Ignoranz, was jeden Hinweis auf ihre attestierte Legasthenie betraf, erworben. Bisher war es ihr gelungen, sich standhaft allen Versuchen, ihre Rechtschreibschwäche mit Therapie oder Nachhilfe in den Griff zu bekommen, entgegen zu stellen. Hilfreich unterstützt wurde sie in diesen Anstrengungen von ihren Eltern, die sie weitgehend ignorierten. Außerdem galt ihr Widerstand gegenüber jedweden Ermahnungen und Hinweisen seitens der Lehrer gewissermaßen als sprichwörtlich. Früher oder später akzeptierte noch jeder Vertreter dieser Zunft diese Auflehnung als gottgegeben, bevor er sich wieder seiner Karriere zuwandte. Kein Wunder also, dass Eliza sich, was Noten und Beurteilungen betraf, ein besonders dickes Fell angeschafft hatte. Die Technik des verständnislosen Gesichtsausdrucks, mit der sie gewohnt war, ihre Lehrer reihenweise um den Verstand zu bringen, perfektionierte sich ebenfalls von Jahr zu Jahr erschreckend. Für die meisten war sie zu einem hoffnungslosen Fall geworden, eine Rolle, in der sie sich auch gefiel, zumindest sich bemühte, den Anschein zu erwecken.
„Er sieht aus wie ein Idiot“, warf Julian ein. „Mit seiner Brille, und den roten Haaren.“
„Die sind nicht rot“, gab Hannes zu bedenken. „Die haben eher einen rötlichen Stich.“
„Hör dir unseren Experten an“, prustete Lars. „Seit wann bist du zum Frisör geworden.“
Hannes lief rosa an und wehrte ab. „Ich weiß das, weil meine Tante sich stundenlang über Farbtypen auslassen kann. Mich hat sie schon ungefähr hundertmal analysiert.“
„Und, was bist du?“ Eliza zeigte sich interessiert. Hannes zögerte. „Naja… früher war ich wohl der Winter, jetzt schwankt sie zwischen Frühling und Herbst.“
„Ich halt’s nicht aus“, brüllte Julian los. „Dir fehlt eindeutig ein männlicher Einfluss.“ Lars knuffte ihn in die Seite. „Hey“, wehrte sich Julian. „Ist doch wahr. Sagt Mama auch immer.“
„Sophia muss es ja wissen“, biss Hannes zurück, ohne verhindern zu können, dass sein Gesicht nun wirklich rot anlief.
„Mit Farbtypen beschäftigen sich auch Schauspieler und Modeschöpfer“, gab Eliza zu bedenken. „Das gehört zum Handwerk.“
„Jetzt hört euch die an“, grinste Lars. „Klatsch und Tratsch Expertin ersten Ranges. Welche Boygroup hat es dir denn diese Woche angetan?“
Eliza sah ihn groß an. „Offenbar wirkt dein Ritalin noch nicht“, fügte sie leise hinzu. „Vielleicht brauchst du eine höhere Dosis?“
„He…“ Wutentbrannt stürzte sich Julian auf sie, wurde jedoch gerade noch von Lars zurückgehalten, der ihm kräftig gegen das Schienbein trat. Der Zorn des Jüngeren richtete sich nun gegen den Bruder und er begann wild auf ihn einzuschlagen.
„Du blöde Schnalle hast doch keine Ahnung“, keuchte er.
„Immerhin verstecke ich mich nicht hinter einem dämlichen Verblödungsattest.“ Eliza verschränkte ruhig ihre Arme vor der Brust. „Ich nehme nur, was mir zusteht.“
„Du… du…“ Mit einem Krachen flog der Behälter für Farbstifte vom Schreibtisch, gegen den Julian seinen Bruder, der ihn immer noch in fester Umklammerung hielt, gestoßen hatte.
„Verdammt.“ Die Tür ging auf, und Charly Senfkorn steckte ihre Nase hinein. „Was soll der Krach. Raus mit euch allen, aber sofort. Macht draußen etwas kaputt.“
Lars ließ Julian flugs los, welcher Charly frech entgegen grinste. „Nö, wir bleiben hier.“
Charly stöhnte und blickte hilfesuchend zur Decke. „Das tut ihr nicht, ihr Rotznasen.“
Sie rieb sich die schmerzende Stirn und sah entschlossen wieder auf. „Julian… ich kenne eure Mutter, willst du wirklich, dass ich sie anrufe?“
Julian blinzelte frech zurück. „Tu’s doch.“ Charly blieb unbeweglich stehen und sah ihn an. Julian grinste immer noch und schob schließlich die Unterlippe vor. „Nur wenn wir was Süßes kriegen.“
„Ihr dürft keinen Zucker essen“, erwähnte Charly trocken. „Und selbst wenn, wir haben nichts mehr. Euer letzter Besuch hat uns die restlichen Kekse gekostet.“
„Und die waren scheiß trocken“, schimpfte Julianund ließ sich schließlich dazu herab, den Weg Richtung Ausgang anzutreten.
„Nimm deine Jacke mit“, rief Charly Hannes hinterher.
„Viel zu warm“, knurrte dieser und verließ mit den anderen die Wohnung. Gemeinsam polterten sie die Treppen hinunter ungeachtet der ärgerlichen Laute, die ihnen hinter den verschlossenen Türen des Mietshauses entgegenschallten.
Auf der Straße angekommen setzten Julian und Lars ihre Rangelei fort, stoppten jedoch plötzlich, als vor ihnen ein rundlicher Junge ihres Alters hinter einem Müllcontainer hervortrat.
Sofort ließen sie sich los, und umkreisten den Kleineren. „Ja, wen haben wir denn da?“, fragte Lars spöttisch. „Das ist doch unser Neuer. Der gute Ferdinand.“
Julian feixte. „Was ist das überhaupt für ein Name, Ferdinand. So heißt doch heutzutage keiner. Kannst du den nicht ändern?“
Ferdinand verschränkte die Arme vor der Brust. „Mein Opa hieß Ferdinand, mein Papa heißt Ferdinand. Und nun rate mal, wie mein Sohn heißen wird?“
Eliza kicherte. „Und wenn’s eine Tochter wird? Ferdinandine?“ Ferdinand sah sie strafend an. „So einen Namen gibt es nicht. Außerdem wird es keine Tochter. Das hab ich in den Genen.“
„Ach ja?“ Lars sah interessiert auf ihn hinunter.
„Lass dir doch keinen Quatsch vormachen“, warf Hannes altklug ein. „Niemand kann so etwas wissen.“
„Oh doch, ich kann das“, nickte Ferdinand ihm zu. „Du wirst schon sehen.“
„Hast du eine Schwester?“, fragte Eliza interessiert. Ferdinand wandte sich ihr zu. „Habe ich nicht. Und wenn du heute früh zugehört hättest, wüsstest du das auch. Da hab ich meine ganze Lebensgeschichte vor der Klasse zum Besten gegeben.“
„Ich höre in der Schule nie zu“, erwähnte Eliza beiläufig.
„Das stimmt“, nickten Lars und Julian. „Da kannst du jeden fragen. Eigentlich ist es jedes Jahr wieder ein Wunder, dass sie die Klasse schafft.“
„Wenn ich will, weiß ich alles“, brummte Eliza. „Meistens will ich nur nicht.“
„Elizas Eltern würden von ihrer Existenz gar nichts bemerken, wenn sie sich nicht hin und wieder mal über ihre Noten ärgern dürften“, setzte Lars altklug hinzu.
„Halt du bloß das Maul“, konterte Eliza mit flammendem Blick. „Du hast ja keine Ahnung.“
„Nee, die hab ich echt nicht“, murmelte Lars und grinste wieder. „Wenn meine Alten mal nicht über mich schimpfen, sind sie bestimmt krank.“
„Ich sehe schon.“ Ferdinand schnalzte mit der Zunge. „Ich hab es hier mit ein paar richtigen Musterschülern zu tun.“
„Du sagst es, mein Freund“, grinste Julian. „Wir sind die Elite. Wer mit uns abhängen will, muss sich erst beweisen.“
„Glaub dem kein Wort“, prustete Hannes los. „Wir sind eher die letzten, mit denen ein Streber wie du abhängen möchte.“
Ferdinand fuhr herum. „Wer sagt dir, dass ich ein Streber bin?“
„Na, das steht dir quasi mit Leuchtbuchstaben ins Gesicht geschrieben.“
„Ach nee!“ Ferdinand trat auf ihn zu.
Hannes hob abwehrend die Hände. „Schon gut, schon gut! Ich wollte dich nur warnen, Kumpel.“ Ferdinand zog eine Augenbraue hoch. „Nenn mich nicht Kumpel!“
Julian kicherte. „Verzeihung, Majestät. Das gemeine Volk verbrüdert sich nun mal gerne.“
„Spinner!“ Ferdinand grinste nun auch und sah prüfend die Straße auf und ab. „Also, was treibt ihr Leute hier so? Wo kann man Spaß haben?“
„Ganz ehrlich?“ Lars legte die Stirn in Falten. „In diesem Kaff? Nirgends. Es sei denn, du hast Kohle.“
„Na fabelhaft.“ Ferdinand verdrehte die Augen. „Da bin ich ja wirklich vom Regen in der Traufe gelandet. Wo ich vorher gewohnt habe, sah es echt genauso aus. Nix los. Und als ich endlich was Spaßiges gefunden habe, sind wir schon umgezogen.“
„Und was gab es da Spaßiges?“, erkundigte Hannes sich neugierig. Ferdinand sah ihn prüfend an, schüttelte dann den Kopf. „Das willst du nicht wissen.“
„Wieso sollte ich das nicht wollen?“ Ferdinand räusperte sich verlegen. „Ihr seid nicht soweit das zu verstehen.“ Die Kinder sahen erst ihn, dann sich gegenseitig an.
„Wusste ich doch, dass der ein eingebildeter Affe ist“, schnaubte Eliza schließlich.
„Ich bin nicht eingebildet“, wehrte Ferdinand sich. „Ich… ich habe nur festgestellt, dass die meisten das doof finden, was ich mag, und… und das hör ich mir nicht noch mal an.“
Lars kicherte. „Scheiße, Mann, dann muss das ja etwas ganz Übles sein. Wahrscheinlich sowas Schwuchteliges wie mit Barbie Puppen spielen.“
„Sag sowas nicht“, warf Hannes ein.
„Na was denn?“
„Schwuchtelig. Meine Tante reißt dir den Kopf ab.“
„Oder Schlimmeres“, ergänzte Lars. „Wisst ihr noch… die stundenlangen Vorträge?“
„Igitt“, kicherte Julian. „Wenn die nicht schwuchtelig waren?“
„Jetzt hör schon auf“, verlor Hannes allmählich die Geduld. „Du nervst.“
Julian trat ihn gegen sein Schienbein. „Und du erst, Feigling.“
„Nein, es sind keine Barbie Puppen“, gab Ferdinand schließlich zu, wobei er mit seinem Schuh Achten auf den Gehsteig malte. Diese Unterstellung konnte er nun doch nicht auf sich sitzen lassen.
„Ich war in einer Indianergruppe.“ Er blickte sich vorsichtig nach einer Reaktion um, doch erhielt lediglich fragende Blicke.
„Indianer darf man auch nicht sagen“, meldete Hannes sich schließlich pflichtschuldig zu Wort. „Das sind amerikanische Ureinwohner, sonst beleidigst du sie.“
Ferdinand zog wieder eine Augenbraue in die Höhe. „Ist gar nicht wahr“, warf er sich in die Brust. „Wir haben sogar englisch gesprochen, und da nannten wir uns die Wild Indians… also die voll wilden Prairie Indianer.“
„Mit Pferden und so?“
Ferdinand antwortete mit einem abschätzigen Blick auf die sichtlich schrumpfende Eliza.
„Wo hast du denn das her? Indianer haben doch nicht nur mit Pferden gespielt. Die haben auch Zelte gebaut, Feuer gemacht und so.“
„Und das habt ihr auch?“ Ferdinand zuckte mit den Achseln. „Manchmal.“ Er seufzte. „Ganz so doll war’s auch nicht“, gab er schließlich zu. „Irgendwie waren das hauptsächlich Erwachsene, die Indianer spielen wollten. Dann haben sie sich verkleidet, und gesoffen… naja.“ Sein Gesicht verdüsterte sich, hellte sich jedoch in der nächsten Sekunde wieder auf. „Aber lustig war’s schon. Unser Nachbar hat mal in den USA gelebt und konnte toll erzählen. Immer wenn sein Neffe zu Besuch war, nahm er uns mit.“
„Okay?“ Julian starrte ihn fragend an. „Das hört sich nicht so faszinierend an, wenn du mich fragst.“
„Ich frag dich aber nicht“, antwortete Ferdinand patzig.
„Jetzt lasst ihn doch in Ruhe“, mischte Hannes sich ein und wandte sich an Ferdinand. „Sowas haben wir hier nicht, und fürs Indianer Spielen sind wir echt zu alt.“
„Das ist nicht spielen… das ist mehr… Öko und Kram.“
„Du hast ja ein Rad ab“, grinste Lars und zog Eliza an den Haaren. „Deine Frisur würde auf jeden Fall schon mal passen. Einen klasse Indianer würdest du abgeben.“
„Idiot“, wehrte Eliza sich trotzig. „Ist zumindest was Anderes als die dämlichen Robotermonster, die ihr sonst so cool findet.“
„Ha, gegen die hätte dein Winnetou keine Chancen“, lachte Julian. Ferdinand verzog sein Gesicht in nachdenkliche Falten.
„Roboter sind auch nicht schlecht, wenn ich so drüber nachdenke. Gut bewaffnet müssen sie sein.“ „Munition ohne Ende“, fiel Lars begeistert ein.
„Bomben, Böller und Granaten.“ Julian hopste den Abwasserkanal auf und ab. „Stealthfighter und Raketen…“
„Runter von der Straße“, brüllte eine unbeherrschte Stimme. „Hörst du nicht, du Lausejunge?“
Julian drehte dem nahezu glatzköpfigen Mann eine lange Nase und verschwand zwischen den Containern. Lars, Hannes, Eliza und Ferdinand folgen ihm. Schnaufend und prustend, aber aus vollem Halse lachend umrundeten sie zwei Garagen und fielen mehr, als dass sie zusammenstießen, auf die staubige Erde im Schatten eines ausladenden Gebüsches.
„Wer war das denn?“, keuchte Ferdinand. „Der Hausmeister vom Block“, kicherte Eliza. „Aber der erwischt uns nie.“
„Keine Chance“, pflichtete Hannes ihr bei. „Das heißt aber nicht, dass er es nicht immer wieder versucht.“
„Der Vollidiot“, grinste Julian. „Aber er ist nur einer von den Deppen, die meinen, sie könnten sich hier als Chef aufspielen.“
„Und wer sind die Anderen?“
„Alle Erwachsenen natürlich“, kicherte Eliza. „Oder alle, die so tun, als wären sie es.“
„Gibt es hier auch keine Zecken?“ Ferdinand blinzelte skeptisch in das Gewirr aus Zweigen.
„Zecken?“ Julian kicherte. „Das nenn ich mal einen Großstadtindianer.“
„Hey… diese Mistviecher sind echt übel“, warf Hannes ein.
„Ich weiß, bin auch geimpft – mehrmals!“ Julian krempelte seinen Hemdsärmel auf und präsentierte stolz ein bräunlich verfärbtes und nur noch lose an der Haut hängendes Pflaster.
„Gib nicht so an“, brummte Lars. „Jeder ist geimpft. Das muss man sogar.“ Er ignorierte Eliza, die verstohlen zur Seite blickte. „Also… was machen wir jetzt.“
„Jetzt ist Schluss mit lustig“, grollte eine tiefe Stimme. Mit lautem Kreischen stoben die fünf auseinander und setzten zur Flucht an. Nur Ferdinand war nicht schnell genug und fühlte sich von dem Hausmeister am Schlafittchen gepackt und grob aus dem Gestrüpp gezerrt.
„He…“, wehrte er sich erbost und strampelte was das Zeug hielt. Lediglich eine Staubwolke blieb auf dem Pfad zurück, den die vier treulosen Kameraden blitzartig zurückgelegt hatten, ohne sich nach dem glücklosen Kumpan umzusehen.
„Opfer müssen gebracht werden“, nickte Lars weise, als sie, das nagende Schuldgefühl mühsam unterdrückend, ihre Wege fortsetzten.
„Außerdem ist er Indianer“, setzte Hannes hinzu. „Die kennen keinen Schmerz.“
„Ihr seid doof“, stellte Eliza fest. „Selbst doof, blöde Tussi“, konterte Julian, bevor sie sich trennten, um weiteren Verdachtsmomenten zu entgehen. Jahrelange, einschlägige Erfahrung auf dem Gebiet des plötzlichen Rückzuges, hatte sie gelehrt, keine unnötigen Risiken einzugehen.
Hannes schlenderte einen kleinen Umweg, vorbei an dem Sandkasten für Kleinkinder, der sein mittlerweile über diese Babybeschäftigungen hinausgewachsenes Auge beleidigte. Dem Neuen würde schon nicht allzu übel mitgespielt werden. Und außerdem musste jeder einmal durch den Hausmeister Test hindurch. Früher oder später erwischte der Typ jeden. Man konnte nur hoffen, dass er dann einen guten Tag hatte, und sich nur die Seele aus dem Leib brüllte, anstatt gleich zu Eltern, Mietervorstand oder noch höher rangierenden Instanzen zu rennen, und richtig Ärger zu schaffen. Aber das war nicht sein Bier. Der Neue mit seinem komischen Gerede hatte ohnehin etwas Nerviges an sich. Hannes runzelte die Stirn. Oder lag es nur daran, dass dieser Indianerkram einfach nur noch veraltet war? Ihm standen allein die Haare zu Berge, wenn Tante Katharina und seine Mutter mit verächtlichen Blicken auf seine Games und Actionfiguren begannen, von der guten, alten Zeit zu reden, in der es noch Wäldchen gab, in denen sie Cowboy und Indianer, Ritter und Knappe oder noch absurdere Kostümpartys veranstaltet hatten. Wobei die Kostüme wohl auch nur in ihrer Phantasie existiert hatten.
Genau das war es. Das ständige Klagen über den Mangel an Phantasie, den die Jugend von heute anscheinend aufwies. Hannes prustete. Als ob Phantasie einem im Leben weiter helfen würde. Und schon gar nicht Cowboy- und Indianer-Spiele, ohne Sinn und Zweck. Wenn schon, dann musste es ordentlich knallen und scheppern. Eine Explosion mindestens. Irgendetwas, das ausradiert gehörte. Wie zum Beispiel die dämliche Schule mit ihren ständigen Tadeln und Befehlen. Das war nicht richtig, dies musste besser werden. Zufrieden waren die nie. Hannes kratzte sich an der Stirn und sah an der Hausfassade empor.
Mist. Einerseits würde er gern wieder rein gehen, andererseits, vielleicht hatte seine Mutter auch einen Blick in seine Hefte geworfen und die vermasselte Probe gefunden. Und dann ging das Theater wieder los. Ob er denn auf der Hauptschule versauern wolle? Ob er denn gar keine Chancen im Leben erhalten oder auf den Zug des Erfolges aufspringen möchte? Und dann fing sie gewöhnlich an, laut nachzudenken, ob sie nicht doch irgendwo etwas einsparen und ihn zur Nachhilfe schicken sollte.
Das flaue Gefühl in Hannes Magen verstärkte sich. Alleine draußen bleiben war aber auch nichts. Manchmal wünschte er sich, er hätte doch ein Geschwisterchen, einen Zwillingsbruder, so wie Lars und Julian einander hatten. Zwar schlugen die beiden sich regelmäßig begeistert ihre Köpfe ein, aber im Notfall hielten sie doch immer zusammen. Und vor allem – sie hatten auch immer jemanden zum reden und spielen. Nicht so wie er. Hannes trat mit dem Fuß gegen die Mauer. Das Leben war echt Scheiße. Müde nestelte er sein Schlüsselband hervor und wollte gerade die Tür öffnen, als sie sich wie von selbst auftat. Ein schlaksiger Mann mit dünnen roten Haaren zuckte nervös zusammen. Als er Hannes erkannte, breitete sich ein schleimiges Lächeln über seinem Gesicht aus.
„Hallo Junge“, summte er leise und beugte sich zu Johannes herab. „So allein hier?“
Hannes wich unwillkürlich zurück. „Ich bin schon spät“, murmelte er hastig und wand sich, soweit entfernt von dem Fremden wie es ihm möglich war, durch den geöffneten Spalt. Er schauderte, als der Erwachsene keine Anstalten machte, zurückzuweichen, sondern im Gegenteil, ihm beinahe noch näher zu kommen schien.
„Ich muss dann“, stieß Hannes hervor und schürfte sich in seiner Eile die Haut über dem Hüftknochen auf, als er an der Kante der Tür vorbei schrammte. „Verdammter Mist“, fluchte Hannes und nahm die Treppe mit zwei Stufen auf einmal. „So ein Idiot.“ Er konnte nicht sagen, warum dem so war, aber dieser Mann jagte ihm immer wieder einen Schrecken ein, auch wenn er noch so freundlich tat. Da war ihm der Hausmeister mit seinen Explosionen sogar noch lieber.
„Blödmann!“ Fluchen tat manchmal richtig gut. Nur zu laut durfte man nicht werden. Seufzend erklomm Hannes den Rest der Treppe. Manchmal fragte er sich, ob nur er es war, der soviel Angst vor allem hatte. Julian und Lars litten bestimmt nicht unter zu viel Furcht. Im Gegenteil. Die fürchteten sich vor überhaupt nichts. Und Eliza? Der war alles so was von schnuppe, das er sie schon darum beneidete. Ein schöner Mist das alles. Aber was sollte man machen.
Auf Zehenspitzen schlich Johannes den Korridor entlang, nachdem es ihm gelungen war, die Tür beinahe lautlos zu öffnen. Ein Blick durch das Schlüsselloch bestätigte ihm, was er insgeheim gehofft hatte. Charly war sanft und selig eingeschlummert. Auf dem Sofa, eingewickelt in den Morgenrock und eine grauenvoll bunte Decke aus Patchwork-Quadraten schlief sie den Schlaf der Gerechten. Johannes atmete hörbar aus. Ihm könnte sonst etwas passieren, er wettete, ihren Tiefschlaf störte es nicht im Geringsten. Das flaue Gefühl im Magen verstärkte sich. Hannes seufzte und zog sich in sein Zimmer zurück. Er gähnte. Müdigkeit war ansteckend. Hannes schob mit einer Handbewegung störendes Gerümpel von seinem Bett und ließ sich mit einem Ächzen, das einem Großvater alle Ehre gemacht hätte, darauf sinken. Nur einen Augenblick später war er fest eingeschlafen.
Hannes schrak auf, als bereits Dunkelheit über der Stadt hereingebrochen war. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er mindestens fünf Stunden geschlafen hatte. Er schwang die Beine über den Bettrand und rieb sich die Augen. Entschlossen stand er schließlich auf und ging dem leisen Klappern nach, das durch die dünnen Wände drang. Charly stand an der Spüle in der Küche und trocknete das Geschirr ab. Sie drehte sich um und lächelte ihm entgegen. „Hi Spatz“, sagte sie zwinkernd. „Du hast so süß geschlafen, ich wollte dich nicht wecken.“ Hannes gähnte und fuhr sich durch das ungekämmte Haar. „Wie spät ist es?“
„Zeit zum Schlafen gehen“, grinste seine Mutter. „Ehrlich, ich glaube, eine ausreichende Dosis Schlaf könnte dir jetzt nicht schaden.“
„Mm“, knurrte Hannes anstelle einer Antwort. „Kann nicht mehr. Darf ich nicht ein bisschen fernsehen?“ Charly schüttelte streng den Kopf. „Keine Chance, mein Junge. Ich werde es nicht riskieren, dass du noch einmal in der Schule einpennst und ich in der Arbeit angerufen werde.“
„Ja, schon gut“, murmelte Hannes.
„Magst du noch etwas essen?“
„Nee.“ Hannes schüttelte den Kopf. „Keinen Hunger. Nur langweilig.“
„Übrigens… Katharina war vorhin da?“
„Na und?“
Charly schüttelte den Kopf. „Sie hat wieder was zum Räuchern mitgebracht?“
„Oh nee… nicht schon wieder so ein Weihrauch Zeugs. Davon werde ich ganz rammdösig.“
Charly öffnete eine Schublade und kramte zwischen verschiedenfarbigen Tüten und Räucherstäbchen. Triumphierend hielt sie schließlich ein schmales Gefäß in die Höhe. „Salbei und indianische Heilkräuter.“
Hannes verdrehte die Augen.
„Was haben die alle nur mit den Indianern!“
Charly zuckte mit den Schultern. „Die Suche nach Erkenntnis verlangt viele Wege.“
Hannes schnaubte. „Genau… und zurück zur Natur ist einer davon.“
„Nicht der Schlechteste, wenn du mich fragst. Magst du es heute ausprobieren?“
„Bestimmt nicht“, hustete Hannes. „Dann stinkt nur wieder die ganze Wohnung.“
Doch nachdem er sich einige Stunden schlaflos in seinem Bett gewälzt, gelauscht hatte, wie seine Mutter aufgeräumt, das Frühstück vorbereitet und sich selbst schlafen gelegt hatte, hielt es ihn nicht mehr. Er schlich sich aus seinem Zimmer und spazierte den Korridor auf und ab, durchquerte die Küche und begutachtete das Wohnzimmer nach irgendwelchen Anregungen, die ihm helfen konnten, die Zeit zu vertreiben. Er öffnete und schloss Schubladen, halb in der Hoffnung, Charly würde aufwachen und ihn zurecht weisen, nur damit er etwas Gesellschaft hätte.
Doch diese Hoffnung war von vornherein zum Scheitern verurteilt, schlief seine Mutter doch tief und fest wie ein Bär in seinem Winterschlaf. Was sollte er tun? Da sprang ihm Tante Katharinas Hexenkraut in den Sinn, und eine konfuse Idee entstand aus dem Nichts. Zündeln hatte ihn schon immer fasziniert, und obgleich er wusste, dass es gefährlich und verboten war, hinderte ihn nun nichts mehr daran, seiner Laune nachzugeben. Er suchte ein Päckchen Streichhölzer hinter dem Kühlschrank aus seinem Vorrat hervor.
Das Räuchergefäß zu finden, war schwieriger, doch nicht umsonst hatte er oft genug zugesehen, wenn Katharina ihre Schwester in die Geheimnisse des Räucherwerks eingeweiht hatte. Auf dem Schrank, versteckt hinter einer Vase lag die Schale aus Messing, die er früher für echtes Gold gehalten und dementsprechend bewundert hatte. Mehr als einmal hatte er davon geträumt, nach Lust und Laune seine Schulbücher oder andere, störende Materialien anzukokeln, bis nur noch eine schwarze, klumpige Masse übrig war. Doch zuzusehen, wie seltsam riechende Kräuter auf einem Stück gepresster Kohle verbrannten und ihren stechenden Duft an die Umgebung abgaben, war bis jetzt das höchste der Gefühle gewesen. Doch nun war es anders. Charly war selbst schuld, wenn sie ihn nicht fernsehen ließ und überhaupt.
Dennoch mit einem Mal eine verdächtige Vorsicht an den Tag legend, schlich er, beladen mit seinen geheimnisvollen Utensilien, zurück in sein Zimmer. Beinahe musste er kichern vor Aufregung. War es nicht seltsam, dass Ferdinand gerade heute mit seinen Indianergeschichten angefangen hatte? Hannes verbesserte sich in Gedanken. Amerikanische Ureinwohner natürlich. Geschichten von Amerikanischen Ureinwohnern. Politisch unkorrekt wollte er nun auch nicht sein, nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Hannes grinste und stellte das Räuchergefäß auf dem Boden seines Zimmers ab. Er überlegte einen Moment, schnappte sich dann ein Streichholz, strich es an, und ließ es auf den Boden der Schale fallen, wo er beobachtete, wie es verglühte. Das machte Spaß. Flugs strich er ein zweites an, und warf es dazu, öffnete dann das Gefäß mit den Kräutern, schnupperte daran und verzog angewidert die Nase.
Warum auch musste das Zeug immer so eklig sein? Warum erfand man nicht etwas, das nach Schokolade duftete, und trotzdem magische Wirkungen entfaltete? Großzügig schüttete er einen Schwung des pulverig, gelb-grünen Gemisches dazu, bis beide Hölzer bedeckt waren. Wenn er es richtig machen wollte, dürfte er natürlich keine industriell gepresste Kohle aus dem Esoterik Laden zu Hilfe nehmen. Nein, dann würden es schon richtige Holzstäbe oder zumindest Zweige tun müssen. Suchend sah Hannes sich in seinem Zimmer um. Einen Moment lang blieb sein Blick an den alten Holzbausteinen hängen, doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Die würden es nicht tun. Wenn er ein richtiges Feuerchen veranstalten wollte, dann würde er wohl die Hölzer abfackeln müssen, ein Gedanke, der ihm ausgesprochen gut gefiel.
Also begann er damit, ein Holz nach dem anderen anzustreichen und auf den kleinen Hügel zu werfen, der nur noch darauf wartete, in ein lustiges Feuerchen verwandelt zu werden. Hannes hustete, als ihm der Qualm in die Nase stieg. Die Flamme züngelte kurz hoch, sackte wieder in sich zusammen, zuckte noch einmal auf, bevor sie verschwand. Die trockenen Blätterbestandteile glimmten und kräuselten sich zusammen. Einige nahmen schwarze Färbung an, ihre Ränder bewegten sich, funkelten rötlich, bevor sie erloschen, erstarben. Hannes Augen tränten durch die kleine Rauchwolke, die ihm direkt in die Nase gestiegen war, doch er gab nicht auf.
Beim zweiten Mal war er schlauer. In dem Augenblick, in dem er das Streichholz losließ, wich er zurück und beobachtete den Rauch, der sich in einer geraden Schnur nach oben wand, zur Decke stieg und sich dort auflöste. Hannes grinste. Das war einfach. Und es roch auch schon ziemlich übel. Das musste der Salbei sein. Hannes blinzelte und las die Aufschrift auf dem Glas. Reinigend, spirituell, öffnet den Geist für Neues. Aha. Quatsch mit Soße. Er lauschte in die Nacht, doch um 3 Uhr in der Früh bestand keine Chance, dass seine Mutter aufwachen würde.
Ein weiteres Streichholz flog mitten unter die Kräuter, und Hannes beobachtete fasziniert, wie sich graue Formen und Linien bildeten, verzweigten und inmitten des Luftstromes verwehten. Der Duft war eigentlich gar nicht so unangenehm. Ein Bild kam ihm in den Sinn. Die Erzählung Ferdinands. Ein großer Holzstoß, ein Feuer. Gut gelaunte Menschen, die darum vereint saßen, lachten. Ihre Kleidung seltsam, ungewohnt. Ihre Gesichter beleuchtet von den tanzenden Flammen. Federn und Perlen in ihren Haaren, an ihren Kleidern. Leiser Gesang drang aus der Ferne.
Hannes fühlte eine Schwermut, die ihn überkam mit dem Wissen, dass er und seine Mutter nie zu so einer Gruppe gehören, nie an einem Fest, einem Treffen wie diesen teilgenommen hatten. Charly begleitete ihn nicht einmal zu den Klassenfesten. Irgendetwas kam ihr mit Sicherheit dazwischen. Er hatte sich so daran gewöhnt, dass er sie gar nicht mehr fragte. Seufzend warf Hannes noch ein Streichholz in das Gefäß. Die Kräuter schwelten kurz auf, bildeten neue Formen und Schatten an den Wänden. Er folgte ihren Bewegungen, atmete tief den ungewohnten Duft ein, schloss die Augen. Trommeln erklangen aus der Ferne und mit einem Mal hörte er sie auch in der Nähe. Erschrocken riss er seine Augen auf und sah wild um sich. Der Qualm war dichter geworden. In fetten Wolken stieg er aus dem kleinen Gefäß. Er versuchte es anzufassen, doch zog seine Finger mit einem Aufschrei zurück.
Das Messing glühte. Sein Blick weitete sich, er sah durch den Rauch hindurch, sah, wovon er nicht wusste, ob er es wirklich sehen konnte, oder ob er es sich nur einbildete. Zwei schwarze Augen starrten direkt in die seinen. Zwei dunkle Sterne durchdrangen den Nebel und bohrten sich in sein Bewusstsein. Er öffnete den Mund, nur um zu sehen, dass sein Gegenüber seinen Mund ebenfalls in Erstaunen öffnete. Er sagte etwas, fragte, sah ihn suchend an.
Hannes zuckte zurück, doch der Mann blieb. Sein langes Haar fiel schwer über die Schultern, seine Hände vollführten merkwürdige Bewegungen. Plötzlich spürte Hannes wie er weggerissen wurde. Entsetztes Kreischen drang an sein Ohr.
„Bist du verrückt geworden?“, schrie Charly ihn erbost an und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Ihre riesige Patchwork-Decke landete auf dem Gefäß, erstickte, was darin noch geglimmt hatte. „Das glaub ich doch einfach nicht“, brüllte Charly weiter. „Willst du uns unglücklich machen?“ Hannes hielt sich die schmerzende Wange. „Nein“, stammelte er unglücklich. „Ich hab doch nur… es war doch nicht gefährlich.“
„Natürlich war es das“, schrie seine Mutter, obwohl sie sich langsam wieder beruhigte. „Verdammt gefährlich sogar. Du weißt ja nicht, was du tust.“
„Das weiß ich sehr wohl“, grollte Hannes verstört und blinzelte durch die aufkommenden Tränen. Er war sicher, jemanden gesehen zu haben. Und wenn ihn nicht alles täuschte, dann hatte derjenige ihn auch gesehen, darauf schwor er jeden Eid. Er seufzte. „Tut mir leid, Mama“, flüsterte er schließlich. „Ich mach es nicht wieder.“
„Das will ich doch schwer hoffen.“ Nichtsdestotrotz nahm Charly ihn in den Arm und drückte Hannes kräftig. „Du hast mir einen Mords Schreck eingejagt“, wisperte sie in sein Ohr. Hannes verzog sein Gesicht, als der scharfe Cognacduft ihm in die Nase stieg und den Salbei, der noch in der Luft hing, verdrängte. „Ich weiß“, sagte er leise und wischte sich die Nase an ihrem Morgenmantel ab. „Es war dumm.“
„Und wie“, seufzte Charly. „Tu das ja nie mehr. Ein Glück nur, dass ich aufgewacht bin.“
Einen Moment später lag Hannes wieder eingekuschelt in seinem Bett. Nur noch ein schwacher, merkwürdiger Duft erinnerte an das Geschehene. Er drehte sich frustriert zur Seite und versuchte das wachsende Schuldgefühl einzudämmen. Es war au